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Wahrheit Religion Wirklichkeit – NEUERSCHEINUNG

Was ist wahr – was ist unwahr? Ist die Wahrheit richtig oder ist das Richtige wahr?
Wie verhält es sich mit dem Gutem – wie mit dem Bösen?

Der Politikwissenschaftler und Religionskritiker Tomas Spahn setzt sich im ersten Teil des vorliegenden Buches mit der grundsätzlichen Frage auseinander, wie diese häufig ineinander greifenden Begriffe zu definieren sind.
Im Hintergrund steht dabei immer auch die Frage, ob das, was als Wahrheit verkündet wird, nicht tatsächlich eine Unwahrheit ist.
Mit Blick auf die drei monotheistischen Religionen kommt der Autor zu einem einfachen Schluss: Ob Ideologie oder Religion – sie verbreiten niemals „die Wahrheit“, aber sie prägen als Religion die Wirklichkeit.

Im zweiten Teil setzt sich Spahn mit der Einordnung dessen auseinander, was als „radikaler Islamismus“ die Diskussion bestimmt – und kommt zu dem Ergebnis, dass dieser Begriff entweder eine Tautologie oder ein Oxymoron ist. Das, was als „radikaler Islamismus“ scheinbar vom Islam zu trennen ist, erweist sich bei sachlicher Betrachtung als nichts anderes als ein fundamentalistischer Islam.

Im dritten Teil folgen Auseinandersetzungen mit der Frage, welche Zukunft die jüdisch-christliche Errungenschaft des Humanismus angesichts der Bedrohung durch die Irrationalität fanatischer Glaubensfundamentalisten hat – und wie anhand der Glaubensbekenntnisse der abrahamitischen Religionen deren Verhältnis zu und der Erfolg oder Misserfolg ihrer Mitglieder in der Wissenschaft zu erklären ist.

Ein Buch, das ebenso in die philosophische Tiefe geht, wie es tagesaktuelle Verständnisse und Missverständnisse zu verstehen hilft.

*

    „Von Gott zum Allzumenschlichen.
    Diese Schrift Spahns ist eine erkenntnistheoretische Selbstbehauptung im Stil des Ringens um Vernunft in der europäischen Aufklärung. Sie beginnt mit einem Schopenhauerzitat, ist dabei Descartes noch näher und steht auch Bultmann und Lapide nicht fern.
    Die Gedanken dieses Bandes sind umfassend und notwendigerweise etwas ausholend. Sie richten sich stringent gegen die politische Dimension von Religion und insbesondere den Islam als Mogelpackung der Menschen-Manipulation.
    Spahn liest man. auch wenn man einen breiten Bildungshorizont hat, immer mit Gewinn, selbst wenn man seine Thesen nicht teilt oder manches bereits bekannt ist. Wer Letzteres beklagt, wird mit innovativen und modernen Deutungen dafür bestens entschädigt. Und die religionshistorischen Ausflüge des Autoren sind allemal des Nachdenkens wert.
    So führt Spahns Auseinandersetzung des realen Menschen mit einer immanenten, aber fiktiven Göttlichkeit zwangsläufig in die Politik von der Vergangenheit bis heute und macht gerade deshalb widerstreitende Sichtweisen gegenständlich. Das macht das Werk zu einer notwendigen Streitschrift im traditionell bewährten Sinne. Vielen mögen die dargelegten Thesen zu krass und respektlos erscheinen. In meine Moderne passen sie – und Giordano Bruno hätte seine helle Freude.“
    T.K.

    ISBN 978-3-943726-69-5 – 16,80 € – 210 Seiten

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Was die Glaubensbekenntnisse der drei monotheistischen Religionen über ihre Anhänger und deren wissenschaftlichen Ansatz aussagen

Pro und Contra des Gottesbeweises

Glaube ist die Wahrheitsannahme einer unbeweisbaren Wahrheitsvermutung.

Religion ist der Alleinwahrheitsanspruch dieser Wahrheitsannahme einer unbeweisbaren Wahrheitsvermutung.

Aus dieser unbestreitbaren Tatsache ergibt sich der überaus spannende Rückschluss, dass jeglicher Versuch des Gottesbeweises, gleich ob im Ergebnis positiv oder negativ, zwangsläufig gegen die Religion gerichtet ist. Denn sollte man beweisen können, dass es Gott nicht gibt, dann müsste jegliche Religion, die eine Gottesexistenz behauptet, als wirres Psychopathentum verdammt werden. Sollte hingegen der Beweis der Gottesexistenz gelingen – ja, auch dann wäre dieses das Ende von Religion. Denn Religion lebt zwingend in der Abhängigkeit von der Wahrheitsannahme des Religionsgegenstandes durch ihre Anhänger – und ohne Wahrheitsannahme, die wir als Glaube bezeichnen, keine Religion.

Der Kern des Glaubens ist – siehe oben –jene Wahrheitsannahme einer unbeweisbaren Wahrheitsvermutung. Würde die Wahrheitsvermutung durch Beweis zur bewiesenen Wahrheit, dann wäre es überflüssig, sie als wahr anzunehmen – denn sie wäre es. Die Vermutung wäre durch die Wahrheit ersetzt worden. Da nun aber die Wahrheit zwangsläufig wahr ist und ich mich bei der Wahrheit nicht der Annahme dieser Wahrheit hingeben muss, wäre dem Glauben damit jegliche Grundlage seiner Existenz entzogen. Der Gegenstand seines Glaubens wäre nunmehr bewiesenes Wissen.

So gilt denn diese Feststellung: Nicht der Nichtglaube als ebenso unbeweisbare Nichtexistenzbehauptung eines Gottes ist der ärgste Feind der Religion, sondern der Gottesbeweis. Denn wer immer den Beweis der Existenz Gottes erbringt, zerstört die Notwendigkeit, an diesen Gott zu glauben, womit die Religion an sich am Ende wäre.

Glaube als Kern von Religion lebt folglich davon, dass das, woran er zu glauben vorgibt, weder beweisbar noch nicht beweisbar ist: Gott darf nicht sein, um sein zu können.

Das nun aber führt uns zu einer anderen, einer fundamentalen Frage. Wenn es so ist, dass Religion nicht nur des Beweises nicht bedarf, sondern dieser im Positiven wie im Negativen ihren Untergang bedeuten müsste – warum sind dann die Religionen so eifrig bemüht darum, die Existenz ihres Gottes als bewiesen zu behaupten? Und tun sie dieses überhaupt – oder erwecken sie vielleicht nur den Anschein, es zu tun? Werfen wir einen Blick auf die Glaubensbekenntnisse der drei großen monotheistischen Religionen.

Das Bekenntnis der jüdischen Religion

Das jüdische Glaubensbekenntnis lautet:

„Höre, Israel. Jahwe, unser Gott, ist einzig. Darum sollst du Jahwe, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ Dtn/M5.0604

Das ist ein Befehl. Oder formulieren wir es zurückhaltender als Auftrag. Dieser Auftrag setzt den Gott Jahwe als existent voraus. Will sagen: Wer sich dieser Anordnung unterwirft, der geht zwingend von der Existenz des einen Gottes aus. Dieser Gott ist Tatsache, der keines Gottesbeweises bedarf. Dieser Tatsache wiederum ist es geschuldet, dass man diesen Gott vollumfänglich lieben soll. Aber das ist eben nur ein Auftrag. Die Existenz des Gottes bleibt unberührt davon, dass der einzelne Mensch, der an der Existenz dieses einzigartigen Gottes keinen Zweifel hat, sich möglicherweise dem Gebot entzieht und diesen Gott nicht so vollumfänglich liebt, wie es von ihm gefordert wird.

Juden – nur so kann dieses Bekenntnis verstanden werden – glauben insofern überhaupt nicht an einen Gott. Denn sie haben dieses angesichts dessen zwingender Existenz weder nötig noch wäre es ihnen möglich. An Tatsachen – siehe oben – kann man nicht glauben. Für einen Juden ist Gott Wahrheit – auch wenn in Wahrheit bislang niemandem ein wissenschaftlich unabweisbarer Gottesbeweis gelungen ist. So bleibt die Feststellung unvermeidbar: Ein Glaubensbekenntnis ist die religiöse Formel der Juden nicht. Eher ein recht konkreter Bekenntnisauftrag.

Das Bekenntnis des Islam

Das islamische Glaubensbekenntnis geht einen deutlichen Schritt weiter als das jüdische. Es lautet:

„Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah, und dass Mohammed der Gesandte Allahs ist.“

Hier wird nicht nur wie bei den Juden die Existenz des Gottes als wahr vorausgesetzt – der vorgeblich Gläubige selbst bezeugt, dass es nur diesen einen Gott gibt. Er, der Mensch, wird zum Zeugen und zum Zeugnis der Existenz seines Gottes.

Um etwas bezeugen zu können, ist der vorangegangene Wahrheitsbeweis unvermeidbar – andernfalls ist diese Bezeugung nichts anderes als eine inhaltsleere Floskel ohne jeden Wert. Soll dieses Bekenntnis ernst genommen werden, so ist der Wahrheitsbeweis des Bezeugten als erfolgt zu unterstellen.

Damit jedoch sind auch Muslime vergleichbar den Juden keine Glaubenden. Sie sind auch nicht nur, wie die Juden, Wissende. Denn sie wissen nicht nur, dass Gott Allah existent ist – sie können diese Existenz als Mensch und durch ihre Existenz als Mensch bezeugen.

Das hat eine deutlich höhere Qualität des existentiellen Gottesseins als jene mosaische Formel. Und es verlangt darüber hinaus nach der Frage, was es notwendig macht, dass ein Mensch die Existenz seines Gottes nicht nur wie die Juden als solche voraussetzt, sondern er selbst es ist, der die Existenz des Gottes bezeugen muss – als ob dieser selbst nicht in der Lage wäre, seine eigene Existenz zu beweisen? So bewegt sich das muslimische Glaubensbekenntnis in der Nähe eines circulus vitiosus: Die Existenz des Menschen ist der Beweis der Existenz Gottes, welcher wiederum den Menschen erst zum Beweis seiner Existenz geschaffen hat. Mensch ist, weil Gott ist und Gott ist, weil Mensch ist.

Das Bekenntnis der Christen

Und wie nun halten es die Christen? Ihr Glaubensbekenntnis ist mit dem der Juden und Muslime nicht zu vergleichen, denn bereits das nicäische Glaubensbekenntnis, das auf das Jahr 325 zurückgehen soll, beginnt mit dem Satz:

„Ich glaube an einen Gott, den allmächtigen Vater …“

Dieser Einstieg der christlichen Gläubigen in ihr Bekenntnis hat sich bis heute in dieser Form erhalten – und er verdeutlicht, dass die Christen tatsächlich im Gegensatz zu Juden und Muslimen Gläubige und nicht Wissende sind. Denn anders als die beiden ihnen verwandten Religionen betonen sie den Glaubenscharakter: Christen glauben, dass etwas ist. Wer aber glaubt, der weiß nicht. Und wer nicht weiß, der kann seine Zuflucht nur zum Glauben, nicht aber zum Wissen nehmen.

