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Neue Aspekte – Ein Geleitwort zu „Nomonhan 1939“

Mit der Schenkung des ihm unbekannten Sibirien an die Kaufmannsfamilie Stroganow leitete Iwan 4, der Schreckliche, im Jahr 1558 die europäische Kolonialisierung Nordasiens ein. Es war dieses die Zeit, in der Europa ansetzte, im wahrsten Sinne des Wortes den Globus zu übernehmen.
Die Spanier hatten nach der Wiederentdeckung des amerikanischen Kontinents ihren Vernichtungsfeldzug gegen die mexikanische Bevölkerung abgeschlossen und damit begonnen, den südlichen Halbkontinent zu überrollen. Gleichzeitig sicherten sich die Portugiesen ihre Brückenköpfe in Südamerika und auf den Seewegen nach Hinterindien.
Das kleine Holland stand kurz davor, in die vorderste Reihe der kolonialen Eroberer zu treten, England musste bis zur Vernichtung der spanischen Armada warten, um selbst die Führungsrolle auf den Weltmeeren zu übernehmen. Frankreich sicherte sich die Mündungen der großen Flüsse an der nordamerikanischen Atlantikküste, englische Aussiedler traten in unmittelbarer Nachbarschaft dazu in die Konkurrenz zu einheimischen Stämmen und Staaten.
Das Heilige Römische Reich, über Jahrhunderte die dominierende Macht auf dem europäischen Kontinent, schwächelte nicht nur angesichts der anhaltenden Expansion islamischer Türken auf dem Balkan und in Zentralsüdwesteuropa, sondern war mit den Folgen der Lutherschen Reformation derart beschäftigt, dass die wenigen Versuche überseeischer Stützpunktbildung kaum ins Gewicht fielen. Mit dem ersten wirklichen Weltkrieg im 17. Jahrhundert, der neben den Kriegsschauplätzen in den Kolonien maßgeblich auf deutschem Boden ausgefochten wurde, schied Deutschland aus den Reihen der imperialen Mächte für die folgenden rund 250 Jahre aus.
Und Russland? Die in Westeuropa immer als rückständig wahrgenommene Großmacht Osteuropas beteiligte sich nicht am Wettrennen um überseeische Stützpunkte und Ausbeutungsquellen. Warum auch. Es konnte seine kolonialen Interessen unmittelbar vor der eigenen Haustür befriedigen. Nach der Sicherung des Zugangs zur Ostsee gegen Schweden und das Großfürstentum Litauen und Polen standen in Europa nun ernstzunehmende Gegner bereit, deren Unterwerfung unendlich viel Mühe gekostet hätte.
Anders im Osten und Süden. Das Gebiet jenseits des Ural war dünn besiedelt. Die dort seit Ewigkeiten lebenden asiatischen Völker waren nicht staatlich organisiert – sie waren, wie die Steppenindianer oder später die Aborigins Australiens, keine Gegner. Im Süden, hinein in den islamisch geprägten Kaukasus und die zentralasiatischen Steppen, stellte sich die Situation etwas anders dar. Zwar waren die Mongolenreiche, die noch im Mittelalter Europa in Angst und Schrecken versetzt hatten, implodiert, doch waren die Tartaren ebenso wie die Kaukasier immer noch auf ihre Unabhängigkeit bedachte Stämme. Der russische Imperialismus sollte sie einen nach dem anderen entweder vernichten, vertreiben oder unterwerfen. Im Süden endete Russlands Kampf um Kolonien erst am massiven Widerstand der ebenfalls imperialistischen Türken. Im fernen Osten endete er jenseits der Beringsee. Russland stieg so – von seinen westeuropäischen Konkurrenten weitgehend unbemerkt – in die erste Liga der Kolonialmächte auf.
Während die Europäer ihre Kolonien entweder durch Unabhängigkeitsbestrebungen oder durch Erschöpfungskriege untereinander verloren, konnte Russland seine kolonialen Eroberungen nach Osten und Süden weitgehend erhalten und sie als Provinzen an das eigentliche Kernland angliedern. Der Vorteil eines interritorialen Kolonialreichs gegenüber einem exterritorialen liegt auf der Hand und sollte im einundzwanzigsten Jahrhundert dazu führen, dass als europäische Macht lediglich Russland noch als koloniales Imperium zu betrachten ist.
Doch auch die Expansion nach Osten verlief nicht gänzlich ohne Kampf. Erst mit China, dann mit Japan traten den Osteuropäern zwei asiatische Mächte entgegen, die – jede für sich und am Ende gegeneinander – vergleichbar kolonialen Charakter hatten wie das zaristische Russland. Während die Han-Chinesen in der Unterwerfung asiatischer Nachbarvölker sein der Antike erprobt waren und im ausgehenden neunzehnten sowie im zwanzigsten Jahrhundert eine Schwächephase zu überwinden hatten, wurde das seit dem Mittelalter in splendid isolation erstarrte Japan durch den Kapitalimperialismus der englisch geprägten Nachkommen der europäischen Kolonialisten Nordamerikas förmlich in seine Expansion gestoßen.
