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Spitzwege aus dem Kopf eines Bürgerlichen

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Ab sofort im Handel oder direkt beim Verlag:

Spahns SpitzWege aus dem Kopf eines Bürgerlichen.

28 Essays und Lyrik zu überwiegend zeitkritischen und politischen Themen in der Tradition des Bürgertums.

Band 1 – 14,80 € Paperback

Editoral : SpitzWege aus dem Kopf eines Bürgerlichen
Von Winnetou zu Obama
Bill Bush : Der Putin ist ein großer Mann
Bill Bush : Der Putin ist ein kleiner Wicht
Putin – Mensch und Macht
Bill Bush : Hübsch aufgepeppt und hochgespritzt
Bill Bush : Der Sarkozy ist ein Enfant
Reden und Schweigen
:edathy
:gegonos edathy
:tragodia edathy
Relativierungen
Putins ungewolltes Signal an das Reich der Mitte
Bill Bush : Spießbürger Fritz
Bill Bush : Ganz tief im Herz von Afrika
Die Rückkehr der westfälischen Friedensphilosophie
Plädoyer für eine neue Militärstrategie
Russlands Weg nach Osten
Faschismustheorie und der faschistische Totalitarismus
Die Leistungsfiktion im modernen Wohlfahrtsstaat
Schimpansen, Bonobos und Homo Sapiens
Bill Bush : Der Türkensultan Erdogan
Bill Bush : Hoch oberhalb des Bosporus
Von Tautologien und Oxymora
Ein Abschied
„Bündnisverteidigung ist Landesverteidigung“
Wir . Drei Sätze
Liberal oder libertär?
Es geht ein Jahr

Aufstand des Islam – Kampf gegen den Humanismus

Anmerkung: Dieser Text entstand 2006 und wurde bislang als eBook mehrtausendfach abgerufen. Angesichts der aktuellen Situation soll er hier nun ebenfalls zu lesen sein. Er wird unverändert übernommen – auch wenn ich heute nicht mehr von „Islamismus“ sondern von „radikalem Islam“ sprechen würde – tsp 10.01.2015

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Im Januar 2006 ging eine Welle der Entrüstung durch die islamischen Länder. Offizieller Grund: Die Verletzung religiöser Gefühle durch islam-kritische Karikaturen.
Tatsächlich steht hinter der fanatisierten Aufregung jedoch ein anderes Ziel: Das Ende der aufgeklärten Gesellschaft – nicht nur in der islamischen Welt.

Viel wurde geschrieben über die Empörung, die in islamisch-geprägten Staaten mit mehrmonatiger Verspätung über mehr oder weniger gelungene Karikaturen Ende Januar des Jahres 2006 ausbrach.
Manche der westlichen Reaktionen auf den religiösen Fanatismus waren gespeist von unterwürfiger Gutmenschelei: Ja, so war zu hören, die Karikaturen würden die Gefühle der Moslems verletzen, ja, man hätte sie nicht veröffentlichen dürfen, ja, man könne die Erregung verstehen, schließlich stünde selbst im säkularen Deutschland die Verunglimpfung von Religion unter Strafe – so beispielsweise der jedweder Religionsbindung unverdächtige, ehemalige SPD-Generalsekretär Klaus-Uwe Benneter.
Andere Beobachter gingen etwas weiter in die Tiefe.
So folgte der Hinweis darauf, dass es in den islamischen Staaten an der Tagesordnung sei, andere Menschen und Religionen – allen voran die Juden – nicht nur in Karikaturen – und eben auch nicht nur – zu verunglimpfen.
Niemand, so einige Kommentatoren, könne sich daran erinnern, dass deswegen tausende fanatisierte Menschen protestierend auf die Straßen gegangen seien und Botschaften angezündet hätten. Von der Gefahr, hier könne sich Huntingtons Kampf der Kulturen anbahnen, war die Rede.
In der internationalen Politik folgten die obligatorischen Erklärungen – man teile die Entrüstung, appelliere aber an die Friedlichkeit der Proteste.

Die Vorgeschichte

Ursache des Aufstandes? Die dänische Tageszeitung „Jyllands Posten“ hatte im Herbst des Jahres 2005 Karikaturen veröffentlicht, in denen arabisch anmutende Terroristen als “das Gesicht Mohammeds” dargestellt wurden. Einige dänische – oder in Dänemark lebende – Moslems fühlten sich davon beschwert – und beschwerten sich bei dänischen Regierungsvertretern. Dort blitzten sie ab.
Zu Recht. Denn was, so muss sich der aufgeklärte Mitteleuropäer fragen, haben staatliche Institutionen mit in unabhängigen Medien veröffentlichten Karikaturen zu tun? Nichts! So zumindest lautet die Antwort, so weit es sich bei den Inhalten der Karikaturen nicht um eindeutig nachweisbare Straftatbestände wie die Aufforderung zum Mord oder die Herabwürdigung von Menschen handelt.
Die karikaturistische Darstellung Mohammeds als Terrorist mag von Moslems als Beleidigung ihres Propheten empfunden werden – faktisch aber ist sie in einem laizistischen Staat kein Straftatbestand. Sie ist legitimiert durch die Freiheit von Meinung, Presse und Kunst.

Kampf gegen die Freiheit

Folgerichtig sahen die Regierungsstellen in Dänemark keinen Handlungsbedarf – und die Beschwerdeführer wandten sich an die Gerichte – im säkularen Dänemark wiederum ohne Erfolg. Immerhin aber ein gangbarer Weg, mit dem es im laizistischen Staat sein Bewenden hätte haben müssen. Zu denken geben muss jedoch allein schon die Tatsache, dass Vertreter der in Dänemark lebenden Moslems sich in Sachen Karikaturen zuerst direkt an die politische Exekutive gewandt haben.

Ein anderes Staatsverständnis

Denn dahinter steht nicht das freiheitliche Staatsverständnis der europäischen Demokratien, sondern das Denken in den Dimensionen des Obrigkeitsstaats. Nur ein solcher wäre in der Lage, der Presse Veröffentlichungsregeln aufzuerlegen, wenn diese nicht von sich aus sich zur Selbstzensur in der Lage zeigt.
Fazit: So sehr eine solche Feststellung gegen den politisch korrekten Mainstream einer multi-kulturellen Gesellschaft verstoßen mag – jene in Dänemark lebenden, sich beschwert fühlenden Moslems teilen offenkundig einige Grundelemente christlich-abendländischer Demokratie-Tradition nicht. Maßgeblich zu nennen sind die Freiheit und Unabhängigkeit der Presse sowie die strikte Trennung von Staat und Religion.
Nun gut, mag man sich beruhigen, auch in der Welt mächtigster und sich als freiheitlichste empfindender Demokratie, den Vereinigten Staaten von Amerika, gibt es religiöse Eiferer, die beispielsweise die Aufgabe des Staates darin erblicken, die Lehre der längst als wissenschaftliche Erkenntnis belegten Evolutionstheorie zu untersagen – weil diese angeblich im Widerspruch zum Wortlaut der Bibel stehe.
Insofern hätte der dänische Vorgang damit abgeschlossen sein können – doch statt dessen sahen sich besagte Islam-Anhänger genötigt, ihre Beschwerde unmittelbar im islamischen Geltungsbereich vorzutragen und beispielsweise ägyptische Geistesgelehrte einzuschalten.

Der Koran: Nicht zuständig

Doch auch dort fiel die erste Reaktion eher verhalten aus. Dieses mag gute Gründe haben, die nicht zuletzt im Koran selbst begründet sind.
Denn: Anders als seinerzeit die Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie ist ein Glaubensurteil gegen Nicht-Moslems in der Regel nicht vorgesehen. Naheliegend, denn auch dem Islam ist bewusst, dass Religionsgesetze nur Anwendung finden können auf Bekenner der Religion. Salman Rushdie ist Moslem, und als er nach Auffassung islamischer Glaubensgelehrter den Islam beleidigte, fiel dieses in die Zuständigkeit islamischer Rechtsgelehrtheit. Der dänische Karikaturist aber ist ein in einer christlichen Gesellschaft aufgewachsener Atheist. Und als dänischer Nicht-Moslems fällt er kaum unter die Gerichtsbarkeit islamischer Glaubenslehre.
Mehr noch als die Anrufung der Exekutive offenbart dieser Schritt des Protest-Exports jener in Dänemark lebenden Moslems jedoch einen tiefen Graben zwischen christlich-abendländischem Staats- und Gesellschaftsverständnis und den Anschauungen eben jener Moslems.

Kein Loyalitätskonflikt

Eine maßgebliche Ursache dafür liegt in der Identitätsbildung des Menschen – und damit in der Wertigkeit unterschiedlicher Identitätsebenen im Bewusstsein des Individuums.
Für besagte in Dänemark lebenden Moslems ist ihre islamische Identität – und damit in der Konsequenz auch ihre islamische Loyalität – offenkundig höherwertiger als ihre dänische. Und das unabhängig davon, ob sie als dänische Staatsbürger durch ihr Vorgehen ihre Loyalitätspflicht gegenüber dem eigenen Dänemark verletzt haben oder als Gäste des dänischen Gemeinwesens mit anderer Staatsangehörigkeit zu akzeptieren gehabt hätten, dass die dänischen Spielregeln des staatlich-gesellschaftlichen Zusammenlebens nicht unbedingt identisch mit ihren eigenen oder denen ihrer Heimatländer sein müssen.
Dem europäisch geprägten Betrachter allerdings sei gesagt: Dieses ist innerhalb islamischer Logik kein Loyalitätskonflikt, denn in der islamischen Glaubenslehre spielt der Staat tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle.
Das moderne europäische Staatsverständnis beruht auf Selbstbestimmung und Nation. Beides ist ohne die humanistische Aufklärung des Abendlandes und der daraus folgenden Ablösung des Primats der Religion undenkbar.

Islam ohne Aufklärung

Hier aber liegt ein entscheidendes Problem, das die Europäer – und mit ihnen die europäisch-geprägten Amerikaner – nicht zur Kenntnis nehmen: Die Aufklärung ist ein Phänomen des Christlichen Abendlandes.
Im Islam hat es eine der christlich-abendländischen Aufklärung vergleichbare, gesellschaftliche Entwicklung bis zum heutigen Tage nicht gegeben. Und es liegt auf der Hand, dass jene islamischen Kräfte, die als islamistische Politiker davon unmittelbar profitieren, wenig Interesse haben, einer islamischen Aufklärung Raum zu geben.
Wie tief dieser kulturelle Graben ist, zeigt sich nicht zuletzt in der Empörungsmaschinerie – durch interessierte Kreise in der islamischen Welt gezielt entfacht, als man sich der Instrumentalisierbarkeit des mittlerweile zum „Karikaturenstreit“ mutierten Protestes als scheinmoralische Keule gegen den Westen bewusst wurde.

Der Westen hält still

So erregte sich niemand – weder in Europa und erst recht nicht in der islamischen Welt – darüber, dass indonesische Protestierer Plakate mit sich führten, auf denen europäisch anmutenden Gesichtern mit asiatischen Krummdolchen die Kehlen durchgeschnitten wurden und das Blut in alle Himmelsrichtungen spritzte.
Niemand erregte sich darüber, dass in Teheran und anderswo Strohpuppen, die den dänischen Ministerpräsidenten darstellen sollten, verbrannt wurden – im christlichen Abendland wurde die Ketzerverbrennung erst durch die Aufklärung in Frage gestellt.
Kaum der Beachtung fand man es wert, dass in Peshavar der örtliche Gouverneur die Bestrafung des Karikaturisten als Terrorist einforderte – als hätte jener in New York, Madrid, London und anderswo Zigtausende unschuldiger Menschen ermordet.
Das Verbrennen von Staatsflaggen – diesmal traf es vorrangig Dänemark und Norwegen – wird im aufgeklärten Westen ohnehin eher als Randnotiz wahrgenommen.
So absurd es klingen mag: Dieses offenkundige Desinteresse der aufgeklärten Europäer an jenen Exzessen offenbart gleichzeitig eine moderne Form des Rassismus. Denn es scheint uns Europäern völlig normal, dass die Völker des Islam derart mittelalterlich-anachronistische Verhaltensweisen an den Tag legen. Und wir tun damit zwangsläufig jenen Unrecht, die als gläubige Moslems sich der Notwendigkeit einer islamischen Aufklärung durchaus bewusst sind.
Die Diskrepanz im Denken brachte ein zufällig gefilmter Protestierer auf den islamistischen Punkt:
„Wir geben unser Blut für Allah und Mohammed!“.
… wann zuletzt hat ein Europäer gerufen:
„Wir sterben für Gott und Jesus“?

Wenn das Gleiche geschähe …

Was wohl geschähe, wenn in Berlin empörte Deutsche auf die Straße gingen und das grüne Banner des Islam anzündeten?
Was geschähe, wenn in Kopenhagen geschmähte Dänen eine Strohpuppe mit dem Antlitz des iranischen Präsidenten abfackelten?
Was geschähe, wenn in Paris aufgebrachte Franzosen Plakate in die Kameras hielten, auf denen einem Asiaten die Kehle mit dem Bayonett durchgeschnitten würde?
Unabhängig davon, dass dem aufgeklärten Europäer allein diese Vorstellung gänzlich absurd vorkommen muss und selbstverständlich sofort Rassismus und Fremdenfeindlichkeit angeprangert worden wäre – käme es dazu, wäre der Aufschrei des Entsetzens in den islamischen Regionen voraussichtlich noch unüberhörbarer als angesichts der Karikaturen-Empörung.
Gleichzeitig aber würde man diese Sprache besser verstehen als abstrakte Exkurse über Menschenrecht und Pressefreiheit.

Ein multiples Dilemma

Europäer und Amerikaner stehen vor einem multiplen Dilemma. Nicht nur, dass sie die aufgebrachten islamischen Massen nicht verstehen können. Sie wissen letztlich auch nicht: Wer sind unsere Partner, wenn wir den Dialog der Kulturen einfordern?
Jene hysterisch-psychopathischen Massen, die nach dem Blut der Gotteslästerer rufen, um die gedachte Ehre eines vor fast 1400 Jahren verstorbenen Religionsstifters zu retten?
Jene, für die der Tod des Individuums vernachlässigbar ist angesichts der Ehre ihres Gottes?
Jene, denen Gottes Reich auf Erden allemal höherwertig erscheint als jedwede Errungenschaft aufgeklärter Zivilisation?
Die christlich-abendländische Kultur steht vor einem unlösbaren Problem: Die Diskrepanz zwischen jenen fanatisierten Massen und dem aufgeklärten Europäer ist im traditionellen Dialog nicht zu überwinden. Warum? Es gibt keine gemeinsame Sprache!
Die Sprache des aufgeklärten Europäers ist geprägt von der Freiheit, Selbstbestimmung und Unversehrtheit des Individuums.
Nicht zuletzt zwei katastrophale Kriegsphasen und die damit einhergehende Menschenverachtung von Holocaust über Gulag bis Flächenbombardement haben es uns gelehrt: Weder dogmatische Religion noch politische Ideologie dürfen das Handeln des Menschen prägen.
Die Sprache des im humanistischen Sinne unaufgeklärten Moslems dagegen ist geprägt vom Primat der Religion. Individuum und Staat haben sich diesem Primat unterzuordnen. Seine Sprache entspringt folglich dem Dogma und – im islamistischen Extremfalle – einem politisch-instrumentalisierten Religionsabsolutismus.

Keine gemeinsame Erfahrung

Das europäische Handeln der Gegenwart ist geprägt von der Erfahrung einer selbstzerstörerischen Vergangenheit.
Das Trauma der kollektiven Selbstzerstörung, das die Europäer zur dauerhaften Friedfertigkeit bekehrt zu haben scheint – kein Araber, Indonesier oder Belutsche kann damit etwas anfangen.
Die bei uns so genannten Weltkriege sind aus der Sicht der islamischen Völker nichts anderes als der Kampf zwischen verhassten, christlichen Kolonialmächten.
Am Ende dieses Kampfes der kolonialen Imperien stand die zweite Befreiung der islamischen Nation vom Joch der christlichen Fremdherrschaft – von Marokko bis Indonesien, von Kasachstan bis Kenia.
Im arabisch-islamischen Verständnis der Gegenwart ist das durch abendländisch geprägte Juden gegründete Israel nicht die legitime Heimstatt eines einst von dort vertriebenen Volkes, sondern eine letzte Bastion der fränkischen Kreuzritter im Heiligen Land. Wenn der iranische Präsident den Holocaust als Lüge bezeichnet, dann einzig und allein deshalb, um so dem Staat Israel die aus seiner Sicht letzte, mögliche moralische Legitimation zu entziehen.
Die Interventionen von Amerikanern, Europäern und Russen in islamischen Ländern wie Afghanistan, Tschetschenien und dem Irak werden als christlich-koloniale Unterdrückung begriffen. So bleibt dem bildungsfremden Moslem auf der Straße auch die christlich-abendländische Bezeichnung „Terrorist“ in ihrem Sinngehalt fremd: Für ihn sind Selbstmordattentäter Kämpfer für die Freiheit der islamischen Nation. Selbst wenn er als denkendes Individuum den Massenmord an Unbeteiligten, an Frauen und Kindern nicht aus vollem Herzen begrüßen sollte: Jegliches menschliche Handeln ist vom göttlichen Willen vorbestimmt und das Individuum kann keine von Gott nicht gewollte Handlung vornehmen – so will es die islamische Lehre.
Was anderes als Instrumente ihres Gottes sind dann Selbstmordattentäter oder Massenmörder im Namen Allahs, wenn Allah sie nicht an diesem Tun hindert?

Eine andere Gedankenwelt

Die Gedankenwelt des islamischen Fanatikers steht insofern derjenigen des christlichen Kreuzritters näher als der des aufgeklärten Europäers. Wie wohl hätte der fanatisierte, christliche Gotteskrieger des 11. Jahrhunderts reagiert, hätte sein islamisches Gegenüber ihn zum friedlichen Dialog aufgefordert? Vermutlich hätte er ihm das Schwert durch die Brust gerammt und im Namen seines Gottes die bedingungslose Herausgabe der geschändeten Heiligtümer in Jerusalem und anderswo eingefordert.
Wenn dennoch intellektuelle Nahost-Experten und europäische Islamwissenschaftler den friedlichen Dialog der Kulturen einfordern, so verkennen sie letztendlich die Wirklichkeit der islamischen Straße. Ihre Ansprechpartner sind Intellektuelle und westlich geprägte Eliten, mit denen ein friedlicher Dialog ebenso selbstverständlich wie ein friedliches Zusammenleben möglich ist. Aber: Repräsentieren diese Eliten tatsächlich die Angehörigen der Völker, mit denen der Dialog zu führen wäre?

Demokratie stärkt den Islam

Damit nicht genug. Das abendländische Dilemma greift noch tiefer. Seit dem Ende dessen, was wir als Zweiten Weltkrieg bezeichnen, sind in zahlreichen ex-kolonialen Ländern westlich geprägte Eliten durch islamistisch geprägte ersetzt worden. Allen voran der Iran, dessen politische Herrschaftsschicht heute von westlichen Idealen weiter entfernt ist als je zuvor.
Die Forderung nach demokratischen Wahlen und entsprechend gewählten Regierungen hat sowohl im Irak als auch in Palästina vorrangig den islamisch geprägten Kräften – von westlichen Kommentatoren häufig gänzlich unsinnig als Konservative bezeichnet – gedient.
Was sollte die palästinensische Hamas bewegen, den „Kreuzritterstaat Israel“ anzuerkennen, wenn das bedeutet, den Anspruch auf die bis 1948 islamisch geprägten Gebiete zwischen Mittelmeer und Jordan aufzugeben?
Was sollte den iranischen Präsidenten bewegen, seine national-islamischen Phantasien aufzugeben, wenn dieses für ihn nichts anderes bedeutet, als einem neuen, christlichen Kolonialismus Tür und Tor zu öffnen?
Was sollte die irakischen Schiiten davon abhalten, einen gottgefälligen Staat zu etablieren, wenn jene, die sie vom Joch der verhassten sunnitischen Glaubensbrüder befreiten, das Land verlassen haben?
Wir sollten uns nichts vormachen: Wirklich freie Wahlen in anderen islamisch geprägten Staaten würden zu ähnlichen Ergebnissen führen.
Warum? Weil die Forderung westlicher Politiker nach Zwangsdemokratisierung islamischer Staaten absurd ist, solange demokratisches Denken in den Völkern selbst keine Basis hat.
Die Demokratie, so wie die Europäer sie heute verstehen, ist mehr als die Selbstbestimmung eines Volkes über seine politische Elite. Denn das für sich allein würde bedeuten, einer – relativen – Mehrheit das Recht zu geben, Minderheiten im Namen der Demokratie radikal zu unterdrücken. Es würde bedeuten, den Demokraten das Recht zu geben, sich selbst auf demokratischem Wege durch ein totalitäres System zu ersetzen.
Das europäische Demokratiemodell ist daher ohne das humanistische Fundament von Toleranz und Menschenrecht, der Achtung vor dem Mitmenschen und dessen Vorstellungen, undenkbar.
Die Ideale des Humanismus wiederum basieren ausschließlich und uneingeschränkt auf der christlich-abendländischen Aufklärung.
Wie aber soll ein solches Modell funktionieren in einer Gesellschaft, der jedwede christlich-abendländische Aufklärung abhold ist? Wenn Humanismus begriffen wird als ein Propagandabegriff des zum Untergang verdammten Christentums im Kampf gegen die wahre Lehre?

Rückkehr zur Apartheit

All dieses wird in den politisch-intellektuellen Kreisen des Abendlandes nicht gesehen – und der Traum vom friedlichen Dialog mit der Folge eines friedlichen Zusammenlebens der Völker und Religionen wird weiter geträumt – und zerplatzen.
Israel hat bereits seine eigenen Konsequenzen gezogen. Als von der abendländischen Welt gern so betrachteten Friedensbeweis zieht man sich zurück aus palästinensischen Gebieten, um gleichzeitig im wahrsten Sinne des Wortes eine unüberwindbare Mauer gegen den Terror aufzubauen.
Tatsächlich hatte diese Politik des Falken Ariel Sharon mit Friedensbereitschaft nur sekundär etwas zu tun.
Vielmehr geht es darum, jene auszugrenzen und nach Möglichkeit zu isolieren, die zu einem humanistisch-abendländischen Interessenausgleich nicht bereit sind, und sich gleichzeitig aus Gebieten zurück zu ziehen, deren militärische Kontrolle unnötig hohe Opfer erfordert hätte, ohne dass damit auch nur ansatzweise ein geostrategischer oder ökonomischer Nutzen verbunden gewesen wäre. Der demokratische Sieg der Hamas wird Israel in dieser Politik bestärken.

Neuausrichtung der US-Politik

Die Politik der USA bis zum ersten Waffengang gegen den Irak konzentrierte sich darauf, gewogene Machteliten in ihren Positionen zu stärken und so die eigenen ökonomischen Bedürfnisse abzusichern.
In dieser Politik war es nachrangig, ob damit die Umsetzung von Menschenrechten im westlichen Sinne einherging.
So konnte und kann das wahabitische Herrscherhaus der Saudi ungehindert ein im abendländischen Sinne mittelalterliches Strafrecht exekutieren.
Ägyptens Bildungsbürger Husni Mubarak durfte und darf die Moslembruderschaften mit demokratisch fragwürdigen Staatssicherheitsmaßnahmen im Zaum halten.
Die algerische, ebenfalls westlich geprägte Herrschaftselite konnte einen schmutzigen Krieg gegen jene islamischen Fundamentalisten im eigenen Lande führen, die in freien Wahlen bereits mehrheitsfähig geworden waren.
Die neue Politik der USA – wir könnten sie unter dem propagandistischen Schlagwort „Befreie und Demokratisiere!“ zusammenfassen – ist dagegen eine selbst gestellte Falle. Denn sie geht von der irrigen Annahme aus, christlich-abendländische Kulturwerte exportieren zu können. Genau dieses aber wird von fundamentalistischen Moslems als moderne Spielart des imperialistischen Kolonialismus vehement bekämpft.

Die islamische Aufklärung

Tatsächlich gibt es nur einen Weg, einen friedlichen Ausgleich zwischen Abendland und Islam zu organisieren: Die islamische Welt muss aus sich selbst heraus eine der christlichen Aufklärung vergleichbare Entwicklung durchmachen. Davon allerdings scheint sie heute weiter entfernt denn je.
Nichts deutet darauf hin, dass islamische Aufklärer an Bedeutung gewinnen werden. Ganz im Gegenteil: Die Fertilität islamischer Gesellschaften, in denen heute schon rund 80 Prozent der Bevölkerung unter 35 Jahre alt sind, schafft ein ständig wachsendes Menschenpotential, das nach gegenwärtigem Kenntnisstand kaum ökonomisch sinnvoll beschäftigt werden kann. Die Masse unzufriedener weil unbeschäftigter junger Menschen wird das Menschenpotential der Gotteskämpfer nicht versiegen lassen.
Wer die Bilder aus pakistanisch-islamischen Koranschulen im Hinterkopf hat, in denen sechsjährige Jungen unter ständigem Hin- und Herschwenken Koranverse rezitieren, wird wissen, dass diese Art der Gehirnwäsche ein weiteres dazu tun wird, den Nachschub islamistischer Gotteskrieger nicht versiegen zu lassen.
Islamische Gelehrte werden sich – im Zweifel wider besseres Wissen – zurück halten, einen humanistischen Islam zu predigen, denn es würde sie von der Masse ihrer Gläubigen entfremden.
Islamische Herrschaftseliten werden entweder weiterhin – wie die wahabitischen Saudi – eine scheinbar liberale Außenpolitik mit innenpolitischer Intoleranz und der klammheimlichen Unterstützung islamistischer Bewegungen verknüpfen – und dennoch die Unzufriedenheit der Massen nicht vermeiden können.
Westlich aufgeklärte Machteliten werden um des eigenen Überlebens willen zunehmend auf Repression gegen fundamentalistische Bewegungen setzen müssen – und damit als scheinbare Repräsentanten einer westlich geprägten Gesellschaft die Massen für tolerante Gesellschaftssysteme nicht gewinnen können.

