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Serbiens schwerer Weg nach Westen

Der eine oder andere mag sich noch an Zoran Dzindzic erinnern. Der 1952 im heutigen Bosnien-Herzegowina geborene Offizierssohn war der erste, wirkliche Oppositionspolitiker, der im Nach-Bürgerkriegs-Serbien 2001 zum serbischen Ministerpräsidenten gewählt wurde. Dzindzic, der nach einer langjährigen Haftstrafe im Jugoslawien – übersetzt „Südslawien“ – des Kroaten Tito in Deutschland Philosophie studiert hatte, wollte sein vom Nationalsozialisten Milosevic zerrüttetes Land nach Westen führen, strebte den EU-Beitritt an. Gleichzeitig hatte er den sozialistischen Altkommunisten und den korrupt-mafiösen Strukturen seines Landes den Kampf angesagt. Am 12. März 2003 wurde Dzindzic von einem Scharfschützen gezielt ermordet. Dieses Mordes angeklagt und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden Mitglieder einer kriminellen Polizei-Sondereinheit, die dereinst unter dem direkten Befehl des Milosevic gestanden hatte. Mit dem Tod Dzindzic‘ kam es innerhalb Serbiens zu heftigen Auseinandersetzungen über den künftigen Kurs des Landes, in deren Folge sich die frühere jugoslawische Teilrepublik Montenegro von Serbien löste und als sechster Nachfolgestaat Südslawiens ihre Unabhängigkeit erklärte.

Serbien und Russland

Serbien ist ein Land, das sich traditionell an Russland orientiert. Der erste Weltkrieg brach maßgeblich deshalb aus, weil das zaristische Russland sich als Schutzmacht der Serben definierte, welche wiederum durch das in ihren Führungsetagen gebilligte Attentat auf den österreichischen Kronprinzen Franz Ferdinand dem großen Nachbarn den Grund zur Kriegserklärung geliefert hatten. Trotz des unabhängigen Kurses des Jugoslawien Titos gingen die engen serbischen Bindungen zu Russland nie verloren. So ist heute bekannt, dass beispielsweise jener Igor Girkin alias Strelkow, der 2014 mit Rückendeckung der russischen Geheimdienste den Separationskrieg in die ukrainischen Ostprovinzen trug, bereits im 1995 endenden Bosnien-Krieg auf Seiten der Serben kämpfte.
Der bekennende Geheimdienstler Girkin vertrat 2013 öffentlich die Auffassung, dass Kriege außerhalb Russlands als sogenannte „spezielle Präventivoperationen“ durchgeführt werden müssten, zu denen beispielsweise auch der Mord an gegnerischen Führern gehören könne. Gut vorstellbar also, dass dieses Konzept, welches ebenfalls 2013 vom russischen General Gerassimow als „hybride Kriegsführung“ definiert wurde, bereits vor 1914 zum Inventar der zaristischen „Sicherheitsabteilung“ (Ochrannoje otdelenie) gehörte und deren serbische Blutspur von Franz Ferdinand bis Zoran Dzindzic reicht.

Balkan, NATO, Eu und Russland

Anfang dieser Woche nun begannen die offiziellen Verhandlungen zum Beitritt Serbiens in die Europäische Union. Serbiens Ministerpräsident Aleksander Vusic unterstrich dabei das Ziel seines Landes, bis 2019 Teil der EU zu werden. Er hat es eilig – und das aus gutem Grund.
Russlands „21st Century Schizoid Man“ Wladimir Putin betrachtet diese Entwicklung mit allem anderen als mit wohlwollendem Kopfnicken. Das Kreml-Propaganda-Organ „Sputnik“ wird nicht müde, den Serben eine pro-russische Haltung als einzigen Weg in die Zukunft zu predigen. Liebevoll wird mit einem nur noch rhetorischen Fragezeichen darauf verwiesen, dass Putin „Vorbild und einzige Hoffnung“ für die Balkanländer sei.
Bei seinem Serbien-Besuch anlässlich der 70-Jahr-Feiern der Befreiung Jugoslawiens von deutscher Besetzung lobte Putin im Oktober 2014 die Waffenbruderschaft zwischen den Ländern in den höchsten Tönen – und warnt gleichzeitig vor dem „nazistischen Virus“, das beispielsweise in den baltischen Staaten bereits „Alltagserscheinung“ sei.
Der russische Präsident unterstreicht in aller Deutlichkeit die „gemeinsame Pflicht, die Versuche der Revision der Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs vehement zu unterbinden“ und zu bekämpfen. Mit anderen Worten: Alles, was seit 1989 auf dem europäischen Kontinent an Veränderungen stattgefunden habe, sei letztlich irrelevant. Konkret: Ob deutsche Wiedervereinigung und Ausscheren der mittelosteuropäischen Staaten aus russischer Sowjethegemonie, ob Unabhängigkeitserklärungen ehemaliger Sowjetkolonien wie Baltikum und Georgien, aber auch jener Zerfall des Nachkriegs-Jugoslawiens – sämtlichst zu bekämpfende „Revisionen“ der stalinistischen Nachkriegsordnung. Putin sieht dabei Serbien an vorderster Front, erklärt das Land zum „Schlüsselpartner“ an der Seite des großen Bruders Russland.
Als Anfang Dezember die ehemalige Teilrepublik Montenegro auf ihren ausdrücklichen Wunsch von der NATO die Einladung zum Beitritt erhält, berichtet Russlands Propaganda-TV „RT“ umgehend über massive Proteste der pro-serbischen Opposition. Die prorussischen „Deutschen WirtschaftsNachrichten“ (DWN) sprechen von „2000 bis 5000“ Demonstranten – allein diese Spanne von 3000 „vielleicht-oder-vielleicht-auch-nicht“- Demonstranten lässt bei einem vorgeblichen Sockel von nur 2000 Menschen erhebliche Fragen offen. Umso erstaunlicher, dass die DWN bereits wenige Tage später nun auch auf „Massenproteste“ gegen den NATO-Beitritt Montenegros einschwenkt. Ein Beitritt, der gemäß DWN laut „Umfragen nur von 50,2 Prozent der Montegriner“ unterstützt werde – was immerhin noch einer Mehrheit der Bevölkerung entspräche.
Noch bedeutsamer für die DWN aber ist: „Der russische Einfluss in Montenegro ist weiter stark“ – und es kämen alljährlich „hundertausende russische Besucher“. Da werden unwillkürlich Erinnerungen wach an jene russischen Militärangehörigen, die während eines offiziellen Urlaubs gut organisiert und in Scharen in den ukrainischen Donbass strömten, um dort auf der Seite der Terroristen gegen die Zentralregierung zu kämpfen.

Moskaus postimperialer Phantomschmerz

Flankierend kommt aus Moskau das ganz große Geschütz der zunehmend mehr unter heftigem postimperialem Phantomschmerz leidenden Russen: Außenminister Lawrow erklärt Montenegro faktisch zur russischen Balkankolonie, indem er einen NATO-Beitritt als „Bedrohung“ Russlands definiert.
Die nun in ihre heiße Phase eintretenden Verhandlungen zwischen Serbien und EU werden in Moskau ähnliche Reaktionen hervorrufen. Denn sollten sie zu einem erfolgreichen Abschluss geführt werden – woran derzeit beide Seiten ein hohes Interesse haben – dann dürfte das Nachdenken über Serbiens NATO-Beitritt nur noch eine Frage der Zeit sein. Also legt auch hier die moskauhörige DWN schon einmal kräftig Kohlen auf. Russland solle isoliert werden – deshalb werde einmal mehr der europäische Steuerzahler bluten dürfen, um ein Land, in dem „erhebliche Korruption herrscht“ und dessen Wirtschaft in „einer schlechten Verfassung“ sei, von Russland zu entfremden. Da fragt man sich doch: Was will Russland eigentlich mit so einem „failed state“?
Ohnehin eigenartig – noch vor einem Jahr hatte der oberste Russe überhaupt kein Problem damit, dieses am Boden liegende, durch und durch korrupte Land mit mehr als zwei Armen fest an seine Brust zu drücken und die ewige Bruderschaft zwischen den beiden slawischen Völkern zu feiern. Doch so schnell kann das gehen mit dem putinschen Liebesentzug, wenn man sich nun als „der letzte Verbündete Russlands in Europa“ (so DWN) demonstrativ vom Kreml ab- und dem Westen zuwendet.

Stalin-Doktrin und grüne Männchen

Für Vusic bedeutet es, künftig nur noch mit schusssicherer Weste und großgewachsenen Bodygards durch die Gegend zu laufen. Denn sonst könnte es leicht geschehen, dass er das fast schon vergessene Schicksal des ersten Demokraten Serbiens teilt.
Die NATO sollte ein Auge darauf haben, dass nicht demnächst auch in Serbien und Montenegro kleine grüne Männchen auftauchen, die „regionale Patrioten“ in ihrem „gerechten Kampf gegen das nazistische Virus“ aktiv unterstützen.
Kremlsprecher Peskow, der bei seiner Hochzeit mit Eisprinzessin Tatjana Nawka mit einer mindestens 500.000 Euro teuren Uhr am Arm für Aufsehen sorgte, hat es ja bereits unmissverständlich gesagt: Die NATO-Einladung an Montenegro gefährde die Sicherheit und die Interessen Russlands und werde „eine deutliche Antwort“ erhalten. Der feste Wille Serbiens, die EU den Russen vorzuziehen, wird aus Moskauer Sicht ebenso verstanden werden.
Und so wird das zunehmend einsamere Moskau weiter nach seiner Stalin-Doktrin verfahren und die Reaktivierung der imperialen Weltpolitik des neunzehnten Jahrhunderts rücksichtslos zu Lasten jener Völker vorantreiben, die selbst über ihr Schicksal entscheiden möchten statt sich einem mafiösen Großreich zu unterwerfen.

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Editoral : SpitzWege aus dem Kopf eines Bürgerlichen
Von Winnetou zu Obama
Bill Bush : Der Putin ist ein großer Mann
Bill Bush : Der Putin ist ein kleiner Wicht
Putin – Mensch und Macht
Bill Bush : Hübsch aufgepeppt und hochgespritzt
Bill Bush : Der Sarkozy ist ein Enfant
Reden und Schweigen
:edathy
:gegonos edathy
:tragodia edathy
Relativierungen
Putins ungewolltes Signal an das Reich der Mitte
Bill Bush : Spießbürger Fritz
Bill Bush : Ganz tief im Herz von Afrika
Die Rückkehr der westfälischen Friedensphilosophie
Plädoyer für eine neue Militärstrategie
Russlands Weg nach Osten
Faschismustheorie und der faschistische Totalitarismus
Die Leistungsfiktion im modernen Wohlfahrtsstaat
Schimpansen, Bonobos und Homo Sapiens
Bill Bush : Der Türkensultan Erdogan
Bill Bush : Hoch oberhalb des Bosporus
Von Tautologien und Oxymora
Ein Abschied
„Bündnisverteidigung ist Landesverteidigung“
Wir . Drei Sätze
Liberal oder libertär?
Es geht ein Jahr

Russlands Schwäche ist eine verspielte Chance – eine Skizze zu Russlands Krise

von Torsten Kurschus

Wieder einmal ist der Rubel im Keller, so unterirdisch wie die Rohstoffe, auf denen er fußt.
Dass der Rubel so schwach ist, weil er am niedrigen Ölpreis zu kleben scheint, birgt auf den ersten Blick viele Vorteile für das Land – auch wenn die Menschen dort das sicher anders sehen. Da Importe sehr viel teurer werden, gibt es die Orientierung auf eigene Produkte, was für die Landwirtschaft und Teile des Maschinenbaus und einige andere Industriezweige ein Segen sein kann, wenn die Nachfrage auf inländische Produkte ausweicht. Das könnte gerade im russischen Maschinenbau und der chemischen Industrie längst überfällige Innovationen fördern und ebensolche zivilen Projekte zumindest für den eigenen Markt befähigen. Beispielhaft sei der am Moskauer Sparc-Center entwickelte 8-Core Elbrus-Prozessor genannt, der zwar mit keinem Intel/AMD/Sun-Gegenstück konkurrieren kann, aber für die Verwaltung und den Hausgebrauch völlig ausreicht. Damit ist die Abhängigkeit vom westlichen Markt geringer geworden und kann nun mehr Drive entfalten, so die heimische Verwaltung modernisieren helfen.

Ähnliches gilt für die Tourismusindustrie, die von der erzwungenen Binnenorientierung profitieren könnte. Aber – wer will heute schon auf der Krim Urlaub machen? Die Nachfrage ist gleich Null. Und dieses gilt auch für den Export. Außer Waffen gibt es kaum exportfähige Produkte. Selbst Yotaphone, EL-Lada und die in Russland produzierten Passagierflugzeuge und Schiffe haben es auf dem Weltmarkt schwer. Gäbe es da etwas, was nur im Ansatz international gefragt wäre, könnte die Währungsschwäche dazu beitragen, Russland zu konsolidieren – so wie dieses in anderen Billiglohnländern der gängige Weg ist. Russland – ein Billiglohnland? Mit dem russischen Selbstverständnis ist diese Vorstellung kaum zu vereinbaren.

Das Bargeld geht aus

Ein weiteres, fundamentales Problem ist das drastische Schrumpfen der Währungsreserven. In Kombination mit der enormen Korruption steht hier ein Block der Unbeweglichkeit, der jede Investition und Innovation verhindert. Verstärkt wird der so erzeugte Niedergang durch den nicht zu unterschätzenden Kapitalabfluss. Er zeigt nicht nur auf dem Konsumentenmarkt verheerende Wirkungen.

Das wird sich nicht ändern, und die Oberschicht will ihre hart und sauer erklauten Dollar eben genau dort ausgeben, wo die staunende Welt zuschauen kann. Und nicht in einem wenig mondänen, russischen Pseudo-San-Trop unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit. Denn zu schweigen von den Oligarchen, sind es vor allem die Oligarchengattinnen und -gespielinnen, die alles andere als auf das russische Inland fixiert sind.

Es ist abzuwarten, wie lange Russlands Währungsreserven noch reichen, um die Scharade aufrecht zu erhalten. Offensichtlich ist die Lage deutlich dramatischer als Russland es glauben lässt. Um mindestens 200 Mrd. Dollar sind die Währungsreserven seit dem Krim-Abenteuer gesunken – und sie sinken kontinuierlich weiter. Kurzfristige Erholungen bleiben trendgebunden und sind temporäre Ausreißer. Der aktuelle Stand im Herbst 2015 liegt bei noch 313 Mrd. Dollar. Zum Vergleich: Die Währungsreserven der Bundesrepublik liegen bei knapp 200 Mrd. Dollar. Statt die früher gigantischen Reserven von über 500 Mrd. Dollar für eine grundsätzliche Modernisierung auszugeben hat Putin versucht, mit den Summen, die seine Klauwirtschaft übrig gelassen hat, Weltwährungsmacht zu spielen. Und ist gescheitert. Bezeichnend ist, dass das russische Lewka–Kreditkartensystem, das nach dem Gesetz „Über das nationale Zahlungssystem“ von 2015 im Binnenland verpflichtend ist, zwar als ernster Angriff auf Master und Visa gesehen werden kann, doch lässt selbst eine bezielte Kooperation etwa mit CUP (China) und JCB (Japan) die russischen Kunden in der westlichen Welt nicht autarker werden.

Auch langfristig wird die Einkunftsseite Russlands nicht besser werden. So ist der Iran zurück auf der internationalen Bühne des Energieumschlags und wird künftig noch mehr Öl exportieren – mehr als selbst der OPEC lieb ist. Falls es im arabischen Raum in den nächsten Jahren eine Konsolidierung geben sollte, wird die Lage noch dramatischer und lässt einen weiteren Preisverfall erahnen, der nur künstlich oder mit Einsatz von Gewalt gestoppt werden kann. Russland setzt nun strategisch auf die Erderwärmung und damit auf Rohstoff-Felder in den Weiten Sibiriens, die es hofft im derzeitigen Permafrostboden ausbeuten zu können. Ein weiteres Feld des Kampfes um Rohstoffe ist die arktische Zone – er hat längst mit harten Bandagen begonnen.

Man stelle sich dabei vor, was dieses für die Weltwirtschaft und die planetare ökologische Situation bedeutet. Die dann noch tieferen Preise der Rohstoffe konkurrieren  schon seit Jahren in einzigartiger Weise gegen Zukunftstechnologien und Fracking, was nicht nur die Preisschraube weiter nach unten dreht, sondern geradezu zum Verschleudern der Ressourcen an Energiehunger-Nationen wie China und Indien einlädt. Das sind keine guten Aussichten – nicht für Russland und nicht für die anderen Staaten dieses kleinen Planeten Erde. Ganz  abgesehen von der in jeder Hinsicht ernst gemeinten militärischen Drohung Russlands an die arktischen Anrainerstaaten.

China – vom Partner zum Angstgegner

Russland wird alle verfügbaren Mitteln einsetzten um seine Militärwirtschaft als Geldquelle voranzutreiben. Der Kampfpanzer T-14 Armata und der Luftüberlegenheitsjäger Suchoi T-50 müssen dringend einsatz- und marktfähig gemacht werden. Das würde schnelles Geld bringen und Russland im globalen Spiel noch einmal zumindest zeitweise auf dem Weltwaffenmarkt nach vorn katapultieren. Aber: Der T-14 ist aller Propaganda zum Trotz noch nicht einmal bis zur Einsatzfähigkeit entwickelt, geschweige denn auf seine Funktion ernsthaft getestet. Da fehlen locker fünf bis acht Jahre – und gebaut werden müssen nicht nur der Panzer, sondern vor allem seine Produktionsanlagen auch erst einmal.

Der Suchoi T-50 Jäger ist derart spezialisiert, dass er angesichts der ausgereiften F-22 der amerikanischen Konkurrenz trotz bester Tarnkappeneigenschaften kaum auf Kundschaft hoffen darf. Denn für den Bodeneinsatz, wie der Allzweckabfangjäger F-35 oder der Eurofighter, ist dieser Flieger nicht geeignet und muss für den internationalen Markt erst neu konzipiert werden. Das braucht selbst in einer gelenkten Marktwirtschaft Jahre. China dürfte daher als ursprünglich bezielter Kunde ausfallen. Die seinerzeit verkaufte Totalkonversion des russischen T-15 in den chinesischen Stealthfighter Chengdu J20 ruft übrigens noch heute im Kreml Übelkeit hervor. Ähnliches gilt für die Raumfahrtträgerrakete Chang Zheng und des Raumfahrtmodul Shenzhou 7. Sie sind allesamt Kopien des Sojus-Programmes – und man hätte nach den T-15-Erfahrungen wissen müssen, wie China funktioniert. Nun hat Russland – allen offiziellen Freundschaftsbekundungen zum Trotz – vor China reale Angst – berechtigte Angst.

Verpulverte Investitionen

2007 wurde in Russland ein Investitionsprogramm für die Entwicklung der zivilen Luftfahrt beschlossen. Investitionsvolumen über 250 Mrd. Dollar. Eine schier unvorstellbare Summe für ein am Ende festzustellendes Nullergebnis. Der „Superjet“ 100 (Suchoi) fliegt nach seinem Crash bis heute nicht mehr regulär und liegt wie Blei in den Verkaufsregalen.

Wollte Russland endlich die unverzichtbaren Investitionen in die Erweiterung der Verkehrs- und IT-Infrastuktur anschieben, um endlich auch die eigenen Binnenregionen leistungsfähig anzuschließen, wären auch hier geschätzte 100 Mrd. Dollar notwendig. Um die Leistungsfähigkeit der Regionen dann als Pferdestärken auf die Straße zu bringen, wären weitere Milliarden aufzubringen.

Der Militärkomplex

Russlands industrieller Schwerpunkt liegt seit Sowjetzeiten im sogenannten militärisch-industriellen Komplex. Militärstrategisch betrachtet benötigt Russland in seiner Offensivstrategie dringend eine Seeoffensivwaffe, wie sie die zwei nun von Frankreich nicht gelieferten Hubschrauberträger Mistral sein sollten. Zwar verfügt Russland über deren Baupläne – zum Bau aber ist es gegenwärtig nicht fähig. Hinzu kommt die dringend notwendige Umrüstung von Teilen der russischen strategischen U-Boot-Flotte und nicht zuletzt der Aufbau eines eigenen Satellitennavigationssystems, denn die Abhängigkeit vom amerikanischen GPS ist den Russen nur allzu gegenwärtig und das im Entstehen befindliche, europäische Galileo-System angesichts Russlands Globalstrategie keine Option.

Im Krieg der schon gegenwärtigen Zukunft, dem  Cyberwar, muss Russland ebenfalls noch viel investieren, um Anschluss an die Technologien der USA, Israels und Chinas zu finden.

Im Syrien-Abenteuer würde Russland gern seine letzte externe Militärbasis in Tartus ausbauen. Um an seiner Offensiv-Fähigkeit und -Bereitschaft keine Zweifel aufkommen zu lassen, stehen weitere externe Basen bei Verteidigungsminsiter Schoigu ebenso ganz oben auf der Wunschliste wie künftige, externe Militäroperationen in den bestehenden oder zu schaffenden Krisenregionen dieser Welt. Da wäre es natürlich schon aus Prestigegründen wünschenswert, den Suchoi-SuperJet100 endlich zuverlässig in die Luft zu bringen – woran trotz immer knapper werdender Mittel fieberhaft gearbeitet wird.

Doch damit ist abgesehen von unbedeutenden Kleinprojekten der Rahmen der Möglichkeiten der russischen Volkswirtschaft, substanzielle wirtschaftliche Erfolge zu erzielen, erschöpft.  Nicht nur deshalb hat der auch in diesem Beitrag überproportioniert erscheinende Militärisch-Industrielle-Komplex in Russlands Wirtschaft tatsächlich nicht nur in der Wahrnehmung des Kremls, sondern tatsächlich diese überbordende Bedeutung. Russland ist ein Militärstaat, der durch, von und für das Militär existiert. Mit Ausnahme jener kurzen Phase Jelzinscher Marktöffnung hat sich daran seit Sowjetzeiten nichts geändert.

Für Innovationen in die Zivilwirtschaft bleibt kein Platz. Nicht nur, weil Russland zu schwach ist oder zu wenig Ressourcen hätte, sondern einfach, weil es zu keinem Zeitpunkt über das verfügt hätte, was unter Innovationsklima verstanden wird. Rusland hat nicht nur nichts, das  attraktiv genug wäre, um kreative Geister und verrückte Köpfe, die etwa das große Google-Glück genießen, anziehen zu können und zu halten. Statt dessen findet der Brain-Drain unaufhörlich statt. Denn Ideen kann man eben nicht befehlen – die Gedanken sind frei. Auch jene der leider zu wenigen russischen Kreativen – etwas, das der KGB-Mann Putin nie begriffen hat und nie begreifen wird.