Als vielleicht bester Schüler Europas begannen die Söhne Nippons zum ausgehenden neunzehnten Jahrhundert mit der Kolonisierung der noch chinesisch dominierten Gebiete jenseits des Japanischen Meeres. Japan trat gleichsam das koloniale Erbe Chinas an und erhielt damit auch den Konflikt mit den osteuropäischen Imperialisten, der bis auf den heutigen Tag nicht beendet ist. Ging die erste Runde in diesem Konflikt unzweifelhaft an Japan, das 1904 und 1905 dem Zarenreich eine seiner vielleicht größten Niederlagen zufügte, so herrschte in den Jahren von 1922 bis 1945 ein Art Pattsituation des gegenseitigen Belauerns. Mit der Niederlage im pazifischen Krieg sah das nunmehr als Sowjetunion auftretende Kolonialreich Russland die Chance gekommen, frühere Verluste an Japan wett zu machen und annektierte in einem blutigen Feldzug mit über 8.000 Gefallenen auf sowjetischer Seite die 1905 an Japan abgetretene Südhälfte der nördlich Japans gelegenen Insel Sachalin ebenso wie die Sachalin vorgelagerten Kurillen, die im Sankt Petersburger Vertrag von 1875 völkerrechtlich an Japan gegangen waren, wohingegen sich seinerzeit die Russen die Hoheit über die gesamte Insel Sachalin gesichert hatten.
Es ist unnötig darauf hinzuweisen, dass weder bei der Festschreibung der Einflussgebiete 1875 noch bei der Abtretung 1905 und schon gar nicht bei der Besetzung 1945 die ortsansässige Bevölkerung nach ihren Wünschen und Vorstellungen gefragt wurde. Insofern bleibt die Feststellung richtig, dass all diese Vereinbarungen als fragwürdige Machtdurchsetzungen kolonialer Fremdherrschaft zu betrachten sind, wenngleich zumindest auf den Südkurillen unstrittig eine japanische Bevölkerung anzutreffen ist.
Zwar verzichtete Japan 1951 in einem Friedensvertrag auf Sachalin und die nördlichen Kurillen – die Frage der südlichen Kurillen blieb jedoch damals wie heute umstritten und stellt einen ständigen Reibungspunkt zwischen Russland und Japan dar.
Die hier erstmals veröffentlichte Abhandlung von Marcus Kurschus beschäftigt sich mit einem kurzen Zeitfenster und einem speziellen Aspekt des seit dem neunzehnten Jahrhundert währenden Kolonialkonflikt zwischen Russland und Japan, der angesichts der alles dominierenden Ereignisse der weltweiten Waffengänge zwischen 1939 und 1945 lange Zeit in den Hintergrund des Interesses gerückt war. Der Kampf um Nomonhan, der zeitgleich zu den Vorbereitungen des deutschen Überfalls auf Polen stattfand, ist nicht nur unter dem Aspekt der kolonialen Konkurrenz zweier Imperien, die sich auf fremdem Territorium um die Vormachtstellung streiten, interessant; er zeigt bereits zu diesem frühen Zeitpunkt Tendenzen der militärischen Kriegsführung auf, die in den Folgejahren maßgeblich zu Erfolg und Misserfolg aller Beteiligten am Weltenbrand beitragen sollten. Hinzu kommt der Aspekt der Interaktion der scheinbar verbündeten Mächte Deutschland und Japan. Wer sich mit der Abhandlung Kurschus‘ befasst, wird am Ende zu der Feststellung kommen können, dass der zwischen Molotow und Ribbentrop verhandelte Deutsch-Sowjetische Nichtangriffspakt in seiner Konsequenz ein entscheidender Beitrag zum Sieg der Roten Armee über die Deutsche Wehrmacht gewesen sein kann. Denn er signalisierte den scheinbar verbündeten Japanern die Bereitschaft der Deutschen, sich zu deren Lasten über die Interessen der Verbündeten hinwegzusetzen. Hätte Japan bei einem kriegerischen Konflikt 1939 nur erfolgreich sein können, wenn Deutschland im Westen Russlands eine zweite Front eröffnet hätte – ein Szenario, das zu keinem Zeitpunkt ernsthaft erwogen oder eingefordert wurde −, so zeigt der Ablauf der Geschichte, dass der deutsche Angriff auf die Sowjetunion letztlich auch deshalb scheiterte, weil nunmehr Japan nicht bereit und wohl auch nicht mehr in der Lage war, mit einer zweiten Front sowjetische Kräfte zu binden.
Da es in der Deterministik der Geschichte ein Was-wäre-wenn nicht gibt, ist es müßig darüber zu spekulieren, ob der Krieg von 1939 bis 1945 anders verlaufen wäre, hätten Deutschland und Japan die Sowjetunion bereits 1939 oder auch erst 1941 in die Zange genommen. Festzuhalten bleibt, dass der Pakt zwischen den beiden europäischen Diktatoren diese Möglichkeit verhindert hat. Ob dieses Stalin und seiner Camarilla in dieser Tragweite bereits 1939 bewusst war, muss dahingestellt bleiben.