Die Aufgabe des Humanismus

Die Alternative? Die humanistische Schere in unserem Kopf weigert sich, sie darzustellen. Selbst der renommierte Islamkenner Peter Scholl-Latour, einer der wenigen Mahner, beschränkt sich auf Andeutungen. Denn letztlich wird die Konsequenz die Aufgabe der humanistischen Errungenschaften in der christlich-abendländischen Kultur sein – schleichend vielleicht und deshalb kaum wahrnehmbar. Aber im Ergebnis radikal.
Erste Schritte sind bereits getan.
Die irrationalen Proteste in der islamischen Welt gegen die dänischen Karikaturen und die bereitwillige Übernahme der islamischen Kritik durch christliche Appeasement-Politiker werden zwangsläufig jeden freien Journalisten daran hindern, vergleichbares zu wiederholen. Das einst vom Vater der Islamisten, Khomenei, gegen Salman Rushdie verhängte Veröffentlichungsverbot gilt ab sofort mittelbar auch für nicht-islamische, abendländische Islam-Kritiker.
Eine Alternative hierzu scheint der israelische Weg der weitest möglichen Abschottung gegen jene im Westen als Terroristen begriffenen Kräfte zu sein. Das aber müsste zwangsläufig zum Generalverdacht gegen jede Person führen, die sich zum Islam bekennt.
Auf rund 1,2 Milliarden Menschen wird die Anhängerschaft Mohammeds heute weltweit geschätzt – 1,2 Milliarden potentielle Terroristen?
Allein mit einer großen Mauer vom Gelben Meer bis zum Atlantik wäre es kaum getan. Die Geschichte lehrt uns, dass jedwede Mauer, von Chinas Großer bis zum römischen Limes, den Ansturm von Kulturgegnern auf Dauer nicht verhindern kann.
Das im Spanien des 15. Jahrhunderts erfolgreiche Modell der Reconquista – von Zwangschristianisierung bis Ausweisung – widerspricht den humanistischen Idealen der Glaubenstoleranz fundamental. Eine neue Reconquista wäre gleichbedeutend mit dem Ende der laizistischen Gesellschaft.

Die Hydra des Terrors

Ohnehin: Das Abendland ist bis auf weiteres auf morgenländische Rohstoffressourcen angewiesen. Wie sollte in einer solchen Situation eine Kulturapartheit installiert werden, will man nicht exterritoriale Enklaven schaffen, die als Rohstoffbastionen wie einst die Kreuzritterburgen in feindlicher Umgebung existieren müssten? Und dennoch steht zu befürchten, dass es genau darauf hinaus laufen wird. Denn das von den USA unter Georg Walker Bush angestrebte Ziel, der Schlange den Kopf abzuschlagen, um so die Pax Americana zu garantieren, hat sich als wenig erfolgreich erwiesen – die Schlange erweist sich als Hydra, die jeden abgeschlagenen Kopf durch zwei neue ersetzt.
Angesichts der fanatisierten Karikatur-Proteste spekulierten zahlreiche Talkshows und Kommentare über die Frage, ob der Zusammenstoß der Kulturen – the clash of civilizations – möglicherweise unmittelbar bevorstehe.

Der Krieg hat längst begonnen

Tatsächlich befinden sich die Kulturen der Welt längst mittendrin in diesem Konflikt. Ein Konflikt, der sich als der erste wirkliche Weltkrieg erweisen könnte. Es ist nicht zwingend ein Krieg zwischen Christen und Moslems. Aber es ist ein Krieg zwischen Humanismus und Dogmatismus. Es kann ein Krieg sein, in dem aufgeklärte Atheisten und Anhänger der Weltreligionen von Christen, Juden und Buddhisten über Hindus bis Moslems gemeinsam stehen gegen religiöse Dogmatiker aller Konfessionen.
Es ist jetzt schon ein Krieg um die Frage, ob das Primat menschlichen Handelns auf der naturwissenschaftlichen Erkenntnis oder dem metaphysischen Glauben an eine uneingeschränkte Gottbestimmung beruht.
Und es ist damit auch ein Krieg um die Frage, ob die Zukunft der Menschheit in einem freiheitlichen oder einem totalitären System zu finden sein wird.

Kann ein solcher Krieg gewonnen werden?

Der humanistischen Fraktion steht die Erkenntnis und der Fortschritt der Wissenschaft zur Verfügung. Hier wird sie ihren Gegnern immer einen Schritt voraus sein.
Die dogmatische Fraktion dagegen verfügt über ein schier unbegrenztes Potential an fanatisierbaren Kämpfern, denen der Wert des eigenen Lebens gegen Null geht. Sie verfügt über eine Idee, die nicht von dieser Welt ist – und die gerade deshalb ungeahnte Dynamik entfalten kann. Und sie kann sich einer Kriegsführung bedienen, die den humanistischen Vorstellungen eklatant widerspricht. Denn sie ist an humanistische Leitbilder nicht gebunden.

Das Ende des Humanismus

Der unqualifizierte Massenmord an Unbeteiligten, Zivilisten, Frauen und Kindern scheint heute außerhalb der Vorstellungskraft der humanistischen, christlichen Kulturen zu liegen. Doch die dogmatische Fraktion hat ihren Gegner bereits in der Zwickmühle. Was immer die Humanisten tun, dient deren Gegnern bis auf weiteres als Sieg. Um sich gegen terroristische Gefahren zu wappnen, sahen sich die USA zu Eingriffen in die Persönlichkeitsrechte und die Einrichtung von weitgehend rechtsfreien Gefangenenlagern gezwungen – ein erster Sieg im Kampf gegen humanistische Ideale
Die Schere im Kopf freier Journalisten ist ein weiterer fundamentalistischer Sieg im Kampf gegen den Humanismus.
Ein Ende der Finanzierung islamistisch regierter Staaten würde radikalen Kräften weiteren Zulauf bescheren. Die Fortsetzung der Finanzierung wiederum würde den Radikalen bescheinigen, dass der von den Humanisten geforderte Verzicht auf Gewalt nichts anderes ist als ein christliches Kriegswerkzeug zur dauerhaften Schwächung des Islam. So oder so – beides wird zu einem Sieg des Dogmatismus werden.
Gleiches gilt für den möglichen Rückzug diplomatischer Vertretungen, Handelsbeschränkungen oder dem Einsatz anderer Varianten der Repression, derer sich die humanistische Kultur immer dann bedient, wenn sie ohne Waffengewalt in den Kampf zieht.
Hat die humanistische Welt daher den Krieg der Kulturen schon verloren, bevor sie sich dieses Krieges bewußt wurde?

Der Humanismus verliert

Fast möchte man diese Frage mit Ja beantworten. Denn entweder die aufgeklärte Welt hält an ihren Idealen fest – und wird diese Ideale unter dem Druck fundamentalistischer Doktrinen verlieren. Oder sie verrät ihre Ideale, um im Kampf gegen die Fundamentalisten erfolgreich sein zu können.
Beide Vorstellungen können dem aufgeklärten Europäer nur Schauer über den Rücken jagen …

Das verbotene Interview: Die wirkliche Situation am Donezker Flughafen

Wie aus einer surrealen Welt - Auf dem Flughafen von Donzek.

Wie aus einer surrealen Welt – Der Flughafen von Donzek.

Abschrift eines Interviews bei Echo Moskaus, das am 29. Oktober geführt wurde. Zwei Tage später, am 31. Oktober, hat der russische Föderale Aufsichtsdienst im Bereich der Massenkommunikation Radio “Echo Moskaus” eine Warnung über die Unzulässigkeit des „Extremismus“ erteilt, der angeblich in diesem Interview vorhanden sein soll. Das Interview wurde verboten.
Alexander Pluschew, Redakteur bei Echo Moskaus und Interviewer hier, wurde zwischenzeitlich gekündigt. Der Mitschnitt des Interviews wurde aber auf diversen Internetseiten veröffentlicht.
Das Gespräch ist auch deshalb interessant, weil Timur Olewski, einer der Gesprächspartnern, ein Korrespondent vom Fernsehkanal “TV RAIN” (DOZHD) ist, der in Russland zu den wenigen Vertretern der freien Presse zählt. Olewski hat von Anfang an vom Maidan berichtet, später aus der Krim und dann auch aus der Ostukraine. Sergei Loiko, der zweite Gesprächspartner, ist ein bekannter Militärjournalist und Photograph.

Wr bitten darauf zu achten, dass dies ein Mitschnitt des Gesprächs ist, kein redaktionell verfertigter Artikel.

 

A.Pluschew: Hier ist wieder Alexander Pluschew in der Sendung „Mit eigenen Augen“. Heute haben wir Sergej Loiko im Studio, den Korrespondenten von „LosAngelesTimes“. Guten Abend! Und unseren Kollegen vom „Echo Moskaus“, vom TV-Kanal „Dozhd“ (TV Rain) Timur Olewski. Hallo!

T.Olewski: Guten Abend! Ich werde wie Sergej nicken und nichts sagen.

A.Pluschew: Ja. Reden wir über die Kämpfe um den Donezker Flughafen. So weit ich das verstehe waren sie dort und sind gerade erst zurück, nicht wahr?

T.Olewskij: Hier muss man deutlich machen, wer wo war, nicht wahr, Sergej? Du warst in dieser Hölle am tiefsten drin.

S.Loiko: Ja, ich bin per Anhalter von Kiew aus gefahren und das Ende war meine Reise zum Donezker Flughafen, wo ich vier Tage in dieser….

A.Pluschew: Also, sind Sie von der ukrainischen Seite mit dem Auto gekommen?

T.Olewski: Da kann man von der anderen Seite nicht lebend hinkommen. Da sind doch Kämpfe um den Flughafen und aus Donezk-Richtung kommen die DVR-Söldner, sie versuchen ihn zu erstürmen, und sie schaffen es nicht. Obwohl es nicht ganz stimmt, da gibt es Nuancen, wie die Verteidigung des Donezker Flughafens tatsächlich organisiert ist. Ich, als ich das erfahren habe – Sergej hat es ja einfach mit eigenen Augen gesehen – ich war ganz in der Nähe des  Flughafens, aber nicht direkt drin – und als ich das erfahren habe, ehrlich gesagt, habe ich es gar nicht geglaubt, dass es in einem Gebäude die einen und die anderen Soldaten gibt, sie können buchstäblich einander zuschreien… Granaten einander zuwerfen….

S.Loiko: Ja, da war so ein Moment, als der Kommandeur dieser Fallschirmspringer mit dem Codenamen „Rachman“ buchstäblich aus nächster Nähe da auf einen – wie sie diese da nennen – „Separ“ schießt, der auf dem Flugplatz steht.  Wie in einem Computerspiel schießt er aus nächster Nähe mit seinem Stetschkin APS, sieht sogar den Dampf vom Atem des Separs, und der schießt zurück und läuft weg, versteckt sich in diesem durchsichtigen Gang, der ins dritte Stockwerk führt. Und dieser „Rachman“ steht da so geschockt: „Wieso? Wieso konnte ich ihn nicht erwischen!“ und schreit: „Separ! Separ! Komm’ zurück!“ Doch der ist aber schon über alle Berge.

T.Olewski: Das ist das Gebäude vom zweiten Terminal. Das zweite Terminal. Das erste und das zweite Stockwerk sind von den ukrainischen Soldaten besetzt, und das dritte und den Keller besetzen die Separatisten.

S.Loiko: Das ist dreidimensionale…

T.Olewski: Das ist ein Gebäude, verstehst du….

S.Loiko: … dreidimensionale Einkreisung. In Wirklichkeit sind da zwei Gebäude: Das alte und das neue Terminal. Was die Fahrt zum Flughafen angeht, so ist das Schwierigste an dieser Fahrt  der Eingang und der Ausgang. Das betrifft nicht nur mich, sondern auch die ukrainischen Soldaten, die da regelmäßig hinein müssen um die Verteidiger zu versorgen. Und  sie sind da schon seit fünf Monaten …

T.Olewski: Das muss man natürlich verstehen….

S.Loiko: … mit Wasser, Waffen, Verwundete abholen. Die Jungs rotieren, denn das sind unmenschliche Bedingungen, also die Bedingungen sind einfach … ich weiss nicht, zum Nordpol zu kommen war für Kapitän Scott einfacher als sich dort am Flughafen aufzuhalten.

A.Pluschew: Ich möchte die Aufmerksamkeit unserer Internetzuschauer auf die Bildschirme lenken, da sind die Fotos, die Sergej Loiko mitgebracht hat. Aber besser wären sie gar nicht da, denn die Qualität ist geradezu schrecklich. Ich schäme mich, dass es so aussieht.

A.Pluschew: Verzeihen Sie uns…

S.Loiko: Ok

A.Pluschew: Ne, ehrlich…

S.Loiko: Gut, vergessen wir das

A.Pluschew: Wenn wir die Möglichkeit haben, während der Ausstrahlung…

T.Olewski: Sie sind nur ein wenig dunkel

A.Pluschew: Ja, die Helligkeit einzurichten – das wäre nicht schlecht. Und mehr Licht hinein zu geben, wahrscheinlich. Das sind also die Fotos, die Sie da gemacht haben. Der Weg, der dahin führt…..

S.Loiko: Ja, ich hab’ vom Ein- und Ausgang geredet … erinnern Sie sich an diesen Spruch: „Eingang für einen Rubel, Ausgang für drei“, so ist es hier: Eingang – Leben, und Ausgang – Leben. Also du kommst dahin … kannst dahinkommen, kannst aber auch gar nicht erst ankommen. Und nur in einem Panzerwagen. Die Reise verläuft über eine absolut freie Fläche – man sieht dich von allen Seiten – ungefähr zehn Minuten dauert das. Da gibt es mehrere Stellen: Wenn du fährst, schlägt etwas permanent auf den Wagen ein und daneben explodiert permanent irgendwas. Also, wenn du Glück hast, kommst du durch. Pech – 12,7 Kaliber einer Panzerpatrone aus einem Maschinengewehr NSW schlägt den Panzerwagen komplett durch, tötet alle, die sich darin befinden. Und das Flugfeld von dem Flughafen, also das ist … da gibt es keine Flugzeuge, da gibt es nur ein Schulflugzeug. Steht da ganz weit weg. Dafür ist der Flugplatz komplett mit verbrannten Panzern und Panzerwagen zugemüllt, die da hin- und herfahren wollten und es nicht geschafft haben. Dann diese Panzerwagen, eine Kolonne:  1, 2 oder3 oder 4 – abhängig davon, was gerade geliefert wird – kommen bei dem neuen Terminal an – oder bei dem an, was davon übrig geblieben ist. Und hier ist die schwierigste Stelle, denn hier müssen  alle raus, fangen an zu entladen, und es schießt von allen Seiten. Die eine Hälfte von denen, die sich am Flughafen befinden, gibt dann Sperrfeuer um den Beschuß durch die Separatisten abzuwehren, und der andere Teil der Menschen entlädt die Panzerwagen. Entladen geht so: Man schmeißt einfach alles auf den Flugplatz. Dann, wenn sie alles rausgeschmissen haben, fahren sie wieder weg. Also wer noch am Leben ist, setzt sich in die Panzerwagen, zieht die Verwundeten mit rein, dann fahren die Panzerwagen, wenn sie noch nicht brennen, weg. Und bei Einbruch der Dunkelheit kriechen die Leute aus dem Gebäude heraus und holen alles in das neue Terminal hinein. Zum alten Terminal kann man gar nicht hinkommen, denn das Neue wird nur von zwei Seiten beschossen. Das Alte aber von allen Seiten, und da sind die Separatisten viel näher dran. Vor kurzem gab es da solch’ ein Gemetzel – als bei dem alten Terminal das obere Stockwerk brannte. Es sind viele Menschen gestorben, es gab viele Verwundete. Aber Separatisten gab es im Gebäude nicht. In dem neuen Terminal aber – das ist eine dreidimensionale Einkreisung. Da sind die Separatisten nicht nur rundherum auf dem Flughafengelände, sie sind auch im Keller, der viele Abzweigungen und irgendwelche Ein- und Ausgänge hat – hinter dem Flughafen gibt es einen Ausgang -und im dritten Stockwerk. Und das erste und zweite Stockwerke sind besetzt…..

A.Pluschew: Und das dritte Stockwerk … wie sie …

loiko -vsStabsbesprechung

S.Loiko: Irgendwie jedenfalls kommen sie in den Keller, wobei die einen wie die anderen ständig irgendwelche Ein-und Ausgänge verminen. Aber sie verminen es so, dass sich kein Mensch erinnern kann, wo überhaupt was liegt. Und die Separatisten, wie irgendwelche Geister umgehen hier, springen da. Vor kurzem ist ein Separatist – direkt vor mir – auf den Balkon im zweiten Stock herabgesprungen und hat aus der RPG-18 Mucha eine Granate in den Eingang des Generalstabs der Fallschirmspringer geworfen, und das Geschoss ist direkt über dem Eingang explodiert. Alle sind umgefallen, alle wurden überschüttet. Wenn sie drinnen explodiert wäre, wären alle da gestorben, so aber haben alle, auch ich selbst, nur Quetschungen bekommen.  Dann wollte ein Fallschirmspringer, er hieß Batman und sieht auch aus wie Batman, eine Granate hingeworfen. Die Granate ist aber nicht bis zum Ziel geflogen, sondern explodierte da beim Balkon und wieder sind alle umgefallen.  Überhaupt, alles, was da passiert, wie es aussieht, wie der ganze Flughafen aussieht – das hat so eine epische Dimension.  Man hat das Gefühl, das ist irgendein Filmset, denn so etwas kann es in realem Leben nicht geben! Gleich kommt Spielberg ‘raus und sagt: „Cut! Drehschluss!“ Die Gebäuderuinen sind dermaßen zerstört, dieser ganze Flugplatz ist so ruiniert, alle sind ruiniert … Das ist wie ein Kongresspalast, nur ohne Kongresse und ohne Fenster, und mit verbogenen, zerfetzten und verbrannten Rahmen. Da gibt es keinen einzigen Quadratmeter, der nicht mit Dutzenden Kugeln durchlöchert wäre. Da sind Einschusslöcher überall: Die Decke ist durchlöchert, die Wände sind es. Da ist immer dunkel: Tagsüber halbdunkel, abends absolute Dunkelheit. Wenn tagsüber die Menschen noch irgendwelche Taschenlampen anmachen, irgendwelche Generatoren laden irgendwas auf … Akkus – so gilt nachts: Absolute Dunkelheit und alles absolut abschalten. Keine Taschenlampen, keine Zigaretten. Der Scharfschütze schießt beim dritten Zug … Wenn sie die Magazine ihrer Waffen laden, greift nicht einer zur  Leuchtspurmunition. Sie schießen nicht mit Leuchtspurmunition. Sie witzeln darüber: „Wir schießen nur mit Leuchtspurplatzpatronen!“ Dann die Entbehrungen, die man in diesem Flughafen auf sich nehmen muss. Sie sind schrecklich: Unsägliche Kälte, keinerlei Öfen gibt es dort, überall Durchzug. Alle niesen, husten, man kann sich nirgendwo aufwärmen. Das einzige, was sie sich erlauben können, ist ein heißer Tee aus einem Petroleumkocher. Und die Kocher sind so schwarz-schwarz. Alles ist in absoluter Finsternis, in einer absoluten Dunkelheit. Die Toilette – die ist überall, wo du gerade Glück hast und wo du nicht getötet wirst. Aber Groß geht da längst keiner aufs Klo und Gestank gibt es nicht, weil die Menschen nichts essen. Sie ernähren sich vom eigenen Adrenalin. Alle haben solche Augen … als ich die Fotos gemacht hatte – ich bin ja schon alt und sehe nix – später habe ich mir die Fotos am Computer angeschaut, da war ich erstaunt, was für Augen die Menschen haben. Man kann in irgendeiner gestellten Einstellung solch ein Foto nicht schießen, man kann sowas nicht inszenieren. Da ist immer Action, da sind immer echte Augen, da ist immer eine echter, innerer Zustand der Helden. Es ist so wie ein episches Werk, ein episches Ereignis, das ist irgend so ein auferstandener Tolkien, den ich nie mochte, irgend so ein „Lord of the Rings“, denn das Buch hat keinen Humor, das ist irgend so eine idiotische Fabel. Da kämpft irgendwie das absolut Gute mit dem absolut Bösen, mit diesen Orks.  Hier ist für mich Tolkien zum Leben erwacht. Ich habe gesehen, wie tatsächlich das absolut Gute an diesem Flughafen, den man nicht verteidigen kann, mit dem absolut Bösen kämpft, mit diesen Orks, die den Flughafen von allen Seiten eingekesselt haben, und den Grads, Mörsern usw. beschießen.

loiko -beladenBe- und Entladen am Terminal.

A.Pluschew: – Reden wir doch noch mal über das Gute und das Böse. Ich wollte Timur Olewski fragen: Du meintest, du warst da in der Nähe?

T.Olewskij: In der Nähe, ja. Zum Glück ist es mir nicht wie Sergej gelungen, dahin zu kommen, direkt dahin.

S.Loiko (lacht): Hättest dich vor den Panzerwagen stellen und winken sollen.

T.Olewski: Ich hab’ mich sogar dumm angestellt. Ich erzähle mal die Geschichte. Um zum Flughafen zu gelangen, muss man mehrere Stationen an Erlaubnissen durchgehen, zumindest gilt das für die russischen Journalisten, und dann ins Dorf Peski kommen, wo auf der vordersten Linie die ukrainischen motorisierten Brigaden stehen: Die Artilleristen und die Fallschirmspringer, und wo die Panzerwagen zum Flughafen abfahren, die „Schwalben“, wie sie diese nennen. Da sind nach meinen Erinnerungen….

S.Loiko: Plappere doch nicht alle Geheimnisse aus….

T.Olewski: Also, die fahren da ständig hin- und her. Das ist kein Geheimnis, denn der Funkverkehr ist da offen, da ist alles offen. Also, schau mal, das ist die Geschichte. Da ist jede Ausfahrt ein Kampf. Zumindest das, was Sergej erzählt, hat er unmittelbar dort gesehen. Und ich habe gesehen, wie die Vorbereitung mit diesen Panzerwagen abläuft. Das ist ein Kampf. Jede Fahrt – das ist eine Artillerievorbereitung, und zwar auf beiden Seiten. In Peski war ich in der 79. Brigade – da sind Artilleristen, Mörserschützen, die…

S.Loiko: Die 79. Brigade sind Fallschirmspringer.

T.Olewski: … Die Einheit der 79. Brigade, wo ich war, das waren Mörserschützen, das waren Artilleristen. Ich habe unmittelbar bei den Artilleristen gelebt. Da war auch der „Rechte Sektor“, der da irgendwelche eigene Sachen macht. Die sind übrigens auch da am Flughafen, ein kleiner Teil vom „Rechten Sektor“. Aber ich habe auch die Kämpfer vom „Rechten Sektor“ gesehen, die Peski säubern – also sie fangen da die Richtschützen ab. Als ich davon gehört habe, dass die Richtschützen da abgefangen werden – ich war ja auf der einen wie auf der anderen Seite – habe ich gedacht, sie fangen einfach nur Leute ab, die sie nicht mögen. Aber hier habe ich zum ersten Mal gesehen, wie das aussieht, was ein Richtschütze ist. Das ist, wenn im zerstörten Haus gegenüber deiner Artilleriestellung, wo niemand wohnt, nachts das trübe Licht einer Taschenlampe zu sehen ist, so eine Blaulichttaschenlampe. Das sind dann also Aufklärer und die finden die Stellungen, die ein paar Minuten vorher verlassen wurden. Wenn solch ein solcher erfolgreicher Richtschütze auftaucht, dann beginnt schnell auf die Stellung der Artilleriebatterie ein Geschosshagel herunterzufallen. Sich davor verstecken kann man faktisch nur in den Panzerwagen. Obwohl sich die Menschen, die da ihren Dienst leisten und immer bei ihren Mörsereinheiten sind, sich längst nicht mehr verstecken. Sie sitzen in Hallenanlagen, gehen zu ihren Stellungen hinaus und betrachten den Beschuss völlig phlegmatisch indem sie so denken: „Wenn eine GRAD ins Dach einschlägt- passiert nichts. Wenn es aber von einer Selbstfahrlafette ist, werden wir eh alle getötet“. Sonst passiert nichts. Und das ist ein Ort, von dem man den Streifen sieht, also den Tower, wo auch die ukrainischen Soldaten sind. Auf dem Tower gibt es zwei …

S.Loiko: Also, es gibt drei Stellen: Das alte Terminal, das neue Terminal und der Tower werden von den ukrainischen Streitkräften kontrolliert.

T.Olewski: Ja, der Tower. Das ist glaube ich, die Stelle, die am meisten zerschossen ist.

S.Loiko: Das ist die höllische Hölle da.

T.Olewski: Ja, höllische Hölle. Da kann man sich überhaupt nicht aufhalten. Und die Menschen, ich weiß nicht, wie lange sie da schon sind, aber ich habe gesehen, habe selbst die Bitten eines Scharfschützen gehört, der da am Tower saß, ihn endlich auszuwechseln, weil er zwei Tage später Hochzeit haben sollte – so ungefähr. Und sein Kommandeur hat ihn gebeten, noch eine Zeit lang zu bleiben, um dem Neuen alles erklären zu können, ihm zu helfen, sich zurechtzufinden. Es ist sehr schwer, dieses Gespräch wiederzugeben, aber es ist das Gespräch eines Menschen, der darum bittet, ihn drei Stunden früher als nötig zu entlassen, weil er leben will, und der andere bittet ihn darum, noch drei Stunden an einem Ort zu bleiben, an dem er in diesen drei Stunden nicht getötet werden kann. Und sie reden, und der Kommandeur schafft es , den Bräutigam zu überreden an dem Ort zu bleiben, an dem er in zehn Minuten tot sein kann. Dabei war er da schon sehr lange Zeit und zählt jede Minute, die ihn vom Erscheinen seines Rettungspanzerwagens trennt.