Russlands Ende der Fahnenstange

Wollte Russland allein die militärischen Projekte seiner Ambitionen realisieren,  würde dieses die russischen Devisenreserven erschöpfen, bevor es zu tragfähigen Ergebnisse käme, die der Regierung oder gar der Gesellschaft zu mehr nutzen als zu Potemkinschen Dörfern.

Legt man den globalen Anspruch Russland zu Grunde, wie er durch offizielle Verlautbarungen des Kreml und nahestehender Medien wie Dmitri Kisseljow von Rossija1 definiert wird, und orientiert man sich an Vergleichsprojekten aus der westlichen Welt wie F35, Mistral und ähnlichem, so liegt der unmittelbare Bedarf Russlands, um seine Investitionswünsche zu realisieren, bei weit über 600 Mrd. Dollar. Hierbei sind die technischen Erschließungskosten etwa Sibiriens und der Tundra sowie des arktischen Raumes noch nicht berücksichtigt. Diese sind locker auf weitere, mehrere hundert Milliarden Dollar zu veranschlagen, sodass wir uns einem unvorstellbare Finanzmittelbedarf von bald einer Billion US-Dollar nähern.

Für die USA oder selbst China wären solche Beträge noch leistbar, obwohl beide Länder selbst unter heftigem Finanzdruck stehen. Die USA immerhin könnten mit dem Bonus der auf seine Produktivität bezogenen Kreditwürdigkeit solch eine Aufbauleistung in etwa 20 Jahren stemmen.  Zur Erinnerung: Deutschland hat etwa diese Summe für die deutsche Wiedervereinigung in vergleichbarer Zeit geleistet (wobei die damals vereinbarten Milliardenzahlungen an Sowjet-Russland nicht eingeschlossen sind). Und während es Länder wie Polen und die baltischen Staaten geschafft haben, in der knallharten westlichen Wirtschaft erfolgreich anzukommen, schafft es Russland bis heute nicht, seine wirtschaftlichen Chancen und Möglichkeiten wahrzunehmen.

Die Russische Stagnation basiert auf seiner schon im Binnenfluss verankerten, irrationalen Wahrnehmung seiner selbst in Medien, die kein schnelles Internet benötigen, weil die kyrillisch-sprachige (russisch-niederländische) Suchmaschine Yandex (ein Mix aus dem russischen „Ja“= „ich“ und „index“) genau die Ergebnisse ausspuckt, die erwartet werden. Währenddessen ideologisiert sich die dumm gehaltene russische Jugend wie zu Sowjetzeiten in Freund-Feind- und Schwarz-Weiß-Malerei, organisiert Hexenjagden, die selbst die Inquisition nicht geduldet hätte. So entwickeln sich Ideologien, nicht aber gesellschaftliche Ideen, die ein Land wirtschaftlich und gesellschaftlich voran bringen.

Der russische Savant einer irrealen Scheinrealität

Russland hat die Welt nie verstanden. Aber es ist Meister darin, sich darüber zu beschweren, dass die Welt es nicht versteht oder verstehen will.

Die russischen Antworten liegen heute in den Dugin-gerechten „Lehrbüchern“, die unkritisch Bilder einer unwirklichen, niemals gewesenen Vergangenheit episch aufleben lassen. Fortschritt als menschliches Streben und technologisches Weiterkommen hat in dieser Welt aus national überhöhter Mystik keinen Platz und keinen Wert.

Da es deshalb mehr als unwahrscheinlich ist, dass Russland auch nur einen winzigen Schritt in Richtung einer progressiven zivilisatorischen und kulturellen Entwicklung voran kommt, pflegt es nicht nur verbal mit liebevollem Stolz seine Atomwaffen. Es ist mittlerweile naheliegend, dass dieser Umstand zu einer mentalen Fokussierung des in jeder Hinsicht schwächelnden Riesenlandes geführt hat, die eine über sich selbst hinaus gehende Weltsicht vermissen lässt und mit dieser Binnenwahrnehmung vorbei an jeder Realität das eigene Volk infiziert.

Die Rohstoffabhängigkeit wird sich dabei ebenso wenig ändern wie sich die russische Produktivität in den letzten Jahren verbessert hat. Deshalb wird es selbst dann, wenn der Rubel kurzfristige Erholungspausen einlegt, keine strukturellen Veränderungen oder Verbesserungen geben. Das fundamentale Strukturproblem wird nicht gelöst werden, sondern weiter kumulierende Probleme erzeugen, während die Weltwirtschaft gemessen am BIP Russland weiter davon läuft. Inzwischen liegt der Rückgang des russischen Bruttoinlandsprodukts bei 3,8 Prozent. Trotz der Absenkung des Leitzinses zu Anfang dieses Jahres konnte nicht verhindert werden, dass die Inflationsrate permanent ansteigt. Kalkuliert waren 14 Prozent – jetzt liegt sie bereits bei über 17 Prozent. Das ist mehr als eine kalte Enteignung. Das ist ein Indikator für ein allumfassendes Staatsversagen, wie es sonst nur Krisenstaaten bescheinigt wird. Zwar hatte die russische Regierung 2014 noch mit deutlichen Steuervergünstigungen,  erheblichen staatlichen Stützungen für Großkonzerne und mit massiven Rubelkäufen durch die Staatsbank ohne Erfolg versucht, diesen Umstand abzuwehren – doch erfolglos, wie die aktuellen Zahlen belegen.

Wollte Putin, wollte Russland seinen Weg in den failed state abwenden, müsste sich das Land ein gigantisches Refomkonzept auferlegen, das nicht nur auf der von Putin vollmundig angekündigten Diktatur des Rechts basierte, sondern auch die zahlreichen Demokratiedefizite, die im Investitionsklimaindex eingepreist sind, etwas auffangen können. Davon aber ist die Realität weit entfernt und der Wille zur Veränderung der Zivilgesellschaft ist weder gewollt noch stünde er gar in Aussicht. Dieses im Einzelnen zu beschreiben überspannte den hier gesteckten Rahmen, doch sollen einige Punkte skizziert werden.

  • Die Durchsetzung des Rechtsstaats mit einer umfassenden Rechts- und Gerichtsreform sowie die Neubesetzung der Gerichte (wie auch immer das geregelt wird – da lassen sich Anleihen bei anderen ehemals sozialistischen Staaten wie Polen nehmen) und einer verbindlichen Appellationsmöglichkeit bei internationalen Gerichten.
  • Die Korruptionsbekämpfung durch autonome, parlamentarisch und außerparlamentarisch kontrollierte Gremien.
  • Eine für das gesamte Land verbindliche Verwaltungsreform mit dem Ziel der Verbindlichkeit von Aussagen, Verfahrensabläufen und Modernisierung auf elektronischer Basis mit Prozessverfolgung und dem absoluten Ziel Bürokratieabbau und Schaffung von Transparenz aller Verwaltungsprozesse.
  • Die Entwicklung der Schlüsselindustrien als Wachstumsmotor ohne dauerhafte Subventionierung, vorrangig
    – Telekommunikations- und iTechnologien
    – Land- und Forstwirtschaft mit global wachsender Bedeutung
    – Zivile Luftfahrtindustrie (Suchoi , Tupulev und Iljuschin)
    – Investition in die Rohstofferschließung
    – Wertschöpfung nach der Gewinnung mineralischer Rohstoffe durch Veredelung
    – Life und Health Sciences sowie Health Economy und damit verbunden
    – Chemische Industrie über den Grundlagenbereich hinaus
    – Logistik im Luft- und maritimen Transportwesen als Drehscheiben bis hinein in das arktische Areal.
  • Energetik wird im Kraftwerksbau von Nuklearanlagen ein ausbaufähiges Thema bleiben. Dazu müssten erwartet 50-100 Milliarden investiert werden, um das notwendige Know-how in das Land zu holen und zu verhindern, dass das Geld in Bürokratie und Management versickert, sondern tatsächlich bei den Projekten ankommt.
  • Die Entflechtung von Militär- und Staatsindustrie.
  • Ein Freihandelsabkommen mit der EU.
  • Die Harmonisierung von Hochschul-Curricula und Abschlüssen zur gegenseitigen Anerkennung zumindest innerhalb Europas und damit auch ein zivilgesellschaftlich orientiertes Schulprogramm mit einer undogmatischen und unideologisierten Schulbildung auch im geisteswissenschaftlichen Bereich.

Fazit

Der Gesamtzustand Russlands befindet sich ökonomisch in einer mehr als kritischen Situation. Das Schwinden der Währungsreserven, fehlende Innovation und Produktivität, Kapitalabfluss, Brain-Drain und verfallende Rohstoffpreise und eben auch eine aliberale politische Kultur lassen vorerst keine Besserung erwarten. Gleichzeitig beschädigt der Infrastrukturstau und die Vereinseitigung der politischen Ideenlehre die Attraktivität des Landes zunehmend weiter. Letztlich ist auch die Währungsstärke an die vermutete und erwartete Produktivität eines Landes gekoppelt, was zwangsläufig dann in eine kritische Situation führt, wenn wie in Russland der Wirtschaftsfaktor der Urproduktion eine derart übermächtige Rolle spielt.

Da eine Reformagenda gerade auf den Säulen Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsfreiheit und prozessorientierter Verwaltungsoptimierung basieren muss, sind  Zweifel berechtigt, dass die aufgezeigten Ziele einer unverzichtbaren Agenda auch nur ansatzweise angegangen werden können. Dieses liegt vorrangig darin begründet, dass die dort agierenden Kräfte fest zum System Putins gehören, welches sich damit selbst enthaupten müsste. Russland wird dennoch weder durch wirtschaftliche noch durch militärische Sanktionen kollabieren. Dazu ist das Land zu groß und die Duldungsfähigkeit der Menschen ist derart leidgeprüft, um nicht immer weiter getrieben werden zu können.

Weil das Land immer unattraktiver für Ideen und kreative Gedanken wird, wird Russland mit dem Sytem Putin den Anschluss an die Weltspitze nicht schaffen. Auch steht nicht zu erwarten, dass Russland den erneuten Sprung von der Diktatur zur Zivilgesellschaft über die Konversion  von der Militär- zur Zivilwirtschaft schaffen kann, solange das System Putin besteht. Ursachen  dafür sind neben der Putinschen Kleptokratie die gezielte Polarisierung der Gesellschaft.

Dabei hätte das heutige Russland alle Chancen, sich in seiner Situation neu aufzustellen, wenn es sich als Entwicklungsland begreift, dem niedrige Rohstoffpreise und Währungsstand sowie  eine zwar korrupte, aber strikt organisierte Verwaltung ohne wahrnehmbare politische Opposition alle Chancen böten, die Runderneuerung zu wagen. Russland aber wird diese Chancen nicht nutzen können, weil es den Stellenwert seines Selbstbildes und seines Selbstverständnisses höher stellt als das Wohl von Land und Volk. Und weil sich die Oligarchen und die Putingetreuen mit jeder dieser notwendigen Reformen, die Russlands Zukunftsfähigkeit verbessern könnten, nach ihrem Selbsterleben selbst beraubten. So steht sich Russland mit seinem Putin-gesteuerten Kreml selbst im Weg zu einer Zukunft, in der Russland endlich nicht nur zeigen könnte, zu was es in der Lage ist, sondern auch ein geachteter und gleichberechtigter Partner der anderen Nationen dieser Welt werden könnte – etwas, das nach 1990 auf die Schiene gesetzt zu sein schien und das die Altkader des KGB mit ihrem scheindemokratischen Frontmann Putin radikal zum Entgleisen gebracht haben.

Auf Basis einer Erstveröffentlichung bei HaOlam am 24. 10. 2015

Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf folgende Beiträge:

http://www.rolandtichy.de/gastbeitrag/syrien-planlos-in-die-katastrophe/

http://www.rolandtichy.de/daili-es-sentials/putins-plaene-fuer-syrien-und-warum-merkel-mitspielt/

https://tomasspahn.wordpress.com/2014/05/08/faschismustheorie-und-der-faschistische-totalitarismus/

https://tomasspahn.wordpress.com/2014/04/01/putins-ungewolltes-signal-an-das-reich-der-mitte/

https://tomasspahn.wordpress.com/2014/03/04/putin-mensch-und-macht-psychogramm-eines-strasenjungen/

Von Winnetou zu Obama – Die Deutschen und der edle Wilde

US-Präsident Barrack Obama befindet sich in seiner zweiten, seiner letzten Amtsperiode. Gerade für viele Deutsche ist er ein entzauberter Prinz, dem nur wenige nachweinen werden.

Ende 2013 entstand der folgende Text, der den Versuch unternahm, die zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich abgekühlte Liebe der Deutschen zu Obama zu erklären. An Aktualität hat er bis heute nichts verloren.

Ein roter Held

Winnetou ist ein Idol meiner Kindheit. Er stand für all das, was wir als Kinder sein wollten. Und vielleicht auch sein sollten.

Winnetou war ein Held. Nicht so einer von diesen Deppen, die laut schreiend in der ersten Reihe der Kriegsmaschinerie auf den Feind losrennen, um dann aufgebahrt und mit Orden versehen zwecks Beerdigung zu den Angehörigen zurück geschickt zu werden. Nein, ein echter Held. Obgleich – ganz zum Schluss … nein. Auch da bleibt Winnetou ein wahrer Held. Nicht einer, der sich mit Hurra für irgendeine imaginäre Idee wie Volk und Vaterland opfert, sondern einer, der mit Bedacht sein eigenes Leben für andere einsetzt, wohl ahnend, dass er es verlieren wird.

Dieser Tod eines wahren Helden aber ist es nicht allein.

Winnetou ist zuverlässig und pünktlich. Er verpasst keine Verabredung, und ist er doch dazu gezwungen, so lässt er seinen Partner die alternativlosen Gründe wissen und gibt ihm Mitteilung, wann und wo das Treffen nachgeholt werden kann.

Winnetou ist uneingeschränkt ehrlich. Niemals würde er jemanden betrügen. Das ist einfach unter seiner Würde.

Winnetou ist gerecht. Niemals würde er gegen jemanden etwas unternehmen, der nichts gegen ihn unternommen hat.

Winnetou ist edelmütig. Er vergibt seinem Feind, selbst wenn dieser ihm das Leben nehmen wollte.

Winnetou ist altruistisch. Er opfert am Ende alles, was er hat, für andere. Ungerechtfertigt Böses tun – das kann Winnetou nicht.

Winnetou ist nicht rassistisch. Er hilft jedem, der der Hilfe bedarf, unabhängig von dessen Rasse. Sogar dem Neger, der doch, wie Winnetous Erfinder Karl May nicht müde wird zu erwähnen, aus Sicht der Rasse des Winnetou weit unter diesem steht.

Und damit kommen wir zu dem, was Winnetou nicht ist.

Winnetou ist kein Weißer. Er ist ein Roter. Oder besser: Mitglied der indianischen Rasse, die, wie May betont, gleichsam gottgewollt zum Aussterben verdammt ist. Seine indianische Abstammung macht Winnetou unterscheidbar und sie liefert eine Grundlage dafür, Menschen aufgrund ihrer Rasse in Schubladen zu stecken. May topft ihn zur Tarnung um, als Winnetou mit ihm Nordafrika bereist. Aus dem Athapasken, dem Apachen, wird ein Somali. Wohl bemerkt: Ein Somali – kein Neger. Denn offenbar sind Somali für May keine Schwarzen. Zumindest sind sie für ihn keine „Neger“.

Winnetou ist nicht zivilisiert. Er ist das, was man in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts – und darüber hinaus – unter einem Wilden verstand. Oder besser: Winnetou war als Wilder geboren worden. Und als Indianer blieb er es bis zu seinem Tode. Nicht aber als Mensch.

Winnetou wohnt nicht in Städten. Obgleich der Pueblo-Bau, den May irrtümlich als seinen Heimatort vorstellt – denn die Apachen waren keine Pueblo-Indianer – eine städtische Struktur bereits erahnen lässt.

Winnetou geht keiner geregelten Arbeit nach. Er ist der Häuptling seines spezifischen Apachenstammes der Mescalero – und er wird von fast allen Stämmen der Apachen als ihr ideelles Oberhaupt anerkannt, was ebenfalls an der Wirklichkeit vorbei geht, da die südlichen Athapasken durchaus einander feindlich gesinnte Gruppen bildeten. Betrachtet man im Sinne Mays die Apachen als eine Nation, so ist Winnetou ein indianischer Kaiser. Entsprechend edel und rein ist sein Charakter – obgleich Karl May damit an der Wirklichkeit europäischer Kaiser meilenweit vorbeiläuft. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Winnetou zieht durch seine Welt, um Gutes zu tun. Da ist er ein wenig wie Jesus. Auch wenn er keine Wunder tut, so ist er doch alles in allem wunder-voll.

In einem Satz: Winnetou ist genau das, als was er in die Literatur eingehen sollte und eingegangen ist: Das Idealbild des Edlen Wilden. Oder?

Zwischen Romantik und Gründerzeit

Werfen wir einen Blick auf Winnetous Schöpfer, den Sachsen Karl May. Nur selten hat Deutschland einen derart phantasiebegabten Schriftsteller wie ihn hervorgebracht. Und jemanden, der so wie er selbst zu einer der Figuren wurde, die er in seinen Romanen beschrieb.

May war ein Kind seiner Zeit – was auch sonst hätte er sein können? Er war ein Romantiker, dessen kleine Biedermeierwelt über Nacht in das globale Weltgeschehen geschubst worden war. Seine gedankliche Reise in die scheinbare Realität fremder Länder ist dabei eher Schein als Sein. Er verarbeitete die neue Welt in seinen Romanen, immer auf der Suche nach dem Weg aus dem Biedermeier in eine neue Zeit, ohne dabei die Ideale seiner romantischen Introvertiertheit aufgeben zu wollen, aufgeben zu können.

May war obrigkeitsgläubig – und doch war er es nur so lange, wie die Obrigkeit das Richtige tat. Richtig war für May das, was aus seiner Interpretation des Christentums heraus Gottes Willen entsprach. Die Überzeugung, dass ein höheres Wesen die Geschicke der Welt lenke, ist unverrückbar mit May verknüpft. Aus diesem Glauben heraus muss das Gute immer siegen und das Böse immer verlieren, denn wäre es anders, hätte Mays Gott versagt. Das aber kann ein Gott nicht. Doch Mays Gott gibt dem Menschen Spielraum. Mays Gottesglaube ist nicht der an ein unverrückbares Schicksal. Der Mensch hat es selbst in der Hand, seine persönliche Nähe zu dem einen Gott zu gestalten. An dessen endgültigen Sieg über das Böse aber lässt May nie auch nur den Hauch eines Zweifels aufkommen.

Was für die mystische Welt des Glaubens gilt, gilt für May auch für die Politik. May war kaisertreu und undemokratisch. May macht dieses nicht an den Großen der Welt fest. Es ist sein Old Shatterhand oder sein Kara ben Nemsi, der undemokratisch agiert. Demokratie behindert seine Hauptakteure, behindert ihn in der Entscheidungsfindung. In den wenigen Fällen, in denen demokratische Mehrheitsentscheide die Position des Romanhelden überstimmen, endet dieses regelmäßig in einer Katastrophe. Dennoch war May nicht im eigentlichen Sinne totalitär, eher patriarchalisch. Er zwang niemanden, sich seinem Urteil zu unterwerfen, stellte allerdings gleichzeitig fest, dass er mit jenen, die dieses nicht taten, nichts mehr zu tun haben wolle, weil sie das Richtige nicht erkennten. Es ist in gewisser Weise ein alttestamentarischer Ansatz, den May vertritt. Die von der Natur – und damit von Gott – eingesetzte Führungsperson tut allein schon deshalb das Richtige, weil sie auf Gottes Wegen schreitet. Und weil dieses so ist, ist es selbstverständlich, dass alle anderen Vernünftigen dieser Führungsperson folgen. Auf die Unvernünftigen kann man dann gern verzichten.

May war nicht nur ein Großdeutscher – er war ein Gesamtdeutscher. Das war nicht selbstverständlich zu seiner Zeit, als das Zusammenbringen der Deutschen Kleinstaaten unter dem Preußischen König als Kaiser keine zwanzig Jahre zurück lag. Es war noch weniger selbstverständlich für einen Sachsen, dessen lebenslustiges Kleinreich immer wieder Opfer der asketischen Nachbarn im Norden geworden war. Doch May stand hier fest und unverrückbar in der Tradition der pangermanistischen Burschenschaften: „Von der Maaß bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt …”

May war auch Europäer. Trotz des noch nicht lange zurückliegenden Französisch-Preußischen Krieges, aus dem ein Kleindeutsch-Französischer wurde, stehen ihm von allen Europäern die Franzosen am nächsten. Dänen und Holländer gehören dagegen fast schon automatisch zur germanischen Familie. Und die Österreicher sowieso.

Insofern wird man May vielleicht am ehesten gerecht, wenn man ihn als Gemanopäer bezeichnet. Geschichtlich bewandert ging er davon aus, dass zumindest die westeuropäischen Völker sämtlichst germanischen Ursprungs waren, auch wenn bei den Südeuropäern der römische Einfluss unverkennbar blieb. Das einte.

May war kein Rassist. Zumindest nicht in dem Sinne, wie wir diesen Begriff heute verstehen. Und dennoch war er alles andere als frei von Rassevorurteilen. Wenn er das Bild des Negers aus der Sicht des Indianers zeichnet, dann zeichnet er damit auch sein eigenes. Für May ist der Bewohner Afrikas in gewisser Weise eine Art des menschlichen Urtypus. Ungebildet, unzivilisiert. Aber unzweifelhaft ein Mensch – keine Sache, die man zum Sklaven machen darf. Mays Neger kann mit Hilfe des zivilisierten Weißen in die Lage versetzt werden, zumindest Anschluss zu finden. Wenn er auch nie in der Lage sein wird, intellektuell an die Fähigkeiten des Weißen heranzureichen. Deswegen sprechen die Schwarzen, die bei Karl May auftreten, grundsätzlich ein Art Stammeldeutsch. Es hat etwas von Babysprache – und es charakterisiert damit gleichzeitig den Mayschen Genotyp des Negers: Ausgestattet mit einen hohen Maß an emotionaler Wärme, aber unselbstständig und der permanenten Anleitung bedürftig. Gleichwohl anerkennt May – fast schon ungläubig – den militärischen Erfolg der südostafrikanischen Zulu.