© 2014 FoGEP/SPAHN

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Putins ungewolltes Signal an das Reich der Mitte

Wer sich ein wenig mit chinesischer Philosophie und Geschichte beschäftigt hat, wird schnell feststellen: Die Chinesen sind anders als andere Völker. Sie blicken zurück auf eine über dreitausendjährige Tradition, die ihnen das vermutlich zutreffende Gefühl vermittelt, das älteste Kulturvolk der Erde zu sein. Zeit wird so für sie zu einem relativen Begriff. So tief, wie sie über den Konfuzianismus mit ihren Ahnen und ihrer Tradition verbunden sind, so langfristig denken und planen sie in ihren Handlungen und Vorstellungen.

Die Kunst, über Generationen zu denken, bringt in gewisser Weise den chinesischen Widerspruch zu den Vorstellungen westlicher Demokratien hervor: Eine Staatsform, deren Denken in Etappen von vier oder fünf Jahren erfolgt, die sich kurzfristigen Strömungen und Befindlichkeiten unterwerfen muss, ist in ihrer Kurzatmigkeit das krasse Gegenteil der chinesischen Perspektive. So kam die Empfänglichkeit eines scheinbar auf die Ewigkeit gedachten, kommunistischen Politikideals nicht von ungefähr – auch wenn es unter der Ägide des Kulturvernichters Mao einen radikalen Bruch mit der konfuzianischen Tradition herbeiführen sollte. Doch längst ist das Regime, das in Peking in klassischer Tradition die Macht verteilt und die Unterlegenen im Kampf um die Macht in die Verdammnis schickt, eher weniger kommunistisch als vielmehr eine moderne Adaption konfuzianischer Vorstellungen.

