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Wie die Gesetzgebung sich selbst infantilisiert

Hubertus Heil, von der SPD in das wichtige Amt gehobener Bundesminister des Sozialen, plant derzeit ein Gesetz zur Entschädigung von Opfern des institutionalisierten Staatsversagens, wie sie sich beispielsweise in Folge des islamisch motivierten Anschlags auf dem Berliner Breitscheidplatz findet. Es geht darum, dem überlebenden Opfer ebenso wie den Hinterbliebenen von Anschlägen jener Personenkreise, vor denen der Staat Bundesrepublik Deutschland seine Bürger nicht zu schützen in der Lage ist, eine Art Wiedergutmachung für dieses Staatsversagen zukommen zu lassen.

Eine Entschädigung kann keinen Verlust ersetzen

Einmal abgesehen davon, dass dieses Entschädigungsgesetz weder den Schaden der unmittelbar Betroffenen noch den Schmerz der Hinterbliebenen über den Verlust eines aus dem Leben gerissenen Angehörigen heilen kann, ist ein solches Vorhaben insofern zu begrüßen, weil „der Staat“ – also jene, die in diesem Land die politische Verantwortung tragen – damit zumindest sein Grundversagen einräumt und dieses Versagen mit ein wenig Steuergeld zu mildern versucht.

Unterstellen wir also, dass die Absicht des 1972 als Sohn einer Studienrätin in Hildesheim geborene Heil einen im Grundsatz heilsamen Ansatz verfolgt.

Heil, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat, wenn es um Welterklärung geht, muss liefern. Und so heilt er, der mit 16 Jahren in die SPD eintrat, seit seinem 23. Lebensjahr hauptberuflich Politik macht und elf Jahre brauchte, um einen akademischen Abschluss zu erlangen, nun die Versäumnisse von Bundeskanzleramt und Innenministerium. Dazu plant der Mann, der sich selbst seit 1998 im Deutschen Bundestag für das Volk aufopfert, gegenwärtig eben jenes Opferentschädigungsgesetz, welches als eigenes „Buch“ in die Sozialgesetzgebung Einzug halten soll.

Das aber bereitet dem Hubertus ein Problem, welches ihm seine Vorgänger gleichsam als Erbe hinterlassen haben. Denn mittlerweile gibt es bereits zwölf Sozialgesetzbücher – und gemäß der mathematischen Logik des Adam Riese wäre nun folglich das dreizehnte zu schaffen.

13 !?!?!

Das bereitet dem Hubertus Bauchschmerzen. Denn es ist hinlänglich bekannt, dass in unserer modernen, aufgeklärten Postdemokratie immer noch ein paar archaisch-mittelalterliche Restbestände in der Bevölkerung existieren, die mit dieser Primzahl einige grundsätzliche Probleme haben. Weshalb beispielsweise in manchen Hotels es keine Zimmernummern mit dieser ominösen 13 gibt – und in dem einen oder anderen Hochhaus sogar auf das 13. Stockwerk verzichtet wird.

Dem Aberglauben gerecht werden

Um dem mittelalterlichen Aberglauben gerecht zu werden, hat der pfiffige Hubertus nun beschlossen, dass es in der deutschen Gesetzgebung ein 13. Sozialgesetzbuch nicht geben wird. Denn das Entschädigungsgesetz soll unmittelbar zum 14. werden. Damit, so eine Sprecherin seines Ministeriums, werde nach einem Prozess der „sorgsamen Abwägung“ den Bedenken einiger Betroffenenverbände entsprochen, welche die Verknüpfung der besagten „13“ mit willkürlichen Opfern des Staatsversagens als unglücklich empfunden hätten.

Da ist selbstverständlich dem Hubertus nicht zu widersprechen. Denn diese dumme 13 ist nun einmal mystisch vorbelastet. Aus irgendwelchen, heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen gilt die geschmähte 13 als Unglückszahl – wofür sie selbst überhaupt nichts kann. Aber als bürgernaher Politiker ist der Hubertus selbstverständlich geneigt, dem Aberglauben Vorrang vor der vernunftbedingten Logik und den Fundamenten der Mathematik zu geben.

Der Rückfall in die Welt der Vorwissenschaftlichkeit

Zu kritisieren ist das nicht. Schließlich ist der Rückfall in die vorwissenschaftliche Welterklärung längst offizielle Bundespolitik. Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang mit Begeisterung an die Frau Bundeskanzler, die in alternativloser Überzeugung erklärt hatte, dass „wir“ – also die Menschen mit Hauptwohnsitz Bundesrepublik Deutschland – uns längst im „postfaktischen Zeitalter“ befinden. Was nichts anderes heißt, als dass jenes seit Immanuel Kant das Denken der Westeuropäer prägende „sapere aude“, welches als „Habe den Mut, Deinen Verstand zu benutzen“ übersetzt wird, endlich überwunden ist.

Heil reiht sich voller Inbrunst vorbehaltlos in jene Kreise ein, die in der Infantilisierung der Gesellschaft das Nonplusultra der postdemokratischen Zukunftsgesellschaft sehen. Vorreiterin in diesem Kampf um die auch dem Naivbürger zu ermöglichende Nachvollziehbarkeit staatlicher Gesetzgebung ist jene auf Grund einer Kehlkopfmuskelschwäche immer so piepsig klingende Berufspolitikerin Franziska Giffey. Das ist jene Dame, welche uns Dummbürger als Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – dereinst vom SPD-Obermacho Gerhard Schröder als „Gedöns“ herabgewürdigt – mittlerweile ganz kuschelig mit einem „Gute-Kita-Gesetz“ beglückt hat. Das nächste Gedöns-Gesetz, welches sie im politischen Sandkästchen gemeinsam mit dem Hubertus entwickelt hat, befindet sich als „Starke-Eltern-Gesetz“ ebenfalls kurz vor der Vollendung. Kein Wunder also, dass Krabbelgruppen-Chefin Andrea Nahles, die die ihr innewohnende Infantilität dereinst im Deutschen Bundestag mit ihren Pippi-Langstrumpf-Gesangskünsten so erfrischend unter Beweis gestellt hatte, voll des Lobes ist.

Weg mit der Sachlichkeit!

Dem Hubertus sei deshalb dringend empfohlen, auch sein unerträglich bürokratie-trockenes Entschädigungsgesetz im allgemeinen Trend der Infantilisierung mit einer Bezeichnung auf gut verständlichem Kindergartenniveau zu versehen. Wie wäre es beispielsweise mit einem „Mit-Staatsknete-Staatsversagen-Ausbügel-Gesetz“? Und wenn der Hubertus nun ganz im Sinne der postfaktischen Richtlinienkompetenz der alternativlosen Alternativlosigkeit seine Gesetzgebung ohnehin schon ganz gefühlig unter die Kuratel des Aberglaubens stellt, empfehlen wir darüber hinaus, künftig schwarze Katzen, die von links oder etwa gar als Schwarzbraune von rechts den Weg queren, mittels Gesetzgebung zur gefälligen Vernichtung durch angewandten Exorzismus freizugeben. Da könnte es sogar wieder Sinn machen, dass wie einst im nonfaktischen Mittelalter Fledermäuse, Spinnen und sonstiges, das Tageslicht scheuende Getier hochministeriell zu wunderwirksamen Hubertus-Heil-Tränken zu verkochen sind.

Konsequent in die Infantilisierung

Im Rückblick auf die nonfaktische Phantasielosigkeit jenes unerwartet zum Bundesoberreisenden avancierten Sozialdemokraten Heiko Maas, seine antidemokratische Gesetzgebung im Trend der neuen Zeit kuschelig-nett zu verpacken, wäre darüber hinaus zu empfehlen, nicht nur jenes Wortmonster eines „Netzwerkdurchsetzungsgesetzes“ in ein „Sei-Nett-Im-Internet-Gesetz“ umzubenennen. Das hätte, wäre der Maas dem Infantilisierungstrend gefolgt, sicherlich manchem böswilligen Widerstand gegen diese Form der Meinungsfreiheitseinschränkung den Wind aus den Segeln nehmen können. Weg mit diesen unverständlichen Bezeichnungen! Statt Bürgerlichem Gesetzbuch empfehlen wir ein „Wie-Ihr-Euch-Vertragen-Sollt-Gesetz“, statt Strafgesetzbuch bietet sich ein „Was-Ihr-Nicht-Machen-Dürft-Gesetz“ an.

Wenn dann demnächst ein Gesetz zum Verbot von Diesel- und Benzin-betriebenen Kraftfahrzeugen auf der Agenda steht, führt an einem „Böse-Luftverschmutzer-Wegmach-Gesetz“ kaum ein umweltfreundlicher Weg vorbei. Und die vom Hubertus längst in die Spur gebrachte Überwindung der doofen Hartz-IV-Gesetzgebung könnte als „Mehr-Knete-Für-Nixtun-Gesetz“ seinen Weg in den Bundesanzeiger finden. All das würde endlich sicherstellen, dass die jeweiligen Zielgruppen nicht mehr mit irgendwelchen Sozialgesetzbüchern und anderen unverständlich-bürokratischen Wortmonstern drangsaliert werden.

In diesem Sinne bleibt dann dem staunenden Resterwachsenen nur noch die Hoffnung auf ein „Dämliche-Politiker-Verhinderungs-Gesetz“ – ahnend, dass solche Träume angesichts der Infantilisierung der Gesetzgebung durch Politiker, die ihre Bürger offensichtlich für sprachbehinderte Dummdeppen halten, keine Erfüllung finden werden.

©20190111 spahn

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Anti-israelische Propaganda beim ZDF

von Daniel Rothstein

Es muss der wohl älteste Trick im Repertoire des Journalisten sein: Entpuppt sich ein Sachverhalt als komplexer als das Narrativ, welches man selbst gern erzählen würde, stellt man einfach seine Blende kleiner und blendet soviel Kontext wie nötig aus, bis eine kohärente Geschichte entsteht, die mit der Wirklichkeit nicht unbedingt etwas zu tun haben muss.

Genau auf diese Art und Weise wird oft und gern über Israel berichtet. Ein treffliches Beispiel aus öffentlich-rechtlichem Hause dafür bietet ein Film von Nicola Albrecht:

„Hebron – Die zerrissene Stadt“, ausgestrahlt vom ZDF am 7. Juni 2017.

Albrecht, die das ZDF-Auslandsstudio in Tel Aviv leitet, hat sich mit diesem Thema eines der Komplexesten des Nahost-Konfliktes ausgesucht, denn anders, als es an manch anderen Orten des Westjordanlandes der Fall ist, gab es tatsächlich eine Jahrtausende lange, durchgehende Präsenz von Juden in der Stadt, bis diese 1929 im Zuge eines Massakers an der jüdischen Bevölkerung mit 67 Toten und der Vertreibung der überlebenden Juden beendet wurde.

Das Mädchen auf dem Balkon

Überraschend schnell zeigt sich selbst für die Standards der deutschen Nahost-Berichterstattung, dass es Albrecht in keinster Weise um die Vermittlung der Komplexität des Konfliktes an diesem Ort geht. In den ersten Sekunden des Films erklärt eine ältere, offensichtlich jüdisch-religiöse Dame: „Wir sind keine Besatzer, das Land gehört uns, dem Volk Israel.“

Daraufhin sehen wir ein kleines Mädchen auf einem Balkon, der wie ein kleiner Drahtkäfig aussieht.

Ein anderes Mädchen auf einem Hausdach zeigt auf die Straße: „Dann sehen wir einen Siedler, wie er auf einen jungen Palästinenser zielt, er hat ihn einfach erschossen.“

Schnitt.

Wir sehen, wie israelische Soldaten etwas, das wie eine Rauchgranate aussieht, in Richtung eines anscheinend unbewaffneten Arabers abfeuern.

Böse Juden, gute Araber

Es sind genau 37 Sekunden in diesem gut 43 Minuten langen Film vergangen und wir ahnen bereits, wohin das Narrativ steuert. Der Rest des Filmes ist damit beschäftigt, diesen Eindruck zu bestätigen:

  • Wir sehen ausschließlich von jüdischen Siedlern malträtierte Palästinenser, die an nichts anderem als an der Sicherung ihres Überlebens und an der Wahrheit über die Besatzung interessiert sind.
  • Wir sehen auf der anderen Seite jüdische Siedler, die ebenso ausschließlich aus ideologischen Gründen, vor allem aus „national-religiösem“ Wahn ihre Präsenz an diesem Ort um jeden Preis durchsetzen wollen.

Nicola Albrecht muss noch nicht einmal selbst lügen, um diese bis zur Unkenntlichkeit vereinfachte Version der Situation in Hebron vor unseren Augen auszubreiten. Denn sie bedient sich des oben erwähnten Tricks: Von einer jüdischen Präsenz in Hebron vor dem Sechstagekrieg ist an keiner Stelle des Films die Rede. An keiner einzigen. Dies führt unweigerlich dazu, dass der ZDF-Zuschauer, nicht zwangsläufig ein Experte in der Geschichte dieser Region der letzten 3000 Jahre,  alle Aussagen, ob von palästinensischer oder israelischer Seite, nach der Prämisse bewertet: Die Juden sind die landesfremden Kolonialherren, die nach dem Sechstagekrieg zum ersten Mal Fuß auf den seit Vorzeiten arabischen Boden setzten, um ihn der Urbevölkerung zu entwenden.

Unter dieser Voraussetzung ist es fast schon egal, was von welcher Seite aus gesagt wird, die moralischen Rollen sind verteilt.