Das ist bei dem Indianer anders. Als Leser spürt man den Unterschied zwischen roter und schwarzer Rasse ständig. Auch Mays Indianer bedürfen der lenkenden Führung durch den weißen Mann. Auch Mays Indianer sprechen eine Art Stammeldeutsch – aber es ist ein literarisches Stammeldeutsch. Anders als der Schwarze hat der Indianer das Potential, dem Weißen ebenbürtig zu werden. May erkennt, ohne dieses jemals explizit zuzugeben, dass der vorgebliche Wilde Amerikas eigentlich genau dieses nicht ist: Ein Wilder.

May anerkennt eine eigenständige, indianische Kultur, die nur des deutschen Einflusses bedarf, um sich auf die gleiche Stufe mit dem Deutschen zu erheben. Unterschwellig schwingt dabei immer das Bedauern mit, dass Deutschland viel zu spät seine weltrettende Mission entdeckt habe. Wären es Deutsche gewesen und nicht Angelsachsen, die den Norden Amerikas besiedelten – was hätte aus den Wilden werden können. Denn anders als Mays Neger sind seine Indianer eben nicht zivilisationslos.

Vom Romantiker zum Zivilisationskritiker

May selbst wird von Roman zu Roman mehr zum Zivilisationskritiker. Er, dessen Geschichten zwischen 1870 und 1910 entstanden, erkennt den brutalen Gegensatz zwischen den kommerziellen Interessen der angelsächsisch geprägten Yankees und den naturverbundenen, akapitalistischen Indianern, die für ihn immer weniger Wilde sind, sondern eine von unehrenhaften Interessen weißer Raubritter in ihrer Existenz bedrohte, eigene Zivilisation.

Den Wandel, den May in seinem Verhältnis zum Wilden Nordamerikas – und ausschließlich zu diesem – durchlebt, durchlebt auch seine Romanfigur. Zwei Deutsche sind es, die aus dem Naturkind Winnetou einen edlen Wilden formen – der 1848-Altrevolutionär Klekih-Petra und Mays romantisches Ich selbst. Bald schon ist Winnetou nur noch pro forma ein Wilder. Tatsächlich ist sein Verhalten in vielem deutlich zivilisierter als das der mit ihm konkurrierenden Weißen – zumindest so weit diese angelsächsischen Ursprungs sind. Und eigentlich ist Winnetou am Ende nicht einmal mehr ein Vertreter seiner „roten” Rasse. Er stirbt bei dem erfolgreichen Versuch, seine deutschen Freunde zu retten. Im Todeskampf singt ihm ein deutscher Chor ein letztes Lied, geleitet ihn in die Ewigkeit, die er, der einstmals Wilde, nun wie ein guter Deutscher als Christ betritt. „Schar-lih, ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ.“ So lautet der letzte Satz, den der Sterbende spricht. May rettet seinen erdachten Blutsbruder so nicht nur für die Deutschen, er rettet ihn auch für das göttliche Himmelsreich. Winnetou, so diese letzte Botschaft seines Schöpfers, ist einer von uns. Er ist ein Deutscher. Ein guter Deutscher, denn er ist ein Christ. Ein edler Deutscher, denn er ist ein wahrer Christ. Er ist ein solcher Deutscher, wie ein Deutscher in Mays Idealbild eigentlich sein sollte.

Insofern ist jeder, der May dumpfen Rassismus vorwirft, auf dem Holzwege. Mag er in seinem Bild des Afrikaners von der zeitgenössisch vorherrschenden Auffassung des Negers als unterrichtungsbedürftigem Kind geprägt sein, mag seine konfessionell begründete Abneigung gegen Vertreter der Ostkirchen mehr noch als gegen Vertreter des Islam unverkennbar sein und mag er der Vorstellung seiner Zeit folgen, wonach die weiße Rasse von der Natur – und damit von Gott – dazu ausersehen sei, die Welt zu führen – mit der Figur des Winnetou öffnet er dem Wilden den Weg, zu einem Zivilisierten, zu einem Deutschen, zu werden. Vielleicht sogar etwas zu sein, das besser ist als ein Deutscher.

Trotzdem und gerade weil er in seinem inneren Kern nun ein Deutscher ist, bleibt Winnetou, diese wunderbare und idealisierte Schöpfung eines Übermenschen, im Bewusstsein seiner Leser die Inkarnation des edlen Wilden. Und sie verändert den Leser dabei selbst. Denn in dem zivilisierten Kind, dem angepassten Erwachsenen, entfaltet dieser edle Wilde eine eigene Wirkung. Wer in sich Gutes spürt, der wird den Versuch unternehmen, immer auch ein wenig wie Winnetou zu sein. Es ist diese gedachte Mischung aus unangepasster Ursprünglichkeit und geistig-kultureller Überlegenheit, aus instinktivem Gerechtigkeitsgefühl und dem charakterlichen Edelmut der gebildeten Stände, die ihre Faszination entfaltet. Sie machen den eigentlichen Kern des Winnetou aus.

Der wilde Deutsche und der deutsche Wilde

Indem May ab 1890 diese enge Verbundenheit zwischen dem Wilden aus dem Westen der USA nicht mit den Weißen, sondern mit den Deutschen herauskristallisiert und im wahrsten Sinne des Wortes romantisiert, stellt er unterschwellig fest: Wir sind uns ähnlicher, als wir glauben. Ohne explizit England-feindlich zu sein, verdammt May so auch die imperialistische Landnahme aus kommerziellen Interessen, verurteilt den englischen Expansionismus, indem er ihn zu einer Grundeigenschaft der europäischen Nordamerikaner macht.

In gewisser Weise wird so auch der Einstieg des den jungen May darstellenden Old Shatterhand zu einer Allegorie. Als Kind der europäischen Zivilisation hat er kein Problem damit, im Auftrag der Landdiebe tätig zu werden, die eine transkontinentale Bahnverbindung durch das Apachenland führen wollen. Das historische Vorbild wird May in der ab 1880 geplanten Southern Pacific Verbindung gefunden haben. Erst Stück für Stück wird dem Romanhelden das Verbrecherische seiner Tat bewusst – in der Konfrontation mit jenen Wilden, deren Land geraubt werden soll und geraubt werden wird und die sich dennoch schon hier als die edleren Menschen erweisen, indem sie ihrem dann weißen Bruder die Genehmigung geben, die Ergebnisse seiner Arbeit, die ausschließlich dem Ziel dienen, sie, die rechtlosen Wilden, zu bedrängen, an die Landdiebe zu verkaufen und damit seinen Vertrag zu erfüllen.

Um wie viel einfacher wäre es gewesen, Schar-lih, wie sich May von seinen erdachten Brüdern nennen lässt, das Gold zu geben, das den Ausfall der Entlohnung hätte ersetzen können. Doch auch hier bleibt der Hochstabler May ein guter Deutscher: pacta sunt servanda.

Gleichwohl manifestiert sich hier der Bruch des Schriftstellers zwischen der deutschen Kultur und der angelsächsischen. Wir, die Deutschen, sind keine Imperialisten. Wir, die Deutschen, sind nicht die Räuber. Wir sind vielmehr jene, die den Wilden dabei helfen, so zu werden wie wir bereits sind. Das ist in einer Zeit, die geprägt war vom Bewusstsein der absoluten Überlegenheit der weißen Rasse, fast schon revolutionär. Und es war gleichzeitig reaktionär, weil es dennoch die Unterlegenheit der Kulturen der Wilden als selbstverständlich voraussetzte. Darüber hinaus liefert May eine perfekte Begründung des einsetzenden deutschen Kolonialismus.

Nicht Gewinnstreben ist des Deutschen Ziel in der Welt der Landräuber, sondern Zivilisationsvermittlung. Wir, diese Deutschen, gehen nicht in die Welt, um Land zu stehlen oder Menschen zu unterwerfen – unsere Ziele sind hehr, und wenn wir auf andere Völker treffen, dann ist es unser Ziel, sie auf die gleiche Ebene der Kultur zu heben, über die wir selbst verfügen. In gewisser Weise entspricht dieses dem Weltbild, das Mays Kaiser am 2. Juli 1900 seinem Expeditionsheer mit auf den Weg nach China gibt: „Ihr habt gute Kameradschaft zu halten mit allen Truppen, mit denen ihr dort zusammenkommt. … wer es auch sei, sie fechten alle für die eine Sache, für die Zivilisation.“ Wilhelm 2 war bereit, für diese Zivilisation auch den Massenmord zu befehlen. Das unterschied ihn vom gereiften May.

Den Umgang des belgischen Königs Leopold 2 mit „seinem” Kongo muss May – sollte er um ihn gewusst haben – ebenso zutiefst verurteilt haben, wie ihm die Versklavung der „armen Neger” durch die Araber und die Türken ein Gräuel war. Spätestens der Völkermord an den Herero im deutschen Südwestafrika, der eine erschreckende Ähnlichkeit mit dem einzigen Massenmord des Winnetou im zweiten Teil der Winnetou-Trilogie aufweist, widersprach diesem Ideal eklatant. May selbst äußerte sich dazu nicht mehr – vielleicht auch deshalb, weil er selbst dieser Welt schon zu entrückt war. Seine einzige Geschichte, die im Süden Afrikas spielt, fällt als Ich-Erzählung des 1842 in Radebeul geborenen Schriftstellers in die späten 1830er Jahre. Seinen letzten Roman hatte May 1910 veröffentlicht – seit 1900 waren seine Erzählungen nicht mehr wirklich von dieser Welt.

Doch das Bild des Edlen Wilden sollte sich dank May unverrückbar im kollektiven deutschen Unterbewusstsein verankern. Es war seitdem immer fest mit dem nordamerikanischen „Wilden“ verknüpft und bot einer Verklärung Vorschub, die manchmal fast schon pseudoreligiösen Charakter annahm. Winnetou blieb unserem Bewusstsein erhalten. Sollte er jemals in die Gefahr geraten sein, vergessen zu werden, so holten ihn die zahllosen B-Movies, die mit einer Titelfigur seines Namens in Annäherung an manchen Inhalt des Karl May in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts produziert wurden, zurück in seine rund achtzig Jahre zuvor gedachte Rolle. Zwanzig Jahre nach Kriegsende, nach dieser vernichtenden Niederlage der Deutschen gegen das Angelsächsische, gab dieser Winnetou den moralisch zerstörten Deutschen erneut das Bild einer moralischen Instanz – und auch hier wieder ist der Edle Wilde am Ende mehr der edle Deutsche als der Amerikaner. Was Karl May nicht einmal erahnen konnte – nach der Fast-Vernichtung des Deutschen wurde sein Romanheld derjenige, der unverfänglich weil eben in seiner Herkunft nicht deutsch die deutschen Tugenden aufgreifen und repräsentieren konnte. Die Tatsache, dass die Filmfigur von einem Franzosen gespielt wurde, unterstrich die Unangreifbarkeit des Deutschen in dieser Figur des Edlen Wilden.

Das Bild vom guten Amerikaner

Winnetou und mit ihm May prägte erneut das Bild einer Generation von dem edlen Uramerikaner, indem er diesen zum eigentlichen Träger deutscher Primärtugenden verklärte. War auch der Yankee in den sechziger Jahren noch derjenige, der, je nach Sichtweise, Deutschland von Hitler befreit oder entscheidend zur Niederlage Deutschlands beigetragen hatte – wobei das eine wie das andere nicht voneinander zu trennen war – so war der von den Yankees bedrängte Wilde doch das eigentliche Opfer eben dieses Yankee, der immer weniger das Wohl des anderen als vielmehr das eigene im Auge hatte. Unbewusst schlich sich so in die Winnetou-Filme auch eine unterschwellige Kritik am Yankee-Kapitalismus ein, ohne dass man sie deswegen als anti-amerikanisch hätte bezeichnen können. Ob in den Romanen oder in den nachempfundenen Filmen gilt: Die wirklich Bösen, die moralisch Verwerflichen sind niemals Deutsche. Sind es nicht ohnehin schon durch und durch verderbte Kreaturen, deren konkrete Nationalität keine Rolle spielt, so sind es skrupellose Geschäftsleute mit unzweifelhaftem Yankee-Charakter. Vielleicht war dieses auch ein ausschlaggebender Grund, weshalb die DDR-Führung, die mit dem kaisertreuen Sachsen wenig anzufangen wusste, darauf verzichtete, seine Bücher aus den Regalen zu verbannen.

Im Westen Deutschlands verklärte der Blick auf die vor der Tür stehende imperialistische Sowjetarmee das Bild des Amerikaners. War die Deutsch-Sowjetische Freundschaft in den mitteldeutschen Ländern eine staatliche Order, die kaum gelebt wurde, so wurde die deutsch-amerikanische Freundschaft im Westen zu einer gelebten Wirklichkeit. Ähnlich wie schon zu Mays Zeiten zeichnete sich der Deutsche einmal mehr durch ein gerüttelt Maß an Naivität aus. Er verwechselte Interessengemeinschaft zwischen Staaten mit Freundschaft zwischen Völkern.

Uncle Sam, der schon auf seinem Rekrutierungsplakat aus dem Ersten Weltkrieg Menschen fing, um sie für ihr Land in den Tod zu schicken, wurde im Bewusstsein der Nachkriegsdeutschen/West nicht zuletzt dank Marshall-Plan zum altruistischen Onkel Sam aus Amerika.

Das verklärte Bild des US-Amerikaners Winnetou, dieses Edlen Wilden, der so viele erwünschte deutsche Eigenschaften in sich trug, mag dieser Idealisierung Vorschub geleistet haben. Die Tatsache, dass bei der US-amerikanischen Nachkriegspolitik selbstverständlich immer US-Interessen den entscheidenden Ausschlag gaben, wurde von den Deutschen/West gezielt verdrängt. In der ihnen eigenen Gemütlichkeit, für das die angelsächsische Sprache kein Pendant kennt, verklärten sie den früheren Kriegsgegner erst zum Retter und dann zum Freund. Doch die Verklärung sollte Risse bekommen. Und der Entscheidende entstand in jenen sechziger Jahren, die auch die Wiederauferstehung des Winnetou feierten.

Mochte die deutsche Volksseele den US-amerikanischen Kampf in Vietnam anfangs noch als Rettungsaktion vor feindlicher Diktatur gesehen haben – die unmittelbare Position an einer der zu erwartenden Hauptkampflinien zwischen den Systemen vermochte diese Auffassung ebenso zu befördern wie der immer noch im Hinterkopf steckende zivilisatorische Anspruch an Kolonisierung – so wurde, je länger der Krieg dauerte, desto deutlicher, dass es nicht nur hehre Ziele waren, die die USA bewegten, sich in Vietnam zu engagieren. Das Bild vom lieben Onkel Sam aus Amerika bekam Flecken. Mehr und mehr erinnerte das US-amerikanische Vorgehen gegen die unterbewaffneten Dschungelkämpfer der Viet-kong und Massaker wie das von MyLai an die Einsätze der US-Kavallerie gegen zahlenmäßig und waffentechnisch unterlegene Stämme der indigenen Amerikaner. Die indianischen Aktionen, die 1973 das Massaker von Wounded Knee in Erinnerung brachten, taten ein weiteres, um die unrühmliche Geschichte der Kolonisierung des Westens der USA in Erinnerung zu rufen.

Sahen sich die deutschen Konservativen fest an der Seite ihrer transatlantischen Freunde im globalen Kampf des Guten gegen das Böse, so verklärte die Linke die Dschungelkämpfer zu edlen Wilden, die sich mit dem Mut der Verzweiflung gegen die Kolonialismuskrake des Weltkapitalismus zur Wehr setzten. Idealbildern, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hatten, folgten beide.

Zu einem tiefen Graben sollte dieser in Vietnam entstandene Riss werden, als mit Bush 2 die Marionette des Yankee-Kapitalismus in einen Krieg ums Öl zog. Hier nun war es wieder, das Bild des ausschließlich auf seinen Profit bedachten Yankee – das Bild des hässlichen Amerikaners, der den Idealen des guten Deutschen so fern stand, dass in den Augen der Deutschen der von ihm bedrängte Wilde allemal der wertvollere Mensch war. In diese Situation, die ein fast schon klassisches Karl-May-Bild zeichnete, platzte 2009 die Wahl des Barack Obama als 44. Präsident der Vereinigten Staaten.

Vom Mulatten zum Messias

Dieser im traditionellen Sinne als Mulatte zu bezeichnende Mann, dessen schwarzafrikanischer Vater aus Kenia und dessen Mutter als klassisch amerikanische Nachkommin von Iren, Engländern und Deutschen aus dem kleinstbürgerlich geprägten Kernland der USA stammte, entfachte bei den Deutschen etwas, das ich als positivistischen Rassismus bezeichnen möchte. Allen voran der Anchorman der wichtigsten öffentlich-rechtlichen Newsshow wurde nicht müde, diesen „ersten farbigen Präsidenten der USA” in den höchsten Tönen zu feiern. Wie sehr er und mit ihm alle, die in das gleiche Horn stießen, ihren tief in ihnen verankerten Rassismus auslebten, wurde ihnen nie bewusst. Denn tatsächlich ist die Reduzierung des Mulatten, der ebenso weiß wie schwarz ist, auf seinen schwarzen Teil nichts anderes als eine gedankliche Fortsetzung nationalsozialistischer Rassegesetze. Der Deutsche, dessen Eltern zur Hälfte arisch und zur anderen Hälfte semitisch – oder eben zur einen Hälfte deutsch und zur anderen Hälfte jüdisch – waren, wurde auf seinen jüdischen Erbteil reduziert. Als vorgeblicher Mischling zweier Menschenrassen – als „Bastard” – durfte er eines nicht mehr sein: Weißer, Arier, Europäer, Deutscher. Wenn der Nachrichtenmoderator den Mulatten Obama auf seine schwarzafrikanischen Gene reduzierte, mag man dieses vielleicht noch damit zu begründen versuchen, dass die äußere Anmutung des US-Präsidenten eher der eines schwarzen als der eines weißen Amerikaners entspricht. Aber auch dieses offenbart bereits den unterschwelligen Rassismus, der sich bei der deutschen Berichterstattung über Obama Bahn gebrochen hatte.

Ich sprach von einem positivistischen Rassismus – was angesichts der innerdeutschen Rassismusdebatte, die zwangsläufig aus dem Negerkuss einen Schaumkuss und aus dem „schwarzen Mann” des Kinderspiels einen Neger macht, fast schon wie ein Oxymoron wirkt. Doch der Umgang mit dem noch nicht und dem frisch gewählten Obama offenbarte genau diesen positivistischen Rassismus. Indem er den weißen Anteil ausblendete, schob er das möglicherweise Negative im Charakter dieses Mannes ausschließlich auf dessen „weiße“ Gene – und aus dem kollektiven Bewusstsein. Als Schwarzer – denn ein Neger durfte er nicht mehr sein – löste Obama sich von all dem, was die Deutschen an Yankeeismus an ihren transatlantischen „Freunden” kritisierten. Als aus dem schwarzen US-Amerikaner der erste farbige US-Präsident wurde, konnte das immer noch in deutschen Hinterköpfen herumspukende Idealbild des im Norden Amerikas anzutreffenden Edlen Wilden seinen direkten Weg finden zur Verknüpfung des eigentlich schon deutschen Winnetou mit dem nicht-weißen Nordamerikaner Obama. Der Mulatte wurde zur lebenden Inkarnation der Mayschen Romanfigur. Den Schritt vom unzivilisierten zum zivilisierten Wilden hatte er bereits hinter sich. Zumindest der nordamerikanische Neger saß nicht mehr als Sklave in einer Hütte an den Baumwollfeldern, um tumb und ungebildet sein Dasein zu fristen. Er war in der weißen Zivilisation angekommen. Aber er war kein Yankee – und er war auch nicht der „Uncle Sam“, der dem Deutschen vorschwebte, wenn er an „den Ami“ dachte.

Mit seinem eloquenten Auftreten, mit seiner so unverkennbar anderen Attitüde als der der Yankee-Inkarnation Georg Walker Bush, wurde dieser Barack Obama im Bewusstsein seiner deutschen Fans unbewusst zu einem würdigen Nachfolger Winnetous. Die Deutschen liebten diesen Obama so, wie sie – vielleicht unbewusst – immer Winnetou, den Edlen Wilden, der eigentlich ein Deutscher ist, geliebt hatten. Sie liebten ihn nicht zuletzt deshalb über alle politischen Lager hinweg – von grün über rot bis schwarz. Sie liebten ihn aber auch, weil er den in ihnen wohnenden Rassismus so perfekt in eine positive Bahn lenken konnte, in der aus der unterschwelligen Angst vor dem Fremden etwas Positives, die andere Rasse überhöhendes, werden konnte.

Obama als der Edle Wilde, als der Winnetou der Herzen, wurde automatisch auch zu einem von uns. Denn wenn der Edle Wilde Winnetou als Deutscher stirbt, weil er eigentlich schon immer einer gewesen ist – dann musste auch Obama in seinem Charakter ein Deutscher und kein Yankee sein. Mit seinem spektakulären Auftritt an der Berliner Siegessäule hatte er diese Botschaft unbewusst aber erfolgreich in die Herzen der Deutschen gelegt.

Die Deutschen stellten sich damit selbst die Falle auf, in der sie sich spätestens 2013 unrettbar verfangen sollten. Denn sie hatten verkannt, dass dieser Heilsbringer, dieser Edle Wilde aus dem Norden Amerikas, in erster Linie nichts anderes war als ein US-amerikanischer Politiker wie unzählige vor ihm. Und eben ein US-amerikanischer Präsident wie dreiundvierzig vor ihm. Auch ein Obama kochte nur mit Wasser. Auch ein Obama unterlag den Zwängen des tagtäglichen Politikgeschehens. Auch ein Obama stand unter dem Druck, den die Plutokraten der USA ausüben konnten.

Denkt man in historischen Kategorien, dann war es Obamas größter Fehler, nicht in dem ersten Jahr seiner Amtszeit von einem fanatischen weißen Amerikaner ermordet worden zu sein. Wäre ihm dieses zugestoßen – nicht nur die Deutschen, aber diese ganz besonders, hätten den Mulatten Obama zu einer gottesähnlichen Heilsfigur stilisiert, gegen die die Ikone Kennedy derart in den Hintergrund hätte treten müssen, dass man sie ob ihrer Blässe bald nicht mehr wahrgenommen hätte. Dieser Obama hätte das Format gehabt, zu einem neuen Messias zu werden.

Es sei dem Menschen Obama und seiner Familie selbstverständlich gegönnt, nicht Opfer eines geisteskranken Fanatikers geworden zu sein. Sein idealisiertes Bild des Edlen Wilden, des farbigen Messias, der angetreten war, die Welt vor sich selbst zu retten, ging darüber jedoch in die Brüche.