Gemeinschaften von Wissenden und Glaubenden

So kristallisiert sich allein aus diesen jeweiligen Einstiegen in das Bekenntnis dessen, was die Religionen als Formel zum Gottesbekenntnis bezeichnen, deutlich heraus: Eine Gemeinschaft von Gläubigen gibt es nicht bei den Juden und nicht bei den Muslimen – es gibt sie nur bei den Christen. Juden und Muslime hingegen bilden jeweils eine Gemeinschaft von Wissenden – und so können sie als Wissende nicht Gläubige sein.

Erkenntnis ohne Relevanz?

Ist das nun wortverliebte Haarspalterei – oder hat dieses über die theoretische Feststellung hinaus Relevanz?

Ich werde diese Frage hier vielleicht nicht abschließend beantworten, jedoch scheint mir ein fundamentaler Unterschied eklatant: Jenseits jeglichen klerikalen Alleinvertretungsanspruchs bis hin zur Häretisierung christlicher Glaubensbrüder erlaubt ein bloßes Glauben immer auch die Frage nach dem Wie, dem Woher, dem Was und dem Warum. Wer etwas glaubt, der erklärt, das zu Glaubende letztlich nicht zu wissen. Und er hat zumindest das Recht, wenn nicht die Pflicht, nach diesem Wissen zu streben.

Dem Glaubenden ist die Frage erlaubt, ob das, an was er glaubt, so ist, wie er es zu glauben meint. Das wiederum unterscheidet ihn vom Wissenden. Denn der ist dieser Frage enthoben. Wer weiß, der muss nach dem, was ist, nicht mehr fragen. Ganz im Gegenteil wäre diese Frage ein Verrat an sich selbst – denn sie wäre das Eingeständnis einer selbstbetrügenden Lüge.

Deshalb zumindest bezeugen Muslime nicht nur allein die Existenz ihres Gottes, sondern gleichzeitig auch die Existenz ihres Gottesgesandten. Das Zeugnis schließt jeglichen Zweifel, jede mögliche Frage nach dem Was, dem Woher, dem Warum und dem Wohin kategorisch aus.

Und die Juden? Wenn Sie sich zu ihrem Gott bekennen, dann befinden sie sich scheinbar in einer ähnlichen Situation wie die Muslime. Dennoch aber lässt ihre Religion ihnen eine Hintertür offen. Denn anders als das unentrinnbare Dogma des muslimischen Zeugnisses verharrt das mosaische Bekenntnis im Charakter einer Aufforderung. Der Jude selbst bezeugt mit seinem Bekenntnis nichts. Es ist vielmehr die Aufforderung eines wie immer auch zu verstehenden Anderen an ihn, etwas zu tun. Eine Aufforderung aber beinhaltet immer auch die Möglichkeit, sich dieser zu entziehen. So hat der Jude eben genau diese Möglichkeit und ist gefordert, dem Aufforderer bei aller Loyalität gleichsam beständig ein Schnippchen zu schlagen.

Wäre der Jude kein Jude, wenn er sich so verhielte? Doch, denn er bestätigt allein schon mit dem Versuch, sich der Aufforderung zu entziehen, grundsätzlich die Existenz dieses ihn fordernden Gottes. Wäre dem nicht so und wäre die mosaische Gottesexistenz für ihn irrelevant, so bestünde keine Notwendigkeit, sich über die Möglichkeit des Entziehens überhaupt Gedanken zu machen. Der Zweifel an der Absolutheit der Aufforderung des Bekenntnisses setzt die Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft der dieses Bekennenden zwingend voraus – und er eröffnet dem Bekennenden gleichzeitig die Möglichkeit, den Inhalt seines Bekenntnisses zu hinterfragen.

Und der Christ? So er sich unbeeinflusst von möglichen Herrschaftsansprüchen seines Klerus oder anderer, das Bekenntnis fehlinterpretierender Personen dem Christentum zuwendet, wird er nicht nur, er muss sein Leben lang ein Fragender bleiben. Denn er glaubt an etwas, von dem er zwar annimmt, dass es so sei – jedoch ist eine Annahme niemals ein Ersatz für einen Wahrheitsbeweis. Und das – siehe oben – soll sie auch nicht sein – sie darf es nicht einmal sein.

Gläubige, Ideologen und Parteigänger

Der Muslim ist daher kein Glaubender. Er ist ein Ideologe, dem die vorgebliche Wahrheit seiner Ideologie als derart unanfechtbar gilt, dass er sich selbst zum Zeugen seines Gottes aufwirft. Jede Frage nach dem Ob der Existenz des bezeugten Gottes und seines Gesandten muss so zum Verrat an der Ideologie werden, welcher die in dieser Ideologie niedergelegten Strafen nach sich zieht.

Doch auch der Jude ist kein uneingeschränkt Glaubender. Er ist vielmehr ein Parteigänger, der jedoch dem Glauben anhängt, sich den Anordnungen des existierenden Gottes durch Intelligenz entziehen zu können und diesen Glauben durch Handlung bestätigen kann.

Der Christ ist weder das eine noch das andere – er ist im eigentlichen Sinne ein Mensch auf der Suche nach seinem Gott, an dessen Existenz er glaubt ohne zu wissen, ob es sie tatsächlich gibt.

Konsequenzen

Hat diese feine, tief in den jeweiligen Religionskonzepten angelegte Differenzierung Konsequenzen? Ich denke, wir können diese Frage ohne Wenn und Aber mit einem Ja beantworten. Dieses Ja lässt sich vielleicht am besten aufzeigen, wenn wir unseren Blick unmittelbar auf das Christentum – oder besser: auf dessen Entwicklung – richten.

Das Christentum des Jesus von Nazareth startete als jüdische Erneuerungsbewegung. Heute würde man vielleicht von jüdischen Fundamentalisten sprechen, wobei dieses den Kern der Sache nicht unmittelbar trifft. Denn so sehr Jesus auch auf den Wegen seines jüdischen Gottes zu wandeln meinte, so waren insbesondere die Aspekte der Nächstenliebe, der uneingeschränkten Jenseitsbezogenheit und der damit verbundenen Absage an jegliche weltliche Macht eher die Ideen eines Mystikers. Ein Reformer im klassischen Sinne als jemand, der die Religion zurück zu ihren geschriebenen und ursprünglichen Inhalten und Zielen bringen wollte – das war Jesus nicht. Er selbst war jedoch auch alles andere als der Neubegründer einer Glaubensgemeinschaft – und schon gar nicht empfand er sich als leiblichen Sohn des einen Gottes. Diese Attribute wurden ihm erst später zugeschrieben.

So ist es wenig verwunderlich, dass die frühen Jesus-Anhänger eher ein Schattendasein fristeten. Für die traditionellen Juden waren sie abtrünnige Sektierer, für das herrschende Rom mit ihren – heute würden wir sagen: humanistisch-kommunistischen – Idealen eher eine Gruppe potentieller Aufwiegler, die die untersten sozialen Schichten des Volkes von der staatlichen Ordnung entfremden konnten.

Der Durchbruch kam mit Konstantin, unter dem eine auf römische Denkart angepasste Jesuslehre zur Staatsreligion wurde. In ihrer Suche auf dem richtigen Weg zu Gott und Jesus entwickelte sich eine Vielzahl von Vorstellungen – es entspricht dieses tatsächlich uneingeschränkt dem ursprünglichen Glaubensansatz: Es glaubte ein jeder Christ an Gott, aber es glaubte ein jeder auf seine persönliche Weise. Dieser Gott der Christen war ein Gott der Innerlichkeit – kein Expressionist.

Da jedoch mit einem Chor unterschiedlichster Glaubensvorstellung kein totalitärer Staat zu machen ist, betonierten die Konzilien seit Nicaea einen einzigen Weg des Glaubens als den allein richtigen – und verrieten damit letztlich ihr eigenes Glaubensbekenntnis, indem sie – ähnlich wie der Islam – den Glauben durch kategorisch behauptetes Wissen ersetzten. In der Rücksicht will es angemessen erscheinen, dem Christentum der Antike und des Mittelalters eine dogmatische Nähe zum ab dem siebten Jahrhundert auftretenden Islam zuzusprechen. Der Christ dieser Zeit durfte nicht mehr der Glaubende sein, der sich auf der ständigen Suche nach dem richtigen Weg zu seinem Gott befand, sondern er wurde zu jemanden, der sich zu dem dogmatischen Weg des Klerus zu bekennen oder um sein Leben zu fürchten hatte. Der Glaubende des Glaubensbekenntnisses wurde zum Bekennenden einer vorgeblichen Glaubenswahrheit.

Die Folgen waren fatal. Hatte die Vielgötterschaft der Antike dem Menschen den Ansporn gegeben, mit oder ohne seinen Gott oder seine Götter die Welt zu erkunden, so folgte in der europäischen Welt nun eine Phase der wissenschaftlichen Stagnation. Nicht mehr der Weg zu einem unbekannten Ziel stand nun im Mittelpunkt der geistigen Beschäftigung, sondern ein bereits bekanntes Ziel, zu dem es nur einen einzigen denkbaren und zulässigen Weg gab, bestimmte die Existenz. Für einen Glaubenden auf der Suche nach Gott war in diesem System kein Platz mehr.

Das Dogma und der islamische Fatalismus

Und dennoch sollte die im Kern des Konzepts des Glaubens verankerte Freiheit des Denkens den Weg freimachen können, um das klerikale Dogma zu überwinden.

Ist es vermessen die Behauptung aufzustellen, dass die Errungenschaften der Aufklärung nur möglich waren in einer Gesellschaft, die durch Glauben geprägt wurde? Ein Glaube, der unter dem weltlichen Machtanspruch eines den Glauben zum Dogma verkehrenden Klerus dennoch sein Kernelement der Suche nach dem richtigen Weg behielt und dem Einzelnen im Glauben die Tür offen ließ, nach den Inhalten seines Glaubens zu suchen und dabei auch Wege zu gehen, die das Dogma nicht zulassen wollte?

Wenn, wie im Weltbild des bezeugenden Muslim festgeschrieben, nichts ist, das nicht der Wille Gottes ist – welchen Sinn macht es dann noch, danach zu suchen? Gott Allah will es, also ist es. Ein Religionskonzept, das den Glauben durch das Bezeugen einer imaginären Wahrheit ersetzt, verliert den Suchenden, den Fragenden. Wenn die Antwort auf jede Frage bereits feststeht und es allein in Gottes Allmacht steht, sie dem Menschen zum richtigen Zeitpunkt zu offenbaren – dann bedarf es niemandes, der sich auf die Suche danach macht. Gott Allah will es, also ist es!

Die Feststellung, dass es kaum Nobelpreisträger islamischer Religion gibt, beruht so weder auf kolonialer Unterdrückung noch auf vorislamischen Traditionen. Es ist das Religionskonzept selbst, das den Forschenden aus der Gemeinschaft der Bezeugenden ausschließt. Denn wer forscht, der unternimmt den Versuch, Gottes Willen zu ergründen bevor Gott selbst gewillt ist, seinen Willen zu offenbaren. In einem System der Bezeugung eines allmächtigen und einzigartigen, allwissenden Gottes wird der Forscher letztlich zum Abtrünnigen. Gott allein entscheidet, wann er Erkenntnis und Wissen über die Menschen bringt – und wer danach trachtet, an dieser Gottesentscheidung etwas zu ändern, offenbart damit seine Zweifel an der Richtigkeit des göttlichen Willens. Mit diesem Zweifel nun wird er auch unfähig, die Existenz des Gottes als wahr zu bezeugen, weil er vom Wissenden zum Zweifelnden geworden ist.

