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Syrien – die nächste Runde?

Deutschlands Medien melden: Syrische Assad-Truppen stehen an der Seite der Kurdischen YPG in der westlich des Euphrat gelegenen Region Manbidj gegen die Türkei. Aber ist das tatsächlich so? In Manbidj jedenfalls ist es in der Nacht auf den 29.Dezemmber 2018 zu erheblichen Protesten gekommen: Gegen den US-Abzug, gegen die Türkei, gegen Assad. Die Nachrichtenlage ist mehr als verwirrend: Wer zieht ab, wer versucht, in ein mögliches Machtvakuum vorzudringen?

Trumps Rückzugsbefehl entfacht türkische Kriegsgelüste

Seitdem US-Präsident Donald Trump angekündigt hat, seine Truppen aus Syrien zurück zu ziehen, ist erhebliche Bewegung in den Konflikt im Norden des vom Krieg verheerten Landes gekommen. Vor allem auf türkischer Seite. Seit einigen Tagen zieht Erdogan an der syrischen Demarkationslinie zum syrisch-kurdischen Rojava schwere Einheiten zusammen. Darunter Truppen mit deutschen Leo-2-Panzern. Erdogans Absicht ist bekannt: Er will vor allem die Gründung eines autonomen kurdischen Gebiets südlich der kurdischen Siedlungsgebiete auf türkischem Territorium verhindern. Zu diesem Zweck erklärt er die kurdischen Selbstverteidigungskräfte der YPG zu „Terroristen“ und zieht sowohl im türkisch besetzten Syrien östlich der von ihm übernommenen Provinzhauptstadt Afrin als auch an der türkisch-kurdischen Südgrenze seine schweren Einheiten zusammen. In der nationalistisch aufgeheizten Türkei wird der türkische Angriffskrieg schon jetzt gefeiert – als Zeichen alter Größe. Das Marionettenparlament in Ankara gab schon vor einigen Wochen sein Freizeichen für den Überfall: Das Osmanische Reich soll wieder alte Größe erlangen, der Vertrag von Lausanne des Jahres 1923, von chauvinistischen Kreisen in der Türkei als Schmach betrachtet, soll revidiert werden.

Die kurdischen Kämpfer der YPG, die unter Führung der USA gemeinsam mit den Syrian Democratic Forces erfolgreich gegen den Islamischen Staat gekämpft hatten, sind mehr als verunsichert. Sie hatten darauf vertraut, dass die Anwesenheit der USA sie vor Überfällen sowohl seitens der Türken als auch seitens der Assad-Kämpfer schützen würde. Doch Trumps angekündigter Abzug, der einmal mehr aufzeigt, dass sich regionale Hilfstruppen auf die Amerikaner nicht verlassen können, stellt sie vor eine neue, eine ausweglose Situation. Allein auf sich gestellt, werden sie gegen die zweitstärkste Armee der NATO nicht bestehen können.

Assad bangt um die Territoriale Integrität

Das wiederum veranlasste in Manbidj stehende YPG-Kommandeure, sich an Assad zwecks Unterstützung zu wenden. Der hat nun seinerseits Truppen in Bewegung gesetzt, die von Südwesten aus in die Region um die Provinzstadt eindringen. Ein Sprecher ließ erklären: Der Anspruch auf das syrische Staatsgebiet werde nicht aufgegeben. Eine Demonstration der Macht gegen die Türkei und eine neue Allianz?

Zunehmend näher scheint deshalb neben dem eingefrorenen Konflikt um das nordwestliche, mittlerweile ebenfalls von der Türkei besetzte Rückzugsgebiet der islamischen Kämpfer um Idlib eine weitere, unmittelbare Konfrontation zwischen Türkei und Syrien zu rücken. Doch noch sind auch die USA – trotz Trump-Ankündigung – im Geschäft. Am Freitag flogen mehrere US-Hubschrauber über dem Kurdengebiet westlich des Euphrat Patrouille. Am Nachmittag erklärte ein US-Offizieller in Washington, es gäbe keine Absicht, die Region sofort zu verlassen. Auch sei eine Übergabe der Stadt an die Assad-Truppen ebenso wenig vorgesehen wie eine Übergabe an die Türkei.

Die Türken ahnen: Das erhoffte, schnelle Überrennen der Kurdengebiete könnte schwieriger werden, als geplant. So erklärte der Türkische Außenminister ebenfalls am Freitag, dass die YPG „kein Recht“ habe, syrische Truppen um Hilfe zu bitten und warnt vor einer „Destabilisierung“ der Situation. Tatsächlich allerdings sind es die Türken, die derzeit die Destabilisierung durch massive Truppenverlagerung organisieren. Erdogans Nahziel ist offensichtlich: Noch halten Kurden und die Internationale Koalition mit Manbidj eine bedeutende Stellung am Westufer des Euphrat – und damit einen Brückenkopf im von Erdogan beanspruchten Nordwestsyrien.

Truppenballungen auf engstem Raum

Also alles wie gehabt? Tatsächlich sollen syrische Einheiten mittlerweile nahe der Stadt Manbidj stehen. Sie sollen die rund 20 Kilometer entfernt gelegene Ortschaft Arima übernommen haben. Doch noch sind die Amerikaner dort und haben vor einem weiteren Vordringen gewarnt. Im Norden – ebenfalls keine 20 Kilometer entfernt, haben die Türken Stellung bezogen. Sie fordern den Rückzug von Syrern und YPG – und erklären, sie stünden bereit, um jederzeit auf Manbidj vorzustoßen.

Auf einem Gebiet kaum größer als Berlin stehen sich nun mächtige Einheiten in Sichtweite gegenüber. Ein unmittelbarer Konflikt rückt näher. Doch wer kämpft gegen wen? Türken gegen Kurden? Das ist Erdogans Ziel. Syrer gegen Türken? Das scheint die Absicht Assads zu sein. Türken und Syrer gegen die USA? Eher unwahrscheinlich. Weder kann es Erdogan riskieren, Trump seine tatsächliche Absicht der Übernahme Nordsyriens zu deutlich erkennen zu lassen – noch wären die Syrer in der Lage, es mit den USA aufzunehmen.

Bei all dem zieht derzeit noch im Hintergrund auch Russland an den Fäden. Der US-Rückzug käme Putin einerseits gelegen, da damit die geopolitische Situation sich einseitig zu seinen Gunsten verschöbe. Andererseits haben die Russen kein Interesse daran, dass die Türkei weitere syrische Gebiete besetzt. Putin rief deshalb am späten Nachmittag des Freitags seinen Sicherheitsrat ein, um die Unterstützung Assads in Manbidj zu besprechen. Ergebnis: Derzeit unbekannt.

Erdogan wiederum hat angekündigt, dass am Sonnabend eine türkische Delegation zu Gesprächen nach Russland reisen wird. Einen Konflikt mit Putin kann er nicht riskieren – einen Verzicht auf seine Eroberungspläne und die nach wie vor unvermindert erklärte Absicht, die kurdische YPG zu vernichten, jedoch auch nicht. Es wäre gegenüber seinem Volk ein erheblicher Gesichtsverlust.

Erhalten die USA trotz Rückzugsabsicht den status quo?

Angesichts der unklaren Situation und der widersprüchlichen Informationen ist es gegenwärtig nicht geboten, über die Entwicklung der nächsten Tage zu spekulieren.

Sicher ist nur: Verzichten die USA vorerst auf ihren Abzug, wird sich an der gegenwärtigen Situation nichts ändern. Macht Trump hingegen ernst, ist das Rennen um die Besetzung der dann vakanten Machtpositionen eröffnet.

Kurzfristig könnte die Türkei angesichts ihrer Militärpräsenz die größten Erfolge verbuchen. Doch genau dieses könnte zum offenen Krieg mit den Truppen Assads führen. Dann wiederum dürfte nicht nur am Euphrat von einem nun internationalen Krieg gesprochen werden. Auch die brüchige Ruhe um das Rückzugsgebiet Idlib entlang der türkischen Provinz Hattay könnte schnell Vergangenheit sein. Denn trotz offiziellem Waffenstillstand haben dort Assads Truppen die Region umstellt und schießen täglich in die Grenzgebiete. Ihnen gegenüber stehen zahlreiche Posten der Türken, die in den vergangenen Wochen ausgebaut worden sind. Auch dort könnte folglich der Konflikt zwischen Türken und Syrern in eine heiße Phase eintreten.

Dort aber wären auch die Russen nun unmittelbar berührt. Schwer vorstellbar, dass Putin eine dauerhafte Besetzung syrischer Gebiete durch die Türken und deren radikalislamischer Verbündeter hinnehmen wird.

Verlierer wäre auch Israel

Verlierer eines tatsächlichen US-Abzuges wären nicht nur die Kurden, die sich auf die Seite Assads schlagen und damit ihre Autonomie-Hoffnungen aufgeben müssten. Auch Israel, das jüngst einmal mehr sehr zum Unwillen der Russen Luftangriffe auf Stellungen und Waffenlager nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus geflogen hat, könnte zu den Verlierern gehören. Nicht nur, dass die Russen gegenwärtig aktiv die syrische Luftabwehr aufbauen – mit dem Untergang der YPG verlören die Israeli auch den einzigen Verbündeten, den sie auf dem syrischen Kriegsschauplatz haben.

©2018 spahn/fogep

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Spahns SpitzWege aus dem Kopf eines Bürgerlichen.