A.Pluschew: Unser Publikum, gleich mehrere Menschen, stellen uns ein- und dieselbe Frage: „Was ist der Sinn, diesen Flughafen so lange zu halten? Wozu braucht ihn wie die eine oder die andere Seite?“

S.Loiko: In diesem Zusammenhang erinnere ich mich immer an einen Film, den Film aller Zeiten und Völker, den epischsten Film, den epischsten Spaghetti-Western, den ich in meinem Leben gesehen habe. Ein Film vom Sergio Leone: „The good, the bad and the ugly“. Da suchen ein paar Bösewichte vor dem Hintergrund des epischen amerikanischen Bürgerkrieges nach einem Sack Gold. Und da gibt es einen Moment, wo sich die zwei Bösewichte – Clint Eastwood und Eli Wallach – dem Fluss nähern, den sie nicht bezwingen können. Sie können es nicht, weil über dem Fluss eine Brücke ist um die ein schrecklicher Kampf tobt: Auf einer Seite die Nordstaatler und auf der anderen die Konföderierten. Sie Südstaatler wollen dieses strategische Objekt einnehmen und die Nordstaatler wollen es halten. Die beiden Bösewichte sitzen am Ufer unter Beschuss – sie wissen nicht, was sie tun sollen. Nachts sprengen sie die Brücke und legen sich dann schlafen – wachen morgens auf: Keine Brücke, weder die eine Armee noch die andere ist noch da.

T.Olewski: Ungefähr so, ja.

S.Loiko: Hier ist es das Gleiche. Wenn man einfach nur die Startbahn sprengt, alles in die Luft sprengt, was noch von diesem Flughafen geblieben ist … Ich wundere mich eh, warum das nicht zusammenstürzt, dieses ganze Gebäude, das zu 95% aus Löchern besteht … Da gibt es sehr viele Gründe. Naja, irgendein Oberst wird Ihnen sagen, dass es eine strategische Höhe ist. Wenn wir die aufgeben, öffnet sich der Weg nach Peski, und sie werden hin- und her laufen … Für die Mehrheit derer, die dort sind, ist es aber eine symbolische Angelegenheit, es ist so ein ukrainisches Stalingrad. Also gilt „kein Schritt zurück, keinen Fußbreit Land geben wir hier auf“.

T.Olewski: Das ist wirklich sehr verwunderlich. Scheint doch so, dass da Menschen sein sollten, die es verlassen wollen sollten. Ich habe aber keinen einzigen gesehen.

S.Loiko: Ich erkläre das mal. Alle, die während meiner vier Tage da waren – sie alle waren Freiwillige. Nicht in dem Sinne, dass sie als Freiwillige zur Armee gekommen sind – solche sind nur beim „Rechten Sektor“ als Freiwillige, und das ist nur eine Handvoll der ganzen Besatzung. Es waren ja alle dort: Aufklärer, SEK-Soldaten, Fallschirmspringer, Artilleristen – alle. Und jeder von ihnen – und da war auch jedes Alter, von 45 bis 18 – jeder war ein Freiwilliger. Man hat sie gefragt: „Wer will zum Flughafen?“ Sie waren alle nach vorn getreten und sind hingekommen. Mehr noch, in Peski, wo ich mehrmals viel Zeit verbrachte habe, wo eine große Einheit der ukrainischen Streitkräfte stationiert ist – da träumt jeder Soldat davon, in den Flughafen zu kommen. Für einen echten ukrainischen Soldaten, für einen Patrioten der Ukraine, ist es das wahre Geheimzimmer aus „Picknick am Wegesrand“ von Strugazki, aus „Stalker“ von Tarkowski, wo er in das Haus gelangt und ihm bewusst wird, warum er, der ukrainische Mann, existiert. Das ist das eigentliche Missverhältnis … Eigentlich ist dieser ganze Krieg keine hohle Nuss wert. Es gab keine Gründe, ihn anzufangen. Bei den Spitzseitigen und den Stumpfseitigen in „Gulliver“ von Swift – sogar bei denen gab es mehr Gründe sich zu töten als hier. Dieser ganze Krieg ist erfunden. Und hier, in dieser neuen Stalingradschlacht, gibt es auch keinen Sinn, weder die eine noch die andere Seite braucht dieses Mägdebein, diese Überreste eines verbrannten, gesprengten Flughafens.

T.Olewski: Jetzt ist die Politik auch…

A.Pluschew: Warte eine Sekunde. Ich möchte Euch beide noch eins fragen: Ist er denn schon in so einem Zustand, dass ihn nicht einmal mehr die Luftwaffe benutzen könnte?

T.Olewski: Na, die Startbahn wurde nicht gesprengt.

S.Loiko: Russische Transportflugzeuge können da im Prinzip landen.

T.Olewski: Die können auch auf irgendwelchen Erdpisten landen.

S.Loiko: Das war eine der besten Startbahnen Europas, die längste. Da könnten all diese „JumboJets“ landen, diese großen Transportflugzeuge. Im Prinzip also ja, die Ukrainer haben sie noch nicht gesprengt.

T.Olewski: Hier muss man verstehen, dass der Flughafen ein Teil von Donezk ist, er ist ein Bezirk in Donezk. Solange der Flughafen ukrainisch ist, ist Donezk nicht vollständig unter der Kontrolle der DVR, und wenn die Frage über die Trennungslinien aufkommen wird, wird dieses bedeuten, dass Donezk keine Stadt ist, die ganz der DVR gehört. Also wird man sie teilen müsse. Ich denke, vielleicht ist das irgend so eine politische Geschichte. Vielleicht hat der Gouverneur Sergej Taruta vor seinem Rücktritt die Wahrheit darüber gesagt, dass es einen Plan gibt des Umtausches vom Donezker Flughafen gegen einen Teil vom Territorium, das sich bei Mariupol befindet und von den Söldnern besetzt ist, oder gegen irgendeinen anderen Teil des Territoriums. Womöglich braucht man ihn deswegen. Aber hier sprechen wir lieber wieder  aus der Sicht der Soldaten. Also, ich habe drei Tage lang mit diesen Soldaten gelebt und sie denken über so einen Umtausch nicht nach, auch wenn sie darüber diskutieren. Ich habe Männer gesehen, die 45 sind, die in die Armee nach einer Benachrichtigung gekommen sind. Das sind Menschen mit ein bis zwei Universitätsabschlüssen, im Leben absolut fest auf den Beinen. Die Mehrheit davon hat ihren Verwandten nicht erzählt, wo sie sich befinden, und haben darum gebeten, sie nicht zu fotografieren. Also, sie sagen alle, dass sie bei Mykolajiw sind, damit die alte Mama sich keine Sorgen macht. Und alle sind als Freiwillige dahin gekommen, also sie haben extra drum gebeten: „Entsenden Sie uns nach Peski.“ Sie sprechen alle russisch – das ist sehr wichtig. Manche von ihnen sagen, dass sie gar keine andere Sprache als Russisch sprechen und keinen einzigen Tag in ihrem Leben Ukrainisch gelernt haben. Dabei hat mir einer von diesen Menschen gesagt, dass er Russland hasst. Ich frage: Wie kann das sein?

A.Pluschew: Dabei sind ein Teil von ihnen sogar ethnische Russen.

T.Olewski: Absolut. Sie sind nicht nur Russen, sie sind auch in die ukrainisch-sprachige Kultur überhaupt nicht integriert. Sie verteidigen ihre Heimat, das ist für sie ein prinzipieller Moment. Überhaupt haben sich da Menschen versammelt, die glauben, dass sie bis zu der Grenze durchmarschieren und die Ukraine befreien sollten von dem, was in der DVR passiert. Und natürlich sagen Sie, dass sie gegen Rus… einen Krieg führen  – alle, die da sind. Das Erstaunliche daran … Ich weiß nicht, ich möchte keine populistischen Vergleiche in diesem Sinne führen, aber mir schien es tatsächlich, dass ich gesehen habe, was sein kann, wenn man gute, gutmütige Menschen zur Weißglut bringt. Das betrifft speziell die reguläre Armee, die sich zum Beispiel in der Artilleriebatterie dort befindet. Sie sehen so aus, wie ich sie gesehen habe. Und dass sie Rosenbaum hören und die ganzen afghanischen Songs (Lieder in der SU nach dem Afghanistan-Krieg) und sich den „Bruder-2“ anschauen und bekriegen die Menschen, die auf der anderen Seite sind, ich denke….

A.Pluschew: Machen genau das Gleiche.

T.Olewski: Ich denke schon. Oder wahrscheinlich ein Teil von ihnen macht das Gleiche. Das beeindruckt sehr. Ich habe Menschen gesehen, die im Krieg fast gar nicht schimpfen.

loiko4
Vorstoß …

S.Loiko: Ich möchte noch ergänzen, dass die Operationssprache bei den Armeeangehörigen am Flughafen Russisch ist. Im Funk sprechen alle Russisch. Da gibt es keine ukrainische Mowa. Mich hat beeindruckt, dass ich tatsächlich weder in kritischen Situationen noch in Notfällen, noch unter Beschuss von jemandem Schimpfworte gehört habe. Und auch, dass es eine reine, zivilisierte, praktisch literarische russische Sprache war. Weil die Mehrheit dieser Menschen intelligente, gebildete Menschen sind. Es waren keine Assis, keine Soldaten, die irgendwo in den Dörfern ausgegraben und wie Kanonenfutter hin befördert wurden. Und außerdem beeindruckte mich, dass fast die Hälfte, wenn nicht die Mehrheit derer, die mit mir am Flughafen waren, Offiziere waren. Und ich habe keine kuprinsche, dann sowjetische, dann russische Offiziersfrevelhaftigkeit gesehen. Es war Bruderschaft. Ein Soldat und ein Offizier haben aus einer Tasse getrunken, sich gegenseitig beschützt, Schulter an Schulter, sie haben sich per Du gesprochen. Aber wenn einer ein Älterer war und der andere ein junger, dann könnte man vielleicht auch ein „Sie“ hören. Ich habe beobachtet, wie ein Major, Walerij Rudj, er ist schon 40 und war sein ganzes Leben lang ein Berufssoldat, also da vermint er diesen einen Eingang. Und in diesem Moment fängt der Kampf an, der Beschuss, und der Junge aus dem „Rechten Sektor“ ist da in einer ganz schrecklichen Situation und versucht aus dem Maschinengewehr irgendwohin zu schießen. Dieser Walerij rennt da über den feuerbedeckten Raum und schreit: „Junge, das ist mein Krieg. Rutsch’ mal!“, schubst den Jungen weg und in diesem Moment explodiert da irgendwas in der Nähe. Hätte er ihn nicht weggestoßen, wäre der Junge gestorben. Dann stellt dieser Walerij das Maschinengewehr so auf, wie man es soll, und fängt den Kampf wie ein echter Soldat an zu führen. Er führt ihn, bis er zur Ende ist, und dann geht er weiter, seine Sachen machen. Er hat nur diesem unbekannten Freiwilligen das Leben gerettet.

Aber der erstaunlichste Moment war für mich, als man den Panzersoldaten nach Hause schickte. Also, da war der Panzer. Der Panzer ist verbrannt…

S.Loiko: Ich habe darüber in meinem heutigen Artikel bei „Los Angeles Times“ erzählt, der auf der ersten Seite mit dem Hauptfoto abgedruckt wurde. Ich prahle gerade: Das ist bei mir der dritte Artikel als Hauptartikel und Hauptfoto in Folge. Heute ist es erschienen, und das war diese Episode: Die Heimkehr des Panzersoldaten. Es war also ein Panzer, und der ist verbrannt. Die Besatzung waren drei Mann, sie sind brennend hinausgesprungen. Ein Scharfschütze hat niemanden ausgelassen, hat sie getötet. Zwei hat man herausziehen können. Aber dann kam ein Mörserbeschuss und der Dritte wurde von einer Explosion einfach zerfetzt. Man konnte ihn nicht finden. Einige Tage später haben die Jungs so ein großes Stück seines Oberschenkels entdeckt. Also hat ein Gespräch angefangen: „Wir müssen den Panzersoldaten nach Hause schicken“. Aber wie den abschicken? Dazu muss man auf den Flugplatz hinausgehen und eine Kugel in jeden Körperteil abbekommen, um dieses Stück eines toten Menschen nach Hause zu schicken – ich würde es so sagen. Und als der Kommandeur gefragt hat: „Jungs, das ist echt eine tödlich gefährliche Sache. Wer geht denn?“  – haben sich alle gemeldet. Und dann sind zwei sofort aufgestanden. So ein Scharfschütze, Slawik, und ein Soldat, Mischa. Als die Panzerwagen kamen, wurde schon das Feuer auf den Transport gelenkt, und sie sind auf den Flugplatz hinausgelaufen, haben ihre Gewehre und das Scharfschützengewehr abgelegt, haben einen Tragekasten gefunden, haben dieses Bein gefunden – unter Beschuss. Das war vor meinen Augen, ich stand daneben und hab’s aufgenommen. Also stehen wir da zu dritt, sie legen dieses Bein in diesen Kasten und da zerschießt eine Kugel den Kasten, nur die Holzsplitter fliegen, alles klirrt um uns herum. Sie schließen diesen Kasten und binden ihn unter Beschuss mithilfe eines Stacheldrahtes an dem Panzerwagen fest, dann laufen sie los, schnappen ihre Waffen und führen den Kampf weiter. Diese Jungs haben 30 Sekunden lang ihr Leben riskiert, absolut ihr Leben für ihren toten Gefährten riskiert.

T.Olewski: – Mit einer fast 100% Wahrscheinlichkeit.

S.Loiko: Und dieser Slawik sagte mir dann: „Also ich will nicht, dass ich auf so eine Art und Weise nicht nach Hause komme, und mich auf einem Flugplatz die Hunde auffressen.“ Sie sind absolute Helden. Eigentlich hasse ich es, den Krieg zu romantisieren, aber ich erinnere mich im Zusammenhang mit diesem Mini-Stalingrad an die Gedichte meines Lieblingsdichters Semjon Gudsenko (Pawel Kogan), der mit mir im gleichen Haus wohnte, aber zu einer anderen Zeit. Und da war so ein kurzes Gedicht:

Wir legen uns, wo es sich hinlegt. Und da steht man nicht auf, wo es sich hinlegt. Und erstickt am „International“ Mit dem Gesicht fallen wir ins trockene Grass. Und nicht mehr aufstehen, und nicht mehr in Annalen kommen, Und nicht mal den Liebsten findet man Ruhm.

loiko -verbrannte „Wir müssen den Panzersoldaten nach Hause schicken …“

A.Pluschew: Ich denke, das ist einfach eine emotionale Anspannung, die von Ihnen auf unsere Apparatur übergeht, Sergei, leider. Sergei Loiko hat unsere Apparatur richtig drangenommen, wie man so sagt. Wir sind in ein anderes Studio umgezogen.

S.Loiko: Ich habe den Kampf hierhin übertragen.

A.Pluschew: Sieht ganz so aus. Wir haben nicht mehr so viel Zeit und hier gibt es ganz viele Fragen von unserem Publikum. Sie beziehen sich auf das Thema, das Sie, Sergei, ganz am Anfang angesprochen haben, über das absolut Böse und das absolut Gute. Wenn man es von hier aus beobachtet, vielleicht von anderen Orten aus …  jemand schickt uns hier einen Gruß aus Chicago, zum Beispiel. Unsere Rundfunkhörer schreiben: „In einer Armee, die ihr Volk vernichtet, können keine Helden sein“.

S.Loiko: Haben sie das im Fernsehen erfahren?

A.Pluschew:  Ich weiß nicht, sagt mir ja keiner. Ich lese Ihnen nur die Reaktion vor.

S.Loiko: Alex, ich habe im ukrainischen Krieg das letzte halbe Jahr verbracht. Ich weiß nicht, welche Armee ihr Volk vernichtet, denn diese Armee, deren Volk da ist – sie vernichtet es nicht. Und die Armee, die es aber vernichtet – das ist nicht die ukrainische Armee.

T.Olewskij: Ich kann über Peski erzählen, zum Beispiel, das ist unmittelbar neben dem Flughafen, wo ein paar Wohnhäuser geblieben sind, die Anderen sind weggefahren. Es gibt Menschen, die aus irgendwelchen Gründen  – das gibt es auch – sogar dann nicht wegfahren wollen, wenn die Häuser explodieren. Und die Armee versorgt sie, und sie versorgen die Armee. Sie haben, wie man so sagt, gute Beziehung zu einander, und „massenhafte Säuberungen“ von Menschen, die dort leben und theoretisch vielleicht sogar mal die DVR unterstützt haben – so etwas gibt es dort nicht. Ich habe eine andere Geschichte gesehen, sie schien mir sehr wichtig zu sein. Diese Geschichte ist am Donezker Flughafen passiert, am Freitag, glaube ich, als ich da war, da hat die Artillerie, die GRAD der Separatisten, aus einem Donezker Bezirk die Stellungen der anderen Separatisten im anderen Donezker Bezirk unmittelbar am Flughafen zerschossen. Sie haben den ganzen Tag gebombt, wonach…

A.Pluschew: Die Separatisten haben andere Separatisten gebombt?

T.Olewski: Ja, und es waren wohl verschiedene Gruppierungen, das kann man nicht erklären: ukrainische Armee gab es da jedenfalls nicht.

A.Pluschew: War das zufälliges friendly fire?

S.Loiko: Das ist ein Konflikt.

T.Olewski: Das dauerte mehrere Stunden. Sie haben einander fünf Stunden lang beschossen, anschließend haben sie das Feuer auf die Stellungen der ukrainischen Armee gelenkt, und die ukrainische Armee wurde an dem Abend ziemlich stark beschossen, die Stellungen am Flughafen und in Peski. Aber davor hatten sich die Separatisten stundenlang gegenseitig beschossen. Was das war, weiß ich nicht. Aus irgendwelchen Gründen haben sie herumgezankt, und wer sich in dem einen komischen blauen Gebäude am Flughafen aufgehalten hat, das sie aus einem Wohnviertel von Donezk aus beschossen haben – wobei … weiß ich nicht, vielleicht ist es gar nicht mehr ein Wohnviertel, aber an der Richtung hat man gesehen, woher sie schießen.

S.Loiko: Die Sache ist, dass die ukrainischen Armeeangehörige, die Artillerie und GRAD haben- das  sind professionelle Soldaten.

T.Olewski: Andere gibt es da gar nicht.

S.Loiko: Und diese DVR- und LVR-Leute – das sind die Affen mit einer Granate, die auch das Flugzeug abgeschossen haben.

T.Olewski: Da gibt es auch relativ professionelle Leute.

S.Loiko: Es gibt ein paar Berufssoldaten, aber ansonsten ist es ein Haufen Söldner, denen Technik zugesteckt wurde, von der sie gar nicht verstehen, wie man sie benutzt. Sie schießen auf alles, was herumsteht.

T.Olewski: Ich glaube, es hat sich jetzt alles geändert, Sergei. Da bin ich mit dir nicht einverstanden. Das, was du jetzt sagst, das ist eine Situation, die ungefähr ein Monat zurückliegt. Sie hat sich prinzipiell verändert, nachdem da Menschen aufgetaucht sind, die ukrainische Armeeangehörige absolut eindeutig als russische Armee bezeichnen. Da hat sich prinzipiell die Qualität der kämpfenden Menschen verändert. Eine andere Frage ist es, dass da eine starke Gruppierung die anderen abschießt, weniger loyale und hörige Gruppierungen. Zumindest sieht es so aus. Vielleicht ist es nicht so, es sieht aber schwer danach aus.

A.Pluschew: Und noch eine Frage, wegen der Separatisten und der ukrainischen Armee. Bei uns wurde im Fernsehen sehr viel gezeigt, wie aus der Richtung des Flughafens die Wohnviertel von Donezk mit Artillerie beschossen werden.

S.Loiko: Darf ich mal sofort darauf antworten. Jungs, ich enthülle hier ein Militärgeheimnis: Von der Seite des Flughafens kann man überhaupt keinen Artilleriebeschuss durchführen, denn da gibt es keine schrecklichere Waffe als ein Kalaschnikow-Maschinengewehr.

T.Olewski: Da gibt es Minen.

S.Loiko: Da gibt es keine Mörser. Ich habe mich an eine weitere Episode erinnert, wollte hinzufügen, worüber wir gesprochen haben: Ich habe da mit einem Jungen gesprochen, Sergej Galan – das ist ein Journalistik-Student aus Tscherkassy. Sein Vater ist ein russischer Oberst, bis jetzt ist er ein russischer Oberst. Und er ist aber ein ukrainischer Soldat, ein Fallschirmspringer. Und bevor er in die Armee gegangen ist, und bevor er zum Flughafen gekommen ist, hatte er seinen Vater angerufen oder der Vater ihn. Und der Vater, der von dieser schamlosen, verbrecherischen Lüge des russischen Fernsehens zombiert wurde…

T.Olewski: Das ist absolut richtig.

S.Loiko: – Der Vater hat ihm gesagt: „Du wirst doch auf deine Brüder schießen!“ Und dann hat sein Sohn gesagt: „Welche Brüder, Vater? Dieselben Brüder, die in mein Land mit Waffen gekommen sind, was für Brüder sind es?“

T.Olewski: Jetzt wegen des Beschusses. Ich kann nur das sagen, was ich selbst gesehen habe. Ich habe eine bestimmte Menge an Mörsern gesehen, kann nicht sagen, wie viele – wahrscheinlich habe ich versprochen, es nicht zu sagen – die in unmittelbarer Nähe vom Flughafen stehen, diese 120-Millimeter Mörser, aber jeder davon ist auf ein bestimmtes Ziel gerichtet, das die ukrainischen Soldaten am Flughafen beschützen soll. Jeder ist auf ein konkretes Ziel gerichtet, und gerichtet sind sie sehr gut. Nur wird keiner einfach so herumschiessen. Da hat jeder Schuss eine bestimmte Bedeutung. Warum? Weil alle die Waffenruhe verfluchen, die ausgerufen wurde. Die ukrainische Armee – das, was ich gesehen habe – befolgt diese äußerst penibel, sogar wenn die Flughafenstellungen aus Schützenwaffen, also aus Maschinenpistolen, Scharfschützengewehren und anderem beschossen werden, kommt im Funk der Befehl: „Nicht mit Artilleriefeuer antworten, denn das ist eine Provokation, wir antworten nicht auf eine Provokation“. Der erste Schuss, den ich am Freitag gehört habe, der von diesen Mörsern ausging und auf die Stellungen der Separatisten am Flughafen geflogen ist, war eine Antwort auf die angeflogenen Geschosse von den Stellungen in Pestowo. Als der Artilleriebeschuss angefangen hatte, gab es eine Artilleriefeuererwiderung, aber das waren nur ein paar Mörser. Sie waren auf eine bestimmte Stellung am Flughafen gerichtet. Anzunehmen, dass aus irgendeinem Grund dieses Geschoss bis in die Stadt geflogen ist – also, bei der Batterie, bei ich war, kann man sich das unmöglich vorstellen. Vielleicht gibt es irgendeine andere Artillerie. Eine andere Frage ist, dass ich persönlich diese  nie gesehen habe. Aber ich möchte sagen, dass die Ukraine auf die Artillerie jetzt antwortet, aber sehr kärglich, sehr. Denn es ist Waffenruhe, und sie verfluchen es, befürchten aber, diese zu brechen.

S.Loiko: Vor meinen Augen schreit ein Kommandeur: „Jetzt kommen unsere GRAD. Sie werden hier sehr nah dran sein, wissen Sie, sie könnten daneben schießen, darum alle bitte in Deckung“.  Als die Infanterie der Separatisten zum Sturm auf den Flughafen losging, hat die Artillerie auf sie geschossen, aber die Artillerie ist so akribisch gewesen, dass sie fast den ganzen Flughafen zerschossen hat, weil alles explodierte, wackelte und auseinanderfiel. Jungs, wenn die ukrainische Armee, wie es in eurem Fernsehen erzählt wird, das ukrainische Volk vernichten wollen würde, hätte sie es längst getan. Das ist mein 25ter Krieg. Meine 25te Kriegsdienstreise.

Ich war bei der Vernichtung von Grosny in 1995, ich war bei der zweiten Vernichtung von Grosny in 2000. Da wollte man das Volk vernichten – und sie haben die Stadt vernichtet, haben sie vom Erdboden verschwinden lassen, zwei Mal. Hier, schauen Sie sich doch Slowjansk an. Wieviel die ganzen zombierten Jungs herumgeschrien haben, dass da GRAD auf die Stadt schießen. Kommt doch nach Slowjansk – und Ihr werdet nicht mal verstehen, wo Ihr seid. Ganz normale Stadt, leben alle, der Strom ist an. Ja, ein paar zerstörte, halbzerstörte Häuser. Und in Donezk?
Ja, es gibt auch irgendwelche zerstörten Häuser, zerstörte Versorgungsleitungen. Aber das ist kein Vergleich zu Grosny. Und in Grosny hat man ja eine sogenannte Antiterroroperation durchgeführt. Wo ist denn bei uns Stalingrad bitte, und wo ist die antiterroristische Operation? Und überhaupt, wenn man von Stalingrad spricht, erinnert mich dieser Krieg an einen Krieg, bei dem ein Land heimtückisch das andere überfallen hat. Und da war eine eigene Brester Festung.

A.Pluschew: Hier eine persönliche Frage an Sie, Sergei: „Wie können Sie mit so einer lauten Pathetik ein Journalist sein? Ich fühle mit Ihrer Haltung durchaus mit, – schreibt Oleg aus Moskau, – aber mir würde nicht in den Sinn kommen, in solchen Fällen derartige Hosianna auf die eine oder die andere Seite zu singen“. Interessant, was meint er denn mit „in solchen Fällen“….