Ohnehin: Wenn allein Gott zu jedem Zeitpunkt alles weiß, was gewusst werden kann; und wenn Gott allein es ist, der darüber zu entscheiden hat, ob und wann er dieses Wissen den Menschen geben wird, dann wird wissenschaftliche Forschung zum Überflüssigsten, was man sich überhaupt vorstellen kann. Denn kein Mensch wird Wissen schaffen können, so der Gott es nicht will. Das aber bedeutet auch: Wenn Gott es will, dann wird er Wissen den Menschen auch dann bringen, wenn sie sich nicht darum bemühen.

Der Mangel an islamischen Nobelpreisträgern liegt insofern ausschließlich im Islam selbst begründet. Die Idee, auf dem Weg zu Gott oder auch an Gott vorbei Wissen quasi zu erschleichen, ist der unmittelbare Widerspruch zum Konzept des Fatalismus.

Auf der Suche nach anderen Wegen

Wie aber ist nun zu erklären, dass es ausgerechnet Juden sind, die deutlich überproportional Nobelpreisträger in ihren Reihen begrüßen? Ist es das Ergebnis Jahrhunderte langer genetischer Selektion, die dieses bewirkt? Möglich, dass diese These, die mir ein befreundeter Haplogenetiker dereinst vorstellte, eine Ursache dafür ist. Vielleicht aber ist es auch viel einfacher – und findet ähnlich wie im Islam seinen Grund im Verhältnis des Juden zu seinem Gott.

Ich wies bereits darauf hin: Scheinbar ist das jüdische Glaubensbekenntnis ähnlich kategorisch wie das der Muslime. Aber eben nur scheinbar. Denn der Jude bezeugt nicht die Existenz seines Gottes – diese wird von ihm als Tatsache vorausgesetzt. Auf dieser Basis erhält er Anordnungen, an die er sich zu halten hat. Eben dieses aber eröffnet ihm den Raum, sich unterhalb der Ebene der Gottesexistenz im Rahmen dieser Order und selbst an dieser Order vorbei individuelle Freiräume zu schaffen. So wird der Anhänger des Judentums zu einem Individuum, das um die Existenz seines Gottes wissend unentwegt nach den Freiräumen fahndet, die dieses Wissen zur Erfüllung eines angenehmen Lebens zulässt. Es gilt, dem existenten Gott ein Schnippchen zu schlagen, das diesen immer nur so weit austrickst, dass es ihn nicht böse macht. Der Jude wird so von seinem Gott zu einem intelligenten Schelm gemacht – es ist die jiddische Chuzpe, die den Charakter jüdischer Witze prägt und die nicht nur das verschmitzte Verhältnis der Juden untereinander, sondern auch zu ihrem Gott beschreibt.

Kaum etwas gibt die Denkweise des Juden in seinem Glauben besser wieder als diese kleine Annekdote:

Ein Jude kommt zum Metzger, zeigt auf einen Schinken und sagt:
„Ich hätte gern diesen Fisch dort.“
„Aber das ist doch ein Schinken“
„Mich interessiert nicht, wie der Fisch heißt!“

Wie kann Gott etwas dagegen haben, dass ein Jude einen Fisch isst. Und was kann der Jude dafür, dass der Fisch „Schinken“ heißt? So kommt der Jude zu dem wohlschmeckenden Schinken, ohne gegen das Gebot seines Gottes verstoßen zu müssen.

Wer so von seinem Gott fast schon dazu gezwungen wird, beständig nach den kleinen und dennoch wirksamen Wegen zu suchen, mit denen sich der manchmal doch recht despotische und autoritäre Wille des Gottes umgehen lässt, der lernt es auch, in der Wissenschaft nach diesen kleinen, unscheinbaren, aber oftmals recht entscheidenden Wegen zu suchen. Muss darauf hingewiesen werden, dass er sie findet? Sicherlich nicht, denn sein Glaubensbekenntnis hat ihm seit nunmehr über zweieinhalb Jahrtausenden beigebracht, genau dieses zu tun. So wie er ständig daran arbeitet, seinen Gott ein klein wenig auszutricksen, so trickst er in der Wissenschaft das scheinbar unabwendbare aus. Und wird dadurch zum Forscher der zahllosen mehr oder weniger bedeutsamen Entdeckungen.

Im Glauben an Gott dessen Wege erkunden

Werfen wir nun den Blick erneut auf den Christen, so können wir feststellen, dass auch dessen Charakter ebenso wie sein Forschungserfolg von seinem Glaubensbekenntnis geprägt wird.

Der Christ ist nicht derjenige, der daran geht, seinem Gott ein Schnippchen schlagen zu wollen. Vielmehr arbeitet er sein Leben lang daran, seinem Gott näher zu kommen. Denn so sehr er auch glauben mag, Gott und dessen Willen zu kennen – es fehlt ihm die Gewissheit. Und so fragt der Christ, wenn er sich auf sein Christentum besinnt und das Dogma des Klerus überwindet, notwendig auch mehr nach den scheinbar großen Dingen als nach den kleinen Wegen. Selbst dann, wenn er sich als Atheist betrachtet, ist das Sinnen des christlich geprägten Wissenschaftlers beständig darauf ausgerichtet, seinen Gott und dessen Werk zu verstehen.

„Ich glaube an einen Gott, den allmächtigen Vater“ ist ein Auftrag. Es ist der Auftrag, ihm, dem Vater, näher zu kommen. Ständig mehr von ihm zu wissen.

So ist es kein Wunder, dass es christlich geprägte Europäer waren, die Vehikel auf den Weg in die Region entsandten, in der ihr Gott vorgeblich zu finden sein sollte. Es ist kein Wunder, dass es der christlich-anglikanisch geprägte Stephen Hawking ist, der sich aufmachte, das Phänomen der Zeit zu begreifen. Es ist kein Wunder, dass CERN ausgerechnet im Herzen des westlichen Europas steht. Denn ihnen allen gilt: Wie wohl könnten Menschen ihrem göttlichen Vater jemals näher sein als dann, wenn sie die Prinzipien dessen größter Leistung verstanden haben: Den Aufbau und den Ablauf des Universums.

In der Wissenschaft ein unschlagbares Team

Jude und Christ gemeinsam bilden so nicht nur in der Wissenschaft ein unschlagbares Team. Sucht der eine nach dem ganz großen Ziel, so weist der andere die Wege, wie dieses Ziel zu erreichen ist.

Hier liegt die simple Antwort auf die oben gestellte Frage, ob der Bezug auf das Glaubensbekenntnis mehr ist als wortverliebte Haarspalterei. Sie lautet schlicht und einfach: „Ja!“

Ich möchte die Antwort mit dem Bild des Berges verdeutlichen, der nicht zu Mohammed kommt, weshalb dieser zu dem Berg gehen muss, welcher wiederum nichts anderes ist als ein Symbol des Allmächtigen, der, als vom Muslim zu bezeugender, unverrückbar über dem Menschen thront.

Der Muslim beschreitet in der Bezeugung dessen, dass nur Allah die Macht hat, den Berg zu versetzen, tatsächlich unwidersprochen den Weg des Mohammed. Demütig schreitet er zum Berg und wird dort im Zweifel auf ewig verharren, denn Gott, der Berg, will es so.

Anders der Christ: Ohne dieses unzweifelhaft zu wissen glaubt er, dass der Berg ein Hindernis ist auf seinem Weg zu Gott – und so sinnt darüber nach, wie er den Berg versetzen kann, weil ihm dieses unvermeidbar scheint um seinem Gott näher zu kommen.

Und der Jude? Der beginnt damit, über Möglichkeiten nachzudenken, wie sich er und der Berg auf halbem Wege treffen könnten. Dabei den Berg abzutragen ist nicht sein vorrangiges Ziel – es sich selbst aber deutlich leichter zu machen, um zum Berg zu kommen, durchaus. So dieses nur zu erreichen sein sollte, indem der Berg abgetragen und versetzt wird, wird er nach sorgfältiger Güterabwegung dazu bereit sein. Vorausgesetzt selbstverständlich, dieser Weg ist weniger aufwendig als sich selbst zum Berg zu begeben.

Das jüdisch-christliche Gemeinschaftswerk der Aufklärung

Wenn es denn so ist – darf es uns dann noch verwundern, dass die Idee der Aufklärung, die scheinbar so gottlos ist, ausgerechnet im Westen Europas ihren Anfang nahm? Sicherlich nicht, denn sie ist trotz oder gerade wegen ihrer scheinbaren Gottlosigkeit das perfekte Ergebnis dessen, was geschieht, wenn sich Jude und Christ gemeinsam auf den Weg zu ihren Göttern, die vermutlich nur ein einziger sind, machen. Durch die Erkenntnis dessen, was beiden das Ergebnis der Allmacht des Gottes ist, kommen sie, indem der eine nach dem Weg zu Gott und der andere nach einem Weg vorbei an dessen Anordnungen sucht, gemeinsam diesem Gott ein Stückchen näher. Denn sie eint darüber hinaus die feste Überzeugung, dass die Erkenntnis selbst göttlich ist. Es ist für sie deshalb auch mehr als legitim, durch Teilhabe an dieser Göttlichkeit selbst ein wenig göttlicher zu werden – weshalb sie die Existenz des Göttlichen selbst dann zu beweisen suchen, wenn sie vorgeblich das genaue Gegenteil anstreben.

Mit dem bezeugenden Muslim jedoch ist dieser Weg nicht zu beschreiten, solange sein Bekenntnis das Zeugnis für die Wahrheitsunterstellung einer unbeweisbaren Wahrheitsvermutung bleibt. Denn er ist durch sein bekennendes Zeugnis bereits seinem Gott so nah, dass jede weitere Annäherung anmaßend wäre und den Zorn des Gottes gegen den Anmaßenden mit den von Gott angedrohten Höllenstrafen zwangsläufig hervorrufen müsste.

So geben diese Überlegungen an ihrem vorläufigen Ende sogar noch ungewollt eine Antwort auf eine Frage, die hier eigentlich weder gestellt noch gar beantwortet werden sollte: Die Frage, ob der Islam zu Deutschland – oder korrekter: Zum Abendland – gehört. Und diese Antwort lautet nein. Denn die fatalistische Bezeugung der Existenz Gottes durch das islamische Bekenntnis ohne jede Möglichkeit, sich diesem zu entziehen oder sich auf eine eigene Suche im Glauben zu machen, versperrt nicht nur den Weg zum Glauben, sondern auch den Weg zur modernen Wissensgesellschaft. Zum Abendland gehören kann das islamische Philosophiekonzept erst dann, wenn es sich von seiner kategorischen Bezeugung ebenso kategorisch verabschiedet und seinen Anhängern den Weg zu tatsächlichem Glauben freimacht.