28 Essays und Lyrik zu überwiegend zeitkritischen und politischen Themen in der Tradition des Bürgertums.

Band 1 – 14,80 € Paperback

Editoral : SpitzWege aus dem Kopf eines Bürgerlichen
Von Winnetou zu Obama
Bill Bush : Der Putin ist ein großer Mann
Bill Bush : Der Putin ist ein kleiner Wicht
Putin – Mensch und Macht
Bill Bush : Hübsch aufgepeppt und hochgespritzt
Bill Bush : Der Sarkozy ist ein Enfant
Reden und Schweigen
:edathy
:gegonos edathy
:tragodia edathy
Relativierungen
Putins ungewolltes Signal an das Reich der Mitte
Bill Bush : Spießbürger Fritz
Bill Bush : Ganz tief im Herz von Afrika
Die Rückkehr der westfälischen Friedensphilosophie
Plädoyer für eine neue Militärstrategie
Russlands Weg nach Osten
Faschismustheorie und der faschistische Totalitarismus
Die Leistungsfiktion im modernen Wohlfahrtsstaat
Schimpansen, Bonobos und Homo Sapiens
Bill Bush : Der Türkensultan Erdogan
Bill Bush : Hoch oberhalb des Bosporus
Von Tautologien und Oxymora
Ein Abschied
„Bündnisverteidigung ist Landesverteidigung“
Wir . Drei Sätze
Liberal oder libertär?
Es geht ein Jahr

Der ganz große Terroranschlag steht Europa noch bevor – weil der IS in Paris versagt hat

So unfassbar das angesichts der mittlerweile über 130 Toten und über 350 Verletzten klingt: Der Islamische Staat hat bei seinem Anschlag in Paris versagt. Denn nach allem, was wir mittlerweile wissen, sollten die drei Selbstmordattentäter, die ihre Sprenggürtel dank aufmerksamer Sicherheitskräfte außerhalb des größten Stadions Frankreichs zur Explosion brachten, sich im Stadion in den Reihen der Zuschauer in die Luft sprengen.

Rund 70.000 Menschen befanden sich zu diesem Zeitpunkt im Stadion – überwiegend Franzosen und Deutsche. Stellen wir uns – obwohl wir uns das nicht vorstellen wollen – vor, was geschehen wäre, hätte der IS Erfolg gehabt. Die Selbstmordattentäter hätten mit ihren Explosionen vielleicht um die fünfhundert bis eintausend Menschen sofort getötet. Dabei hätten sie eine Panik ausgelöst, die das gesamte Publikum und die Feldspieler zugleich ergriffen hätte. Rund 70.000 Menschen, darunter zahlreiche Kinder, die in Todesangst ohne Rücksicht auf andere nach einem Fluchtweg suchen. Wir müssen über die Anzahl der Toten nicht spekulieren – Dantes Inferno wäre dagegen harmlos gewesen.

Gleichzeitig waren in Paris selbst weitere Attentäter unterwegs, von denen offenbar einige aus ihren Fahrzeugen wahllos auf Passanten und Cafés schossen, während ein drittes Kommando gezielt den Veranstaltungsort „Le Bataclan“ stürmten. Dort gab zu diesem Zeitpunkt eine US-Rockband mit dem Namen „Eagles of Death Metal“ ein Konzert. Mit Kalaschnikows und Sprenggürteln wurden dort über hundert junge Menschen im wahrsten Sinne des Wortes niedergemetzelt.

Eine perfide Strategie

Die Wahl der Einsatzziele und die Gleichzeitigkeit des Vorgehens waren im Sinne des Terrorzieles perfekt durchdacht. Die US-Eagles gelten als Vertreter konservativer Wertvorstellungen und Freunde Israels. Ihre Fans und am besten auch sie selbst zu ermorden hätte die Antijudaisten des islamischen Plebs zwischen Marokko und Pakistan mit mehr als stillschweigender Freude erfüllt. Und doch sollte dieser Anschlag ebenso wie das Maschinengewehrfeuer im Pariser Caféviertel nur dem Ziel dienen, Verwirrung zu stiften und Rettungskräfte zu binden. Denn wäre das eigentliche Ziel des Attentats erreicht worden, mit dem im State de France die beiden europäischen Führungsnationen Frankreich und Deutschland ins Mark getroffen werden sollten, hätten alle Rettungskräfte der französischen Hauptstadt nicht ausgereicht, die Verletzten zu versorgen. Zahllose schwerverletzte, niedergetrampelte Menschen wären ihren Verletzungen erlegen, bevor ihnen auch nur der Ansatz von medizinischer Hilfe hätte zuteil werden können. Der Angriff des IS hätte nicht nur vermutlich zehntausende Tote gefordert – er hätte auch nicht nur die Unfähigkeit der Europäer offenbart, seine Menschen zu schützen, sondern auch gezeigt, dass „der Westen“ außerstande ist, die Opfer zu retten.

Das alles, die Wahl eines Freundschaftspiels der beiden Führungsnationen bei einer Sportart, die wie kaum eine Zweite für Europa steht, im Herzen Frankreichs und das vor laufenden Kameras: Es wäre ein Fanal gewesen, gegen das die Angriffe auf die New Yorker Twintowers wie die Tat von Anfängern gewirkt hätten. Doch der Plan ging daneben – und stellt die europäischen Sicherheitskräfte vor ein kaum zu lösendes Problem.

Wie der zu erwartende Großanschlag aussehen wird

Denn es stellt sich die Frage: Welche Konsequenzen müssen aus Zielwahl und geplanter Durchführung gezogen werden?

  1. Es ist nicht zu übersehen: Der IS strebt danach, die ungeliebte Konkurrenz von AlQaida in den Schatten zu stellen. Wir stehen vor einer Art Wettbewerb des Grauens: Wer realisiert den gewalttätigsten, opferreichsten Anschlag?
  2. Die Tatsache, dass der Pariser Plan gescheitert ist, wird beim IS ein „Nun-erst-recht“ organisieren. Das Ziel, fünfstellige Opferzahlen zu erzielen, ist nur aufgeschoben. Aber der Aufschub wird zeitlich begrenzt sein, denn die Terroristen haben sich nun mehr denn je zu beweisen, dass ihnen das geplante Fanal gelingt.
  3. Die immer noch vorherrschende Vorstellung, es sei hier nur gegen Frankreich gegangen, ist falsch. Es sollte Frankreich und Deutschland gleichermaßen und damit die Europäische Union treffen. Wäre das Freundschaftsspiel in ein deutsches Stadion gelegt worden, wäre die deutsche Stadt, die dieses Stadion beherbergt, Ziel des Attentats geworden.
  4. Der IS plant seine Attentate so, dass allein für sich schon opferträchtige „Nebenkriegsschauplätze“ die Rettungskräfte binden und für Verwirrung sorgen sollen. Ziel: Am Hauptanschlagsort die Versorgung verzögern und dadurch die Opferzahl erhöhen.
  5. Der Hauptattentatsort wird so gewählt, dass eine möglichst große Anzahl nicht unmittelbar Beteiligter live zuschauen muss und sich die Bilder des Infernos tief in jedes Unterbewusstsein einprägen.

Fassen wir diese fünf Punkte zusammen, dann bleibt nur ein Schluss: Der IS plant gegen Europa einen Anschlag mit dem größtmöglichen Terroreffekt. Die Zahl der Opfer soll gigantisch werden – und sie soll die Unfähigkeit Europas offenbaren, sich selbst zu schützen.

Da niemand wirklich weiß, wie viele Terrorteams sich tatsächlich in Europa aufhalten, ist ab sofort nicht nur jede Großveranstaltung, die sich der TV-Übertragung erfreut, ebenso konkretes Anschlagsziel wie parallel stattfindende Unterhaltungsveranstaltungen. Europa wird außer Stande sein, all diese Events wirkungsvoll zu schützen – es geht schwierigen Zeiten entgegen.

Der Weltbürgerkrieg und der Islam

Im Jahr 2006, als in islamischen Staaten Strohpuppen und Staatsflaggen brannten, weil im kleinen Dänemark ein Zeichner von einem selbstverständlichen Recht Gebrauch gemacht und den islamischen Vordenker Muhamad als Terroristen karikiert hatte, schrieb ich in einem Essay unter Bezug auf Samuel Huntington den folgenden Satz:

„Tatsächlich befinden sich die Kulturen der Welt längst mittendrin in diesem Konflikt. Ein Konflikt, der sich als der erste wirkliche Weltkrieg erweisen könnte. Es ist nicht zwingend ein Krieg zwischen Christen und Moslems. Aber es ist ein Krieg zwischen Humanismus und Dogmatismus. Es kann ein Krieg sein, in dem aufgeklärte Atheisten und Anhänger der Weltreligionen von Christen, Juden und Buddhisten über Hindus bis Moslems gemeinsam stehen gegen religiöse Dogmatiker aller Konfessionen.“

Heute, zahlreiche islamisch motivierte Anschläge später und unter dem Eindruck des Terroranschlags in Frankreich, möchte ich einen Schritt weiter gehen: Ja, es ist ein Weltkrieg. Aber es ist kein Krieg der Nationen und auch kein Krieg der Zivilisationen. Und Ja, wir befinden uns mittendrin auch dann, wenn viele immer noch die Augen verschlossen halten möchten: Es ist ein Weltbürgerkrieg. Und er tobt quer durch die Staaten und Kontinente, quer durch soziale, ethnische und kulturelle Gruppen und Identitäten.

„I am Muslim, not a terrorist!“

Angesichts des nun wieder erfolgten Massenmordes an lebenslustigen Menschen in einer der schönsten Städte der Welt breitete sich in den sozialen Netzwerken im Eiltempo eine Parole aus: „I am Muslim, not a terrorist!“. Absender waren weltweit vor allem jüngere Anhänger des Propheten, die nicht ohne Grund einmal mehr befürchteten, für die barbarischen Taten ihrer Glaubensbrüder in die kollektive Mithaftung genommen zu werden.

Um dieses gleich an dieser Stelle festzuhalten: Ja, ich glaube ihnen. Sie halten sich für Muslime – und sie sind keine Terroristen. Sie sind ebenso wenig Terroristen wie meine türkischen Nachbarn oder mein tunesischer Schüler. Sie sind, wie diese auch, Muslime, die fest davon überzeugt sind, im Islam eine Botschaft des Friedens zu finden. Und dennoch gibt es ein Problem. Ein im wahrsten Sinne des Wortes fundamentales Problem.

