Neue Aspekte – Ein Geleitwort zu „Nomonhan 1939“

Mit der Schenkung des ihm unbekannten Sibirien an die Kaufmannsfamilie Stroganow leitete Iwan 4, der Schreckliche, im Jahr 1558 die europäische Kolonialisierung Nordasiens ein. Es war dieses die Zeit, in der Europa ansetzte, im wahrsten Sinne des Wortes den Globus zu übernehmen.
Die Spanier hatten nach der Wiederentdeckung des amerikanischen Kontinents ihren Vernichtungsfeldzug gegen die mexikanische Bevölkerung abgeschlossen und damit begonnen, den südlichen Halbkontinent zu überrollen. Gleichzeitig sicherten sich die Portugiesen ihre Brückenköpfe in Südamerika und auf den Seewegen nach Hinterindien.
Das kleine Holland stand kurz davor, in die vorderste Reihe der kolonialen Eroberer zu treten, England musste bis zur Vernichtung der spanischen Armada warten, um selbst die Führungsrolle auf den Weltmeeren zu übernehmen. Frankreich sicherte sich die Mündungen der großen Flüsse an der nordamerikanischen Atlantikküste, englische Aussiedler traten in unmittelbarer Nachbarschaft dazu in die Konkurrenz zu einheimischen Stämmen und Staaten.
Das Heilige Römische Reich, über Jahrhunderte die dominierende Macht auf dem europäischen Kontinent, schwächelte nicht nur angesichts der anhaltenden Expansion islamischer Türken auf dem Balkan und in Zentralsüdwesteuropa, sondern war mit den Folgen der Lutherschen Reformation derart beschäftigt, dass die wenigen Versuche überseeischer Stützpunktbildung kaum ins Gewicht fielen. Mit dem ersten wirklichen Weltkrieg im 17. Jahrhundert, der neben den Kriegsschauplätzen in den Kolonien maßgeblich auf deutschem Boden ausgefochten wurde, schied Deutschland aus den Reihen der imperialen Mächte für die folgenden rund 250 Jahre aus.
Und Russland? Die in Westeuropa immer als rückständig wahrgenommene Großmacht Osteuropas beteiligte sich nicht am Wettrennen um überseeische Stützpunkte und Ausbeutungsquellen. Warum auch. Es konnte seine kolonialen Interessen unmittelbar vor der eigenen Haustür befriedigen. Nach der Sicherung des Zugangs zur Ostsee gegen Schweden und das Großfürstentum Litauen und Polen standen in Europa nun ernstzunehmende Gegner bereit, deren Unterwerfung unendlich viel Mühe gekostet hätte.
Anders im Osten und Süden. Das Gebiet jenseits des Ural war dünn besiedelt. Die dort seit Ewigkeiten lebenden asiatischen Völker waren nicht staatlich organisiert – sie waren, wie die Steppenindianer oder später die Aborigins Australiens, keine Gegner. Im Süden, hinein in den islamisch geprägten Kaukasus und die zentralasiatischen Steppen, stellte sich die Situation etwas anders dar. Zwar waren die Mongolenreiche, die noch im Mittelalter Europa in Angst und Schrecken versetzt hatten, implodiert, doch waren die Tartaren ebenso wie die Kaukasier immer noch auf ihre Unabhängigkeit bedachte Stämme. Der russische Imperialismus sollte sie einen nach dem anderen entweder vernichten, vertreiben oder unterwerfen. Im Süden endete Russlands Kampf um Kolonien erst am massiven Widerstand der ebenfalls imperialistischen Türken. Im fernen Osten endete er jenseits der Beringsee. Russland stieg so – von seinen westeuropäischen Konkurrenten weitgehend unbemerkt – in die erste Liga der Kolonialmächte auf.
Während die Europäer ihre Kolonien entweder durch Unabhängigkeitsbestrebungen oder durch Erschöpfungskriege untereinander verloren, konnte Russland seine kolonialen Eroberungen nach Osten und Süden weitgehend erhalten und sie als Provinzen an das eigentliche Kernland angliedern. Der Vorteil eines interritorialen Kolonialreichs gegenüber einem exterritorialen liegt auf der Hand und sollte im einundzwanzigsten Jahrhundert dazu führen, dass als europäische Macht lediglich Russland noch als koloniales Imperium zu betrachten ist.
Doch auch die Expansion nach Osten verlief nicht gänzlich ohne Kampf. Erst mit China, dann mit Japan traten den Osteuropäern zwei asiatische Mächte entgegen, die – jede für sich und am Ende gegeneinander – vergleichbar kolonialen Charakter hatten wie das zaristische Russland. Während die Han-Chinesen in der Unterwerfung asiatischer Nachbarvölker sein der Antike erprobt waren und im ausgehenden neunzehnten sowie im zwanzigsten Jahrhundert eine Schwächephase zu überwinden hatten, wurde das seit dem Mittelalter in splendid isolation erstarrte Japan durch den Kapitalimperialismus der englisch geprägten Nachkommen der europäischen Kolonialisten Nordamerikas förmlich in seine Expansion gestoßen.