S.Loiko: Ich glaube nicht, dass ich irgendwelche Hosianna singe. Ich erzähle nur das, was war. Und jetzt erzähle ich nicht wie ein Journalist, sondern wie ein Mensch, der da als Zeuge war. Ich erzähle das, was ich gesehen habe: Was ich singe, kenne ich. Lesen Sie doch meine Artikel, wenn sich jemand interessiert, bevor Sie mich verurteilen.

A.Pluschew: Man kann ja auch Fotos bei Ihnen im FB schauen.

S.Loiko: Ja, es ist eine ganze Reihe von Fotos in der „Los Angeles Times“ veröffentlicht worden, und ich habe noch eine ganze Galerie bei FB gepostet – sollen sie doch schauen. Und ich habe hier die Brester Festung gesehen – das war das Sawur-Mohyla. Dann habe ich auch noch die Kessel gesehen, wie es die in 1941 gab. Hier ist dieses Mini-Stalingrad. In Stalingrad wurde das Rückgrat des deutschen Faschismus gebrochen, nach dem sowjetischen Klischee. Und hier habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen, wie in diesem Mini-Stalingrad das Rückgrat was weiß ich wovon gebrochen wurde – vom Faschismus oder nicht- aber von diesem Mordor, diesem Orktum, diesem sinnlosen blutrünstigen Terrorismus – das ganz bestimmt, das wurde gebrochen. Für mich gibt es keinerlei Zweifel daran, dass die DVR, die LVR erdichtete künstliche, halbfaschistische Organisationen sind, deren Aufgabe es nicht ist, etwas für das ukrainische Volk zu tun, es glücklich zu machen, sondern nur eine endlose Zone eines Alptraumes zu erschaffen, die Ukraine in diesen Flughafen zu verwandeln. Wer das braucht – das kann ich nicht beurteilen.

T.Olewski: Was man noch ergänzen möchte. Ich habe mit meinen eigenen Ohren gehört, wie die ukrainischen Armeeangehörige das Geschehen in Peski einen Großen Vaterländischen Krieg nennen, mehrmals wurde es von verschiedenen Menschen bei verschiedenen Lagerfeuern ausgesprochen, das ist einfach ein Gedanke. Ich habe dasselbe auch in Horliwka gehört, von den Menschen, die dem Besler seine Panzerwagen reparieren.

A.Pluschew: Von der Seite der Separatisten. Du musst das erläutern, weil du schon so tief in dieser ukrainischen Geschichte drin bist …

T.Olewski: Ja, weil ich ja in der Ukraine und in Donezk schon mehrmals war …  Und hier muss man verstehen, dass Horliwka eine andere Geschichte ist. Es wird von einem komischen Offizier regiert, der seine eigene Vorstellungen von Gut und Böse hat, eigene Vorstellungen davon, was er alles entscheiden darf…

S.Loiko: Welcher Offizier!

T.Olewski: Nein, nein – er ist ein Offizier der sowjetischen Armee.

S.Loiko: Genau das meine ich.

T.Olewski: Schauen Sie, er entscheidet, wer das Recht auf Leben hat und wer nicht. Er hat irgendwelche eigene Vorstellungen davon, wie es gut sein soll und wie es schlecht sein soll. Jetzt verhandelt er mit der Ukraine über bestimmte Dinge, zum Beispiel über die Beheizung in Horliwka. Und überhaupt werden Gespräche mit ihm geführt, also prinzipiell kann die Ukraine Verhandlungen mit ihm führen. Und dann gibt es Donezk und Luhansk, wo die Situation absolut genial ist, und wo ich Gruppierungen beobachtet habe, die erst die Menschen bestohlen, dann sie unter Beschuss  nahmen und trotzdem behaupteten, sie würden diese beschützen. Und dabei erzählten sie, dass es ein Krieg gegen Faschismus ist. Hier kommt eben die Frage auf. Da sagt man, dass es ein Krieg gegen Faschismus ist. Also, die DVR in Donezk sagt, sie bekriegen den Faschismus, die Junta. Die ukrainische Armee sagt, dass es ein Großer Vaterländischer Krieg ist und zieht Analogien zum Zweiten Weltkrieg, wo sie auch den Faschismus bekämpften. Aber es ist, wie es mir scheint, eine ziemlich wichtige Geschichte, denn jetzt nehmen sie Russland als jenes Land wahr, als das faschistische Deutschland zu einer anderen Zeit.
Sie nehmen Russland als einen Aggressor wahr, und was ganz wichtig für uns zu verstehen ist, dass es für immer ist. Daran werden sich die Kinder der Kinder erinnern. Das ist der Gedanke hier, dass am Ende die Ukraine im Großen und Ganzen glaubt, und es sehr begründet glaubt, dass sie keinen Krieg mit der DVR führt, sondern dass sie einen Krieg gegen Russland führt. Das ist die Tragik dieser Situation – natürlich.

A.Pluschew: Ein Paar Minuten haben wir noch. Wir haben ja gesagt, was innerhalb der Separatistenkreise passiert: Irgendwelche Widersprüche gibt es dort, bis zu Schießereien und gegenseitiger Vernichtung. Du hast noch erwähnt, dass es innerhalb der ukrainischen Seite, zwischen der Armee und dem „Rechten Sektor“, schwierige Beziehung ist. Ein paar Minuten nur.

T.Olewski: Sehr kurz. Der „Rechte Sektor“ ist ja doch eine rechte Organisation, die ganz verschiedene Rechte aus der gesamten Ukraine aufgesaugt hat, und ich habe da zum Beispiel sogar einen FSB-Mitarbeiter aus Primorje getroffen, der im FSB gedient hat. Aber er war ganz rechts, er meinte, dass es absolut normal war, für die rechte Idee in Russland mit terroristischen Methoden zu kämpfen, und dann ist der „Rechte Sektor“ gekommen, er ist nicht in „Asow“ aufgenommen worden, ist am Polygraph getestet worden. Und dann habe ich die ukrainischen Rechten gesehen, die gar keine Rechten sind, die – Entschuldigung – aber eigentlich mehr links sind. Sie ähneln den Fussballfans, und wenn sie da auf irgendwelche Geschichten warten, über verbrannte Kinder und Judenverfolgung, so ist es ganz und gar nicht das, was auf der ukrainischen Seite passiert. Aber in der Armee hat man eine sehr schlechte Beziehung zu Rechten, sehr negativ. Mehr noch: Sie erlauben sich gar keine unvorschriftsmäßigen Chevrons. Und überhaupt finde ich, dass das alles Unfug und unnötig ist. Also, sie nehmen diese natürlich als ihre Kampfgefährten wahr, aber sie sind natürlich Internationalisten.

A.Pluschew:- Eine Minute haben wir noch. Sergei könnte noch was ergänzen.

S.Loiko: In dieser nationalistischen Organisation „Rechter Sektor“ habe ich ein Maschinengewehr „Maxim“ entdeckt, ein funktionierendes, das sehr laut schießt. Und der Richtschütze dieses Maschinengewehrs war ein Jude, Walerij Tschudnowskij, und dann hat mir ein Oberst der ukrainischen Armee, ein echter Oberst, Oleg Zubowski, am Flughafen erzählt, dass „diese Jungs aus dem ‚Rechten Sektor‘ nur eine einzige extreme Sache gemacht haben:  Sie sind zu diesem Flughafen gekommen. Aber sie sind mutig, tapfer – echt – und wir wissen immer, dass wir uns auf sie verlassen können.“

T.Olewski: Ja, sie haben so eine Beziehung. Eine andere Frage ist es, soweit ich das verstehe, dass die ukrainische Armee an der vorderster Linie aus Menschen besteht, die schon einen … da gibt es einen Teil der Menschen, die durch Gefahrenherde gegangen sind, so oder so Menschen, die mehrere Uniabschlüsse haben, und die in den Krieg auf ihren eigenen Wunsch gezogen sind …

A.Pluschew: Unsere Kollegen Timur Olewskij und Sergei Loiko, ein Korrespondent der „Los Angeles Times“ haben uns heute in der Sendung „Mit eigenen Augen“ darüber erzählt, was gerade am Donezker Flughafen passiert – zumindest so, wie sie es selbst gesehen haben. Vielen Dank und bis bald!

Quelle: Alexander Pluschew, Timur Olewski und Sergei Loiko in der Sendung “Mit den eigenen Augen” bei “Echo Moskaus” nvua.net

© der hier vorliegenden deutschen Übersetzung 2014-1109 Irina Schlegel/fogep / Fotos: Loiko

 

https://de.burkonews.info/das-verbotene-interview-reale-situation-donezker-flughafen/

 

Der vierte Weltkrieg

Der nachfolgende Artikel ist eine perfekte Darstellung eines denkbaren Szenarios, das sich in vielerlei Hinsicht sowohl mit meinem Psychogramm Putins – https://tomasspahn.wordpress.com/2014/03/04/putin-mensch-und-macht-psychogramm-eines-strasenjungen/ – deckt als auch die Konsequenzen meiner Überlegungen zur künftigen Militärstrategie Zentraleuropas unterstreicht – https://tomasspahn.wordpress.com/2014/04/20/pladoyer-fur-eine-neue-militarstrategie/ .

Der Artikel des russischen Politologen Andrej Piontkowski erschien im Original bei Echo Moskau bereits am 10. August 2014.

Wir stellen ihn seiner Länge wegen hier ein und dürfen auf diesem Wege Irina Schlegel unseren ganz herzlichen Dank für Ihre Übersetzung sagen.

All jenen Zögerern und Zauderern, die Europa mit ihrer Lähmung nach dem März 2014 unnötig an den Rand dieses Szenarios gebracht haben, sei dieser Artikel Piontkowskis wärmsten empfohlen. Möge er das eine oder andere verträumte Auge öffnen.

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DER VIERTE WELTKRIEG

von Andrej Piontkowski

Dank der Freundlichkeit zweier Kremleierköpfe- dem Moskauer “Liberalen” Karaganov (Vedomosti) und dem New-Yorker Apologeten vom “guten Hitler bis 1938” Migranjan (Expert) stellen wir uns nun ziemlich gut die Argumente der “Friedenspartei” und der “Kriegspartei” vor, die miteinander um die Ehre konkurrieren, möglichst meisterhaft das Schulterchen des Lieblingsführers zu küssen, und ihn für die eigene prinzipielle Haltung zu gewinnen.

Es wird darüber diskutiert, auf welchem Wege es effektiver wäre, die Ukraine weiter zu erwürgen: mit ökonomisch-diplomatischen oder mit offen militärischen Mitteln. Der nationale Leader müsste sich in den nächsten Tagen und sogar Stunden festlegen und seine Wahl treffen.

Schwer zu sagen, ob er ein Demiurg oder ein Opfer der verrückten Welt ist, die durch das russische TV kreiert wird, aber all die Generäle und Oberstleutnante abzuschütteln, die er als “zur Verzweiflung getriebene Donbassbewohner”-Darsteller geschickt hat, wird für ihn schon unvereinbar mit einem politischen Leben sein. Die Versuche, sich mit dem Westen auf irgendeine Formel zu einigen, die sein Gesicht retten kann (Kolesnikows Depesche), sind ohne Antwort geblieben.

Die “Friedenspartei” bietet ihm im Grunde eine langweilige und jämmerliche Agonie eines erfolglosen Politikers an. Beim Chruschtschoew nach der Kubakrise hat sie zwei Jahre gedauert (1962-1964). Beim jetzigen politischen und informativen Tempo werden die Jahre sich zu Monaten zusammenfalten.

Die “Kriegspartei” bietet ihm ein weitaus romantischeres und inspirierenderes Szenario an: den Vierten Weltkrieg der sich aufrichtenden orthodoxen Russischen Welt gegen die verdorbene dekadente angelsächsische Welt. Über diesen Krieg wie über einen bereits stattfindenden Krieg erzählen uns schwärmend die Gäste in TV-Shows von Solowjew, Mamontow und Kisseljow.

Klingt sehr patriotisch. Aber bevor man unseren orthodoxen Dschihad als falsch-gläubig einstuft, wäre es nicht schlecht, sich mal dafür zu interessieren, wie viele Divisionen der Papst hat, sprich der geistige Führer der Russischen Welt. Denn kein Staat, kein Regime wird einen Krieg anfangen, wenn er fest davon überzeugt ist, daß er es verlieren wird. Der Führer und sein Generalstab müssen im Kopf irgendeine Strategie haben, deren Realisation sie in ihrer Vorstellung zum Sieg führt. Versuchen wir doch, uns dieses Vorhaben mal vertraut zu machen.

Erste Ebene der Eskalation. Wirtschaftskrieg. Niederschmetternde Überlegenheit der dreisten Angelsachsen und ihrer europäischen Anhängseln. Diese Höhe lassen wir mal aus.

Zweite Ebene. Der konventionelle Krieg. Gewaltige, ausschlaggebende Überlegenheit des Westens. Lassen wir aus.

Dritte Ebene. Atomkrieg. Ernsthafte psychologische Überlegenheit des putinistischen Russlands. Ich habe schon mehrmals über die Natur dieser Überlegenheit gesprochen. Aber man hat mir unaufmerksam zugehört. Also, von dieser Stelle dann noch mal ausführlich und syllabierend.

In seiner berühmten Krimrede (Sudetenrede) hat Putin alle vagen kollektiven geopolitischen Phantasmen der russischen politischen “Elite” in klare Konzepte verwirklicht: die zertrennte Nation, die Sammlung der ureigenen Territorien, die Russische Welt. So wurde die Vorladung zum Vierten Weltkrieg formuliert. Und dies ist keine Vorladung zur Erhaltung des Status Quo. Sogar die dezenteste praktische Realisation der ambitionierten Idee der “Sammlung der russischen Territorien” wird die Veränderung der Staatsgrenzen zumindest zweier NATO-Mitgliedsstaaten einfordern: Lettland und Estland.

Und welche Instrumente, abgesehen von der berühmten “Geistigkeit”, könnte denn für eine erfolgreiche Konfrontation mit dem NATO-Block und die Annexion von Territorien seiner Mitgliedsstaaten ein Staat einsetzen, der der NATO in der wirtschaftlichen Entwicklung, dem wissenschaftlich-technologischen Niveau und dem Potential an konventionellen militärischen Kräften vielfach unterlegen ist?

Nur die Atomwaffen. Aber, werden Sie fragen, ist es denn nicht allgemein bekannt, dass sich im Bereich der Atomwaffen Russland und die USA genau wie ein halbes Jahrhundert zuvor in einer Pattsituation der Doktrin der Gegenseitig Garantierten Vernichtung (Mutual assured destruction) befinden, und man folglich den Atomwaffenfaktor aus den strategischen Berechnungen ausschließen kann?

Die Sache ist, dass es nicht ganz so ist, beziehungsweise GAR nicht so ist. Die Doktrin der gegenseitig garantierten Vernichtung hat nur eins, das verheerendste, Szenario des militärischen Konflikts zwischen zwei Atommächten in Betracht gezogen: den totalen Krieg. Eine Seite verübt einen Massenschlag auf die Städte und auf die Mittel der Atomwaffenbereitstellung des Gegners, im Bestreben, diese zu neutralisieren. Die Gegenseite antwortet mit den kriegshinterbliebenen Raketen auf den Konfliktinitiator.

Der Kapazitätsbestand beider Seiten, dem Gegner einen unzumutbaren Schaden zuzufügen (der Tod Millionen seiner Bürger), auch im Falle eines Vergeltungsschlages (also die Gefahr des gegenseitigen Selbstmordes) hat eben beide Gegner von dieser Handlungsweise abgehalten.

Aber die Militäranalysten beider Länder haben schon längst darauf hingewiesen, dass dieses Szenario, das die Grundlage der MAD darstellt, nicht alle möglichen Varianten des Atomwaffeneinsatzes ausschöpft. Wenn sich zwischen zwei Ländern irgendein politischer Konflikt zuspitzt, der allmählich in eine militärische Konfrontation übergeht, kann eine von den beiden Seiten ihre Atomwaffen in beschränkter Menge auf einzelnen gegnerischen Zielen anwenden. Vor welcher Wahl wird dann die politische Führung der anderen Seite stehen?  Einen massierten Atomschlag auf die Städte des Gegners verüben? Aber das Resultat (siehe oben) wird der gegenseitige Selbstmord sein. Nicht die beste Variante. Kapitulation im ursprünglichen politischen Konflikt? Auch eine wenig attraktive Perspektive.

Somit versteckt sich unter der einlullenden Decke der “strategischen Stabilität” eigentlich ein unerforschter Bereich der potenziell gefährlichen Szenarien für Kernkonflikte. Bestimmte Reflexionen haben diese Überlegungen im Konzept des “beschränkten Atomkrieges” gefunden, das von der Reagan Administration in den ersten Jahren seiner Regierungszeit erstellt wurde.

(siehe Gelowani, Piontkowski “Die Evolution des Konzepts der strategischen Stabilität. Atomwaffen im 20ten und 21ten Jahrhundert”. Moskau 1997, zweite Auflage Moskau 2008)

Im Großen und Ganzen haben aber die UdSSR und die USA nach ihrer existenziellen Erfahrung der Kuba-Krise eine direkte militärische Konfrontation gemieden, die zu einer Eskalation des Konflikts auf der nuklearen Ebene hätte führen können.

Theoretisch aber ist es klar, dass in einer volatilen geopolitischen Situation die Atommacht, die auf eine Änderung des Status Quo orientiert ist, einen größeren politischen Willen zu so einer Veränderung hat, eine größere Gleichgültigkeit dem Wert vom Menschenleben (dem eigenen wie auch dem der anderen) entgegenbringt, wie auch einen bestimmten Anteil an Abenteuerlust besitzt,- ernsthafte außenpolitische Resultate allein mit der Androhung der Anwendung oder der beschränkten Anwendung von Atomwaffen erzielen kann.

Denn die nukleare Strategie ist ja nicht nur die trockene mathematische Analyse der Schlagabtauschszenarien, sondern weitgehend auch ein dramatisches psychologisches Duell.

So setzt sich Putins Agenda für den Vierten Weltkrieg nicht die Zerstörung der verhassten USA zum Ziel, was man ja nur durch den gegenseitigen Selbstmord erreichen könnte. Diese Agenda ist weitaus bescheidener, noch jedenfalls: die maximale Erweiterung der Russischen Welt, der Zerfall des NATO-Blocks, die Diskreditierung und Erniedrigung der USA als den Sicherheitsgaranten des Westens. Im Grunde ist dies eine Revanche für die Niederlage der UdSSR im Dritten (Kalten) Weltkrieg, genauso wie der Zweite Weltkrieg der Revancheversuch Deutschlands für die Niederlage im Ersten war. Ein Hundertjähriger Krieg (1914-2014) in vier Akten mit einem Epilog.

Schauen wir uns doch in diesem Kontext ein von mir erstelltes, viel unter den Experten besprochenes , durchaus mögliches Szenario des Vierten Weltkrieges an. Im Zuge der Realisation des geistig erhellenden Konzepts der Sammlung von ureigenen russischen Territorien, das von W. Putin in seiner historischen Rede am 18ten März bekanntgemacht wurde, werden die mit einem einzigartigen genetischen Code beschenkte, leidenschaftliche russischsprachige Bewohner von Narva (Estland) ein Referendum über den Anschluss an die Russische Welt durchführen. Für die Realisation der Ergebnisse ihrer Willensbekundung werden auf das estnische Territorium bis an die Zähne bewaffnete grüne Männchen entsendet, mit Abzeichen oder ohne, die dann geschäftig neue Grenzmarkierungen setzen. Wie wird in so einer Situation der aggressive NATO-Block agieren?

Dem Schlüsselartikel des 5ten Statuts dieser Organisation müssen alle seine Mitgliedsstaaten eine sofortige militärische Unterstützung für Estland erweisen. Manche von diesen Staaten haben technische Möglichkeiten einer Eliminierung von Eindringlingen innerhalb einer halben Stunde mittels ferngesteuerter Feuereinwirkung. Eine Absage der Estland-Verbündeten, ihren Pflichten nachzugehen, wird ein Ereignis von historischer Bedeutung werden: es wird das Ende der NATO, das Ende der USA als Weltmacht und eine vollständige politische Dominierung des putinistischen Russlands nicht nur im Areal der Russischen Welt, sondern am ganzen europäischen Kontinent werden. Trotzdem ist die Antwort auf die Frage, ob die NATO Estland im Falle seiner nachbarschaftlichen Vergewaltigung seitens einer Atommacht beschützt, gar nicht so offensichtlich.

Der Autor eines interessanten Artikels “Die Welt ist nicht verrückt” (http://politikan.com.ua/8/0/1/81808.htm) Yuri Felschtinskij, zum Beispiel, sagt folgendes: “Und hier werden wir dann tatsächlich vor einer Bedrohung eines Krieges zwischen Russland und der NATO stehen, wobei Putin sich sicher sein wird, daß die NATO keinen Krieg wegen Ostseestaaten anfangen wird, kein Risiko einer Atomkatastrophe eingehen wird… So wie Hitler, wird er denken, dass der Westen kalte Füße kriegt. Das werden sie aber nicht (was die westlichen Demokratien, wie auch Putin, noch gar nicht wissen)”.

Wissen Sie, das ist der seltene Fall, wo ich mehr dazu neige, mit Putin und Hitler einverstanden zu sein, als mit Felschtinskij. Zumal nach Felschtinskij die westlichen Demokratien noch gar nicht wissen, wie sie in einer kritischen Situation reagieren werden. Putin weiß aber, dass sie wissen, dass sobald sie Estland zur Hilfe kommen, Putin mit einem sehr beschränkten Atomschlag antworten kann. Vernichtet, zum Beispiel, zwei europäische Hauptstädte. Kein London oder Paris, selbstverständlich. Wer weiß, wie man in einer Verzweiflung reagieren kann, nach so einem Schlag, auch eine kleine Atommacht.

Und nun versetzen Sie sich an die Stelle des Nobelpreisträgers Obama. Er ist der Einzige, der sich irgendwie in den plötzlich zugespitzten Konflikt eines niemandem in Amerika bekannten, verflucht soll es sein, Städtchens namens Narva einmischen kann. Und die ganze progressive aber auch reaktionäre amerikanische Gesellschaft wird ihm im Einklang zurufen: “Wir wollen nicht für das fucking Narva sterben, Mr. President!”

Übrigens, dieselbe Meinung vertritt auch die Mehrheit der Bevölkerung Deutschlands, wo es vor kurzem eine soziologische Umfrage zum Thema: “Soll Deutschland seinen Bündnisverpflichtungen nachgehen, im Falle einer militärischen Konfrontation mit Russland?”. 70% der friedliebenden deutschen Bürger haben geantwortet: “Nein, Deutschland muss eine neutrale Position in diesem Konflikt einnehmen”.

Putin beobachtet seine westlichen Partner schon seit einiger Zeit und empfindet tiefe Verachtung für sie. Wie soll er sie sonst wahrnehmen, wenn sich die Kanzler und die Premierminister des großen Europas in eine Schlange stellen, um Lakaien an seinen Tankstellen für jämmerliche 2 Millionen Euro im Jahr zu sein? Oder nach dem Putin zusammen mit Assad mit einem chemischen Schlag alle westlichen Leader wie kleine Kinder beschissen hat, in dem er die Tagesordnung der syrischen Krise gänzlich ausgewechselt hat: aus einem Henker der Sunniten Gemeinde wurde Assad schlagartig ein respektabler Staatsmann, der sich mit der ehrenhaften Aufgabe der chemischen Abrüstung beschäftigt.

Putin hat damals den Obama mit seinen Red Lines durchgerechnet, und heute hat er seine ehemaligen Partner von G8 durchgerechnet. Er ist überzeugt, daß er sie in potenziellen militärischen Konflikten überspielen kann, die auf dem Weg zur Realisation der großen Idee der Russischen Welt entstehen werden, ungeachtet dessen, dass Russland der NATO im Bereich der üblichen Militärausrüstung um ein vielfaches unterlegen ist, und die USA im Kernwaffenbereich auch nicht überlegen sind. Wir werden mit unserem Willen alles erstürmen! Mit dem Willen und mit der Dreistigkeit. “Wie soll ein Schüler gegen die Assis vorgehen”, die dazu auch noch mit Atomwaffen umgürtet sind, und bei jeder Gelegenheit an diesen Gürtel erinnern? Wenn der Genosse Kim Chen In nur mit einem Eimer Atombrühe die ganze “zivilisierte Welt” um sich tanzen lässt, welche Possen kann denn der Herr Krim Put In mit dieser Welt treiben, der ja ein enormes Atomarsenal besitzt?

Der Plan des Vierten Weltkrieges der Russischen Welt gegen die angelsächsische Welt ist dreist, paradox, abenteuerlustig, und hat aber  Chancen auf Erfolg.

Davon abgesehen, im Falle einer Niederlage bleibt in Putins Tasche immer die Unentschiedenvariante: die klassische Gegenseitig Garantierte Vernichtung, radioaktive Asche namens Kisseljow. Das Verständnis dieses Umstands und die wachsende Einsicht dessen, mit wem sie es gerade zu tun haben, wird eine paralysierende Wirkung auf seine “Partner” im zukünftigen Vierten Weltkrieg ausüben. Das tut es jetzt schon.

http://www.echo.msk.ru/blog/piontkovsky_a/1376104-echo/

 

| editorial „Ein slawisches Requiem“


 

„Den Verkäufern ebenso wie ihren Kunden sieht man die bäuerliche Herkunft an: Weite, wollene Faltenröcke bei den überwiegend älteren Frauen, Kopftücher und hin und wieder eine weite Pluderhose. Kurzärmelige, innen mit Fell gefütterte Jacken und Pelzmützen bei den Männern.