©2015-0201 spahn/fogep

PS: Dank an WS für den sachdienlichen Hinweis i. S. Judentum.

Von Tautologien und Oxymora – die Katharsis des Islam

Der Islamische Staat, jene islamische Terrororganisation, die ansetzte, weite Gebiete des Vorderen Orient brutal zu unterwerfen und dabei vor Massenmord und Versklavung nicht zurückschreckt, veranlasste die nachfolgenden, hier etwas gekürzt wiedergegebenen Überlegungen. Sie setzen sich mit den Irrungen und Wirrungen europäischer Berichterstattung ebenso auseinander wie mit dem verzweifelten, aber bislang mehr als halbherzigen Versuch moderner Muslime, sich von diesen Radikalen zu distanzieren.

Das Dilemma des Islam

Während eines selbstzerstörerischen Bürgerkriegs in Syrien und einer misslungenen Demokratisierung im Irak blickte die Welt im Sommer des Jahres 2014 mit Erstaunen auf den militärischen Erfolg einer Gruppierung, die erst mit der deutschen Abkürzung ISIS (Islamischer Staat in Syrien) – ursprünglich ISIL (Islamischer Staat in der Levante) – bekannt wurde, um ab Juni 2014 ausschließlich unter der Bezeichnung Islamischer Staat (IS) Schlagzeilen zu machen.

Der IS ist ein Phänomen, das sich dem Verständnis des mehr oder weniger gebildeten Westeuropäers weitgehend entzieht. So wird der IS im aufgeklärten Europa gern als „radikal-islamistische“ Bewegung bezeichnet, was in mehrerlei Hinsicht irreführend ist. Denn wenn der Begriff des „Islamismus“ überhaupt einen Sinn machen und als Abgrenzung zu einem vorgeblich unpolitischen Islam dienen soll, so ist diesem die Radikalität seines Anspruchs, die politische Gestaltung der Gesellschaft auf Basis wortgetreuer Auslegung des Korans vorzunehmen, immanent. Islamismus wäre folglich als das Transcriptum eines in sich selbst unpolitischen Glaubensinhalts zu einem machtpolitischen Philosophiekonzept zu verstehen – gleichsam eine Form des Marxismus des Glaubens unter der Prämisse, dass Marx die Sozialkritik des Sozialismus zu einem politischen Machtanspruch weiterentwickelt hat. Das wiederum setzte voraus, dass der zu transkribierende Text ehedem über einen machtpolitischen Inhalt nicht verfügte.

Hierbei ist grundsätzlich zu beachten, dass das Wort „radikal“ selbst nichts anderes ist als der wertfreie Bezug auf den ursprünglichen, den eigentlichen Gehalt dessen, auf das es bezogen wird. Wer radikal ist, der unternimmt den Versuch, den ursprünglichen Inhalt dessen zu erkennen, was über die Jahre hinweg durch gesellschaftliche Entwicklungen oder nachgeschobene Interpretation verloren gegangen ist. Der radikale Moslem ist insofern erst einmal nichts anderes als ein Anhänger des Islam, der diesen so leben möchte, wie er zur Zeit seiner Gründung gelebt wurde.

Moslem oder Mohammedaner

Für einen radikalen Moslem dürfen insofern ausschließlich jene Aussagen von Relevanz sein, die sein Prophet vorgeblich mittelbar-unmittelbar über einen Engel, der in seinem semitischen Wortursprung nichts anderes ist als ein herrschaftlicher Bote (die grundsätzliche Frage, weshalb ein monotheistischer Gott sich eines Boten bedient und nicht selbst und unmittelbar aktiv wird, soll an dieser Stelle ausgeklammert bleiben), wiedergegeben hat. Dieses gilt jenseits der islamtheologischen Annahme, dass Mohammed selbst die Texte des Koran nicht schriftlich niedergelegt hat und wir insofern vor der Problematik stehen, nicht wissen zu können, welche der im Koran zu einem späteren Zeitpunkt niedergelegten Zeilen tatsächlich Gotteswort und welche gotteswortwidrige Autorenpositionen sind. Tatsächlich unterscheidet sich der Koran insofern nicht von den christlichen Evangelien, die nicht vorgeben, wortgetreues Gotteswort zu sein, sondern lediglich den Lebensweg der Person Jesus beschreiben und dabei dessen Worte und in Ausnahmefällen via Engel göttliche Inspiration wiedergeben.

Wenn gleichwohl im Sinne eines Glaubenssatzes davon ausgegangen wird, dass der Koran eine originäre, göttliche Botschaft vermittelt, so bleibt dennoch die Frage des Bezugssystems, das dem radikalen Moslem als Fundament dient.

Hier ergeben sich zwei unterschiedliche Betrachtungsmöglichkeiten.

  1. Ist der Koran das eigentliche, unverfälschte Wort Gottes und Mohammed lediglich der Prophet, der das ihm über einen Engel eingegebene Wort Gottes unverfälscht wiedergegeben hat , so wäre dieser Koran die ausschließliche Quelle der Radikalität seines Glauben.
  2. Geht der Gläubige davon aus, dass Mohammed nach seiner göttlichen Inspiration ausschließlich als Instrument seines Gottes tätig war – also eine eigenbestimmte Verfügungsgewalt über seine Existenz, sein Tun und Handeln nicht mehr hatte – so wären neben den göttlichen Worten des Koran auch die Handlungen und Aussagen des Mohammed Quelle der Radikalität des Glaubens.

Einen radikalen Moslem dürfen selbst die Hadithe, jene Überlieferungen aus dem Leben seines Propheten, kaum beeindrucken, da sie quasi nichts anderes als eine Nachbetrachtung auf das Leben einer menschlichen Person darstellen. Ein Hadith ist kein Gotteswort. Das Hadith ist bereits eine Interpretation. Wer als Moslem wiederum diese Interpretation des Hadith zum absoluten und unanfechtbaren Axiom seines Glaubensbildes stilisiert, der ersetzt den Gott des Mohammed durch Mohammed selbst oder stellt Mohammed zumindest auf eine Ebene mit Allah und wird so zwangsläufig entweder zum Götzenanbeter oder zum Polytheisten.

Hier stellt sich die Frage, ob nicht auf Basis von Sure 49, Vers 14 und 15 der koranische Islam selbst genau diese Verfremdung eines monotheistischen Gottesbildes zu polytheistischen Götzenanbetung wenn nicht einfordert, so zumindest befördert. Bezugnehmend auf einen Stamm, der nach Auffassung des/der Koran-Autoren den Islam nur zum Schein angenommen haben, werden hier „mumjm“ als jene Rechtschaffenden bezeichnet, die sich vorbehaltlos zu „Gott und seinem Gesandten“ bekennen und keine Zweifel an diesen hegen sowie mit ihrem Vermögen und ihrem Leben vorbehaltlos auf oder für Gottes Wege(n) kämpfen.

Wird die Formel von Gott und seinem Gesandten bezogen auf Allah und den dessen Worte übermittelnden Engel, so erhält letzterer durch diesen Koranvers eine eigenständige Funktion, aus der der Anspruch erwächst, seine Worte als gleichwertig denen des eigentlichen Gottes zu erkennen. Hier stellte sich damit die Frage der Trennung von eigentlichem Gotteswort und Gesandtenwort ebenso wie die nach der damit verbundenen göttlichen Funktion des Gesandten, die sich dadurch ergibt, dass das Bekenntnis zu diesem auf die gleiche Ebene wie das Bekenntnis zu Gott selbst gestellt wird. Das Bekenntnis zu Allah und zu diesem Gesandten wird laut Sure 49.14/15 gleichrangig.

Noch problematischer wird diese Sure, wenn der Gesandte nicht als jener Bote zu verstehen ist, der in göttlichem Auftrag das originäre Wort Gottes verbreitet, sondern der „Gesandte“ in Form einer messianischen Gestalt auf den „Propheten“ bezogen wird – also der hier erwähnte „Gesandte“ der Mensch Mohammed ist. In diesem Falle wird nicht nur ein Bote Gottes auf die gleiche Ebene mit Gott selbst gestellt, sondern ein menschliches Wesen auf die Ebene Gottes gehoben. Anders als das Christentum, das hierzu nach langer, theologischer Debatte zu dem Ergebnis gekommen ist, seinen „Propheten“ Jesus als Sohn Gottes zum Messias (Gesalbter) zu verklären und Jesus damit im Sinne der Dreifaltigkeit eine göttliche, nicht aber gottesgleiche im Sinne mehrerer Gotteswesen, Hypostase zuzuschreiben, wäre Sure 49 bei der Bezugnahme auf Mohammed als jenem hier angesprochenen „Gesandten“ tatsächlich die Aufforderung zur Götzenanbetung: Neben das Bekenntnis zu einem allmächtigen Gott wird dann das Bekenntnis zu einem Menschen, der als Gesandter Gottes verklärt wird, als höchste Stufe des Glaubensbekenntnis definiert. Tatsächlich erfolgt mit der Floskel des rasul allah tatsächlich diese Verklärung des Menschen Mohammed zu eben jenem Gesandten Gottes, der als Bekenntnisziel zwingend für den wahrhaft Gläubigen wird.

Sure 4914 | Die Wüstenaraber sagen: „Wir glauben.“ Sag: Ihr glaubt nicht (wirklich), sondern sagt: ,Wir sind Muslime geworden‘, denn der Glaube ist noch nicht in eure Herzen eingezogen. Wenn ihr aber Allah und Seinem Gesandten gehorcht, verringert Er euch nichts von euren Werken. Gewiß, Allah ist Allvergebend und Barmherzig.

Sure 4915 | Die (wahren) Gläubigen sind ja diejenigen, die an Allah und Seinen Gesandten glauben und hierauf nicht zweifeln und sich mit ihrem Besitz und mit ihrer eigenen Person auf Allahs Weg abmühen. Das sind die Wahrhaftigen.

Wäre man bösartig, so könnte man bereits den pluralis majestatis des vorangegangenen Verses 13 als Schritt zu diesem göttlichen Zweigestirn aus Allah und Mohammed als Anbetungsziel betrachten – wobei diese Formulierung mit den entsprechenden Darlegungen des Tanach korrespondiert, in dem die Schöpfung den Allmächtigen als Götterkollektiv zugeschrieben wird.: „

Sure 4913 | O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Gewiß, der Geehrteste von euch bei Allah ist der Gottesfürchtigste von euch. Gewiß, Allah ist Allwissend und Allkundig.

Einer Person, die ihr Glaubensbild maßgeblich und ausschließlich aus dem Konglomerat von Koran und Hadithe schöpft, werden wir mit dem aus dem Sprachgebrauch weitgehend entschwundenen Begriff des Mohammedaners am ehesten gerecht. Der Mohammedaner ist jemand, der seine Glaubenswelt aus der Verbindung des via Mohammed überlieferten, vorgeblichen Gotteswortes mit den auf Mohammeds Handeln beruhenden Interpretationen bezieht. Da dem so ist, wird nachvollziehbar, weshalb Moslems den Begriff des Mohammedaners ablehnen: Er definiert tatsächlich einen Götzenanbeter, dem das Wort des Propheten zumindest gleichrangig neben dem seines Gottes steht – und der damit den Anspruch der Sure 49 in besonderem Maße erfüllt.