Als vielleicht bester Schüler Europas begannen die Söhne Nippons zum ausgehenden neunzehnten Jahrhundert mit der Kolonisierung der noch chinesisch dominierten Gebiete jenseits des Japanischen Meeres. Japan trat gleichsam das koloniale Erbe Chinas an und erhielt damit auch den Konflikt mit den osteuropäischen Imperialisten, der bis auf den heutigen Tag nicht beendet ist. Ging die erste Runde in diesem Konflikt unzweifelhaft an Japan, das 1904 und 1905 dem Zarenreich eine seiner vielleicht größten Niederlagen zufügte, so herrschte in den Jahren von 1922 bis 1945 ein Art Pattsituation des gegenseitigen Belauerns. Mit der Niederlage im pazifischen Krieg sah das nunmehr als Sowjetunion auftretende Kolonialreich Russland die Chance gekommen, frühere Verluste an Japan wett zu machen und annektierte in einem blutigen Feldzug mit über 8.000 Gefallenen auf sowjetischer Seite die 1905 an Japan abgetretene Südhälfte der nördlich Japans gelegenen Insel Sachalin ebenso wie die Sachalin vorgelagerten Kurillen, die im Sankt Petersburger Vertrag von 1875 völkerrechtlich an Japan gegangen waren, wohingegen sich seinerzeit die Russen die Hoheit über die gesamte Insel Sachalin gesichert hatten.
Es ist unnötig darauf hinzuweisen, dass weder bei der Festschreibung der Einflussgebiete 1875 noch bei der Abtretung 1905 und schon gar nicht bei der Besetzung 1945 die ortsansässige Bevölkerung nach ihren Wünschen und Vorstellungen gefragt wurde. Insofern bleibt die Feststellung richtig, dass all diese Vereinbarungen als fragwürdige Machtdurchsetzungen kolonialer Fremdherrschaft zu betrachten sind, wenngleich zumindest auf den Südkurillen unstrittig eine japanische Bevölkerung anzutreffen ist.
Zwar verzichtete Japan 1951 in einem Friedensvertrag auf Sachalin und die nördlichen Kurillen – die Frage der südlichen Kurillen blieb jedoch damals wie heute umstritten und stellt einen ständigen Reibungspunkt zwischen Russland und Japan dar.
Die hier erstmals veröffentlichte Abhandlung von Marcus Kurschus beschäftigt sich mit einem kurzen Zeitfenster und einem speziellen Aspekt des seit dem neunzehnten Jahrhundert währenden Kolonialkonflikt zwischen Russland und Japan, der angesichts der alles dominierenden Ereignisse der weltweiten Waffengänge zwischen 1939 und 1945 lange Zeit in den Hintergrund des Interesses gerückt war. Der Kampf um Nomonhan, der zeitgleich zu den Vorbereitungen des deutschen Überfalls auf Polen stattfand, ist nicht nur unter dem Aspekt der kolonialen Konkurrenz zweier Imperien, die sich auf fremdem Territorium um die Vormachtstellung streiten, interessant; er zeigt bereits zu diesem frühen Zeitpunkt Tendenzen der militärischen Kriegsführung auf, die in den Folgejahren maßgeblich zu Erfolg und Misserfolg aller Beteiligten am Weltenbrand beitragen sollten. Hinzu kommt der Aspekt der Interaktion der scheinbar verbündeten Mächte Deutschland und Japan. Wer sich mit der Abhandlung Kurschus‘ befasst, wird am Ende zu der Feststellung kommen können, dass der zwischen Molotow und Ribbentrop verhandelte Deutsch-Sowjetische Nichtangriffspakt in seiner Konsequenz ein entscheidender Beitrag zum Sieg der Roten Armee über die Deutsche Wehrmacht gewesen sein kann. Denn er signalisierte den scheinbar verbündeten Japanern die Bereitschaft der Deutschen, sich zu deren Lasten über die Interessen der Verbündeten hinwegzusetzen. Hätte Japan bei einem kriegerischen Konflikt 1939 nur erfolgreich sein können, wenn Deutschland im Westen Russlands eine zweite Front eröffnet hätte – ein Szenario, das zu keinem Zeitpunkt ernsthaft erwogen oder eingefordert wurde −, so zeigt der Ablauf der Geschichte, dass der deutsche Angriff auf die Sowjetunion letztlich auch deshalb scheiterte, weil nunmehr Japan nicht bereit und wohl auch nicht mehr in der Lage war, mit einer zweiten Front sowjetische Kräfte zu binden.
Da es in der Deterministik der Geschichte ein Was-wäre-wenn nicht gibt, ist es müßig darüber zu spekulieren, ob der Krieg von 1939 bis 1945 anders verlaufen wäre, hätten Deutschland und Japan die Sowjetunion bereits 1939 oder auch erst 1941 in die Zange genommen. Festzuhalten bleibt, dass der Pakt zwischen den beiden europäischen Diktatoren diese Möglichkeit verhindert hat. Ob dieses Stalin und seiner Camarilla in dieser Tragweite bereits 1939 bewusst war, muss dahingestellt bleiben.

© 2014 FoGEP/SPAHN

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