Eine alte, mehr als füllige Bäuerin mit einem von einer dicken Knollennase verzierten, verschmitztem Gesicht und – wie auch die anderen Frauen – ganz in schwarz gekleidet, bietet ihren frischen grünen Salat an. 1000 Dinare will sie für zehn Köpfe haben – das sind rund zwölf Pfennig pro Kopf. Bei Vertragsabschluss legt sie großzügig noch drei Köpfe hinzu. Hundert kleine Ligusterpflanzen kosten nochmal 5000 Dinare. Sie verspricht: “Nächsten Sonntag bringe ich noch mehr – zum gleichen Preis.” Sie wird das Versprechen halten.

Ein paar Meter weiter wäscht eine hutzelige Alte einige Möhren – schließlich will man sehen, was man kauft. Eine andere, gebeugte Greisin hält einen Truthahn unter dem Arm. Das schwarz-weiß gefiederte Tier mit dem faltigen blau-grauen Kopf und den roten Kehllappen hält, eingeklemmt zwischen Arm und Oberkörper, völlig still. Nur manchmal zuckt der Kopf ein wenig hin und her.

Im Hintergrund qualmt ein alter Bollerofen aus Gusseisen. Gebackene Teigtaschen und Maronen dienen zur Stärkung. An einer Ecke steht ein faltiger Serbe mit überdimensionalen Gelenken an den knochigen Händen, zerfurchtem Gesicht und den obligatorischen Bartstoppeln. Er bietet kleine Buchsbäume und Wachholder an. “Zehn Bäumchen 1000 Dinare”, preist er mit breitem Grinsen an, entblößt dabei den fast zahnlosen Mund. Nur die schmutzig braunen Stummel der Eckzähne konnten mit dem Alter ihres Trägers mithalten. Drei Wachholderpflänzchen sollen noch einmal tausend Dinare kosten. Der Handel wird abgeschlossen, zwanzig Buchsbäume und drei Wachholder wechseln den Besitzer. Gratis gibt es noch einen Buchsbaum dazu. Später, beim Pflanzen, stellt sich heraus, dass jedes Bündel nicht zehn, sondern elf Bäumchen enthält. Vermutlich, damit auch beim Verzählen nicht weniger als angeboten verkauft wird.


jugo14v800  http://www.beam-ebooks.de/ebook/220529

 

Als ich im März 1988 Jugoslawien besuchte, war der Krieg, der nur wenig später zwischen den südslawischen Völkern ausbrechen und unendlich viel Leid über die Menschen bringen sollte, nicht einmal zu ahnen. Obgleich – im Nachhinein könnte man gewillt sein, das eine oder andere als Vorbote künftigen Unheils zu betrachten.

Tatsächlich allerdings wurden zwar durchaus deutliche Vorbehalte insbesondere der Serben gegenüber den Kosovaren formuliert, dass jedoch nur ein halbes Jahrzehnt später die Menschen, auf die ich während meiner Reise traf, sich gegenseitig die Köpfe einschlagen würden, hätte jede Vorstellungskraft gesprengt.

So erscheint es zweckmäßig, jenseits der scheinbar heilen Welt von 1988 einige Hinweise zu geben und auf Irrtümer der Interpretation des Geschehens einzugehen.

Heute, am 10. April 2014, lese ich auf der Internet-Plattform Wikipedia:

„Die Jugoslawienkriege wurden durch eine komplexe Vermischung von ethnischen, religiösen und schweren ökonomischen Problemen verursacht, denen sich Jugoslawien seit den 1980er Jahren ausgesetzt sah.”

Ohne Zweifel: Die ökonomischen Probleme bestanden, auch wenn 1988 weder irgendwelche Versorgungsengpässe in der Grundversorgung noch ein Mangel an Luxusgütern zu beklagen war. Das Problem lag 1988 eher darin, dass die Planwirtschaft Jugoslawiens nicht in der Lage war, mit der marktwirtschaftlichen Dynamik der westeuropäischen Nachbarn mitzuhalten. Da aber die Jugoslawen – anders als die Bewohner der russisch-postkolonialen Ostblockstaaten – jederzeit ausreisen konnten, gab es einen erheblichen Geld- und Warenzufluss aus Westeuropa. Dadurch wurde gleichzeitig das ermöglicht, was man mit Blick auf das Comecon als “Ameisenhandel” bezeichnete: Eine beständige Zufuhr von den kleinen Gütern, die das Leben scheinbar ein wenig lebenswerter machten. Insofern war die Wunschliste meiner Gastgeber in Serbien auch nur kurz, als ich mich im Spätwinter des jungen Jahres 1988 spontan entschloss, mir die Heimat meiner Freunde anzuschauen.

Bleibt die Frage, warum die Tagebuchnotizen derart lange ungenutzt im Archiv schlummerten. Ursächlich dafür ist – wie so oft – eine Kette unterschiedlicher Ereignisse.

Unmittelbar im Jahr 1988 war ich als MoPo-Redakteur anderweitig beschäftigt, als diese Notizen in ein Buch zu fassen.

Die Tagebuchnotizen gerieten in Vergessenheit.

Das änderte sich allerdings schlagartig in diesem März 2014. Durch die revolutionären Vorgänge in der Ukraine wurde in Russland etwas offenbar, was mir schon seinerzeit in Jugoslawien und bei meinen späteren Besuchen in Russland selbst aufgefallen war: Die unerklärliche Diskrepanz zwischen dem Slawen als Privatmensch und slawisch-kollektivistischer Politik. Ob in Jugoslawien oder bei meinen Besuchen in Russland – immer hatte ich die Menschen, mit denen ich zusammen kam, als äußerst liebenswert und gastfreundlich kennengelernt. Sie verfügten auch und gerade dann, wenn ihr Bildungsstand nicht unbedingt den gehobenen Anforderungen westeuropäischer Bildungsideale entsprach, über das, was gemeinhin mit dem Begriff “Herzenswärme” verbunden wird. Und sie waren bereit, über alles und jedes zu diskutieren, andere Auffassungen zu erwägen und diesen bei entsprechenden Argumenten zuzustimmen. Bis zu einem gewissen Punkt. Und dieser wird auch in den Tagebuchnotizen von 1988 sehr deutlich. Ob in Jugoslawien – oder besser in Serbien – oder Russland – immer stieß ich dann auf unverrückbare Vorurteile, wenn es um die Betrachtung von Nachbarvölkern und die Bedeutung der eigenen Staatskultur ging. An diesen Klischees gab es kein Rütteln und kein Rühren – und es finden sich auch in den Tagebuchnotizen immer wieder Anekdoten und Erinnerungen, die sie bestätigt sehen.

Für die Serben waren es die Albaner, Bulgaren und Türken, die man mit dem nationalsozialistischer Rassetheorie entlehnten Begriff der Minderwertigkeit vielleicht am ehesten definieren kann.

Für die Russen waren es vor allem “die Schwarzen”. Und damit waren nicht die Bewohner Schwarzafrikas gemeint, sondern die vielleicht etwas dunkelhäutigeren, aber vor allem schwarzhaarigen Kaukasier. Wann immer in Russland das Gespräch auf diese Menschen kam, stieß ich auf bösartige, menschenverachtende Ablehnung. Die Kaukasier waren für die Russen aus dem einfachen Volk ebenso wie aus der Nomenklatura, mit denen ich Kontakt hatte, eine Art von Untermenschen, die von den Russen im Sinne des europäischen Kolonialverständnisses des neunzehnten Jahrhunderts zu zivilisieren seien. Eine Auffassung übrigens, die mich schon in den Achtzigern bei einem Besuch einer Veranstaltung eines Deutsch-Russischen Freundschaftsvereins in Hamburg irritierte, als ausgerechnet der dort wortführende Ex-Senator Rolf Bialas von der FDP den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan damit zu rechtfertigen suchte, dass die Afghanen “noch nicht reif” für eine Selbstverwaltung seien.

Bei beiden Gruppen – Russen wie Serben – verknüpfte sich diese vorurteilsbeladene Ablehnung mit einem unterschwelligen Hass auf alles islamische. Ohne Zweifel: Serben wie Russen hatten in ihrer Geschichte über Jahrhunderte Erfahrungen mit den islamischen Türken und Turkvölkern ebenso wie anderen islamischen Ethnien gemacht und waren weit mehr in unmittelbare Konflikte insbesondere mit den Vertretern der Hohen Pforte geraten als die Westeuropäer, die nach dem Scheitern des osmanischen Versuchs, mit Wien die bedeutendste Hauptstadt des damaligen Europa zu nehmen, ihre Macht auf den Balkan und Kaukasien konzentrierten. Die langjährige Unterjochung der Serben durch die Türken, die aus Sicht der christlich-orthodoxen Serben die muslimischen Slawen vor allem in den bosnischen Nachbarregionen bis heute zu Quislingen stempelt, ist ebenso wie der koloniale Kampf der Russen gegen muslimische Volker im Süden des Kolonialreiches der Rus eine bis heute prägende Erfahrung.

Beide Völker fühlten sich darüber hinaus durch die Unterstützung der muslimischen Türken durch das Vereinigte Königreich, Frankreich und das italienische Königreich Sardinien im Krimkrieg von 1853 bis 1856 von den christlich-westeuropäischen Glaubensbrüdern verraten. Hier fand im Bewusstsein der orthodoxen Slawen in Russland wie in Serbien, die sich in der Tradition des oströmischen Reiches als Bollwerk des christlichen Abendlandes gegen die Muselmanen begreifen, der Verrat von 1453 seine Fortsetzung, als Mehmed 2 das über Jahrhunderte als Zentrum der Christenheit fungierende Konstantinopel-Byzanz eroberte und zur Plünderung durch seine Truppen freigab – und das christlich-katholische Westeuropa dieses lediglich zur Kenntnis nahm, ohne den orthodoxen Glaubensbrüdern im Osten auch nur den Ansatz von Hilfe zu leisten.

Das vermutliche militärische Patt auf dem Amselfeld im Kosovo in der Schlacht von 1389, das die Unterwerfung Serbiens unter türkisch-islamische Oberhoheit und damit den abschließenden Untergang Byzanz’ eingeläutet hatte, fand seinen Weg in die mystische Verklärung einer bedeutsamen Niederlage des serbischen Volkes, die bis heute das gesamte Leid des serbischen Volkes unter dem Türkenjoch in sich fasst und die es für die Serben gerade deshalb umso unfassbarer macht, auf diesen Pathos durch die Loslösung des albanisch geprägten Kosovo scheinbar verzichten zu müssen.

Das Amselfeld ist für die Serben das, was für die Juden die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier war: Der scheinbar auf alle Ewigkeit bestehende Beweis für die Idee des einen, gemeinsamen Volkes. Der durch die NATO letztlich herbeigezwungene Verzicht auf eben dieses Amselfeld ist bei aller rational-politischen Rechtfertigung für die Serben weitaus mehr als der Verzicht auf ein Stück Land: Es bedeutet in seiner Konsequenz den Verzicht auf ein, vielleicht auf das bedeutendste Stück gemeinsamer Identität. Hier zeigen sich dann unerwartet Parallelitäten zum russischen Vorgehen auf der Krim und gegen die Ukraine im Frühjahr 2014: Statt eine neue Zeit mit neuen Anforderungen und einer neuen, vorwärtsgewandten Volksidentität zu schaffen, werden historische Ansprüche bemüht, um etwas scheinbar Verlorenes wiederzubeleben. Es ist eine rückwärtsgewandte Sicht, die sich aus in Jahrhunderten entstandenen Legenden und Verklärungen ein Bewusstsein schafft, das fernab rationaler Sicht das Handeln prägt und gleichzeitig den Weg versperrt für das Beschreiten zukunftsorientierter Perspektiven.

Ob Serben oder Russen – und selbst bei Griechen; bei ihnen allen konnte ich über die Jahrzehnte in meinen Gesprächen immer wieder feststellen, dass der Verzicht Roms und mit Rom eben auch Westeuropas auf konkrete Maßnahmen zur Befreiung der orthodoxen Christen vom Türkenjoch ab dem vierzehnten Jahrhundert heute noch ebenso präsent ist wie eben auch der “Verrat” der westeuropäischen Nationen von 1853. Wenn vor allem Russland heute immer noch oder wieder mit skeptischem Blick nach Westen schaut, so ist dieses jenseits der faschistoiden Züge tagesaktueller Putinscher Politik auch in diesen geschichtlichen Erfahrungen begründet. Russland und seine Orthodoxie begreifen sich bis heute als die einzig legitimen Nachfolger des christlich-byzantinischen Reichs. Die panslawistische Idee orientiert sich jenseits dessen, dass die Griechen und die christlichen Anatolier niemals Slawen waren, bis heute am Weltimperium Byzanz. Russland versteht sich nicht zuletzt angesichts der eindeutigen Positionierung der Westeuropäer im Krimkrieg zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts weiterhin als einzige Schutzmacht der christlich-orthodoxen Völker im Osten und Südosten Europas. Der so genannte Erste Weltkrieg nahm seine Dimension maßgeblich deshalb an, weil Russland in der Auffassung, die Habsburger Monarchie würde nicht bereit sein, von einem Feldzug gegen Serbien abzusehen, ab dem 27. Juli seine Arme mobil machte.* Wenn Zar Nikolaus am 31. Juli 1914 seinem deutschen Cousin kabelt:

“I thank you heartly for your mediation which begins to give one hope that all may yet end peacefully. It is technically impossible to stop our military preparations which were obligatory owing to Austria’s mobilisation. We are far from wishing war. As long as the negotiations with Austria on Serbia’s account are taking place my troops shall not make any provocative action. I give you my solemn word for this. I put all my trust in Gods mercy and hope in your successful mediation in Vienna for the welfare of our countries and for peace of Europe. Your affectionate Nicky”,

dann macht dieses unmissverständlich den Anspruch Russlands klar, als Schutzmacht für die Südserben jedwedes kriegerische Risiko auf sich nehmen zu wollen.

Im Gefühl dieser machtvollen Rückendeckung strebte Serbien schon 1914 die Eingliederung zumindest Bosniens und der Herzegowina an, welche zu diesem Zeitpunkt Teil des Habsburger Vielvölkerstaates war.

Durch die damals auf jugoslawischem Gebiet lebenden Menschen ging insofern ein doppelter Riss: Der zwischen den einstmals türkisch dominierten orthodoxen Christen und ihren zum Islam konvertierten Volksgenossen sowie der zwischen den orthodoxen Christen und jenen römisch-katholischen Glaubensbrüdern, die das Türkenjoch ihrer orthodoxen Nachbarn nach deren Verständnis bereitwillig zugelassen hatten. Gavril Principe und der von ihm verursachte Feldzug der europäischen Selbstvernichtung kann unter diesem Aspekt immer auch als Rache der Serben für den Verrat durch Westeuropa betrachtet werden. Selten wird dieses deutlicher, als wenn ausgerechnet zum einhundertsten Jahrestag des serbisch gelenkten Terroraktes ausgerechnet in Sarajewo ein Ehrenmal für den Attentäter aufgestellt wird.

So, wie die osmanisch-islamische Expansion auf dem Balkan Orthodoxie und Katholizismus einander weiter entfremdet hatten, so kam auch das, was in Westeuropa als Aufklärung die neuzeitliche Politik geprägt hat, niemals wirklich bei den orthodoxen, osteuropäischen Christen an. Die europäische Aufklärung wird so zu einem Phänomen der katholisch geprägten, durch die Reformation beeinflussten Länder.

Über die Konsequenz, für Russland und die christlich-orthodoxen Länder eben nicht den scheinbar unvermeidlichen Weg zu einer partizipativ-demokratischen Gesellschaft als selbstverständlich voraussetzen zu können, hatte sich weder in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch in den ersten eineinhalb Dekaden des einundzwanzigsten Jahrhunderts irgendein westeuropäischer Politiker ernsthaft Gedanken gemacht. Und doch war und ist das Staats- und Gesellschaftsverständnis in diesen Staaten deutlich anders geprägt als in den mühsam entstandenen Demokratien zwischen Atlantik und Elbe. Welchen Weg eine nicht zur Bundesrepublik Deutschland beigetretene DDR gegangen wäre, lässt sich angesichts der Erfahrungen beispielsweise in Ungarn nur spekulieren. Der demokratische Weg Polens, der insbesondere durch die Sterntaler-Brüder gefährdet schien, ist insofern umso eindrucksvoller.

Aus dieser trotz umfangreicher kultureller Gemeinsamkeiten unübersehbaren Verschiedenheit resultiert nicht zuletzt das, was ich als Diskrepanz bezeichnet habe. Ist Russe oder Serbe als Mensch ein überaus angenehmer und liebenswerter Freund, so entfremdet er sich als politisches Kollektiv schnell dem individualistischen Bewusstsein der Westeuropäer.

Wenn in den Wochen nach der Okkupation der ukrainischen Krim durch Russland in Deutschland die unterschiedlichen Bewertungen der grünen Oppositionspartei mit denen der in Sowjettradition stehenden linken Oppositionspartei sich fast schon zu einer Art Glaubenskrieg stilisierten, so zeigt dieses mehr als alles andere, wie sehr die einen in ihrer russifizierten Seele verfangen sind, während die anderen in einer Mischung aus Aufklärung und verklärender Utopie im wahrsten Sinne des Wortes die Antiposition vertreten. Bricht sich bei den Grünen trotz deren elitären Hangs zur Bevormundung des aus ihrer Sicht Unwissenden die Individualität der selbstbestimmten Utopie Bahn, so orientiert sich die orthodoxe politische Linke ebenso wie die extreme Rechte an dem kollektivistischen Ansatz einer Volksgemeinschaft, die unter einem durchsetzungsfähigen Führer den rechten Weg in eine Gesellschaft, in der Recht und Ordnung jenseits des Hedonismus des Vielkulturellen und Vielethnischen herrschen, und schafft den Raum, aus politischen Utopien faschistoide Modelle des starken Staates im Sinne Carl Schmitts zu machen.

Weil nun diese Überlegungen im März dieses Jahres 2014 so unerwartet wie dennoch offenkundig deutlich wurden, erinnerte ich mich an jene Notizen aus dem Jahr 1988, die damals auch deshalb nicht mehr veröffentlich wurden, weil der Jugoslawienkrieg der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts alles Frühere dominierte und kaum jemand ein Interesse daran haben konnte, Geschichten aus der Zeit davor zu lesen.

Dieser Konflikt endete 1999 mit der gewaltsamen Loslösung des albanisch geprägten Kosovo von Serbien-Montenegro – ein Vorgang, den die russische Führung 2014 in propagandistischer Geschichtsklitterung als Begründung für ihre Aktivitäten in der Ukraine heranzog. Wie weit seitdem das ehemalige Jugoslawien zur Ruhe kommen und die Wunde des Krieges verheilen konnte, steht auf einem anderen Blatt. Und so gewinnen die Notizen vielleicht doch wieder einen gewissen Wert. Denn sie erinnern an ein Land, das unmittelbar vor seiner Katastrophe stand, ohne dieses zu ahnen.

Die Tagebuchnotizen können ein wenig erklären, wie es im Jugoslawien von 1988 bereits im Folgejahr zum Riss zwischen der Zentralregierung in Belgrad und den “Separatisten” in Slowenien kam, der den eigentlichen Startschuss lieferte für den grausamsten Krieg, der nach 1945 in Europa ausgefochten wurde. Und dennoch ist das nur Nebensache. Denn im eigentlichen Mittelpunkt der Notizen stehen die kleinen Anekdoten der ganz einfachen Menschen. Ob Baba oder Kompjuter, ob der Dorfsheriff oder der Geist des Säufers – sie alle zeichnen ein Bild von den Bewohnern des zentralserbischen Balkan, an dem sich bis heute wenig geändert haben wird.

Die Reise in ein bis heute touristisch unerschlossenes, unbekanntes Land hatte 1988 durchaus ein wenig von Freiheit und (kalkulierbarem) Abenteuer. Die Furie des Krieges, die das Land in den Folgejahren erschüttern sollte, bereitete mir umso mehr Schmerz vor allem dann, wenn die Nachrichten über Orte und Regionen berichteten, die ich damals bereist hatte oder die in unmittelbarer Nähe zu meiner Route lagen. Es ist immer etwas anderes, ob über Terror abstrakt berichtet wird, oder ob man diesen Terror mit persönlichen Erinnerungen verbindet. So sollte beispielsweise das wunderbare Hotel, in dem ich in Dubrovnik abgestiegen war, zehn Jahre später ein Trümmerfeld sein, weil es als größtes Gebäude außerhalb der Altstadt gleichsam ein prägnantes Ziel für die oberhalb der kroatischen Küstenstadt positionierte, serbische Artillerie war.

Ich hatte mich 1988 vor allem auch in die Altstadt von Dubrovnik verliebt – und so wurde jeder Treffer, über den in den Nachrichten zu hören war, auch immer ein kleiner, persönlicher Schmerz. Doch was in solchen Konflikten an Werten und Erinnerungen zerstört wird, ist nur die eine Seite der Medaille. Was die Bestie Mensch sich selbst und seinen Mitmenschen anzutun in der Lage ist, ist für jemanden, der nicht unmittelbar beteiligt ist, nicht zu ermessen. Das ist heute in Syrien so – und es war damals in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo nicht anders. So war es vor allem die Vorstellung, dass Menschen, denen ich 1988 begegnet war, wie Furien aufeinander losgehen könnten und sich gegenseitig jegliches Existenzrecht abstritten, die mich verstörte.

Serbien blieb – obgleich Ausgangspunkt der Gewalt – lange vom Krieg verschont. Erst als die NATO zum Schutz der von “ethnischen Säuberungen” bedrohten Kosovaren eingriff, sollte sich das ändern.

Der Krieg machte auch vor dem kleinen Ort Supska nicht halt. Im Zuge des Konfliktes mit der NATO wurden Bombenangriffe auf jene Eisenbahnbrücken geflogen, über die ich bei meinem Besuch mehr schlecht als recht mit dem Auto gefahren war. Auch wurde mir vom Einsatz besonderer Kampfmittel berichtet, die am Himmel Nordlichter produziert und elektrostatische Entladungen veranlasst hätten. Da ich alles andere als ein Waffenexperte bin, überlasse ich die Bewertung dieser Darstellungen jenen, die mehr davon verstehen. Ich möchte vielmehr zum Abschluss dieses Editorials noch einmal zurückkommen auf jenen kurzen Satz aus Wikipedia.

Die ökonomischen Probleme waren – ich schrieb es bereits – auf volkswirtschaftlicher Ebene unverkennbar. Auf der individuellen bemerkte ich davon jedoch kaum etwas. Die ethnischen Probleme sind etwas, das ich sehr deutlich zur Kenntnis nahm und in den Notizen dokumentierte – auch wenn seinerzeit für mich nicht vorstellbar war, in welcher Weise sie ausufern sollten. Was ich jedoch überhaupt nicht zur Kenntnis nahm,  waren religiöse Konflikte. Sie spielten im Bestreben nach politischer Selbstbestimmung keine Rolle.

Tito war klug genug gewesen, seinen marxistisch-atheistischen Ansatz nicht dauerhaft zur Staatsdoktrin machen zu wollen. So konnte der Serbe orthodox, der Kroate katholisch und der Bosniak muslimisch sein. Die Kirchen und Moscheen standen in jenen überwiegend bosnischen Städten, in denen die Religionen aufeinander trafen, nicht selten auf Sichtweite voneinander entfernt. Religion wurde als Privatangelegenheit geduldet. Politisch hatte sie keine Bedeutung. Der später so in den Vordergrund drängende  Glaubenskonflikt war in seinem Ursprung nichts anderes als ein künstlich und bewusst von dem nationalen und sozialistischen Serben Slobodan Miloševic erzeugtes Instrument zur Manipulation “seiner” Serben. Dass er dabei auf der vorhandenen, nationalistischen Aversion gegen “die Türken” ebenso wie auf dem vermeintlichen “Verrat” der Westeuropäer an den Serben aufbauen konnte, schuf ihm das ethnoklerikale Mittel, das seine Propaganda beförderte.

Um jedoch jeglicher Geschichtsklitterung vorzubeugen: Das, was man als Jugoslawischen Bürgerkrieg bezeichnet und was ein Krieg war zwischen den unterschiedlichen Volksgruppen Südslawiens, war weder in seinem Ursprung noch in seiner frühen Phase ein religiös motivierter Glaubenskrieg. Es war ein Krieg zwischen dem Dominanzanspruch einer totalitär-faschistoiden serbischen Führung und dem Selbstbestimmungsbestreben der nach dem Ende der Besetzung durch die Mittelmächte willkürlich unter serbischer Dominanz vereinten Völker. Die Propaganda und die mediale Berichterstattung machten im Chor mit jenen äußeren Kräften, die von religiösen Motiven getrieben waren, aus diesem politischen Konflikt des Separatismus auch einen Glaubenskrieg. Als Ursache der Kriege jedoch spielte das religiöse Bekenntnis der Bewohner keine Rolle. Ich weise darauf nicht zuletzt deshalb so deutlich hin, weil wir seit einiger Zeit eine vergleichbare Entwicklung in Russland beobachten können.

Als ich mich in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts des Öfteren mit Wladimir Slutzkow, einem damaligen Vizekonsul der Noch-Sowjetunion in Hamburg und ohne Zweifel zumindest Zuträger des KGB, traf, erörterten wir unter anderem auch die Muslim-Problematik im Süden des Sowjetreichs. Für Slutzkow war dieses Problem keines. Er betrachtete jene zarten Pflänzchen im Zuge von Glasnost und Perestroika öffentlich auftauchender muslimischer Glaubensbekenntnisse als – wörtlich – “Folklore”.