Mohammed und die erste Säule des Islam

Blicken wir auf die erste Säule des Islam, die Shahada. Es ist dieses das Glaubensbekenntnis der Muslime und es lautet: “Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah, und dass Mohammed der Gesandte Allahs ist.“

Auch wenn die Muslime sich als Monotheisten begreifen, die in der Übernahme eines frühsemitischen Gottesbegriffes wie die beiden anderen abrahamitischen Weltreligionen für ihren Gott nicht einmal einen Namen haben, bezeugen Sie nicht nur die wissenschaftlich nicht nachweisbare Existenz dieser Wesenheit, sondern erheben bereits hier jenen arabischen Kaufmann mit der arabischen Schriftzeichenfolge M-H-M-D unmittelbar als „Gesandten“ an die Seite und damit faktisch auf die Ebene des Göttlichen. Die Folge dieser Erhebung eines Menschen auf diese Ebene des Göttlichen ist, dass für Muslime nicht nur die im Koran niedergeschriebene, vorgeblich göttliche Botschaft handlungsbestimmend ist, sondern sämtliche Handlungen dieses transliterierten Mohammed göttlichen Weisungscharakter haben. Niedergeschrieben sind diese Handlungen nicht nur im Koran selbst, sondern auch in den Hadithe, jenen Überlieferungen aus dem Leben dieses islamischen Propheten. Und da nun wird diese Figur, die vermutlich eine historische ist, zum eigentlichen Problem der Muslime selbst.

Mohammed als Problem der Muslime

Mohammed, der erst durch die Heirat seiner Arbeitgeberin vom Nichts zum angesehenen Bürger aufstieg, ist im Verständnis der westeuropäischen Aufklärung erst einmal nichts anderes als ein Ideologe. Jenseits der verklärenden Vorstellung einer via Engel zugeflossenen göttlichen Inspiration schrieb er eine auf seine Person maßgeschneiderte Handlungsanweisung des Welteroberungskrieges. Der historische Mohammed selbst war – wenn man dem Koran und den Hadithe glaubt – genau das, was wir Europäer heute als Terrorist bezeichnen. Schon sein Massenmord an den jüdischen Quraiza würde, umgerechnet auf heutige Bevölkerungszahlen,  das Blut von 21.000 Menschen an seinen Fingern kleben lassen. Dieses Massaker wäre ungefähr so zu verstehen, als wenn mit einem Schlag alle Bewohner von Annaberg-Buchholz in Thüringen ermordet würden.

Mohammed war auch der Befehlshaber und Vordenker einer Gruppe, die ihre Weltanschauung mit terroristischen Methoden und jenseits jeglicher menschlichen Regungen im wahrsten Sinne des Wortes mit Feuer und Schwert verbreitete. Innerhalb von nur vierzig Jahren wurden die christlichen, jüdischen und zoroastrischen Gemeinden zwischen dem christlich-römischen Tripoli im heutigen Libyen, dem christlich-armenischen Artashat an der Südgrenze des heutigen Armeniens und dem zoroastrischen Mashhad nahe der Ostgrenze des heutigen Iran erobert und zwangskonvertiert. Nicht nur die anschließende Unterwerfung Indiens wird über hunderttausende von Zivilisten das Leben oder die Freiheit gekostet haben. Wenn die Christen, Hindus und jene wenigen Überlebenden zoroastrischer Glaubensgemeinschaften im mittelalterlichen Islam die größte Geißel Gottes gesehen haben, so ist dieses aus ihrer Sicht in jeder Hinsicht gerechtfertigt: Die Muslime der Spätantike waren bis in das Hochmittelalter hinein und darüber hinaus für die von ihrer Expansion Betroffenen eben immer auch das, was der „Islamische Staat“ heute ist: Eine aggressive Terrororganisation, die vor definitiv nichts zurückschreckte, um ihre Philosophie zur und den damit verbundenen Machtanspruch zum alleinig herrschenden zu machen.

Weil das so ist, ist es auch absurd, wenn bis heute Muslime und selbst muslimische Verbände in Deutschland von der christlich-abendländischen Welt, die sich zugegeben beispielsweise bei der Kolonialisierung Amerikas oder Nordasiens nicht immer deutlich menschlicher als islamische Eroberer verhalten hat, eine Entschuldigung für die Kreuzzüge nach Palästina einfordern. Gegen das, was die Muslime bei ihrer Expansion an Ermordeten und Versklavten bewirkten, waren die Opfer des christlichen Versuchs, ihre religiösen Heiligtümer zurück zu erobern, verschwindend gering.

Keine Aufrechnung – aber dennoch ein Problem

Diese Hinweise sollen jedoch weder relativieren noch aufrechnen. Sie sollen aber verdeutlichen, dass die propagierte Friedfertigkeit des Islam eben nicht für die Menschheit in Gänze gilt, sondern sich –wie es im Koran auch definiert ist – lediglich auf die Anhänger des Mohammed selbst beschränkt. So, wie sich beispielsweise auch das mosaische Gesetz des Tanach eben nicht als globales Menschenrecht versteht, sondern nur für die Gruppe jener gilt, die sich zu den Inhalten dieses Buches, das den Christen als Altes Testament bekannt ist, bekennen, sind die Islamischen Gebote kein universelles Menschen- sondern Anhängerrecht – wenn auch unter dem Anspruch, dass irgendwann alle Menschen der Gruppe der Anhängerschaft angehören werden, wodurch sich dieses Gruppen- automatisch zum allgemeinen Menschenrecht wandeln würde.

Damit aber sind wir nun bei dem eigentlichen Problem zwischen islamischer und nicht-islamischer Welt. Wer im Alten Testament blättert und die dortigen Texte analysiert, der kommt an der Feststellung nicht vorbei, dass dort – vergleichbar dem Koran – die Einführung eines jüdischen Gottesstaates eingefordert wird. Wer die Geschichte der christlichen Kirchen studiert, dem wird nicht verborgen bleiben, dass diese den Monotheismus ihres Gottes dazu missbrauchten, einen totalitären, vorgeblich christlich geprägten Gottesstaat anzustreben und umzusetzen.

Die jüdische Gottesstaatsidee hatte sich mit dem durch das europäische Rom veranlassten Ende des Hasmonäerstaates 63 vc und der Niederschlagung jüdischer Aufstände im ersten nachchristlichen Jahrhundert faktisch aus der jüdischen Glaubenswelt verabschiedet. Das heutige Israel ist ein auf den Ideen der maßgeblich auch von jüdischen Denkern vorangetriebenen, westeuropäischen Aufklärung basierender, demokratischer Staat.

Die Idee eines totalitär-christlichen Staates, die übrigens in eklatantem Widerspruch zum theologischen Anspruch Jesu steht, ging im Zuge der Aufklärung ebenfalls ihren Weg in die Geschichtsbücher. Zumindest die westeuropäischen Kirchen des Katholizismus und des Protestantismus haben sich von Ziel eines Glaubensstaats definitiv verabschiedet.

Das aber ist beim Islam anders. Nicht nur im sa‘udischen Wahabismus nebst seinen salafistischen Ablegern bis hin zum „Islamischen Staat“ spukt die Idee des supranationalen, weltumspannenden Kalifats der islamischen Umah (Gemeinschaft) nach wie vor in den Köpfen herum. Deswegen haben nicht nur sa‘udische Wahabiten den Sa’udi Osama bn Ladin und seine alQaida ebenso wie den sunnitischen IS unterstützt. Die Radikalität islamischer Fundamentalisten zeigt sich auch dann, wenn auf den Schiffen der illegalen Einwanderer auf dem Mittelmeer christliche Leidensgenossen über Bord geworfen oder in den Einwanderer-Notunterkünften Mitbewohner nicht-islamischer Glaubensrichtungen gezielt drangsaliert werden.

Der Terror hat sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun

All dieses ist auch für den ganz normalen Bürger deutlich erkennbar – und wenn dann die obersten Vertreter unserer Islamverbände, assistiert durch scheinbar wohlmeinende Politiker, beständig erklären, der Terror im Namen des Islam habe nichts mit dem Islam zu tun, dann manifestieren sie damit den Riss zwischen muslimischen und nicht-muslimischen Menschen. Denn der Terror hat sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun. Er ist – daran führt angesichts der Geschichte Mohammeds und den entsprechenden Forderungen in den islamischen Basiswerken kein Weg vorbei – das zwangsläufige Resultat einer fundamentalistischen Übernahme und Umsetzung dessen, was Mohammed vor rund 1.400 Jahren niederschrieb und in die Tat umgesetzt sehen wollte.

Dennoch – und das ist an dieser Stelle bedeutsam – ist selbstverständlich nicht jeder Muslim ein Terrorist. Aber leider kann sich jeder muslimische Terrorist völlig zu Recht auf den Islam berufen. Und das muss, um das Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen im Sinne eines erfolgreichen, gemeinsamen Kampfes gegen den Terror im Weltbürgerkrieg eindeutig zu klären, dann von den Muslimen endlich auch genau so eingestanden werden.

Verleugnen ist keine Lösung

Was wohl würde geschehen, wenn die Christen sich hinstellten und den im Namen des Kreuzes geführten Vernichtungsfeldzug gegen die amerikanischen Erstbesiedler mit dem Hinweis abtäten, das alles hätte nichts mit dem Christentum zu tun gehabt? Dabei könnten sie dieses tatsächlich als eine Pervertierung der Ideen ihres Heilands sogar noch begründen. Ein Muslim aber kann dieses angesichts der überlieferten Lebensgeschichte und der entsprechenden Aufforderungen seines Heiligen Buches selbst dann nicht, wenn er sich aus tiefster Überzeugung vom Terror im Namen des Islam distanziert. Er muss sich dazu bekennen, dass dieser Terror ein unabweisbarer Teil seiner Geschichte und damit seiner kollektiven Identität ist – so wie ein Christ weder die Judenverfolgung noch die Vernichtung und Unterwerfung indigener Völker im Namen Jesu aus seiner Geschichte und seiner kollektiven Identität verbannen kann.