Selbstzensur durch Zeitperspektive

Die Filmemacher aber können ihre Hände in Unschuld waschen, will sich der Film doch ausdrücklich auf die Perspektive „50 Jahre nach dem Sechstagekrieg“ beschränken, weshalb die Verkürzung der Geschichte daher zulässig sei. Jedoch ist diese perspektivische Selbstzensur durch das Thema des Films weder angebracht noch gerechtfertigt.

Vor allem, wenn es um das Thema der jüdischen Siedlungen geht – und darum geht es ausschließlich in diesem Film – besitzt Hebron weit weniger Signifikanz als andere Orte auf den Westbanks.

Entstand anderenorts bereits im Kriegsjahr ’67 mit Kfar Etzion die erste Siedlung, so dauerte es in Hebron noch weitere zehn Jahre, bis erste Siedlungs-Aktivitäten einsetzten.

Weshalb dann aber „50 Jahre nach dem Sechstagekrieg“ in einem Film, in dem es an keiner Stelle um den Sechstagekrieg geht, aber an jeder Stelle um die jüdischen Siedlungen? Wieso nicht „40 Jahre jüdische Siedlungen“? Weitere weniger willkürlich gewählte Perspektiven wären „98 Jahre Massaker an den Juden Hebrons“ oder auch „3000 Jahre jüdische Siedlungsgeschichte in Hebron“.

An dieser Stelle wird ersichtlich, dass die „Perspektive“ entweder aus vollkommener Unwissenheit über das Thema oder wohlweislich gewählt wurde, um letztere Fakten, ohne die der Komplex „Hebron“ nicht zu verstehen ist, vorsätzlich unterschlagen werden können.

Somit ist für den Zuschauer auch nicht ersichtlich was gemeint ist, wenn die Erzählstimme mit dem folgenden Worten einsetzt:

„Nach dem siegreichen Sechstagekrieg kehren Siedler hierher zurück.“

Moment, muss man sich fragen, von woher kehrten „Siedler“ „zurück“?

Gibt es jüdische Siedlungen im Westjordanland nicht erst seit dem Sechstagekrieg?

Der Film wird im weiteren Verlauf auf diese, sein Narrativ in Frage stellende Vorgeschichte nicht eingehen, sondern prescht statt dessen weiter in die Gegenwart vor:

„(Sie) erkämpfen sich über die Jahre ein Bleiberecht bei der israelischen Regierung. Ihre Gemeinde ist auf rund 850 angewachsen. Sie leben inmitten von 200.000 Palästinensern, die ihr Land nicht aufgeben wollen.“

850 Siedler zwingen 200.000 Araber

Es zwingt demnach anscheinend jemand die 200.000 Araber, ihr Land aufzugeben. Es spielt keine Rolle, ob nun die 850 Siedler oder die israelische Regierung. Obwohl ein solcher Zwang wohl nur in der Phantasie der Redaktion existiert, bleibt die Aussage im Raum stehen.

Dann steckt die angebliche Dokumentation ihr scheinbar neutral-naives Ziel ab:

„Wir wollen wissen, was 50 Jahre Besatzung mit den Menschen hier gemacht haben… (Kunstpause, dann in eindringlichem Tonfall:) …auf allen Seiten.“

Hier wird uns ein besonders perfider, weil ausgeklügelter erzählerischer Kunstgriff präsentiert: Der in ausnehmend dramatischem Tonfall vorgetragene Nebensatz „auf allen Seiten“ soll die Neutralität der Dokumentation untermauern. Allein, wer bis jetzt noch nicht wusste, wer der Übeltäter in der zu erzählenden Geschichte sein soll – nun ist es auch dem Letzten klar: Nur die israelische Besatzung ist der alles treibende Movens des in Hebron Vorfallenden, und die Formulierung „aus den Menschen hier gemacht haben“ lässt erahnen: Es ist eine negative Kraft, die hier waltet, die sowohl Araber als auch die Israelis selbst von innen her zerstört.

Das antisemitische Narrativ

Vor diesem Hintergrund spult der Film die Interviews mit seinen Protagonisten ab: Zunächst mit einem israelischen Offizier, bei dem man sich fragt, ob er weiß, dass der Zuschauer alles, was er sagt, ohne historischen Hintergrund und mit ideologischer Einstimmung betrachten werden muss. Wenn er erzählt: „Jedem Soldaten ist klar, warum er hier sein muss, wir sehen doch, wie klein die Entfernung ist zwischen dem Haus eines jüdischen und eines arabischen Einwohners“, ist der Zuschauer bereits durch die Filmemacher in die Position gebracht zu antworten: „Wieso verschwinden die Juden dann nicht einfach aus einem Landstrich, auf dem sie nie heimisch waren?“

Daraufhin wird detailliert der Fall Azaria ausgebreitet, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass nur Araber den Vorfall als Mord einordnen würden. Ein Araber filmte den Vorfall, was die Filmemacher zu einem weiteren zentralen Punkt ihrer Geschichte bringt: „Im Kampf um Wahrheit und Perspektive sind Kameras die neue Waffe.“

Es geht in einen dominierenden Teil der Dokumentation darum, dass die alle interviewten Araber, bis auf einen Hamas-Extremisten als Feigenblatt, die Misse- und Gewalttaten ihrer jüdischen Nachbarn allein mit friedlichen Mitteln bekämpfen wollen und dazu vermehrt Kameras einsetzen. Zu diesem Zweck darf ein arabischer Aktivist vor einer arabischen Klasse in einer gut choreographierten Schulstunde den Frieden predigen, und die Kinder daraufhin mit Kameras ausstatten.

Albrecht erzählt dazu: „Mohanads Worte überzeugen sie, aber ihre Realität ist eine andere.“

Um Albrechts nur wenig verschlüsselte Sprache in logische Aussagen zu überführen, braucht es freilich keines besonders guten Übersetzers: Friedlich zu bleiben ist ein hehres Ziel ausschließlich der Araber. Dies aber lässt ihre von den Israelis bestimmte Lebensrealität leider nicht zu. Erstaunlich viele arabische Kinder kommen zu Wort. Sie dürfen von den Schandtaten der Siedler erzählen, ohne kritische Nachfragen fürchten zu müssen.

Jüdische Kinder dagegen bekommen im Film keine Stimme.

Dafür jedoch tritt eine ganze Reihe von völlig abseits des israelischen Mainstreams stehenden Gestalten auf, die vor dem deutschen Publikum einen alternativen Gründungsmythos der jüdischen Präsenz in Hebron ausbreiten dürfen: Nicht die historische, durch das Massaker von 1929 beendete Präsenz von Juden in Hebron, sondern die göttliche Eingebung einer alten Frau, ihr 1974 verstorbenes Kind damals in Hebron zu bestatten, bildet laut Albrecht die deshalb nur vorgeblich moralische Grundlage für jüdisches Leben in der Stadt. Damit wird die sich hartnäckig haltende Legende vom rein theologisch begründeten Anspruch der Juden auf Gebiete im historischen Palästina perpetuiert.

Israeli als waffenvernarrte Invasoren

Es taucht übrigens auch im weiteren Verlauf des Filmes kein Israeli auf, der nicht unter der Kategorie „verrückter, waffenvernarrter Siedler“ subsumiert werden könnte, außer einem jungen Mann aus Tel Aviv, der den Wahnsinn der Siedlungen im Westjordanland anprangert. Juden mit differenzierten Meinungen bleiben ungehört. Dagegen erfolgt ein wahrer Überschwang an von israelischem Militär gegängelten und misshandelten Arabern, wie Waad Sharabaty, einem arabischen Mädchen mit einer Kamera, in der Albrecht zum Ende des Films hin anscheinend ihren jüngeren, arabischen Widerpart findet: Sie zeichnet auf, was sie sieht, ohne Kontext, bestenfalls durch ihre eigene Perspektive interpretiert. Deshalb darf das mutige Mädchen auch ohne jede Nachfrage von den „Verbrechen der Besatzung“ berichten, die sie mit ihrer Kamera unermüdlich aufnimmt. Die Kamera schütze sie auch vor den stets gewaltbereiten Siedlern, die sich jedoch wie monströse Gestalten aus dem Dunkel vor dem Licht der Kamera „fürchten“ würden „weil sie nicht wollen, dass die Welt weiß, was sie uns hier antun.“

Der Zuschauer darf daraufhin einen Blick auf einen Laptop erhaschen, wo eines ihrer Videos läuft. Er sieht: Nichts, außer ein paar Soldaten und einen bewaffneten, weiß gekleideten Mann, der um sie herum geht. Das ist aber nicht weiter tragisch, denn Albrecht erklärt ihm aus dem Off, was eigentlich zu sehen sein sollte: „Gleich vor ihrer Tür wird ein Palästinenser von einem Siedler erschossen.“ Dem journalistisch ungeschulten Mädchen sei an dieser Stelle ihr Verzicht auf jegliche Erläuterung verziehen, der Filmemacherin jedoch nicht.

Dass alle Siedler die ständig behauptete, blutrünstige Mentalität an den Tag legen, kann zum Schluss auch nochmals Imad Abuhamsiya wirkungsvoll unterstgreichen, der den Fall Azaria filmte:

„Es sind vor allem seine Aufnahmen vom Israelischen Soldaten Azaria, der den wehrlos am Boden liegenden Attentäter erschoss, die ihm hier keiner der Siedler verzeiht.“

Kein Einziger „verzeiht“ Abuhamsiya also seine Aufnahmen, als hätten sämtliche Siedler Hebrons bei Albrecht eine Erklärung unterschrieben, irgendwann noch einmal Rache an ihm zu nehmen.

Nur die Kamera macht „Wahrheit“

Nach dem Anschauen dieses Filmes sind für den unbedarften Zuschauer zumindest einige vorgebliche Fakten über den Konflikt unmissverständlich klar: Die Juden Hebrons sind ausnahmslos sich unrechtmäßig im Stadtgebiet einnistende, religiös-verrückte Gesellen, deren Hass auf Araber nur durch ihre Angst vor der Kamera (und damit der behaupteten „Wahrheit“) übertroffen wird. Daran ändert sich auch nichts durch Albrechts dunkel formuliertem und ohne jeden Kontext obskur anmutendem Satz am Ende des Films, jede Seite habe berechtigten Anspruch auf das Gebiet. Zumindest was die Juden betrifft, bleibt dieses eine Behauptung, die durch den Verzicht auf jeglichen historischen Kontext von den Filmemachern letztlich gezielt negiert wird.

Araber hingegen sind in der Mehrzahl friedliebende, verwurzelte (meist wurde „schon sein Vater hier geboren“) und vergebungswillige Leidende, wie der Ladenbesitzer Ahmed. Nach der Erklärung der Erzählstimme, dass jüngst jugendliche Siedler bei ihm randaliert hätten (die Kamera der Filmemacher vor Ort konnte dies anscheinend leider nicht einfangen) sagt Ahmed, dass Allah ihnen vergeben werde und er auch nichts gegen Juden habe, nur will er, „dass sie hier verschwinden.“ Auch darf er, wieder von Rechtfertigungen durch Albrechts Stimme umrahmt, aus dem Off erklären, dass sein „Herz aufhören würde zu schlagen“, sollte er je sein Grundstück an einen Juden verkaufen: „Ich kann den Juden doch nicht meine Heimat verkaufen.“ Die Frage, ob dies nicht auch die Heimat der Juden wäre, wird ihm nicht gestellt – wir erinnern uns, dies ist nicht das Thema des Films.

Letztendlich bleibt das Credo der filmenden Araber haften, welches sich die Macher dieser Dokumentation anscheinend zu Eigen machen wollen: Das einzige, was zur Erklärung der „Wahrheit“ nötig ist, ist das Bedienen einer Kamera. Zieht man die Linse nur richtig, sieht man genau das, was man sehen möchte.

Dass dieses Vorgehen anscheinend auch beim ZDF-Studio in Tel Aviv als journalistisch redlich gilt, muss mehr als nachdenklich stimmen.

 

©2017 FoGEP

 

zum ZDF-Portal:

https://presseportal.zdf.de/pm/hebron-die-zerrissene-stadt/

Spitzwege aus dem Kopf eines Bürgerlichen

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Editoral : SpitzWege aus dem Kopf eines Bürgerlichen
Von Winnetou zu Obama
Bill Bush : Der Putin ist ein großer Mann
Bill Bush : Der Putin ist ein kleiner Wicht
Putin – Mensch und Macht
Bill Bush : Hübsch aufgepeppt und hochgespritzt
Bill Bush : Der Sarkozy ist ein Enfant
Reden und Schweigen
:edathy
:gegonos edathy
:tragodia edathy
Relativierungen
Putins ungewolltes Signal an das Reich der Mitte
Bill Bush : Spießbürger Fritz
Bill Bush : Ganz tief im Herz von Afrika
Die Rückkehr der westfälischen Friedensphilosophie
Plädoyer für eine neue Militärstrategie
Russlands Weg nach Osten
Faschismustheorie und der faschistische Totalitarismus
Die Leistungsfiktion im modernen Wohlfahrtsstaat
Schimpansen, Bonobos und Homo Sapiens
Bill Bush : Der Türkensultan Erdogan
Bill Bush : Hoch oberhalb des Bosporus
Von Tautologien und Oxymora
Ein Abschied
„Bündnisverteidigung ist Landesverteidigung“
Wir . Drei Sätze
Liberal oder libertär?
Es geht ein Jahr

Der Weltbürgerkrieg und der Islam

Im Jahr 2006, als in islamischen Staaten Strohpuppen und Staatsflaggen brannten, weil im kleinen Dänemark ein Zeichner von einem selbstverständlichen Recht Gebrauch gemacht und den islamischen Vordenker Muhamad als Terroristen karikiert hatte, schrieb ich in einem Essay unter Bezug auf Samuel Huntington den folgenden Satz:

„Tatsächlich befinden sich die Kulturen der Welt längst mittendrin in diesem Konflikt. Ein Konflikt, der sich als der erste wirkliche Weltkrieg erweisen könnte. Es ist nicht zwingend ein Krieg zwischen Christen und Moslems. Aber es ist ein Krieg zwischen Humanismus und Dogmatismus. Es kann ein Krieg sein, in dem aufgeklärte Atheisten und Anhänger der Weltreligionen von Christen, Juden und Buddhisten über Hindus bis Moslems gemeinsam stehen gegen religiöse Dogmatiker aller Konfessionen.“

Heute, zahlreiche islamisch motivierte Anschläge später und unter dem Eindruck des Terroranschlags in Frankreich, möchte ich einen Schritt weiter gehen: Ja, es ist ein Weltkrieg. Aber es ist kein Krieg der Nationen und auch kein Krieg der Zivilisationen. Und Ja, wir befinden uns mittendrin auch dann, wenn viele immer noch die Augen verschlossen halten möchten: Es ist ein Weltbürgerkrieg. Und er tobt quer durch die Staaten und Kontinente, quer durch soziale, ethnische und kulturelle Gruppen und Identitäten.

