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PSG 05/2017

Die letzten 15 Monate

Zum Mai 2017 wirkt der „Schulz-Effekt“ fort. Allerdings holt die Union wieder deutlich auf.

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Die Zahlen im Einzelnen:

Union 35,6 % (+1,2 Pp)

SPD 32,2 % (+0,6 Pp)

AfD 8,4 % (-1,1 Pp)

Grüne 7,5 % (-0,4 Pp)

PdL 7,3 % (-0,1 Pp)

FDP 5,8 % (-0,1 Pp)

 

Die Sitzverteilung

Bei einer Sitzverteilung auf dieser Grundlage ergäbe sich folgendes Bild

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Damit wären theoretisch koalitionsfähig

Union – SPD mit 396 Sitzen

Union – AfD – FDP mit 320 Sitzen

Union – Grüne – FDP mit 308 Sitzen

SPD – Grüne – PdL – FDP mit 316 Sitzen

 

Die langfristige Entwicklung

In der Flächenprojektion (vergleiche „Die Systemgegner kommen aus der Mitte“) zeigt sich deutlich, dass die SPD vorrangig zu Lasten der kleinen Parteien wächst.

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Die Systemgegner kommen aus der Mitte

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das hat zur Folge, dass zahlreiche Handlungen, mit denen er alltäglich zu tun hat, nicht mehr auf ihre Sinnfälligkeit überprüft, sondern quasi mechanisch ausgeführt werden.
Als wir nun angesichts des Ausgangs der ersten Runde der französischen Präsidentenwahl einen Blick auf die politische Entwicklung der ersten deutschen Demokratie von 1871 bis 1933 warfen – Ziel war die Beantwortung der Frage, ob hier gewisse Parallelitäten zu Frankreich zu erkennen sind – wurde eine der üblichen, mechanischen Vorgehensweisen bei der Betrachtung politischer Entwicklungen mit einem Male fragwürdig. Doch bevor ich darauf zu sprechen komme, noch ein kurzer Blick auf die französische Wahl, welche die Begründung liefert für den Blick auf Deutschland.

Sieger – oder doch nicht?

Beim Wahlgang am 23 April 2017 konnte sich ein weitgehend unbekannter, für das Politikgeschäft vergleichsweise junger Mann mit knapp 24 Prozent der abgegebenen Stimmen auf Platz Eins schieben. Die Kandidatin einer Gruppierung, die als rechtsextrem bezeichnet wird, landete mit knapp 22 Prozent auf Platz Zwei. Damit waren Emmanuel Macron mit seiner politisch schwer einzuordnenden Bewegung „En Marche!“ und Marine LePen von der „Front National“ die beiden Kontrahenten des entscheidenden zweiten Wahlgangs.
Medien und etablierte Politik feierten den „Sieger“ und hatten keinerlei Zweifel, dass Macron der künftige Präsident Frankreichs sein werde. Ob diese Siegeselogen auf den als Sozialliberalen gefeierten Mann aus der französischen Eliteschmiede „École nationale d’administration“ nicht verfrüht sein könnten, war der Hintergrund des Blicks auf die Entwicklung der ersten deutschen Demokratie. Denn zum einen sind 24 Prozent noch weit entfernt von der im zweiten Wahlgang notwendigen, absoluten Mehrheit. Zum anderen hatte das französische Wahlergebnis einen Pferdefuß, der zwar bei einigen Kommentaren angedeutet wurde, im Siegestaumel jedoch unterging. Neben der als „Rechtspopulistin“ oder „Rechtsnationale“ bezeichneten LePen hatte sich ein als „Linkspopulist“ (jedoch nicht als „Linksnationaler“) bezeichneter Bewerber namens Jean-Luc Mélenchon mit knapp 20 Prozent auf Platz Vier geschoben. Von den Bewerbern der klassischen Parteien erzielte der Konservative Francois Fillon auf Platz Drei knapp vor Mélenchon ebenfalls 20 Prozent – Sozialisten und Sozialkonservative kamen zusammen gerade noch auf 11 Prozent, Liberale und Sektierer waren marginalisiert.
Das bedeutet: Bewerber, die sich ausdrücklich gegen das bestehende System wendeten, kamen zusammen auf über 40 Prozent der Wählerstimmen – und auch wenn sich die unterlegenen Kandidaten aus den traditionellen Lagern nun für Macron aussprachen, so darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass dessen eindeutige Pro-EU-Position, seine Bereitschaft, eng mit Deutschland zusammen zu arbeiten, und die von ihm angekündigten, radikalen Reformen nur sehr begrenzt dem Zielhorizont der Wähler der „bürgerlichen“ Wahlverlierer entsprechen. Die als „links“ apostrophierten Anhänger des Mélenchon hingegen sind von den Positionen Macrons ähnlich weit entfernt wie die Wähler LePens.
Das wiederum bedeutet: Noch ist der jugendlich auftretende Ex-Wirtschaftsminister unter Francois Hollande nicht Präsident. Denn selbst wenn alle Fillon-Wähler ihr Kreuz bei ihm machten, läge er gerade einmal bei 44 Prozent. Um gewählt zu sein, benötigt er jedoch 50plus. Also wäre er unter der Maßgabe, alle Erstwahlgangsteilnehmer sind auch bei der Stichwahl dabei, auf Sozialisten und Sozialkonservative angewiesen – denn dass jemand vom Front National zu Macron wechselt, können wir ausschließen. Und weshalb ein Mélenchon-Wähler nun sein Kreuz bei Macron machen sollte, lässt sich auch nicht erschließen.
Faktisch läuft die aktuelle Situation nun darauf hinaus, dass nicht der Beliebtere, sondern der weniger Unbeliebte nächster Präsident der Republik werden wird. Beide Bewerber sind darauf angewiesen, dass Wähler, die weder den einen noch den anderen wollten, zu ihren Gunsten abstimmen – oder für den Fall, dass sie eher dem Konkurrenten zuneigen, dem zweiten Wahlgang fernbleiben.

Noch ist Macron nicht Präsident

Die Heilige Einfalt, mit der nicht nur eher „links“ gestrickte Kommentatoren nun bereits den Sieg Macrons verkünden, könnte einer eklatanten Fehleinschätzung unterliegen. Einer Fehleinschätzung, die maßgeblich auf der Annahme basiert, dass „linksextreme“ Wähler sich eher die Hand abhacken, als ihr Kreuz bei einem „Rechtsextremisten“ zu machen. Gleichzeitig unterstellen sie dem sozialdemokratisch bis konservativem Bürger eine angeborene Vernunft, welche diesen nun bewegen werde, für Macron zu stimmen.
Was aber, wenn diese eingelernte Selbstverständlichkeit eben keine solche ist? Was, wenn Fillon-Wähler sich nicht durchringen können, ihre Stimme zugunsten eines unter einem Sozialisten gedienten Elitezöglings abzugeben? Und was, wenn bei den angeblich radikalen Linken unter den Wählern die Aversion gegen das Establishment derart ausgeprägt ist, dass sie sich bewegen lassen, nun doch allen klassischen Rechts-Links-Schemata zum Trotz die radikale Systemveränderung zu unterstützen?
Schon wenn nur jeder zweite Mélenchon-Wähler aus tiefsitzendem Frust für LePen stimmte und wenn zwei von drei Fillon-Wählern sich nicht durchringen könnten, den Jungstar zu unterstützen, könnte die gegenwärtige Euphorie sich als deutlich verfrüht erweisen. Denn dann läge am Ende Macron auf Grundlage des ersten Wahlgangs bei rund 31 Prozent und LePen bei rund 35 Prozent. Blenden wir die schwer einzuschätzenden Sozialisten und Sozialkonservativen aus, hätte LePen damit eine deutliche Mehrheit für ihren Sieg.

Für einen künftigen Präsidenten Macron sind deshalb zwei Schlüsselfragen entscheidend:
– Gelingt es ihm, die Wähler der etablierten Parteien bis tief ins konservative Lager an sich zu binden und zu einer Stimmabgabe zu seinen Gunsten zu bewegen?
– Bleiben die „linksradikalen“ Wähler der Wahl fern oder unterstützen sie als fundamentalistische Systemgegner LePen?
So dürfte der zweite Wahlgang sein Ergebnis maßgeblich über die Wahlverweigerung finden: Wer der Wahl fernbleibt, der entscheidet im Zweifel deren Ausgang – und dann eher zugunsten desjenigen Kandidaten, den er von beiden Angeboten noch weniger mag.