Wenn der Islam sich dazu bekennt, dass der weltliche Anspruch seiner Philosophie der einer Weltglaubensherrschaft ist und die führenden Vertreter der Muslime sich definitiv von diesem Anspruch distanzieren und ihn, wie Juden und Christen, als Irrweg auf dem Weg zur eigentlichen Religiosität des Glaubens begreifen, dann haben Gläubige wie Nicht-Gläubige aller Weltinterpretationen eine Chance, gemeinsam in diesem Weltbürgerkrieg zwischen sich religiös und anders begründenden Kollektivisten und den Vertretern einer auf dem Individualrecht des Einzelnen beruhenden Weltgemeinschaft zu obsiegen.

Wenn sich die Vertreter und Anhänger des Islam jedoch weiterhin aus ihrer Verantwortung damit herauszuwinden suchen, dass sie die unabweisbar in ihren religiösen Wurzeln verankerten Fundamente des weltweiten Terrors als „unislamisch“ charakterisieren, wird bei den Nicht-Muslimen immer das Gefühl vorhanden bleiben, dass diese Floskeln letztlich nur dem Ziel der Verschleierung wahrer Ziele dienen sollen. Will der Islam als Religion und nicht als Konzept eines – wie Hamed Abdel Samad es überspitzt und politikwissenschaftlich fragwürdig darstellt – faschistischen Eroberungskonzepts wahrgenommen werden, dann ist es an der Zeit, dass er wie Juden- und Christentum in der Gegenwart ankommt und nicht länger im Frühmittelalter verharrt. Verweigern sich die Muslime mehrheitlich diesem Schritt, dann werden sie sich auch künftig unabhängig von ihrer individuellen Gewaltbereitschaft vorwerfen lassen müssen, für Terroranschläge wie jene in New York, Madrid, London und nun wieder Paris ebenso Mitverantwortung zu tragen wie für jene, die unweigerlich noch und auch in deutschen Städten geschehen werden.

Als Deutscher trage ich auch heute eine Verantwortung dafür, dass sich der Holocaust niemals wiederholen kann – und ich kann mich nicht davon freisprechen, dass dieser Massenmord im Namen meines Volkes geschah. Als christlich geprägter Europäer bin ich dafür verantwortlich, die Massenunterdrückung anderer Kulturen und ihrer Menschen im Namen Jesu niemals wieder zuzulassen – und ich kann mich nicht damit davonstehlen, dass ich feststelle, die Schandtaten hätten mit des Intentionen des Jesus nichts zu tun.

Die Muslime müssen sich, soll ihre Distanzierung von den Terrortaten fundamental-islamischer Aktivisten im Nahen Osten wie anderswo auf der Welt redlich sein, dazu bekennen, dass diese Verbrechen im Namen ihres Glaubens geschehen. Das hat mit persönlicher Schuldanerkenntnis ebenso wenig zu tun wie mein Bekenntnis zum Verbrechen des Holocaust und der Untaten der Konquistadoren. Wer sich aber herauswindet, macht sich mitschuldig, und wer Verantwortung ableugnet, ist zur Überwindung eines Übels unfähig. Das gilt auch dann, wenn ich jedem einzelnen Muslim gern und aus Überzeugung glaube, diesen Terroranschlägen im Namen einer Religion mit ebensoviel Abscheu gegenüber zu stehen wie ich selbst.

©20151114 Spahn/FoGEP

Wahrheit Religion Wirklichkeit – NEUERSCHEINUNG

Was ist wahr – was ist unwahr? Ist die Wahrheit richtig oder ist das Richtige wahr?
Wie verhält es sich mit dem Gutem – wie mit dem Bösen?

Der Politikwissenschaftler und Religionskritiker Tomas Spahn setzt sich im ersten Teil des vorliegenden Buches mit der grundsätzlichen Frage auseinander, wie diese häufig ineinander greifenden Begriffe zu definieren sind.
Im Hintergrund steht dabei immer auch die Frage, ob das, was als Wahrheit verkündet wird, nicht tatsächlich eine Unwahrheit ist.
Mit Blick auf die drei monotheistischen Religionen kommt der Autor zu einem einfachen Schluss: Ob Ideologie oder Religion – sie verbreiten niemals „die Wahrheit“, aber sie prägen als Religion die Wirklichkeit.

Im zweiten Teil setzt sich Spahn mit der Einordnung dessen auseinander, was als „radikaler Islamismus“ die Diskussion bestimmt – und kommt zu dem Ergebnis, dass dieser Begriff entweder eine Tautologie oder ein Oxymoron ist. Das, was als „radikaler Islamismus“ scheinbar vom Islam zu trennen ist, erweist sich bei sachlicher Betrachtung als nichts anderes als ein fundamentalistischer Islam.

Im dritten Teil folgen Auseinandersetzungen mit der Frage, welche Zukunft die jüdisch-christliche Errungenschaft des Humanismus angesichts der Bedrohung durch die Irrationalität fanatischer Glaubensfundamentalisten hat – und wie anhand der Glaubensbekenntnisse der abrahamitischen Religionen deren Verhältnis zu und der Erfolg oder Misserfolg ihrer Mitglieder in der Wissenschaft zu erklären ist.

Ein Buch, das ebenso in die philosophische Tiefe geht, wie es tagesaktuelle Verständnisse und Missverständnisse zu verstehen hilft.

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    „Von Gott zum Allzumenschlichen.
    Diese Schrift Spahns ist eine erkenntnistheoretische Selbstbehauptung im Stil des Ringens um Vernunft in der europäischen Aufklärung. Sie beginnt mit einem Schopenhauerzitat, ist dabei Descartes noch näher und steht auch Bultmann und Lapide nicht fern.
    Die Gedanken dieses Bandes sind umfassend und notwendigerweise etwas ausholend. Sie richten sich stringent gegen die politische Dimension von Religion und insbesondere den Islam als Mogelpackung der Menschen-Manipulation.
    Spahn liest man. auch wenn man einen breiten Bildungshorizont hat, immer mit Gewinn, selbst wenn man seine Thesen nicht teilt oder manches bereits bekannt ist. Wer Letzteres beklagt, wird mit innovativen und modernen Deutungen dafür bestens entschädigt. Und die religionshistorischen Ausflüge des Autoren sind allemal des Nachdenkens wert.
    So führt Spahns Auseinandersetzung des realen Menschen mit einer immanenten, aber fiktiven Göttlichkeit zwangsläufig in die Politik von der Vergangenheit bis heute und macht gerade deshalb widerstreitende Sichtweisen gegenständlich. Das macht das Werk zu einer notwendigen Streitschrift im traditionell bewährten Sinne. Vielen mögen die dargelegten Thesen zu krass und respektlos erscheinen. In meine Moderne passen sie – und Giordano Bruno hätte seine helle Freude.“
    T.K.

    ISBN 978-3-943726-69-5 – 16,80 € – 210 Seiten

    Order versandkostenfrei über Kommentarfunktion oder Buchhandel.
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Russlands Intervention in Syrien – ein neues Afghanistan?

Mittlerweile ist es eingestanden. Russland ist massiv als Kriegspartei in Syrien eingestiegen. Das deutete sich bereits an, als in den vergangenen zwei Wochen die Provokationen über der Ostsee sowie im Donbass die Aggression der russischen Invasoren spürbar nachließ und einer der dortigen Hauptakteure im Handstreich entmachtet wurde.
Der Hintergrund des russischen Engagements im vom Krieg zerrütteten Syrien liegt auf der Hand. Der schiitische Alawit Assad ist Putins letzter Verbündeter in jenem Meer, dass die russische Badewanne nördlich des Bosporus mit dem Atlantik verbindet. Der fundamentalistische „Islamische Staat“ ist mittlerweile nicht nur Assad bedenklich nahe gekommen – vor allem ist der einzige russische Marinestützpunkt in Tartus in Gefahr, von den Gotteskriegern übernommen zu werden.
So stürzte sich nun also Putin in das Abenteuer eines Protektoratskrieges – denn das wird es sein, wenn die Reste Syriens irgendwann von der russischen Invasionsarmee zusammengefegt werden sollten. Ob es allerdings dazu kommen wird, dürfte mehr als offen sein. Zu deutlich sind die Parallelen zu Afghanistan, in dem sich das damals noch sowjetisch geführte Russland eine der folgenschwersten Niederlagen seiner Geschichte holte. Auch das Afghanistan-Abenteuer, das den Zerfall der Sowjetunion einleitete, begann als Unterstützungsmission für einen pro-russischen Machthaber.
Jenseits dessen, dass die Gegner, auf die Russland nun treffen wird, deutlich besser organisiert sind als seinerzeit in Afghanistan, stellt sich die Frage der Auswirkungen dieses Engagement. Nicht minder interessant ist ein Blick auf die Optionen, die den zu lange zögernden USA jetzt bleiben. Denn schon jetzt ruft der russische Außenminister Lawrow den vorgeblichen Haßgegner in Washington auf, sich umfassend mit ihm abzustimmen, um Konflikte zwischen russischen und alliierten Truppen zu vermeiden. Ob die USA allerdings gut beraten sind, diesem Aufruf zu folgen – auch das ist eine derzeit offene Frage.