„I am Muslim, not a terrorist!“

Angesichts des nun wieder erfolgten Massenmordes an lebenslustigen Menschen in einer der schönsten Städte der Welt breitete sich in den sozialen Netzwerken im Eiltempo eine Parole aus: „I am Muslim, not a terrorist!“. Absender waren weltweit vor allem jüngere Anhänger des Propheten, die nicht ohne Grund einmal mehr befürchteten, für die barbarischen Taten ihrer Glaubensbrüder in die kollektive Mithaftung genommen zu werden.

Um dieses gleich an dieser Stelle festzuhalten: Ja, ich glaube ihnen. Sie halten sich für Muslime – und sie sind keine Terroristen. Sie sind ebenso wenig Terroristen wie meine türkischen Nachbarn oder mein tunesischer Schüler. Sie sind, wie diese auch, Muslime, die fest davon überzeugt sind, im Islam eine Botschaft des Friedens zu finden. Und dennoch gibt es ein Problem. Ein im wahrsten Sinne des Wortes fundamentales Problem.

Mohammed und die erste Säule des Islam

Blicken wir auf die erste Säule des Islam, die Shahada. Es ist dieses das Glaubensbekenntnis der Muslime und es lautet: “Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah, und dass Mohammed der Gesandte Allahs ist.“

Auch wenn die Muslime sich als Monotheisten begreifen, die in der Übernahme eines frühsemitischen Gottesbegriffes wie die beiden anderen abrahamitischen Weltreligionen für ihren Gott nicht einmal einen Namen haben, bezeugen Sie nicht nur die wissenschaftlich nicht nachweisbare Existenz dieser Wesenheit, sondern erheben bereits hier jenen arabischen Kaufmann mit der arabischen Schriftzeichenfolge M-H-M-D unmittelbar als „Gesandten“ an die Seite und damit faktisch auf die Ebene des Göttlichen. Die Folge dieser Erhebung eines Menschen auf diese Ebene des Göttlichen ist, dass für Muslime nicht nur die im Koran niedergeschriebene, vorgeblich göttliche Botschaft handlungsbestimmend ist, sondern sämtliche Handlungen dieses transliterierten Mohammed göttlichen Weisungscharakter haben. Niedergeschrieben sind diese Handlungen nicht nur im Koran selbst, sondern auch in den Hadithe, jenen Überlieferungen aus dem Leben dieses islamischen Propheten. Und da nun wird diese Figur, die vermutlich eine historische ist, zum eigentlichen Problem der Muslime selbst.

Mohammed als Problem der Muslime

Mohammed, der erst durch die Heirat seiner Arbeitgeberin vom Nichts zum angesehenen Bürger aufstieg, ist im Verständnis der westeuropäischen Aufklärung erst einmal nichts anderes als ein Ideologe. Jenseits der verklärenden Vorstellung einer via Engel zugeflossenen göttlichen Inspiration schrieb er eine auf seine Person maßgeschneiderte Handlungsanweisung des Welteroberungskrieges. Der historische Mohammed selbst war – wenn man dem Koran und den Hadithe glaubt – genau das, was wir Europäer heute als Terrorist bezeichnen. Schon sein Massenmord an den jüdischen Quraiza würde, umgerechnet auf heutige Bevölkerungszahlen,  das Blut von 21.000 Menschen an seinen Fingern kleben lassen. Dieses Massaker wäre ungefähr so zu verstehen, als wenn mit einem Schlag alle Bewohner von Annaberg-Buchholz in Thüringen ermordet würden.

Mohammed war auch der Befehlshaber und Vordenker einer Gruppe, die ihre Weltanschauung mit terroristischen Methoden und jenseits jeglicher menschlichen Regungen im wahrsten Sinne des Wortes mit Feuer und Schwert verbreitete. Innerhalb von nur vierzig Jahren wurden die christlichen, jüdischen und zoroastrischen Gemeinden zwischen dem christlich-römischen Tripoli im heutigen Libyen, dem christlich-armenischen Artashat an der Südgrenze des heutigen Armeniens und dem zoroastrischen Mashhad nahe der Ostgrenze des heutigen Iran erobert und zwangskonvertiert. Nicht nur die anschließende Unterwerfung Indiens wird über hunderttausende von Zivilisten das Leben oder die Freiheit gekostet haben. Wenn die Christen, Hindus und jene wenigen Überlebenden zoroastrischer Glaubensgemeinschaften im mittelalterlichen Islam die größte Geißel Gottes gesehen haben, so ist dieses aus ihrer Sicht in jeder Hinsicht gerechtfertigt: Die Muslime der Spätantike waren bis in das Hochmittelalter hinein und darüber hinaus für die von ihrer Expansion Betroffenen eben immer auch das, was der „Islamische Staat“ heute ist: Eine aggressive Terrororganisation, die vor definitiv nichts zurückschreckte, um ihre Philosophie zur und den damit verbundenen Machtanspruch zum alleinig herrschenden zu machen.

Weil das so ist, ist es auch absurd, wenn bis heute Muslime und selbst muslimische Verbände in Deutschland von der christlich-abendländischen Welt, die sich zugegeben beispielsweise bei der Kolonialisierung Amerikas oder Nordasiens nicht immer deutlich menschlicher als islamische Eroberer verhalten hat, eine Entschuldigung für die Kreuzzüge nach Palästina einfordern. Gegen das, was die Muslime bei ihrer Expansion an Ermordeten und Versklavten bewirkten, waren die Opfer des christlichen Versuchs, ihre religiösen Heiligtümer zurück zu erobern, verschwindend gering.

Keine Aufrechnung – aber dennoch ein Problem

Diese Hinweise sollen jedoch weder relativieren noch aufrechnen. Sie sollen aber verdeutlichen, dass die propagierte Friedfertigkeit des Islam eben nicht für die Menschheit in Gänze gilt, sondern sich –wie es im Koran auch definiert ist – lediglich auf die Anhänger des Mohammed selbst beschränkt. So, wie sich beispielsweise auch das mosaische Gesetz des Tanach eben nicht als globales Menschenrecht versteht, sondern nur für die Gruppe jener gilt, die sich zu den Inhalten dieses Buches, das den Christen als Altes Testament bekannt ist, bekennen, sind die Islamischen Gebote kein universelles Menschen- sondern Anhängerrecht – wenn auch unter dem Anspruch, dass irgendwann alle Menschen der Gruppe der Anhängerschaft angehören werden, wodurch sich dieses Gruppen- automatisch zum allgemeinen Menschenrecht wandeln würde.

Damit aber sind wir nun bei dem eigentlichen Problem zwischen islamischer und nicht-islamischer Welt. Wer im Alten Testament blättert und die dortigen Texte analysiert, der kommt an der Feststellung nicht vorbei, dass dort – vergleichbar dem Koran – die Einführung eines jüdischen Gottesstaates eingefordert wird. Wer die Geschichte der christlichen Kirchen studiert, dem wird nicht verborgen bleiben, dass diese den Monotheismus ihres Gottes dazu missbrauchten, einen totalitären, vorgeblich christlich geprägten Gottesstaat anzustreben und umzusetzen.

Die jüdische Gottesstaatsidee hatte sich mit dem durch das europäische Rom veranlassten Ende des Hasmonäerstaates 63 vc und der Niederschlagung jüdischer Aufstände im ersten nachchristlichen Jahrhundert faktisch aus der jüdischen Glaubenswelt verabschiedet. Das heutige Israel ist ein auf den Ideen der maßgeblich auch von jüdischen Denkern vorangetriebenen, westeuropäischen Aufklärung basierender, demokratischer Staat.

Die Idee eines totalitär-christlichen Staates, die übrigens in eklatantem Widerspruch zum theologischen Anspruch Jesu steht, ging im Zuge der Aufklärung ebenfalls ihren Weg in die Geschichtsbücher. Zumindest die westeuropäischen Kirchen des Katholizismus und des Protestantismus haben sich von Ziel eines Glaubensstaats definitiv verabschiedet.

Das aber ist beim Islam anders. Nicht nur im sa‘udischen Wahabismus nebst seinen salafistischen Ablegern bis hin zum „Islamischen Staat“ spukt die Idee des supranationalen, weltumspannenden Kalifats der islamischen Umah (Gemeinschaft) nach wie vor in den Köpfen herum. Deswegen haben nicht nur sa‘udische Wahabiten den Sa’udi Osama bn Ladin und seine alQaida ebenso wie den sunnitischen IS unterstützt. Die Radikalität islamischer Fundamentalisten zeigt sich auch dann, wenn auf den Schiffen der illegalen Einwanderer auf dem Mittelmeer christliche Leidensgenossen über Bord geworfen oder in den Einwanderer-Notunterkünften Mitbewohner nicht-islamischer Glaubensrichtungen gezielt drangsaliert werden.

Der Terror hat sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun

All dieses ist auch für den ganz normalen Bürger deutlich erkennbar – und wenn dann die obersten Vertreter unserer Islamverbände, assistiert durch scheinbar wohlmeinende Politiker, beständig erklären, der Terror im Namen des Islam habe nichts mit dem Islam zu tun, dann manifestieren sie damit den Riss zwischen muslimischen und nicht-muslimischen Menschen. Denn der Terror hat sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun. Er ist – daran führt angesichts der Geschichte Mohammeds und den entsprechenden Forderungen in den islamischen Basiswerken kein Weg vorbei – das zwangsläufige Resultat einer fundamentalistischen Übernahme und Umsetzung dessen, was Mohammed vor rund 1.400 Jahren niederschrieb und in die Tat umgesetzt sehen wollte.

Dennoch – und das ist an dieser Stelle bedeutsam – ist selbstverständlich nicht jeder Muslim ein Terrorist. Aber leider kann sich jeder muslimische Terrorist völlig zu Recht auf den Islam berufen. Und das muss, um das Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen im Sinne eines erfolgreichen, gemeinsamen Kampfes gegen den Terror im Weltbürgerkrieg eindeutig zu klären, dann von den Muslimen endlich auch genau so eingestanden werden.

Verleugnen ist keine Lösung

Was wohl würde geschehen, wenn die Christen sich hinstellten und den im Namen des Kreuzes geführten Vernichtungsfeldzug gegen die amerikanischen Erstbesiedler mit dem Hinweis abtäten, das alles hätte nichts mit dem Christentum zu tun gehabt? Dabei könnten sie dieses tatsächlich als eine Pervertierung der Ideen ihres Heilands sogar noch begründen. Ein Muslim aber kann dieses angesichts der überlieferten Lebensgeschichte und der entsprechenden Aufforderungen seines Heiligen Buches selbst dann nicht, wenn er sich aus tiefster Überzeugung vom Terror im Namen des Islam distanziert. Er muss sich dazu bekennen, dass dieser Terror ein unabweisbarer Teil seiner Geschichte und damit seiner kollektiven Identität ist – so wie ein Christ weder die Judenverfolgung noch die Vernichtung und Unterwerfung indigener Völker im Namen Jesu aus seiner Geschichte und seiner kollektiven Identität verbannen kann.

Wenn der Islam sich dazu bekennt, dass der weltliche Anspruch seiner Philosophie der einer Weltglaubensherrschaft ist und die führenden Vertreter der Muslime sich definitiv von diesem Anspruch distanzieren und ihn, wie Juden und Christen, als Irrweg auf dem Weg zur eigentlichen Religiosität des Glaubens begreifen, dann haben Gläubige wie Nicht-Gläubige aller Weltinterpretationen eine Chance, gemeinsam in diesem Weltbürgerkrieg zwischen sich religiös und anders begründenden Kollektivisten und den Vertretern einer auf dem Individualrecht des Einzelnen beruhenden Weltgemeinschaft zu obsiegen.