Rückblick auf 1928 bis 1933

Diese Überlegungen nun ließen den Blick auf die erste deutsche Demokratie richten. Dort schoben sich in den Jahren zwischen 1919 und 1930 die Systemgegner von knapp acht auf gut 30 Prozent. Noch 1928 hatten nur rund 13 Prozent ihre Stimme zugunsten systemfeindlicher Bewegungen abgegeben – im wesentlichen für die „links“ einsortierten internationalistischen Sozalisten.
Eine maßgebliche Ursache für das explosionsartige Wachstum war seinerzeit, dass die Sozialdemokratie trotz der lächerlichen 2,8 Prozent, die 1928 die NSDAP unterstützt hatten, die „faschistische Gefahr“ – womit nicht die seit 1919 etablierten, an Moskau orientierten Kommunisten gemeint waren – in den Mittelpunkt ihrer Kampagne gestellt und damit hochgeredet hatte. Mit Blick auf deren aktuelles Vorgehen ein deutlicher Beleg sozialdemokratischer Lernunfähigkeit, der ausschließlich ohnehin treue Wähler motiviert, aus dem Lager der Unzufriedenen jedoch nicht einen einzigen zu gewinnen vermag.
Auch die öffentlichen Reaktionen waren seinerzeit ähnlich wie heute. Die „Frankfurter Zeitung“ sprach von „Erbitterungs-Wahlen“ (heute: „Protest- oder Frustwahlen“), durch „wilde Verhetzung“ (heute: „Hass“) verursacht. Das Ausland kam damals den Ursachen deutlich näher und konstatierte die Unfähigkeit der etablierten Parteien, die Bedürfnisse der Bürger wahrzunehmen und ihnen ihre Politik zu erklären.
Nach 1930 half selbst das Ausscheiden der Sozialdemokraten aus der Großen Koalition nicht mehr – bei den erneut vorgezogenen Neuwahlen im Sommer 1932 wurden die Verfassungsgegner mit über 51 Prozent bereits mehrheitsfähig – wären sich nicht als nationale und internationale Sozialisten einander spinnefeind gewesen. Auch bei den nächsten Neuwahlen im November des Jahres stellten die Systemgegner eine kappe absolute Mehrheit – zum 30. Januar 1933 übernahm Adolf Hitler das Kanzleramt und schuf nach erneuten Neuwahlen im März 1933, bei denen die Systemgegner bereits bei 55 Prozent lagen, die seit 1871 bestehende, erste deutsche Demokratie ab.

In Frankreich: 40 Prozent Systemgegner

Und was hat das mit Frankreich zu tun? Nun, dort liegen, wie dargestellt, die Systemgegner derzeit bereits bei gut 40 Prozent der abgegebenen Stimmen. Das entspricht in etwa der deutschen Situation von 1930. Noch teilen sich diese 40 Prozent in klassischer Weltsicht ziemlich genau in der Mitte nach Rechten und Linken. Das unterscheidet das Frankreich von heute – noch – vom Deutschland der frühen 1930er.
Damit nun bin ich bei der eingangs aufgeworfenen Frage der gewohnheitsmäßigen Betrachtung. Unsere tradierte Weltsicht sieht die Parteien von Sozialdemokratie über Liberale bis hin zu gemäßigten Konservativen als die „Parteien der Mitte“ an. Das soll heißen: Sie sitzen nicht nur im Parlament in der Mitte – sie vertreten auch die breite Mitte der systemtreuen Bevölkerung, während sich bei den Extremisten von Rechts und Links die gesellschaftlichen Ränder quasi als Parias tummeln.
Unter diesem tradierten Blickwinkel sollte nun in der FoGEP-Flächenprojektion die Entwicklung der deutschen Reichstagswahlen von 1871 bis 1933 dargestellt werden. Folglich kamen die eher unpolitischen Katholiken des Zentrums in die Mitte, links davon Linksliberale, Sozialisten und Kommunisten. Rechts vom „Zentrum“ wurden Nationalliberale, Konservative und „Rechte“ platziert. Die Darstellung in Grafik 1 erfolgt entsprechend dieser politischen Vorgaben von links nach rechts, wobei oben die Wahl von 1871 steht und unten jene von 1933.

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Eine irritierende Darstellung

Das bemerkenswerte – vielleicht auch irritierende – an dieser Darstellung ist der Zickzack in der politischen Verortung, der vor allem das „Zentrum“ bewegt, sowie jener Dorn, den die Kommunisten quer durch die Darstellung treiben bis hinein in das „rechte“, nationalkonservative Lager. Das „Zentrum“ als Partei der praktizierenden Katholiken wäre demnach 1871 ziemlich weit links gestartet, hätte sich 1919 zu einer rechten Partei entwickelt, um dann 1933 fast wieder auf der gemäßigt linken Position von 1871 einzufinden.
Da nun vor allem Katholiken nicht dazu neigen, ihre politischen Positionen von ziemlich weit links (1871) bis deutlich rechts (1919) und zurück (1933) zu ändern, vermittelt dieses Bild offensichtlich einen falschen Eindruck von der politischen Entwicklung, ohne dass es dabei auf unkorrekten Daten basierte. So folgte die Frage, ob es eine Darstellung gäbe, die der tatsächlichen Entwicklung näher käme.
Um dieses zu erreichen wurde die Prämisse aufgestellt, dass Parteien, die inhaltlich und in der Zustimmung relativ stabil sind (in diesem Falle „Zentrum“, SPD und Nationalkonservative) grafisch nicht in der Mitte anzuordnen sind, sondern nach außen das Bild begrenzen sollten. Dadurch besteht die Möglichkeit, die Bewegungen innerhalb der grafischen Mitte korrekter miteinander korrelieren zu lassen, ohne derart irreführende Bilder wie jene Zentrums-Zickzacklinie zu schaffen.
In Grafik 2 wurde daher das christlich-traditionelle Zentrum als manifester, gesellschaftlicher Sockel Seite gesetzt. Auf diesen Sockel kamen die zwar schwächer werdenden, aber dennoch relativ stabilen Nationalkonservativen. Die Sozialdemokratie als wachsend-stabile Bewegung des Antiklerikalismus sollte in diesem Bild den oberen Abschluss bilden. Weitere Prämissen waren, dass die Parteien möglichst nahe dem Mittelpunkt ihrer Startposition 1871 enden und die Ausschläge so gering wie möglich erfolgen sollten – also mit geringstmöglichem „Zickzack“.

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„Rechts-“ und „Links-„extrem bedienen sich in der Mitte

Bei dieser Darstellung ist das „Zentrum“ weitgehend stabil. Die SPD manifestiert sich ebenfalls als fester Bock. Doch auch die Nationalkonservativen bleiben – grafisch angelehnt an das „Zentrum“ – trotz wiederholter Verluste bis auf den Zeitraum 1928 bis 1933 relativ konstant. Die tatsächlich systemrelevanten Veränderungen finden in der grafischen Mitte statt:
– Beide liberale Parteien verlieren deutlich. Die Kommunisten als internationalistische Sozialisten bedienen zwar auch bei der Sozialdemokratie, doch offenkundig werden sie maßgeblich von Linksliberalen (gelb), aber auch in geringerem Maße von Nationalliberalen (orange) gespeist.
– Die nationalen Sozialisten wiederum bereiten beiden liberalen Parteien ihr Ende und holen sich einen nur geringfügig kleineren Anteil bei den Nationalkonservativen, während sie das „Zentrum“ nur marginal tangieren, offensichtlich jedoch auch von der SPD profitieren.
Grafisch unterlegt wird damit nun allerdings eine ständig vorgetragene, gleichsam als mechanisch angewandte Behauptung überaus fragwürdig: Die als gesellschaftliches Allgemeingut behauptete These, dass die Gefahren für die Verfasste Demokratie von den politischen Rändern ausgingen. Denn es ist unverkennbar, dass die „links“ von den traditionellen Parteien angesiedelte Sozialdemokratie nach einem ersten „Schock“ 1919/20 kaum noch Wähler an die Systemgegner abgab und das als „rechts“ betrachtete, katholische „Zentrum“ von der Entwicklung der Systemgegner so gut wie überhaupt nicht berührt wurde. Demokratische Sozialisten und Katholiken können insofern als die eigentlichen Säulen der ersten deutschen Demokratie nach der Umgestaltung 1919 bezeichnet werden. Die beiden systemfeindlichen Bewegungen hingegen fraßen sich aus der faktischen Mitte der Gesellschaft in die Breite – dort, wo 1871 noch liberale Parteien eine deutliche Mehrheit auf sich vereinen konnten und diese auch 1919 noch standen.
Die daraus zu ziehenden, nachfolgend aufgezeigten Schlüsse gelten dann nicht nur für das Deutsche Reich zwischen 1871 und 1933, sondern wären gleichermaßen auf die Bundesrepublik der Gegenwart wie eben auch auf Frankreich anzuwenden:
1. Die eigentliche Gefahr für die Verfasste Demokratie droht nicht von radikalen Rändern, sondern von einer vernachlässigten gesellschaftlichen Mitte.
2. Das Ausblenden dieser Tatsache führt dazu, dass die etablierten Parteien unkontrolliert auf die Systemgegner als vermeintliche Extremisten einschlagen (1930 wie derzeit in der Bundesrepublik vor allem die SPD; gegenwärtig in Frankeich) – was aber eben nicht, da deren Potentiale nicht wie angenommen an den Rädern, sondern in der Mitte der Gesellschaft liegen, zu einer Verringerung des Zuspruchs durch Ausgrenzung der ohnehin systemgegnerischen, gesellschaftlichen Ränder führt, sondern das genaue Gegenteil bewirkt, indem sich die labil gewordene, verunsicherte gesellschaftliche Mitte dadurch noch massiver über deren Repräsentanten aus dem politischen System ausgegrenzt fühlt.
3. Ohne ein umfängliches Zugehen auf die Bedürfnisse und die Kritik dieser sich ausgegrenzt fühlenden Mitte verschärft sich das Problem der radikalen Entfremdung der gesellschaftlichen Mitte vom System der Verfassten Demokratie und verschärft in eben genau dieser Mitte (1928 – 1933) das Phänomen des Systemniedergangs – am Ende steht die Vernichtung der demokratischen Institutionen nebst Verdrängung der ursprünglich systemrelevanten Parteien.