Seine feste Überzeugung lautete: Religion spiele nach nunmehr rund siebzig Jahren Sozialismus keine Rolle mehr. Die Sowjetunion sei ein im Sinne europäischer Aufklärung laizistischer Staat, der die Unvernunft des Klerikalen abschließend überwunden habe.  Mein Hinweis darauf, dass nicht nur der Islam eine weitaus längere Tradition habe als der sozialistische Atheismus und dass durch die Entwicklungen in den islamischen Ländern – allen voran Iran – ein entsprechender, identitärer Funke auch in die Kaukasusrepubliken überspringen könne, wurde als unrealistische Schwarzmalerei abgetan. Für den aus dem damaligen Leningrad stammenden Slutzkow der achtziger Jahre war die Vorstellung, dass Religion in Russland irgendwann einmal wieder irgendeine Form von Bedeutung haben könne, jenseits der Vorstellungskraft. Das galt nicht nur für die Peripherie des Islam – es galt auch für die christliche Orthodoxie.

Ich will jetzt nicht darüber nachdenken, wer damals richtig lag und wie sehr und wie schnell – und warum – auch die russische Orthodoxie in ihre alte Rolle der großrussischen Staatsreligion gefunden hat. Wichtiger ist für mich die Feststellung, dass sowjetische Politik offenbar geneigt war, bestimmte Problemfelder gänzlich auszublenden und möglicherweise schwelende Konflikte erst im Sinne machtpolitischer Instrumentarien zu aktivieren. Gleichzeitig scheint mir der Hinweis auf Slutzkow Beleg genug dafür, dass und wie das neurussische Reich des Boris Jelzin eiskalt von der nationalreligiösen Wucht der islamisch-kaukasischen Separatisten erwischt wurde. Für die Menschen aus dem KGB – zu denen auch der spätere Präsident Putin gehörte – spielte Religion keine Rolle. Sie bekam diese erst, als sie in machiavellistischer Perfektion zum Instrument der Lenkung des Volkes genutzt werden konnte.

Insofern scheinen sich die Positionen und Denkweisen des 2006 während des gegen ihn eingeleiteten Prozesses verstorbenen Miloševic und die des Wladimir Putin in vielerlei Hinsicht zu ähneln. Auch Miloševic war Laizist durch und durch – und dennoch oder gerade deshalb konnte er die serbisch-orthodoxe Identität zum Instrument seines Kampfes um ein großserbisches Reich machen.

Hier scheint sich nun ein Bogen zu schließen zwischen den imperialen Bestrebungen des nach-sowjetischen Russlands und dem national-sozialistischen Denken der serbischen Führung jener Tage. Dabei offenbart sich in beiden Fällen die fatale Neigung der “Völker”, sich der propagandistisch-politischen Instrumente ihrer totalitären Führung kritiklos zu unterwerfen und so selbst zum Instrument derjenigen zu werden, die auf ihrem Rücken ihr persönliches Wohlergehen organisieren.

Ich bin in öffentlichen Foren in jüngster Zeit für meine Kritik an dem “Kremlfaschisten” Putin des Öfteren als “Russen-Hasser” beschimpft worden. Ursache dafür sind kritische Stellungnahmen zum völkerrechtswidrigen Vorgehen der Putin-Clique gegen die Ukraine ebenso wie Publikationen, die ein Psychogramm Putins zeichnen und auf eine künftige Konfliktfelder hinweisen, die sich dem Blickfeld der Führung im Kreml gänzlich zu entziehen scheint. Für mich setzt sich dort jene partielle Blindheit in der Wahrnehmung fort, wie ich sie seinerzeit bei Slutzkow feststellen konnte. Statt eines realistischen Blicks auf die Welt des 21. Jahrhunderts vernebelt die Reminiszenz an vergangene Größe die Wahrnehmung und organisiert durch die Absolutheit ihres Anspruchs nicht nur unendliches Leid außerhalb des eigenen Staatsgebietes, sondern verführt auch das eigene Volk dazu, sich selbst die Basis einer selbstbewussten, freiheitlichen Zukunft zu zerstören.

Zum Abschluss dieses Editorials deshalb noch ein Wort an jene, die freundlich als “Putin-Versteher” bezeichnet werden, ebenso wie an die Faschisten von rechts wie von links, die dem Neo-Totalitarismus postsowjetischer Prägung zujubeln: Russen-Hasser ist nicht derjenige, der dieses traditionsreiche, europäische Volk vor einem fundamentalen historischen Fehler bewahren möchte – Russen-Hasser ist am Ende derjenige, der den Weg des Volkes in seine Katastrophe bejubelt. Und diese Katastrophe wird kein europäischer Krieg sein, sondern die innere Zerstörung des Landes auf wirtschaftlichem, kulturellem und moralischem Gebiet ebenso wie die ungewollte Beförderung separatistischer Bestrebungen wie revisionistischer Ansprüche von Völkern, die von Russland in den vergangenen fünfhundert Jahren gedemütigt wurden.

Jugoslawien hat vorgemacht, wohin der Weg faschistoider Politik führt. Russland hat sich – von vielen noch unbemerkt – auf einen ähnlichen Weg gemacht wie das Jugoslawien der späten achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts.

In Jugoslawien führte der ethnoklerikale Faschismus der als Sozialisten gestarteten Clique um den serbischen Präsidenten Slobodan Miloševic nicht nur zur Zerstörung des Experiments Jugoslawien – es kehrte auch das unterste menschlicher Existenz nach oben und führte konsequent zu dem größten und vorsätzlichsten Massenmord der europäischen Nachkriegsgeschichte. Wirklich aufbereitet ist all dieses von den Beteiligten und Betroffenen bis heute nicht.

Der Blick von den Südslawen zu den Ostslawen offenbart erschreckende Parallelen. Es ist nicht nur der Mangel an Aufarbeitung eigener Geschichte, der das Wiederaufleben eines ethnoklerikalen Faschismus ermöglicht. Es ist auch die Schere, die sich auftut zwischen jenen elitären Schichten und einer Landbevölkerung, die im Denken und Handeln des neunzehnten Jahrhunderts verharrt; die unfähig ist, ihre in Jahrhunderten aus kollektiven Erfahrungen gewachsenen Vorurteile und Selbstüberhebungen in ein zukunftsfähiges Maß einzupassen.

Nicht zuletzt Dank des Einsatzes des westlichen Militärbündnisses konnte der von den serbischen Ethnofaschisten entfachte Flächenbrand – wenn auch viel zu spät – erst eingedämmt, dann weitgehend ausgetreten werden. Die Unabhängigkeitsbestrebungen der Kosovaren wurden von der NATO durchgesetzt – aber nicht, wie heute gern kolportiert wird, um Serbien zu schaden, sondern um von Serbien ausgehenden Schaden von den Kosovaren abzuhalten. Es gab kein Interesse daran, den Kosovo aus Serbien herauszulösen – aber es gab die Verpflichtung, die Albaner vor dem Schicksal der Bosnier zu bewahren. Dass ein solches Schicksal nicht von der Hand zu weisen war, wird auch in meinem Reisebericht deutlich: Die abgrundtiefe Abneigung gegen die Kosovaren, die sich selbst bei meinem sonst so aufgeklärten serbischen Freund Bahn brach, spricht für sich selbst.

Das jugoslawische Schicksal kann auch das Schicksal Russlands werden. Je mehr der Ethnoklerikale Faschismus in der Prägung eines Alexander Dugin in der russischen Politik dominiert – je mehr die rückwärtsgewandte Ideologie einer überlegenen russischen Rasse als kollektivistischer Träger einer scheinbar christlich-europäischen Idee das Handeln der Machteliten um Wladimir Putin bestimmt, desto größer werden die Fliehkräfte in den ethnisch nicht-russischen Regionen werden. So wird am Ende auch die Gefahr eines russischen Bürgerkriegs nach jugoslawischem Muster spätestens dann nicht mehr von der Hand zu weisen sein, wenn Russland selbst diesen ethnisch begründeten Krieg in seine Nachbarländer trägt, wie es im Frühjahr 2014 in der Ukraine und zuvor in Georgien zu konstatieren war.

©2014 Spahn/FoGEP – gekürztes Vorwort aus „Ein slawisches Requiem“

Das Versagen der USA in Nahost und Perspektiven möglicher Konfliktlösungen

Im Herbst 2006 hatte ich einen Text zur seinerzeit aktuellen Situation im Irak und im Nahen Osten erstveröffentlicht, der – wie ich jetzt feststellen konnte – durch die Erfolge der ISIS (Islamischer Staat in der Levante – nicht in Syrien und Irak, wie fälschlich übersetzt) neue Aktualität gewonnen hat.
Manche der seinerzeit skizzierten Zielperspektiven scheinen weiter in die Ferne gerückt denn je – andere hingegen scheinen fast schon Realität zu sein. In der langfristigen Perspektive ist mein 2006er Text heute so aktuell wie damals – umso mehr, als der selbsternannte Löwe in Syrien maßgeblich den Boden bereitet, um irgendwann von Null starten zu müssen. Auch die Perspektive eines zuverlässigen Stabilitätsfaktors Iran ist allem Anschein nach näher gerückt – vom unabhängigen Kurdenstaat ganz zu schweigen.
Ein deutlicher Rückschlag ist in der Türkei festzustellen, da die damals nur angedeutete Gefahr der Islamisierung zunehmend real wird. Unabhängig davon hat sich an dem Streit der „großen Drei“ – Türkei, Iran und Sa’udi-Arabien – wenig geändert. Außer vielleicht, dass in absehbarer Zeit auch Ägypten wieder mehr Regionalinteressen entwickeln wird. Diese aber reichten 2006 ebenso wenig bis nach Mesopotamien, wie dieses heute der Fall ist.

 

Das Versagen der USA in Nahost und Perspektiven möglicher Konfliktlösungen

So genannte irakische Exilpolitiker hatten den Ohren, die es hören wollten, zugeflüstert, das darbende Volk Mesopotamiens warte nur auf die Demokratie. Die Brains sogenannter Braintrusts hatten erdacht, dass eine einzige, erste wirkliche Demokratie im arabischen Nahen/Mittleren Osten der auslösende Stein in einem Dominospiel wäre, das die totalitären Herrscher zwischen Mittelmeer und Indischem Ozean reihenweise dazu bringen werde, das erwartete Erfolgsmodell demokratischer Irak bereitwillig zu übernehmen.

Die Vereinigten Staaten von Arabien

Das Ziel der erwarteten, zwangsläufigen Entwicklungen: Die Vereinigten Staaten von Mittelsüdwestasien auf Basis der US-Verfassung. Zumindest aber eine Arabische Union, die ihrem Europäischen Pendant in Sachen Demokratie in nichts nachstehen, in Sachen Wirtschaftskraft dank Öl sogar weit voraus sein würde. Totalitäre aber unverzichtbare Partner wie die Sa‘udis, so trusteten die Brains und tankten die Thinks, würden ebenso der Vergangenheit angehören wie ungeliebte, ja verhaßte, glaubensfanatische Mullahs.

Der Wunsch hat sich leider nicht erfüllt. Die immer lauter flüsternden Exilpolitiker wurden als Herrscher ohne Land und Führer ohne Volk vom Feld genommen, die erdenkenden Brains wechselten die Seiten und beklagten, dass seitens ihrer Administration eine falsche Politik zu falschen Ergebnissen geführt habe – dabei hatten doch sie die Richtung vorgegeben, an der sich ihre Administration entlang hangelte.

Von den hehren Kriegszielen wurde nur eines erreicht – ansatzweise. Der irakische Tyrann ist gestürzt. Und wurde gleich einer Hydra ersetzt durch eine beharrlich wachsende Zahl kleiner Tyrannen, die das Land – wenn auch offiziell nie so bezeichnet – in einen Bürgerkrieg stürzten. Durchschnittlich einhundert ermordete oder verstümmelte Bürger am Tag, wussten uns die Medien mitzuteilen. Über Dunkelziffern wird nicht geredet oder geschrieben.

Vernichtung von Massenvernichtungswaffen

Ein weiteres Kiregsziel war die Zerstörung vorgeblicher Massenvernichtungswaffen. Doch die blieben unauffindbar – und erwiesen sich als ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, ursprünglich erdacht, um die Mächtigeren von einem Eingreifen in das Saddam-Kalifat abzuhalten, dann von einem ganz Mächtigen genutzt, um eben dieses Eingreifen zu legitimieren.

Die US-Bürger, ähnlich naiv und blauäuig wie ihre Administration, verloren ob der Verluste an Soldaten und ausbleibender Erfolge in Sachen befreundeter, arabischer Demokratien ihre Begeisterung an diesem Kreuzzug, weshalb zahlreiche Sicherheitsaufgaben auf private Söldnerarmeen ausgelagert wurden. Manch einem schien zu dämmern, dass er sich von Bush und Freunden hatte einlullen lassen, um ungewollt den Wirtschaftsinteressen einiger weniger wie dem Dienstleister Halliburton hilfreich zur Seite zu stehen. Auch die US-amerikanischen Demokraten, anlässlich der seinerzeitigen Kriegseuphorie in Sachen Irak unfähig zur Opposition, waren dabei, sich zu fangen und ihre verfassungsgewollte Aufgabe der Regierungskritik behutsam wieder aufzunehmen – einer der wenigen Lichtblicke in dem Debakel, das die Vereinigten Staaten in den Jahren zwischen 2001 und 2006 in Sachen Freiheitliche Demokratie und Menschenrechte zu bieten hatten.

Strategie und Kriegsziel

Im Herbst 2006 dann war von einem „Strategiewechsel“ die Rede. Strategie, das lehrt uns Carl von Clausewitz, ist jenes Denkmodell, das vor dem Eintritt in den Krieg stehen sollte, um das strategische Kriegsziel zu definieren und über die Entwicklung taktischer Maßnahmen eben dieses zu erreichen. Die Strategie, so haben wir gelernt, bestimmt die Taktik und wird ihrerseits bestimmt vom Kriegsziel.

Wenn nach drei Jahren Interventionskrieg von einem Strategiewechsel die Rede war, bedeutete dieses gleichwohl in der Realität, dass an den langfristigen Kriegszielen „irgendwie“ festgehalten werden sollte. Denn andernfalls hätte man nicht über einen Strategiewechsel nachdenken müssen, sondern schlicht und einfach seine Truppen abgezogen. Weshalb die Frage erlaubt ist, ob tatsächlich von einem Strategiewechsel die Rede sein konnte, oder lediglich die Taktik neu überdacht wurde. Denn gleichzeitig klammerte dieser so genannte Strategiewechsel die Kernfrage aus: Sind die Kriegsziele überhaupt zu erreichen?

Führen wir uns diese Kriegsziele deshalb kurz vor Augen – wobei wir uns auf die offiziellen beschränken werden.

Kriegsziel Eins war die Entfernung des Tyrannen Saddam Hussein. Abgehakt. Und weniger problematisch, als von vielen befürchtet. Doch eben nur ein Etappensieg.

Kriegsziel Zwei war die Vernichtung von Massenvernichtungswaffen. Doch – siehe oben – diese erwiesen sich als Mär und ihre Vernichtung mangels Vorhandenseins als überflüssig.

Kriegsziel Drei bleibt das Etablieren einer funktionsfähigen Demokratie nach europäisch-westlichem Muster. Davon – wir deuteten es bereits an – ist der Irak weit entfernt. Wie auch anders, setzt ein demokratisches Regierungssystem doch ein demokratisches Staatsmodell voraus – und dieses wiederum eine Staatsidee, die von der breiten Mehrheit der Bevölkerung getragen und durch demokratische Unterstützung legitimiert wird. Hier jedoch liegt eine Barriere, an der vorbei eine auf realistischer Situationsbeurteilung beruhende Strategie im Irak kaum einen Weg der Überwindung finden wird. Denn: Welches soll die Staatsidee sein, die ein irakisches Staatsvolk einen könnte?

Blicken wir zurück in die Historie. Schauen wir in die Geschichte der europäischen Völker – zu der auch die Geschichte der ehemaligen Kolonien westlich des Atlantischen Ozeans gehören – und in die Geschichte der Völker des Nahen/Mittleren Osten.

Europas erste Staatsidee

Europas erste, völkerübergreifende Staatsidee fand ihre Realisierung im klassischen Römischen Reich. Ihr lag die zivilisatorische Überzeugung zu Grunde, dass der legitime Bürger Roms das natürliche Recht habe, die das Kernland umgebenden Barbarenvölker zu unterwerfen, sie und ihre Ressourcen den Staatszielen Roms nutzbar zu machen und jenen Unterworfenen, die bereit und in der Lage waren, den assimilatorischen Schritt vom Barbaren zum Römer zu gehen, das Tor zum legitimen Bürger Roms zu öffnen. Eine Staatsidee, die – auch wenn sie in ihrer Umsetzung nicht den Ansprüchen einer humanen Gesellschaft moderner Prägung entspricht – im Rückblick durchaus als erfolgreich angesehen werden kann. Nicht zuletzt dank dieser Staatsidee gelang es dem am zentralitalienischen Tiber siedelnden Volk, das seinen sagenhaften Ursprung auf die Brüder Remus und Romulus zurückführte, ein über Jahrhunderte funktionierendes Großreich von der Sahara bis zur Nordsee, von der portugiesischen Atlantikküste und den britischen Inseln bis zum Kaukasus zu etablieren.

Ein Wandel der ursprünglichen, römischen Staatsidee kam – zuerst schleichend und kaum wahrnehmbar – mit der christlich-revolutionären Bewegung seit dem Ende des ersten christlichen Jahrhunderts. Der ursprüngliche Elitarismus des Bürgers Roms gegenüber den Unterworfenen wandelte sich nach Konstantin in den elitären Anspruch einer religiös motivierten Staatsidee, die den Zugang zu Macht und Staatsgewalt an eine gottgewollte Herrschaftsstruktur band. Und die daraus das Recht und den Anspruch ableitete, Völker, die diesen Anspruch einer christlich-gottgewollten Herrschaft nicht zu teilen bereit waren, rücksichtslos zu unterwerfen und – siehe oben – sie nebst ihren Ressourcen gewaltsam unter die Staatsidee zu unterwerfen.

Die indianischen Völker des amerikanischen Doppelkontinents wurden ebenso Opfer dieser Staatsidee wie zahlreiche Völker Afrikas, Asiens und nicht zuletzt Ozeaniens. Es war eine Staatsidee, die sowohl den Weströmischen Nachfolgereichen die Legitimation zur weltweiten Expansion lieferte als auch den oströmischen Nachfolgereichen bis heute dazu dient, ihren Machtanspruch nicht nur über die Zentral- und nordasiatischen Völker zu legitimieren, sondern einen Anspruch islamisch geprägter Völker auf jenes ehedem römisch-byzantinische Kernland im Osten des Mittelmeeres mental niemals akzeptieren zu müssen.

Die gottgewollte Staatsidee Roms war ebenso erfolgreich wie ihr auf den legitimen Bürger Roms beschränkter Vorgänger. Sie war supranational und ihre letzten Vertreter räumten erst das Feld, als das Gottesgnadentum der multinationalen Habsburger Staatsidee und des Zarenreichs der Romanows in Folge des letzten poströmischen Bürgerkriegs von 1914 bis 1918 bürgerlich-revolutionärer Macht weichen musste.

Die Staatsidee des Gottesgnadentums hatte sich bis zuletzt nur dreier ernstzunehmender Gegner zu erwehren. Der erste dieser Gegner war ein quasi identisches Staatsmodell, das seit dem siebten Jahrhundert die Ost- und Südgrenzen des ehedem römischen Staatsgebiets erfolgreich in Frage stellte: Das sunnitische Kalifat des Islam. Es funktionierte – und funktioniert – in vielerlei Hinsicht ähnlich wie die christlich-gottgewollte Staatsidee. Die Legitimation von Macht und Herrschaftsanspruch resultiert nicht aus einer Stammes- oder Volkszugehörigkeit, sondern aus der unbedingten Unterwerfung unter die Religion. Das Maß aller Dinge war auf der einen Seite die Nachfolge Christi und seiner Apostel, auf der anderen die Nachfolge Mohammeds und seiner Sippe. Von Außen betrachtet sind die Unterschiede marginal.

Das christliche Gottesgnadentum hatte durchaus seine Probleme mit der Konkurrenz aus dem arabischen Raum und verlor bis in die Frühe Neuzeit Landstrich auf Landstrich an die dynamische Konkurrenz. Erst der industriell-technologische Fortschritt der Europäer im ausgehenden achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung gab der christlichen Staatsidee die Mittel, die nahöstliche Konkurrenz in Europa erfolgreich zurückzudrängen, mehr noch, deren Herrschaftseliten abzulösen und durch neue zu ersetzen. Dabei reichte die Kraft der miteinander auf gleicher Staatsidee konkurrierenden Mächte trotz mehrerer Versuche nicht einmal aus, um das römische Kerngebiet rund um den Bosporus zurückzuholen – und die ehedem christliche Sophienkirche ist nach wie vor von Minaretten umgeben und gilt – nachdem sie über Jahrhunderte eine der Hauptkirchen islamischer Gottesverehrung gewesen ist – heute als Museum. Diesem Versagen im Sinne der christlich-gottgewollten Staatsidee liegt maßgeblich die Konkurrenz ihrer zunehmend als Imperien und Nationalstaaten anhängenden Mächte zu Grunde, die das Monopol der einen Gottesidee durch ein Oligopol zahlreicher Gottesinterpretationen ersetzte.

Gegner Nummer Zwei des Gottesgnadentums waren die sozialrevolutionären Entwicklungen, in denen Teile der Bevölkerung nicht mehr bereit waren, der gottgegebenen Staatsidee uneingeschränkt zu folgen. Derartige sozialrevolutionäre Entwicklungen begleiteten das Christentum durch seine Geschichte spätestens seit dem Zeitpunkt, als Macht und Herrschaft ihre Legitimität aus dem Willen Gottes zogen – auch wenn sie in der Regel bis in die Neuzeit hinein erfolgreich verdammt auf der Strecke blieben.

Die Herrschenden wussten mit diesen Strömungen unterschiedlich umzugehen: Einige sozialrevolutionäre Bewegungen führten – wie beispielsweise die Franziskaner – zu akzeptierten, dabei jedoch politisch unbedeutenden Ordensbewegungen innerhalb der Kirche. Andere wurden als Ketzer und Häretiker diffamiert, bekämpft, vernichtet. Bis heute erfolgreichster Sozialrevolutionär Roms wurde der Deutsche Martin Luther, der mit seinem Anspruch, eine Kirche der Herrschenden durch eine Kirche des Volkes abzulösen, ungewollt nicht nur die Staatsidee des zweiten Roms in Frage stellte, sondern auch die Lunte legte für eine neue Staatsidee, die letztendlich das Gottesgnadentum zu Grabe tragen sollte: Den philosophischen Anspruch auf ethnisch begründete Selbstbestimmung.

Sozialrevolutionäres Bürgertum

Damit sind wir bei Gegner Nummer Drei, dem eigentlichen Totengräber des Gottesgnadentums. War ein sozialrevolutionäres Bürgertum in Folge Luthers zunehmend mehr Willens, ein eingeschränktes Gottesgnadentum zu akzeptieren (wäre dem nicht so gewesen, hätte keiner der Fürsten und Herrscher, die sich der lutherischen Auffassung zuwandten, diesen Schritt gehen können ohne seinen eigenen Herrschaftsanspruch aufzugeben), entstand eine Staatsidee, die ihre Legitimation nicht mehr aus dem imaginären und nicht zuletzt deshalb unbezweifelbaren Willen eines Gottes bezog, sondern aus der Überzeugung schöpfte, dass Menschengruppen die Bestimmung über ihre staatliche Organisation und damit über Macht und Herrschaft aus ihrer jeweiligen Gruppenzugehörigkeit und der daraus resultierenden Identität zu legitimieren hätten. Die Schweiz als freiheitlicher Zusammenschluss von Deutschen, Franzosen, Italienern und Räthoromanen sowie die Niederlande als selbst bestimmte Teilgruppe einer deutschstämmigen Volksgruppe (der Friesen), beide aus dem Widerspruch zum Gottesgnadentum Habsburger Prägung entstanden, waren erfolgreiche Prototypen dieser neuen Staatsidee. Mit dem Impuls der Französischen Revolution und den als solche nicht erkannten Rückzugsgefechten der Herrscher von Gottes Gnaden bis 1918, setzte sich die Staatsidee der Legitimation aus der nationalen Zugehörigkeit heraus in den europäischen Staaten von Alaska bis Neuseeland durch. Das Gottesgnadentum gehört in den aufgeklärten Staaten europäischer Prägung der Vergangenheit an – und gleichzeitig schuf der Verlust dieser Staatsidee und die nicht abschließend definierte Staatsidee der nationalen Legitimation durch demokratisch entwickelte Staatsziele zu Exzessen, die unmittelbar zur Folgekatastrophe führte.

Das nationale Desaster

Die bürgerlichen Eliten, die bereit waren, um eines Teilerfolges der Machtpartizipation den Grundgedanken eines übernatürlichen Willens als Grundlage des Staates aufrecht zu erhalten, waren nicht in der Lage, der Überspitzung dieser neuen, nicht exakt entwickelten und bis zum Ende gedachten Staatsidee erfolgreich Widerstand entgegen zu setzen. So entstanden in den Nachfolgestaaten Roms auf europäischem Boden Staaten, die die Staatsidee der rational-nationalen Legitimation ersetzten durch einen Grundgedanken der irrational-nationalen Übersinnlichkeit – wobei sie die ursprünglich religiösen Werte durch ideologische ersetzten und Gott als solcher nicht mehr existierte, der ursprünglich von ihm hergeleitete Alleinherrschafts- und Überlegenheitsanspruch jedoch übernommen wurde – weshalb auch der deutsche Nationalsozialismus entgegen gern verbreiteter línkspopulistischer Thesen nicht als Pendant zur faschistischen Staatsidee Spaniens oder Italiens, sondern zwangsläufig als eigenständige Entwicklung zu begreifen ist. Und dieses allein schon deshalb, weil der nationale Bezug im Vielvölkerstaat Spanien eine göttliche Legitimation nicht ersetzen konnte und wollte und Italien als katholisch geprägtes Land den Glauben an einen übergeordneten göttlichen Willen auch unter Mussolini nicht zu vernichten vermochte.