Spätestens, als die NSA-Veröffentlichungen des Edward Snowden auch dem letzten Deutschen klar machten, dass die deutsche Freundschaft zu Amerika eine sehr einseitige, der deutschen Gemütlichkeit geschuldete Angelegenheit gewesen war, zerbrach das edle Bild des Winnetou Obama in Tausende von Scherben.

Es war mehr als nur Enttäuschung, die die Reaktionen auf die Erkenntnis erklären hilft, dass der Edle Wilde Winnetou niemals mehr war als das im Kopf eines Spätromantikers herumspukende Idealbild des besseren Deutschen – und auch nie mehr sein konnte. Diese Erkenntnis traf die Deutschen wie ein Schlag mit dem Tomahawk.

Die wahre Welt, so wurde den romantischen Deutschen schlagartig bewusst, kann sich Winnetous nicht leisten.

Und so ist Winnetou nun wieder das Idealbild eines Edlen Wilden, der eigentlich ein Deutscher ist, und der doch niemals Wirklichkeit werden kann. Und Obama ist ein US-amerikanischer Präsident, der ebenso wenig ein Messias ist, wie dieses seine zahlreichen Vorgänger waren und seine Nachfolger sein werden.

©2013-15 Spahn/FoGEP

Aufstand des Islam – Kampf gegen den Humanismus

Anmerkung: Dieser Text entstand 2006 und wurde bislang als eBook mehrtausendfach abgerufen. Angesichts der aktuellen Situation soll er hier nun ebenfalls zu lesen sein. Er wird unverändert übernommen – auch wenn ich heute nicht mehr von „Islamismus“ sondern von „radikalem Islam“ sprechen würde – tsp 10.01.2015

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Im Januar 2006 ging eine Welle der Entrüstung durch die islamischen Länder. Offizieller Grund: Die Verletzung religiöser Gefühle durch islam-kritische Karikaturen.
Tatsächlich steht hinter der fanatisierten Aufregung jedoch ein anderes Ziel: Das Ende der aufgeklärten Gesellschaft – nicht nur in der islamischen Welt.

Viel wurde geschrieben über die Empörung, die in islamisch-geprägten Staaten mit mehrmonatiger Verspätung über mehr oder weniger gelungene Karikaturen Ende Januar des Jahres 2006 ausbrach.
Manche der westlichen Reaktionen auf den religiösen Fanatismus waren gespeist von unterwürfiger Gutmenschelei: Ja, so war zu hören, die Karikaturen würden die Gefühle der Moslems verletzen, ja, man hätte sie nicht veröffentlichen dürfen, ja, man könne die Erregung verstehen, schließlich stünde selbst im säkularen Deutschland die Verunglimpfung von Religion unter Strafe – so beispielsweise der jedweder Religionsbindung unverdächtige, ehemalige SPD-Generalsekretär Klaus-Uwe Benneter.
Andere Beobachter gingen etwas weiter in die Tiefe.
So folgte der Hinweis darauf, dass es in den islamischen Staaten an der Tagesordnung sei, andere Menschen und Religionen – allen voran die Juden – nicht nur in Karikaturen – und eben auch nicht nur – zu verunglimpfen.
Niemand, so einige Kommentatoren, könne sich daran erinnern, dass deswegen tausende fanatisierte Menschen protestierend auf die Straßen gegangen seien und Botschaften angezündet hätten. Von der Gefahr, hier könne sich Huntingtons Kampf der Kulturen anbahnen, war die Rede.
In der internationalen Politik folgten die obligatorischen Erklärungen – man teile die Entrüstung, appelliere aber an die Friedlichkeit der Proteste.

Die Vorgeschichte

Ursache des Aufstandes? Die dänische Tageszeitung „Jyllands Posten“ hatte im Herbst des Jahres 2005 Karikaturen veröffentlicht, in denen arabisch anmutende Terroristen als “das Gesicht Mohammeds” dargestellt wurden. Einige dänische – oder in Dänemark lebende – Moslems fühlten sich davon beschwert – und beschwerten sich bei dänischen Regierungsvertretern. Dort blitzten sie ab.
Zu Recht. Denn was, so muss sich der aufgeklärte Mitteleuropäer fragen, haben staatliche Institutionen mit in unabhängigen Medien veröffentlichten Karikaturen zu tun? Nichts! So zumindest lautet die Antwort, so weit es sich bei den Inhalten der Karikaturen nicht um eindeutig nachweisbare Straftatbestände wie die Aufforderung zum Mord oder die Herabwürdigung von Menschen handelt.
Die karikaturistische Darstellung Mohammeds als Terrorist mag von Moslems als Beleidigung ihres Propheten empfunden werden – faktisch aber ist sie in einem laizistischen Staat kein Straftatbestand. Sie ist legitimiert durch die Freiheit von Meinung, Presse und Kunst.

Kampf gegen die Freiheit

Folgerichtig sahen die Regierungsstellen in Dänemark keinen Handlungsbedarf – und die Beschwerdeführer wandten sich an die Gerichte – im säkularen Dänemark wiederum ohne Erfolg. Immerhin aber ein gangbarer Weg, mit dem es im laizistischen Staat sein Bewenden hätte haben müssen. Zu denken geben muss jedoch allein schon die Tatsache, dass Vertreter der in Dänemark lebenden Moslems sich in Sachen Karikaturen zuerst direkt an die politische Exekutive gewandt haben.

Ein anderes Staatsverständnis

Denn dahinter steht nicht das freiheitliche Staatsverständnis der europäischen Demokratien, sondern das Denken in den Dimensionen des Obrigkeitsstaats. Nur ein solcher wäre in der Lage, der Presse Veröffentlichungsregeln aufzuerlegen, wenn diese nicht von sich aus sich zur Selbstzensur in der Lage zeigt.
Fazit: So sehr eine solche Feststellung gegen den politisch korrekten Mainstream einer multi-kulturellen Gesellschaft verstoßen mag – jene in Dänemark lebenden, sich beschwert fühlenden Moslems teilen offenkundig einige Grundelemente christlich-abendländischer Demokratie-Tradition nicht. Maßgeblich zu nennen sind die Freiheit und Unabhängigkeit der Presse sowie die strikte Trennung von Staat und Religion.
Nun gut, mag man sich beruhigen, auch in der Welt mächtigster und sich als freiheitlichste empfindender Demokratie, den Vereinigten Staaten von Amerika, gibt es religiöse Eiferer, die beispielsweise die Aufgabe des Staates darin erblicken, die Lehre der längst als wissenschaftliche Erkenntnis belegten Evolutionstheorie zu untersagen – weil diese angeblich im Widerspruch zum Wortlaut der Bibel stehe.
Insofern hätte der dänische Vorgang damit abgeschlossen sein können – doch statt dessen sahen sich besagte Islam-Anhänger genötigt, ihre Beschwerde unmittelbar im islamischen Geltungsbereich vorzutragen und beispielsweise ägyptische Geistesgelehrte einzuschalten.

Der Koran: Nicht zuständig

Doch auch dort fiel die erste Reaktion eher verhalten aus. Dieses mag gute Gründe haben, die nicht zuletzt im Koran selbst begründet sind.
Denn: Anders als seinerzeit die Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie ist ein Glaubensurteil gegen Nicht-Moslems in der Regel nicht vorgesehen. Naheliegend, denn auch dem Islam ist bewusst, dass Religionsgesetze nur Anwendung finden können auf Bekenner der Religion. Salman Rushdie ist Moslem, und als er nach Auffassung islamischer Glaubensgelehrter den Islam beleidigte, fiel dieses in die Zuständigkeit islamischer Rechtsgelehrtheit. Der dänische Karikaturist aber ist ein in einer christlichen Gesellschaft aufgewachsener Atheist. Und als dänischer Nicht-Moslems fällt er kaum unter die Gerichtsbarkeit islamischer Glaubenslehre.
Mehr noch als die Anrufung der Exekutive offenbart dieser Schritt des Protest-Exports jener in Dänemark lebenden Moslems jedoch einen tiefen Graben zwischen christlich-abendländischem Staats- und Gesellschaftsverständnis und den Anschauungen eben jener Moslems.

Kein Loyalitätskonflikt

Eine maßgebliche Ursache dafür liegt in der Identitätsbildung des Menschen – und damit in der Wertigkeit unterschiedlicher Identitätsebenen im Bewusstsein des Individuums.
Für besagte in Dänemark lebenden Moslems ist ihre islamische Identität – und damit in der Konsequenz auch ihre islamische Loyalität – offenkundig höherwertiger als ihre dänische. Und das unabhängig davon, ob sie als dänische Staatsbürger durch ihr Vorgehen ihre Loyalitätspflicht gegenüber dem eigenen Dänemark verletzt haben oder als Gäste des dänischen Gemeinwesens mit anderer Staatsangehörigkeit zu akzeptieren gehabt hätten, dass die dänischen Spielregeln des staatlich-gesellschaftlichen Zusammenlebens nicht unbedingt identisch mit ihren eigenen oder denen ihrer Heimatländer sein müssen.
Dem europäisch geprägten Betrachter allerdings sei gesagt: Dieses ist innerhalb islamischer Logik kein Loyalitätskonflikt, denn in der islamischen Glaubenslehre spielt der Staat tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle.
Das moderne europäische Staatsverständnis beruht auf Selbstbestimmung und Nation. Beides ist ohne die humanistische Aufklärung des Abendlandes und der daraus folgenden Ablösung des Primats der Religion undenkbar.

Islam ohne Aufklärung

Hier aber liegt ein entscheidendes Problem, das die Europäer – und mit ihnen die europäisch-geprägten Amerikaner – nicht zur Kenntnis nehmen: Die Aufklärung ist ein Phänomen des Christlichen Abendlandes.
Im Islam hat es eine der christlich-abendländischen Aufklärung vergleichbare, gesellschaftliche Entwicklung bis zum heutigen Tage nicht gegeben. Und es liegt auf der Hand, dass jene islamischen Kräfte, die als islamistische Politiker davon unmittelbar profitieren, wenig Interesse haben, einer islamischen Aufklärung Raum zu geben.
Wie tief dieser kulturelle Graben ist, zeigt sich nicht zuletzt in der Empörungsmaschinerie – durch interessierte Kreise in der islamischen Welt gezielt entfacht, als man sich der Instrumentalisierbarkeit des mittlerweile zum „Karikaturenstreit“ mutierten Protestes als scheinmoralische Keule gegen den Westen bewusst wurde.

Der Westen hält still

So erregte sich niemand – weder in Europa und erst recht nicht in der islamischen Welt – darüber, dass indonesische Protestierer Plakate mit sich führten, auf denen europäisch anmutenden Gesichtern mit asiatischen Krummdolchen die Kehlen durchgeschnitten wurden und das Blut in alle Himmelsrichtungen spritzte.
Niemand erregte sich darüber, dass in Teheran und anderswo Strohpuppen, die den dänischen Ministerpräsidenten darstellen sollten, verbrannt wurden – im christlichen Abendland wurde die Ketzerverbrennung erst durch die Aufklärung in Frage gestellt.
Kaum der Beachtung fand man es wert, dass in Peshavar der örtliche Gouverneur die Bestrafung des Karikaturisten als Terrorist einforderte – als hätte jener in New York, Madrid, London und anderswo Zigtausende unschuldiger Menschen ermordet.
Das Verbrennen von Staatsflaggen – diesmal traf es vorrangig Dänemark und Norwegen – wird im aufgeklärten Westen ohnehin eher als Randnotiz wahrgenommen.
So absurd es klingen mag: Dieses offenkundige Desinteresse der aufgeklärten Europäer an jenen Exzessen offenbart gleichzeitig eine moderne Form des Rassismus. Denn es scheint uns Europäern völlig normal, dass die Völker des Islam derart mittelalterlich-anachronistische Verhaltensweisen an den Tag legen. Und wir tun damit zwangsläufig jenen Unrecht, die als gläubige Moslems sich der Notwendigkeit einer islamischen Aufklärung durchaus bewusst sind.
Die Diskrepanz im Denken brachte ein zufällig gefilmter Protestierer auf den islamistischen Punkt:
„Wir geben unser Blut für Allah und Mohammed!“.
… wann zuletzt hat ein Europäer gerufen:
„Wir sterben für Gott und Jesus“?

Wenn das Gleiche geschähe …

Was wohl geschähe, wenn in Berlin empörte Deutsche auf die Straße gingen und das grüne Banner des Islam anzündeten?
Was geschähe, wenn in Kopenhagen geschmähte Dänen eine Strohpuppe mit dem Antlitz des iranischen Präsidenten abfackelten?
Was geschähe, wenn in Paris aufgebrachte Franzosen Plakate in die Kameras hielten, auf denen einem Asiaten die Kehle mit dem Bayonett durchgeschnitten würde?
Unabhängig davon, dass dem aufgeklärten Europäer allein diese Vorstellung gänzlich absurd vorkommen muss und selbstverständlich sofort Rassismus und Fremdenfeindlichkeit angeprangert worden wäre – käme es dazu, wäre der Aufschrei des Entsetzens in den islamischen Regionen voraussichtlich noch unüberhörbarer als angesichts der Karikaturen-Empörung.
Gleichzeitig aber würde man diese Sprache besser verstehen als abstrakte Exkurse über Menschenrecht und Pressefreiheit.

Ein multiples Dilemma

Europäer und Amerikaner stehen vor einem multiplen Dilemma. Nicht nur, dass sie die aufgebrachten islamischen Massen nicht verstehen können. Sie wissen letztlich auch nicht: Wer sind unsere Partner, wenn wir den Dialog der Kulturen einfordern?
Jene hysterisch-psychopathischen Massen, die nach dem Blut der Gotteslästerer rufen, um die gedachte Ehre eines vor fast 1400 Jahren verstorbenen Religionsstifters zu retten?
Jene, für die der Tod des Individuums vernachlässigbar ist angesichts der Ehre ihres Gottes?
Jene, denen Gottes Reich auf Erden allemal höherwertig erscheint als jedwede Errungenschaft aufgeklärter Zivilisation?
Die christlich-abendländische Kultur steht vor einem unlösbaren Problem: Die Diskrepanz zwischen jenen fanatisierten Massen und dem aufgeklärten Europäer ist im traditionellen Dialog nicht zu überwinden. Warum? Es gibt keine gemeinsame Sprache!
Die Sprache des aufgeklärten Europäers ist geprägt von der Freiheit, Selbstbestimmung und Unversehrtheit des Individuums.
Nicht zuletzt zwei katastrophale Kriegsphasen und die damit einhergehende Menschenverachtung von Holocaust über Gulag bis Flächenbombardement haben es uns gelehrt: Weder dogmatische Religion noch politische Ideologie dürfen das Handeln des Menschen prägen.
Die Sprache des im humanistischen Sinne unaufgeklärten Moslems dagegen ist geprägt vom Primat der Religion. Individuum und Staat haben sich diesem Primat unterzuordnen. Seine Sprache entspringt folglich dem Dogma und – im islamistischen Extremfalle – einem politisch-instrumentalisierten Religionsabsolutismus.

Keine gemeinsame Erfahrung

Das europäische Handeln der Gegenwart ist geprägt von der Erfahrung einer selbstzerstörerischen Vergangenheit.
Das Trauma der kollektiven Selbstzerstörung, das die Europäer zur dauerhaften Friedfertigkeit bekehrt zu haben scheint – kein Araber, Indonesier oder Belutsche kann damit etwas anfangen.
Die bei uns so genannten Weltkriege sind aus der Sicht der islamischen Völker nichts anderes als der Kampf zwischen verhassten, christlichen Kolonialmächten.
Am Ende dieses Kampfes der kolonialen Imperien stand die zweite Befreiung der islamischen Nation vom Joch der christlichen Fremdherrschaft – von Marokko bis Indonesien, von Kasachstan bis Kenia.
Im arabisch-islamischen Verständnis der Gegenwart ist das durch abendländisch geprägte Juden gegründete Israel nicht die legitime Heimstatt eines einst von dort vertriebenen Volkes, sondern eine letzte Bastion der fränkischen Kreuzritter im Heiligen Land. Wenn der iranische Präsident den Holocaust als Lüge bezeichnet, dann einzig und allein deshalb, um so dem Staat Israel die aus seiner Sicht letzte, mögliche moralische Legitimation zu entziehen.
Die Interventionen von Amerikanern, Europäern und Russen in islamischen Ländern wie Afghanistan, Tschetschenien und dem Irak werden als christlich-koloniale Unterdrückung begriffen. So bleibt dem bildungsfremden Moslem auf der Straße auch die christlich-abendländische Bezeichnung „Terrorist“ in ihrem Sinngehalt fremd: Für ihn sind Selbstmordattentäter Kämpfer für die Freiheit der islamischen Nation. Selbst wenn er als denkendes Individuum den Massenmord an Unbeteiligten, an Frauen und Kindern nicht aus vollem Herzen begrüßen sollte: Jegliches menschliche Handeln ist vom göttlichen Willen vorbestimmt und das Individuum kann keine von Gott nicht gewollte Handlung vornehmen – so will es die islamische Lehre.
Was anderes als Instrumente ihres Gottes sind dann Selbstmordattentäter oder Massenmörder im Namen Allahs, wenn Allah sie nicht an diesem Tun hindert?

Eine andere Gedankenwelt

Die Gedankenwelt des islamischen Fanatikers steht insofern derjenigen des christlichen Kreuzritters näher als der des aufgeklärten Europäers. Wie wohl hätte der fanatisierte, christliche Gotteskrieger des 11. Jahrhunderts reagiert, hätte sein islamisches Gegenüber ihn zum friedlichen Dialog aufgefordert? Vermutlich hätte er ihm das Schwert durch die Brust gerammt und im Namen seines Gottes die bedingungslose Herausgabe der geschändeten Heiligtümer in Jerusalem und anderswo eingefordert.
Wenn dennoch intellektuelle Nahost-Experten und europäische Islamwissenschaftler den friedlichen Dialog der Kulturen einfordern, so verkennen sie letztendlich die Wirklichkeit der islamischen Straße. Ihre Ansprechpartner sind Intellektuelle und westlich geprägte Eliten, mit denen ein friedlicher Dialog ebenso selbstverständlich wie ein friedliches Zusammenleben möglich ist. Aber: Repräsentieren diese Eliten tatsächlich die Angehörigen der Völker, mit denen der Dialog zu führen wäre?

Demokratie stärkt den Islam

Damit nicht genug. Das abendländische Dilemma greift noch tiefer. Seit dem Ende dessen, was wir als Zweiten Weltkrieg bezeichnen, sind in zahlreichen ex-kolonialen Ländern westlich geprägte Eliten durch islamistisch geprägte ersetzt worden. Allen voran der Iran, dessen politische Herrschaftsschicht heute von westlichen Idealen weiter entfernt ist als je zuvor.
Die Forderung nach demokratischen Wahlen und entsprechend gewählten Regierungen hat sowohl im Irak als auch in Palästina vorrangig den islamisch geprägten Kräften – von westlichen Kommentatoren häufig gänzlich unsinnig als Konservative bezeichnet – gedient.
Was sollte die palästinensische Hamas bewegen, den „Kreuzritterstaat Israel“ anzuerkennen, wenn das bedeutet, den Anspruch auf die bis 1948 islamisch geprägten Gebiete zwischen Mittelmeer und Jordan aufzugeben?
Was sollte den iranischen Präsidenten bewegen, seine national-islamischen Phantasien aufzugeben, wenn dieses für ihn nichts anderes bedeutet, als einem neuen, christlichen Kolonialismus Tür und Tor zu öffnen?
Was sollte die irakischen Schiiten davon abhalten, einen gottgefälligen Staat zu etablieren, wenn jene, die sie vom Joch der verhassten sunnitischen Glaubensbrüder befreiten, das Land verlassen haben?
Wir sollten uns nichts vormachen: Wirklich freie Wahlen in anderen islamisch geprägten Staaten würden zu ähnlichen Ergebnissen führen.
Warum? Weil die Forderung westlicher Politiker nach Zwangsdemokratisierung islamischer Staaten absurd ist, solange demokratisches Denken in den Völkern selbst keine Basis hat.
Die Demokratie, so wie die Europäer sie heute verstehen, ist mehr als die Selbstbestimmung eines Volkes über seine politische Elite. Denn das für sich allein würde bedeuten, einer – relativen – Mehrheit das Recht zu geben, Minderheiten im Namen der Demokratie radikal zu unterdrücken. Es würde bedeuten, den Demokraten das Recht zu geben, sich selbst auf demokratischem Wege durch ein totalitäres System zu ersetzen.
Das europäische Demokratiemodell ist daher ohne das humanistische Fundament von Toleranz und Menschenrecht, der Achtung vor dem Mitmenschen und dessen Vorstellungen, undenkbar.
Die Ideale des Humanismus wiederum basieren ausschließlich und uneingeschränkt auf der christlich-abendländischen Aufklärung.
Wie aber soll ein solches Modell funktionieren in einer Gesellschaft, der jedwede christlich-abendländische Aufklärung abhold ist? Wenn Humanismus begriffen wird als ein Propagandabegriff des zum Untergang verdammten Christentums im Kampf gegen die wahre Lehre?

Rückkehr zur Apartheit

All dieses wird in den politisch-intellektuellen Kreisen des Abendlandes nicht gesehen – und der Traum vom friedlichen Dialog mit der Folge eines friedlichen Zusammenlebens der Völker und Religionen wird weiter geträumt – und zerplatzen.
Israel hat bereits seine eigenen Konsequenzen gezogen. Als von der abendländischen Welt gern so betrachteten Friedensbeweis zieht man sich zurück aus palästinensischen Gebieten, um gleichzeitig im wahrsten Sinne des Wortes eine unüberwindbare Mauer gegen den Terror aufzubauen.
Tatsächlich hatte diese Politik des Falken Ariel Sharon mit Friedensbereitschaft nur sekundär etwas zu tun.
Vielmehr geht es darum, jene auszugrenzen und nach Möglichkeit zu isolieren, die zu einem humanistisch-abendländischen Interessenausgleich nicht bereit sind, und sich gleichzeitig aus Gebieten zurück zu ziehen, deren militärische Kontrolle unnötig hohe Opfer erfordert hätte, ohne dass damit auch nur ansatzweise ein geostrategischer oder ökonomischer Nutzen verbunden gewesen wäre. Der demokratische Sieg der Hamas wird Israel in dieser Politik bestärken.