Macrons zu erwartender Pyrrhussieg

Wenn das so richtig ist, dann bedeutet es konkret für Macron und seinen möglichen Erfolg einen Pyrrhussieg. Es sei denn, es gelänge ihm als gewählten Präsidenten tatsächlich, die Sorgen der Wähler von LePen und Mélenchon wahrzunehmen und inhaltlich zu bedienen. Ob ihm dieses jedoch gelingen kann, darf mehr als fraglich angenommen werden.
– So sind seine Pro-EU-Positionen derzeit bereits deutlich jenseits der Bedürfnisse von mindestens 40 Prozent der französischen Wähler.
– Es ist überaus fraglich, dass seine Bewegung bei den anstehenden Parlamentswahlen über genügend Stimmen verfügen wird, um dem neuen Präsidenten eine komfortable Mehrheit der Abgeordnetenstimmen zu geben.
– Die bei der Präsidentenwahl bereits unterlegenen, systemrelevanten Parteien und Eliten der erodierenden Mitte werden weiterhin dafür Sorge tragen, in der gesellschaftlichen Mitte die Systemfeindlichkeit zu bestärken spätestens dann, wenn polit-taktische Spielchen dem neuen Präsidenten seinen Reformeifer zerstören werden. Wohin das führt, konnte man bei Barack Obama und den innenpolitischen Blockaden seiner Gegner trefflich verfolgen.
Insofern deutet einiges darauf hin, dass sich die Gratulanten und Jubler deutlich zu früh gefreut haben. Ein am Ende aus den genannten Gründen gescheiterter Macron wird bei den nächsten, turnusmäßigen Präsidentschaftswahlen gleichsam zum Roten Teppich des Einzugs von LePen in den Élysée-Palast werden. Wenn – auch das ist immer noch nicht auszuschließen – die enttäuschte Mitte, die sich bereits partiell nach „Links“ orientiert hat oder sich zähneknirschend hinter Fillon stellte, bereits bei der Stichwahl konsequent bleibt, dann könnte es sogar geschehen, dass LePen eine ausreichende Mehrheit im zweiten Wahlgang einfährt. Eine Mehrheit aus ihren „rechten“ Anhängern, Systemgegnern von der „Linken“ sowie den Nichtwählern des Bürgertums. Spätestens dann dürfte der Jubel den Gratulanten und Börsengurus im Halse stecken bleiben.
Unabhängig davon hat der Blick auf die deutsche Entwicklung seiner ersten Demokratie auch ein weiteres deutlich gemacht: Sortierungen nach „Rechts“ und „Links“ sind offenbar gänzlich untauglich, um dynamische politische Prozesse zu begreifen. Wer sich ihrer dennoch bedient und daraus Vernichtungskampagnen gegen den vorgeblich auf der anderen Seite stehenden Gegner abzuleiten sucht, betätigt sich am Ende nur als Brandbeschleuniger – und beschleunigt damit sein eigenes Ende ebenso wie das Ende dessen, was er vorgeblich als politisches System vor den extremen „Rändern“, die ganz offensichtlich aus der gesellschaftlichen Mitte kommen, retten will.
©2017 fogep

PSG 01/2017 – R2G chancenlos

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Im PolitSeismoGraph zum Januar 2017 gewinnt die Union erneut dazu und kommt nun auf 37,0 % (im Vormonat: 35,9 %).

Die größten Verlierer zum Start des Jahres 2017 sind SPD (- 0,4 Pp auf 22,8 %) und Grüne (-0,9 Pp auf 11,3 %).

Damit ist R2G mit nur noch 43 % weiter von jeder Regierungsmöglichkeit entfernt als je zuvor.

Die rotgrüne Koalition kommt nur noch auf 34 %.

Die FDP nähert sich mit 5,1 % der kritischen Marke.

Die AfD stagniert mit 11,3 % auf derselben Höhe wie die Grünen.

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Das Langfrist-Flächendiagramm (®FoGEP) zeigt auf, dass die Parteien rechts der traditionellen Mitte deutlich nach links drängen. Eine linke Mehrheit ist daher in der Bundesrepublik zunehmend weniger zu erkennen.

Im Einzelnen entfallen zum Januar 2017 auf die Parteien folgende Prozentanteile:

  • Union 37,0 %
  • SPD 22,8 %
  • AfD 11,3 %
  • Grü 11,3 %
  • PdL 8,9 %
  • FDP 5,1 %

Entsprächen diese Prozentanteile der Zustimmung bei Wahlen zum Deutschen Bundestag, so wären aktuell nur Koalitionen aus Union und SPD (371 Sitze*) oder Union-AfD-FDP (mit 332 Sitzen) regierungsfähig.

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SPD-Grü-PdL käme aktuell auf 266 Sitze, die Ampel aus SPD, Grünen und FDP auf 243 Sitze.

Da sich die FDP zunehmend mehr der 5-Prozent-Sperrklausel nähert, zeigt das nachfolgende Bild die Zusammensetzung des Bundestages für den Fall, dass die FDP nicht in das Parlament kommt.

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In dieser Situation gäbe es drei Möglichkeiten der Regierungsbildung:

  • Eine Koalition aus Union und SPD mit 391 Sitzen.
  • Eine Koalition aus Union und AfD mit 316 Sitzen.
  • Eine Koalition aus Union und Grünen mit ebenfalls 316 Sitzen.

Chancenlos bleibt die R2G-Variante mit 281 Sitzen.

*Sitzangaben ohne Überhang- und Ausgleichmandate

 

Alle Text- und Bildrechte: FoGEP/ Spahn ©2016

Spitzwege aus dem Kopf eines Bürgerlichen

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Spahns SpitzWege aus dem Kopf eines Bürgerlichen.