Neue Koalitionen

Die Invasion Russlands wird unmittelbar eine Verbesserung des Verhältnisses zwischen Moskau und Teheran zur Folge haben. Denn Assad ist schon lange kaum weniger als ein Mündel der Iraner. Dessen Regime zu retten und damit die nordarabischen Sunniten und Kurden in der Zange zu halten, stellt für den schiitischen Gottesstaat ein hohes Gut dar. Doch sollte sich Russland keinen falschen Vorstellungen hingeben: Mehr noch als für Saudi-Arabien und die Türkei steht für die Iraner die grundsätzliche Ablehnung jeglicher Präsenz der christlichen Kreuzritter im Heiligen Land außerhalb jeder Diskussion. Sollte Russland erfolgreich sein und mehr einfordern als die Fortsetzung des Stützpunktvertrages in Tartus, wird es mit der neuen Freundschaft schnell vorbei sein. Ein Protektorat Syrien unter russischer Regie wird der Iran niemals akzeptieren.
Schon heute unverkennbar ist die strikte Ablehnung des russischen Engagements aus Sicht der mit dem Iran um die Hegemonialmacht ringenden Staaten Türkei und Saudi-Arabien.
Für die Türkei stellt eine russische Armee in Syrien aus vielen Gründen eine unmittelbare Gefahr dar. So träumte der kleine Sultan Erdogan fast schon zu laut davon, sich aus dem zerfallenden Syrien ein kräftiges Stück für seine neo-osmanischen Träume heraus zu schneiden. Stabilisiert Russland den Dauergegner Assad, so wird dieser osmanische Traum platzen wie eine Seifenblase.
Das allerdings ist es nicht allein. Der durch Erdogan aus innenpolitischen Machtgründen neu entfachte Krieg gegen die Kurden könnte zu völlig ungeahnten, neuen Bündnissen führen. Denn die PKK, die sich bis zuletzt an den Waffenstillstand gehalten hatte, könnte aus dem Verrat, den Erdogan mit Billigung der NATO an ihr begangen hat, unmissverständliche Konsequenzen ziehen. Die als kommunistisch interpretierte Widerstandsbewegung des inhaftierten Öcalan könnte alte Connections in die russischen Geheimdienste reaktivieren – falls dieses nicht ohnehin schon längst durch Russland geschehen ist. Denn so gelänge es, den Islamischen Staat nebst den wenigen verbliebenen Restbeständen demokratisch gesinnter Oppositioneller von zwei Seiten zu bedrängen. Der Preis, den die Kurden der PKK dafür einfordern würden, ist leicht beschrieben: Ähnlich den kurdischen Nachbarn im Irak wird man innerhalb des syrischen Staates ein autonomes Gebiet einfordern – und bekommen. Und das auch deshalb, weil dieses PKK-Kurdistan, dessen Demokratisierung und Einbindung die NATO bislang versäumt hat, die Großmachtpläne der Türkei abschließend zum Platzen bringen wird. Nicht nur das: Es wird auf die in der Türkei lebenden Kurden angesichts der jüngsten Pogrome eine massive Sogwirkung organisieren, die Ankara nur mit einem massiven Einmarsch in Syrien beenden könnte. Das allerdings würde zu einem offenen Krieg nicht nur mit Syrien, sondern auch mit der Protektoratsmacht Russland führen müssen. Doch auch ohne dieses Szenario hätte Moskau wie im Donbass, in Transnistrien und Georgien einen Hebel, den es nach Belieben umlegen könnte, um die Türkei zu destabilisieren.

Neues Leben für den IS

Für die mit der Türkei und dem Iran um die Vormachtstellung im antiken Assyrien ringenden Saudi stellt die Intervention Russlands ebenfalls eine kaum zu überbietende Provokation dar. Ähnlich wie Erdogan träumten die salafistischen Sheikhs davon, ihren Einfluss deutlich nach Norden auszudehnen. Es pfeifen die Spatzen von den Dächern, dass der IS nur deshalb so stark werden konnte, weil finanzkräftige Förderer aus der Wüste ein Interesse daran hatten, den alawitisch-schiitischen Zugriff auf den fruchtbaren Halbmond zwischen Mittelmeer und Arabischem Golf zu beenden. Stehen die Russen mit einer Marionette Assad fest auf diesem ältesten Siedlungsgebiet der Menschheit, haben die Saudi ihren Traum von der regionalen Großmacht ausgeträumt.
Allerdings: So weit ist es noch lange nicht. Denn die Russen haben sich auf ein Abenteuer eingelassen, dessen Tragweite sie nicht einmal ansatzweise überblicken können. Getreu dem altorientalischen Motto, der Feind meines Feindes ist mein Freund, könnten sich unmittelbar völlig neue Konstellationen auftun. Viele davon werden wir als Beobachter überhaupt nicht zu sehen bekommen.
So können die Saudi ihre Unterstützung für den Islamischen Staat notfalls auch an den fest verschlossenen Augen der US-amerikanischen Verbündeten vorbei deutlich aktivieren. Ähnliches steht in der Türkei zu erwarten bis dahin, dass Erdogan, sollte ihm noch ein Rest politischer Verstand geblieben sein, umgehend seinen unsinnigen Krieg mit den Kurden beendet und diese vielmehr als Verbündete zu gewinnen sucht. Ohne die Kurden an seiner Seite gerät Erdogan in die Gefahr, nicht nur auf den Status einer regionalen Minimacht zu schrumpfen, von dessen verbliebenem osmanischen Erbe in absehbarer Zeit fast die Hälfte in die Unabhängigkeit gleiten wird. Mit den Kurden an seiner Seite jedoch hätte Erdogan die Chance, die Türkei als Bollwerk gegen die Russen und ihre schiitischen Verbündeten zu festigen. Der Preis dafür wäre die Umwandlung der Türkei in eine Föderation zweier gleichberechtigter Teilstaaten: Das türkische Westanatolien und den kurdischen Osten.
Erdogan kann jedoch auch darauf setzen – und dieses in enger Abstimmung mit den Saudi und anderen leistungsfähigen Geheimdiensten der Region – den russischen Krieg gegen den sunnitischen Islam in einen Krieg des sunnitischen Islam gegen Russland umzukehren. Konkret hieße dieses, islamische Kämpfer in das russische Kernland entsenden zu lassen und dort durch Terroranschläge die Macht des Gegners zu beeinträchtigen.
Doch auch ohne ein solches Szenario wird Russlands Intervention alles andere als ein Spaziergang. Sie wird den Zustrom an „Gotteskriegern“ deutlich anwachsen lassen – denn ging es zuvor nur gegen Abtrünnige und Ungläubige, so stehen nun wieder „die Franken“ im Herzen des Islam. Auf den entsprechenden Mobilisierungsfaktor werden wir nicht lange warten müssen.

Die Optionen des Westens

Genau aus diesem Grunde hatten die USA und ihre europäischen Verbündeten im Kampf gegen den IS bislang von jeglichem Einsatz von Bodentruppen abgesehen. Sie wären schlecht beraten, diese Zurückhaltung nun aufzugeben.
Wie aber sollte sich der Westen verhalten?
Er könnte auf die Sirenenrufe Russlands hereinfallen und damit das russische Protektorat Syrien maßgeblich aus der Wiege heben. Oder er kann seine syrischen Aktivitäten deutlich zurückfahren und darauf beschränken, die unmittelbar vom IS bedrohten Verbündeten im Irak, zu denen sowohl die Schiiten wie die Kurden und mittlerweile auch einige sunnitische Stämme gehören, gegen die radikalislamische Bedrohung abzusichern. Dieses wird künftig weniger schwer fallen, denn der IS wird gezwungen sein, den Schwerpunkt seiner Kampfkraft künftig gegen die russischen Interventionisten zu richten. USA und Nato könnten sich also zurücklehnen und zuschauen, wie Syrien zu Putins Afghanistan wird.
Angenommen jedoch, Russland wäre in der Lage, den IS allein zu vernichten, dann bedeutete ein Zurücklehnen, bei der Einrichtung des russischen Protektorats ohne jedweden Einfluss zu sein, der sich bei einem gemeinsamen Vorgehen immer noch heraushandeln ließe. Da jedoch ein russisches Protektorat Syrien nicht nur ähnlich Israel von Gegnern umgeben wäre, sondern im Falle seiner Realisation auch den Iran zum Gegner hätte, scheint eine vornehme Zurückhaltung durchaus geboten. Denn letztlich müsste man lediglich die Luftangriffe auf syrischem Territorium zurückfahren – und könnte die russische Flugabwehr, über deren Notwendigkeit im Krieg gegen des IS ohnehin gerätselt werden darf, über die wenigen Einsatzgebiete beispielsweise um die nordsyrische Stadt Kobane unterrichten, um Missverständnisse zu vermeiden.
Jenseits dessen, wie der Westen sich hier entscheiden wird, sollte eines allerdings außer jeder Frage stehen: Die Unterstützung der irakisch-kurdischen Verbündeten ist massiv auszubauen und der Versuch zu unternehmen, mit der PKK ins Reine zu kommen. Und nicht zuletzt wird es die humanistische Pflicht der Westeuropäer sein, die noch verbliebenen Nicht-Muslime aus der Kampfzone zu retten. Denn Jeziden und Christen werden die ersten sein, die von den nun aufeinander treffenden Mühlsteinen zerrieben werden.
©spahn/fogep 2015/0912

http://www.rolandtichy.de/gastbeitrag/syrien-putin-greift-in-den-krieg-ein/

Was die Glaubensbekenntnisse der drei monotheistischen Religionen über ihre Anhänger und deren wissenschaftlichen Ansatz aussagen

Pro und Contra des Gottesbeweises

Glaube ist die Wahrheitsannahme einer unbeweisbaren Wahrheitsvermutung.

Religion ist der Alleinwahrheitsanspruch dieser Wahrheitsannahme einer unbeweisbaren Wahrheitsvermutung.