Übrigens wird hier nachvollziehbar und deutlich, weshalb die islamische Bezeichnung des méséjéchéj oder néßéránéj für den Christen per se eine Diskriminierung ist: Der méséjéchéj beschreibt jemanden, der einen Messias, der néßéránéj jemanden, der einen Nazarener anbetet. Beiden wird damit unterstellt, neben und vor Gott eine Person anzubeten, die wiederum nach den Worten des Koran zwar prophetischen, nicht aber göttlichen Charakter hat. Wie ein méchémédéj als „Mohammedaner“ sind méséjéchéj als „Messianer“ und néßéránéj als „Nazarener“ letztlich als Götzenanbeter zu verstehen.

Der Islamismus

Die Wortschöpfung mit dem Suffix ~ismus, dessen Vertreter als ~ist bezeichnet wird, erfolgt in den Sozialwissenschaften immer dann, wenn ein in der Regel abstrakt-philosophischer Inhalt zu einem in sich geschlossenen Denkmodell – beispielsweise einer Denkschule, einem kollektiven Glaubensinhalt oder auch einer politischen Bewegung – entwickelt wird. Ein erfolgreicher ~ismus verfügt über eine Anhängerschaft, die die Ziele dieses ~ismus zu ihren eigenen macht und sich selbst das Ziel setzt, den Zielen ihres ~ismus Geltung zu verschaffen. Anhänger von ~ismen handeln in einer durch den Wortstamm des Derivats definierten Art und Weise, womit sie wiederum dem griechischen Ursprung des Suffixes gerecht werden.

Wenn wir nunmehr den Begriff des Islamismus betrachten, so wäre darunter das Handeln einer Gruppe von Menschen zu verstehen, die als Grundlage dieses ihres Handelns den Islam zu Grunde legen. Der Islam wiederum ist mehr als nur der Koran. Er ist das Ergebnis einer nunmehr gut 1.400 Jahre währenden menschlich-philosophischen Beschäftigung mit den Inhalten des Koran und jenen darauf basierenden Interpretationen und Ableitungen.

Wenn wir nun den radikalen Moslem als denjenigen betrachten, der sein Weltbild ausschließlich aus den Worten des Koran bezieht, wäre der Islamist derjenige, dessen Weltbild als Ergebnis eines fast eineinhalb Jahrtausende währenden Prozesses verstanden werden muss.

Das radikal-islamistische Oxymoron

Unterstellt, es sei so, dann wäre radikal-islamistisch in der Übersetzung ein sich auf seine inhaltlichen Wurzeln beziehendes Transcriptum eines unpolitischen Philosophiewerkes zum Zwecke des Erreichens politischer Ziele. Das jedoch wäre ein Oxymoron, weil in diesem Falle die Wurzel im Sinne des Ursprungs des Transcriptums zwangsläufig bereits über den politischen Inhalt hätte verfügen müssen – womit das Transcriptum selbst überflüssig würde.

Die radikal-islamistische Tautologie

Unterstellt hingegen, der zu transkribierende Inhalt sei per se politisch, dann bedarf es des Begriffes Islamismus nicht, weil dieser nichts anderes wäre als der Islam selbst. Es sei denn, mit Islamismus solle eine radikale Interpretation eines an sich bereits politischen Islam beschrieben werden. In diesem Falle wäre radikal-islamistisch nichts anderes als ein weißer Schimmel – eine Tautologie.

Wie immer wir es folglich drehen und wenden – die begriffliche Verwendung eines „radikalen Islamismus“ ist unsinnig und weckt den Verdacht, dass sie nicht aus bloßer Unkenntnis erfolgt, sondern ein Ziel verfolgt.

Festzuhalten bleibt: Islamistisch ist nichts anderes als radikal-islamisch und radikal-islamistisch ist eine Tautologie. Die Verwendung der Floskel von einem radikalen Islamismus vernebelt darüber hinaus die dem Phänomen zuzuordnenden Tatsachen in weiterer Hinsicht. Sie gibt vor, einen Islamismus zu kennen, der, da er radikal sein kann, auf seinen eigenen Wurzeln jenseits des Islam beruht. Gleichzeitig jedoch impliziert die Floskel vom radikalen Islamismus, dass es einen Islamismus gäbe, der sich von diesen Wurzeln entfernt habe. Somit hätten wir es beim Islamismus mit einem Phänomen zu tun, das sich im Laufe seiner Existenz über mehrere Ebenen hinweg entwickelt habe: Ausgehend von seinem Ursprung, der durch die Radikalität bezeichnet wird, hin zu einer daraus entstandenen Entwicklungsstufe, die diesem Ursprung entsagt habe und die nun wiederum von Teilen ihrer Anhängerschaft auf eben diese radikalen Ursprünge zurück geführt würde.

Kriterien des Islamismus

Daraus folgt zwangsläufig die Frage, welches denn nun der radikale Ursprung des Islamismus gewesen sei und wie er sich von seinem Namensgeber, dem Islam, unterscheide. Hier jedoch muss die Islamwissenschaft versagen.

Armin Pfahl-Traugber unternahm 2011 den Versuch, dem Islamismus eigene Merkmale zuzuweisen.

Im Einzelnen definiert er die folgenden sechs Kriterien:

  1. Absolutsetzung des Islam als Lebens- und Staatsordnung.
  2. Gottes- statt Volkssouveränität als Legitimationsbasis.
  3. Ganzheitliche Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft.
  4. Homogene und identitäre Sozialordnung im Sinne des Islam.
  5. Frontstellung gegen den demokratischen Verfassungsstaat.
  6. Fanatismus und Gewaltbereitschaft als Potentiale.

Offenbar von der Erkenntnisdichte seiner eigenen Überlegungen überrollt, differenziert Pfahl-Traugber als Fazit seiner Überlegungen seinen ursprünglichen Ansatz im Sinne einer Entschärfung.

Die Kriterien des Islamismus lesen sich nun wie folgt:

  1. Die Absolutsetzung des Islam als Lebens- und Staatsordnung.
  2. Der Vorrang der Gottes- vor der Volkssouveränität als Legitimationsbasis.
  3. Die angestrebte vollkommene Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft.
  4. Die Forderung nach einer homogenen und identitären Sozialordnung im Namen des Islam und
  5. die Frontstellung gegen die Normen und Regeln des modernen demokratischen Verfassungsstaates.

Dazu sei festgestellt:

  • Es ist ein Unterschied, ob ich von einem Vorrang spreche oder die Gottessouveränität an die Stelle der Volkssouveränität setze.
  • Es ist ein Unterschied, ob ich eine vollkommene Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft nur anstrebe oder diese voraussetze.
  • Es ist ein Unterschied, ob ich die Forderung nach einer homogenen und identitären Sozialordnung im Sinne des Islam erhebe oder diese für unverzichtbar erkläre.
  • Es ist ein Unterschied, ob ich mich in Frontstellung gegen „die Normen und Regeln des modernen demokratischen Verfassungsstaates“ befinde, oder mich in Frontstellung gegen diesen selbst befinde.
  • Es ist ein Unterschied, ob ich Fanatismus und Gewaltbereitschaft als Potentiale feststelle oder diesen Aspekt gänzlich aus meinem Denken verdamme.

Pfahl-Traugber folgt einem im Kern richtigen Ansatz – wenngleich mit einem Abstrich, auf den noch einzugehen sein wird – und modifiziert ihn unter dem Aspekt der political correctness dahingehend, dass der Eindruck erweckt wird, Aspekte wie Gottes- statt Volkssouveränität oder eine homogene und identitäre Sozialordnung nach den Maßgaben des Islam seien verhandelbar. Tatsache jedoch bleibt: Wenn der Begriff Islamismus überhaupt einen Sinn machen soll, dann deshalb, weil diese Aspekte eben nicht verhandelbar sind. Es geht nicht um Forderungen, mit denen der demokratisch geschulte Westeuropäer immer die Vorstellung verbindet, dass sie im Sinne politischer Kompromisslösungsprozesse diversifizierbar sind. Es geht auch nicht um einen Vorrang, der immer noch die scheinbare Hintertür offen lässt, dass in einem demokratischen Spiel der Kräfte eine Art des gleichberechtigten Interessenausgleichs möglich sei.

Nein, wenn der Begriff Islamismus überhaupt eine Existenzberechtigung hat, dann die, dass seine Inhalte nicht verhandelbar sind. Es kann keinen Mittelweg zwischen Gottessouveränität und Volkssouveränität geben, weil bereits das minimalste Jota Volkssouveränität eine Einschränkung der Gottessouveränität ist. Es geht dem Islamismus auch nicht um Forderungen, die implizieren, dass ein Mehr an dem Geforderten zu irgendeinem Zeitpunkt ausreichen kann, um eine Forderungssättigung zu erreichen. Die Aspekte des Islamismus sind vielmehr deterministisch. Und sie sind daher nicht verhandelbar und nicht kompromissfähig.

Warum aber schwenkt Pfahl-Traugber von seiner im Ansatz richtigen Erkenntnis unerwartet um zu einer scheinbar kompromissmöglichen Definition im Sinne politisch-demokratischen Interessensausgleichs? Tatsächlich kann es nur eine Erklärung geben, die da lautet: Wer den Islamismus als das erkennt, was er ist, der muss verstehen, dass er nicht verhandlungsfähig im Sinne demokratischer Politiktheorie ist. Es kann mit dem Islamismus keinen Kompromiss geben. Und da es keinen Kompromiss geben kann, hat das mit dem Islamismus konfrontierte Individuum ebenso wie der mit dem Islamismus konfrontierte Staat nur zwei Möglichkeiten: Er kann sich dem Islamismus unterwerfen oder er muss ihn vernichten, weil dieser andernfalls ihn eines Tages vernichten wird. Diese Erkenntnis schreckt und sie passt nicht einmal ansatzweise in die Kantsche Vorstellung, wonach den Menschen auf Grund der ihnen eigenen Vernunft die Möglichkeit des Kompromisses quasi innewohnt.

Ob bewusst oder unbewusst – Pfahl-Traugber hat in seiner Darlegung nicht nur den kompromissunfähigen Charakter des Islamismus verfälscht, er umgeht auch die eigentliche Kernfrage der Differenzierung zwischen Islamismus und Islam. Diese jedoch ist der Schlüssel zum Umgang mit den bezeichneten Phänomenen.

Der Säkularismus des Christentums

Die Wurzel eines jeden Islamismus – vorausgesetzt wir wollen uns dazu verstehen, diesen Begriff als Definition eines politischen Islam zu nutzen – ist notwendig der Islam selbst. Ohne den Islam kann es keinen Islamismus geben, da dessen Vertreter sich uneingeschränkt und in jeder Hinsicht auf den Islam als Inhalt ihrer Position berufen. Nun könnte dennoch eine Rechtfertigung des Begriffes bestehen, wenn – wie dargelegt – der Islamismus eine politische Interpretation oder Verfremdung eines an sich unpolitischen Glaubenskonzepts mit der Bezeichnung Islam wäre – vergleichbar einem christlichen Klerikalismus, der in einer politisch motivierten Vermengung von jüdischem Tanach und Evangelium einen monopolistischen Gesellschafts- und Staatsdogmatismus schuf, der in fundamentalistischen Kreisen des Christentums bis heute zelebriert wird und der dennoch explizit dem unmissverständlichen Trennungsgebots Jesu zwischen staatlicher Institution und Religion zuwider läuft.