28 Essays und Lyrik zu überwiegend zeitkritischen und politischen Themen in der Tradition des Bürgertums.

Band 1 – 14,80 € Paperback

Editoral : SpitzWege aus dem Kopf eines Bürgerlichen
Von Winnetou zu Obama
Bill Bush : Der Putin ist ein großer Mann
Bill Bush : Der Putin ist ein kleiner Wicht
Putin – Mensch und Macht
Bill Bush : Hübsch aufgepeppt und hochgespritzt
Bill Bush : Der Sarkozy ist ein Enfant
Reden und Schweigen
:edathy
:gegonos edathy
:tragodia edathy
Relativierungen
Putins ungewolltes Signal an das Reich der Mitte
Bill Bush : Spießbürger Fritz
Bill Bush : Ganz tief im Herz von Afrika
Die Rückkehr der westfälischen Friedensphilosophie
Plädoyer für eine neue Militärstrategie
Russlands Weg nach Osten
Faschismustheorie und der faschistische Totalitarismus
Die Leistungsfiktion im modernen Wohlfahrtsstaat
Schimpansen, Bonobos und Homo Sapiens
Bill Bush : Der Türkensultan Erdogan
Bill Bush : Hoch oberhalb des Bosporus
Von Tautologien und Oxymora
Ein Abschied
„Bündnisverteidigung ist Landesverteidigung“
Wir . Drei Sätze
Liberal oder libertär?
Es geht ein Jahr

Der ganz große Terroranschlag steht Europa noch bevor – weil der IS in Paris versagt hat

So unfassbar das angesichts der mittlerweile über 130 Toten und über 350 Verletzten klingt: Der Islamische Staat hat bei seinem Anschlag in Paris versagt. Denn nach allem, was wir mittlerweile wissen, sollten die drei Selbstmordattentäter, die ihre Sprenggürtel dank aufmerksamer Sicherheitskräfte außerhalb des größten Stadions Frankreichs zur Explosion brachten, sich im Stadion in den Reihen der Zuschauer in die Luft sprengen.

Rund 70.000 Menschen befanden sich zu diesem Zeitpunkt im Stadion – überwiegend Franzosen und Deutsche. Stellen wir uns – obwohl wir uns das nicht vorstellen wollen – vor, was geschehen wäre, hätte der IS Erfolg gehabt. Die Selbstmordattentäter hätten mit ihren Explosionen vielleicht um die fünfhundert bis eintausend Menschen sofort getötet. Dabei hätten sie eine Panik ausgelöst, die das gesamte Publikum und die Feldspieler zugleich ergriffen hätte. Rund 70.000 Menschen, darunter zahlreiche Kinder, die in Todesangst ohne Rücksicht auf andere nach einem Fluchtweg suchen. Wir müssen über die Anzahl der Toten nicht spekulieren – Dantes Inferno wäre dagegen harmlos gewesen.

Gleichzeitig waren in Paris selbst weitere Attentäter unterwegs, von denen offenbar einige aus ihren Fahrzeugen wahllos auf Passanten und Cafés schossen, während ein drittes Kommando gezielt den Veranstaltungsort „Le Bataclan“ stürmten. Dort gab zu diesem Zeitpunkt eine US-Rockband mit dem Namen „Eagles of Death Metal“ ein Konzert. Mit Kalaschnikows und Sprenggürteln wurden dort über hundert junge Menschen im wahrsten Sinne des Wortes niedergemetzelt.

Eine perfide Strategie

Die Wahl der Einsatzziele und die Gleichzeitigkeit des Vorgehens waren im Sinne des Terrorzieles perfekt durchdacht. Die US-Eagles gelten als Vertreter konservativer Wertvorstellungen und Freunde Israels. Ihre Fans und am besten auch sie selbst zu ermorden hätte die Antijudaisten des islamischen Plebs zwischen Marokko und Pakistan mit mehr als stillschweigender Freude erfüllt. Und doch sollte dieser Anschlag ebenso wie das Maschinengewehrfeuer im Pariser Caféviertel nur dem Ziel dienen, Verwirrung zu stiften und Rettungskräfte zu binden. Denn wäre das eigentliche Ziel des Attentats erreicht worden, mit dem im State de France die beiden europäischen Führungsnationen Frankreich und Deutschland ins Mark getroffen werden sollten, hätten alle Rettungskräfte der französischen Hauptstadt nicht ausgereicht, die Verletzten zu versorgen. Zahllose schwerverletzte, niedergetrampelte Menschen wären ihren Verletzungen erlegen, bevor ihnen auch nur der Ansatz von medizinischer Hilfe hätte zuteil werden können. Der Angriff des IS hätte nicht nur vermutlich zehntausende Tote gefordert – er hätte auch nicht nur die Unfähigkeit der Europäer offenbart, seine Menschen zu schützen, sondern auch gezeigt, dass „der Westen“ außerstande ist, die Opfer zu retten.

Das alles, die Wahl eines Freundschaftspiels der beiden Führungsnationen bei einer Sportart, die wie kaum eine Zweite für Europa steht, im Herzen Frankreichs und das vor laufenden Kameras: Es wäre ein Fanal gewesen, gegen das die Angriffe auf die New Yorker Twintowers wie die Tat von Anfängern gewirkt hätten. Doch der Plan ging daneben – und stellt die europäischen Sicherheitskräfte vor ein kaum zu lösendes Problem.

Wie der zu erwartende Großanschlag aussehen wird

Denn es stellt sich die Frage: Welche Konsequenzen müssen aus Zielwahl und geplanter Durchführung gezogen werden?

  1. Es ist nicht zu übersehen: Der IS strebt danach, die ungeliebte Konkurrenz von AlQaida in den Schatten zu stellen. Wir stehen vor einer Art Wettbewerb des Grauens: Wer realisiert den gewalttätigsten, opferreichsten Anschlag?
  2. Die Tatsache, dass der Pariser Plan gescheitert ist, wird beim IS ein „Nun-erst-recht“ organisieren. Das Ziel, fünfstellige Opferzahlen zu erzielen, ist nur aufgeschoben. Aber der Aufschub wird zeitlich begrenzt sein, denn die Terroristen haben sich nun mehr denn je zu beweisen, dass ihnen das geplante Fanal gelingt.
  3. Die immer noch vorherrschende Vorstellung, es sei hier nur gegen Frankreich gegangen, ist falsch. Es sollte Frankreich und Deutschland gleichermaßen und damit die Europäische Union treffen. Wäre das Freundschaftsspiel in ein deutsches Stadion gelegt worden, wäre die deutsche Stadt, die dieses Stadion beherbergt, Ziel des Attentats geworden.
  4. Der IS plant seine Attentate so, dass allein für sich schon opferträchtige „Nebenkriegsschauplätze“ die Rettungskräfte binden und für Verwirrung sorgen sollen. Ziel: Am Hauptanschlagsort die Versorgung verzögern und dadurch die Opferzahl erhöhen.
  5. Der Hauptattentatsort wird so gewählt, dass eine möglichst große Anzahl nicht unmittelbar Beteiligter live zuschauen muss und sich die Bilder des Infernos tief in jedes Unterbewusstsein einprägen.

Fassen wir diese fünf Punkte zusammen, dann bleibt nur ein Schluss: Der IS plant gegen Europa einen Anschlag mit dem größtmöglichen Terroreffekt. Die Zahl der Opfer soll gigantisch werden – und sie soll die Unfähigkeit Europas offenbaren, sich selbst zu schützen.

Da niemand wirklich weiß, wie viele Terrorteams sich tatsächlich in Europa aufhalten, ist ab sofort nicht nur jede Großveranstaltung, die sich der TV-Übertragung erfreut, ebenso konkretes Anschlagsziel wie parallel stattfindende Unterhaltungsveranstaltungen. Europa wird außer Stande sein, all diese Events wirkungsvoll zu schützen – es geht schwierigen Zeiten entgegen.

Deutschland: Die Mitte bricht weg

Unsere Bundesregierung hat sich in trauter Gemeinsamkeit mit unseren Medien sehr viel Mühe gegeben, die insbesondere Deutschland derzeit überrollende Völkerwanderung schön zu reden. So schien es anfangs auch, als würde das ganz gut funktionieren. Jene damals noch wenigen, die sich dem verordneten Mainstream verweigerten und dieser Verweigerung bei Pegida-und-Co-Demos Ausdruck verliehen, konnte man schnell in die rechte Ecke stellen und als „Pack“ unterpflügen. Meinte man.

Aber der Strom der Zuwanderer wollte und wollte nicht abnehmen – irgendwann sickerte eine Zahl von 800.000 durch. Der Bundesinnenminister, der sich gerade dazu verstieg, die ohnehin schon auf Mittelmaß abgesenkten Bildungsansprüche gegen Null fahren zu wollen, erzählte etwas von einer Million Einwanderern, die dieses Jahr zu erwarten wären. Der Blick vor die Haustür, ob nach Slowenien oder Kroatien, ob in die Ägäis oder dorthin, wo derzeit die vor Assads und Putins Angriffen fliehenden Syrer ausharren, belehrte jene, die immer noch auf einen zeitlich begrenzten Ausnahmezustand hofften, eines Besseren.