Traditionell gehört zum Selbstverständnis der Chinesen auch, sich selbst als Führungsnation und Mittelpunkt der Erde zu begreifen. Das wurde deutlich, als in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Konflikt mit den Barbaren in Vietnam zu eskalieren drohte. Das prägt das Verhältnis zu dem kleinen verrückten Bruder auf der koreanischen Halbinsel. Und es zeichnet den ewig währenden Konflikt mit den ursprünglich aus chinesischen Regionen auf die vorgelagerte Inselwelt Japans ausgewanderten Konkurrenten.

Chinas Geschichte ist wie die anderer großer Nationen von Hochs und Tiefs gekennzeichnet. In klassisch-imperialistischer Politik unterwarfen die Han ihre Nachbarn, die daraufhin über die Jahrhunderte selbst hanisiert wurden. Der letzte entsprechende Gewaltakt war die Besetzung Tibets. Sie dauert unvermindert an und ist ebenso von der schleichenden Vernichtung der Kultur des einstigen Mehrheitsvolkes geprägt, wie es sich weiter nördlich im chinesischen Reich bei den turkmongolischen Uiguren zeigt. Im Grunde ihres Denken hätten die Chinesen aus ihrer Grundhaltung der kulturellen Überlegenheit heraus den russischen Raid over Krim folgerichtig positiv bewerten müssen.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille.

Die Langfristigkeit konfuzianischen Denkens schafft neben dem ausgeprägten Selbstbewusstsein weitere Bedingungen chinesisch-zivilisierten Zusammenlebens. Dazu gehört, dass geschichtliche Ereignisse anders als in Europa nicht in vergangene Epochen gelegt und vergessen werden, sondern einen prägenden, gleichsam präsenten Einfluss auf die Gegenwart nehmen.

Als im 17. Jahrhundert die russischen Konquistadoren im Amur-Becken auf die Chinesen trafen, bedeutete dieses für beide Völker eine Zäsur. Die bis dahin weitgehend ungehindert das nördliche Asien kolonisierenden Russen trafen hier erstmals auf einen ernst zu nehmenden Gegner, der ihrem imperialistischen Expansionismus Einhalt gebieten konnte. Die Chinesen wiederum, die sich bislang aus dem Norden ausschließlich von barbarischen Steppenmongolen bedroht gesehen hatten, waren plötzlich mit Europäern konfrontiert, deren Verhalten ihnen nicht weniger barbarisch vorkam wie das jener Mongolenstämme, die sie gedanklich durch eine Jahrhunderte währende, wechselvolle Beziehung gegenseitigen Herrschens und Beherrschens längst als Mitglieder der chinesischen Großfamilie verstanden. Es kam zu bewaffneten Auseinandersetzungen, die 1689 vorläufig endeten und mit dem Vertrag von Nertschinsk den Chinesen das Gebiet nördlich wie südlich des Amur zusprachen. Russland produzierte weiteren Druck und 1858 musste China angesichts seiner Schwäche im 19. Jahrhundert im Vertrag von Aigun der Abtretung der nördlich des Amur gelegenen Territorien an das Zarenreich zustimmen. Gleichzeitig wurde das Gebiet östlich des Ussuri – einem südlichen Nebenfluss des Amur – bis an den Pazifik unter gemeinsame Nutzung gestellt.

Schon zwei Jahre später – China hatte im Opiumkrieg eine schmerzliche Niederlage hinnehmen müssen – zwang Russland das Reich der Mitte dazu, auch die Äußere Mandschurei und damit jenes zuvor gemeinsam genutzte Gebiet zwischen Ussuri und Pazifk an den Zaren abzutreten. Aus Sicht des Kreml gehört dieses Land seitdem ebenso zum Russischen Reich wie heute wieder die Krim. Aus der – wenn auch nicht offiziellen – Sicht der Chinesen hat es keinen anderen Status als dereinst Hongkong oder Kiautschou.

Bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts hatte Russland auch den Vertrag von Aigun gebrochen und sein Territorium bis tief in die Innere Mandschurei erweitert. Die Zaren näherten sich in für die Chinesen bedenklicher Art und Weise der Hauptstadt Peking und schufen mit Dalian / Port Arthur am Gelben Meer einen Flottenstützpunkt, der die Nordküste Chinas beherrschen sollte. China war gezwungen, dem imperialistischen Expansionismus der europäischen Großmacht machtlos zuzuschauen, bekam jedoch insofern ungeliebte Flankenunterstützung, als dass das ebenfalls chinesische Gebiete okkupierende Japan in bewaffnete Konflikte mit Russland geriet. Mit dem Überfall auf Port Arthur 1904 und in der Schlacht von Tsushima 1905 vernichteten die Japaner erst die Pazifikflotte, dann die russische Hauptseemacht der Ostseeflotte. Auf dem Lande musste Russland in Mukden/Shenyang eine vernichtende Niederlage hinnehmen, wodurch Japan die Russen auf die Äußere Mandschurei zurückdrängen konnte und die Innere Mandschurei ungewollt den Chinesen erhielt.

Die Konflikte zwischen der asiatischen Kolonialmacht Japan und der europäischen Kolonialmacht Russland sollten bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts andauern und mit der Schlacht am Nomonhan 1939 fast in einen heißen Krieg münden. Mit der militärischen Niederlage Japans im Pazifikkrieg 1945 sicherte sich das nunmehr von Stalin beherrschte Russland den Süden der Insel Sachalin, welche die Äußere Mandschurei zum Pazifik hin abschirmt, sowie die südlichen Kurilen. Letzteres ist bis heute ständiger Streitpunkt zwischen Russland und Japan.

Nach dem Ende des Pazifikkrieges und dem damit einhergehenden Rückzug der Japaner verzichtete das nun Sowjetunion genannte, großrussische Kolonialreich nicht auf seine Versuche, seinen Einfluss nach Süden auszudehnen. In dem Kommunisten Mao schien sich ihnen ein perfekter Einstieg zu bieten, indem Russland gleichsam als väterlich-erfahrener, sozialistischer Freund den ideologisch nur wenig entwickelten Chinesen an die Hand zu nehmen gedachte. Mao war Konfuzianer genug um nicht vergessen zu haben, wie sich das russische Reich zu Lasten Chinas den Norden Asiens und die Pazifikküste angeeignet hatte. Ähnlich wie der Kroate und einzige echte Jugoslawe Josip Broz Tito wand er sich heraus aus der einnehmenden Umarmung Moskaus, was 1969 erneut zu bewaffneten Zwischenfällen am Ussuri und beständigen Scharmützeln am Amur führte.

Der Blick auf die gemeinsame Vergangenheit zwischen Russland und China macht deutlich, dass hier eine große Menge explosiven Materials nur provisorisch überdeckt ist. Für Russland ist die Äußere Mandschurei ebenso wie das Nordufer des Amur unveräußerlicher Teil seines Imperiums. Hinzu kommt, dass es den derzeit selbständigen Staat Mongolei als sein gottgegebenes Einflussgebiet betrachtet und nicht wenige Russen immer noch auf den eisfreien Hafen Port Arthur blicken.

Für China hingegen mögen die Grenzziehungen vertraglich geregelt sein, doch es steht für Peking ebenfalls außerhalb jeder Frage, dass sowohl die Äußere Mandschurei bis zum Pazifik ebenso wie das Gebiet nördlich des Amur bis weit über Chabarowsk hinaus ureigenste, chinesische Territorien sind.