Aus dieser unbestreitbaren Tatsache ergibt sich der überaus spannende Rückschluss, dass jeglicher Versuch des Gottesbeweises, gleich ob im Ergebnis positiv oder negativ, zwangsläufig gegen die Religion gerichtet ist. Denn sollte man beweisen können, dass es Gott nicht gibt, dann müsste jegliche Religion, die eine Gottesexistenz behauptet, als wirres Psychopathentum verdammt werden. Sollte hingegen der Beweis der Gottesexistenz gelingen – ja, auch dann wäre dieses das Ende von Religion. Denn Religion lebt zwingend in der Abhängigkeit von der Wahrheitsannahme des Religionsgegenstandes durch ihre Anhänger – und ohne Wahrheitsannahme, die wir als Glaube bezeichnen, keine Religion.

Der Kern des Glaubens ist – siehe oben –jene Wahrheitsannahme einer unbeweisbaren Wahrheitsvermutung. Würde die Wahrheitsvermutung durch Beweis zur bewiesenen Wahrheit, dann wäre es überflüssig, sie als wahr anzunehmen – denn sie wäre es. Die Vermutung wäre durch die Wahrheit ersetzt worden. Da nun aber die Wahrheit zwangsläufig wahr ist und ich mich bei der Wahrheit nicht der Annahme dieser Wahrheit hingeben muss, wäre dem Glauben damit jegliche Grundlage seiner Existenz entzogen. Der Gegenstand seines Glaubens wäre nunmehr bewiesenes Wissen.

So gilt denn diese Feststellung: Nicht der Nichtglaube als ebenso unbeweisbare Nichtexistenzbehauptung eines Gottes ist der ärgste Feind der Religion, sondern der Gottesbeweis. Denn wer immer den Beweis der Existenz Gottes erbringt, zerstört die Notwendigkeit, an diesen Gott zu glauben, womit die Religion an sich am Ende wäre.

Glaube als Kern von Religion lebt folglich davon, dass das, woran er zu glauben vorgibt, weder beweisbar noch nicht beweisbar ist: Gott darf nicht sein, um sein zu können.

Das nun aber führt uns zu einer anderen, einer fundamentalen Frage. Wenn es so ist, dass Religion nicht nur des Beweises nicht bedarf, sondern dieser im Positiven wie im Negativen ihren Untergang bedeuten müsste – warum sind dann die Religionen so eifrig bemüht darum, die Existenz ihres Gottes als bewiesen zu behaupten? Und tun sie dieses überhaupt – oder erwecken sie vielleicht nur den Anschein, es zu tun? Werfen wir einen Blick auf die Glaubensbekenntnisse der drei großen monotheistischen Religionen.

Das Bekenntnis der jüdischen Religion

Das jüdische Glaubensbekenntnis lautet:

„Höre, Israel. Jahwe, unser Gott, ist einzig. Darum sollst du Jahwe, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ Dtn/M5.0604

Das ist ein Befehl. Oder formulieren wir es zurückhaltender als Auftrag. Dieser Auftrag setzt den Gott Jahwe als existent voraus. Will sagen: Wer sich dieser Anordnung unterwirft, der geht zwingend von der Existenz des einen Gottes aus. Dieser Gott ist Tatsache, der keines Gottesbeweises bedarf. Dieser Tatsache wiederum ist es geschuldet, dass man diesen Gott vollumfänglich lieben soll. Aber das ist eben nur ein Auftrag. Die Existenz des Gottes bleibt unberührt davon, dass der einzelne Mensch, der an der Existenz dieses einzigartigen Gottes keinen Zweifel hat, sich möglicherweise dem Gebot entzieht und diesen Gott nicht so vollumfänglich liebt, wie es von ihm gefordert wird.

Juden – nur so kann dieses Bekenntnis verstanden werden – glauben insofern überhaupt nicht an einen Gott. Denn sie haben dieses angesichts dessen zwingender Existenz weder nötig noch wäre es ihnen möglich. An Tatsachen – siehe oben – kann man nicht glauben. Für einen Juden ist Gott Wahrheit – auch wenn in Wahrheit bislang niemandem ein wissenschaftlich unabweisbarer Gottesbeweis gelungen ist. So bleibt die Feststellung unvermeidbar: Ein Glaubensbekenntnis ist die religiöse Formel der Juden nicht. Eher ein recht konkreter Bekenntnisauftrag.

Das Bekenntnis des Islam

Das islamische Glaubensbekenntnis geht einen deutlichen Schritt weiter als das jüdische. Es lautet:

„Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah, und dass Mohammed der Gesandte Allahs ist.“

Hier wird nicht nur wie bei den Juden die Existenz des Gottes als wahr vorausgesetzt – der vorgeblich Gläubige selbst bezeugt, dass es nur diesen einen Gott gibt. Er, der Mensch, wird zum Zeugen und zum Zeugnis der Existenz seines Gottes.

Um etwas bezeugen zu können, ist der vorangegangene Wahrheitsbeweis unvermeidbar – andernfalls ist diese Bezeugung nichts anderes als eine inhaltsleere Floskel ohne jeden Wert. Soll dieses Bekenntnis ernst genommen werden, so ist der Wahrheitsbeweis des Bezeugten als erfolgt zu unterstellen.

Damit jedoch sind auch Muslime vergleichbar den Juden keine Glaubenden. Sie sind auch nicht nur, wie die Juden, Wissende. Denn sie wissen nicht nur, dass Gott Allah existent ist – sie können diese Existenz als Mensch und durch ihre Existenz als Mensch bezeugen.

Das hat eine deutlich höhere Qualität des existentiellen Gottesseins als jene mosaische Formel. Und es verlangt darüber hinaus nach der Frage, was es notwendig macht, dass ein Mensch die Existenz seines Gottes nicht nur wie die Juden als solche voraussetzt, sondern er selbst es ist, der die Existenz des Gottes bezeugen muss – als ob dieser selbst nicht in der Lage wäre, seine eigene Existenz zu beweisen? So bewegt sich das muslimische Glaubensbekenntnis in der Nähe eines circulus vitiosus: Die Existenz des Menschen ist der Beweis der Existenz Gottes, welcher wiederum den Menschen erst zum Beweis seiner Existenz geschaffen hat. Mensch ist, weil Gott ist und Gott ist, weil Mensch ist.

Das Bekenntnis der Christen

Und wie nun halten es die Christen? Ihr Glaubensbekenntnis ist mit dem der Juden und Muslime nicht zu vergleichen, denn bereits das nicäische Glaubensbekenntnis, das auf das Jahr 325 zurückgehen soll, beginnt mit dem Satz:

„Ich glaube an einen Gott, den allmächtigen Vater …“

Dieser Einstieg der christlichen Gläubigen in ihr Bekenntnis hat sich bis heute in dieser Form erhalten – und er verdeutlicht, dass die Christen tatsächlich im Gegensatz zu Juden und Muslimen Gläubige und nicht Wissende sind. Denn anders als die beiden ihnen verwandten Religionen betonen sie den Glaubenscharakter: Christen glauben, dass etwas ist. Wer aber glaubt, der weiß nicht. Und wer nicht weiß, der kann seine Zuflucht nur zum Glauben, nicht aber zum Wissen nehmen.

Gemeinschaften von Wissenden und Glaubenden

So kristallisiert sich allein aus diesen jeweiligen Einstiegen in das Bekenntnis dessen, was die Religionen als Formel zum Gottesbekenntnis bezeichnen, deutlich heraus: Eine Gemeinschaft von Gläubigen gibt es nicht bei den Juden und nicht bei den Muslimen – es gibt sie nur bei den Christen. Juden und Muslime hingegen bilden jeweils eine Gemeinschaft von Wissenden – und so können sie als Wissende nicht Gläubige sein.

Erkenntnis ohne Relevanz?

Ist das nun wortverliebte Haarspalterei – oder hat dieses über die theoretische Feststellung hinaus Relevanz?

Ich werde diese Frage hier vielleicht nicht abschließend beantworten, jedoch scheint mir ein fundamentaler Unterschied eklatant: Jenseits jeglichen klerikalen Alleinvertretungsanspruchs bis hin zur Häretisierung christlicher Glaubensbrüder erlaubt ein bloßes Glauben immer auch die Frage nach dem Wie, dem Woher, dem Was und dem Warum. Wer etwas glaubt, der erklärt, das zu Glaubende letztlich nicht zu wissen. Und er hat zumindest das Recht, wenn nicht die Pflicht, nach diesem Wissen zu streben.

Dem Glaubenden ist die Frage erlaubt, ob das, an was er glaubt, so ist, wie er es zu glauben meint. Das wiederum unterscheidet ihn vom Wissenden. Denn der ist dieser Frage enthoben. Wer weiß, der muss nach dem, was ist, nicht mehr fragen. Ganz im Gegenteil wäre diese Frage ein Verrat an sich selbst – denn sie wäre das Eingeständnis einer selbstbetrügenden Lüge.

Deshalb zumindest bezeugen Muslime nicht nur allein die Existenz ihres Gottes, sondern gleichzeitig auch die Existenz ihres Gottesgesandten. Das Zeugnis schließt jeglichen Zweifel, jede mögliche Frage nach dem Was, dem Woher, dem Warum und dem Wohin kategorisch aus.

Und die Juden? Wenn Sie sich zu ihrem Gott bekennen, dann befinden sie sich scheinbar in einer ähnlichen Situation wie die Muslime. Dennoch aber lässt ihre Religion ihnen eine Hintertür offen. Denn anders als das unentrinnbare Dogma des muslimischen Zeugnisses verharrt das mosaische Bekenntnis im Charakter einer Aufforderung. Der Jude selbst bezeugt mit seinem Bekenntnis nichts. Es ist vielmehr die Aufforderung eines wie immer auch zu verstehenden Anderen an ihn, etwas zu tun. Eine Aufforderung aber beinhaltet immer auch die Möglichkeit, sich dieser zu entziehen. So hat der Jude eben genau diese Möglichkeit und ist gefordert, dem Aufforderer bei aller Loyalität gleichsam beständig ein Schnippchen zu schlagen.