Demoskopisch im Sinkflug

Die Zustimmung zum Strom der Einwanderer sank bei Infratest Dimap von 61 Prozent im September auf 47 Prozent im September, um sich Anfang November bei 48 Prozent einzupendeln. Dabei ist die gestellte Frage nicht ohne manipulatives Potential, denn sie lautet: „Es macht mir Angst, dass so viele Flüchtlinge zu uns kommen.“ – Nein, liebe Infratestler, „Angst“ macht es mir beispielsweise nicht. Es macht mich nur fassungslos, wie Politik und Medien darauf reagieren und damit umgehen. Aber diese Frage habt ihr ja lieber gar nicht erst gestellt.
Angela Merkel, bis vor kurzem noch als Bundesmutti von vielen geliebt, patzte ungewohnt häufig. Ob die Feststellung, dass ein Land, in dem die Flüchtlinge nicht willkommen seien, nicht ihr Land sei, oder die fatalistische Ergebenheit, die aus ihrer Belehrung sprach, dass man gegen Asylsuchende ohnehin nichts machen könne – der Beliebtheitsgrad der Kanzlerin, die bis vor kurzem noch als Sonnenkönigin über allem schwebte, ging rapide in den Keller. Nur noch 49 Prozent sind Anfang November mit ihrer Arbeit zufrieden – nach erdrutschartigem Rückgang von fünf Prozentpunkten im Oktober und sogar neun Prozentpunkten im September.

Mit Merkel geht die Union in die Knie. Sah es über lange Zeit so aus, als stünde die Union bei Neuwahlen mit beiden Beinen fest in einer absoluten Mehrheit, brach die Zustimmung bis November auf 37 % ein, schmolz der Vorsprung zur wie Blei bei 24 % hängenden SPD auf nur noch 13 Prozentpunkte. Das klingt nach Kanzlerdämmerung –aber es spielt eigentlich schon keine Rolle mehr. Denn nach gegenwärtigem Stand der Dinge würde nach vorzeitigen Neuwahlen entweder eine zusammengeschmolzene Große Koalition weiterwursteln müssen – oder aber ein rot-rot-grünes Chaosbündnis der Gutmenschen und Deutschlandverächter würde das Ruder übernehmen. Eine Rückbesinnung auf Europäisches Recht ebenso wie darauf, dass deutsche Regierungen auf das Wohl des deutschen und nicht des Weltvolkes eingeschworen werden, steht von keiner dieser Alternativen zu erwarten.

Ein tiefer Frust beim deutschen Volk

Eigentlich aber ist das auch etwas, was mir weniger Sorge macht als das, was ich alltäglichen Leben feststellen muss. Es sind viele kleine, jedes für sich vielleicht bedeutungslose Signale, die ich auffange.

Da sind zum Beispiel meine betagten Nachbarn. Irgendwann früher haben sie CDU gewählt. Aber das ist schon einige Zeit her. Denn irgendwann fühlten sie sich von der Politik nicht mehr wahrgenommen und verweigerten die Stimmabgabe. Heute blicken sie in den Fernseher und dann auf ihre Enkelkinder. Und dann werden die Ängste spürbar und ausgesprochen: „Ich weiß nicht, wo das noch hinführen soll. Das schafft Deutschland nicht.“ Merkels Mantra ist nicht nur bei ihnen auf taube Ohren gestoßen.

Da ist ein führender, sozialdemokratischer Lokalpolitiker, der mir beim Bier offenbart, dass er die gegenwärtige Politik für eine Katastrophe hält. Kein Land könne das bewältigen und aushalten – und das Gros der Zuwanderer würde ohne Perspektive in neuen Ghettos landen. Paris lässt grüßen. Er weiß wovon er spricht, denn seine alteingessene regionale SPD steht kurz davor, von mittlerweile bestens integrierten, türkisch-stämmigen Deutschen übernommen zu werden.

Dann der Verwaltungsmitarbeiter, mit dem ich jüngst sprach. Als junger Vater repräsentiert er klassisch das, was man gemeinhin unter der Mitte des Volkes versteht. Er selbst allerdings versteht sich dort immer weniger, sieht sich angesichts der Kampagnen gegen „Flüchtlingskritiker“ an den rechten Rand gedrückt. Und das, obgleich er niemals mit Pegida und ähnlichem auch nur liebäugeln würde – aber seine Befürchtung, dass dieses Deutschland in Kürze nicht mehr das sein werde, in dem er seine Kinder großwerden sehen möchte, sollte von der Politik ernstgenommen werden.

Oder die gute Bekannte, die sich darüber beklagt, das gerade gestern bei einem deutschen Discounter ein „junger, südländisch aussehender Mann“ an den an der Kasse wartenden Frauen vorbei zog, sich nach dem entsprechenden Hinweis auf das Ende der Warteschlange vor der Kassiererin aufbaute und mit den Worten „Ich Mann – Frau – nix hinten“ und einem nicht zu übersehenden, verächtlichem Blick auf die Damen durchsetzte, sofort abkassiert zu werden.

Vielleicht sollte ich zuletzt in dieser deutschen Reihe noch kurz einen früheren Landtagsabgeordneten erwähnen, der mittlerweile derart apathisch geworden ist, dass er nur noch darüber nachdenkt, ob Kanada oder Australien die künftige Heimat seiner Kinder sein werde.

… und bei Deutschen ausländischer Herkunft

Es sind aber nicht nur die Deutschen, die hadern. Jüngst in Berlin beklagte sich der vor einiger Zeit ins Land gekommene syrische Taxifahrer, dass die Bundesregierung nicht mehr wisse, was sie tue. Er werde als Neudeutscher ebenfalls mit in den Sumpf fallen, den dieser Flüchtlingsstrom jetzt erzeugen werde.

Oder mein iranischer Freund, der einst unter vielen Gefahren vor dem Militäreinsatz unter den Mullahs floh. „Ihr Deutsche seid verrückt geworden. Und Ihr seid viel zu gutmütig“. Mehr fällt ihm kopfschüttelnd nicht mehr ein.

Noch weiter geht die Kritik eines langjährigen armenischen Freundes, der seit seiner Militärzeit bei der Roten Armee überwiegend in Deutschland lebt. Für ihn steht der Fall fest: „Merkel ist eine Sowjetagentin! Sie soll Deutschland zerstören!“ Der Hinweis, dass ich das doch für reichlich überzogen halte, wird damit abgetan, dass er solche Frauen aus der Sowjetunion kenne. „Die tun nur lieb, sind aber eiskalt und berechnend.“ Ich lasse das einfach so als Meinung im Raum stehen. Und auf den Hinweis, dass ein jüdischer Freund davon ausgeht, in einem dank muslimischer Überfremdung bald antisemitischen Deutschland nicht mehr leben zu können, verzichte ich nun auch.

Keine Rechtsradikalen – aber sie lieben Deutschland

Keiner von denen, egal ob deutschen oder nicht-deutschen Ursprungs, ist ein Rechtsradikaler. Keiner von ihnen ist Ausländerfeind. Und gewalttätig sind sie schon gar nicht. Keiner würde auch nur im Traum au die Idee kommen, mit Pegida auf die Straße zu gehen.
Aber sie alle eint, dass sie dieses freie und liberale Deutschland, das sich nach 1945 hat entwickeln können, lieben. Es ist ihre Heimat. IHRE Heimat. Sie alle sind bereit, Menschen in Not zu helfen. Aber sie sind nicht bereit, darüber ihre Heimat zu verlieren. Und genau diese Angst treibt sie um. Sie alle – Alt-Deutsche wie Neu-Deutsche.

Möglich, dass diese Angst ungerechtfertigt ist. Aber die von Politik und Medien gebetsmühlenartig vorgetragene „Refugees welcome“-Arie hat sie scheu gemacht. Sie sind nicht so naiv, an eine gleichsam organische Integration dieser Menschenmengen zu glauben. Dagegen spricht schon die eigene Erfahrung, die jeder von ihnen mit Zuwanderern gemacht hat, wenn diese, weil zu viele, sich in Parallelgesellschaften organisierten und daran gingen, in ihrem Wohnviertel aus Deutschland etwas zu machen, das für die Deutschen nicht Deutschland ist. Vor allem aber sehen sie alle kein Ende der Völkerwanderung. Statt dessen dummbatziges, gegenseitiges Kielholen zwischen den Protagonisten der Koalitionäre.

Angesichts der Lähmung der Bundespolitik wurde für viele von ihnen über Nacht aus Horst Seehofer, den sie zuvor als bayerischen Marionettenkönig wahrgenommen hatten, der letzte Politiker, dem sie ihr Deutschland noch anvertraut hätten. Nun – diese Blase ist am 5. November geplatzt und der Seehofer Horst ist wieder der bayerische Marionettenkini.