Neuausrichtung der US-Politik

Die Politik der USA bis zum ersten Waffengang gegen den Irak konzentrierte sich darauf, gewogene Machteliten in ihren Positionen zu stärken und so die eigenen ökonomischen Bedürfnisse abzusichern.
In dieser Politik war es nachrangig, ob damit die Umsetzung von Menschenrechten im westlichen Sinne einherging.
So konnte und kann das wahabitische Herrscherhaus der Saudi ungehindert ein im abendländischen Sinne mittelalterliches Strafrecht exekutieren.
Ägyptens Bildungsbürger Husni Mubarak durfte und darf die Moslembruderschaften mit demokratisch fragwürdigen Staatssicherheitsmaßnahmen im Zaum halten.
Die algerische, ebenfalls westlich geprägte Herrschaftselite konnte einen schmutzigen Krieg gegen jene islamischen Fundamentalisten im eigenen Lande führen, die in freien Wahlen bereits mehrheitsfähig geworden waren.
Die neue Politik der USA – wir könnten sie unter dem propagandistischen Schlagwort „Befreie und Demokratisiere!“ zusammenfassen – ist dagegen eine selbst gestellte Falle. Denn sie geht von der irrigen Annahme aus, christlich-abendländische Kulturwerte exportieren zu können. Genau dieses aber wird von fundamentalistischen Moslems als moderne Spielart des imperialistischen Kolonialismus vehement bekämpft.

Die islamische Aufklärung

Tatsächlich gibt es nur einen Weg, einen friedlichen Ausgleich zwischen Abendland und Islam zu organisieren: Die islamische Welt muss aus sich selbst heraus eine der christlichen Aufklärung vergleichbare Entwicklung durchmachen. Davon allerdings scheint sie heute weiter entfernt denn je.
Nichts deutet darauf hin, dass islamische Aufklärer an Bedeutung gewinnen werden. Ganz im Gegenteil: Die Fertilität islamischer Gesellschaften, in denen heute schon rund 80 Prozent der Bevölkerung unter 35 Jahre alt sind, schafft ein ständig wachsendes Menschenpotential, das nach gegenwärtigem Kenntnisstand kaum ökonomisch sinnvoll beschäftigt werden kann. Die Masse unzufriedener weil unbeschäftigter junger Menschen wird das Menschenpotential der Gotteskämpfer nicht versiegen lassen.
Wer die Bilder aus pakistanisch-islamischen Koranschulen im Hinterkopf hat, in denen sechsjährige Jungen unter ständigem Hin- und Herschwenken Koranverse rezitieren, wird wissen, dass diese Art der Gehirnwäsche ein weiteres dazu tun wird, den Nachschub islamistischer Gotteskrieger nicht versiegen zu lassen.
Islamische Gelehrte werden sich – im Zweifel wider besseres Wissen – zurück halten, einen humanistischen Islam zu predigen, denn es würde sie von der Masse ihrer Gläubigen entfremden.
Islamische Herrschaftseliten werden entweder weiterhin – wie die wahabitischen Saudi – eine scheinbar liberale Außenpolitik mit innenpolitischer Intoleranz und der klammheimlichen Unterstützung islamistischer Bewegungen verknüpfen – und dennoch die Unzufriedenheit der Massen nicht vermeiden können.
Westlich aufgeklärte Machteliten werden um des eigenen Überlebens willen zunehmend auf Repression gegen fundamentalistische Bewegungen setzen müssen – und damit als scheinbare Repräsentanten einer westlich geprägten Gesellschaft die Massen für tolerante Gesellschaftssysteme nicht gewinnen können.

Die Aufgabe des Humanismus

Die Alternative? Die humanistische Schere in unserem Kopf weigert sich, sie darzustellen. Selbst der renommierte Islamkenner Peter Scholl-Latour, einer der wenigen Mahner, beschränkt sich auf Andeutungen. Denn letztlich wird die Konsequenz die Aufgabe der humanistischen Errungenschaften in der christlich-abendländischen Kultur sein – schleichend vielleicht und deshalb kaum wahrnehmbar. Aber im Ergebnis radikal.
Erste Schritte sind bereits getan.
Die irrationalen Proteste in der islamischen Welt gegen die dänischen Karikaturen und die bereitwillige Übernahme der islamischen Kritik durch christliche Appeasement-Politiker werden zwangsläufig jeden freien Journalisten daran hindern, vergleichbares zu wiederholen. Das einst vom Vater der Islamisten, Khomenei, gegen Salman Rushdie verhängte Veröffentlichungsverbot gilt ab sofort mittelbar auch für nicht-islamische, abendländische Islam-Kritiker.
Eine Alternative hierzu scheint der israelische Weg der weitest möglichen Abschottung gegen jene im Westen als Terroristen begriffenen Kräfte zu sein. Das aber müsste zwangsläufig zum Generalverdacht gegen jede Person führen, die sich zum Islam bekennt.
Auf rund 1,2 Milliarden Menschen wird die Anhängerschaft Mohammeds heute weltweit geschätzt – 1,2 Milliarden potentielle Terroristen?
Allein mit einer großen Mauer vom Gelben Meer bis zum Atlantik wäre es kaum getan. Die Geschichte lehrt uns, dass jedwede Mauer, von Chinas Großer bis zum römischen Limes, den Ansturm von Kulturgegnern auf Dauer nicht verhindern kann.
Das im Spanien des 15. Jahrhunderts erfolgreiche Modell der Reconquista – von Zwangschristianisierung bis Ausweisung – widerspricht den humanistischen Idealen der Glaubenstoleranz fundamental. Eine neue Reconquista wäre gleichbedeutend mit dem Ende der laizistischen Gesellschaft.

Die Hydra des Terrors

Ohnehin: Das Abendland ist bis auf weiteres auf morgenländische Rohstoffressourcen angewiesen. Wie sollte in einer solchen Situation eine Kulturapartheit installiert werden, will man nicht exterritoriale Enklaven schaffen, die als Rohstoffbastionen wie einst die Kreuzritterburgen in feindlicher Umgebung existieren müssten? Und dennoch steht zu befürchten, dass es genau darauf hinaus laufen wird. Denn das von den USA unter Georg Walker Bush angestrebte Ziel, der Schlange den Kopf abzuschlagen, um so die Pax Americana zu garantieren, hat sich als wenig erfolgreich erwiesen – die Schlange erweist sich als Hydra, die jeden abgeschlagenen Kopf durch zwei neue ersetzt.
Angesichts der fanatisierten Karikatur-Proteste spekulierten zahlreiche Talkshows und Kommentare über die Frage, ob der Zusammenstoß der Kulturen – the clash of civilizations – möglicherweise unmittelbar bevorstehe.

Der Krieg hat längst begonnen

Tatsächlich befinden sich die Kulturen der Welt längst mittendrin in diesem Konflikt. Ein Konflikt, der sich als der erste wirkliche Weltkrieg erweisen könnte. Es ist nicht zwingend ein Krieg zwischen Christen und Moslems. Aber es ist ein Krieg zwischen Humanismus und Dogmatismus. Es kann ein Krieg sein, in dem aufgeklärte Atheisten und Anhänger der Weltreligionen von Christen, Juden und Buddhisten über Hindus bis Moslems gemeinsam stehen gegen religiöse Dogmatiker aller Konfessionen.
Es ist jetzt schon ein Krieg um die Frage, ob das Primat menschlichen Handelns auf der naturwissenschaftlichen Erkenntnis oder dem metaphysischen Glauben an eine uneingeschränkte Gottbestimmung beruht.
Und es ist damit auch ein Krieg um die Frage, ob die Zukunft der Menschheit in einem freiheitlichen oder einem totalitären System zu finden sein wird.

Kann ein solcher Krieg gewonnen werden?

Der humanistischen Fraktion steht die Erkenntnis und der Fortschritt der Wissenschaft zur Verfügung. Hier wird sie ihren Gegnern immer einen Schritt voraus sein.
Die dogmatische Fraktion dagegen verfügt über ein schier unbegrenztes Potential an fanatisierbaren Kämpfern, denen der Wert des eigenen Lebens gegen Null geht. Sie verfügt über eine Idee, die nicht von dieser Welt ist – und die gerade deshalb ungeahnte Dynamik entfalten kann. Und sie kann sich einer Kriegsführung bedienen, die den humanistischen Vorstellungen eklatant widerspricht. Denn sie ist an humanistische Leitbilder nicht gebunden.

Das Ende des Humanismus

Der unqualifizierte Massenmord an Unbeteiligten, Zivilisten, Frauen und Kindern scheint heute außerhalb der Vorstellungskraft der humanistischen, christlichen Kulturen zu liegen. Doch die dogmatische Fraktion hat ihren Gegner bereits in der Zwickmühle. Was immer die Humanisten tun, dient deren Gegnern bis auf weiteres als Sieg. Um sich gegen terroristische Gefahren zu wappnen, sahen sich die USA zu Eingriffen in die Persönlichkeitsrechte und die Einrichtung von weitgehend rechtsfreien Gefangenenlagern gezwungen – ein erster Sieg im Kampf gegen humanistische Ideale
Die Schere im Kopf freier Journalisten ist ein weiterer fundamentalistischer Sieg im Kampf gegen den Humanismus.
Ein Ende der Finanzierung islamistisch regierter Staaten würde radikalen Kräften weiteren Zulauf bescheren. Die Fortsetzung der Finanzierung wiederum würde den Radikalen bescheinigen, dass der von den Humanisten geforderte Verzicht auf Gewalt nichts anderes ist als ein christliches Kriegswerkzeug zur dauerhaften Schwächung des Islam. So oder so – beides wird zu einem Sieg des Dogmatismus werden.
Gleiches gilt für den möglichen Rückzug diplomatischer Vertretungen, Handelsbeschränkungen oder dem Einsatz anderer Varianten der Repression, derer sich die humanistische Kultur immer dann bedient, wenn sie ohne Waffengewalt in den Kampf zieht.
Hat die humanistische Welt daher den Krieg der Kulturen schon verloren, bevor sie sich dieses Krieges bewußt wurde?

Der Humanismus verliert

Fast möchte man diese Frage mit Ja beantworten. Denn entweder die aufgeklärte Welt hält an ihren Idealen fest – und wird diese Ideale unter dem Druck fundamentalistischer Doktrinen verlieren. Oder sie verrät ihre Ideale, um im Kampf gegen die Fundamentalisten erfolgreich sein zu können.
Beide Vorstellungen können dem aufgeklärten Europäer nur Schauer über den Rücken jagen …

Russlands Weg in die Katastrophe – Wem der Krieg gegen die Ukraine tatsächlich nützt

von Pawel Scheremet

 

Das Projekt „Neurussland” ist nicht abgeschlossen. Niemand von den Autoren und Inspiratoren dieses Katastrophenprojekts hat dran gedacht, sich davon loszusagen: Zu viel Geld und andere Dividenden bringt es ihnen.
Natürlich gibt es gar kein Neurussland in den von den russischen Imperialisten und orthodoxen Bannerträgern willkürlich gezogenen Grenzlinien, die Zeitschiene hat sich deutlich verschoben, der Preis für das Projekt ist mehrfach gestiegen, aber von seiner wahnsinnigen Idee hat man sich noch immer nicht losgesagt. Zwar hat sich in die Geschichte unerwartet das ukrainische Volk eingemischt, das es nach allen Kreml-Auslegungen weit und breit nicht geben dürfte – aber auch dieses peinliche Missverständnis hofft man noch auszuräumen.
Gegenwärtig findet im Kreml ein Kampf zweier Gruppierungen statt, die – um Hoffnungen zu zerstören – allerdings beide für den Krieg in der Ukraine stehen. Ich weiß gar nicht, wie man sie aufteilen soll: Die einen sind für den Krieg jetzt sofort und die anderen sind einfach nur für den Krieg. Im Kreml gibt es derzeit keine einflussreichen Kräfte, die sich für den Frieden mit dem Nachbarn einsetzen. Es ist, wenn man so will, ein Konflikt zwischen besessenen Imperialisten und rationalen Imperialisten.
Die besessenen Imperialisten treiben die Idee eines baldmöglichsten, vollumfassenden militärischen Vorstoßes in die Ukraine voran, fördern die Idee der Erweiterung der den Separatisten unterstellten Zone durch militärisches Vorgehen. Ihr Sprachrohr Girkin-Strelkow gab deshalb im November 2014 dem kremltreuen Sergei Dorenko für die russischen LifeNews ein über Tage gestrecktes Interview, in dem er unüberhörbar die Kriegstrommel schlug.
Er und jene, die ihn unterstützen, sind bereit, die Ukraine im Blut zu ertränken und ungezählte russische Leben für dieses „Neurussland” zu opfern. Der Einfluss dieser Gruppe ist sehr groß und sie werden sich auch durch den Winter nicht aufhalten lassen.
Die Gruppierung der rationalen Imperialisten, die von Anfang an einen weit umfassenderen Plan zur Krim, zum Donbass und zu diesem erfundenen Neurusslands hatte, verfolgt eine klassische Variante imperialistischer Politik: Angreifen und sich festsetzen – ein wenig zurückziehen und erneut angreifen.
Wer glaubt, dass Putin den Krieg um die Ukraine verliert und bereits alles zu Ende ist, dem empfehle ich, den Fakten ins Gesicht zu sehen. Und diese mit den Augen des russischen Präsidenten und seiner Berater zu betrachten.
Die Krim ist in der Gewalt Russlands. Der Großteil von Donbass wurde in eine verschanzte Festung verwandelt – ein Knochen im Hals der Ukraine und ein Brückenkopf für den nächsten Vorstoß. Natürlich hat Putin Kiew in zwei Wochen nicht eingenommen, obgleich er damit allen gedroht hatte. Er hat noch nicht einmal den strategisch wichtigen Hafen Mariupol besetzt. Aber seine umfangreichen Armeeeinheiten wurden ja bislang auch noch nicht eingesetzt. Nur ein paar taktische Truppen aus ein paar Bataillonen haben ohne die Unterstützung durch die Luftwaffe die ukrainische Armee zurückgeschlagen und die militärische Situation im Donbass zu Gunsten der russischen Kräfte entschieden. Also melden die russischen Generäle Putin Siege und keine Niederlagen.
Die regierende Elite Russlands betrachtet die Ukrainer nicht als gleichwertige Menschen und schon gar nicht als ein einheitliches, eigenständiges Volk. Die Vorstellung der Ukrainer als starke und geschlossene Nation ist jenseits ihres Vorstellungsvermögens. Die Ukrainer werden verachtet. Alle Berichte in den russischen Medien, die sich mit der Ukraine beschäftigen, zeichnen ein Bild ukrainischer Habgier, Arglist und Feigheit.
So sehr die westlichen Sanktionen einerseits für Unruhe gesorgt haben, so erzeugen sie mit ihren Auswirkungen doch den Druck, schnell und konsequent zu handeln. Das Ziel ist definiert: Die Teilung der Ukraine – und dieses Ziel erscheint dem Kreml noch immer realisierbar. Vielleicht formuliere ich zu deutlich, aber ich vertrete die Auffassung, dass die bittere Wahrheit allemal besser ist als eine süße Lüge.
Ich bin überzeugt, dass wir derzeit einen kritischen Moment der Geschichte erleben. Russland und all seine Nachbarn sind an einer historischen Weggabel angekommen, die das Schicksal von Millionen Menschen und ganzer Völker verändern wird und bereits verändert hat. Niemand weiß wirklich, was morgen geschieht und in welcher Situation wir uns wiederfinden werden. Manche sind von einer Wiedergeburt der russischen Welt und der Renaissance des Russischen Imperiums überzeugt. Andere wiederum bezeichnen die Aggression gegen die Ukraine als das letzte Aufbäumen eines Imperiums, das die Möglichkeiten des Landes endgültig vernichten wird.
Ich versuche, mich in die Situation Putins zu versetzen, um die Logik seiner Handlungen zu verstehen. Was sind in diesem Gedankenspiel die Vorteile, die aus diesem Krieg für Putin und Russland zu ziehen sind? Ja, Putin scheint seine innenpolitischen Probleme gelöst zu haben. Die Zustimmung zu ihm ist in den Himmel geschossen. Aber das ist wie mit einem Drogenrausch, der immer noch eine und noch eine Dosis einfordert, um die Euphorie zu erhalten und nicht dem Cold Turkey zu verfallen. Einige Politiker und Marginal-Politologen konnten ihre persönlichen Positionen verbessern. Die Generäle leben ihre Tradition und bereichern sich am Krieg. Darüber haben sie sogar für den Moment die Kaukasier und Tadschiken vergessen. Die korrumpierten Beamten konnten durchatmen, denn kaum einer denkt noch an sie und ihre illegalen Pelzlagerhallen. Insofern gibt es Gruppen und Gruppierungen, die tatsächlich glücklich und zufrieden sind.
Was aber hat das russische Volk, hat der russische Staat davon?
Ich suche eifrig nach Vorteilen des russischen Angriffes auf die Ukraine – und ich finde keine. Es gibt keine Rechtfertigung für dieses Vorgehen. Und es wird für Russland auch kein glückliches Ende dieser Geschichte geben.
Vor zwei Jahren saßen wir im kalten Chanty-Mansijsk mit dem russischen Schriftsteller und Fernsehmoderator Alexander Archangelski zusammen. Alex hatte gerade einen weiteren Roman zu Ende geschrieben, in dem er in einer raffinierten künstlerischen Form die Zukunft des russischen Präsidenten beschrieb. Ich hatte damals darauf bestanden, dass Wladimir Putin mit hoher Wahrscheinlichkeit einen kleinen, siegreichen Krieg vom Zaun brechen werde. Er fühle sich vom Westen beleidigt, es schiene ihm, dass die Amerikaner Russland nicht respektierten und ihn als Präsidenten eines erhabenen Landes ebenso wenig, daher werde er versuchen, allen zu zeigen, was eine Harke ist – damit sie nicht allzu sehr abheben.
Schon damals waren wir uns einig gewesen: Wenn es zum Krieg käme, dann werde es ein Krieg um die Ukraine sein.
Ein Krieg gegen China werde uns zu teuer zu stehen kommen und Europa direkt anzugreifen mache keinen Sinn. Es werde ohnehin bald von allein einknicken, sich ein ukrainisches Stück abbeißen – all das passte wunderbar in die Strategie der Erschaffung der Eurasischen Union und in die ideologische Vorstellung davon, woher der Große Rus komme.
Ich bin dabei ausschließlich von psychologischen und wirtschaftlichen Überlegungen ausgegangen. Einerseits „steht Russland von den Knien auf”, wie es formuliert wird. Die russische Elite nimmt wieder Haltung an und wähnt sich als Vertreter einer Großmacht mit dem Anrecht, das Schicksal der Welt zu lenken. Gleichzeitig aber blieb da das hartnäckige Gefühl, dass die Welt Russland weder respektiere noch beachte. Da kaufen wir uns schon die Fußballweltmeisterschaft und finanzieren den Unterhalt verflossener Kanzler – und dennoch antwortet uns das verfaulte und verwesende „Gayropa” mit Verachtung!
Die Geschichtsprofessorin der Harvard University und Autorin des Buches „The Collapse: The Accidental Opening of the Berlin Wall”, Mary Elise Sarotte, hat zum 25. Jahrestag des Berliner Mauerfalls einen Artikel im „Guardian” über das psychologische Trauma veröffentlicht, welches Putin geprägt habe, als er beobachtete, wie seine sowjetische Welt auseinanderbrach und der für effektiv und stabil gehaltene deutsche Geheimdienst der DDR, die „Stasi” (Staatssicherheit), sang- und klanglos von der Erdoberfläche verschwand.
Die geheimen Unterlagen seiner KGB-Tätigkeit verbrennend und die tobende, revolutionäre Menge durch einen Schlitz im Vorhang beobachtend, erlebte Wladimir Putin einen derart heftigen emotionalen Stress, dass er von einer rücksichtslosen Hartherzigkeit gegen jegliche Revolutionäre und absoluter Schonungslosigkeit gegenüber allen, die er als Feinde Russlands wahrnimmt, geprägt ist.
Diese Erfahrung hat Putin zu einer leichten Beute für Manipulationen jener Kräfte gemacht, die die Welt durch das Prisma des sowjetischen Weltmodells und des darin verankerten Antiamerikanismus sehen. Die Karrieristen wie die Reaktionäre spürten den Schmerzpunkt des russischen Präsidenten auf und bedienten sich erfolgreich seiner Ängste.
Es gibt mehrere Gruppen, die ich als verantwortlich dafür sehe, dass wir uns alle nun am Abgrund wiederfinden.
Die erste Gruppe sind die Militärs und die Vertreter des militärisch-industriellen Komplexes. Nach dem Zerfall der Sowjetunion gab es in Russland keine Erneuerung der militärischen Elite. Auf den Schlüsselpositionen sitzen nach wie vor die Kommandeure der sowjetischen Epoche und jene, die von diesen erzogen wurden. Diese sind es, die die angebliche Bedrohung durch die NATO-Erweiterung nach Osten aufgeblasen haben, um damit unsere Kriegshandlungen gegen Moldawien und Georgien zu begründen.
So war zum Beispiel der Krieg in Transnistrien auch das Produkt eines Kampfes des russischen Militärs um gigantische Waffenlager, die sich dort befanden. Auf der Krim konnten die Generäle die Obrigkeit mit der Vorstellung von NATO-Stützpunkten verschrecken, die ihnen künftig den Zugang zu ihren geliebten Datschen am Meer verwehren würde. Ich vereinfache natürlich, aber der Geopolitik der russischen Generalität liegt immer in erster Linie ein eigennütziges Interesse zugrunde. Nachdem 2008 der Krieg in Georgien so glimpflich und aus russischer Sicht erfolgreich verlaufen war, wertete dieses die „Kriegspartei” deutlich auf.
Dem Militär gelang es, die politische Führung Russlands von der immensen Bedeutung der Krim als militärischem Brückenkopf zu überzeugen. Sie behaupteten hartnäckig, dass ungeachtet des Vertrages über die Stationierung der Schwarzmeerflotte in Sewastopol bis 2045 die Ukraine die russische Flotte aus der Krim hinauswerfen und der Schwarzmeerraum damit ungedeckt bleiben werde. Auch sei es nicht möglich, die kalkulierten 150 Millionen Dollar für einen neuen Marinestützpunkt in Noworossijsk zu aktivieren – und so weiter und so fort. Dass das Schwarze Meer im einundzwanzigsten Jahrhundert keinerlei militärischen Wert darstellt, weil es von einem Ufer zum anderen problemlos mit Geschossen überbrückt werden kann, bevorzugten die Generäle zu verschweigen. Sie wurden flankiert von den Waffenhersteller, die zu Zeiten des zweiten tschetschenischen Krieges und insbesondere während des Georgien-Krieges den schon vergessenen Geschmack lukrativer Rüstungsaufträge zu genießen gelernt hatten.
Darüber, dass seit 1991entlang der russischen Grenze in Osteuropa kein einziger NATO-Stützpunkt eingerichtet wurde und die Baltischen Staaten ebenso wie Polen auf ihre Armeen fast schon verzichtet hatten, weil sie nicht vorhatten, gegen irgendjemanden einen Krieg zu führen – davon hat man nicht gesprochen. Als Schreckgespenst diente das neue Raketenabwehrsystem in Europa. Man jagte es wie Geisterjäger durch das russische Bewusstsein: Ein Mittelrusse wusste bald mehr von diesem Raketenabwehrsystem als selbst der fortschrittlichste Amerikaner.
Statt auf eine Zusammenarbeit mit der NATO zu setzen, heizten die russischen Generäle hinter den Kulissen ebenso wie in der Öffentlichkeit den Konflikt mit der westlichen Allianz an. So erinnere ich mich gut an jenen General Leonid Iwaschow. Dieser Mensch hatte sein gesamtes Leben im Generalstab des sowjetischen Verteidigungsministeriums verbracht und war zum Zeitpunkt des Zerfalls der Sowjetunion Abteilungsleiter im Verteidigungs-ministerium. So schien sein perfekt durchorganisiertes, sowjetisches Leben nebst Karriere mit dem Zusammenbruch des Imperiums zu zerbrechen – doch der General krallte sich an der Macht fest und gab nie auf. Von 1996 bis 2001 war Iwaschow Vorsitzender des Amtes für internationale militärische Zusammenarbeit des Verteidigungsministeriums. Eine absurde Vorstellung: Er hasste den Westen und die NATO über alles und trug gleichzeitig die Verantwortung für die internationalen Kontakte der russischen Armee. Es gab keinen einzigen Tag, an dem er nicht irgendwelche „aggressiven Pläne” zu entlarven in der Lage gewesen wäre. Nach seiner Demission bezeichnete er 2006 denTod des früheren jugoslawischen Präsidenten Milosevic in Den Haag als „politischen Mord”. Als am 5. Dezember 2009 das Abkommen zwischen Russland und den USA über die Begrenzung der strategischen Angriffswaffen auslief, war das Nichtzustandekommen einer Folgevereinbarung für ihn „kein Drama”.
Schon am 10. Februar 2014 – in Sotchi feierte ein russischer Präsident seine olympischen Winterspiele – definierte Iwaschow als nunmehr Leiter der russischen Akademie für geopolitische Studien die Vorgänge in der Ukraine als „Krieg gegen Russland”, initiiert von der US-amerikanischen Administration mit dem Ziel, die Ukraine zu zerstören. Sein Interview mit der russischen Website „km.ru” liest sich wie das Handbuch dessen, was seitdem durch Russland umgesetzt wurde – nur mit dem Unterschied, dass Iwaschow all dieses Vorgehen als unmittelbar bevorstehende US-Handlungen beschrieb. Die russischen Generäle wussten ihren Lebensraum zu schützen, pflegten ihre Phantomschmerzen auf Kosten der Zukunft der friedlichen Russen.
Als Ergebnis wird es nun fünf neue NATO-Stützpunkte an der Grenze zu Russland geben. Das amerikanische Raketenabwehrsystem über Osteuropa wird Moskau keinesfalls mehr verhindern können. Aber die Generäle werden ohne mit der Wimper zu zucken das Geschehene als eine Bestätigung jener Szenarien darstellen, die sie als Gruselpropaganda in den vergangenen fünfzehn Jahren ausgemalt hatten. Endlich finden sie nun die Bestätigung ihrer kranken Träume von einer Panzerattacke gegen ein umzingeltes Russland.
Eine weitere einflussreiche Gruppe der verantwortlichen Lobbyisten des Krieges gegen die Ukraine sind die finanz-industriellen Staatsoligarchen. Dabei handelt es sich weder um Geschäftsleute noch um Beamte im Sinne einer aufgeklärten Gesellschaft. Es sind in sich geschlossene Biotope, daran gewöhnt, sich durch Eigentumsaneignung und Marktmonopolisierung expansiv zu entwickeln. Ihnen gibt ein Feldzug gegen die Ukraine die Ermunterung, ihren ohnehin schon kaum noch überschaubaren Vermögen neue, attraktive Errungenschaften hinzuzufügen.
Während der fetten Jahre versäumten diese Staatsoligarchen, ihre Reichtümer in Innovation und technologischen Fortschritt zu investieren. Auf den Weltmärkten sucht man vergebens nach neuen Produkten „Made in Russia” – nur Waffen und Rohstoffe in all ihren Formen waren und sind die Exportschlager. Also benötigt man noch ein paar mehr Waffenschmieden und natürlich noch ein wenig mehr Rohstoffe. In erster Linie handelt es sich dabei gegenwärtig um Gas. So überzeugte man den Präsidenten davon, dass die Krim unverzichtbar sei, um die „Südstrom”-Pipeline abzusichern und die Erdöl- und Gasreserven am Schelf zu erschließen. Interessenten für die Aneignung der ukrainischen Eisenhüttenwerke und der Betriebe des militärisch-industriellen Komplexes fanden sich genug.
Kacha Bendukidse, der die Sitten und Bräuche des neuen russischen Staatskapitalismus gut kennt, war überzeugt, dass die Oligarchen die militärische Aggression gegen die Ukraine aktiv unterstützen, wenn man ihnen einen Vorgeschmack auf großen Stücke der ukrainischen Torte gäbe, die ihnen mit der Intervention in der Ukraine in die Hände fallen würden. Im Mai 2014 erklärte Bendukidse, warum Russland ein Embargo auf die ukrainischen Waren einführen wird. Er lag vollständig richtig: „Es gibt eine große einflussreiche Lobby, die an einem Handelskrieg gegen die Ukraine interessiert ist. Es gibt Dutzende sehr einflussreiche Menschen, die den Kreml mit Vergnügen schmieren werden, um den russischen Markt für die ukrainischen Waren zu schließen. Die Metallurgen werden schmieren. Und ihnen wird Beifall geklatscht. Die Gießer werden applaudieren. Die Lebensmittelproduzenten werden laut Beifall klatschen. Die Chemiker werden jubeln. Welcher substantielle Export nach Russland bliebe der Ukraine dann noch? Die Menschen, die glücklich empfängliche Hände drücken, werden ‚ausgezeichnet‘ sagen – sie werden daran verdienen”.
Die Stimmen jener Oligarchen, die erhebliche Verluste durch die westlichen Sanktionen tragen müssen, gehen unter im Chor der Rohstoffmogule und pseudopatriotischen Geschäftemacher, die klammheimlich die westliche Konkurrenz aus Russland verdrängen. Stattdessen wird vor den Augen des Präsidenten mit dem russischen Huhn herumgefuchtelt, das selbstverständlich viel saftiger als das amerikanische ist. Sie fahren den russischen Panzer auf, der selbstverständlich viel robuster als jeder „Abrams” ist – seine Panzerung ist so dick, dass nicht einmal die Beamten durch sie hindurch finden …
Die Weigerung Frankreichs, die „Mistrals” auszuliefern – umso besser, denn diese „Mistrals” sind doch der letzte Dreck gegen das, was auf Russlands Werften zusammengezimmert wird.
Die dritte Gruppe der Verantwortlichen an der Katastrophe – das sind unsere notorischen Analytiker, die seit Jahren ungehindert und alternativlos auf ihrer propagandistischen Welle reiten.
So Michail Leontjew. Er gilt Russland als großer Philosoph. Natürlich ist er nicht ohne Talent, aber die Menge der Kakerlaken, die in seinem Kopf herumkriechen, übersteigt jede zulässige Norm. Der grelle Showman Sergei Dorenko hat zur Analytik überhaupt keinen Bezug, ist jedoch als Analytiker beständig in Fernsehen und Radio zu erleben. Sie haben ihren Herrschern nach dem Mund geredet und sie tun es noch immer, weshalb sie sich über Jahre auf dem Bildschirm gehalten haben und halten werden.
In jedem normalen Land kämpfen die Intellektuellen um ihre Meinungshoheit. Jedes Expertengutachten wird im Zweifel jemanden finden, der es widerlegt und eine Gegenposition aufbaut. In der TV-Show wird neben dem Obama-Vertreter sein eifrigster Gegner sitzen, und für jede CNN-Position wird man das Gegenteil bei Fox News finden. In Russland aber breitet sich der Riss zwischen Realität und der Interpretation der Kremlpropagandisten rasant aus. So hat Leontjew seit Jahren die Behauptung verbreitet, dass es ein Land wie die Ukraine überhaupt nicht gibt. Er verdiente sich damit seine Rente bei „Rosneft”. Die Halde seiner pseudoanalytischen Exkremente wird noch spätere Generationen beschäftigen.
Dorenko wiederum verfasste einen flammenden Aufruf zum Angriff auf die Ukraine – einschließlich des geballten Einsatzes aller Kräfte zum Vorstoß nach Kiew. Dieser Appell offenbart derart viel manische Besessenheit, dass ich schon beginnen wollte, Dorenko zu verdächtigen, dass es ihm nur darum ginge, Putin in eine Falle zu locken um sich auf diese raffinierte Art und Weise für irgendwelche früheren Kränkungen zu rächen.
Es gibt keinen Lichtblick. Ganz im Gegenteil. Seit dem Frühling 2014 hat man nach und nach die noch bestehenden, unabhängigen Informationsangebote im Internet gesperrt. Die zuvor noch halbwegs journalistisch tätigen Auslandssender wurden eiligst zu Instrumenten der Kremlpropaganda gleichgeschaltet. Im November 2014 gaben sie „Echo Moskaus” den Rest. Anschließend werden sie sich um die kleinen, noch tätigen unabhängigen Lokalmedien kümmern. Das Schweigen objektiver Analyse und sachlicher Information wird unsere Köpfe füllen – ein Schreien der Stille! Und dieser künstlich erzeugte Schlaf des Verstandes gebiert Monster.
Es wird nicht gelingen, diese Lawine der gesellschaftlichen Psychose aufzuhalten. Es sei denn, man fände noch rechtzeitig einen Ersatz für die allverschlingende Idee der Erhabenheit der russischen Welt im Kampf gegen den bösen Westen. Der kleine Rest der verbliebenen, noch nicht infizierten russischen Elite müsste dringend eine neue Idee kreieren. Eine Idee, die es Putin erlaubt, sein mühsam aufgebautes Bild des großen Vaters der Nation zu bewahren und dennoch sein Land vor der Konfrontation mit der zivilisierten Welt zu bewahren. Vielleicht wäre das große Werk, dass Putins Bild der Nachwelt retten könnte, nicht die Selbstvernichtung durch einen Krieg gegen die Ukraine und die vorgeblichen Monster des dekadenten Westen, sondern der vom Volk langersehnte und totale Krieg gegen die Korruption. Diesen Krieg im Inneren zu führen, dabei selbst auf Nawalnij und Nemzow zu verzichten – es wäre das Werk eines wirklich großen Staatsmannes.
Aber kann man einen Zug stoppen, bei dem die Bremsen versagt haben? Nein. Doch man kann den Versuch unternehmen, die Eisenbahnweichen umstellen. Auch wenn es angesichts der aufgewirbelten Zahnräder der Kriegsmaschinerie der entfesselten Furie des Neoimperialismus kaum eine Chance zu geben scheint, diesen Zug in ein sicheres Flussbett umzuleiten.
„Der Optimismus ist in jetzigen Zeiten eine ganz gewöhnliche Feigheit”, schrieb der deutsche Philosoph Oswald Spengler am Vorabend der Weltkatatstrophe. Vielleicht ist es so.