Nach dem Desaster der Überspitzung einer laizistisch geprägten Bestimmung der Völker, einander nicht ebenbürtig, sondern jeweils den anderen überlegen zu sein, schien sich in den europäisch geprägten Staaten eine Staatsidee durchzusetzen, die auf der nationalen Selbstbestimmung beruhte, ohne Nation im Sinne eines wissenschaftlich unhaltbaren „Blutrechts“ im Sinne neodarwinistischer Fehlinterpretation zu definieren. Ebenso schien der gleichermaßen desaströse Ansatz oströmisch-slawischer Prägung überwunden zu sein, wonach die die Staatsidee verkörpernde Volksgruppe nur eine Teilgruppe der Nation – oder im konkreten Falle der Nationen – in Form einer allein herrschaftsberechtigten, supranational verstandenen, gesellschaftlichen Klasse zu sein hatte.

Die Hohe Pforte

Wenden wir unseren Blick nunmehr wieder dem Irak zu, so können wir feststellen, dass die dortige Bevölkerung bis zum Ende des Krieges 1914/18, vergleichbar den Bevölkerungen der konservativen Gottesgnadentumstaaten Europas wie Österreich-Ungarn, unter einer religiös legitimierten Staatsidee lebte; maßgeblich verkörpert durch die Hohe Pforte in Istanbul. National-legitimistische Staatsideen wurden erstmals mit den Zionisten in der Inspiration durch Theodor Herzl und dem englischen Agenten und Abenteurer Thomas E. Lawrence in die Region gebracht. Dabei zielten revolutionäre Tendenzen innerhalb von Teilbevölkerungen wie beispielsweise den Kurden oder den arabischen Stämmen der Halbinsel nicht darauf ab, die religiöse Staatsidee in ihren Grundsätzen in Frage zu stellen.

Christlich-abendländische Fremdherrschaft in der Nachfolge des Osmanischen  Reichs und europäische Ausbildung nationaler Eliten führten in der Phase nach 1918 zum Import postreligiöser Staatsideen, die zur Bildung eines Staatsvolkes hätten führen können, das seine Legitimation auf Basis nationaler Grundsätze im Sinne föderaler Kooperationen zur Staatsidee hätte erheben können.

Gleichzeitig jedoch wirkte die willkürliche Grenzziehung durch die europäischen Kolonialmächte ebenso wie die Machtergreifung durch ausschließlich sich selbst als Machteliten definierenden, von den ehemaligen Kolonialmächten gestützten Gruppen nicht nur im Irak, sondern auch in Staaten wie Syrien, dem Libanon oder Saudi-Arabien dem Ziel einer gemeinsamen Staatsidee und mehr noch dem Anspruch einer gemeinsamen nationalen Identität massiv entgegen.

Göttliche Legitimation im Iran

Ironischerweise und gleichwohl auf Grund einer über Jahrtausende währenden, weitgehend autonomen Entwicklung war es ausgerechnet der über ein weitgehend homogenes Staatsvolk verfügende Iran, der als erstes die uneingeschränkte Rückführung der Staatsidee auf die göttliche Legitimation praktizierte. Vielleicht aber auch deshalb kann der Iran der erste Staat in der Region werden, der das Gottesgnadentum überwindet und sich einer modernen, eigen-entwickelten Staatsidee zuwendet.

Nationale Identität in Kurdistan

Im Irak hingegen hat es die Bildung eines Staatsvolkes zu keinem Zeitpunkt gegeben. Statt dessen treffen wir auf höchst unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mit höchst unterschiedlichen Staatszielidealen. Im Sinne einer europäisch geprägten Staatsidee darf die kurdische Bevölkerung als am fortschrittlichsten betrachtet werden. Hier spielt die Religion beim Anspruch, eine nationale Selbstbestimmung zu schaffen – nicht zuletzt aus misslichen Erfahren mit den Glaubensbrüdern anderer Nationalität in den vergangenen Jahrhunderten – eine eher untergeordnete Rolle. Staatsziel ist es, die Selbstbestimmung im Sinne nationaler Identität – durchaus mit völkischen Charakterzügen – dauerhaft zu etablieren.

Sunnitische Fremdbestimmung

Die vorrangig den Süden und Osten des Irak prägende Mehrheitsgruppe der schiitischen Bevölkerung hat zu keinem Zeitpunkt ihrer Geschichte etwas anderes kennengelernt als die Fremdbestimmung durch das Kalifat sunnitischer Prägung – und der bislang letzte dieser Kalifen war Saddam Hussein. Soweit die Schiiten des Irak überhaupt ein eigenes Staatsziel entwickeln konnten, lag dieses in der Sicherung der Selbstbestimmung vor sunnitischer Fremdbestimmung.

Es mag mehr als fraglich erscheinen, ob unter dieser Gemengelage ein ernsthaftes Bestreben zu einem gemeinsamen Staat unterschiedlichster nationaler und religiöser Prägung auch nur ansatzweise vorhanden sein kann.

Die sunnitische Bevölkerung ist der größte Verlierer der durch die USA geschaffenen Situation. Ihr von der Baath-Partei geführtes Kalifat wurde eliminiert und zumindest auf dem Papier durch ein Mehrheitssystem der Schiiten ersetzt. In einem demokratisch organisierten Irak ohne verfassungsrechtlich und machtpolitisch abgesicherte Minderheitenrechte kann diese Bevölkerungsgruppe keinem wie auch immer gearteten Demokratiemodell ihre Zustimmung erteilen.

Kein Erfolg durch Strategiewechsel

Damit wird auch deutlich, warum ein bloßer Strategiewechsel der Führungsmacht USA zu keinem Erfolg hinsichtlich der ursprünglich definierten Kriegsziele führen konnte. Notwendig war nicht der Strategiewechsel, sondern eine Neudefinition der Kriegsziele. Erst wenn diese erfolgt wäre, machte ein Strategiewechsel – oder besser: Die Entwicklung einer neuen Taktik – Sinn.

Neudefinition der Kriegsziele

Wie aber konnte – und kann – die Neudefinition der Kriegsziele aussehen?

Das scheinbar am ehesten zu realisierendes Modell könnte die Auflösung des künstlich erzeugten, osmanischen Nachfolgestaates sein. Klassische Folge wäre die Schaffung mehrerer unabhängiger Staaten, die jeder für sich mit eigener Staatsidee und Staatsvolk ihre Entwicklung selbst in die Hand nehmen.

Auf Grund demografischer und ethnischer Gegebenheiten böte sich ein kurdischer Nordstaat, ein schiitischer Südstaat und ein sunnitisch-arabischer Zentralstaat an. Doch auch ein solches Modell wirft eine Unzahl von Problemen auf.

Problem 1 :  Das Ende der Kolonialdoktrin

Ob in Afrika, Asien, ja selbst in Mittel- und Südamerika gilt nach wie vor die Doktrin, die postkolonialen Grenzen nicht anzutasten – jene Grenzen, die oftmals als Folge imperialer Gebietsaufteilung oder aktueller Begebenheiten willkürlich gezogen wurden, ohne dabei auf traditionelle, ethnische, religiöse oder kulturelle Vorgaben Rücksicht zu nehmen.

Der Biafra-Konflikt  in den sechziger Jahren hatte seine maßgebliche Ursache ebenso in dieser Doktrin wie heutige Konflikte im Sudan oder in Indonesien – und eben im Irak. Es ist im Irak sowie den angrenzenden, arabisch geprägten Staaten nach wie vor gültiges Gedankenerbe der ehemaligen Kolonialmächte Frankreich und dem Vereinigten Königreich ebenso wie angewandte Politik der Großmacht USA, diese Grenzen nicht anzutasten – Selbstbestimmungsrecht und Demokratie werden so gezielt ausgeblendet, obgleich sie als Anspruch über der Intervention stehen.

Dafür gibt es gute Gründe. Denn die in den etablierten Demokratien vorherrschende Befürchtung ist, dass ein erster, international legitimierter Fall der Auflösung eines postkolonialen Staatsgebildes einen Dominoeffekt auslösen könnte. Würden beispielsweise die schwarzafrikanischen Sudanesen ihren eigenen Staat erhalten, warum sollten nicht Haussa oder Tuareg ebenso eine solche Forderung stellen wie Zulu, Timoresen, Tamilen, Uiguren und – mit einem Höchstmaß an Legitimation versehen – Tibeter – um nur einige wenige zu nennen.

Dabei macht der Separatismus nicht in den postkolonialen Staaten halt. Basken, Katalanen, Korsen, Sarden – selbst Südtiroler, Schotten oder Bayern haben ein identisches Recht, ihre nationale Eigenständigkeit einzufordern, wenn sie sich von ihrer jeweiligen Zentralregierung unangemessen behandelt fühlen und sich von einem egozentrischen Separatismus größere Vorteile versprechen. Weil dem so ist, werden gerade die globalen Führungsmächte alles tun, um eine solche Lösung – zumindest offiziell – zu verhindern. Dabei wurde diesem Modell nicht zuletzt mit der Loslösung des Kosovo von Serbien unter Verzicht auf eine nationalstaatlich gebotene Integration in den Nationalstaat Albanien durchaus Vorschub geleistet.

Problem 2 : Der unabhängige Kurdenstaat

Auf Grund der bisherigen Entwicklung im Irak würde ein unabhängiger Kurdenstaat voraussichtlich über eine im Rahmen der Möglichkeiten weitgehend funktionsfähige Binnenverwaltung verfügen. Er hätte ein Staatsvolk – und er hätte dank seiner Erdölvorkommen die Basis, wirtschaftlich erfolgreich zu agieren.

Aus Sicht der USA und Europas könnte er darüber hinaus ein wertvoller Verbündeter in der Region werden. Ein unabhängiger Kurdenstaat hätte eine übergeordnete Staatsidee nach europäischem Muster: Die nationale und selbst bestimmte Heimstatt der Kurden. Spätestens an diesem Punkt allerdings tun sich Widerstände auf, die an dem Erfolg des Zieles eines unabhängigen Kurdistans erhebliche Zweifel aufkommen lassen.

Zum einen hätte dieses Kurdistan mit seiner Gründung in der Region mindestens drei gewichtige Gegner: Die Türkei, den Iran und Syrien. In jedem dieser drei Staaten gibt es kurdische Minderheiten, die schon heute neidvoll auf den Autonomiestatus der Stammesbrüder auf irakischem Staatsgebiet blicken und darüber nachdenken, wie sie selbst eine ähnliche Unabhängigkeit erreichen – oder sich einem freien Kurdistan anschließen können.

Keinem der unmittelbaren Nachbarn kann deshalb an einem erfolgreichen Kurdistan gelegen sein – schon der Autonomiestatus geht den jeweiligen Eliten gegen die eigenen Staatsinteressen.

Sollte darüber hinaus ein nationaler Kurdenstaat nationalistische Tendenzen zeigen, böte er zumindest der Türkei Anlass zur Intervention – siedeln doch in einem möglichen Kurdistan wiederum auch Turkvölker. Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang an den bis heute ungelösten Zypern-Konflikt. Weiteres Problem eines unabhängigen Kurdenstaates ist der Status der Erdölstädte Mosul und Kirkuk. Sie wurden unter dem Kalifat Husseins bewusst arabisiert, werden von den Kurden jedoch als traditionelles Stammesgebiet angesehen. Araber raus – Kurden rein oder Araber unter kurdischer Regierung: Beide Wege wären menschlich und politisch problematisch. So ist die Variante unabhängiger Kurdenstaat zwar eine Option – mehr aber auch nicht.

Problem 3 : Der unabhängige Schiitenstaat

Ein unabhängiger Schiitenstaat im Süden des heutigen Irak träfe ohne Zweifel auf die ungeteilte Zustimmung der dort lebenden schiitischen Bevölkerung. Angesichts der iranischen Erfahrungen darf jedoch in Frage gestellt werden, ob einer solcher Staat eine freiheitlich-demokratische Staatsidee implementieren könnte. Wahrscheinlicher ist vielmehr die Erwartung, dass stattdessen ein Gottesgnadentum schiitischer Prägung nach dem Muster des Iran die Grundlage des Staates bilden könnte.

Das wiederum kann nicht im Interesse der USA und ihrer Verbündeten sein – und es ist auch nicht im Interesse der sunnitischen Nachbarn. Uneingeschränkte Unterstützung erhielte ein solches Staatsmodell notwendigerweise von Seiten des Iran – nicht zuletzt deshalb, weil dieser davon ausgehen könnte, seinen Einfluss weit nach Westen auszudehnen und die in seinem Einflussbereich verfügbaren Ölreserven deutlich aufzustocken. Ein unabhängiger Schiitenstaat wäre aus westlicher Sicht deshalb nur denkbar als rein säkulares Staatswesen mit unabänderlicher Westbindung – und damit gleichzeitig die Quadratur des Kreises.

Problem 4 : Der sunnitische Reststaat

Ein sunnitischer Reststaat im Irak könnte in den wüstenähnlichen Territorien entstehen, die als “sunnitisches Dreieck” das Kernland des Widerstandes gegen die US-Anwesenheit gebildet haben. Ein Staat auf diesem Territorium wäre eine Missgeburt von Anbeginn an: Wenig Rohstoffe, wenig Landwirtschaft, kaum unabhängige Wasserversorgung. Der sunnitische Reststaat wäre quasi von seiner Gründung an zum Raubrittertum gezwungen: Fehden gegen die Kurden, um Zugang zu Mineralöl und Wasser zu sichern, Fehden gegen die Schiiten, um an deren Mineralölreserven und Meereszugängen zu kommen und dabei gleichzeitig die Wasserverknappung zu mindern, wären unausweichlich. Auch das kann in seiner Konsequenz nicht das Kriegsziel der US-amerikanischen Intervention sein.

Keine völkerrechtlich mögliche Lösung

So will es folglich scheinen, dass die Lösung des Irak-Problems tatsächlich nicht mit völkerrechtlichen Mitteln möglich sein wird. Fast schon mag man geneigt sein, die totalitären Methoden eines Saddam Hussein im Nachhinein zu akzeptieren – wenn es darum geht, einen im Sinne moderner Staatsideen zwar nicht freien, dafür aber zumindest funktionsfähigen Staat Irak zu organisieren. So, wie Russland seine nicht unabhängige, nicht selbst bestimmte, jedoch zumindest weitgehend funktionierende Kolonie Tschetschenien organisiert.

Langfristig allerdings wäre ein solcher Weg – unabhängig davon, ob im Namen des westlichen Demokratiemodells, eines sozialistisch geprägten Panarabismus oder eines schiitischen Gottesstaates aufrecht erhalten – kaum eine unter den Aspekten des Menschen- und Völkerrechts akzeptable Lösung. Dieses gilt unabhängig davon, dass weder die auf irakischem Staatsgebiet lebenden Kurden noch die dort siedelnden Schiiten jemals wieder bereit sein werden, sich einem säkularen, sunnitisch-arabischem Diktat widerstandslos zu unterwerfen. Der Bürgerkrieg, den nur Kofi Annan beim Namen zu nennen wagte, war fünf Jahre nach der US-geführten Intervention Fakt – und alles deutete darauf hin, dass er fortgesetzt würde, bis entweder erneut eine Partei die andere im Zweifel auch unter Intervention außerstaatlicher Kräfte unterworfen hat oder aber alle Parteien in totaler Erschöpfung am Boden liegen, um zu dem zu finden, was Europäer unter menschlicher Vernunft verstehen: Einem kooperativ organisierten Vielvölkerstaat mit ausgeprägter, innerstaatlicher Autonomie. Wie lange allerdings ein solcher Erschöpfungsfrieden hält, das demonstrieren uns wenige Kilometer weiter westlich die Libanesen, die, jeweils nach kurzen Erholungsphasen, regelmäßig auf bürgerkriegsähnliche Zustände zusteuern.

Langfristige Friedenssicherung

Die Erkenntnis bleibt: Offenbar ist eine friedliche, zumindest jedoch eine friedlichere Basis im Nahen/Mittleren Osten nur zu erreichen, wenn die Volks- und Religionsgruppen strikt voneinander getrennt werden – in staatlicher Selbstverwaltung und Eigenverantwortung. Und wenn sie aus dieser Situation heraus lernen, dass sie aufgrund gegenseitiger Abhängigkeit in der Kooperation erfolgreicher agieren können, als singulär-national. Im Hintergrund stünde die Erfahrung der europäischen Nationalstaaten, denen der Singularnationalismus nur scheinbar Unabhängigkeit, dafür aber eine lange Phase der Selbstzerstörung gebracht hatte.

Das Dogma der postkolonialen Doktrin

Wie könnte – lässt man die oben benannten Hinderungsgründe sämtlich außer Acht – eine friedliche Situation im Irak – oder besser: Im Nahen Osten – auf lange Sicht aussehen? Denn auch das muss den Europäern vom Pazifik bis zum Ural  bewusst werden: Gelöst werden kann das, was sie unter Nahostkonflikten verstehen, nur dann, wenn die postkoloniale Doktrin fällt. Was gesucht wird, ist ein Westfälischer Friede, der vielleicht nicht Allen in Allem gerecht wird, aber eine Basis schafft, um die überregionale Verstrickung in langanhaltende Konflikte zu minimieren.

Zeichnen wir zwei theoretische, jedoch menschlich und politisch inakzeptable „Lösungen“:

  1. Der gezielte Genozid an „störenden“ Volksgruppen, die – je nach individueller Sicht der Dinge – Kurden, Schiiten, aber auch Palästinenser, Christen, Aleviten oder Israeli sein könnten. Saddam Husseins Vorgehen gegen rebellierende Schiiten und Kurden hat belegt, dass auch eine solche, nennen wir es sarkastisch „Lösung“, nicht generell außerhalb des Vorstellungshorizontes liegt.
  2. Die dauerhafte, menschenrechtswidrige Unterdrückung einzelner Völker oder Volksgruppen durch andere. Es bedarf keines besonderen Hinweises darauf, dass derartiges Vorgehen gerade in dieser Region bislang zur gängigen Praxis zählte.

Was folglich ist theoretisch denkbar, berücksichtigt zwischenzeitlich geschaffene Fakten und käme dem Ziel, dauerhaften Frieden in der Region zu schaffen, am nächsten?

Ziel 1 : Der Kurdenstaat

Der faktisch bereits bestehende Kurdenstaat wird nur noch unter massiver Intervention von Außen mit der Folge einer der beiden benannten, inakzeptablen Lösungen verhinderbar sein. Unstrittig ist, dass sowohl auf türkischer als auch auf iranischer Seite Bestrebungen existieren, genau dieses Vorgehen in ein mögliches Handlungskonzept einzubinden.

Wenn dennoch der Kurdenstaat kommen soll (und wird), dann wäre dieses langfristig nur durch einen Ausgleich mit den betroffenen Nachbarstaaten möglich sein.

Aus kurdischer Sicht optimal wäre der Anschluss der kurdisch besiedelten Gebiete in der Türkei, dem Iran und Syrien. Keiner dieser Staaten wäre dazu gegenwärtig bereit. Wenn wir jedoch grundsätzlich bereit sind, die Kolonialschöpfung Irak als Staat aufzugeben, könnten sich Wege zum Ausgleich aufzeigen.

Ziel 2 : Der Großstaat Iran

Die staatliche Integration der schiitischen Südregion des Irak in den Iran scheint aus vielerlei Gründen zweckmäßig und sinnvoll. Basis ist die religiöse Grundausrichtung in der Schia. Selbstverständlich wäre eine solche Lösung aus iranischer Sicht der Kaiserweg.

Nicht nur, dass der Iran damit abschließend zum führenden Machtfaktor in der Region würde, er erhielte auch den Zugriff auf bedeutende Ölvorkommen. Aus eben diesen Gründen jedoch werden allen voran die USA, unterstützt durch die sunnitischen Golfstaaten und die Türkei, alles daran setzen, eine solche Lösung zu verhindern.

Und dennoch ist sie – unter bestimmten Prämissen – nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Einerseits könnte ein territorialer Ausgleich erfolgen, in dem die überwiegend kurdisch besiedelten Gebiete im Norden aus dem iranischen Staat ausscheiden und dem Kurdenstaat zugeschlagen werden. Eine derartige Grenzneuziehung wäre in der Lage, postkoloniale Konflikte auf territorialer Ebene zu entschärfen. Bleiben die Probleme des Macht- und Kapitalzuwachses eines Staates, der im Sinne europäischer Staatsdoktrin alles andere als demokratisch ist und zumindest in seinen Verbaldarstellungen eine ständige Bedrohung anderer Staaten nicht nur in der Region darstellt.

Folglich: So lange ein reaktionär-theokratisches System den Iran beherrscht, wird die hier genannte Lösung allein schon wegen des Vetos der Europäer und Israeli ausgeschlossen bleiben.

Doch denken wir einen Schritt weiter: Was könnte geschehen, wenn die Vision eines Groß-Iran unter garantiert demokratischen Vorzeichen in die Verhandlungen einer künftigen Lösung eingebracht würde?

Wie sollten die Mullahs und ihre Handlanger ihrem Volk sowohl im Iran als auch jenen Glaubensbrüdern im Süden des Irak die grundsätzliche Ablehnung eines demokratischen Staatsaufbaus erklären, wenn dieses in der Konsequenz die Unterwerfung unter sunnitisch-arabisches Diktat bedeuten müsste?

Und könnte nicht der Anreiz, über Erweiterung der Ölreserven zur regionalen Führungsmacht zu werden, inneriranische Kräfte mobilisieren, die bis heute scheinbar oder tatsächlich nicht existieren? Festzuhalten bleibt: Ein Großstaat Iran kann mit Zustimmung der Europäer nur unter demokratisch-säkularer Prämisse angedacht werden.

Da jedoch die Geschichte bewiesen hat, dass alle Revolutionen irgendwann ihre Attraktivität verlieren und neuen, anderen Wegen Platz machen – warum sollte dieses nicht auch im Iran möglich sein, dessen Bevölkerung aus seiner Geschichte das Selbstbewusstsein schöpft, seine eigenen Wege selbst bestimmt gehen zu können?

Ziel 3 : Die Arabische Föderation

Panarabische Experimente waren bislang immer zum Scheitern verurteilt. Eine Ursache dafür ist in der inneren Unlogik bisheriger Modelle zu finden. Die Anfang der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts angedachte Vereinigte Arabische Republik (V. A. R.) aus Syrien, dem Irak und Ägypten stand als Trutzbündnis gegen Israel nur auf dem Papier. Sie scheiterte nicht zuletzt an der Diskrepanz zwischen nasseristisch-panarabischen Vorstellungen und den national-sozialistischen Auffassungen der Baath-Parteien in Syrien und Irak.

Auch würde eine panarabische Republik unter Einbeziehung Ägyptens allein schon deshalb nicht funktionieren, weil die ägyptische Bevölkerung mit der islamischen Invasion der Araber vor eintausendvierhundert Jahren zwar arabisiert und islamisiert wurde – dieses jedoch nichts daran änderte, dass die Ägypter in ihrer breiten Mehrheit keine ethnischen Araber sind und das Verhältnis zueinander seit Jahrtausenden von gegenseitigem Misstrauen geprägt ist.

Ein tatsächlich panarabischer Staat schien mit dem anti-türkischen Bündnis in dem Konflikt, den die Europäer als Ersten Weltkrieg bezeichnen, in greifbare Nähe gerückt zu sein.. Seinerzeit verbündeten sich mit britischer Unterstützung bis dahin einander befehdende arabische Stämme, um gegen die unter dem Gottesstaatsanspruch des Islam über Jahrhunderte währende, osmanische Fremdherrschaft vorzugehen. Im Ergebnis allerdings stand in den arabisch besiedelten Territorien nördlich der Arabischen Halbinsel lediglich die Ablösung der Türken durch Franzosen und Engländer beziehungsweise von diesen abhängige Kleinherrscher – und im arabischen Kernland der Halbinsel ein gewaltsam erobertes, wahabitisches Feudalreich, das seine Stammesprivilegien gegen Demokratie und Selbstbestimmung bis heute gezielt und erfolgreich zu verteidigen weiß.

Weitere Ergebnisse der kolonialen Einflussnahme waren – neben dem Irak – Staaten wir Syrien, Jordanien, Palästina, Kuwait und der Libanon. Keiner dieser Staaten begründet sich aus anderen Ursachen als kolonialen Vorgaben. Die Siedlungs- und Wandergebiete der nomadisierenden Araber gingen und gehen über die postkolonialen Staatsgrenzen hinweg, Stammesverwandtschaften machen an der Grenzziehung nicht halt.

Mehr noch als Syrien ist Jordanien eine reine Kopfgeburt, die lediglich entstand, weil man das ehedem britisch verwaltete Nordarabien weder dem zwischenzeitlich französisch dominierten, als Syrien bekannten Territorium noch dem nominell unabhängigen Sa‘udi Arabien zufallen lassen wollte. Die Grenzziehung zwischen Syrien und Jordanien war im Ersten Weltkrieg auf dem Reißbrett zwischen den Herren Sykes und Picot ausgehandelt worden. Die Bewohner der Region hatte man nicht gefragt.

Ähnliches gilt für Syrien, dessen Grenzziehungen ebenfalls weitgehend unter Ausblendung historisch-ethnischer Begebenheiten als Folge der Zerschlagung des Osmanischen Reichs entstand. Arabisch geprägte Beziehungen in den Irak, nach Jordanien, dem Libanon und Sa‘udi Arabien bestanden und bestehen fort.

Etwas anders gelagert ist die Situation im Libanon, innerhalb dessen Staatsgebiet christliche Bevölkerungsteile ebenso wie drusische Bürger leben, die über wenig Affinität zum arabisch geprägten Syrien verfügen. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat jedoch neben den syrophilen, sunnitischen Arabern eine ursprünglich wenig bedeutende Gruppierung an Gewicht gewonnen, die ein besonderes Problem darstellt und in der schiitischen Hisbulah ihre politische Vertretung gefunden hat.