Wenn sich die Vertreter und Anhänger des Islam jedoch weiterhin aus ihrer Verantwortung damit herauszuwinden suchen, dass sie die unabweisbar in ihren religiösen Wurzeln verankerten Fundamente des weltweiten Terrors als „unislamisch“ charakterisieren, wird bei den Nicht-Muslimen immer das Gefühl vorhanden bleiben, dass diese Floskeln letztlich nur dem Ziel der Verschleierung wahrer Ziele dienen sollen. Will der Islam als Religion und nicht als Konzept eines – wie Hamed Abdel Samad es überspitzt und politikwissenschaftlich fragwürdig darstellt – faschistischen Eroberungskonzepts wahrgenommen werden, dann ist es an der Zeit, dass er wie Juden- und Christentum in der Gegenwart ankommt und nicht länger im Frühmittelalter verharrt. Verweigern sich die Muslime mehrheitlich diesem Schritt, dann werden sie sich auch künftig unabhängig von ihrer individuellen Gewaltbereitschaft vorwerfen lassen müssen, für Terroranschläge wie jene in New York, Madrid, London und nun wieder Paris ebenso Mitverantwortung zu tragen wie für jene, die unweigerlich noch und auch in deutschen Städten geschehen werden.

Als Deutscher trage ich auch heute eine Verantwortung dafür, dass sich der Holocaust niemals wiederholen kann – und ich kann mich nicht davon freisprechen, dass dieser Massenmord im Namen meines Volkes geschah. Als christlich geprägter Europäer bin ich dafür verantwortlich, die Massenunterdrückung anderer Kulturen und ihrer Menschen im Namen Jesu niemals wieder zuzulassen – und ich kann mich nicht damit davonstehlen, dass ich feststelle, die Schandtaten hätten mit des Intentionen des Jesus nichts zu tun.

Die Muslime müssen sich, soll ihre Distanzierung von den Terrortaten fundamental-islamischer Aktivisten im Nahen Osten wie anderswo auf der Welt redlich sein, dazu bekennen, dass diese Verbrechen im Namen ihres Glaubens geschehen. Das hat mit persönlicher Schuldanerkenntnis ebenso wenig zu tun wie mein Bekenntnis zum Verbrechen des Holocaust und der Untaten der Konquistadoren. Wer sich aber herauswindet, macht sich mitschuldig, und wer Verantwortung ableugnet, ist zur Überwindung eines Übels unfähig. Das gilt auch dann, wenn ich jedem einzelnen Muslim gern und aus Überzeugung glaube, diesen Terroranschlägen im Namen einer Religion mit ebensoviel Abscheu gegenüber zu stehen wie ich selbst.

©20151114 Spahn/FoGEP

Wahrheit Religion Wirklichkeit – NEUERSCHEINUNG

Was ist wahr – was ist unwahr? Ist die Wahrheit richtig oder ist das Richtige wahr?
Wie verhält es sich mit dem Gutem – wie mit dem Bösen?

Der Politikwissenschaftler und Religionskritiker Tomas Spahn setzt sich im ersten Teil des vorliegenden Buches mit der grundsätzlichen Frage auseinander, wie diese häufig ineinander greifenden Begriffe zu definieren sind.
Im Hintergrund steht dabei immer auch die Frage, ob das, was als Wahrheit verkündet wird, nicht tatsächlich eine Unwahrheit ist.
Mit Blick auf die drei monotheistischen Religionen kommt der Autor zu einem einfachen Schluss: Ob Ideologie oder Religion – sie verbreiten niemals „die Wahrheit“, aber sie prägen als Religion die Wirklichkeit.

Im zweiten Teil setzt sich Spahn mit der Einordnung dessen auseinander, was als „radikaler Islamismus“ die Diskussion bestimmt – und kommt zu dem Ergebnis, dass dieser Begriff entweder eine Tautologie oder ein Oxymoron ist. Das, was als „radikaler Islamismus“ scheinbar vom Islam zu trennen ist, erweist sich bei sachlicher Betrachtung als nichts anderes als ein fundamentalistischer Islam.

Im dritten Teil folgen Auseinandersetzungen mit der Frage, welche Zukunft die jüdisch-christliche Errungenschaft des Humanismus angesichts der Bedrohung durch die Irrationalität fanatischer Glaubensfundamentalisten hat – und wie anhand der Glaubensbekenntnisse der abrahamitischen Religionen deren Verhältnis zu und der Erfolg oder Misserfolg ihrer Mitglieder in der Wissenschaft zu erklären ist.

Ein Buch, das ebenso in die philosophische Tiefe geht, wie es tagesaktuelle Verständnisse und Missverständnisse zu verstehen hilft.

*

    „Von Gott zum Allzumenschlichen.
    Diese Schrift Spahns ist eine erkenntnistheoretische Selbstbehauptung im Stil des Ringens um Vernunft in der europäischen Aufklärung. Sie beginnt mit einem Schopenhauerzitat, ist dabei Descartes noch näher und steht auch Bultmann und Lapide nicht fern.
    Die Gedanken dieses Bandes sind umfassend und notwendigerweise etwas ausholend. Sie richten sich stringent gegen die politische Dimension von Religion und insbesondere den Islam als Mogelpackung der Menschen-Manipulation.
    Spahn liest man. auch wenn man einen breiten Bildungshorizont hat, immer mit Gewinn, selbst wenn man seine Thesen nicht teilt oder manches bereits bekannt ist. Wer Letzteres beklagt, wird mit innovativen und modernen Deutungen dafür bestens entschädigt. Und die religionshistorischen Ausflüge des Autoren sind allemal des Nachdenkens wert.
    So führt Spahns Auseinandersetzung des realen Menschen mit einer immanenten, aber fiktiven Göttlichkeit zwangsläufig in die Politik von der Vergangenheit bis heute und macht gerade deshalb widerstreitende Sichtweisen gegenständlich. Das macht das Werk zu einer notwendigen Streitschrift im traditionell bewährten Sinne. Vielen mögen die dargelegten Thesen zu krass und respektlos erscheinen. In meine Moderne passen sie – und Giordano Bruno hätte seine helle Freude.“
    T.K.

    ISBN 978-3-943726-69-5 – 16,80 € – 210 Seiten

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Was die Glaubensbekenntnisse der drei monotheistischen Religionen über ihre Anhänger und deren wissenschaftlichen Ansatz aussagen

Pro und Contra des Gottesbeweises

Glaube ist die Wahrheitsannahme einer unbeweisbaren Wahrheitsvermutung.

Religion ist der Alleinwahrheitsanspruch dieser Wahrheitsannahme einer unbeweisbaren Wahrheitsvermutung.

Aus dieser unbestreitbaren Tatsache ergibt sich der überaus spannende Rückschluss, dass jeglicher Versuch des Gottesbeweises, gleich ob im Ergebnis positiv oder negativ, zwangsläufig gegen die Religion gerichtet ist. Denn sollte man beweisen können, dass es Gott nicht gibt, dann müsste jegliche Religion, die eine Gottesexistenz behauptet, als wirres Psychopathentum verdammt werden. Sollte hingegen der Beweis der Gottesexistenz gelingen – ja, auch dann wäre dieses das Ende von Religion. Denn Religion lebt zwingend in der Abhängigkeit von der Wahrheitsannahme des Religionsgegenstandes durch ihre Anhänger – und ohne Wahrheitsannahme, die wir als Glaube bezeichnen, keine Religion.

Der Kern des Glaubens ist – siehe oben –jene Wahrheitsannahme einer unbeweisbaren Wahrheitsvermutung. Würde die Wahrheitsvermutung durch Beweis zur bewiesenen Wahrheit, dann wäre es überflüssig, sie als wahr anzunehmen – denn sie wäre es. Die Vermutung wäre durch die Wahrheit ersetzt worden. Da nun aber die Wahrheit zwangsläufig wahr ist und ich mich bei der Wahrheit nicht der Annahme dieser Wahrheit hingeben muss, wäre dem Glauben damit jegliche Grundlage seiner Existenz entzogen. Der Gegenstand seines Glaubens wäre nunmehr bewiesenes Wissen.

So gilt denn diese Feststellung: Nicht der Nichtglaube als ebenso unbeweisbare Nichtexistenzbehauptung eines Gottes ist der ärgste Feind der Religion, sondern der Gottesbeweis. Denn wer immer den Beweis der Existenz Gottes erbringt, zerstört die Notwendigkeit, an diesen Gott zu glauben, womit die Religion an sich am Ende wäre.

Glaube als Kern von Religion lebt folglich davon, dass das, woran er zu glauben vorgibt, weder beweisbar noch nicht beweisbar ist: Gott darf nicht sein, um sein zu können.

Das nun aber führt uns zu einer anderen, einer fundamentalen Frage. Wenn es so ist, dass Religion nicht nur des Beweises nicht bedarf, sondern dieser im Positiven wie im Negativen ihren Untergang bedeuten müsste – warum sind dann die Religionen so eifrig bemüht darum, die Existenz ihres Gottes als bewiesen zu behaupten? Und tun sie dieses überhaupt – oder erwecken sie vielleicht nur den Anschein, es zu tun? Werfen wir einen Blick auf die Glaubensbekenntnisse der drei großen monotheistischen Religionen.

Das Bekenntnis der jüdischen Religion

Das jüdische Glaubensbekenntnis lautet:

„Höre, Israel. Jahwe, unser Gott, ist einzig. Darum sollst du Jahwe, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ Dtn/M5.0604

Das ist ein Befehl. Oder formulieren wir es zurückhaltender als Auftrag. Dieser Auftrag setzt den Gott Jahwe als existent voraus. Will sagen: Wer sich dieser Anordnung unterwirft, der geht zwingend von der Existenz des einen Gottes aus. Dieser Gott ist Tatsache, der keines Gottesbeweises bedarf. Dieser Tatsache wiederum ist es geschuldet, dass man diesen Gott vollumfänglich lieben soll. Aber das ist eben nur ein Auftrag. Die Existenz des Gottes bleibt unberührt davon, dass der einzelne Mensch, der an der Existenz dieses einzigartigen Gottes keinen Zweifel hat, sich möglicherweise dem Gebot entzieht und diesen Gott nicht so vollumfänglich liebt, wie es von ihm gefordert wird.

Juden – nur so kann dieses Bekenntnis verstanden werden – glauben insofern überhaupt nicht an einen Gott. Denn sie haben dieses angesichts dessen zwingender Existenz weder nötig noch wäre es ihnen möglich. An Tatsachen – siehe oben – kann man nicht glauben. Für einen Juden ist Gott Wahrheit – auch wenn in Wahrheit bislang niemandem ein wissenschaftlich unabweisbarer Gottesbeweis gelungen ist. So bleibt die Feststellung unvermeidbar: Ein Glaubensbekenntnis ist die religiöse Formel der Juden nicht. Eher ein recht konkreter Bekenntnisauftrag.

Das Bekenntnis des Islam

Das islamische Glaubensbekenntnis geht einen deutlichen Schritt weiter als das jüdische. Es lautet:

„Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah, und dass Mohammed der Gesandte Allahs ist.“

Hier wird nicht nur wie bei den Juden die Existenz des Gottes als wahr vorausgesetzt – der vorgeblich Gläubige selbst bezeugt, dass es nur diesen einen Gott gibt. Er, der Mensch, wird zum Zeugen und zum Zeugnis der Existenz seines Gottes.

Um etwas bezeugen zu können, ist der vorangegangene Wahrheitsbeweis unvermeidbar – andernfalls ist diese Bezeugung nichts anderes als eine inhaltsleere Floskel ohne jeden Wert. Soll dieses Bekenntnis ernst genommen werden, so ist der Wahrheitsbeweis des Bezeugten als erfolgt zu unterstellen.

Damit jedoch sind auch Muslime vergleichbar den Juden keine Glaubenden. Sie sind auch nicht nur, wie die Juden, Wissende. Denn sie wissen nicht nur, dass Gott Allah existent ist – sie können diese Existenz als Mensch und durch ihre Existenz als Mensch bezeugen.

Das hat eine deutlich höhere Qualität des existentiellen Gottesseins als jene mosaische Formel. Und es verlangt darüber hinaus nach der Frage, was es notwendig macht, dass ein Mensch die Existenz seines Gottes nicht nur wie die Juden als solche voraussetzt, sondern er selbst es ist, der die Existenz des Gottes bezeugen muss – als ob dieser selbst nicht in der Lage wäre, seine eigene Existenz zu beweisen? So bewegt sich das muslimische Glaubensbekenntnis in der Nähe eines circulus vitiosus: Die Existenz des Menschen ist der Beweis der Existenz Gottes, welcher wiederum den Menschen erst zum Beweis seiner Existenz geschaffen hat. Mensch ist, weil Gott ist und Gott ist, weil Mensch ist.

Das Bekenntnis der Christen

Und wie nun halten es die Christen? Ihr Glaubensbekenntnis ist mit dem der Juden und Muslime nicht zu vergleichen, denn bereits das nicäische Glaubensbekenntnis, das auf das Jahr 325 zurückgehen soll, beginnt mit dem Satz:

„Ich glaube an einen Gott, den allmächtigen Vater …“

Dieser Einstieg der christlichen Gläubigen in ihr Bekenntnis hat sich bis heute in dieser Form erhalten – und er verdeutlicht, dass die Christen tatsächlich im Gegensatz zu Juden und Muslimen Gläubige und nicht Wissende sind. Denn anders als die beiden ihnen verwandten Religionen betonen sie den Glaubenscharakter: Christen glauben, dass etwas ist. Wer aber glaubt, der weiß nicht. Und wer nicht weiß, der kann seine Zuflucht nur zum Glauben, nicht aber zum Wissen nehmen.