 

übersetzt von Irina Schlegel in der Bearbeitung der FoGEP

 

 

Zur Person

Pawel Scheremet (geboren 1971 in Minsk) ist ein weißrussischer Journalist und Dissident, der unter dem Diktator Lukashenko am eigenen Leib erfahren durfte, wie die Gleichschaltung in postsowjetischen Gesellschaften funktioniert. 1995 wurde das von ihm geleitete, kritische TV-Magazin „Prospekt” ersatzlos aus dem Programm gestrichen – eine Woche später sollte per Referendum über den Machtzuwachs des Präsidenten abgestimmt werden. Anschließend war Scheremet Mitherausgeber der regierungskritischen „Belarusskaya Delovaya Gazeta“ und arbeitete für die damals noch unabhängigen russischen Fernsehmedien.
Im November 1997 gehörte Scheremet zu den Sprechern der „Charta 97”, die eine Rückkehr zu Demokratie und Menschenrechten in Weißrussland einforderte. Nach einem inszenierten Zwischenfall an der Grenze zu Litauen wurde Scheremet mit seinem Kameramann zu zwei Jahren Haft verurteilt, nach Protesten des damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin jedoch gegen eine symbolische Strafe von 15 US-Dollar auf freien Fuß gesetzt.
Bis Juli 2014 arbeitete Scheremet in Moskau für „Kanal 1 Russland”. Er verließ den Sender mit der Begründung, dass Journalisten in Russland mittlerweile zum Freiwild geworden seien.

Von Tautologien und Oxymora – die Katharsis des Islam

Der Islamische Staat, jene islamische Terrororganisation, die ansetzte, weite Gebiete des Vorderen Orient brutal zu unterwerfen und dabei vor Massenmord und Versklavung nicht zurückschreckt, veranlasste die nachfolgenden, hier etwas gekürzt wiedergegebenen Überlegungen. Sie setzen sich mit den Irrungen und Wirrungen europäischer Berichterstattung ebenso auseinander wie mit dem verzweifelten, aber bislang mehr als halbherzigen Versuch moderner Muslime, sich von diesen Radikalen zu distanzieren.

Das Dilemma des Islam

Während eines selbstzerstörerischen Bürgerkriegs in Syrien und einer misslungenen Demokratisierung im Irak blickte die Welt im Sommer des Jahres 2014 mit Erstaunen auf den militärischen Erfolg einer Gruppierung, die erst mit der deutschen Abkürzung ISIS (Islamischer Staat in Syrien) – ursprünglich ISIL (Islamischer Staat in der Levante) – bekannt wurde, um ab Juni 2014 ausschließlich unter der Bezeichnung Islamischer Staat (IS) Schlagzeilen zu machen.

Der IS ist ein Phänomen, das sich dem Verständnis des mehr oder weniger gebildeten Westeuropäers weitgehend entzieht. So wird der IS im aufgeklärten Europa gern als „radikal-islamistische“ Bewegung bezeichnet, was in mehrerlei Hinsicht irreführend ist. Denn wenn der Begriff des „Islamismus“ überhaupt einen Sinn machen und als Abgrenzung zu einem vorgeblich unpolitischen Islam dienen soll, so ist diesem die Radikalität seines Anspruchs, die politische Gestaltung der Gesellschaft auf Basis wortgetreuer Auslegung des Korans vorzunehmen, immanent. Islamismus wäre folglich als das Transcriptum eines in sich selbst unpolitischen Glaubensinhalts zu einem machtpolitischen Philosophiekonzept zu verstehen – gleichsam eine Form des Marxismus des Glaubens unter der Prämisse, dass Marx die Sozialkritik des Sozialismus zu einem politischen Machtanspruch weiterentwickelt hat. Das wiederum setzte voraus, dass der zu transkribierende Text ehedem über einen machtpolitischen Inhalt nicht verfügte.

Hierbei ist grundsätzlich zu beachten, dass das Wort „radikal“ selbst nichts anderes ist als der wertfreie Bezug auf den ursprünglichen, den eigentlichen Gehalt dessen, auf das es bezogen wird. Wer radikal ist, der unternimmt den Versuch, den ursprünglichen Inhalt dessen zu erkennen, was über die Jahre hinweg durch gesellschaftliche Entwicklungen oder nachgeschobene Interpretation verloren gegangen ist. Der radikale Moslem ist insofern erst einmal nichts anderes als ein Anhänger des Islam, der diesen so leben möchte, wie er zur Zeit seiner Gründung gelebt wurde.

Moslem oder Mohammedaner

Für einen radikalen Moslem dürfen insofern ausschließlich jene Aussagen von Relevanz sein, die sein Prophet vorgeblich mittelbar-unmittelbar über einen Engel, der in seinem semitischen Wortursprung nichts anderes ist als ein herrschaftlicher Bote (die grundsätzliche Frage, weshalb ein monotheistischer Gott sich eines Boten bedient und nicht selbst und unmittelbar aktiv wird, soll an dieser Stelle ausgeklammert bleiben), wiedergegeben hat. Dieses gilt jenseits der islamtheologischen Annahme, dass Mohammed selbst die Texte des Koran nicht schriftlich niedergelegt hat und wir insofern vor der Problematik stehen, nicht wissen zu können, welche der im Koran zu einem späteren Zeitpunkt niedergelegten Zeilen tatsächlich Gotteswort und welche gotteswortwidrige Autorenpositionen sind. Tatsächlich unterscheidet sich der Koran insofern nicht von den christlichen Evangelien, die nicht vorgeben, wortgetreues Gotteswort zu sein, sondern lediglich den Lebensweg der Person Jesus beschreiben und dabei dessen Worte und in Ausnahmefällen via Engel göttliche Inspiration wiedergeben.

Wenn gleichwohl im Sinne eines Glaubenssatzes davon ausgegangen wird, dass der Koran eine originäre, göttliche Botschaft vermittelt, so bleibt dennoch die Frage des Bezugssystems, das dem radikalen Moslem als Fundament dient.

Hier ergeben sich zwei unterschiedliche Betrachtungsmöglichkeiten.

  1. Ist der Koran das eigentliche, unverfälschte Wort Gottes und Mohammed lediglich der Prophet, der das ihm über einen Engel eingegebene Wort Gottes unverfälscht wiedergegeben hat , so wäre dieser Koran die ausschließliche Quelle der Radikalität seines Glauben.
  2. Geht der Gläubige davon aus, dass Mohammed nach seiner göttlichen Inspiration ausschließlich als Instrument seines Gottes tätig war – also eine eigenbestimmte Verfügungsgewalt über seine Existenz, sein Tun und Handeln nicht mehr hatte – so wären neben den göttlichen Worten des Koran auch die Handlungen und Aussagen des Mohammed Quelle der Radikalität des Glaubens.

Einen radikalen Moslem dürfen selbst die Hadithe, jene Überlieferungen aus dem Leben seines Propheten, kaum beeindrucken, da sie quasi nichts anderes als eine Nachbetrachtung auf das Leben einer menschlichen Person darstellen. Ein Hadith ist kein Gotteswort. Das Hadith ist bereits eine Interpretation. Wer als Moslem wiederum diese Interpretation des Hadith zum absoluten und unanfechtbaren Axiom seines Glaubensbildes stilisiert, der ersetzt den Gott des Mohammed durch Mohammed selbst oder stellt Mohammed zumindest auf eine Ebene mit Allah und wird so zwangsläufig entweder zum Götzenanbeter oder zum Polytheisten.

Hier stellt sich die Frage, ob nicht auf Basis von Sure 49, Vers 14 und 15 der koranische Islam selbst genau diese Verfremdung eines monotheistischen Gottesbildes zu polytheistischen Götzenanbetung wenn nicht einfordert, so zumindest befördert. Bezugnehmend auf einen Stamm, der nach Auffassung des/der Koran-Autoren den Islam nur zum Schein angenommen haben, werden hier „mumjm“ als jene Rechtschaffenden bezeichnet, die sich vorbehaltlos zu „Gott und seinem Gesandten“ bekennen und keine Zweifel an diesen hegen sowie mit ihrem Vermögen und ihrem Leben vorbehaltlos auf oder für Gottes Wege(n) kämpfen.

Wird die Formel von Gott und seinem Gesandten bezogen auf Allah und den dessen Worte übermittelnden Engel, so erhält letzterer durch diesen Koranvers eine eigenständige Funktion, aus der der Anspruch erwächst, seine Worte als gleichwertig denen des eigentlichen Gottes zu erkennen. Hier stellte sich damit die Frage der Trennung von eigentlichem Gotteswort und Gesandtenwort ebenso wie die nach der damit verbundenen göttlichen Funktion des Gesandten, die sich dadurch ergibt, dass das Bekenntnis zu diesem auf die gleiche Ebene wie das Bekenntnis zu Gott selbst gestellt wird. Das Bekenntnis zu Allah und zu diesem Gesandten wird laut Sure 49.14/15 gleichrangig.

Noch problematischer wird diese Sure, wenn der Gesandte nicht als jener Bote zu verstehen ist, der in göttlichem Auftrag das originäre Wort Gottes verbreitet, sondern der „Gesandte“ in Form einer messianischen Gestalt auf den „Propheten“ bezogen wird – also der hier erwähnte „Gesandte“ der Mensch Mohammed ist. In diesem Falle wird nicht nur ein Bote Gottes auf die gleiche Ebene mit Gott selbst gestellt, sondern ein menschliches Wesen auf die Ebene Gottes gehoben. Anders als das Christentum, das hierzu nach langer, theologischer Debatte zu dem Ergebnis gekommen ist, seinen „Propheten“ Jesus als Sohn Gottes zum Messias (Gesalbter) zu verklären und Jesus damit im Sinne der Dreifaltigkeit eine göttliche, nicht aber gottesgleiche im Sinne mehrerer Gotteswesen, Hypostase zuzuschreiben, wäre Sure 49 bei der Bezugnahme auf Mohammed als jenem hier angesprochenen „Gesandten“ tatsächlich die Aufforderung zur Götzenanbetung: Neben das Bekenntnis zu einem allmächtigen Gott wird dann das Bekenntnis zu einem Menschen, der als Gesandter Gottes verklärt wird, als höchste Stufe des Glaubensbekenntnis definiert. Tatsächlich erfolgt mit der Floskel des rasul allah tatsächlich diese Verklärung des Menschen Mohammed zu eben jenem Gesandten Gottes, der als Bekenntnisziel zwingend für den wahrhaft Gläubigen wird.

Sure 4914 | Die Wüstenaraber sagen: „Wir glauben.“ Sag: Ihr glaubt nicht (wirklich), sondern sagt: ,Wir sind Muslime geworden‘, denn der Glaube ist noch nicht in eure Herzen eingezogen. Wenn ihr aber Allah und Seinem Gesandten gehorcht, verringert Er euch nichts von euren Werken. Gewiß, Allah ist Allvergebend und Barmherzig.

Sure 4915 | Die (wahren) Gläubigen sind ja diejenigen, die an Allah und Seinen Gesandten glauben und hierauf nicht zweifeln und sich mit ihrem Besitz und mit ihrer eigenen Person auf Allahs Weg abmühen. Das sind die Wahrhaftigen.