Erst Flavius Valerius Constantinus, genannt Konstantin, legte den Grundstein dafür, dass der christliche Klerus im Namen Jesu den Anspruch weltlicher Machtausübung erheben konnte. Mit der Lehre Jesu selbst hatte dieses nur noch entfernt etwas zu tun – und so entschädigte Rom den Nazarener damit, dass es ihn auf dem Konzil von Nicäa 325 nc dogmatisch zum Teil einer göttlichen Trinität machte, was wiederum den Widerstand von Teilen der Anhängerschaft organisierte, der im siebten Jahrhundert ein Ventil in der Gründung des Islam finden sollte.

Gleichwohl ist der Säkularismus in der Philosophie des Jesu eines der Kernelemente, weshalb sich kein Christ darob zu grämen hat, wenn er in einem säkularen Staat lebt, in dem das christliche Gebot nicht Staatsdoktrin ist, sondern ohne staatliche Restriktion einfach nur gelebt werden darf.

Gilt dieses nun aber auch für den Nachfolger Islam, wie die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus zu implizieren scheint – und liegt vielleicht genau darin der eigentliche Unterschied zwischen Islam und Islamismus? Blicken wir erneut auf jenes Phänomen, das seit dem siebten christlichen Jahrhundert zwar nicht zu Europa, gleichwohl zur menschlichen Kultur gehört.

Islamismus und Islam

In eine Weltsituation, die einerseits vom Konflikt der beiden Großmächte Byzanz und dem der persischen Sassaniden und andererseits immer noch von dem innerchristlichen Konflikt um die göttliche Natur Jesu geprägt ist, kommt mit Mohammed ein Mann, der sowohl über jüdische wie christliche Inhalte umfassend informiert ist. Aus persönlicher Demütigung heraus entwirft er ein Konzept, das ihm Dienliches aus den beiden existierenden abrahamitischen Religionen teilweise interpretationsidentisch übernimmt, teilweise – wie bei der Frage nach der Natur Jesu – mit früheren, nicht-amtskirchlichen Positionen vermengt und neu interpretiert. Weitere Anleihen kommen aus der ebenfalls monotheistisch ausgerichteten Religion Persiens, dem Zoroastrismus der Sassaniden. Insbesondere die im Islam ausgeprägten Vorstellungen von Himmel und Hölle sind deutlich näher an den Bildern der Zoroastren orientiert als an den Formulierungen der Bibel.

Dieses Konglomerat der zeitgenössischen Monotheismen wird vermengt mit arabischen Stammestraditionen und animistischen Stammeskulten – und es orientiert sich an der klerikalen Wirklichkeit Ostroms, indem es die ursprünglich säkulare Position des Jesus ebenso verwirft und stattdessen die an der realen Wirklichkeit orientierte Glaubensphilosophie zum alleingültigen Staatskonzept erklärt. Der politische Islam als Anspruch all dessen, was Pfahl-Traugber als die fünf Säulen des Islamismus definiert hat, ist im Koran und den Hadithen explizit angelegt. Der Koran ist daher erst einmal nichts anderes als ein mystisch gefärbtes Handbuch zur Durchsetzung eines politischen Machtanspruchs. Das wiederum verbindet ihn mit dem Tanach.

So bedarf es letztlich entweder der frühchristlichen Verblendung der im eigenen Religionsbewusstsein angelegten Trennung zwischen Staat und Religion oder aber der Kenntnislosigkeit eines Unbedarften, um die Imagination einer Trennung zwischen Islam und Islamismus konstruieren zu wollen.

So, wie für die hasmonäische Priesterschaft ein jüdischer Staat nur ein glaubenstotalitärer Staat unter der Führung der jüdischen Priesterschaft sein konnte, ist der islamische Staat die glaubenstotalitäre Umsetzung des Koran.

So, wie der radikale Islamismus eine Tautologie ist, ist ein liberaler Islam ein Oxymoron.

Wenn, wie Tilman Nagel 2005 zutreffend darlegt, der Islam “von Hause aus” fundamentalistisch ist, dann gibt es keinen Islamismus und die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus ist – wie es Nagel formuliert – “ohne Erkenntniswert”. Das aber ist es nicht allein: Es ist auch bewusste Irreführung.

Islam als Frieden

Islam, so wird von seinen Anhängern gern dargelegt, stehe für „Frieden“. Das kann so sein – muss es aber nicht. Denn der frühsemitische Wortstamm des S-L-M (Sin-Lam-Mim), ein Sélém, ist eng verwandt mit dem Shélém (Shin-Lam-Mim). Dieses steht ursprünglich für Tor – und es macht durchaus Sinn, dass beide Wörter nicht nur semantisch eng verwandt sind. Denn Frieden gab es nur dort, wo ein Tor den Unfrieden im wahrsten Sinne des Wortes ausschloss. Und nicht nur das: Beide Wörter sind eng verwandt mit dem Sélah, welches als hebräisch-aramäisches für Heil und Wohl und als arabisches für Waffe steht. Etymologisch macht das Sinn, denn in der harten Welt der Semiten konnte das Wohl nur durch die Waffe gewährleistet werden und den Schutz des Friedens gab es nur hinter gesicherten Toren.

Der Begriff Islam umfasst all das – und es ist weit entfernt von der idealistischen Friedensvorstellung des aufgeklärten Europäers allein schon deshalb, weil für jenen der Friede nach 1945 trotz Kalten Krieges zum Normalzustand wurde und der Krieg die um jeden Preis zu vermeidende Ausnahme sein muss, während für den Semiten des siebten Jahrhunderts der Krieg als ständiger Kampf gegen Umwelt und Feinde der Normalzustand war und der bewaffnete Schutz hinter den Toren die Ausnahme blieb.

Der Koran ist unmissverständlich: Die Umma als islamische Gemeinschaft organisiert sich nach den Regeln dieses Buches und den islamischen Auslegungen. Moslem ist jeder, der sich diesen Regeln vorbehaltlos unterwirft. Er wird zu einem Teil der Umma und genießt in diesem Kollektiv den Schutz, den zu gewährleisten sie als ihren Teil des Vertrages eingebracht hat. Die Vorstellung eines selbstbestimmten Lebens jenseits der Vertragsklauseln des Islam bleibt irreal, ist jenseits der Vorstellungswelt des Konzepts.

Dennoch bleiben zumindest zur Zeit des Mohammed immer noch jene, die diesen faustischen Vertrag nicht geschlossen haben.

Der islamische Schutzvertrag

Wenn dem nicht-muslimischen Europäer erklärt wird, dass Islam für Frieden stehe, erfährt er daher nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich steht der Begriff für den Schutz, der aus islamischer Sicht allein in der Lage ist, einen Frieden zu gewährleisten. Schutz wiederum ist etwas, das man sich von einem Dritten besorgen kann, wenn man selbst außerstande ist, seinen Schutz zu organisieren. Es gehört bis heute zur Lebenswirklichkeit, dass dem Menschen dieser Schutz durch Dritte nur sehr selten ohne Gegenleistung geboten wird.

Der Schutz des Islam erwartet folgerichtig eine Gegenleistung. Es ist dieses das Faustische Prinzip, das den Menschen vor die Wahl stellt, frei aber schutzlos oder unfrei aber beschützt zu sein.

Wer sich unter den Schutz des Islam stellt, sich zum Islam bekehrt oder bekehrt wird, zahlt dafür mit seiner Individualität. Er unterwirft sich uneingeschränkt und in jeder Hinsicht den Bedingungen, die der Islam vorgeblich im Namen seines Gottes diktiert. So ist es denn auch nachvollziehbar, das Apostasie, also der Abfall vom Islamischen Glauben, in den Hadithen und der islamischen Rechtsinterpretation mit der Todesstrafe belegt ist. Der Abfall vom Islam ist eine einseitige Vertragskündigung. Sie besagt: Ich verlange Deinen Schutz nicht mehr.

Auf den ersten Blick mag wenig nachvollziehbar sein, weshalb eine derartige Vertragskündigung mit dem Tode bestraft wird. Doch es ist letztlich die einzig konsequente Folge der Abtrünnigkeit. Denn der islamische Schutzvertrag ist nicht nur ein Vertrag ohne Widerrufsrecht. Er stellt zwar das Individuum vor die einmalige Wahl, entweder auf den Schutz zu verzichten oder sich ihm bis über die irdische Existenz hinaus bedingungslos zu unterwerfen. Anders als im Judentum und mehr noch als im Christentum gibt es für den Moslem kein Entrinnen. Der Jude kann seinem Glauben entsagen. Der Christ kann es ebenso. Sie werden aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen, aber es steht ihnen frei, ihren künftigen Lebensweg individuell zu gehen. Eine göttliche Strafe erwartet sie aus der Sicht der Verbliebenen erst nach ihrem Ableben.

Der Moslem hat diese Möglichkeit nicht. Will er seiner Religion entsagen, so führt dieser Weg ausschließlich über den eigenen Tod. Denn der Vertrag ist nicht nur einer auf der Ebene des Glaubens – es ist eine politische Seelenverschreibung. Wer den Islamischen Vertrag kündigt, wird zum Verräter an der politischen Idee des einzigen Gottesstaates. Und so ist jeder Moslem letztlich ein Dr. Faustus, welcher in seinem Bedürfnis nach Erkenntnis statt Schutz seine Seele für die Ewigkeit einem Teufel verschreibt, während der Moslem seine Seele für den Schutz der Umma gibt. Anders zumindest kann in der Sprache des Glaubens dieser Vertrag nicht interpretiert werden.

Aber – kann es ein ehrlicher Gott wollen, dass sein Geschöpf seine Seele nicht nur verpfändet, sondern sie auf ewig verkauft? Die daraus für einen säkularen Staat zu ziehenden Konsequenzen sollten auf der Hand liegen: Niemand darf gezwungen werden, sich einer derartigen Religionsgemeinschaft anzuschließen, so lange der Austritt aus derselben auch nur theoretisch mit dem Tode bedroht ist. Das gilt auch, wenn diese Todesdrohung mangels Möglichkeit der Umsetzung nicht exekutiert wird – so lange sie im Raum steht, macht sich der säkulare Staat mitschuldig an dem unvermeidbaren Faustpfand des Unmündigen.

Egon Flaig hat darauf hingewiesen, dass ohne das Prinzip der Sklaverei die Dynamik der Ausbreitung des Islam niemals in der zu konstatierenden Form hätte stattfinden können. Er hat recht – und er hat dennoch den letztnotwendigen Gedankenschritt dahin, den Islam selbst als ein Konzept der zwangsläufigen Sklaverei des Individuums zu betrachten, zumindest nicht explizit ausgesprochen. In der Konsequenz dieser Logik eines unkündbaren Vertrages liegt damit auch die unvermeidbare Konsequenz, den Islam als autoritäres Politikkonzept des siebten Jahrhunderts begreifen zu müssen.