Dennoch gilt – auch das ist eine Folge des Konfuzianismus – für die Chinesen ein grundsätzliches Gebot der Vertragstreue. Sie haben sich trotz der Schmach des Opiumkrieges an den aufgezwungenen Vertrag zur Verpachtung Hongkongs gehalten. Und sie haben ebenso selbstverständlich vom Vereinigten Königsreich erwartet, dieses Territorium nach dem Ende des Pachtvertrages zu verlassen. Die Chinesen können dieses, weil sie in der langen Zeit ihrer Zivilisation gelernt haben, über Generationen hinweg zu denken. Der Enkel wird zu einer Vereinbarung seines Großvaters stehen, gleich aus welchen Gründen diese dereinst abgeschlossen wurde. Er wird vereinbarte Ansprüche wortgetreu erfüllen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Daraus ergibt sich im Verständnis der Chinesen eine sehr einfache und ebenso logische Konsequenz. Verträge sind nur abzuschließen mit Partnern, die bereit sind, die Regeln konfuzianisch-chinesischer Zivilisation zu erfüllen. Wer geschlossene Verträge bricht, definiert sich damit – ob gewollt oder nicht – als unzivilisierter Barbar. Die Russen, die es in der Vergangenheit gegenüber China nie sehr ernst genommen hatten mit den zwischen beiden Staaten geschlossenen Verträgen und die mit ihren Vorstößen bis an das Gelbe Meer den Beweis geliefert hatten, dass sie ähnlich gefährlich sind wie dereinst die Mongolenheere, wurden in China seit jenem ersten Treffen in den vierziger Jahren des 17. Jahrhunderts mit Argwohn betrachtet.

1994 hatte Russland der Ukraine im Gegenzug auf ihren Verzicht auf Atomwaffen die territoriale Integrität zugesichert. Mit seinem Raid over Krim hat nun Putin erneut den Beweis erbracht, dass Verträge mit Russland das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben stehen. Die Chinesen haben dieses aus scheinbar großer Entfernung mit dennoch größtem Interesse beobachtet. Denn die Krim ist aus dem Blickwinkel Pekings auch die äußere Mandschurei ebenso wie die Äußere Mongolei. In gewisser Weise ist für China die Krim selbst Sibirien. Chinas Betrachtung der Anwesenheit des Europäischen Barbarenreichs im Norden des asiatischen Kontinents ist und bleibt das eines ungebetenen Eindringlings.

Die chinesische Überzeugung, in den Russen unzivilisierte Barbaren vor sich zu haben, hat spätestens mit dem ukrainischen Vertragsbruch Putins so etwas wie einen letztnotwendigen Beweis erhalten, was von diesen Nachbarn zu halten ist. Zeichnete sich schon das Zarenreich durch beständigen Vertragsbruch aus und war der Imperialismus des Sowjetreichs trotz ideologischer Nähe nicht zu übersehen, so hat nun auch das postsowjetische Reich der Russen seine Tradition im Vertragsbruch unter Beweis gestellt.

Wie sehr Chinas Politik auf diese Feststellung bereits unmittelbar reagiert hat, zeigte sich bei der letztlich unverbindlichen Verurteilung des russischen Vorgehens auf der Krim durch die UN. Anders als früher, wo China in gemeinsamer Front mit Russland gegen die USA stand, enthielt es sich nun der Stimme. Wer die Symbolik chinesischer Gesten zu deuten weiß, hat verstanden: Hier hat jemand deutliche Distanz dokumentiert. Das ist bedeutsam umso mehr, als beispielweise der Überfall auf Tibet in annähernd jeder Hinsicht ähnlich zu beurteilen ist wie Russlands Vorgehen auf der Krim.

Damit aber nicht genug. Wenn Russland den erneuten Beweis erbringt, dass es sich an keinen Vertrag gebunden fühlt – welchen Wert haben dann die Verträge, die seit dem 17. Jahrhundert zwischen Russland und China vereinbart wurden?

Muss nicht China davon ausgehen, dass ein übermächtiges Russland wie zuletzt im vorletzten Jahrhundert jede sich bietende Chance nutzen wird, um erneut bis an das Gelbe Meer vorzudringen? Wenn koloniale Eroberungen des vergangenen Vierteljahrtausends das Argument dafür liefern, dass ein Landstrich für alle Ewigkeit russisch ist, dann bedeutet dieses für China auch, dass Russland seinen Anspruch auf Port Arthur nie aufgegeben hat.