Wäre man bösartig, so könnte man bereits den pluralis majestatis des vorangegangenen Verses 13 als Schritt zu diesem göttlichen Zweigestirn aus Allah und Mohammed als Anbetungsziel betrachten – wobei diese Formulierung mit den entsprechenden Darlegungen des Tanach korrespondiert, in dem die Schöpfung den Allmächtigen als Götterkollektiv zugeschrieben wird.: „

Sure 4913 | O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Gewiß, der Geehrteste von euch bei Allah ist der Gottesfürchtigste von euch. Gewiß, Allah ist Allwissend und Allkundig.

Einer Person, die ihr Glaubensbild maßgeblich und ausschließlich aus dem Konglomerat von Koran und Hadithe schöpft, werden wir mit dem aus dem Sprachgebrauch weitgehend entschwundenen Begriff des Mohammedaners am ehesten gerecht. Der Mohammedaner ist jemand, der seine Glaubenswelt aus der Verbindung des via Mohammed überlieferten, vorgeblichen Gotteswortes mit den auf Mohammeds Handeln beruhenden Interpretationen bezieht. Da dem so ist, wird nachvollziehbar, weshalb Moslems den Begriff des Mohammedaners ablehnen: Er definiert tatsächlich einen Götzenanbeter, dem das Wort des Propheten zumindest gleichrangig neben dem seines Gottes steht – und der damit den Anspruch der Sure 49 in besonderem Maße erfüllt.

Übrigens wird hier nachvollziehbar und deutlich, weshalb die islamische Bezeichnung des méséjéchéj oder néßéránéj für den Christen per se eine Diskriminierung ist: Der méséjéchéj beschreibt jemanden, der einen Messias, der néßéránéj jemanden, der einen Nazarener anbetet. Beiden wird damit unterstellt, neben und vor Gott eine Person anzubeten, die wiederum nach den Worten des Koran zwar prophetischen, nicht aber göttlichen Charakter hat. Wie ein méchémédéj als „Mohammedaner“ sind méséjéchéj als „Messianer“ und néßéránéj als „Nazarener“ letztlich als Götzenanbeter zu verstehen.

Der Islamismus

Die Wortschöpfung mit dem Suffix ~ismus, dessen Vertreter als ~ist bezeichnet wird, erfolgt in den Sozialwissenschaften immer dann, wenn ein in der Regel abstrakt-philosophischer Inhalt zu einem in sich geschlossenen Denkmodell – beispielsweise einer Denkschule, einem kollektiven Glaubensinhalt oder auch einer politischen Bewegung – entwickelt wird. Ein erfolgreicher ~ismus verfügt über eine Anhängerschaft, die die Ziele dieses ~ismus zu ihren eigenen macht und sich selbst das Ziel setzt, den Zielen ihres ~ismus Geltung zu verschaffen. Anhänger von ~ismen handeln in einer durch den Wortstamm des Derivats definierten Art und Weise, womit sie wiederum dem griechischen Ursprung des Suffixes gerecht werden.

Wenn wir nunmehr den Begriff des Islamismus betrachten, so wäre darunter das Handeln einer Gruppe von Menschen zu verstehen, die als Grundlage dieses ihres Handelns den Islam zu Grunde legen. Der Islam wiederum ist mehr als nur der Koran. Er ist das Ergebnis einer nunmehr gut 1.400 Jahre währenden menschlich-philosophischen Beschäftigung mit den Inhalten des Koran und jenen darauf basierenden Interpretationen und Ableitungen.

Wenn wir nun den radikalen Moslem als denjenigen betrachten, der sein Weltbild ausschließlich aus den Worten des Koran bezieht, wäre der Islamist derjenige, dessen Weltbild als Ergebnis eines fast eineinhalb Jahrtausende währenden Prozesses verstanden werden muss.

Das radikal-islamistische Oxymoron

Unterstellt, es sei so, dann wäre radikal-islamistisch in der Übersetzung ein sich auf seine inhaltlichen Wurzeln beziehendes Transcriptum eines unpolitischen Philosophiewerkes zum Zwecke des Erreichens politischer Ziele. Das jedoch wäre ein Oxymoron, weil in diesem Falle die Wurzel im Sinne des Ursprungs des Transcriptums zwangsläufig bereits über den politischen Inhalt hätte verfügen müssen – womit das Transcriptum selbst überflüssig würde.

Die radikal-islamistische Tautologie

Unterstellt hingegen, der zu transkribierende Inhalt sei per se politisch, dann bedarf es des Begriffes Islamismus nicht, weil dieser nichts anderes wäre als der Islam selbst. Es sei denn, mit Islamismus solle eine radikale Interpretation eines an sich bereits politischen Islam beschrieben werden. In diesem Falle wäre radikal-islamistisch nichts anderes als ein weißer Schimmel – eine Tautologie.

Wie immer wir es folglich drehen und wenden – die begriffliche Verwendung eines „radikalen Islamismus“ ist unsinnig und weckt den Verdacht, dass sie nicht aus bloßer Unkenntnis erfolgt, sondern ein Ziel verfolgt.

Festzuhalten bleibt: Islamistisch ist nichts anderes als radikal-islamisch und radikal-islamistisch ist eine Tautologie. Die Verwendung der Floskel von einem radikalen Islamismus vernebelt darüber hinaus die dem Phänomen zuzuordnenden Tatsachen in weiterer Hinsicht. Sie gibt vor, einen Islamismus zu kennen, der, da er radikal sein kann, auf seinen eigenen Wurzeln jenseits des Islam beruht. Gleichzeitig jedoch impliziert die Floskel vom radikalen Islamismus, dass es einen Islamismus gäbe, der sich von diesen Wurzeln entfernt habe. Somit hätten wir es beim Islamismus mit einem Phänomen zu tun, das sich im Laufe seiner Existenz über mehrere Ebenen hinweg entwickelt habe: Ausgehend von seinem Ursprung, der durch die Radikalität bezeichnet wird, hin zu einer daraus entstandenen Entwicklungsstufe, die diesem Ursprung entsagt habe und die nun wiederum von Teilen ihrer Anhängerschaft auf eben diese radikalen Ursprünge zurück geführt würde.

Kriterien des Islamismus

Daraus folgt zwangsläufig die Frage, welches denn nun der radikale Ursprung des Islamismus gewesen sei und wie er sich von seinem Namensgeber, dem Islam, unterscheide. Hier jedoch muss die Islamwissenschaft versagen.

Armin Pfahl-Traugber unternahm 2011 den Versuch, dem Islamismus eigene Merkmale zuzuweisen.

Im Einzelnen definiert er die folgenden sechs Kriterien:

  1. Absolutsetzung des Islam als Lebens- und Staatsordnung.
  2. Gottes- statt Volkssouveränität als Legitimationsbasis.
  3. Ganzheitliche Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft.
  4. Homogene und identitäre Sozialordnung im Sinne des Islam.
  5. Frontstellung gegen den demokratischen Verfassungsstaat.
  6. Fanatismus und Gewaltbereitschaft als Potentiale.

Offenbar von der Erkenntnisdichte seiner eigenen Überlegungen überrollt, differenziert Pfahl-Traugber als Fazit seiner Überlegungen seinen ursprünglichen Ansatz im Sinne einer Entschärfung.

Die Kriterien des Islamismus lesen sich nun wie folgt:

  1. Die Absolutsetzung des Islam als Lebens- und Staatsordnung.
  2. Der Vorrang der Gottes- vor der Volkssouveränität als Legitimationsbasis.
  3. Die angestrebte vollkommene Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft.
  4. Die Forderung nach einer homogenen und identitären Sozialordnung im Namen des Islam und
  5. die Frontstellung gegen die Normen und Regeln des modernen demokratischen Verfassungsstaates.

Dazu sei festgestellt:

  • Es ist ein Unterschied, ob ich von einem Vorrang spreche oder die Gottessouveränität an die Stelle der Volkssouveränität setze.
  • Es ist ein Unterschied, ob ich eine vollkommene Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft nur anstrebe oder diese voraussetze.
  • Es ist ein Unterschied, ob ich die Forderung nach einer homogenen und identitären Sozialordnung im Sinne des Islam erhebe oder diese für unverzichtbar erkläre.
  • Es ist ein Unterschied, ob ich mich in Frontstellung gegen „die Normen und Regeln des modernen demokratischen Verfassungsstaates“ befinde, oder mich in Frontstellung gegen diesen selbst befinde.
  • Es ist ein Unterschied, ob ich Fanatismus und Gewaltbereitschaft als Potentiale feststelle oder diesen Aspekt gänzlich aus meinem Denken verdamme.

Pfahl-Traugber folgt einem im Kern richtigen Ansatz – wenngleich mit einem Abstrich, auf den noch einzugehen sein wird – und modifiziert ihn unter dem Aspekt der political correctness dahingehend, dass der Eindruck erweckt wird, Aspekte wie Gottes- statt Volkssouveränität oder eine homogene und identitäre Sozialordnung nach den Maßgaben des Islam seien verhandelbar. Tatsache jedoch bleibt: Wenn der Begriff Islamismus überhaupt einen Sinn machen soll, dann deshalb, weil diese Aspekte eben nicht verhandelbar sind. Es geht nicht um Forderungen, mit denen der demokratisch geschulte Westeuropäer immer die Vorstellung verbindet, dass sie im Sinne politischer Kompromisslösungsprozesse diversifizierbar sind. Es geht auch nicht um einen Vorrang, der immer noch die scheinbare Hintertür offen lässt, dass in einem demokratischen Spiel der Kräfte eine Art des gleichberechtigten Interessenausgleichs möglich sei.

Nein, wenn der Begriff Islamismus überhaupt eine Existenzberechtigung hat, dann die, dass seine Inhalte nicht verhandelbar sind. Es kann keinen Mittelweg zwischen Gottessouveränität und Volkssouveränität geben, weil bereits das minimalste Jota Volkssouveränität eine Einschränkung der Gottessouveränität ist. Es geht dem Islamismus auch nicht um Forderungen, die implizieren, dass ein Mehr an dem Geforderten zu irgendeinem Zeitpunkt ausreichen kann, um eine Forderungssättigung zu erreichen. Die Aspekte des Islamismus sind vielmehr deterministisch. Und sie sind daher nicht verhandelbar und nicht kompromissfähig.

Warum aber schwenkt Pfahl-Traugber von seiner im Ansatz richtigen Erkenntnis unerwartet um zu einer scheinbar kompromissmöglichen Definition im Sinne politisch-demokratischen Interessensausgleichs? Tatsächlich kann es nur eine Erklärung geben, die da lautet: Wer den Islamismus als das erkennt, was er ist, der muss verstehen, dass er nicht verhandlungsfähig im Sinne demokratischer Politiktheorie ist. Es kann mit dem Islamismus keinen Kompromiss geben. Und da es keinen Kompromiss geben kann, hat das mit dem Islamismus konfrontierte Individuum ebenso wie der mit dem Islamismus konfrontierte Staat nur zwei Möglichkeiten: Er kann sich dem Islamismus unterwerfen oder er muss ihn vernichten, weil dieser andernfalls ihn eines Tages vernichten wird. Diese Erkenntnis schreckt und sie passt nicht einmal ansatzweise in die Kantsche Vorstellung, wonach den Menschen auf Grund der ihnen eigenen Vernunft die Möglichkeit des Kompromisses quasi innewohnt.

Ob bewusst oder unbewusst – Pfahl-Traugber hat in seiner Darlegung nicht nur den kompromissunfähigen Charakter des Islamismus verfälscht, er umgeht auch die eigentliche Kernfrage der Differenzierung zwischen Islamismus und Islam. Diese jedoch ist der Schlüssel zum Umgang mit den bezeichneten Phänomenen.

Der Säkularismus des Christentums

Die Wurzel eines jeden Islamismus – vorausgesetzt wir wollen uns dazu verstehen, diesen Begriff als Definition eines politischen Islam zu nutzen – ist notwendig der Islam selbst. Ohne den Islam kann es keinen Islamismus geben, da dessen Vertreter sich uneingeschränkt und in jeder Hinsicht auf den Islam als Inhalt ihrer Position berufen. Nun könnte dennoch eine Rechtfertigung des Begriffes bestehen, wenn – wie dargelegt – der Islamismus eine politische Interpretation oder Verfremdung eines an sich unpolitischen Glaubenskonzepts mit der Bezeichnung Islam wäre – vergleichbar einem christlichen Klerikalismus, der in einer politisch motivierten Vermengung von jüdischem Tanach und Evangelium einen monopolistischen Gesellschafts- und Staatsdogmatismus schuf, der in fundamentalistischen Kreisen des Christentums bis heute zelebriert wird und der dennoch explizit dem unmissverständlichen Trennungsgebots Jesu zwischen staatlicher Institution und Religion zuwider läuft.

Erst Flavius Valerius Constantinus, genannt Konstantin, legte den Grundstein dafür, dass der christliche Klerus im Namen Jesu den Anspruch weltlicher Machtausübung erheben konnte. Mit der Lehre Jesu selbst hatte dieses nur noch entfernt etwas zu tun – und so entschädigte Rom den Nazarener damit, dass es ihn auf dem Konzil von Nicäa 325 nc dogmatisch zum Teil einer göttlichen Trinität machte, was wiederum den Widerstand von Teilen der Anhängerschaft organisierte, der im siebten Jahrhundert ein Ventil in der Gründung des Islam finden sollte.

Gleichwohl ist der Säkularismus in der Philosophie des Jesu eines der Kernelemente, weshalb sich kein Christ darob zu grämen hat, wenn er in einem säkularen Staat lebt, in dem das christliche Gebot nicht Staatsdoktrin ist, sondern ohne staatliche Restriktion einfach nur gelebt werden darf.

Gilt dieses nun aber auch für den Nachfolger Islam, wie die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus zu implizieren scheint – und liegt vielleicht genau darin der eigentliche Unterschied zwischen Islam und Islamismus? Blicken wir erneut auf jenes Phänomen, das seit dem siebten christlichen Jahrhundert zwar nicht zu Europa, gleichwohl zur menschlichen Kultur gehört.

Islamismus und Islam

In eine Weltsituation, die einerseits vom Konflikt der beiden Großmächte Byzanz und dem der persischen Sassaniden und andererseits immer noch von dem innerchristlichen Konflikt um die göttliche Natur Jesu geprägt ist, kommt mit Mohammed ein Mann, der sowohl über jüdische wie christliche Inhalte umfassend informiert ist. Aus persönlicher Demütigung heraus entwirft er ein Konzept, das ihm Dienliches aus den beiden existierenden abrahamitischen Religionen teilweise interpretationsidentisch übernimmt, teilweise – wie bei der Frage nach der Natur Jesu – mit früheren, nicht-amtskirchlichen Positionen vermengt und neu interpretiert. Weitere Anleihen kommen aus der ebenfalls monotheistisch ausgerichteten Religion Persiens, dem Zoroastrismus der Sassaniden. Insbesondere die im Islam ausgeprägten Vorstellungen von Himmel und Hölle sind deutlich näher an den Bildern der Zoroastren orientiert als an den Formulierungen der Bibel.

Dieses Konglomerat der zeitgenössischen Monotheismen wird vermengt mit arabischen Stammestraditionen und animistischen Stammeskulten – und es orientiert sich an der klerikalen Wirklichkeit Ostroms, indem es die ursprünglich säkulare Position des Jesus ebenso verwirft und stattdessen die an der realen Wirklichkeit orientierte Glaubensphilosophie zum alleingültigen Staatskonzept erklärt. Der politische Islam als Anspruch all dessen, was Pfahl-Traugber als die fünf Säulen des Islamismus definiert hat, ist im Koran und den Hadithen explizit angelegt. Der Koran ist daher erst einmal nichts anderes als ein mystisch gefärbtes Handbuch zur Durchsetzung eines politischen Machtanspruchs. Das wiederum verbindet ihn mit dem Tanach.

So bedarf es letztlich entweder der frühchristlichen Verblendung der im eigenen Religionsbewusstsein angelegten Trennung zwischen Staat und Religion oder aber der Kenntnislosigkeit eines Unbedarften, um die Imagination einer Trennung zwischen Islam und Islamismus konstruieren zu wollen.

So, wie für die hasmonäische Priesterschaft ein jüdischer Staat nur ein glaubenstotalitärer Staat unter der Führung der jüdischen Priesterschaft sein konnte, ist der islamische Staat die glaubenstotalitäre Umsetzung des Koran.

So, wie der radikale Islamismus eine Tautologie ist, ist ein liberaler Islam ein Oxymoron.

Wenn, wie Tilman Nagel 2005 zutreffend darlegt, der Islam “von Hause aus” fundamentalistisch ist, dann gibt es keinen Islamismus und die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus ist – wie es Nagel formuliert – “ohne Erkenntniswert”. Das aber ist es nicht allein: Es ist auch bewusste Irreführung.

Islam als Frieden

Islam, so wird von seinen Anhängern gern dargelegt, stehe für „Frieden“. Das kann so sein – muss es aber nicht. Denn der frühsemitische Wortstamm des S-L-M (Sin-Lam-Mim), ein Sélém, ist eng verwandt mit dem Shélém (Shin-Lam-Mim). Dieses steht ursprünglich für Tor – und es macht durchaus Sinn, dass beide Wörter nicht nur semantisch eng verwandt sind. Denn Frieden gab es nur dort, wo ein Tor den Unfrieden im wahrsten Sinne des Wortes ausschloss. Und nicht nur das: Beide Wörter sind eng verwandt mit dem Sélah, welches als hebräisch-aramäisches für Heil und Wohl und als arabisches für Waffe steht. Etymologisch macht das Sinn, denn in der harten Welt der Semiten konnte das Wohl nur durch die Waffe gewährleistet werden und den Schutz des Friedens gab es nur hinter gesicherten Toren.

Der Begriff Islam umfasst all das – und es ist weit entfernt von der idealistischen Friedensvorstellung des aufgeklärten Europäers allein schon deshalb, weil für jenen der Friede nach 1945 trotz Kalten Krieges zum Normalzustand wurde und der Krieg die um jeden Preis zu vermeidende Ausnahme sein muss, während für den Semiten des siebten Jahrhunderts der Krieg als ständiger Kampf gegen Umwelt und Feinde der Normalzustand war und der bewaffnete Schutz hinter den Toren die Ausnahme blieb.

Der Koran ist unmissverständlich: Die Umma als islamische Gemeinschaft organisiert sich nach den Regeln dieses Buches und den islamischen Auslegungen. Moslem ist jeder, der sich diesen Regeln vorbehaltlos unterwirft. Er wird zu einem Teil der Umma und genießt in diesem Kollektiv den Schutz, den zu gewährleisten sie als ihren Teil des Vertrages eingebracht hat. Die Vorstellung eines selbstbestimmten Lebens jenseits der Vertragsklauseln des Islam bleibt irreal, ist jenseits der Vorstellungswelt des Konzepts.

Dennoch bleiben zumindest zur Zeit des Mohammed immer noch jene, die diesen faustischen Vertrag nicht geschlossen haben.

Der islamische Schutzvertrag

Wenn dem nicht-muslimischen Europäer erklärt wird, dass Islam für Frieden stehe, erfährt er daher nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich steht der Begriff für den Schutz, der aus islamischer Sicht allein in der Lage ist, einen Frieden zu gewährleisten. Schutz wiederum ist etwas, das man sich von einem Dritten besorgen kann, wenn man selbst außerstande ist, seinen Schutz zu organisieren. Es gehört bis heute zur Lebenswirklichkeit, dass dem Menschen dieser Schutz durch Dritte nur sehr selten ohne Gegenleistung geboten wird.

Der Schutz des Islam erwartet folgerichtig eine Gegenleistung. Es ist dieses das Faustische Prinzip, das den Menschen vor die Wahl stellt, frei aber schutzlos oder unfrei aber beschützt zu sein.

Wer sich unter den Schutz des Islam stellt, sich zum Islam bekehrt oder bekehrt wird, zahlt dafür mit seiner Individualität. Er unterwirft sich uneingeschränkt und in jeder Hinsicht den Bedingungen, die der Islam vorgeblich im Namen seines Gottes diktiert. So ist es denn auch nachvollziehbar, das Apostasie, also der Abfall vom Islamischen Glauben, in den Hadithen und der islamischen Rechtsinterpretation mit der Todesstrafe belegt ist. Der Abfall vom Islam ist eine einseitige Vertragskündigung. Sie besagt: Ich verlange Deinen Schutz nicht mehr.

Auf den ersten Blick mag wenig nachvollziehbar sein, weshalb eine derartige Vertragskündigung mit dem Tode bestraft wird. Doch es ist letztlich die einzig konsequente Folge der Abtrünnigkeit. Denn der islamische Schutzvertrag ist nicht nur ein Vertrag ohne Widerrufsrecht. Er stellt zwar das Individuum vor die einmalige Wahl, entweder auf den Schutz zu verzichten oder sich ihm bis über die irdische Existenz hinaus bedingungslos zu unterwerfen. Anders als im Judentum und mehr noch als im Christentum gibt es für den Moslem kein Entrinnen. Der Jude kann seinem Glauben entsagen. Der Christ kann es ebenso. Sie werden aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen, aber es steht ihnen frei, ihren künftigen Lebensweg individuell zu gehen. Eine göttliche Strafe erwartet sie aus der Sicht der Verbliebenen erst nach ihrem Ableben.

Der Moslem hat diese Möglichkeit nicht. Will er seiner Religion entsagen, so führt dieser Weg ausschließlich über den eigenen Tod. Denn der Vertrag ist nicht nur einer auf der Ebene des Glaubens – es ist eine politische Seelenverschreibung. Wer den Islamischen Vertrag kündigt, wird zum Verräter an der politischen Idee des einzigen Gottesstaates. Und so ist jeder Moslem letztlich ein Dr. Faustus, welcher in seinem Bedürfnis nach Erkenntnis statt Schutz seine Seele für die Ewigkeit einem Teufel verschreibt, während der Moslem seine Seele für den Schutz der Umma gibt. Anders zumindest kann in der Sprache des Glaubens dieser Vertrag nicht interpretiert werden.

Aber – kann es ein ehrlicher Gott wollen, dass sein Geschöpf seine Seele nicht nur verpfändet, sondern sie auf ewig verkauft? Die daraus für einen säkularen Staat zu ziehenden Konsequenzen sollten auf der Hand liegen: Niemand darf gezwungen werden, sich einer derartigen Religionsgemeinschaft anzuschließen, so lange der Austritt aus derselben auch nur theoretisch mit dem Tode bedroht ist. Das gilt auch, wenn diese Todesdrohung mangels Möglichkeit der Umsetzung nicht exekutiert wird – so lange sie im Raum steht, macht sich der säkulare Staat mitschuldig an dem unvermeidbaren Faustpfand des Unmündigen.