Wäre der Jude kein Jude, wenn er sich so verhielte? Doch, denn er bestätigt allein schon mit dem Versuch, sich der Aufforderung zu entziehen, grundsätzlich die Existenz dieses ihn fordernden Gottes. Wäre dem nicht so und wäre die mosaische Gottesexistenz für ihn irrelevant, so bestünde keine Notwendigkeit, sich über die Möglichkeit des Entziehens überhaupt Gedanken zu machen. Der Zweifel an der Absolutheit der Aufforderung des Bekenntnisses setzt die Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft der dieses Bekennenden zwingend voraus – und er eröffnet dem Bekennenden gleichzeitig die Möglichkeit, den Inhalt seines Bekenntnisses zu hinterfragen.

Und der Christ? So er sich unbeeinflusst von möglichen Herrschaftsansprüchen seines Klerus oder anderer, das Bekenntnis fehlinterpretierender Personen dem Christentum zuwendet, wird er nicht nur, er muss sein Leben lang ein Fragender bleiben. Denn er glaubt an etwas, von dem er zwar annimmt, dass es so sei – jedoch ist eine Annahme niemals ein Ersatz für einen Wahrheitsbeweis. Und das – siehe oben – soll sie auch nicht sein – sie darf es nicht einmal sein.

Gläubige, Ideologen und Parteigänger

Der Muslim ist daher kein Glaubender. Er ist ein Ideologe, dem die vorgebliche Wahrheit seiner Ideologie als derart unanfechtbar gilt, dass er sich selbst zum Zeugen seines Gottes aufwirft. Jede Frage nach dem Ob der Existenz des bezeugten Gottes und seines Gesandten muss so zum Verrat an der Ideologie werden, welcher die in dieser Ideologie niedergelegten Strafen nach sich zieht.

Doch auch der Jude ist kein uneingeschränkt Glaubender. Er ist vielmehr ein Parteigänger, der jedoch dem Glauben anhängt, sich den Anordnungen des existierenden Gottes durch Intelligenz entziehen zu können und diesen Glauben durch Handlung bestätigen kann.

Der Christ ist weder das eine noch das andere – er ist im eigentlichen Sinne ein Mensch auf der Suche nach seinem Gott, an dessen Existenz er glaubt ohne zu wissen, ob es sie tatsächlich gibt.

Konsequenzen

Hat diese feine, tief in den jeweiligen Religionskonzepten angelegte Differenzierung Konsequenzen? Ich denke, wir können diese Frage ohne Wenn und Aber mit einem Ja beantworten. Dieses Ja lässt sich vielleicht am besten aufzeigen, wenn wir unseren Blick unmittelbar auf das Christentum – oder besser: auf dessen Entwicklung – richten.

Das Christentum des Jesus von Nazareth startete als jüdische Erneuerungsbewegung. Heute würde man vielleicht von jüdischen Fundamentalisten sprechen, wobei dieses den Kern der Sache nicht unmittelbar trifft. Denn so sehr Jesus auch auf den Wegen seines jüdischen Gottes zu wandeln meinte, so waren insbesondere die Aspekte der Nächstenliebe, der uneingeschränkten Jenseitsbezogenheit und der damit verbundenen Absage an jegliche weltliche Macht eher die Ideen eines Mystikers. Ein Reformer im klassischen Sinne als jemand, der die Religion zurück zu ihren geschriebenen und ursprünglichen Inhalten und Zielen bringen wollte – das war Jesus nicht. Er selbst war jedoch auch alles andere als der Neubegründer einer Glaubensgemeinschaft – und schon gar nicht empfand er sich als leiblichen Sohn des einen Gottes. Diese Attribute wurden ihm erst später zugeschrieben.

So ist es wenig verwunderlich, dass die frühen Jesus-Anhänger eher ein Schattendasein fristeten. Für die traditionellen Juden waren sie abtrünnige Sektierer, für das herrschende Rom mit ihren – heute würden wir sagen: humanistisch-kommunistischen – Idealen eher eine Gruppe potentieller Aufwiegler, die die untersten sozialen Schichten des Volkes von der staatlichen Ordnung entfremden konnten.

Der Durchbruch kam mit Konstantin, unter dem eine auf römische Denkart angepasste Jesuslehre zur Staatsreligion wurde. In ihrer Suche auf dem richtigen Weg zu Gott und Jesus entwickelte sich eine Vielzahl von Vorstellungen – es entspricht dieses tatsächlich uneingeschränkt dem ursprünglichen Glaubensansatz: Es glaubte ein jeder Christ an Gott, aber es glaubte ein jeder auf seine persönliche Weise. Dieser Gott der Christen war ein Gott der Innerlichkeit – kein Expressionist.

Da jedoch mit einem Chor unterschiedlichster Glaubensvorstellung kein totalitärer Staat zu machen ist, betonierten die Konzilien seit Nicaea einen einzigen Weg des Glaubens als den allein richtigen – und verrieten damit letztlich ihr eigenes Glaubensbekenntnis, indem sie – ähnlich wie der Islam – den Glauben durch kategorisch behauptetes Wissen ersetzten. In der Rücksicht will es angemessen erscheinen, dem Christentum der Antike und des Mittelalters eine dogmatische Nähe zum ab dem siebten Jahrhundert auftretenden Islam zuzusprechen. Der Christ dieser Zeit durfte nicht mehr der Glaubende sein, der sich auf der ständigen Suche nach dem richtigen Weg zu seinem Gott befand, sondern er wurde zu jemanden, der sich zu dem dogmatischen Weg des Klerus zu bekennen oder um sein Leben zu fürchten hatte. Der Glaubende des Glaubensbekenntnisses wurde zum Bekennenden einer vorgeblichen Glaubenswahrheit.

Die Folgen waren fatal. Hatte die Vielgötterschaft der Antike dem Menschen den Ansporn gegeben, mit oder ohne seinen Gott oder seine Götter die Welt zu erkunden, so folgte in der europäischen Welt nun eine Phase der wissenschaftlichen Stagnation. Nicht mehr der Weg zu einem unbekannten Ziel stand nun im Mittelpunkt der geistigen Beschäftigung, sondern ein bereits bekanntes Ziel, zu dem es nur einen einzigen denkbaren und zulässigen Weg gab, bestimmte die Existenz. Für einen Glaubenden auf der Suche nach Gott war in diesem System kein Platz mehr.

Das Dogma und der islamische Fatalismus

Und dennoch sollte die im Kern des Konzepts des Glaubens verankerte Freiheit des Denkens den Weg freimachen können, um das klerikale Dogma zu überwinden.

Ist es vermessen die Behauptung aufzustellen, dass die Errungenschaften der Aufklärung nur möglich waren in einer Gesellschaft, die durch Glauben geprägt wurde? Ein Glaube, der unter dem weltlichen Machtanspruch eines den Glauben zum Dogma verkehrenden Klerus dennoch sein Kernelement der Suche nach dem richtigen Weg behielt und dem Einzelnen im Glauben die Tür offen ließ, nach den Inhalten seines Glaubens zu suchen und dabei auch Wege zu gehen, die das Dogma nicht zulassen wollte?

Wenn, wie im Weltbild des bezeugenden Muslim festgeschrieben, nichts ist, das nicht der Wille Gottes ist – welchen Sinn macht es dann noch, danach zu suchen? Gott Allah will es, also ist es. Ein Religionskonzept, das den Glauben durch das Bezeugen einer imaginären Wahrheit ersetzt, verliert den Suchenden, den Fragenden. Wenn die Antwort auf jede Frage bereits feststeht und es allein in Gottes Allmacht steht, sie dem Menschen zum richtigen Zeitpunkt zu offenbaren – dann bedarf es niemandes, der sich auf die Suche danach macht. Gott Allah will es, also ist es!

Die Feststellung, dass es kaum Nobelpreisträger islamischer Religion gibt, beruht so weder auf kolonialer Unterdrückung noch auf vorislamischen Traditionen. Es ist das Religionskonzept selbst, das den Forschenden aus der Gemeinschaft der Bezeugenden ausschließt. Denn wer forscht, der unternimmt den Versuch, Gottes Willen zu ergründen bevor Gott selbst gewillt ist, seinen Willen zu offenbaren. In einem System der Bezeugung eines allmächtigen und einzigartigen, allwissenden Gottes wird der Forscher letztlich zum Abtrünnigen. Gott allein entscheidet, wann er Erkenntnis und Wissen über die Menschen bringt – und wer danach trachtet, an dieser Gottesentscheidung etwas zu ändern, offenbart damit seine Zweifel an der Richtigkeit des göttlichen Willens. Mit diesem Zweifel nun wird er auch unfähig, die Existenz des Gottes als wahr zu bezeugen, weil er vom Wissenden zum Zweifelnden geworden ist.

Ohnehin: Wenn allein Gott zu jedem Zeitpunkt alles weiß, was gewusst werden kann; und wenn Gott allein es ist, der darüber zu entscheiden hat, ob und wann er dieses Wissen den Menschen geben wird, dann wird wissenschaftliche Forschung zum Überflüssigsten, was man sich überhaupt vorstellen kann. Denn kein Mensch wird Wissen schaffen können, so der Gott es nicht will. Das aber bedeutet auch: Wenn Gott es will, dann wird er Wissen den Menschen auch dann bringen, wenn sie sich nicht darum bemühen.

Der Mangel an islamischen Nobelpreisträgern liegt insofern ausschließlich im Islam selbst begründet. Die Idee, auf dem Weg zu Gott oder auch an Gott vorbei Wissen quasi zu erschleichen, ist der unmittelbare Widerspruch zum Konzept des Fatalismus.