Gemeinschaften von Wissenden und Glaubenden

So kristallisiert sich allein aus diesen jeweiligen Einstiegen in das Bekenntnis dessen, was die Religionen als Formel zum Gottesbekenntnis bezeichnen, deutlich heraus: Eine Gemeinschaft von Gläubigen gibt es nicht bei den Juden und nicht bei den Muslimen – es gibt sie nur bei den Christen. Juden und Muslime hingegen bilden jeweils eine Gemeinschaft von Wissenden – und so können sie als Wissende nicht Gläubige sein.

Erkenntnis ohne Relevanz?

Ist das nun wortverliebte Haarspalterei – oder hat dieses über die theoretische Feststellung hinaus Relevanz?

Ich werde diese Frage hier vielleicht nicht abschließend beantworten, jedoch scheint mir ein fundamentaler Unterschied eklatant: Jenseits jeglichen klerikalen Alleinvertretungsanspruchs bis hin zur Häretisierung christlicher Glaubensbrüder erlaubt ein bloßes Glauben immer auch die Frage nach dem Wie, dem Woher, dem Was und dem Warum. Wer etwas glaubt, der erklärt, das zu Glaubende letztlich nicht zu wissen. Und er hat zumindest das Recht, wenn nicht die Pflicht, nach diesem Wissen zu streben.

Dem Glaubenden ist die Frage erlaubt, ob das, an was er glaubt, so ist, wie er es zu glauben meint. Das wiederum unterscheidet ihn vom Wissenden. Denn der ist dieser Frage enthoben. Wer weiß, der muss nach dem, was ist, nicht mehr fragen. Ganz im Gegenteil wäre diese Frage ein Verrat an sich selbst – denn sie wäre das Eingeständnis einer selbstbetrügenden Lüge.

Deshalb zumindest bezeugen Muslime nicht nur allein die Existenz ihres Gottes, sondern gleichzeitig auch die Existenz ihres Gottesgesandten. Das Zeugnis schließt jeglichen Zweifel, jede mögliche Frage nach dem Was, dem Woher, dem Warum und dem Wohin kategorisch aus.

Und die Juden? Wenn Sie sich zu ihrem Gott bekennen, dann befinden sie sich scheinbar in einer ähnlichen Situation wie die Muslime. Dennoch aber lässt ihre Religion ihnen eine Hintertür offen. Denn anders als das unentrinnbare Dogma des muslimischen Zeugnisses verharrt das mosaische Bekenntnis im Charakter einer Aufforderung. Der Jude selbst bezeugt mit seinem Bekenntnis nichts. Es ist vielmehr die Aufforderung eines wie immer auch zu verstehenden Anderen an ihn, etwas zu tun. Eine Aufforderung aber beinhaltet immer auch die Möglichkeit, sich dieser zu entziehen. So hat der Jude eben genau diese Möglichkeit und ist gefordert, dem Aufforderer bei aller Loyalität gleichsam beständig ein Schnippchen zu schlagen.

Wäre der Jude kein Jude, wenn er sich so verhielte? Doch, denn er bestätigt allein schon mit dem Versuch, sich der Aufforderung zu entziehen, grundsätzlich die Existenz dieses ihn fordernden Gottes. Wäre dem nicht so und wäre die mosaische Gottesexistenz für ihn irrelevant, so bestünde keine Notwendigkeit, sich über die Möglichkeit des Entziehens überhaupt Gedanken zu machen. Der Zweifel an der Absolutheit der Aufforderung des Bekenntnisses setzt die Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft der dieses Bekennenden zwingend voraus – und er eröffnet dem Bekennenden gleichzeitig die Möglichkeit, den Inhalt seines Bekenntnisses zu hinterfragen.

Und der Christ? So er sich unbeeinflusst von möglichen Herrschaftsansprüchen seines Klerus oder anderer, das Bekenntnis fehlinterpretierender Personen dem Christentum zuwendet, wird er nicht nur, er muss sein Leben lang ein Fragender bleiben. Denn er glaubt an etwas, von dem er zwar annimmt, dass es so sei – jedoch ist eine Annahme niemals ein Ersatz für einen Wahrheitsbeweis. Und das – siehe oben – soll sie auch nicht sein – sie darf es nicht einmal sein.

Gläubige, Ideologen und Parteigänger

Der Muslim ist daher kein Glaubender. Er ist ein Ideologe, dem die vorgebliche Wahrheit seiner Ideologie als derart unanfechtbar gilt, dass er sich selbst zum Zeugen seines Gottes aufwirft. Jede Frage nach dem Ob der Existenz des bezeugten Gottes und seines Gesandten muss so zum Verrat an der Ideologie werden, welcher die in dieser Ideologie niedergelegten Strafen nach sich zieht.

Doch auch der Jude ist kein uneingeschränkt Glaubender. Er ist vielmehr ein Parteigänger, der jedoch dem Glauben anhängt, sich den Anordnungen des existierenden Gottes durch Intelligenz entziehen zu können und diesen Glauben durch Handlung bestätigen kann.

Der Christ ist weder das eine noch das andere – er ist im eigentlichen Sinne ein Mensch auf der Suche nach seinem Gott, an dessen Existenz er glaubt ohne zu wissen, ob es sie tatsächlich gibt.

Konsequenzen

Hat diese feine, tief in den jeweiligen Religionskonzepten angelegte Differenzierung Konsequenzen? Ich denke, wir können diese Frage ohne Wenn und Aber mit einem Ja beantworten. Dieses Ja lässt sich vielleicht am besten aufzeigen, wenn wir unseren Blick unmittelbar auf das Christentum – oder besser: auf dessen Entwicklung – richten.

Das Christentum des Jesus von Nazareth startete als jüdische Erneuerungsbewegung. Heute würde man vielleicht von jüdischen Fundamentalisten sprechen, wobei dieses den Kern der Sache nicht unmittelbar trifft. Denn so sehr Jesus auch auf den Wegen seines jüdischen Gottes zu wandeln meinte, so waren insbesondere die Aspekte der Nächstenliebe, der uneingeschränkten Jenseitsbezogenheit und der damit verbundenen Absage an jegliche weltliche Macht eher die Ideen eines Mystikers. Ein Reformer im klassischen Sinne als jemand, der die Religion zurück zu ihren geschriebenen und ursprünglichen Inhalten und Zielen bringen wollte – das war Jesus nicht. Er selbst war jedoch auch alles andere als der Neubegründer einer Glaubensgemeinschaft – und schon gar nicht empfand er sich als leiblichen Sohn des einen Gottes. Diese Attribute wurden ihm erst später zugeschrieben.

So ist es wenig verwunderlich, dass die frühen Jesus-Anhänger eher ein Schattendasein fristeten. Für die traditionellen Juden waren sie abtrünnige Sektierer, für das herrschende Rom mit ihren – heute würden wir sagen: humanistisch-kommunistischen – Idealen eher eine Gruppe potentieller Aufwiegler, die die untersten sozialen Schichten des Volkes von der staatlichen Ordnung entfremden konnten.

Der Durchbruch kam mit Konstantin, unter dem eine auf römische Denkart angepasste Jesuslehre zur Staatsreligion wurde. In ihrer Suche auf dem richtigen Weg zu Gott und Jesus entwickelte sich eine Vielzahl von Vorstellungen – es entspricht dieses tatsächlich uneingeschränkt dem ursprünglichen Glaubensansatz: Es glaubte ein jeder Christ an Gott, aber es glaubte ein jeder auf seine persönliche Weise. Dieser Gott der Christen war ein Gott der Innerlichkeit – kein Expressionist.

Da jedoch mit einem Chor unterschiedlichster Glaubensvorstellung kein totalitärer Staat zu machen ist, betonierten die Konzilien seit Nicaea einen einzigen Weg des Glaubens als den allein richtigen – und verrieten damit letztlich ihr eigenes Glaubensbekenntnis, indem sie – ähnlich wie der Islam – den Glauben durch kategorisch behauptetes Wissen ersetzten. In der Rücksicht will es angemessen erscheinen, dem Christentum der Antike und des Mittelalters eine dogmatische Nähe zum ab dem siebten Jahrhundert auftretenden Islam zuzusprechen. Der Christ dieser Zeit durfte nicht mehr der Glaubende sein, der sich auf der ständigen Suche nach dem richtigen Weg zu seinem Gott befand, sondern er wurde zu jemanden, der sich zu dem dogmatischen Weg des Klerus zu bekennen oder um sein Leben zu fürchten hatte. Der Glaubende des Glaubensbekenntnisses wurde zum Bekennenden einer vorgeblichen Glaubenswahrheit.

Die Folgen waren fatal. Hatte die Vielgötterschaft der Antike dem Menschen den Ansporn gegeben, mit oder ohne seinen Gott oder seine Götter die Welt zu erkunden, so folgte in der europäischen Welt nun eine Phase der wissenschaftlichen Stagnation. Nicht mehr der Weg zu einem unbekannten Ziel stand nun im Mittelpunkt der geistigen Beschäftigung, sondern ein bereits bekanntes Ziel, zu dem es nur einen einzigen denkbaren und zulässigen Weg gab, bestimmte die Existenz. Für einen Glaubenden auf der Suche nach Gott war in diesem System kein Platz mehr.

Das Dogma und der islamische Fatalismus

Und dennoch sollte die im Kern des Konzepts des Glaubens verankerte Freiheit des Denkens den Weg freimachen können, um das klerikale Dogma zu überwinden.

Ist es vermessen die Behauptung aufzustellen, dass die Errungenschaften der Aufklärung nur möglich waren in einer Gesellschaft, die durch Glauben geprägt wurde? Ein Glaube, der unter dem weltlichen Machtanspruch eines den Glauben zum Dogma verkehrenden Klerus dennoch sein Kernelement der Suche nach dem richtigen Weg behielt und dem Einzelnen im Glauben die Tür offen ließ, nach den Inhalten seines Glaubens zu suchen und dabei auch Wege zu gehen, die das Dogma nicht zulassen wollte?

Wenn, wie im Weltbild des bezeugenden Muslim festgeschrieben, nichts ist, das nicht der Wille Gottes ist – welchen Sinn macht es dann noch, danach zu suchen? Gott Allah will es, also ist es. Ein Religionskonzept, das den Glauben durch das Bezeugen einer imaginären Wahrheit ersetzt, verliert den Suchenden, den Fragenden. Wenn die Antwort auf jede Frage bereits feststeht und es allein in Gottes Allmacht steht, sie dem Menschen zum richtigen Zeitpunkt zu offenbaren – dann bedarf es niemandes, der sich auf die Suche danach macht. Gott Allah will es, also ist es!

Die Feststellung, dass es kaum Nobelpreisträger islamischer Religion gibt, beruht so weder auf kolonialer Unterdrückung noch auf vorislamischen Traditionen. Es ist das Religionskonzept selbst, das den Forschenden aus der Gemeinschaft der Bezeugenden ausschließt. Denn wer forscht, der unternimmt den Versuch, Gottes Willen zu ergründen bevor Gott selbst gewillt ist, seinen Willen zu offenbaren. In einem System der Bezeugung eines allmächtigen und einzigartigen, allwissenden Gottes wird der Forscher letztlich zum Abtrünnigen. Gott allein entscheidet, wann er Erkenntnis und Wissen über die Menschen bringt – und wer danach trachtet, an dieser Gottesentscheidung etwas zu ändern, offenbart damit seine Zweifel an der Richtigkeit des göttlichen Willens. Mit diesem Zweifel nun wird er auch unfähig, die Existenz des Gottes als wahr zu bezeugen, weil er vom Wissenden zum Zweifelnden geworden ist.

Ohnehin: Wenn allein Gott zu jedem Zeitpunkt alles weiß, was gewusst werden kann; und wenn Gott allein es ist, der darüber zu entscheiden hat, ob und wann er dieses Wissen den Menschen geben wird, dann wird wissenschaftliche Forschung zum Überflüssigsten, was man sich überhaupt vorstellen kann. Denn kein Mensch wird Wissen schaffen können, so der Gott es nicht will. Das aber bedeutet auch: Wenn Gott es will, dann wird er Wissen den Menschen auch dann bringen, wenn sie sich nicht darum bemühen.

Der Mangel an islamischen Nobelpreisträgern liegt insofern ausschließlich im Islam selbst begründet. Die Idee, auf dem Weg zu Gott oder auch an Gott vorbei Wissen quasi zu erschleichen, ist der unmittelbare Widerspruch zum Konzept des Fatalismus.

Auf der Suche nach anderen Wegen

Wie aber ist nun zu erklären, dass es ausgerechnet Juden sind, die deutlich überproportional Nobelpreisträger in ihren Reihen begrüßen? Ist es das Ergebnis Jahrhunderte langer genetischer Selektion, die dieses bewirkt? Möglich, dass diese These, die mir ein befreundeter Haplogenetiker dereinst vorstellte, eine Ursache dafür ist. Vielleicht aber ist es auch viel einfacher – und findet ähnlich wie im Islam seinen Grund im Verhältnis des Juden zu seinem Gott.

Ich wies bereits darauf hin: Scheinbar ist das jüdische Glaubensbekenntnis ähnlich kategorisch wie das der Muslime. Aber eben nur scheinbar. Denn der Jude bezeugt nicht die Existenz seines Gottes – diese wird von ihm als Tatsache vorausgesetzt. Auf dieser Basis erhält er Anordnungen, an die er sich zu halten hat. Eben dieses aber eröffnet ihm den Raum, sich unterhalb der Ebene der Gottesexistenz im Rahmen dieser Order und selbst an dieser Order vorbei individuelle Freiräume zu schaffen. So wird der Anhänger des Judentums zu einem Individuum, das um die Existenz seines Gottes wissend unentwegt nach den Freiräumen fahndet, die dieses Wissen zur Erfüllung eines angenehmen Lebens zulässt. Es gilt, dem existenten Gott ein Schnippchen zu schlagen, das diesen immer nur so weit austrickst, dass es ihn nicht böse macht. Der Jude wird so von seinem Gott zu einem intelligenten Schelm gemacht – es ist die jiddische Chuzpe, die den Charakter jüdischer Witze prägt und die nicht nur das verschmitzte Verhältnis der Juden untereinander, sondern auch zu ihrem Gott beschreibt.