Das eigentliche Problem aber ist damit nicht gelöst. Die deutsche Bundesrepublik ist gerade dabei, ihre Mitte zu verlieren. Sie verliert sie deshalb, weil eine linke, aber laute Minderheit diese Mitte gezielt nach rechts schiebt. Und weil in der Politik niemand mehr in der Mitte da ist, der aufsteht und laut „Stopp!“ ruft. Wenn nun aber die klassische Mitte der Bevölkerung rechts wird und sich ausgegrenzt und diffamiert fühlt – was geschieht denn dann? Dann haben wir entweder demnächst eine linke Diktatur, die als Meinungsdiktat gefühlt für viele heute schon herrscht. Oder das Pendel schlägt plötzlich nach über einem halben Jahrhundert linker Dominanz ganz heftig in die andere Richtung. Haben muss ich weder das eine noch das andere.

Die eigentliche Belastungsprobe steht erst bevor

So deutet vieles darauf hin, dass uns die eigentliche Belastungsprobe erst noch bevor steht. Das Versagen unserer Politiker, sich den Sorgen unserer Bevölkerung ernsthaft und ohne Abqualifizierung zu stellen, lässt immer mehr Bürger orientierungslos werden.

Orientierungslose aber suchen nach Halt. Diese Suche kann, wenn unsere Politik nicht endlich wieder für die Mitte der Gesellschaft da ist, unsere Demokratie sprengen. Unter der Decke schwelt es bereits. Es wird Zeit, dass die Verantwortlichen mit dem Löschwagen kommen – und nicht durch Verteufelung und Ausgrenzung weiter Öl ins Feuer gießen.

Revolution, so hörte ich immer wieder, sei der Deutschen Sache nicht. Das ist zwar historisch nicht ganz richtig – aber es ist im Kern nicht falsch. Die breite Mehrheit der Deutschen möchte einfach nur in Frieden leben und ihren ausreichenden, kleinen Wohlstand genießen. Manchmal aber ist es trotz allem nur ein Tropfen, der ein sich beharrlich füllendes Fass zum Überlaufen bringen kann. Hoffen wir, dass unsere Politik nun endlich begreift, dass sie den Zustrom zu diesem Fass wirksam zu stoppen hat.

©20151106 Spahn/FoGEP – erstveröffentlicht am 7. November 2015 bei „Tichys Einblick“

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Dieser, wie ich finde bemerkenswerte Kommentar fand sich bei „Tichys Einblick“ unter dem oben zu lesendem. Er wird unkorrigiert wieder gegegeben.

von Sandra Seidel

Sehr geehrter Herr Spahn,

vielen Dank hierfür.

Man reibt sich wirklich nur noch die Augen. Alles wirkt so surreal. Ich fand die Menschen mit ihren Willkommensplakaten von Anfang an vollkommen merkwürdig (wie auf Droge)- als ginge es um ein Fußballspiel und da zieht gerade eine Lieblingsmanschaft ein. Es ist als ob man sich bis Dato gelangweilt hätte und nur auf das ‘Happening’ gewartet hat.

Frau Merkel und die Regierung haben schlicht die Entwicklungen verschlafen – und die ganze anschließende Willkommenkultur-Polemik diente ausschließlich dazu, dies zu vertuschen bzw. es moralisch unmöglich erscheinen zu lassen dagegen zu sein. Aber das ihr die Leute (wie kleine Kinder) das abkaufen – und nachplappern finde ich vollkommen beängstigend. Das ist ja genau das, was man den Deutschen (oder ich meinen Großeltern) immer vorwirft: blinde Autoritätshörigkeit. Eine Kindlichkeit, die sich nicht traut, den eigenen Verstand zu gebrauchen. Das meinte Hannah Arendt. als sie von der ‘Banalität des Bösen’ schrieb.

Vor allem die ÖR Medien propagieren einseitig ‘Refugees welcome’. Weder werden Talkrunden ausgeglichen besetzt, noch wahren Kommentare und Berichterstattung (geschweige denn die Bilder) gebotene Distanz. Der Junge am Strand war ein Pradebeispiel für Manipulation über Emotion. Was gibt es höheres als ein Kinderleben? Schweig – sonst machst du dich schuldig….

Hier entsteht ein Absolutismus – eine inszenierte und gewollte Sprachlosigkeit – die Bilder müssen nur grauenhaft genug sein, dann brauchen wir nicht mehr denken/argumentieren/begründen – im Gegenteil, dass ware nur hinderlich und moralisch verwerflich. Das ist hochgradig manipulativ und tief undemokratisch. Nein, der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Wir schließen unser Haus ab – aber die Grenze bleibt offen (ist geklaut von Herrn Broder – aber es ist exzellent, um die Absurdität der derzeitigen Politik / des derzeitigen Handelns anzuzeigen). Der Verstand sagt uns, dass dieses Verhalten vollkommen logisch ist. Aber natürlich könnten wir auch Herz für Einbrecher zeigen (bestimmt haben es viele davon auch nicht leicht).

Es braucht gar keine Bilder wie eine Angela Merkel mit Kopftuch (wie auf der gestrigen Afd-Demonstration) um das klar zu machen. Es reicht – ganz im Gegenteil – ein Blick auf die erste Seite der http://www.tagesschau.de. Dort prangt seit mehreren Wochen eine Frau mit Kopftuch (sehr hübsch und das Kopftuch nur ganz locker) – der Link führt auf eine Willkommensseite für Neuankömmlinge in mehreren Sprachen.

Nun sage ich: nein, dass ist kein harmloser Altruismus oder neutraler Journalismus mehr. Das ist ein politisches (Interessen-vertretendes) Statement. Gleichzeitig setzt es eine Norm für gesellschaftlich akzeptiertes Handeln. Diese Frau / der Link sind statisch – genau wie eine Karte mit Hilfsprojekten. Alle anderen Bausteine/Nachrichten fließen/ändern sich – aber die Flüchtlingsbausteine sind statisch. Die Frau sieht mich jedes mal an, wenn ich diese ÖR-Seite aufschlage – mit ihren schönen rehbrauenen Augen. Sie wird mir aufgezwungen – und ich zahle monatlich meine Gebühren für eine ausgeglichene Berichterstattung. Ich kann beides – sie schön finden und mich wahnsinnig darüber ärgern, dass sie statisch dort hängt.

Die ARD sagt : Willkommen. Sie sagte eben nicht – lass uns diskutieren wer warum Willkommen sein soll – denn das ist unser Land – und es gehört Dir und mir. Sie diktiert ‘Willkommen’. Sie ist definitiv nicht für Begrenzung sondern öffnet ihre Arme und ich habe meine auch zu öffnen.

Die Politk weigert sich langfristig Verantwortung für dieses Land und dessen Bevölkerung zu übernehmen. Das versucht sie zu kaschieren mit Werten, von denen sie weiß, da wird niemand ‘Nein’ sagen können – ohne eben gesellschaftlich geächtet zu werden. Das ist hochgradig manipulativ. Mir graut vor Weihnachten dieses Jahr – die Kirchen werden die Moralkeule schwingen – Maria und Josef waren ja auch mal Flüchtlinge – also kann man ja wohl nicht so herzlos sein…usw.

Menschen haben Angst – sie haben inzwischen Angst ihre Meinung zu sagen und anzuecken. Sie wollen nicht als ‘böse’ dastehen – vor den anderen und vor sich selbst. Darum schweigen sie und fühlen sich doch unwohl, denn sie merken, dass etwas vollkommen schief läuft.

Ich kann nur dazu aufrufen, wo es eben geht, weiter den Mund aufzumachen und das sollte man dann eben auch den resignierten Zeitgenossen vermitteln – Demokratie lebt von Teilnahme. Wenn Menschen nicht zur Wahl gehen – verschenken sie ihre Stimme. Das wirlich traurige an PEGIDA ist, dass sind Menschen, die sich sonst wohl eher nicht engagiert hätten – und die etwas tun. Der Politikwissenschaftler reibt sich die Hände – Tote werden wach. Wissen Sie wie wahrscheinlich es ist, dass sich Menschen, die sich benachteiligt fühlen noch irgendwie engagieren. Das sie das tun – ist absolut bemerkenswert. Meist resignieren sie / sie geben auf – und genau dann wird es gefährlich. Wieso versucht man nicht, diese Menschen und deren Meinungen einzubinden? Das sind -heute schon- deutsche Mitbürger.