Als Mohammed sein Konzept eines kollektiven Gemeinwesens von Glaubenssklaven entwickelte, standen die von Pfahl-Traugber definierten fünf Säulen des Islamismus bereits fest. Dabei musste der arabische Kaufmann diese nicht einmal selbst erdenken, denn sie basierten auf dem, was der politisch geprägte, römisch-byzantinische Klerus aus der Verknüpfung von Tanach und Evangelien für den christlichen Staat entwickelt hatte: Eine absolut gesetzte, homogene und identitäre Lebens- und Staatsordnung auf der Legitimationsbasis eines unanfechtbaren Gotteswillens. Der christliche Absolutismus der Spätantike und des Mittelalters unterscheidet sich in der politikwissenschaftlichen Analyse in nichts von dem des Islam. Deshalb gibt es keinen Christianismus, obgleich dieser als politische Interpretation des staatsorganisatorisch irrelevanten Jesusworts eine derartige Bezeichnung rechtfertigen würde. Und deshalb kann es keinen Islamismus geben, weil der Islam selbst genau das ist, was mit Islamismus scheinbar beschrieben wird.

 Warum dennoch Islamismus?

Die Beharrlichkeit, mit der gleichwohl insbesondere die europäischen Medien an dem weißen Schimmel des radikalen Islamismus festhalten, ist nicht nur ein Eingeständnis der jeweiligen Autoren, dieses ihnen unerklärliche Phänomen des Islam nicht verstanden zu haben – es ist gleichzeitig auch der untaugliche Versuch, den Islam als vorgebliches Religionskonzept aus der Verantwortung für das Handeln jener Terroristen in seinem Namen herauszunehmen.

Dieses allerdings entspricht in seiner Logik dem niemals erfolgten Versuch, den im Tanach beschriebenen Vertreibungsmord an den Kanaanitern als „judaistisch“ oder die Unterwerfung der amerikanischen Ureinwohner durch spanisch-katholische Missionierung als „christianistisch“ von ihrem religiösen Ursprung zu entfernen.

Mehr noch als ein „Christianismus“, den weder Wissenschaft noch Umgangssprache kennen, ist ein Islamismus nichts anderes als die konsequente Umsetzung der Schriften Mohammeds und der Hadithen. Denn anders als zumindest die christlichen Evangelien erhebt der Islam den uneingeschränkten Anspruch, sich nicht auf das Geistesleben seiner Anhänger zu beschränken, sondern die Politik der von seinen Anhängern besiedelten Landstriche zu bestimmen. In der Logik des Koran ist ein unpolitischer Islam genau dieses nicht mehr: Ein Islam. Was jedoch nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass es einen säkularen Islam niemals geben kann. Denn wenn dieses so wäre, dann gäbe es auch kein säkulares Judentum. Im Sinne des Radikalen allerdings ist die säkulare Überwindung des Gottesstaatsanspruchs tatsächlich nicht möglich – was der Auffassung orthodoxer Juden und christlicher Alttestamentarier entspricht, die dadurch wiederum letztlich in ihrem Staatsverständnis keine Unterscheidung zum „Islamisten“ aufweisen.

 Aufklärung versus Fundamentalismus

Modernes, säkulares Juden- wie Christentum sind unvorstellbar ohne die Errungenschaften der abendländischen Aufklärung – wobei sich diese bei genauerem Hinsehen auf jene ursprünglich christlich-katholischen Länder im Westen des Kontinents beschränkt, in denen seit eh auch Juden ihren mal mehr, mal weniger geduldeten Platz hatten. Die Reformation, die eine Konsequenz einer Verwissenschaftlichung des Denkens ist, war niemals eine gesamtchristliche Angelegenheit. Sie beschränkte sich auf den Katholizismus und definierte sich maßgeblich in ihrem Selbstverständnis eines Antipapismus.

Konsequenzen, die sich aus dieser Beschränktheit ergeben, habe ich in der Publikation „Ein slawisches Requiem“ hinsichtlich der christlichen Orthodoxie dargelegt. Protestantismus ist eben kein Anti-Metropolitismus und die orthodoxen ebenso wie die ursprünglichen, christlichen Ostkirchen haben sich mit der Problematik eines aus dem eigenen Bestand heraus entstehenden Reformatismus niemals beschäftigen müssen. Gleiches gilt für Judentum und Islam, wobei die ashkenasischen Juden durch ihre Integration in die westeuropäische Gesellschaft selbst nicht nur Kinder der christlichen Aufklärung sind, sondern maßgeblich zu dieser beigetragen haben.

Der deutsche Jude – oder besser: der jüdische Deutsche Heinz Berggruen formulierte dieses am 17. Juni 1999 anlässlich seiner Dankesrede zur Verleihung des Nationalpreises mit den folgenden Worten:

 „„Ich verleugne in keiner Weise meine jüdische Herkunft, aber ich bekenne mich zu Deutschland. Ich bekenne mich nicht zu dem Deutschland, in dem die Hauptwerte und Hauptworte Volksgemeinschaft, Volkszugehörigkeit und Volkstum heißen (…) Ich bekenne mich zum Deutschland der Aufklärung und des Liberalismus, zu einem Deutschland, das in einer europäischen, von Toleranz getragenen Gemeinschaft verankert ist.“

Das “Deutschland der Aufklärung und des Liberalismus” ist selbstverständlich kein Staatswesen, das nach den mosaischen Gesetzen organisiert ist. Ist der jüdische Deutsche Berggruen angesichts seines Bekenntnisses nun kein Glaubensjude mehr? Aus Sicht eines radikalen, orthodoxen Juden wäre er zumindest ein verlorener Sohn, wenn nicht jemand, der sich vom “wahren” Weg seines Gottes entfernt hat.

Nicht anders stellt sich die Situation beim Blick auf den Islam und seine radikalen Anhänger dar. Ist ein Moslem noch Moslem, wenn er nicht die rituellen Gebete befolgt, sich nicht dem Fasten im Ramadan aussetzt? Er bleibt dennoch für den Radikalen ein Moslem. So lange er dem Islam nicht abgeschworen hat und zum todwürdigen Murtadh wird, hat er sich jedoch der Religionsauslegung der Radikalen bedingungslos zu unterwerfen. Und umgekehrt? Aus zahlreichen Diskussionen mit Muslimen bringe ich die Erfahrung mit, dass weltliche Anhänger des Koran den radikalen Vertretern deren Religionszugehörigkeit absprechen möchten. Insbesondere Anhänger der Schia betrachten Anhänger des sa’udi-arabischen Wahabismus und des daraus abgeleiteten Salafismus als Ungläubige, die den Namen Allahs missbrauchen. Eine besondere Rolle nehmen darüber hinaus jene Mystiker ein, die als Sufi mit dem “Römer” alal a’din Mohammed a´Rumi (“Römer” als Bezug auf seine oströmisch-kleinasiatische Wahlheimat) einen ihrer eindrucksvollsten Dichter fanden.

Dennoch führt kein Weg an der Feststellung vorbei, dass gerade der Wahabit oder Salafist in seiner wortgetreuen Auslegung seiner heiligen Schrift näher ist an dem vorgeblichen Willen seines Gottes, der sich einst dem arabischen Kaufmann Mohammed geoffenbart worden sein soll. Nicht umsonst bezeichnet sich die in Syrien und dem Irak militärisch agierende Gruppe als “Islamischer Staat” und bezieht sich auf das islamische Kalifat als vorgeblich einzig zulässige Staatsform. Der IS agiert in ihrem Umgang mit allen Nicht-Sunniten auf Basis des oben beschriebenen islamischen Verständnisses und betrachtet darüber hinaus offenbar auch die Anhänger der anderen, großen islamischen Glaubensgemeinschaft der Schia als Ungläubigeweil vom wahren Glauben abgefallene, obgleich die traditionelle Aufteilung der Welt in ein Dar al Islam und ein Dar al Charb die Schiiten tatsächlich in den Bereich des Dar al Islam einbezieht. Die Gruppe “Islamischer Staat” ist insofern radikal radikal: Sie bezieht sich auf eine Umma, die auf dem umayyadischen Verständnis vor dem islamischen Schisma im siebten Jahrhundert beruht und die Schiiten als Abtrünnige begreift.

Die unvollendete Vergangenheit einer politisch-religiösen Idee

Jenseits der Ursachen seines Entstehens, die nicht zuletzt in Fehlern bei der US-amerikanischen Invasion des Jahres 2003 zu finden sind, ist der IS ebenso eine auf dem Islam basierende Organisation wie beispielsweise die nigerianische Boko Haram.

Das spezifische Problem des Islam ist seine scheinreligiöse Substanz eines durch nichts gerechtfertigten Anspruchs als einzigem Primat der Politik: Der Islam leidet unter der unvollendeten Vergangenheit seiner politisch-religiösen Idee. Hieraus entwickelt sich die aus Sicht der Aufklärung barbarische Idee, eine menschliche Gesellschaft des 21. Jahrhunderts mit einem politischen Masterplan der Spätantike organisieren zu können. Um in der Analogie zu bleiben: Der Islam ist der Axolotl der monotheistischen Religionen: Er zeugt Kinder ohne jemals das Stadium der Larve wirklich überwunden zu haben.

Indem Mohammed auf der Basis dreier damaliger Weltreligionen ein vorrangig politisches Gesellschaftskonzept entwickelte, grenzte er sich einerseits ab gegen das ähnlich strukturierte Buch der Juden und trennt andererseits sein mythisches Vorstellungsbild von dem der Christen. Wie die zeitgenössischen Konkurrenzangebote grenzt Mohammed seine Philosophie gegen die anderen zeitgenössischen Religionen ab. Anders aber als das Judentum, das in seiner Introvertiertheit auf die aktive Mission verzichtet, radikalisiert der Glaubensgründer des Islam den in seinem ursprünglichen Kern friedlichen Missionsgedanken der Christen. Jesus erhob nicht den Anspruch, sein Glaubensbild als politisches Glaubensdiktat zu definieren. Ganz im Gegenteil ist der ursprüngliche Ansatz des Jesu ein unpolitischer.