Kaum etwas gibt die Denkweise des Juden in seinem Glauben besser wieder als diese kleine Annekdote:

Ein Jude kommt zum Metzger, zeigt auf einen Schinken und sagt:
„Ich hätte gern diesen Fisch dort.“
„Aber das ist doch ein Schinken“
„Mich interessiert nicht, wie der Fisch heißt!“

Wie kann Gott etwas dagegen haben, dass ein Jude einen Fisch isst. Und was kann der Jude dafür, dass der Fisch „Schinken“ heißt? So kommt der Jude zu dem wohlschmeckenden Schinken, ohne gegen das Gebot seines Gottes verstoßen zu müssen.

Wer so von seinem Gott fast schon dazu gezwungen wird, beständig nach den kleinen und dennoch wirksamen Wegen zu suchen, mit denen sich der manchmal doch recht despotische und autoritäre Wille des Gottes umgehen lässt, der lernt es auch, in der Wissenschaft nach diesen kleinen, unscheinbaren, aber oftmals recht entscheidenden Wegen zu suchen. Muss darauf hingewiesen werden, dass er sie findet? Sicherlich nicht, denn sein Glaubensbekenntnis hat ihm seit nunmehr über zweieinhalb Jahrtausenden beigebracht, genau dieses zu tun. So wie er ständig daran arbeitet, seinen Gott ein klein wenig auszutricksen, so trickst er in der Wissenschaft das scheinbar unabwendbare aus. Und wird dadurch zum Forscher der zahllosen mehr oder weniger bedeutsamen Entdeckungen.

Im Glauben an Gott dessen Wege erkunden

Werfen wir nun den Blick erneut auf den Christen, so können wir feststellen, dass auch dessen Charakter ebenso wie sein Forschungserfolg von seinem Glaubensbekenntnis geprägt wird.

Der Christ ist nicht derjenige, der daran geht, seinem Gott ein Schnippchen schlagen zu wollen. Vielmehr arbeitet er sein Leben lang daran, seinem Gott näher zu kommen. Denn so sehr er auch glauben mag, Gott und dessen Willen zu kennen – es fehlt ihm die Gewissheit. Und so fragt der Christ, wenn er sich auf sein Christentum besinnt und das Dogma des Klerus überwindet, notwendig auch mehr nach den scheinbar großen Dingen als nach den kleinen Wegen. Selbst dann, wenn er sich als Atheist betrachtet, ist das Sinnen des christlich geprägten Wissenschaftlers beständig darauf ausgerichtet, seinen Gott und dessen Werk zu verstehen.

„Ich glaube an einen Gott, den allmächtigen Vater“ ist ein Auftrag. Es ist der Auftrag, ihm, dem Vater, näher zu kommen. Ständig mehr von ihm zu wissen.

So ist es kein Wunder, dass es christlich geprägte Europäer waren, die Vehikel auf den Weg in die Region entsandten, in der ihr Gott vorgeblich zu finden sein sollte. Es ist kein Wunder, dass es der christlich-anglikanisch geprägte Stephen Hawking ist, der sich aufmachte, das Phänomen der Zeit zu begreifen. Es ist kein Wunder, dass CERN ausgerechnet im Herzen des westlichen Europas steht. Denn ihnen allen gilt: Wie wohl könnten Menschen ihrem göttlichen Vater jemals näher sein als dann, wenn sie die Prinzipien dessen größter Leistung verstanden haben: Den Aufbau und den Ablauf des Universums.

In der Wissenschaft ein unschlagbares Team

Jude und Christ gemeinsam bilden so nicht nur in der Wissenschaft ein unschlagbares Team. Sucht der eine nach dem ganz großen Ziel, so weist der andere die Wege, wie dieses Ziel zu erreichen ist.

Hier liegt die simple Antwort auf die oben gestellte Frage, ob der Bezug auf das Glaubensbekenntnis mehr ist als wortverliebte Haarspalterei. Sie lautet schlicht und einfach: „Ja!“

Ich möchte die Antwort mit dem Bild des Berges verdeutlichen, der nicht zu Mohammed kommt, weshalb dieser zu dem Berg gehen muss, welcher wiederum nichts anderes ist als ein Symbol des Allmächtigen, der, als vom Muslim zu bezeugender, unverrückbar über dem Menschen thront.

Der Muslim beschreitet in der Bezeugung dessen, dass nur Allah die Macht hat, den Berg zu versetzen, tatsächlich unwidersprochen den Weg des Mohammed. Demütig schreitet er zum Berg und wird dort im Zweifel auf ewig verharren, denn Gott, der Berg, will es so.

Anders der Christ: Ohne dieses unzweifelhaft zu wissen glaubt er, dass der Berg ein Hindernis ist auf seinem Weg zu Gott – und so sinnt darüber nach, wie er den Berg versetzen kann, weil ihm dieses unvermeidbar scheint um seinem Gott näher zu kommen.

Und der Jude? Der beginnt damit, über Möglichkeiten nachzudenken, wie sich er und der Berg auf halbem Wege treffen könnten. Dabei den Berg abzutragen ist nicht sein vorrangiges Ziel – es sich selbst aber deutlich leichter zu machen, um zum Berg zu kommen, durchaus. So dieses nur zu erreichen sein sollte, indem der Berg abgetragen und versetzt wird, wird er nach sorgfältiger Güterabwegung dazu bereit sein. Vorausgesetzt selbstverständlich, dieser Weg ist weniger aufwendig als sich selbst zum Berg zu begeben.

Das jüdisch-christliche Gemeinschaftswerk der Aufklärung

Wenn es denn so ist – darf es uns dann noch verwundern, dass die Idee der Aufklärung, die scheinbar so gottlos ist, ausgerechnet im Westen Europas ihren Anfang nahm? Sicherlich nicht, denn sie ist trotz oder gerade wegen ihrer scheinbaren Gottlosigkeit das perfekte Ergebnis dessen, was geschieht, wenn sich Jude und Christ gemeinsam auf den Weg zu ihren Göttern, die vermutlich nur ein einziger sind, machen. Durch die Erkenntnis dessen, was beiden das Ergebnis der Allmacht des Gottes ist, kommen sie, indem der eine nach dem Weg zu Gott und der andere nach einem Weg vorbei an dessen Anordnungen sucht, gemeinsam diesem Gott ein Stückchen näher. Denn sie eint darüber hinaus die feste Überzeugung, dass die Erkenntnis selbst göttlich ist. Es ist für sie deshalb auch mehr als legitim, durch Teilhabe an dieser Göttlichkeit selbst ein wenig göttlicher zu werden – weshalb sie die Existenz des Göttlichen selbst dann zu beweisen suchen, wenn sie vorgeblich das genaue Gegenteil anstreben.

Mit dem bezeugenden Muslim jedoch ist dieser Weg nicht zu beschreiten, solange sein Bekenntnis das Zeugnis für die Wahrheitsunterstellung einer unbeweisbaren Wahrheitsvermutung bleibt. Denn er ist durch sein bekennendes Zeugnis bereits seinem Gott so nah, dass jede weitere Annäherung anmaßend wäre und den Zorn des Gottes gegen den Anmaßenden mit den von Gott angedrohten Höllenstrafen zwangsläufig hervorrufen müsste.

So geben diese Überlegungen an ihrem vorläufigen Ende sogar noch ungewollt eine Antwort auf eine Frage, die hier eigentlich weder gestellt noch gar beantwortet werden sollte: Die Frage, ob der Islam zu Deutschland – oder korrekter: Zum Abendland – gehört. Und diese Antwort lautet nein. Denn die fatalistische Bezeugung der Existenz Gottes durch das islamische Bekenntnis ohne jede Möglichkeit, sich diesem zu entziehen oder sich auf eine eigene Suche im Glauben zu machen, versperrt nicht nur den Weg zum Glauben, sondern auch den Weg zur modernen Wissensgesellschaft. Zum Abendland gehören kann das islamische Philosophiekonzept erst dann, wenn es sich von seiner kategorischen Bezeugung ebenso kategorisch verabschiedet und seinen Anhängern den Weg zu tatsächlichem Glauben freimacht.

©2015-0201 spahn/fogep

PS: Dank an WS für den sachdienlichen Hinweis i. S. Judentum.

Aufstand des Islam – Kampf gegen den Humanismus

Anmerkung: Dieser Text entstand 2006 und wurde bislang als eBook mehrtausendfach abgerufen. Angesichts der aktuellen Situation soll er hier nun ebenfalls zu lesen sein. Er wird unverändert übernommen – auch wenn ich heute nicht mehr von „Islamismus“ sondern von „radikalem Islam“ sprechen würde – tsp 10.01.2015

tzz - aufstand_des_islam_r1301 Kopie

Im Januar 2006 ging eine Welle der Entrüstung durch die islamischen Länder. Offizieller Grund: Die Verletzung religiöser Gefühle durch islam-kritische Karikaturen.
Tatsächlich steht hinter der fanatisierten Aufregung jedoch ein anderes Ziel: Das Ende der aufgeklärten Gesellschaft – nicht nur in der islamischen Welt.

Viel wurde geschrieben über die Empörung, die in islamisch-geprägten Staaten mit mehrmonatiger Verspätung über mehr oder weniger gelungene Karikaturen Ende Januar des Jahres 2006 ausbrach.
Manche der westlichen Reaktionen auf den religiösen Fanatismus waren gespeist von unterwürfiger Gutmenschelei: Ja, so war zu hören, die Karikaturen würden die Gefühle der Moslems verletzen, ja, man hätte sie nicht veröffentlichen dürfen, ja, man könne die Erregung verstehen, schließlich stünde selbst im säkularen Deutschland die Verunglimpfung von Religion unter Strafe – so beispielsweise der jedweder Religionsbindung unverdächtige, ehemalige SPD-Generalsekretär Klaus-Uwe Benneter.
Andere Beobachter gingen etwas weiter in die Tiefe.
So folgte der Hinweis darauf, dass es in den islamischen Staaten an der Tagesordnung sei, andere Menschen und Religionen – allen voran die Juden – nicht nur in Karikaturen – und eben auch nicht nur – zu verunglimpfen.
Niemand, so einige Kommentatoren, könne sich daran erinnern, dass deswegen tausende fanatisierte Menschen protestierend auf die Straßen gegangen seien und Botschaften angezündet hätten. Von der Gefahr, hier könne sich Huntingtons Kampf der Kulturen anbahnen, war die Rede.
In der internationalen Politik folgten die obligatorischen Erklärungen – man teile die Entrüstung, appelliere aber an die Friedlichkeit der Proteste.

Die Vorgeschichte

Ursache des Aufstandes? Die dänische Tageszeitung „Jyllands Posten“ hatte im Herbst des Jahres 2005 Karikaturen veröffentlicht, in denen arabisch anmutende Terroristen als “das Gesicht Mohammeds” dargestellt wurden. Einige dänische – oder in Dänemark lebende – Moslems fühlten sich davon beschwert – und beschwerten sich bei dänischen Regierungsvertretern. Dort blitzten sie ab.
Zu Recht. Denn was, so muss sich der aufgeklärte Mitteleuropäer fragen, haben staatliche Institutionen mit in unabhängigen Medien veröffentlichten Karikaturen zu tun? Nichts! So zumindest lautet die Antwort, so weit es sich bei den Inhalten der Karikaturen nicht um eindeutig nachweisbare Straftatbestände wie die Aufforderung zum Mord oder die Herabwürdigung von Menschen handelt.
Die karikaturistische Darstellung Mohammeds als Terrorist mag von Moslems als Beleidigung ihres Propheten empfunden werden – faktisch aber ist sie in einem laizistischen Staat kein Straftatbestand. Sie ist legitimiert durch die Freiheit von Meinung, Presse und Kunst.

Kampf gegen die Freiheit

Folgerichtig sahen die Regierungsstellen in Dänemark keinen Handlungsbedarf – und die Beschwerdeführer wandten sich an die Gerichte – im säkularen Dänemark wiederum ohne Erfolg. Immerhin aber ein gangbarer Weg, mit dem es im laizistischen Staat sein Bewenden hätte haben müssen. Zu denken geben muss jedoch allein schon die Tatsache, dass Vertreter der in Dänemark lebenden Moslems sich in Sachen Karikaturen zuerst direkt an die politische Exekutive gewandt haben.