Interessiert es denn eigentlich niemanden, warum es dazukommt, dass Glatzköpfe sich die Haare abrasieren und warum es so viele verängstigte Menschen im Osten gibt – viele davon sogar noch mit Haaren. Und die – verunglimpft man nun alle – und dann ist das Problem gelöst…? Was ist das denn für eine simplifizierte Denke…? Projektion? Diese Entwicklung ist seit langer Zeit bekannt – darüber wurde bereits vor über zehn Jahren ausführlich geforscht. Ein Wutbürger ist mir übrigens lieber als einer, der nichts sagt. Wut kann (gerade in einer Demkoratie) ziemlich produktiv sein (sie ist nämlich oft nur kurzfristig vorhanden) – bei Resignation und Passivität ist es dann schon schwieriger.

Das Mantra der Zukunftsfähigkeit

Es gibt Dinge, die scheinen einfach als Wahrheit gesetzt. So wie ein päpstliches Dogma. Irgendeiner sagt, dieses oder jenes sei so und so – und alle wiederholen das ohne nachzufragen, weshalb und warum das so sei.  Eines dieser gleich einem Mantra vorgetragenen Dogmen, die seit geraumer Zeit in Deutschland ständig und unhinterfragt verbreitet werden, ist jenes von der Zuwanderung, die wir bräuchten, weil andernfalls unser Land keine Zukunft habe.

Nun aber angenommen, ich würde dieses Dogma nicht gelten lassen wollen. Angenommen, ich würde es wagen die Frage zu stellen, weshalb Deutschland ohne Zuwanderung keine Zukunft hat?

Als Antwort auf diese Frage fällt mir ohne weiter nachdenken zu müssen das ständige Argument der Sozialverbände sowie der Arbeits- und Sozialpolitiker ein, wonach unser Sozialsystem ohne eine ausreichende Zahl von Einzahlern zusammenbräche. Auf den ersten Blick will das als nachvollziehbar erscheinen. Aber – schauen wir doch einmal etwas genauer auf diese Aussage. Denn tatsächlich kann sie nur dann richtig sein, wenn man davon ausgeht, jenes, was wir als „unser Sozialsystem“ bezeichnen, auf alle Ewigkeit in genau dieser bestehenden Form erhalten zu wollen.

Dieses Mantra bedeutet, dass das umlagefinanzierte Rentensystem, von dem schon Konrad Adenauer wusste, dass es irgendwann im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht mehr funktionieren würde, weiterhin über genügend Einzahler verfügt, um die ständig steigenden Unterhaltskosten für jene aus dem Produktivprozess ausgeschiedenen Personenkreise abdecken zu können, welchen man zu Zeiten ihrer eigenen Berufstätigkeit vorgegauckelt hat, sie würden mit den Sozialabzügen auf ihrem Gehaltszettel eine Vorsorge für die eigene Zukunft betreiben. Tatsächlich war das natürlich zu keinem Zeitpunkt so. Tatsächlich wurden ihre Einzahlungen sofort dafür verwendet, zeitgleich Rentner, Kranke, Sozialhilfeabhängige, Arbeitslose unsoweiter derart auszustaffieren, dass sie nicht auf revolutionäre Gedanken kommen. Die Tatsache, dass bei diesem System partiell getrennt wurde in Rentenzahlung und vorgebliche Versicherungen gegen Arbeitslosigkeit und anderes, war letztlich nur Ablenkung. Denn sobald die Einnahmen irgendwo nicht reichten, musste ohnehin das Steuersäckel einspringen, was zu einer beständigen Erhöhung der Staatsschulden führte, weshalb man auf diese Sozialversicherungsabgaben auch gänzlich hätte verzichten und sie gleich auf die Steuerabgaben aufschlagen können. Das allerdings hätte beim Steuerzahler vermutlich Unmut erzeugt – und die Versuchung, einen Teil der Einnahmen über die Verlagerung auf den Arbeitgeber zu generieren, hätte auch nicht funktioniert. Wobei man letzteren auch einfach auf den Lohn hätte aufschlagen und beim Arbeitnehmer einziehen können – was aber vermutlich dann doch zu viel Unmut angesichts der Ausgabenpolitik des Staates hätte nach sich ziehen können.

Sollte es bei dem bestehenden System tatsächlich einmal zu Überschüssen kommen, wie es einst bei den Pensionsrücklagen für die Beamten geschehen sein soll, so fanden sich schnell Wege, sich diese Überschüsse „auszuleihen“, um sie irgendwann – bei „besserer Wirtschaftslage“ – wieder zurückzugeben. Dieses „irgendwann“ – es ahnte jeder und dennoch wagte es niemand auszusprechen – ist selbstverständlich jener berühmte Sankt-Nimmerleinstag, welcher in der Perspektive angewandter Politik gänzlich sinnbefreit immer dann greift, wenn es sich um Zusagen einer Vorgängerregierung handelt, für die man selbst sich gänzlich unverantwortlich wähnt, oder jene Situation, bei welcher man die Korrektur eigener Entscheidungen auf eben eine beliebige künftige Regierung schiebt, auf deren Zusammensetzung der Politiker heute – weil Demokrat – keinerlei Einfluss hat und welche künftig ebenfalls genau deshalb feststellen wird, dass sie sich die entsprechenden Zusagen einer Vorgängerregierung nicht zu Eigen machen kann.

Der Umgang mit dem sogenannten „Soli“, der ausschließlich dem Aufbau Ost dienen und in Bälde abgeschafft werden sollte, ist ein perfektes Beispiel für dieses Vorgehen. Warum auch nicht: Irgend etwas, mit dem der Bürger zwangssolidarisch sein könnte, wird sich immer finden – war es dereinst der dank sozialistischer Staatswirtschaft marode Osten der Republik, so dachte man nun daran, damit die nach 25 Jahren Einheit nicht minder marode Infrastruktur der Westbundesstaaten zur Solidaraufgabe zu machen, um dann 2015 feststellen zu können, dass die Solidarität mit den Kriegs- und Elendsflüchtlingen dieser Welt eine kollektive Aufgabe sei. Der „Soli“ als Zusatzzwangsabgabe zur Ausbesserung von Politikerversagen hat damit Ewigkeitswert.

Ein Blick auf die Rente

Doch wenden wir uns wieder dem Mantra der Zukunftsfähigkeit zu und schauen wir auf die Rentenversicherung. Diese wird zwecks Absicherung von Wählerzustimmung und Abfederung der Kostensteigerung beständig aufgestockt. So stieg sie in den alten Bundesländern zwischen 1995 und 2015 um insgesamt 21,09 Prozentpunkte und in den neuen Bundesländern um 41,27 Prozentpunkte. Da hierbei Zeitpunkt, Zins und Zinseszins zu berücksichtigen ist, bekommt ein Rentner, der 1995 genau 1000 Euro erhalten hätte, heute im Westen 1207,33 Euro und im Osten 1463,48 Euro.

Gleichzeitig stieg die Anzahl der Rentner in diesem Zeitraum von rund 21 Millionen auf etwas über 25 Millionen – was einer Steigerung von fast zwanzig Prozent entspricht. Im Januar 2015 meldete das Bundesamt 42,74 Millionen Erwerbstätige – womit rechnerisch für jeden Rentner 1,7 Erwerbtätige einzahlen mussten. Mit anderen Worten: Jeder Prozentpunkt, um den die Rente steigt, müsste bei umlagebedingtem Kostendeckungsziel den Anteil der Rentenversicherungszahlungen des Arbeitnehmers um 0,55 % steigen lassen. Allerdings – Erwerbstätige sind nicht sozialversicherungspflichtige Beschäftigte und diese sind angesicht von Minijobs pp. nicht sämtlichst Beitragszahler.

Die durchschnittliche Realrente liegt aktuell im Westen der Republik bei 1.133 € und im Osten bei 928 €. Setzen wir der Einfachheit halber den Schlüssel 3 zu 1 im Verhältnis der Bevölkerung West-Ost voraus, so ergibt sich pro Arbeitnehmer ein Betrag in Höhe von 1082 €, der monatlich allein für die Finanzierung des gegenwärtigen Rentnerbestandes vom Lohn abgezogen werden müsste.