Eine langfristige Überwindung der Konfliktpotentiale könnte darin gesucht werden, die postkolonialen Staaten in einer tatsächlich arabischen Föderation zusammen zu fassen. Die nördlichen arabischen Staaten Syrien, Libanon, Jordanien und der Südwesten des Irak bilden weitgehend eine historisch-ethnische Einheit, die bis weit in die Arabische Halbinsel hineinwirkt. Dabei sind allerdings mehrere Problembereiche zu berücksichtigen.

Erstens: Die Stammes- oder Clan-Identität steht bis heute in vielen Fällen über einer Staatsidee im europäischen Sinne. Hier ähnelt die arabische Region weitgehend dem Vielvölkerterritorium Afghanistan, dessen Zentralregierung sich auf nominale Macht beschränkt und im übrigen Clanführern und Warlords kampflos das Feld überlässt, solange diese die Außendarstellung der Zentralregierung unangetastet lassen.

Zweitens: In der postkolonialen Ära haben sich in den künstlich geschnittenen Staaten Herrschaftseliten höchst unterschiedlicher, weitgehend jedoch totalitärer, zumindest undemokratischer Denkungsart gebildet. Zu erwarten, dass diese Eliten gewaltfrei auf Machtansprüche verzichten, dürfte weitgehend illusorisch sein.

Drittens: In allen betroffenen Staaten einer möglichen, sunnitisch geprägten, arabischen Föderation existieren ethnische und/oder religiöse Minderheiten, die auf Basis bisheriger Erfahrungen mit arabisch-islamisch dominierten Staaten wenig Bereitschaft verspüren werden, sich in eine arabische Föderation einzugliedern. Semitische Drusen, schiitische Minderheiten, maronitische und chaldäische Christen, Jesiden, Turkvölker, Kurden und nicht zuletzt Juden seien hier exemplarisch genannt.

Viertens: Die nordarabische Region zwischen Mittelmeer und Euphrat verfügt über wenig eigene Süßwasservorräte, agrarisch nutzbare Regionen sind ebenso wie Rohstoffquellen ungleich verteilt. Es wäre daher ein System des Ausgleichs zu organisieren, vergleichbar dem Länderfinanzausgleich der Bundesrepublik Deutschland. Ob dieses angesichts der Dominanz von Stammesprägungen umsetzbar ist, mag angezweifelt werden.

Fünftens: Ein jüdisch dominierter Staat Israel wird unter nachvollziehbaren Aspekten alles daran setzen, eine staatliche Einigung der arabischen Territorien zu verhindern.

Sollte das Ziel einer arabischen Föderation gleichwohl als einzig langfristig befriedende Maßnahme Zielperspektive sein, sind diese Problembereiche einer tragfähigen Lösung zuzuführen, die jedoch nicht unmittelbar absehbar ist.

Ziel 4 : Stabilitätsfaktor Türkei

Trotz aller innenpolitischen Schwierigkeiten hat sich – neben Israel – die Türkei als einzig funktionierendes, demokratisches Staatswesen in der Region etabliert. Die dauerhafte Stabilisierung dieser dem Anschein nach dennoch anfälligen, säkularen Demokratie als Stabilisierungsfaktor in der Region ist notwendig zu gewährleisten.

Sollte es der inneren Entwicklung der Türkei gelingen, ethnisch-nationale Bestrebungen ebenso zu überwinden wie islamistischen Tendenzen zu widerstehen, spräche vieles dafür, das heutige türkische Staatsgebiet im Südosten um jenen oben skizzierten Kurdenstaat territorial zu erweitern – und gleichzeitig den türkischen Zentralstaat durch einen föderativen Staatenbund Anatolien und Kurdistan zu ersetzen und diesen als Gegenpol zu den schiitischen Iranern im Osten und den sunnitischen Arabern im Süden zu etablieren.

Drei gleichrangige Föderationen

Am Ende einer wie hier skizzierten Neuordnung könnte daher ein Machtgleichgewicht dreier weitgehend wirtschaftlich wie militärisch gleichrangiger Föderationen stehen, deren historische Verknüpfungen darüber hinaus ein kooperatives Zusammenwirken in der Region ermöglichen und einen nachhaltigen Aufschwung aller Beteiligten bewirken könnte.

Voraussetzung eines solchen Modells ist jedoch nicht nur der Verzicht aller Beteiligten auf regionale Hegemonie, sondern mehr noch die Überwindung des präkolonialen Gottesherrschaftsanspruchs durch eine islamisch geprägte Aufklärung. Die  Problematik dieser Vorstellung wird umfassend im dem Essay „Aufstand des Islam – Kampf gegen den Humanismus“ erörtert. (http://www.beam-ebooks.de/ebook/34932)

Voraussetzung ist neben einer inner-islamischen Aufklärung darüber hinaus die Bereitschaft der europäischen Mächte einschließlich der USA, eine autonome Entwicklung und Staatenbildung jenseits postkolonialer Gebietsaufteilungen und Herrschaftsansprüche unabhängig von dem legitimen Ziel einer friedlichen Ressourcensicherung nicht nur zuzulassen, sondern gezielt zu befördern. Die nach wie vor im Kern rassistische Auffassung, islamisch geprägte Völker wären zu einer freiheitlich-demokratischen Entwicklung per se nicht in der Lage, wäre ebenso zu überwinden wie die kolonialistisch geprägte Vorstellung, dass ausschließlich das europäische Demokratiemodell das Selbstbestimmungsrecht von Völkern und die Freiheit des Individuums zu gewährleisten in der Lage ist.

Den Völkern der Region zwischen Indus und Nil – und letztlich bis an den nordafrikanischen Atlantik – wäre das Recht zuzugestehen, eigene Wege eines demokratisch verfassten Rechtsstaates islamischer Prägung zu gehen. Den europäischen Staaten, zu denen in diesem Kontext immer auch die europäisch geprägten Staaten auf dem amerikanischen Kontinent zählen, hätten hierbei die Aufgabe, entsprechende eigenstaatliche Entwicklungen gezielt zu befördern und ihnen im Zweifel zur Seite zu stehen, ohne dabei vorrangig das eigene, wirtschaftliche und geopolitische Interesse in den Vordergrund zu stellen.

Sollte diese unvermeidbare Neuorientierung auf allen Seiten nicht gelingen, so wird das „Pulverfass Nahost“ langfristig ein solches bleiben – mit unabsehbaren Folgen nicht nur für die dort siedelnde Bevölkerung.

©2006-2014 Spahn/FoGEP

Erstveröffentlicht in „kritikus 2/2006“

Plädoyer für eine neue Militärstrategie

Es gab eine Zeit, da war die unabhängige und souveräne Ukraine die drittgrößte Atommacht der Welt. Rund 180 atomar bestückte Interkontinalraketen befanden sich aus dem gemeinsamen sowjetischen Erbe auf dem Hoheitsgebiet des jungen Staates – 130 vom Typ SS-19 (UR-100N) und 46 vom Typ SS-24 (RT-24). Daneben verfügte die Ukraine über zahlreiche strategische und taktische Nuklearwaffen.
Der junge Staat verzichtete am 2. Juli 1993 darauf, Atommacht zu sein. Am 14. Januar 1994 unterzeichneten die Präsidenten der Ukraine, der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation ein Abkommen über die Vernichtung des auf ukrainischem Boden verbliebenen Atomwaffenpotentials. Im Budapester Memorandum zu den Sicherheitsgarantien schloss sich das Vereinigte Königreich den dort niederlegten Zusagen an. Sie besagten, dass die Unterzeichnerstaaten die bestehenden Grenzen der Ukraine auf Basis der KSZE-Vereinbarungen von 1975 völkerrechtlich anerkennen, keine Gewalt gegen die Ukraine anwenden oder androhen sowie keinen wirtschaftlichen Druck auf die Ukraine ausüben werden, um damit Änderungen der völkerrechtlich garantierten Grenzen zu bewirken. Weiterhin verpflichteten sich die Unterzeichner, der Ukraine im Falle, dass derartiges dennoch geschehen sollte, beizustehen und bei einer gegen die Ukraine gerichteten Aggression den UN Sicherheitsrat einzuschalten.
Ziemlich genau zwanzig Jahre später muss die Ukraine feststellen, dass jene Skeptiker in ihren eigenen Reihen, die bereits damals gegen das Abkommen votierten, Recht behalten sollten. Mittlerweile gehört die ukrainische Krim nach russischer Lesart zur Russischen Föderation. Der russische Präsident Wladimir Putin macht nicht länger einen Hehl daraus, dass auf der Krim russische Soldaten maßgeblich zur Separation beigetragen haben. Nach Abschluss dieser Operation Krim hat Russland seine Aktivität auf die Ostprovinzen der Ukraine verlagert, wo es nach dem auf der Halbinsel erprobten Muster die Herauslösung weiterer Territorien aus der Ukraine vorantreibt.
Russland – daran kann niemand einen ernsthaften Zweifel haben – hat damit seine Zusagen aus dem Budapester Memorandum vorsätzlich gebrochen. Doch auch die USA und Großbritannien sind vertragsbrüchig geworden. Zwar haben sie die Vereinten Nationen eingeschaltet, jene in der Vereinbarung intendierte militärische Hilfe jedoch, die den freiwilligen Verzicht auf die Atomwaffen ersetzen sollte, ist ausgeblieben. Die Ukraine steht heute da als ein Staat, der von allen früheren Vertragspartnern verraten wurde. Sie muss feststellen, dass sie 1994 ihren Kettenpanzer gegen ein Negligé eingetauscht hat, das eher Begehrlichkeiten weckte als dass es lüsterne Nachbarn von der Vergewaltigung abgehalten hätte.
So sehr sich in der aktuellen Situation das Augenmerk auf den postsowjetischen Imperialismus Russlands richtet, so muss gleichwohl konstatiert werden, dass auch die USA ein unzuverlässiger Partner sind. Von Großbritannien muss in diesem Zusammenhang nicht gesprochen werden – seine Sicherheitsgarantien für die Ukraine waren schon 1994 nichts anderes als die Reminiszenz an verflossene, weltpolitische Bedeutung.
Die Frage nach dem Wert US-amerikanischer Freundschaft stellte sich im Jahr 2013 in vehementer Weise auch bei den NATO-Verbündeten in Europa – allen voran in der Bundesrepublik. Nicht die Enthüllungen der Abhörpraktiken der NSA, die man vielleicht noch als Übereifer aus dem Ruder gelaufener, hyperventilierender Geheimdienstler hätte abtun können – es ist die Verweigerung eines No-Spy-Abkommens, die in Deutschland die Frage nach Wert und Inhalt der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft, die in US-amerikanischen Augen nichts anderes als eine Amerikanisch-Deutsche Partnerschaft ist, auf die Tagesordnung setzen.
Gilt das Nachkriegsagreement noch, wonach die USA Deutschland militärisch unterstützen, wenn es von Außen angegriffen wird? Oder wird sich die zweifelnde, von inneren Gegensätzen zerrissene Großmacht wie im Falle der Ukraine auf verbale Unterstützung reduzieren und es bei dem folgenlosen Versuch einer Verurteilung der Aggression durch die vereinten Nationen belassen?
Für die Vereinigten Staaten zählten immer die eigenen Interessen. Nicht die der Partner. Deutsche Interessen sind nur dann amerikanische, wenn es amerikanische sind. Aber sind die amerikanischen Interessen in und an Deutschland noch so ausgeprägt, dass es dafür in den Krieg zieht? Nach 1945 war Deutschland spannend. Nicht nur als Bollwerk gegen den vordringenden Sowjetimperialismus, sondern auch als Markt und – zumindest in der Endphase des Krieges –als Lieferant von Militärtechnologie. Doch wie spannend ist Deutschland heute?
Als Rohstofflieferant fällt Deutschland aus. Als Knowhow-Fabrik hat es seine Führungsposition längst an die USA abgetreten. So bleibt die Rolle als strategischer Brückenkopf in Europa. Aber – reicht dafür nicht der enge Schulterschluss zwischen den USA und seiner Finanzaußenstelle England? Warum sich im Ernstfall um einen Kontinent prügeln, der nichts anderes ist als ein Wurmfortsatz am asiatischen Kontinent – und der außer ein paar hübschen Landschaften und wenigen, noch nicht ausgebeuteten Rohstoffen nichts zu bieten hat?
Deutschland, das sich unter dem Schutz der Pax Americana nach 1949 so prachtvoll entwickelte, muss den Realitäten ins Auge sehen. Um seiner kulturellen Errungenschaften, um Beethoven, Bach und Dürer wird niemand außer den Deutschen selbst für dieses Land kämpfen. Selbst das amerikanischste aller deutschen Kleinode – Ludwigs Fantasieschloss Neuschwanstein – findet sich längst im Disneyland auf US-amerikanischem Boden. Und die amerikanischen Wirtschaftsinteressen? Längst hat der deutsche, hat der europäische Markt für die USA seine prägende Position verloren. Südostasien und Afrika, aber auch Lateinamerika bilden die amerikanischen Prioritäten.
Deutschland hatte sich nach seiner vernichtenden Niederlage in der zweiten heißen Phase des 75-jährigen Krieges der europäischen Imperium gut eingerichtet. Es verharrte in der kuscheligen Ecke des wirtschaftlichen Riesen, der sich den Luxus gönnen durfte und sogar musste, ein militärischer Zwerg zu sein. Solange die Lehren des zwanzigsten Jahrhunderts galten, konnte man damit gut leben. Ein bewaffneter Krieg schien für Deutschland, schien für Kerneuropa für alle Zeit ausgeschlossen. Statt des klassischen Konflikts zwischen Mächten drängte sich die Problematik asymmetrischer Konflikte in den Vordergrund. Doch die Bedrohung durch Terroristen, die sich von der linksextremistischen Motivation hin zu einer religiös übersteigerten Begründungsfiktion wandelte, stellte niemals die Existenz von Staaten in ihren gegebenen Grenzen grundsätzlich in Frage.
So, wie das neunzehnte Jahrhundert in den Köpfen der Menschen erst mit dem imperialen Krieg 1914 endete und mit der neuen Qualität der Waffentechnik neue zivile Strategien der Kriegsvermeidung unvermeidlich machte, so signalisiert der defacto-Überfall Russlands auf die Ukraine das Ende des zwanzigsten. Jetzt – erst jetzt befinden wir uns tatsächlich im 21. Jahrhundert. Putin hat uns brutal in dieses neue Jahrhundert hineingestoßen – und es ist nicht das von vielen erwartete Jahrhundert der Klein- und Bürgerkriege, sondern es schickt sich an, die imperiale Politik, die bis 1945 das Handeln der Staatenführer bestimmte, zu reaktivieren.
Als 1989 das letzte auf Militär- statt Wirtschaftsmacht aufgebaute Imperium implodierte, wähnten sich die bedrohten Völker Europas erlöst und begrüßten mit Jelzins demokratischer Föderation einen neuen Partner in der Völkerfamilie der sich selbst organisierenden Völker. Doch einmal mehr sollte sich Machiavellis Feststellung bewahrheiten, dass wenn ein Volk, welches gewohnt ist, unter einem Machthaber zu leben, durch irgendein Ereignis frei wird, es nur schwer seine Freiheit behauptet.
Die Entdemokratisierung Russlands kam erst schleichend, dann immer unmittelbarer. Sie war nicht zu übersehen. Doch die demokratischen Völker verschlossen ihre Augen, wollten nicht sehen, wie der Machthaber im Kreml sein Land gleichschaltete und das zarte, wenn auch noch chaotische Pflänzchen Demokratie mit den Füßen zertrat. Es soll an dieser Stelle nicht darüber befunden werden, ob Machiavelli auch mit seinem zweiten Satz recht hatte, wonach ein heruntergekommenes Volk, das sich eine freiheitliche Verfassung gegeben hat, diese nur mit großen Schwierigkeiten erhalten kann. Tatsache bleibt gleichwohl, dass Russland niemals die Chance hatte, ein demokratisches Regierungssystem ernsthaft zu erproben. Und sich die Russen selbst bis auf diesen einen kurzen Moment, an dem Jelzin auf den Panzern seiner Getreuen die stalinistischen Putschisten am Sieg ihrer Konterrevolution hinderte, außerstande gesehen hatten, aus eigener Kraft heraus die Tyrannei abzuschaffen.
So stand der neue starke Mann Russlands auf einer langen Tradition, als er die Autonomiebewegungen in Tschetschenien und anderswo brutal unterdrückte. Der Westen blickte verstohlen zur Seite – und er tat dieses auch, als der Antidemokrat ansetzte, seinen Nachbarn Georgien für dessen prowestliche Avancen zu maßregeln. Die Annexion der Krim, die unter Bruch der russischen Zusagen von 1994 erfolgte, ist ebenfalls bereits akzeptiert.
Europa hat sich einlullen lassen von seinem selbsthypnotischen Mantra des „Nie-wieder-Krieg“. Doch dieses Mantra funktioniert nur dann, wenn alle Beteiligten es gemeinsam beten. Russland hat das Beten eingestellt – und das seit der Antike geltende Recht des Stärkeren an seine Stelle gesetzt. Im Verständnis der Westeuropäer ist dieses ein Rückfall in die völkerrechtliche Barbarei. Doch was nützt diese Feststellung, wenn sich der andere in der Rolle des Barbaren gefällt?
Putin hat Europa, hat Deutschland aus seinem friedlichen Dämmerschlaf geweckt und in das einundzwanzigste Jahrhundert katapultiert. In einem solchen Falle gibt es nur zwei Möglichkeiten.
Der unsanft Geweckte kann versuchen, sich in seinen Dämmerschlaf zu retten. Er schließt die Augen, zieht die Decke über den Kopf und hofft, dass der Störenfried ihn im wahrsten Sinne des Wortes nicht ent-deckt. Doch die Erfahrung lehrt, dass die Entdeckung spätestens dann erfolgt, wenn alle anderen Betten zerstört sind. Deutschland kann sich wieder zurücklehnen, business-as-usual betreiben und hoffen, dass dem Störenfried die Luft ausgeht, bevor er nach dem eigenen Bettzipfel greift. Doch diese Hoffnung kann sich schnell als Alptraum erweisen und im bösen Erwachen enden.
Oder der unsanft Geweckte kann das tun, was jeder, der unsanft aus dem Schlaf und aus seinen wonnigen Träumen gerissen wird, tun sollte: Ohne Zögern aufstehen und darüber nachdenken, wie der Störenfried daran gehindert werden kann, eine derartige Störung zu wiederholen und gar nach dem eigenen Bett zu greifen.
Deutschland, daran führt kein Weg vorbei, ist allein auf sich gestellt mit seiner konventionellen Rüstung kein Gegner für einen Aggressor, der es ernst meint. Deshalb ist es in die NATO eingebettet und vertraut darauf, dass im Ernstfall starke Partner an seiner Seite stehen. Doch auch hier ist nicht nur angesichts der am Beispiel Grenzgarantie für die Ukraine dokumentierten Unzuverlässigkeit der USA sowie der Disoperation in Sachen NSA die Frage zulässig, wie zuverlässig diese starken Partner sind, wenn es zum Schwur kommt. Wie hoch ist der Preis, den Amerika im Zweifel für die Freiheit Europas zu bezahlen bereit ist?
Die Beantwortung dieser Frage auf den Ernstfall zu verschieben, kann bedeuten, seine Freiheit zu opfern. Und es komme niemand damit, dass Russland kein Interesse daran habe, Deutschland zu erobern. Schon die Zaren träumten vom eigenen Zugang zu allen Weltmeeren. Sie erreichten den Pazifik, das Schwarze Meer und die Ostsee. Sie standen kurzzeitig am Gelben Meer und streckten die Finger aus zum Mittelmeer. Stalin hatte die Hoffnung nie aufgegeben, auch den Atlantik nicht nur durch den Belt und vorbei am Nordkap erreichen zu können.
Wenn es die russische Politik des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist, an die Großmachtphantasien der blauweißen und der roten Zaren anzuknüpfen, dann ist mehr bedroht als der Schwarzmeer-Anrainer Ukraine. Dann steht im Westen des russischen Imperiums das Baltikum auf dem Programm – und Polen, Deutschland, Frankreich. Dann ist die Bedrohung nicht mehr eine ferne Vergangenheit und keine irreale, paranoide Fiktion, sondern eine Realität, die auch die Ostermarschierer mit ihren Moskau-gesteuerten SDAJ-Verwirrten in der zweiten Reihe nicht unter dem Leichentuch des wiederauferstandenen Jesus verstecken können.
Deutschland – daran führt kein Weg vorbei – ist gezwungen, eine neue Miltärstrategie zu entwickeln. Eine Strategie, die anders als bisher nicht den asymmetrischen Konflikt im Bund mit Alliierten in den Vordergrund stellt, sondern sich an dem klassischen Prinzip der Selbstverteidigung orientiert. Dabei dürfen wir uns keinen Illusionen hingeben: Das Deutschland des 21. Jahrhunderts wird nicht mehr in der Lage sein, Militärapparate wie vor einhundert oder vor siebzig Jahren zu mobilisieren. Allein die demografische Entwicklung lässt dieses nicht mehr zu.
Darüber sollte auch niemand eine Träne vergießen, denn diese Mobilisierungsfähigkeit war immer auch die Fähigkeit zum Führen eines Angriffskrieges. Es gilt nach wie vor: Von Deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen. Aber Deutschland muss in der Lage sein, unterhalb der Schwelle des Angriffskrieges für den Verteidigungsfall ein Bedrohungspotential bereit zu halten, das auch einen überlegenen Gegner davon abhält, seine Aggressionen auszuleben.
Deutschland hat dafür auf den ersten Blick nur zwei Alternativen:
Es muss in einem Bündnis verschmelzen, in dem die vereinten Kräfte ausreichen, einen potentiellen Gegner vom Angriff abzuhalten. Ein solches Bündnis kann mit Blick auf die Unzuverlässigkeit der Vereinigten Staaten nur ein Europäisches sein. Und die Partner können nur diejenigen sein, die sich in einer gemeinsamen Bedrohungslage befinden und die gemeinsam in der Lage sein können, einem konventionellen Angriff Russlands standzuhalten. Dabei ist die Schaffung solcher gemeinsamen Kommandostrukturen und Verteidigungskooperationen nichts, das einem Verbleib in der NATO entgegensteht. Ganz im Gegenteil würde es die NATO in ihrem europäischen Teil erheblich stärken.
Oder Deutschland muss sich im Rahmen eines singulären Verteidigungskonzepts in die Situation versetzen, ohne Partner jedwedem Angreifer eine Drohung vorhalten zu können, die dessen Angriffslust erstickt. Eine solche Drohung findet sich nach Stand der Dinge jedoch ausschließlich in dem Vorhalten strategischer Atomwaffen.
Deutschland kann jedoch auch einen dritten Weg beschreiten, der den ersten und den zweiten Weg verknüpft.
Es kündigt den Atomwaffensperrvertrag, um damit deutlich zu signalisieren, dass es die neue Qualität internationaler Konfliktlösungsstrategien, die von Russland entwickeln worden sind, verstanden hat.
Es tritt umgehend in konkrete Gespräche ein mit den beiden dafür prädestinierten Partnern Frankreich und Polen mit dem Ziel, innerhalb Kerneuropas eine gemeinsame Schutzzone zu errichten, auf die jeder wie auch immer geartete Angriff als gemeinsam zu beantwortender Konflikt betrachtet wird. Dieses bedingt gemeinsame Führungsstrukturen und aufeinander abgestimmte militärische Einheiten, die im Ernstfall komplex eingesetzt werden können. Die Partner dieser Schutzzone stehen dafür, weitere Länder aufzunehmen, wenn diese sich den von den Gründungspartnern entwickelten Richtlinien anschließen. Am Ende dieser Partnerschaft muss eine gemeinsame, kerneuropäische Armee stehen, die in der Lage ist, jedwede Herausforderung anzunehmen.
Die Partner der Gespräche über die Gründung einer kerneuropäischen Schutzzone halten an der Strategie des nuklearen Gegenschlages fest. Zu diesem Zweck wird die Force de Frappe mit Unterstützung der Partner auf dem jeweils aktuellen Stand der Militärtechnik gehalten und weiterentwickelt und als gemeinsame Verteidigungswaffe in das Schutzbündnis eingebracht.
Mir ist bewusst, dass dieses Plädoyer auf zahllose Gegner stoßen wird – allen voran jene, die im Denken des nuklearen Konflikts der fünfziger Jahre verfangen sind und jene, die seit eh das Heil der Welt in Russland gesehen haben. Es steht auch zu erwarten, dass es US-amerikanische Vorbehalte geben wird, weil die kerneuropäische Force de frappe ebenso wie die französische nicht zwangsläufig in die Kommandostrukturen der NATO eingebettet ist – sie muss ein militärisches Instrument bleiben, über deren Einsatz ausschließlich die unmittelbar Bedrohten in einer äußersten Krisensituation zu befinden haben.
Auch soll der Hinweis nicht unterbleiben, dass der hier vorgeschlagene Aufbau einer gemeinsamen kerneuropäischen Militärstrategie unter Einbeziehung der atomaren Abschreckung dann möglicherweise aufgeschoben werden kann, wenn Russland sich wider Erwarten zurück bewegen sollte auf den Stand der internationalen Gepflogenheiten der vergangenen dreißig Jahre. Jedoch – wieviel Glauben wäre selbst dann jemandem zu schenken, der einen Vertrag nach gerade zwanzig Jahren einseitig nicht einmal kündigt, um ihn außer Kraft zu setzen?
Wir müssen –leider – konstatieren: Der Traum von einer europäischen Zukunft ohne Waffen ist seit dem März 2014 bis auf weiteres ausgeträumt. Nach wie vor gilt Machiavellis Leitsatz „First be armed.“ Deutschland und die freien Staaten Europas können das zur Kenntnis nehmen und darauf angemessen reagieren. Oder sie können sich weiterhin selbst einlullen und damit das unverhohlene Ziel der russischen Politik, ein einiges Westmitteleuropa außerhalb russischer Hegemonie zu verhindern, Wirklichkeit werden lassen.

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