Ein anderes Staatsverständnis

Denn dahinter steht nicht das freiheitliche Staatsverständnis der europäischen Demokratien, sondern das Denken in den Dimensionen des Obrigkeitsstaats. Nur ein solcher wäre in der Lage, der Presse Veröffentlichungsregeln aufzuerlegen, wenn diese nicht von sich aus sich zur Selbstzensur in der Lage zeigt.
Fazit: So sehr eine solche Feststellung gegen den politisch korrekten Mainstream einer multi-kulturellen Gesellschaft verstoßen mag – jene in Dänemark lebenden, sich beschwert fühlenden Moslems teilen offenkundig einige Grundelemente christlich-abendländischer Demokratie-Tradition nicht. Maßgeblich zu nennen sind die Freiheit und Unabhängigkeit der Presse sowie die strikte Trennung von Staat und Religion.
Nun gut, mag man sich beruhigen, auch in der Welt mächtigster und sich als freiheitlichste empfindender Demokratie, den Vereinigten Staaten von Amerika, gibt es religiöse Eiferer, die beispielsweise die Aufgabe des Staates darin erblicken, die Lehre der längst als wissenschaftliche Erkenntnis belegten Evolutionstheorie zu untersagen – weil diese angeblich im Widerspruch zum Wortlaut der Bibel stehe.
Insofern hätte der dänische Vorgang damit abgeschlossen sein können – doch statt dessen sahen sich besagte Islam-Anhänger genötigt, ihre Beschwerde unmittelbar im islamischen Geltungsbereich vorzutragen und beispielsweise ägyptische Geistesgelehrte einzuschalten.

Der Koran: Nicht zuständig

Doch auch dort fiel die erste Reaktion eher verhalten aus. Dieses mag gute Gründe haben, die nicht zuletzt im Koran selbst begründet sind.
Denn: Anders als seinerzeit die Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie ist ein Glaubensurteil gegen Nicht-Moslems in der Regel nicht vorgesehen. Naheliegend, denn auch dem Islam ist bewusst, dass Religionsgesetze nur Anwendung finden können auf Bekenner der Religion. Salman Rushdie ist Moslem, und als er nach Auffassung islamischer Glaubensgelehrter den Islam beleidigte, fiel dieses in die Zuständigkeit islamischer Rechtsgelehrtheit. Der dänische Karikaturist aber ist ein in einer christlichen Gesellschaft aufgewachsener Atheist. Und als dänischer Nicht-Moslems fällt er kaum unter die Gerichtsbarkeit islamischer Glaubenslehre.
Mehr noch als die Anrufung der Exekutive offenbart dieser Schritt des Protest-Exports jener in Dänemark lebenden Moslems jedoch einen tiefen Graben zwischen christlich-abendländischem Staats- und Gesellschaftsverständnis und den Anschauungen eben jener Moslems.

Kein Loyalitätskonflikt

Eine maßgebliche Ursache dafür liegt in der Identitätsbildung des Menschen – und damit in der Wertigkeit unterschiedlicher Identitätsebenen im Bewusstsein des Individuums.
Für besagte in Dänemark lebenden Moslems ist ihre islamische Identität – und damit in der Konsequenz auch ihre islamische Loyalität – offenkundig höherwertiger als ihre dänische. Und das unabhängig davon, ob sie als dänische Staatsbürger durch ihr Vorgehen ihre Loyalitätspflicht gegenüber dem eigenen Dänemark verletzt haben oder als Gäste des dänischen Gemeinwesens mit anderer Staatsangehörigkeit zu akzeptieren gehabt hätten, dass die dänischen Spielregeln des staatlich-gesellschaftlichen Zusammenlebens nicht unbedingt identisch mit ihren eigenen oder denen ihrer Heimatländer sein müssen.
Dem europäisch geprägten Betrachter allerdings sei gesagt: Dieses ist innerhalb islamischer Logik kein Loyalitätskonflikt, denn in der islamischen Glaubenslehre spielt der Staat tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle.
Das moderne europäische Staatsverständnis beruht auf Selbstbestimmung und Nation. Beides ist ohne die humanistische Aufklärung des Abendlandes und der daraus folgenden Ablösung des Primats der Religion undenkbar.

Islam ohne Aufklärung

Hier aber liegt ein entscheidendes Problem, das die Europäer – und mit ihnen die europäisch-geprägten Amerikaner – nicht zur Kenntnis nehmen: Die Aufklärung ist ein Phänomen des Christlichen Abendlandes.
Im Islam hat es eine der christlich-abendländischen Aufklärung vergleichbare, gesellschaftliche Entwicklung bis zum heutigen Tage nicht gegeben. Und es liegt auf der Hand, dass jene islamischen Kräfte, die als islamistische Politiker davon unmittelbar profitieren, wenig Interesse haben, einer islamischen Aufklärung Raum zu geben.
Wie tief dieser kulturelle Graben ist, zeigt sich nicht zuletzt in der Empörungsmaschinerie – durch interessierte Kreise in der islamischen Welt gezielt entfacht, als man sich der Instrumentalisierbarkeit des mittlerweile zum „Karikaturenstreit“ mutierten Protestes als scheinmoralische Keule gegen den Westen bewusst wurde.

Der Westen hält still

So erregte sich niemand – weder in Europa und erst recht nicht in der islamischen Welt – darüber, dass indonesische Protestierer Plakate mit sich führten, auf denen europäisch anmutenden Gesichtern mit asiatischen Krummdolchen die Kehlen durchgeschnitten wurden und das Blut in alle Himmelsrichtungen spritzte.
Niemand erregte sich darüber, dass in Teheran und anderswo Strohpuppen, die den dänischen Ministerpräsidenten darstellen sollten, verbrannt wurden – im christlichen Abendland wurde die Ketzerverbrennung erst durch die Aufklärung in Frage gestellt.
Kaum der Beachtung fand man es wert, dass in Peshavar der örtliche Gouverneur die Bestrafung des Karikaturisten als Terrorist einforderte – als hätte jener in New York, Madrid, London und anderswo Zigtausende unschuldiger Menschen ermordet.
Das Verbrennen von Staatsflaggen – diesmal traf es vorrangig Dänemark und Norwegen – wird im aufgeklärten Westen ohnehin eher als Randnotiz wahrgenommen.
So absurd es klingen mag: Dieses offenkundige Desinteresse der aufgeklärten Europäer an jenen Exzessen offenbart gleichzeitig eine moderne Form des Rassismus. Denn es scheint uns Europäern völlig normal, dass die Völker des Islam derart mittelalterlich-anachronistische Verhaltensweisen an den Tag legen. Und wir tun damit zwangsläufig jenen Unrecht, die als gläubige Moslems sich der Notwendigkeit einer islamischen Aufklärung durchaus bewusst sind.
Die Diskrepanz im Denken brachte ein zufällig gefilmter Protestierer auf den islamistischen Punkt:
„Wir geben unser Blut für Allah und Mohammed!“.
… wann zuletzt hat ein Europäer gerufen:
„Wir sterben für Gott und Jesus“?

Wenn das Gleiche geschähe …

Was wohl geschähe, wenn in Berlin empörte Deutsche auf die Straße gingen und das grüne Banner des Islam anzündeten?
Was geschähe, wenn in Kopenhagen geschmähte Dänen eine Strohpuppe mit dem Antlitz des iranischen Präsidenten abfackelten?
Was geschähe, wenn in Paris aufgebrachte Franzosen Plakate in die Kameras hielten, auf denen einem Asiaten die Kehle mit dem Bayonett durchgeschnitten würde?
Unabhängig davon, dass dem aufgeklärten Europäer allein diese Vorstellung gänzlich absurd vorkommen muss und selbstverständlich sofort Rassismus und Fremdenfeindlichkeit angeprangert worden wäre – käme es dazu, wäre der Aufschrei des Entsetzens in den islamischen Regionen voraussichtlich noch unüberhörbarer als angesichts der Karikaturen-Empörung.
Gleichzeitig aber würde man diese Sprache besser verstehen als abstrakte Exkurse über Menschenrecht und Pressefreiheit.

Ein multiples Dilemma

Europäer und Amerikaner stehen vor einem multiplen Dilemma. Nicht nur, dass sie die aufgebrachten islamischen Massen nicht verstehen können. Sie wissen letztlich auch nicht: Wer sind unsere Partner, wenn wir den Dialog der Kulturen einfordern?
Jene hysterisch-psychopathischen Massen, die nach dem Blut der Gotteslästerer rufen, um die gedachte Ehre eines vor fast 1400 Jahren verstorbenen Religionsstifters zu retten?
Jene, für die der Tod des Individuums vernachlässigbar ist angesichts der Ehre ihres Gottes?
Jene, denen Gottes Reich auf Erden allemal höherwertig erscheint als jedwede Errungenschaft aufgeklärter Zivilisation?
Die christlich-abendländische Kultur steht vor einem unlösbaren Problem: Die Diskrepanz zwischen jenen fanatisierten Massen und dem aufgeklärten Europäer ist im traditionellen Dialog nicht zu überwinden. Warum? Es gibt keine gemeinsame Sprache!
Die Sprache des aufgeklärten Europäers ist geprägt von der Freiheit, Selbstbestimmung und Unversehrtheit des Individuums.
Nicht zuletzt zwei katastrophale Kriegsphasen und die damit einhergehende Menschenverachtung von Holocaust über Gulag bis Flächenbombardement haben es uns gelehrt: Weder dogmatische Religion noch politische Ideologie dürfen das Handeln des Menschen prägen.
Die Sprache des im humanistischen Sinne unaufgeklärten Moslems dagegen ist geprägt vom Primat der Religion. Individuum und Staat haben sich diesem Primat unterzuordnen. Seine Sprache entspringt folglich dem Dogma und – im islamistischen Extremfalle – einem politisch-instrumentalisierten Religionsabsolutismus.

Keine gemeinsame Erfahrung

Das europäische Handeln der Gegenwart ist geprägt von der Erfahrung einer selbstzerstörerischen Vergangenheit.
Das Trauma der kollektiven Selbstzerstörung, das die Europäer zur dauerhaften Friedfertigkeit bekehrt zu haben scheint – kein Araber, Indonesier oder Belutsche kann damit etwas anfangen.
Die bei uns so genannten Weltkriege sind aus der Sicht der islamischen Völker nichts anderes als der Kampf zwischen verhassten, christlichen Kolonialmächten.
Am Ende dieses Kampfes der kolonialen Imperien stand die zweite Befreiung der islamischen Nation vom Joch der christlichen Fremdherrschaft – von Marokko bis Indonesien, von Kasachstan bis Kenia.
Im arabisch-islamischen Verständnis der Gegenwart ist das durch abendländisch geprägte Juden gegründete Israel nicht die legitime Heimstatt eines einst von dort vertriebenen Volkes, sondern eine letzte Bastion der fränkischen Kreuzritter im Heiligen Land. Wenn der iranische Präsident den Holocaust als Lüge bezeichnet, dann einzig und allein deshalb, um so dem Staat Israel die aus seiner Sicht letzte, mögliche moralische Legitimation zu entziehen.
Die Interventionen von Amerikanern, Europäern und Russen in islamischen Ländern wie Afghanistan, Tschetschenien und dem Irak werden als christlich-koloniale Unterdrückung begriffen. So bleibt dem bildungsfremden Moslem auf der Straße auch die christlich-abendländische Bezeichnung „Terrorist“ in ihrem Sinngehalt fremd: Für ihn sind Selbstmordattentäter Kämpfer für die Freiheit der islamischen Nation. Selbst wenn er als denkendes Individuum den Massenmord an Unbeteiligten, an Frauen und Kindern nicht aus vollem Herzen begrüßen sollte: Jegliches menschliche Handeln ist vom göttlichen Willen vorbestimmt und das Individuum kann keine von Gott nicht gewollte Handlung vornehmen – so will es die islamische Lehre.
Was anderes als Instrumente ihres Gottes sind dann Selbstmordattentäter oder Massenmörder im Namen Allahs, wenn Allah sie nicht an diesem Tun hindert?

Eine andere Gedankenwelt

Die Gedankenwelt des islamischen Fanatikers steht insofern derjenigen des christlichen Kreuzritters näher als der des aufgeklärten Europäers. Wie wohl hätte der fanatisierte, christliche Gotteskrieger des 11. Jahrhunderts reagiert, hätte sein islamisches Gegenüber ihn zum friedlichen Dialog aufgefordert? Vermutlich hätte er ihm das Schwert durch die Brust gerammt und im Namen seines Gottes die bedingungslose Herausgabe der geschändeten Heiligtümer in Jerusalem und anderswo eingefordert.
Wenn dennoch intellektuelle Nahost-Experten und europäische Islamwissenschaftler den friedlichen Dialog der Kulturen einfordern, so verkennen sie letztendlich die Wirklichkeit der islamischen Straße. Ihre Ansprechpartner sind Intellektuelle und westlich geprägte Eliten, mit denen ein friedlicher Dialog ebenso selbstverständlich wie ein friedliches Zusammenleben möglich ist. Aber: Repräsentieren diese Eliten tatsächlich die Angehörigen der Völker, mit denen der Dialog zu führen wäre?