Jenseits des politischen Entstehens des Judentums, auf das ich in der Biblikon-Reihe umfassend eingegangen bin, ist das mosaische Konzept dagegen sehr wohl das einer Gesellschaftsorganisation. Durch seinen Verzicht auf Expansionismus bleibt es jedoch – mit Ausnahme jener im Tanach beschriebenen kanaanitischen Opfer – gleichsam in der Familie. Das politische Judentum im Verständnis des Tanach stellt keine Gefahr für Andersgläubige dar, denn es verzichtet nach Abschluss der vorgeblich durch Gott gebotenen Landnahme auf weitere Aggression gegen seine Nachbarn. Das Judentum ist somit faktisch mit der Landnahme und der Judaisierung des gelobten Landes vollendet – und das gilt unabhängig davon, dass diese Vollendung nicht von Dauer war. Es konnte in der Diaspora den Weg in die Mystifizierung gehen, sodass selbst die zionistische Idee des Theodor Herzl letztlich eine säkular-imperialistische Vorstellung ist, wie sie die Welt der Aufklärung im 19. Jahrhundert in zahlreichen Variationen kannte. Weil sie als Kinder der Aufklärung eben nicht den Gottesstaat propagierten, sondern einen Nationalstaat der Juden, waren die Zionisten nach 1945 in der Lage, einen jüdischen Staat zu gründen, der einerseits auf der jüdischen Glaubensphilosophie beruht und gleichzeitig die Konsequenzen der aufgeklärten Wissenschaftlichkeit als die eines im Grunde säkularen Staates verknüpfte. Gleichzeitig war diese Staatsgründung für die islamisch geprägten Bewohner der Region mehr noch als durch deren Landnahme eine religiöse Provokation: Der jüdische Staat steht als nationalstaatliche Demokratie in eklatantem Widerspruch zur Gottesstaatsphilosophie des Islam. Das tiefgreifende Zerwürfnis gerade mit dem gemäß dieser Philosophie organsierten Iran basiert insofern weniger in einem vorgeblich imperialistischen Kolonialismus des Zionismus, sondern vielmehr in dem säkular-weltlichen Konzept eines demokratischen Nationalstaats in der konsequenten, von der westeuropäischen Aufklärung geprägten Weiterentwicklung eines in seinem Ursprung dem islamischen Gottesstaatsanspruch identischen poltisch-religiösen Konzepts. Der jüdische Glaubensstaat hatte seine Realisierung in vorchristlicher Zeit. Er wurde nach seinem Versagen gegenüber einer seinerzeit modernen, säkularen Gesellschaft mit einer diesseitigen Staatsidee überwunden und legte gleichzeitig den Grundstein dafür, aus einem in seinen Wurzeln totalitärem Glaubenskonzept ein säkulares Staatskonzept entstehen zu lassen.

Das ursprünglich säkulare Christentum ging nach seinem Constantinischen Durchbruch den gegenteiligen Weg. Aus dem Säkularismus des Jesus wurde der Anspruch eines christlichen Glaubensstaates, in dem selbst abweichende christliche Auffassungen mit dem Tode bestraft werden konnten – eine Vorstellung, wie sie nicht weiter von den Auffassungen Jesu entfernt sein konnte. Und doch war das katholische Christentum – wenn auch gegen den Willen seiner Akteure – auf Basis des hellenistischen Erbes in der Lage, die Grundlagen der Verwissenschaftlichung des Denkens zuzulassen und so zumindest über den Druck eigener Abtrünniger zur ursprünglichen Säkularität des Jesus zurück zu kehren. Der Katholizismus des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts ist von der politischen zur moralischen Instanz geworden. Er hat seinen Weg zurück zu Jesus gefunden.

Mohammed übernahm das ursprüngliche Konzept des Judentums und die Mutation des christlichen Gedanken und baute darauf ein faktisch politisches Gesellschaftskonzept auf, dem die Mystik nur noch als Vehikel der Umsetzung dient. Träumten die Staatschristen in ihrer spezifischen Auslegung vielleicht von einem weltweiten Staatsdiktat ihres Christentums – und übersahen sie dabei geflissentlich, dass genau dieses nicht das Ziel ihres Erlösers gewesen ist – so wurde das weltweite Staatsdiktat unter dem Willen eines einzigen Gottes Kerngehalt der mohammedanischen Politikidee.

Der Islam des Mohammed ist so die Perfektionierung des gottesstaatlichen Anspruchs seiner weltlich-christlichen Konkurrenz in Byzanz. Die Umma ist daher erst vollendet, wenn es auf diesem Planeten kein Dar al Charb mehr gibt und Dhimmi wie Charbi und Musta’min der Vergangenheit angehören. Der Islam sieht insofern seiner Vollendung erst noch entgegen.

Der Islam des Mohammed ist ein religiös getarntes Konzept des arabischen Imperialismus. Auf den daraus entstehenden Konflikt zwischen Islamischem Anspruch und westeuropäischer Aufklärung bin ich bei früheren Publikationen eingegangen. Gleichzeitig aber legt dieses Konzept des frühen Mittelalters einen Mehltau des Fatalismus über die Gesellschaft.

Flaig weist darauf hin, dass die zeitweilige Dynamik der islamischen Kultur maßgeblich dann festzustellen ist, wenn sie sich durch die Ideen der europäischen Antike befruchten ließ. Tatsächlich waren die islamischen Kulturen bis heute nicht in der Lage, Anschluss an den wissenschaftlich-technischen Fortschritt der westchristlich geprägten Völker zu finden. Sie erlitten in Folge dieser Unfähigkeit zur Innovation die koloniale Fremdbestimmung durch sich selbst und durch Europa – und fanden so eine ständige Entschuldigung für das eigene Versagen.

Das Ende des Kolonialismus

Der Kolonialismus der Europäer wirkte und wirkt fort. Erst die Interventionen der UdSSR in Afghanistan und der USA in Mesopotamien, die beide scheinbar im Sinne der postkolonialen Doktrin erfolgen, ziehen die europäisch geprägte Decke von der islamischen Gesellschaft. Der Iran wendet sich als erstes ab und etabliert mit allen Konsequenzen für die darüber in die Glaubensdiktatur gepresste Bevölkerung einen islamischen Gottesstaat. Das zu keinem Zeitpunkt vom europäischen Kolonialismus unterworfene arabische Kernland des sa’udischen Imperiums beschritt diesen Weg von Anbeginn seiner eigenstaatlichen Existenz an und versinkt in der Dekadenz seiner eigenen Bigotterie.

In Syrien und dem Irak setzen das Versagen eigener Eliten ebenso wie der Interventionisten islamische Kräfte frei, die mit revolutionärer Dynamik das im siebten Jahrhundert unmissverständlich definierte Staatsziel übernehmen und mit der aus ihrer Sicht gebotenen Brutalität in die Tat umzusetzen versuchen.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte für die Annahme, dass jene uns überlieferten fast schon friedfertigen Übernahmen maroder Städte und Staatsgebiete durch den jungen Islam tatsächlich nichts anderes als Legende sind, dann wird dieser derzeit durch die IS erbracht. Die Landnahme des jungen Islam wird sich nur unbedeutend anders dargestellt haben als jene jener geschätzt 30.000 fanatischen Kämpfer, die in der Lage waren, innerhalb kürzester Zeit das halbe antike Assyrien zu überrennen.

 Die IS auf dem Weg der islamischen Vollendung

Die IS ist entgegen dem weit verbreiteten Erklärungsversuch alles andere als unislamisch. Sie ist eine Gruppe, die an der revolutionären Dynamik der ersten Glaubensgeneration ansetzt und von dem Ziel getragen ist, das bisher unvollendete zu vollenden.

Das wiederum stellt Europäer wie gemäßigte Muslime vor ein Dilemma. Vernichten die Europäer – wozu sie in der Lage wären – die IS, so schlagen sie einer Hydra den Kopf ab ohne verhindern zu können, dass zahlreiche neue Köpfe nachwachsen. Denn nach wie vor harrt das Fundament des Islam dann seiner Vollendung und lastet die Verhinderung dessen der christlichen Kultur an.

Überlassen die Europäer hingegen den Fortgang der Geschichte jenen, die als Muslime dafür zuständig wären, wird dem Islamischen Staat kein Einhalt geboten werden und die radikale Umsetzung der islamisch-expansionistischen Gebote zu einem für die zivilisierte Welt unerträglichen Vernichtungsfeldzug führen. Es gilt das alte, fatalistische Motto des „insh-Allah“ – Gott hat es so gewollt.

So mag es mehr als zynisch klingen, wenn ich nun die Behauptung aufstelle, dass das Phänomen der IS unverzichtbar ist, um den immer noch politischen Islam dorthin zu führen, wo Judentum und Christentum bereits sind: In der selbstverständlichen Bereitschaft, Gott und Staat zu trennen ohne dabei auf die moralisch-ethischen Ansprüche des eigenen Glaubenskonzeptes zu verzichten.

 Eine islamische Katharsis

Ich hatte 2006 geschrieben, dass der Islam den Weg einer eigenen, islamischen Aufklärung gehen müsse. Die Geschehnisse seitdem erfordern die Frage, ob dieses ein Weg sein kann. Denn tatsächlich finden sich keinerlei Ansätze einer islam-internen Überwindung des Gottesstaatsanspruchs selbst dann, wenn deren Protagonisten wie im nachrevolutionären Ägypten durch eine westlich-säkular geprägte Militärelite physisch vernichtet wird. Vielmehr deutet manches darauf hin, dass selbst ehedem säkulare islamische Staaten wie die Türkei dem Sog in den klerikalen Staat folgen werden.

Was der Islam insofern benötigt, ist keine Aufklärung – es ist eine Katharsis. Und es ist der IS, der diese Katharsis, diese rituelle Selbstreinigung bewirken kann. Denn sie führt dem islamischen Volk vor Augen, welches die unvermeidbare Konsequenz der wortgetreuen Umsetzung ihres religiösen Konzeptes ist. So wie das Judentum durch den Niedergang des hasmonäischen Gottesstaates gehen musste und das Christentum die Stagnation seines Mittelalters erlitt, so scheint es unumgänglich zu sein, dass der Islam einen aus sich selbst geborenen Weg der Leiden geht um den unerreichbaren, politischen Anspruch überwinden zu können.

Ich schrieb 2006, dass die Konsequenzen für einen humanistisch geprägten Europäer des einundzwanzigsten Jahrhunderts kaum zu ertragen sein werden. Es sträubt sich alles gegen die Vorstellung, Millionen von Menschen der Inhumanität von empathielosen Glaubensfanatikern auszusetzen. Alles ruft danach, diesem Leid ein schnelles Ende zu setzen – und doch wird es, wenn es ein zu frühes Ende ist, nicht das Ende sein.

Es ist die Unabdingbarkeit der klassischen Tragödie, in der sich die Beteiligten befinden. Es gibt keinen Königsweg, kein Entrinnen. Vielleicht aber gibt es zumindest du Hoffnung, dass die Brutalität der Radikalität bei den betroffenen Völkern den Anlass schafft, über die eigenen Wurzeln neu nachzudenken. Niemand erwartet und sollte erwarten, dass Millionen von Muslimen ihrem Glauben abschwören. Das ist auch nicht nötig, wenn es ihnen in ihrer breiten Mehrheit und mit ausdrücklicher Unterstützung ihrer geistigen Vordenker gelingt, das Gottesstaatsdiktat als das zu begreifen, was es ist: Das imperialistisch-aggressive Konzept einer seit langem vergangenen Situation, aus dem heraus sich eine Glaubensphilosophie entwickelt hat. So, wie sich aus dem Vernichtungsgebot des Tanach ein jüdisch geprägtes Demokratieverständnis entwickeln und aus dem vergewaltigten Wort Jesu ein christlich geprägtes, westeuropäisches Staatsverständnis bilden konnte.

Wenn dieses geschehen sein sollte, dann wird auch das wenig durchdachte Wort eines gescheiterten deutschen Bundespräsidenten zur Wahrheit werden und der Islam zu Deutschland gehören. Solange jedoch der Islam sich seiner Wiedergeburt verweigert, mag er zwar europäische Realität sein – dazu gehören kann er jedoch nicht.

© 2014/08 Spahn/FoGEP