Egon Flaig hat darauf hingewiesen, dass ohne das Prinzip der Sklaverei die Dynamik der Ausbreitung des Islam niemals in der zu konstatierenden Form hätte stattfinden können. Er hat recht – und er hat dennoch den letztnotwendigen Gedankenschritt dahin, den Islam selbst als ein Konzept der zwangsläufigen Sklaverei des Individuums zu betrachten, zumindest nicht explizit ausgesprochen. In der Konsequenz dieser Logik eines unkündbaren Vertrages liegt damit auch die unvermeidbare Konsequenz, den Islam als autoritäres Politikkonzept des siebten Jahrhunderts begreifen zu müssen.

Als Mohammed sein Konzept eines kollektiven Gemeinwesens von Glaubenssklaven entwickelte, standen die von Pfahl-Traugber definierten fünf Säulen des Islamismus bereits fest. Dabei musste der arabische Kaufmann diese nicht einmal selbst erdenken, denn sie basierten auf dem, was der politisch geprägte, römisch-byzantinische Klerus aus der Verknüpfung von Tanach und Evangelien für den christlichen Staat entwickelt hatte: Eine absolut gesetzte, homogene und identitäre Lebens- und Staatsordnung auf der Legitimationsbasis eines unanfechtbaren Gotteswillens. Der christliche Absolutismus der Spätantike und des Mittelalters unterscheidet sich in der politikwissenschaftlichen Analyse in nichts von dem des Islam. Deshalb gibt es keinen Christianismus, obgleich dieser als politische Interpretation des staatsorganisatorisch irrelevanten Jesusworts eine derartige Bezeichnung rechtfertigen würde. Und deshalb kann es keinen Islamismus geben, weil der Islam selbst genau das ist, was mit Islamismus scheinbar beschrieben wird.

 Warum dennoch Islamismus?

Die Beharrlichkeit, mit der gleichwohl insbesondere die europäischen Medien an dem weißen Schimmel des radikalen Islamismus festhalten, ist nicht nur ein Eingeständnis der jeweiligen Autoren, dieses ihnen unerklärliche Phänomen des Islam nicht verstanden zu haben – es ist gleichzeitig auch der untaugliche Versuch, den Islam als vorgebliches Religionskonzept aus der Verantwortung für das Handeln jener Terroristen in seinem Namen herauszunehmen.

Dieses allerdings entspricht in seiner Logik dem niemals erfolgten Versuch, den im Tanach beschriebenen Vertreibungsmord an den Kanaanitern als „judaistisch“ oder die Unterwerfung der amerikanischen Ureinwohner durch spanisch-katholische Missionierung als „christianistisch“ von ihrem religiösen Ursprung zu entfernen.

Mehr noch als ein „Christianismus“, den weder Wissenschaft noch Umgangssprache kennen, ist ein Islamismus nichts anderes als die konsequente Umsetzung der Schriften Mohammeds und der Hadithen. Denn anders als zumindest die christlichen Evangelien erhebt der Islam den uneingeschränkten Anspruch, sich nicht auf das Geistesleben seiner Anhänger zu beschränken, sondern die Politik der von seinen Anhängern besiedelten Landstriche zu bestimmen. In der Logik des Koran ist ein unpolitischer Islam genau dieses nicht mehr: Ein Islam. Was jedoch nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass es einen säkularen Islam niemals geben kann. Denn wenn dieses so wäre, dann gäbe es auch kein säkulares Judentum. Im Sinne des Radikalen allerdings ist die säkulare Überwindung des Gottesstaatsanspruchs tatsächlich nicht möglich – was der Auffassung orthodoxer Juden und christlicher Alttestamentarier entspricht, die dadurch wiederum letztlich in ihrem Staatsverständnis keine Unterscheidung zum „Islamisten“ aufweisen.

 Aufklärung versus Fundamentalismus

Modernes, säkulares Juden- wie Christentum sind unvorstellbar ohne die Errungenschaften der abendländischen Aufklärung – wobei sich diese bei genauerem Hinsehen auf jene ursprünglich christlich-katholischen Länder im Westen des Kontinents beschränkt, in denen seit eh auch Juden ihren mal mehr, mal weniger geduldeten Platz hatten. Die Reformation, die eine Konsequenz einer Verwissenschaftlichung des Denkens ist, war niemals eine gesamtchristliche Angelegenheit. Sie beschränkte sich auf den Katholizismus und definierte sich maßgeblich in ihrem Selbstverständnis eines Antipapismus.

Konsequenzen, die sich aus dieser Beschränktheit ergeben, habe ich in der Publikation „Ein slawisches Requiem“ hinsichtlich der christlichen Orthodoxie dargelegt. Protestantismus ist eben kein Anti-Metropolitismus und die orthodoxen ebenso wie die ursprünglichen, christlichen Ostkirchen haben sich mit der Problematik eines aus dem eigenen Bestand heraus entstehenden Reformatismus niemals beschäftigen müssen. Gleiches gilt für Judentum und Islam, wobei die ashkenasischen Juden durch ihre Integration in die westeuropäische Gesellschaft selbst nicht nur Kinder der christlichen Aufklärung sind, sondern maßgeblich zu dieser beigetragen haben.

Der deutsche Jude – oder besser: der jüdische Deutsche Heinz Berggruen formulierte dieses am 17. Juni 1999 anlässlich seiner Dankesrede zur Verleihung des Nationalpreises mit den folgenden Worten:

 „„Ich verleugne in keiner Weise meine jüdische Herkunft, aber ich bekenne mich zu Deutschland. Ich bekenne mich nicht zu dem Deutschland, in dem die Hauptwerte und Hauptworte Volksgemeinschaft, Volkszugehörigkeit und Volkstum heißen (…) Ich bekenne mich zum Deutschland der Aufklärung und des Liberalismus, zu einem Deutschland, das in einer europäischen, von Toleranz getragenen Gemeinschaft verankert ist.“

Das “Deutschland der Aufklärung und des Liberalismus” ist selbstverständlich kein Staatswesen, das nach den mosaischen Gesetzen organisiert ist. Ist der jüdische Deutsche Berggruen angesichts seines Bekenntnisses nun kein Glaubensjude mehr? Aus Sicht eines radikalen, orthodoxen Juden wäre er zumindest ein verlorener Sohn, wenn nicht jemand, der sich vom “wahren” Weg seines Gottes entfernt hat.

Nicht anders stellt sich die Situation beim Blick auf den Islam und seine radikalen Anhänger dar. Ist ein Moslem noch Moslem, wenn er nicht die rituellen Gebete befolgt, sich nicht dem Fasten im Ramadan aussetzt? Er bleibt dennoch für den Radikalen ein Moslem. So lange er dem Islam nicht abgeschworen hat und zum todwürdigen Murtadh wird, hat er sich jedoch der Religionsauslegung der Radikalen bedingungslos zu unterwerfen. Und umgekehrt? Aus zahlreichen Diskussionen mit Muslimen bringe ich die Erfahrung mit, dass weltliche Anhänger des Koran den radikalen Vertretern deren Religionszugehörigkeit absprechen möchten. Insbesondere Anhänger der Schia betrachten Anhänger des sa’udi-arabischen Wahabismus und des daraus abgeleiteten Salafismus als Ungläubige, die den Namen Allahs missbrauchen. Eine besondere Rolle nehmen darüber hinaus jene Mystiker ein, die als Sufi mit dem “Römer” alal a’din Mohammed a´Rumi (“Römer” als Bezug auf seine oströmisch-kleinasiatische Wahlheimat) einen ihrer eindrucksvollsten Dichter fanden.

Dennoch führt kein Weg an der Feststellung vorbei, dass gerade der Wahabit oder Salafist in seiner wortgetreuen Auslegung seiner heiligen Schrift näher ist an dem vorgeblichen Willen seines Gottes, der sich einst dem arabischen Kaufmann Mohammed geoffenbart worden sein soll. Nicht umsonst bezeichnet sich die in Syrien und dem Irak militärisch agierende Gruppe als “Islamischer Staat” und bezieht sich auf das islamische Kalifat als vorgeblich einzig zulässige Staatsform. Der IS agiert in ihrem Umgang mit allen Nicht-Sunniten auf Basis des oben beschriebenen islamischen Verständnisses und betrachtet darüber hinaus offenbar auch die Anhänger der anderen, großen islamischen Glaubensgemeinschaft der Schia als Ungläubigeweil vom wahren Glauben abgefallene, obgleich die traditionelle Aufteilung der Welt in ein Dar al Islam und ein Dar al Charb die Schiiten tatsächlich in den Bereich des Dar al Islam einbezieht. Die Gruppe “Islamischer Staat” ist insofern radikal radikal: Sie bezieht sich auf eine Umma, die auf dem umayyadischen Verständnis vor dem islamischen Schisma im siebten Jahrhundert beruht und die Schiiten als Abtrünnige begreift.

Die unvollendete Vergangenheit einer politisch-religiösen Idee

Jenseits der Ursachen seines Entstehens, die nicht zuletzt in Fehlern bei der US-amerikanischen Invasion des Jahres 2003 zu finden sind, ist der IS ebenso eine auf dem Islam basierende Organisation wie beispielsweise die nigerianische Boko Haram.

Das spezifische Problem des Islam ist seine scheinreligiöse Substanz eines durch nichts gerechtfertigten Anspruchs als einzigem Primat der Politik: Der Islam leidet unter der unvollendeten Vergangenheit seiner politisch-religiösen Idee. Hieraus entwickelt sich die aus Sicht der Aufklärung barbarische Idee, eine menschliche Gesellschaft des 21. Jahrhunderts mit einem politischen Masterplan der Spätantike organisieren zu können. Um in der Analogie zu bleiben: Der Islam ist der Axolotl der monotheistischen Religionen: Er zeugt Kinder ohne jemals das Stadium der Larve wirklich überwunden zu haben.

Indem Mohammed auf der Basis dreier damaliger Weltreligionen ein vorrangig politisches Gesellschaftskonzept entwickelte, grenzte er sich einerseits ab gegen das ähnlich strukturierte Buch der Juden und trennt andererseits sein mythisches Vorstellungsbild von dem der Christen. Wie die zeitgenössischen Konkurrenzangebote grenzt Mohammed seine Philosophie gegen die anderen zeitgenössischen Religionen ab. Anders aber als das Judentum, das in seiner Introvertiertheit auf die aktive Mission verzichtet, radikalisiert der Glaubensgründer des Islam den in seinem ursprünglichen Kern friedlichen Missionsgedanken der Christen. Jesus erhob nicht den Anspruch, sein Glaubensbild als politisches Glaubensdiktat zu definieren. Ganz im Gegenteil ist der ursprüngliche Ansatz des Jesu ein unpolitischer.

Jenseits des politischen Entstehens des Judentums, auf das ich in der Biblikon-Reihe umfassend eingegangen bin, ist das mosaische Konzept dagegen sehr wohl das einer Gesellschaftsorganisation. Durch seinen Verzicht auf Expansionismus bleibt es jedoch – mit Ausnahme jener im Tanach beschriebenen kanaanitischen Opfer – gleichsam in der Familie. Das politische Judentum im Verständnis des Tanach stellt keine Gefahr für Andersgläubige dar, denn es verzichtet nach Abschluss der vorgeblich durch Gott gebotenen Landnahme auf weitere Aggression gegen seine Nachbarn. Das Judentum ist somit faktisch mit der Landnahme und der Judaisierung des gelobten Landes vollendet – und das gilt unabhängig davon, dass diese Vollendung nicht von Dauer war. Es konnte in der Diaspora den Weg in die Mystifizierung gehen, sodass selbst die zionistische Idee des Theodor Herzl letztlich eine säkular-imperialistische Vorstellung ist, wie sie die Welt der Aufklärung im 19. Jahrhundert in zahlreichen Variationen kannte. Weil sie als Kinder der Aufklärung eben nicht den Gottesstaat propagierten, sondern einen Nationalstaat der Juden, waren die Zionisten nach 1945 in der Lage, einen jüdischen Staat zu gründen, der einerseits auf der jüdischen Glaubensphilosophie beruht und gleichzeitig die Konsequenzen der aufgeklärten Wissenschaftlichkeit als die eines im Grunde säkularen Staates verknüpfte. Gleichzeitig war diese Staatsgründung für die islamisch geprägten Bewohner der Region mehr noch als durch deren Landnahme eine religiöse Provokation: Der jüdische Staat steht als nationalstaatliche Demokratie in eklatantem Widerspruch zur Gottesstaatsphilosophie des Islam. Das tiefgreifende Zerwürfnis gerade mit dem gemäß dieser Philosophie organsierten Iran basiert insofern weniger in einem vorgeblich imperialistischen Kolonialismus des Zionismus, sondern vielmehr in dem säkular-weltlichen Konzept eines demokratischen Nationalstaats in der konsequenten, von der westeuropäischen Aufklärung geprägten Weiterentwicklung eines in seinem Ursprung dem islamischen Gottesstaatsanspruch identischen poltisch-religiösen Konzepts. Der jüdische Glaubensstaat hatte seine Realisierung in vorchristlicher Zeit. Er wurde nach seinem Versagen gegenüber einer seinerzeit modernen, säkularen Gesellschaft mit einer diesseitigen Staatsidee überwunden und legte gleichzeitig den Grundstein dafür, aus einem in seinen Wurzeln totalitärem Glaubenskonzept ein säkulares Staatskonzept entstehen zu lassen.

Das ursprünglich säkulare Christentum ging nach seinem Constantinischen Durchbruch den gegenteiligen Weg. Aus dem Säkularismus des Jesus wurde der Anspruch eines christlichen Glaubensstaates, in dem selbst abweichende christliche Auffassungen mit dem Tode bestraft werden konnten – eine Vorstellung, wie sie nicht weiter von den Auffassungen Jesu entfernt sein konnte. Und doch war das katholische Christentum – wenn auch gegen den Willen seiner Akteure – auf Basis des hellenistischen Erbes in der Lage, die Grundlagen der Verwissenschaftlichung des Denkens zuzulassen und so zumindest über den Druck eigener Abtrünniger zur ursprünglichen Säkularität des Jesus zurück zu kehren. Der Katholizismus des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts ist von der politischen zur moralischen Instanz geworden. Er hat seinen Weg zurück zu Jesus gefunden.

Mohammed übernahm das ursprüngliche Konzept des Judentums und die Mutation des christlichen Gedanken und baute darauf ein faktisch politisches Gesellschaftskonzept auf, dem die Mystik nur noch als Vehikel der Umsetzung dient. Träumten die Staatschristen in ihrer spezifischen Auslegung vielleicht von einem weltweiten Staatsdiktat ihres Christentums – und übersahen sie dabei geflissentlich, dass genau dieses nicht das Ziel ihres Erlösers gewesen ist – so wurde das weltweite Staatsdiktat unter dem Willen eines einzigen Gottes Kerngehalt der mohammedanischen Politikidee.

Der Islam des Mohammed ist so die Perfektionierung des gottesstaatlichen Anspruchs seiner weltlich-christlichen Konkurrenz in Byzanz. Die Umma ist daher erst vollendet, wenn es auf diesem Planeten kein Dar al Charb mehr gibt und Dhimmi wie Charbi und Musta’min der Vergangenheit angehören. Der Islam sieht insofern seiner Vollendung erst noch entgegen.

Der Islam des Mohammed ist ein religiös getarntes Konzept des arabischen Imperialismus. Auf den daraus entstehenden Konflikt zwischen Islamischem Anspruch und westeuropäischer Aufklärung bin ich bei früheren Publikationen eingegangen. Gleichzeitig aber legt dieses Konzept des frühen Mittelalters einen Mehltau des Fatalismus über die Gesellschaft.

Flaig weist darauf hin, dass die zeitweilige Dynamik der islamischen Kultur maßgeblich dann festzustellen ist, wenn sie sich durch die Ideen der europäischen Antike befruchten ließ. Tatsächlich waren die islamischen Kulturen bis heute nicht in der Lage, Anschluss an den wissenschaftlich-technischen Fortschritt der westchristlich geprägten Völker zu finden. Sie erlitten in Folge dieser Unfähigkeit zur Innovation die koloniale Fremdbestimmung durch sich selbst und durch Europa – und fanden so eine ständige Entschuldigung für das eigene Versagen.

Das Ende des Kolonialismus

Der Kolonialismus der Europäer wirkte und wirkt fort. Erst die Interventionen der UdSSR in Afghanistan und der USA in Mesopotamien, die beide scheinbar im Sinne der postkolonialen Doktrin erfolgen, ziehen die europäisch geprägte Decke von der islamischen Gesellschaft. Der Iran wendet sich als erstes ab und etabliert mit allen Konsequenzen für die darüber in die Glaubensdiktatur gepresste Bevölkerung einen islamischen Gottesstaat. Das zu keinem Zeitpunkt vom europäischen Kolonialismus unterworfene arabische Kernland des sa’udischen Imperiums beschritt diesen Weg von Anbeginn seiner eigenstaatlichen Existenz an und versinkt in der Dekadenz seiner eigenen Bigotterie.

In Syrien und dem Irak setzen das Versagen eigener Eliten ebenso wie der Interventionisten islamische Kräfte frei, die mit revolutionärer Dynamik das im siebten Jahrhundert unmissverständlich definierte Staatsziel übernehmen und mit der aus ihrer Sicht gebotenen Brutalität in die Tat umzusetzen versuchen.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte für die Annahme, dass jene uns überlieferten fast schon friedfertigen Übernahmen maroder Städte und Staatsgebiete durch den jungen Islam tatsächlich nichts anderes als Legende sind, dann wird dieser derzeit durch die IS erbracht. Die Landnahme des jungen Islam wird sich nur unbedeutend anders dargestellt haben als jene jener geschätzt 30.000 fanatischen Kämpfer, die in der Lage waren, innerhalb kürzester Zeit das halbe antike Assyrien zu überrennen.

 Die IS auf dem Weg der islamischen Vollendung

Die IS ist entgegen dem weit verbreiteten Erklärungsversuch alles andere als unislamisch. Sie ist eine Gruppe, die an der revolutionären Dynamik der ersten Glaubensgeneration ansetzt und von dem Ziel getragen ist, das bisher unvollendete zu vollenden.

Das wiederum stellt Europäer wie gemäßigte Muslime vor ein Dilemma. Vernichten die Europäer – wozu sie in der Lage wären – die IS, so schlagen sie einer Hydra den Kopf ab ohne verhindern zu können, dass zahlreiche neue Köpfe nachwachsen. Denn nach wie vor harrt das Fundament des Islam dann seiner Vollendung und lastet die Verhinderung dessen der christlichen Kultur an.

Überlassen die Europäer hingegen den Fortgang der Geschichte jenen, die als Muslime dafür zuständig wären, wird dem Islamischen Staat kein Einhalt geboten werden und die radikale Umsetzung der islamisch-expansionistischen Gebote zu einem für die zivilisierte Welt unerträglichen Vernichtungsfeldzug führen. Es gilt das alte, fatalistische Motto des „insh-Allah“ – Gott hat es so gewollt.

So mag es mehr als zynisch klingen, wenn ich nun die Behauptung aufstelle, dass das Phänomen der IS unverzichtbar ist, um den immer noch politischen Islam dorthin zu führen, wo Judentum und Christentum bereits sind: In der selbstverständlichen Bereitschaft, Gott und Staat zu trennen ohne dabei auf die moralisch-ethischen Ansprüche des eigenen Glaubenskonzeptes zu verzichten.

 Eine islamische Katharsis

Ich hatte 2006 geschrieben, dass der Islam den Weg einer eigenen, islamischen Aufklärung gehen müsse. Die Geschehnisse seitdem erfordern die Frage, ob dieses ein Weg sein kann. Denn tatsächlich finden sich keinerlei Ansätze einer islam-internen Überwindung des Gottesstaatsanspruchs selbst dann, wenn deren Protagonisten wie im nachrevolutionären Ägypten durch eine westlich-säkular geprägte Militärelite physisch vernichtet wird. Vielmehr deutet manches darauf hin, dass selbst ehedem säkulare islamische Staaten wie die Türkei dem Sog in den klerikalen Staat folgen werden.

Was der Islam insofern benötigt, ist keine Aufklärung – es ist eine Katharsis. Und es ist der IS, der diese Katharsis, diese rituelle Selbstreinigung bewirken kann. Denn sie führt dem islamischen Volk vor Augen, welches die unvermeidbare Konsequenz der wortgetreuen Umsetzung ihres religiösen Konzeptes ist. So wie das Judentum durch den Niedergang des hasmonäischen Gottesstaates gehen musste und das Christentum die Stagnation seines Mittelalters erlitt, so scheint es unumgänglich zu sein, dass der Islam einen aus sich selbst geborenen Weg der Leiden geht um den unerreichbaren, politischen Anspruch überwinden zu können.

Ich schrieb 2006, dass die Konsequenzen für einen humanistisch geprägten Europäer des einundzwanzigsten Jahrhunderts kaum zu ertragen sein werden. Es sträubt sich alles gegen die Vorstellung, Millionen von Menschen der Inhumanität von empathielosen Glaubensfanatikern auszusetzen. Alles ruft danach, diesem Leid ein schnelles Ende zu setzen – und doch wird es, wenn es ein zu frühes Ende ist, nicht das Ende sein.

Es ist die Unabdingbarkeit der klassischen Tragödie, in der sich die Beteiligten befinden. Es gibt keinen Königsweg, kein Entrinnen. Vielleicht aber gibt es zumindest du Hoffnung, dass die Brutalität der Radikalität bei den betroffenen Völkern den Anlass schafft, über die eigenen Wurzeln neu nachzudenken. Niemand erwartet und sollte erwarten, dass Millionen von Muslimen ihrem Glauben abschwören. Das ist auch nicht nötig, wenn es ihnen in ihrer breiten Mehrheit und mit ausdrücklicher Unterstützung ihrer geistigen Vordenker gelingt, das Gottesstaatsdiktat als das zu begreifen, was es ist: Das imperialistisch-aggressive Konzept einer seit langem vergangenen Situation, aus dem heraus sich eine Glaubensphilosophie entwickelt hat. So, wie sich aus dem Vernichtungsgebot des Tanach ein jüdisch geprägtes Demokratieverständnis entwickeln und aus dem vergewaltigten Wort Jesu ein christlich geprägtes, westeuropäisches Staatsverständnis bilden konnte.

Wenn dieses geschehen sein sollte, dann wird auch das wenig durchdachte Wort eines gescheiterten deutschen Bundespräsidenten zur Wahrheit werden und der Islam zu Deutschland gehören. Solange jedoch der Islam sich seiner Wiedergeburt verweigert, mag er zwar europäische Realität sein – dazu gehören kann er jedoch nicht.

© 2014/08 Spahn/FoGEP