Demokratie stärkt den Islam

Damit nicht genug. Das abendländische Dilemma greift noch tiefer. Seit dem Ende dessen, was wir als Zweiten Weltkrieg bezeichnen, sind in zahlreichen ex-kolonialen Ländern westlich geprägte Eliten durch islamistisch geprägte ersetzt worden. Allen voran der Iran, dessen politische Herrschaftsschicht heute von westlichen Idealen weiter entfernt ist als je zuvor.
Die Forderung nach demokratischen Wahlen und entsprechend gewählten Regierungen hat sowohl im Irak als auch in Palästina vorrangig den islamisch geprägten Kräften – von westlichen Kommentatoren häufig gänzlich unsinnig als Konservative bezeichnet – gedient.
Was sollte die palästinensische Hamas bewegen, den „Kreuzritterstaat Israel“ anzuerkennen, wenn das bedeutet, den Anspruch auf die bis 1948 islamisch geprägten Gebiete zwischen Mittelmeer und Jordan aufzugeben?
Was sollte den iranischen Präsidenten bewegen, seine national-islamischen Phantasien aufzugeben, wenn dieses für ihn nichts anderes bedeutet, als einem neuen, christlichen Kolonialismus Tür und Tor zu öffnen?
Was sollte die irakischen Schiiten davon abhalten, einen gottgefälligen Staat zu etablieren, wenn jene, die sie vom Joch der verhassten sunnitischen Glaubensbrüder befreiten, das Land verlassen haben?
Wir sollten uns nichts vormachen: Wirklich freie Wahlen in anderen islamisch geprägten Staaten würden zu ähnlichen Ergebnissen führen.
Warum? Weil die Forderung westlicher Politiker nach Zwangsdemokratisierung islamischer Staaten absurd ist, solange demokratisches Denken in den Völkern selbst keine Basis hat.
Die Demokratie, so wie die Europäer sie heute verstehen, ist mehr als die Selbstbestimmung eines Volkes über seine politische Elite. Denn das für sich allein würde bedeuten, einer – relativen – Mehrheit das Recht zu geben, Minderheiten im Namen der Demokratie radikal zu unterdrücken. Es würde bedeuten, den Demokraten das Recht zu geben, sich selbst auf demokratischem Wege durch ein totalitäres System zu ersetzen.
Das europäische Demokratiemodell ist daher ohne das humanistische Fundament von Toleranz und Menschenrecht, der Achtung vor dem Mitmenschen und dessen Vorstellungen, undenkbar.
Die Ideale des Humanismus wiederum basieren ausschließlich und uneingeschränkt auf der christlich-abendländischen Aufklärung.
Wie aber soll ein solches Modell funktionieren in einer Gesellschaft, der jedwede christlich-abendländische Aufklärung abhold ist? Wenn Humanismus begriffen wird als ein Propagandabegriff des zum Untergang verdammten Christentums im Kampf gegen die wahre Lehre?

Rückkehr zur Apartheit

All dieses wird in den politisch-intellektuellen Kreisen des Abendlandes nicht gesehen – und der Traum vom friedlichen Dialog mit der Folge eines friedlichen Zusammenlebens der Völker und Religionen wird weiter geträumt – und zerplatzen.
Israel hat bereits seine eigenen Konsequenzen gezogen. Als von der abendländischen Welt gern so betrachteten Friedensbeweis zieht man sich zurück aus palästinensischen Gebieten, um gleichzeitig im wahrsten Sinne des Wortes eine unüberwindbare Mauer gegen den Terror aufzubauen.
Tatsächlich hatte diese Politik des Falken Ariel Sharon mit Friedensbereitschaft nur sekundär etwas zu tun.
Vielmehr geht es darum, jene auszugrenzen und nach Möglichkeit zu isolieren, die zu einem humanistisch-abendländischen Interessenausgleich nicht bereit sind, und sich gleichzeitig aus Gebieten zurück zu ziehen, deren militärische Kontrolle unnötig hohe Opfer erfordert hätte, ohne dass damit auch nur ansatzweise ein geostrategischer oder ökonomischer Nutzen verbunden gewesen wäre. Der demokratische Sieg der Hamas wird Israel in dieser Politik bestärken.

Neuausrichtung der US-Politik

Die Politik der USA bis zum ersten Waffengang gegen den Irak konzentrierte sich darauf, gewogene Machteliten in ihren Positionen zu stärken und so die eigenen ökonomischen Bedürfnisse abzusichern.
In dieser Politik war es nachrangig, ob damit die Umsetzung von Menschenrechten im westlichen Sinne einherging.
So konnte und kann das wahabitische Herrscherhaus der Saudi ungehindert ein im abendländischen Sinne mittelalterliches Strafrecht exekutieren.
Ägyptens Bildungsbürger Husni Mubarak durfte und darf die Moslembruderschaften mit demokratisch fragwürdigen Staatssicherheitsmaßnahmen im Zaum halten.
Die algerische, ebenfalls westlich geprägte Herrschaftselite konnte einen schmutzigen Krieg gegen jene islamischen Fundamentalisten im eigenen Lande führen, die in freien Wahlen bereits mehrheitsfähig geworden waren.
Die neue Politik der USA – wir könnten sie unter dem propagandistischen Schlagwort „Befreie und Demokratisiere!“ zusammenfassen – ist dagegen eine selbst gestellte Falle. Denn sie geht von der irrigen Annahme aus, christlich-abendländische Kulturwerte exportieren zu können. Genau dieses aber wird von fundamentalistischen Moslems als moderne Spielart des imperialistischen Kolonialismus vehement bekämpft.

Die islamische Aufklärung

Tatsächlich gibt es nur einen Weg, einen friedlichen Ausgleich zwischen Abendland und Islam zu organisieren: Die islamische Welt muss aus sich selbst heraus eine der christlichen Aufklärung vergleichbare Entwicklung durchmachen. Davon allerdings scheint sie heute weiter entfernt denn je.
Nichts deutet darauf hin, dass islamische Aufklärer an Bedeutung gewinnen werden. Ganz im Gegenteil: Die Fertilität islamischer Gesellschaften, in denen heute schon rund 80 Prozent der Bevölkerung unter 35 Jahre alt sind, schafft ein ständig wachsendes Menschenpotential, das nach gegenwärtigem Kenntnisstand kaum ökonomisch sinnvoll beschäftigt werden kann. Die Masse unzufriedener weil unbeschäftigter junger Menschen wird das Menschenpotential der Gotteskämpfer nicht versiegen lassen.
Wer die Bilder aus pakistanisch-islamischen Koranschulen im Hinterkopf hat, in denen sechsjährige Jungen unter ständigem Hin- und Herschwenken Koranverse rezitieren, wird wissen, dass diese Art der Gehirnwäsche ein weiteres dazu tun wird, den Nachschub islamistischer Gotteskrieger nicht versiegen zu lassen.
Islamische Gelehrte werden sich – im Zweifel wider besseres Wissen – zurück halten, einen humanistischen Islam zu predigen, denn es würde sie von der Masse ihrer Gläubigen entfremden.
Islamische Herrschaftseliten werden entweder weiterhin – wie die wahabitischen Saudi – eine scheinbar liberale Außenpolitik mit innenpolitischer Intoleranz und der klammheimlichen Unterstützung islamistischer Bewegungen verknüpfen – und dennoch die Unzufriedenheit der Massen nicht vermeiden können.
Westlich aufgeklärte Machteliten werden um des eigenen Überlebens willen zunehmend auf Repression gegen fundamentalistische Bewegungen setzen müssen – und damit als scheinbare Repräsentanten einer westlich geprägten Gesellschaft die Massen für tolerante Gesellschaftssysteme nicht gewinnen können.

Die Aufgabe des Humanismus

Die Alternative? Die humanistische Schere in unserem Kopf weigert sich, sie darzustellen. Selbst der renommierte Islamkenner Peter Scholl-Latour, einer der wenigen Mahner, beschränkt sich auf Andeutungen. Denn letztlich wird die Konsequenz die Aufgabe der humanistischen Errungenschaften in der christlich-abendländischen Kultur sein – schleichend vielleicht und deshalb kaum wahrnehmbar. Aber im Ergebnis radikal.
Erste Schritte sind bereits getan.
Die irrationalen Proteste in der islamischen Welt gegen die dänischen Karikaturen und die bereitwillige Übernahme der islamischen Kritik durch christliche Appeasement-Politiker werden zwangsläufig jeden freien Journalisten daran hindern, vergleichbares zu wiederholen. Das einst vom Vater der Islamisten, Khomenei, gegen Salman Rushdie verhängte Veröffentlichungsverbot gilt ab sofort mittelbar auch für nicht-islamische, abendländische Islam-Kritiker.
Eine Alternative hierzu scheint der israelische Weg der weitest möglichen Abschottung gegen jene im Westen als Terroristen begriffenen Kräfte zu sein. Das aber müsste zwangsläufig zum Generalverdacht gegen jede Person führen, die sich zum Islam bekennt.
Auf rund 1,2 Milliarden Menschen wird die Anhängerschaft Mohammeds heute weltweit geschätzt – 1,2 Milliarden potentielle Terroristen?
Allein mit einer großen Mauer vom Gelben Meer bis zum Atlantik wäre es kaum getan. Die Geschichte lehrt uns, dass jedwede Mauer, von Chinas Großer bis zum römischen Limes, den Ansturm von Kulturgegnern auf Dauer nicht verhindern kann.
Das im Spanien des 15. Jahrhunderts erfolgreiche Modell der Reconquista – von Zwangschristianisierung bis Ausweisung – widerspricht den humanistischen Idealen der Glaubenstoleranz fundamental. Eine neue Reconquista wäre gleichbedeutend mit dem Ende der laizistischen Gesellschaft.

Die Hydra des Terrors

Ohnehin: Das Abendland ist bis auf weiteres auf morgenländische Rohstoffressourcen angewiesen. Wie sollte in einer solchen Situation eine Kulturapartheit installiert werden, will man nicht exterritoriale Enklaven schaffen, die als Rohstoffbastionen wie einst die Kreuzritterburgen in feindlicher Umgebung existieren müssten? Und dennoch steht zu befürchten, dass es genau darauf hinaus laufen wird. Denn das von den USA unter Georg Walker Bush angestrebte Ziel, der Schlange den Kopf abzuschlagen, um so die Pax Americana zu garantieren, hat sich als wenig erfolgreich erwiesen – die Schlange erweist sich als Hydra, die jeden abgeschlagenen Kopf durch zwei neue ersetzt.
Angesichts der fanatisierten Karikatur-Proteste spekulierten zahlreiche Talkshows und Kommentare über die Frage, ob der Zusammenstoß der Kulturen – the clash of civilizations – möglicherweise unmittelbar bevorstehe.

Der Krieg hat längst begonnen

Tatsächlich befinden sich die Kulturen der Welt längst mittendrin in diesem Konflikt. Ein Konflikt, der sich als der erste wirkliche Weltkrieg erweisen könnte. Es ist nicht zwingend ein Krieg zwischen Christen und Moslems. Aber es ist ein Krieg zwischen Humanismus und Dogmatismus. Es kann ein Krieg sein, in dem aufgeklärte Atheisten und Anhänger der Weltreligionen von Christen, Juden und Buddhisten über Hindus bis Moslems gemeinsam stehen gegen religiöse Dogmatiker aller Konfessionen.
Es ist jetzt schon ein Krieg um die Frage, ob das Primat menschlichen Handelns auf der naturwissenschaftlichen Erkenntnis oder dem metaphysischen Glauben an eine uneingeschränkte Gottbestimmung beruht.
Und es ist damit auch ein Krieg um die Frage, ob die Zukunft der Menschheit in einem freiheitlichen oder einem totalitären System zu finden sein wird.

Kann ein solcher Krieg gewonnen werden?

Der humanistischen Fraktion steht die Erkenntnis und der Fortschritt der Wissenschaft zur Verfügung. Hier wird sie ihren Gegnern immer einen Schritt voraus sein.
Die dogmatische Fraktion dagegen verfügt über ein schier unbegrenztes Potential an fanatisierbaren Kämpfern, denen der Wert des eigenen Lebens gegen Null geht. Sie verfügt über eine Idee, die nicht von dieser Welt ist – und die gerade deshalb ungeahnte Dynamik entfalten kann. Und sie kann sich einer Kriegsführung bedienen, die den humanistischen Vorstellungen eklatant widerspricht. Denn sie ist an humanistische Leitbilder nicht gebunden.

Das Ende des Humanismus

Der unqualifizierte Massenmord an Unbeteiligten, Zivilisten, Frauen und Kindern scheint heute außerhalb der Vorstellungskraft der humanistischen, christlichen Kulturen zu liegen. Doch die dogmatische Fraktion hat ihren Gegner bereits in der Zwickmühle. Was immer die Humanisten tun, dient deren Gegnern bis auf weiteres als Sieg. Um sich gegen terroristische Gefahren zu wappnen, sahen sich die USA zu Eingriffen in die Persönlichkeitsrechte und die Einrichtung von weitgehend rechtsfreien Gefangenenlagern gezwungen – ein erster Sieg im Kampf gegen humanistische Ideale
Die Schere im Kopf freier Journalisten ist ein weiterer fundamentalistischer Sieg im Kampf gegen den Humanismus.
Ein Ende der Finanzierung islamistisch regierter Staaten würde radikalen Kräften weiteren Zulauf bescheren. Die Fortsetzung der Finanzierung wiederum würde den Radikalen bescheinigen, dass der von den Humanisten geforderte Verzicht auf Gewalt nichts anderes ist als ein christliches Kriegswerkzeug zur dauerhaften Schwächung des Islam. So oder so – beides wird zu einem Sieg des Dogmatismus werden.
Gleiches gilt für den möglichen Rückzug diplomatischer Vertretungen, Handelsbeschränkungen oder dem Einsatz anderer Varianten der Repression, derer sich die humanistische Kultur immer dann bedient, wenn sie ohne Waffengewalt in den Kampf zieht.
Hat die humanistische Welt daher den Krieg der Kulturen schon verloren, bevor sie sich dieses Krieges bewußt wurde?

Der Humanismus verliert

Fast möchte man diese Frage mit Ja beantworten. Denn entweder die aufgeklärte Welt hält an ihren Idealen fest – und wird diese Ideale unter dem Druck fundamentalistischer Doktrinen verlieren. Oder sie verrät ihre Ideale, um im Kampf gegen die Fundamentalisten erfolgreich sein zu können.
Beide Vorstellungen können dem aufgeklärten Europäer nur Schauer über den Rücken jagen …