Auf der Suche nach anderen Wegen

Wie aber ist nun zu erklären, dass es ausgerechnet Juden sind, die deutlich überproportional Nobelpreisträger in ihren Reihen begrüßen? Ist es das Ergebnis Jahrhunderte langer genetischer Selektion, die dieses bewirkt? Möglich, dass diese These, die mir ein befreundeter Haplogenetiker dereinst vorstellte, eine Ursache dafür ist. Vielleicht aber ist es auch viel einfacher – und findet ähnlich wie im Islam seinen Grund im Verhältnis des Juden zu seinem Gott.

Ich wies bereits darauf hin: Scheinbar ist das jüdische Glaubensbekenntnis ähnlich kategorisch wie das der Muslime. Aber eben nur scheinbar. Denn der Jude bezeugt nicht die Existenz seines Gottes – diese wird von ihm als Tatsache vorausgesetzt. Auf dieser Basis erhält er Anordnungen, an die er sich zu halten hat. Eben dieses aber eröffnet ihm den Raum, sich unterhalb der Ebene der Gottesexistenz im Rahmen dieser Order und selbst an dieser Order vorbei individuelle Freiräume zu schaffen. So wird der Anhänger des Judentums zu einem Individuum, das um die Existenz seines Gottes wissend unentwegt nach den Freiräumen fahndet, die dieses Wissen zur Erfüllung eines angenehmen Lebens zulässt. Es gilt, dem existenten Gott ein Schnippchen zu schlagen, das diesen immer nur so weit austrickst, dass es ihn nicht böse macht. Der Jude wird so von seinem Gott zu einem intelligenten Schelm gemacht – es ist die jiddische Chuzpe, die den Charakter jüdischer Witze prägt und die nicht nur das verschmitzte Verhältnis der Juden untereinander, sondern auch zu ihrem Gott beschreibt.

Kaum etwas gibt die Denkweise des Juden in seinem Glauben besser wieder als diese kleine Annekdote:

Ein Jude kommt zum Metzger, zeigt auf einen Schinken und sagt:
„Ich hätte gern diesen Fisch dort.“
„Aber das ist doch ein Schinken“
„Mich interessiert nicht, wie der Fisch heißt!“

Wie kann Gott etwas dagegen haben, dass ein Jude einen Fisch isst. Und was kann der Jude dafür, dass der Fisch „Schinken“ heißt? So kommt der Jude zu dem wohlschmeckenden Schinken, ohne gegen das Gebot seines Gottes verstoßen zu müssen.

Wer so von seinem Gott fast schon dazu gezwungen wird, beständig nach den kleinen und dennoch wirksamen Wegen zu suchen, mit denen sich der manchmal doch recht despotische und autoritäre Wille des Gottes umgehen lässt, der lernt es auch, in der Wissenschaft nach diesen kleinen, unscheinbaren, aber oftmals recht entscheidenden Wegen zu suchen. Muss darauf hingewiesen werden, dass er sie findet? Sicherlich nicht, denn sein Glaubensbekenntnis hat ihm seit nunmehr über zweieinhalb Jahrtausenden beigebracht, genau dieses zu tun. So wie er ständig daran arbeitet, seinen Gott ein klein wenig auszutricksen, so trickst er in der Wissenschaft das scheinbar unabwendbare aus. Und wird dadurch zum Forscher der zahllosen mehr oder weniger bedeutsamen Entdeckungen.

Im Glauben an Gott dessen Wege erkunden

Werfen wir nun den Blick erneut auf den Christen, so können wir feststellen, dass auch dessen Charakter ebenso wie sein Forschungserfolg von seinem Glaubensbekenntnis geprägt wird.

Der Christ ist nicht derjenige, der daran geht, seinem Gott ein Schnippchen schlagen zu wollen. Vielmehr arbeitet er sein Leben lang daran, seinem Gott näher zu kommen. Denn so sehr er auch glauben mag, Gott und dessen Willen zu kennen – es fehlt ihm die Gewissheit. Und so fragt der Christ, wenn er sich auf sein Christentum besinnt und das Dogma des Klerus überwindet, notwendig auch mehr nach den scheinbar großen Dingen als nach den kleinen Wegen. Selbst dann, wenn er sich als Atheist betrachtet, ist das Sinnen des christlich geprägten Wissenschaftlers beständig darauf ausgerichtet, seinen Gott und dessen Werk zu verstehen.

„Ich glaube an einen Gott, den allmächtigen Vater“ ist ein Auftrag. Es ist der Auftrag, ihm, dem Vater, näher zu kommen. Ständig mehr von ihm zu wissen.

So ist es kein Wunder, dass es christlich geprägte Europäer waren, die Vehikel auf den Weg in die Region entsandten, in der ihr Gott vorgeblich zu finden sein sollte. Es ist kein Wunder, dass es der christlich-anglikanisch geprägte Stephen Hawking ist, der sich aufmachte, das Phänomen der Zeit zu begreifen. Es ist kein Wunder, dass CERN ausgerechnet im Herzen des westlichen Europas steht. Denn ihnen allen gilt: Wie wohl könnten Menschen ihrem göttlichen Vater jemals näher sein als dann, wenn sie die Prinzipien dessen größter Leistung verstanden haben: Den Aufbau und den Ablauf des Universums.

In der Wissenschaft ein unschlagbares Team

Jude und Christ gemeinsam bilden so nicht nur in der Wissenschaft ein unschlagbares Team. Sucht der eine nach dem ganz großen Ziel, so weist der andere die Wege, wie dieses Ziel zu erreichen ist.

Hier liegt die simple Antwort auf die oben gestellte Frage, ob der Bezug auf das Glaubensbekenntnis mehr ist als wortverliebte Haarspalterei. Sie lautet schlicht und einfach: „Ja!“

Ich möchte die Antwort mit dem Bild des Berges verdeutlichen, der nicht zu Mohammed kommt, weshalb dieser zu dem Berg gehen muss, welcher wiederum nichts anderes ist als ein Symbol des Allmächtigen, der, als vom Muslim zu bezeugender, unverrückbar über dem Menschen thront.

Der Muslim beschreitet in der Bezeugung dessen, dass nur Allah die Macht hat, den Berg zu versetzen, tatsächlich unwidersprochen den Weg des Mohammed. Demütig schreitet er zum Berg und wird dort im Zweifel auf ewig verharren, denn Gott, der Berg, will es so.

Anders der Christ: Ohne dieses unzweifelhaft zu wissen glaubt er, dass der Berg ein Hindernis ist auf seinem Weg zu Gott – und so sinnt darüber nach, wie er den Berg versetzen kann, weil ihm dieses unvermeidbar scheint um seinem Gott näher zu kommen.

Und der Jude? Der beginnt damit, über Möglichkeiten nachzudenken, wie sich er und der Berg auf halbem Wege treffen könnten. Dabei den Berg abzutragen ist nicht sein vorrangiges Ziel – es sich selbst aber deutlich leichter zu machen, um zum Berg zu kommen, durchaus. So dieses nur zu erreichen sein sollte, indem der Berg abgetragen und versetzt wird, wird er nach sorgfältiger Güterabwegung dazu bereit sein. Vorausgesetzt selbstverständlich, dieser Weg ist weniger aufwendig als sich selbst zum Berg zu begeben.

Das jüdisch-christliche Gemeinschaftswerk der Aufklärung

Wenn es denn so ist – darf es uns dann noch verwundern, dass die Idee der Aufklärung, die scheinbar so gottlos ist, ausgerechnet im Westen Europas ihren Anfang nahm? Sicherlich nicht, denn sie ist trotz oder gerade wegen ihrer scheinbaren Gottlosigkeit das perfekte Ergebnis dessen, was geschieht, wenn sich Jude und Christ gemeinsam auf den Weg zu ihren Göttern, die vermutlich nur ein einziger sind, machen. Durch die Erkenntnis dessen, was beiden das Ergebnis der Allmacht des Gottes ist, kommen sie, indem der eine nach dem Weg zu Gott und der andere nach einem Weg vorbei an dessen Anordnungen sucht, gemeinsam diesem Gott ein Stückchen näher. Denn sie eint darüber hinaus die feste Überzeugung, dass die Erkenntnis selbst göttlich ist. Es ist für sie deshalb auch mehr als legitim, durch Teilhabe an dieser Göttlichkeit selbst ein wenig göttlicher zu werden – weshalb sie die Existenz des Göttlichen selbst dann zu beweisen suchen, wenn sie vorgeblich das genaue Gegenteil anstreben.

Mit dem bezeugenden Muslim jedoch ist dieser Weg nicht zu beschreiten, solange sein Bekenntnis das Zeugnis für die Wahrheitsunterstellung einer unbeweisbaren Wahrheitsvermutung bleibt. Denn er ist durch sein bekennendes Zeugnis bereits seinem Gott so nah, dass jede weitere Annäherung anmaßend wäre und den Zorn des Gottes gegen den Anmaßenden mit den von Gott angedrohten Höllenstrafen zwangsläufig hervorrufen müsste.

So geben diese Überlegungen an ihrem vorläufigen Ende sogar noch ungewollt eine Antwort auf eine Frage, die hier eigentlich weder gestellt noch gar beantwortet werden sollte: Die Frage, ob der Islam zu Deutschland – oder korrekter: Zum Abendland – gehört. Und diese Antwort lautet nein. Denn die fatalistische Bezeugung der Existenz Gottes durch das islamische Bekenntnis ohne jede Möglichkeit, sich diesem zu entziehen oder sich auf eine eigene Suche im Glauben zu machen, versperrt nicht nur den Weg zum Glauben, sondern auch den Weg zur modernen Wissensgesellschaft. Zum Abendland gehören kann das islamische Philosophiekonzept erst dann, wenn es sich von seiner kategorischen Bezeugung ebenso kategorisch verabschiedet und seinen Anhängern den Weg zu tatsächlichem Glauben freimacht.

©2015-0201 spahn/fogep

PS: Dank an WS für den sachdienlichen Hinweis i. S. Judentum.