Umgekehrt aber hat Putin den Chinesen ungewollt das Argument geliefert, im Zweifel bis an das Nordmeer vorzudringen. Denn wenn die Ukrainer ein russisches Brudervolk sind und die Russen auf der Krim das Argument für eine völkerrechtswidrige Annexion liefern – was sollte China davon abhalten, sein mandschurisches Gebiet als unveräußerlichen Teil des Reichs der Mitte heim zu holen? Und sind nicht die Sibierer allemal asiatischer als die europäischen Russen? Nicht zuletzt: Wo endet der traditionelle Anspruch eines Staates, der Mongolen, Chinesen und Tibeter als Mitglieder ein und desselben Volkes definiert?

China hat die erste Konsequenz in Windeseile gezogen und sich bei dem Besuch seines starken Mannes in Westeuropa deutlich an die westlichen Gegner Putins angenähert. Das sind noch keine Signale in Richtung eines Zweifrontenkrieges, über den China im Ernstfall nachzudenken bereit sein könnte. Aber – zum wiederholten Male – Chinesen denken über Generationen. Sollte es zu einem erneuten Konflikt zwischen den Europäern kommen, so ist China heute deutlich besser darauf vorbereitet, als es dieses vor hundert Jahren gewesen ist. Ein dann taumelndes Russland und ein mit Russland beschäftigtes Resteuropamerika könnte schnell den Anlass bieten, das Reich der Mitte bis an die Arktis auszudehnen. Dem Rohstoffhunger der aufsteigenden Nation käme das gut zu pass.

Doch auch ohne dieses Szenario hat China die Lektion begriffen. Der chinesische Anspruch auf seine zwangsabgetretenen Territorien im Norden Asiens ist aktueller denn je. Irgendwann wird sich China diese Gebiete zurückholen. Wenn nicht in dieser Generation, dann in der nächsten. Oder in der übernächsten. Das ist für China spätestens seit der Krim-Annexion ebenso klar wie die Tatsache, dass Taiwan irgendwann wieder uneingeschränkt Teil des Reiches sein wird. Auch ohne den Einsatz von Waffen.

Vielleicht sogar hat Putin mit seinem kurzentschlossenen Handeln die Chinesen und die Japaner einander näher gebracht. Denn bei allen Gegensätzen eint beide Völker die gemeinsame Front gegen den europäischen Eindringling.

Und Putin selbst? Er, der Leningrader Straßenjunge, hat mit seinem Zar-Peter-Blick auf Ostsee und Schwarzes Meer völlig übersehen, welch ein mächtiges und von Russland wiederholt gedemütigtes Volk im fernen Südosten des Imperiums an den Grenzen steht. Ein Volk, das nun schon seit 300 Jahren darauf wartet, seine abgezwungenen Gebiete zurück zu führen. Und das auch noch weitere 300 Jahre warten kann, bis es so weit ist. Das aber auch in der Lage wäre, bereits morgen neue Tatsachen zu schaffen, wenn der russische Bär sein Gleichgewicht verlieren sollte. Der Ablaufplan für eine Wiedervereinigung Chinas mit seinen verlorenen Nordterritorien ebenso wie die Argumentation, mit der dieses der Welt zu erklären wäre, falls dieses sich überhaupt als notwendig erweisen sollte, ist den Chinesen von Putin in diesem März 2014 frei Haus geliefert worden.

So deutet vieles darauf hin, dass Putin eine Büchse der Pandora geöffnet hat, die ihn und seinem Reich mittelfristig viel mehr kosten wird, als der kurzfristige Gewinn der Krim jemals einzubringen in der Lage sein wird.

© 2014 Spahn/FogEP

Nachtrag

Zum Japanisch-Russischen Konflikt bei Nomonhan ist im FoGEP-Verlag das folgende eBook erschienen:

http://www.beam-ebooks.de/ebook/82992