Und nun schauen Sie, lieber Leser, einmal auf Ihren Lohnzettel und vergleichen Sie. Sollten Sie tatsächlich auf jene 1082 € Rentenabzug kommen, die Sie als Arbeitnehmer zur Absicherung der monatlichen Rentenausgaben zu leisten hätten, dann können Sie sich gratulieren – denn dann liegt ihr monatliches Bruttoeinkommen immerhin bei 5785 Euro. Das Gros der Arbeitnehmer allerdings verdient deutlich weniger – und insofern ist die im Volksmund gern als „Rentenversicherung“ bezeichnete Monatsumlage schon heute ein Zuschussgeschäft, das nur durch den Griff in die Steuerkassen finanziert werden kann. Daher darf man dann auch mit Fug und Recht feststellen, dass beispielsweise die Rente mit 63 nicht vom Nutznießer derselben, sondern von jenen bezahlt wird, die auf dieses Rentengeschenk verzichten und verzichten werden oder verzichten werden müssen, weil die geplünderten öffentlichen Haushalte irgendwann nichts mehr hergeben.

Zurück in die Zukunftsfähigkeit

Blicken wir nun auf jenes Mantra der Zukunftsfähigkeit, welche vorgeblich nur durch Zuwanderung gesichert werden kann. Angenommen, die eine Million Zuwanderer, von denen heute für dieses Jahr 2015 ausgegangen wird, würden sämtlichst sofort und ohne Weiterbildung in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse einsteigen. Angenommen weiterhin, ihre Verdienste wären so gut, dass sie im Sinne der Ausgabendeckung vollumfänglich ihren Ausgabendeckungsbeitrag leisten könnten. Dann hätten wir es folglich ab sofort nicht mit 42,74, sondern mit 43,74 Millionen zahlenden Arbeitnehmern zu tun. Dadurch würde der notwendige monatliche Rentenabzug pro Arbeitnehmer um sage und schreibe 24,70 € auf 1057 € sinken. Für gewöhnlich nennt man so etwas einen Tropfen auf den heißen Stein – und das hier am Beispiel der Rentenversicherung dargelegte gilt ähnlich für die anderen Sozialausgaben, zu deren Deckung der Staat notgedrungen den Steuerzahler oder die Schuldenaufnahme heranzieht.

Tatsächlich aber – diese Erkenntnis treibt selbst die sonst so optimistisch in ihre sozialistische Welt trällernde Bundesarbeitsministerin um – wird das Gros der Zuwanderer nicht in solche Arbeitsverhältnisse zu bringen sein. Und wenn überhaupt, dann erst nach erheblichen Investitionen in deren Bildung und Ausbildung.

Was also soll das Mantra der Zukunftsunfähigkeit? Wie viele Menschen gedenkt unsere Regierung denn zu importieren, um zur Deckung der Sozialausgaben zu kommen? Und warum öffnet man dann mit großem Herzen die Tore nicht nur für Flüchtlinge, die normalerweise nach der Wiederherstellung der Ordnung in ihrer Heimat wieder die Rückreise antreten – was allerdings offenkundig für die Syrer ohnehin nicht vorgesehen ist?

Warum nicht Qualität statt Quantität?

Warum beginnt man als vorgeblich hochzivilisierte Industrienation nicht endlich einmal damit, über das nachzudenken, was in demographischen Situationen wie der deutschen tatsächlich anzudenken wäre – nämlich auf Qualität statt auf Quantität zu setzen?

Längst ist unsere Industrie so weit, dass sie die Billigarbeitsplätze dorthin verlagert hat, wo die Menschen für einen Hungerlohn bereit sind, sich zu Tode zu schuften. Diese Arbeitsplätze aber wird man auch nicht zurückholen, indem man nun Billiglohnarbeitskräfte in Masse ins Land holt. Denn die tatsächlich Unqualifizierten liegen schon heute als Dauerempfänger auf den Sozialkassen vornehmlich der damit völlig überforderten Kommunen.

Ein Lumpenproletariat der Unvermittelbaren schafft Druck

Aber die beständige Organisation eines Lumpenproletariats der Unvermittelbaren produziert Druck. Einen Druck, der den Arbeitgebern offenbar sehr gelegen ist, um auch die breite Schicht der qualifizierteren Mitarbeiter im Zaume zu halten. Und die so erwirtschafteten Gewinne schnell über Abführungsverträge oder andere Tricks wie fadenscheinige Lizenzvergaben auf Mutterkonzerne zu verlagern, die ihren Sitz in Steueroasen außerhalb der Republik haben.

Der Weg, einen beständigen Überschuss an vorgeblich nicht vermittelbaren Arbeitnehmern zu haben, ist an sich nicht neu. Es ist noch kein Jahrhundert her, da reichte das Einkommen eines einzigen Erwerbstätigen, um seine Familie zu ernähren. Das hätte auch so bleiben können, wenn der technologische Fortschritt dazu geführt hätte, die Löhne an der Einsparung von manpower angemessen partizipieren zu lassen. Stattdessen aber organisierte man den Aufstand der Frauen, indem man die Erziehungsarbeit als unwürdig abqualifizierte und den Frauen erklärte, dass nur die fulltime-berufstätige Mutter Selbsterfüllung finden könne. Doch dieses Potential war irgendwann ausgeschöpft – und so mussten neue Billiglöhner her, die dem Lohnabhängigen als drohender Zeigefinger vorgehalten werden konnten, falls seine Lohnforderungen tatsächlich dem Produktivitätsstandard angepasst werden sollten. Erst nannte man sie Gastarbeiter – und nachdem diese durch eigene Qualifizierung ebenfalls dem Lumpenproletariat entwuchsen, müssen nun vermeintliche Flüchtlinge importiert werden.
Der Druck, dem sich letztlich auch die Mittelständler nicht entziehen können, kommt von ganz oben. Es sind die multinationalen Konzerne, die auf der einen Seite die Arbeitskraft des Tagelöhners in Bangla Desh und anderswo für einen Spottpreis erhalten, und die andererseits die Qualifikation des gut ausgebildeten Industriearbeiters in den Industrienationen so billig wie möglich haben möchten. Denn sie bestimmen so die Weltmarktpreise – und damit die Höhe der Gewinne ihrer Shareholder.

Globale Shareholder und die Sozialindustrie

Jedoch – es wäre weit verfehlt, allein auf die Gewinninteressen der global agierenden Multis zu schauen. Denn unter deren breiten Schultern hat sich nicht nur bei uns im Lande eine Sozialindustrie entwickelt, die von der Quantität statt von der Qualität gut und ausschließlich lebt.

Die sogenannten Wohlfahrtsverbände nebst allem, was sich in deren Peripherie angesiedelt hat, übernehmen im Schwerpunkt die Aufgabe, mit Steuermitteln die arbeitsmarktpolitisch unverzichtbare Basisarmut zu betreuen statt die dort gefangenen Mitbürger effektiv in die Selbstversorgungsmöglichkeit zurück zu führen. Naheliegend – denn täten sie dieses, so würden sie sich selbst arbeitslos machen und das Schicksal derer teilen, an denen sie zuvor so gut verdient haben. So wie beispielsweise auch eine Rückbesinnung auf die private Kinderbetreuung zahlreiche Niedriglöhner im Kita-Bereich nebst Logistik hätte freisetzen müssen – weshalb nicht nur die realsozialistischer Sozialisation entsprungene Bundesfamilienministerin alles daran setzte, das bürgerliche Ansinnen der Christsozialen, zumindest die Möglichkeit der familiären Erziehung zu erhalten, zu unterlaufen.

Der Bedarf an Präkariat (so heißt es in der Fachsprache) ist also vielseitig – und er reicht von den vorgeblich sozial denkenden und davon lebenden Linken bis zu deren vorgeblichen Gegnern in den Vorständen globaler Konzerne. Das Interesse, ein soziales Proletariat beständig aufzuforsten um sich nicht der Frage zu stellen, wie man Wirtschaft und Erwerb mit etwas weniger Gewinn für die ganz Reichen und weniger Sozialausgaben für die breite Masse der Bürger auf zukunftsfähige, im Sinne eines selbstverantworteten Handelns des Einzelnen gerechtere Beine stellen könnte, eint Linke wie moderne Kapitalisten.

Und deshalb werden wir uns das Mantra von der vorgeblichen Zukunftsunfähigkeit einer nicht quantitativ wachsenden Gesellschaft weiterhin anhören müssen, wohl wissend, dass es eigentlich nur darum geht, das, was an qualitativem Wohlstand erwächst, nicht mit der breiten Mitte des Volkes teilen zu müssen und dabei gleichzeitig durch sachgerechte Förderung die Unterschicht aus ihrer prekären Situation zu befreien.
©2015/0925 Spahn/FoGEP