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Spitzwege aus dem Kopf eines Bürgerlichen

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Ab sofort im Handel oder direkt beim Verlag:

Spahns SpitzWege aus dem Kopf eines Bürgerlichen.

28 Essays und Lyrik zu überwiegend zeitkritischen und politischen Themen in der Tradition des Bürgertums.

Band 1 – 14,80 € Paperback

Editoral : SpitzWege aus dem Kopf eines Bürgerlichen
Von Winnetou zu Obama
Bill Bush : Der Putin ist ein großer Mann
Bill Bush : Der Putin ist ein kleiner Wicht
Putin – Mensch und Macht
Bill Bush : Hübsch aufgepeppt und hochgespritzt
Bill Bush : Der Sarkozy ist ein Enfant
Reden und Schweigen
:edathy
:gegonos edathy
:tragodia edathy
Relativierungen
Putins ungewolltes Signal an das Reich der Mitte
Bill Bush : Spießbürger Fritz
Bill Bush : Ganz tief im Herz von Afrika
Die Rückkehr der westfälischen Friedensphilosophie
Plädoyer für eine neue Militärstrategie
Russlands Weg nach Osten
Faschismustheorie und der faschistische Totalitarismus
Die Leistungsfiktion im modernen Wohlfahrtsstaat
Schimpansen, Bonobos und Homo Sapiens
Bill Bush : Der Türkensultan Erdogan
Bill Bush : Hoch oberhalb des Bosporus
Von Tautologien und Oxymora
Ein Abschied
„Bündnisverteidigung ist Landesverteidigung“
Wir . Drei Sätze
Liberal oder libertär?
Es geht ein Jahr

Aufstand des Islam – Kampf gegen den Humanismus

Anmerkung: Dieser Text entstand 2006 und wurde bislang als eBook mehrtausendfach abgerufen. Angesichts der aktuellen Situation soll er hier nun ebenfalls zu lesen sein. Er wird unverändert übernommen – auch wenn ich heute nicht mehr von „Islamismus“ sondern von „radikalem Islam“ sprechen würde – tsp 10.01.2015

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Im Januar 2006 ging eine Welle der Entrüstung durch die islamischen Länder. Offizieller Grund: Die Verletzung religiöser Gefühle durch islam-kritische Karikaturen.
Tatsächlich steht hinter der fanatisierten Aufregung jedoch ein anderes Ziel: Das Ende der aufgeklärten Gesellschaft – nicht nur in der islamischen Welt.

Viel wurde geschrieben über die Empörung, die in islamisch-geprägten Staaten mit mehrmonatiger Verspätung über mehr oder weniger gelungene Karikaturen Ende Januar des Jahres 2006 ausbrach.
Manche der westlichen Reaktionen auf den religiösen Fanatismus waren gespeist von unterwürfiger Gutmenschelei: Ja, so war zu hören, die Karikaturen würden die Gefühle der Moslems verletzen, ja, man hätte sie nicht veröffentlichen dürfen, ja, man könne die Erregung verstehen, schließlich stünde selbst im säkularen Deutschland die Verunglimpfung von Religion unter Strafe – so beispielsweise der jedweder Religionsbindung unverdächtige, ehemalige SPD-Generalsekretär Klaus-Uwe Benneter.
Andere Beobachter gingen etwas weiter in die Tiefe.
So folgte der Hinweis darauf, dass es in den islamischen Staaten an der Tagesordnung sei, andere Menschen und Religionen – allen voran die Juden – nicht nur in Karikaturen – und eben auch nicht nur – zu verunglimpfen.
Niemand, so einige Kommentatoren, könne sich daran erinnern, dass deswegen tausende fanatisierte Menschen protestierend auf die Straßen gegangen seien und Botschaften angezündet hätten. Von der Gefahr, hier könne sich Huntingtons Kampf der Kulturen anbahnen, war die Rede.
In der internationalen Politik folgten die obligatorischen Erklärungen – man teile die Entrüstung, appelliere aber an die Friedlichkeit der Proteste.

Die Vorgeschichte

Ursache des Aufstandes? Die dänische Tageszeitung „Jyllands Posten“ hatte im Herbst des Jahres 2005 Karikaturen veröffentlicht, in denen arabisch anmutende Terroristen als “das Gesicht Mohammeds” dargestellt wurden. Einige dänische – oder in Dänemark lebende – Moslems fühlten sich davon beschwert – und beschwerten sich bei dänischen Regierungsvertretern. Dort blitzten sie ab.
Zu Recht. Denn was, so muss sich der aufgeklärte Mitteleuropäer fragen, haben staatliche Institutionen mit in unabhängigen Medien veröffentlichten Karikaturen zu tun? Nichts! So zumindest lautet die Antwort, so weit es sich bei den Inhalten der Karikaturen nicht um eindeutig nachweisbare Straftatbestände wie die Aufforderung zum Mord oder die Herabwürdigung von Menschen handelt.
Die karikaturistische Darstellung Mohammeds als Terrorist mag von Moslems als Beleidigung ihres Propheten empfunden werden – faktisch aber ist sie in einem laizistischen Staat kein Straftatbestand. Sie ist legitimiert durch die Freiheit von Meinung, Presse und Kunst.

Kampf gegen die Freiheit

Folgerichtig sahen die Regierungsstellen in Dänemark keinen Handlungsbedarf – und die Beschwerdeführer wandten sich an die Gerichte – im säkularen Dänemark wiederum ohne Erfolg. Immerhin aber ein gangbarer Weg, mit dem es im laizistischen Staat sein Bewenden hätte haben müssen. Zu denken geben muss jedoch allein schon die Tatsache, dass Vertreter der in Dänemark lebenden Moslems sich in Sachen Karikaturen zuerst direkt an die politische Exekutive gewandt haben.

Ein anderes Staatsverständnis

Denn dahinter steht nicht das freiheitliche Staatsverständnis der europäischen Demokratien, sondern das Denken in den Dimensionen des Obrigkeitsstaats. Nur ein solcher wäre in der Lage, der Presse Veröffentlichungsregeln aufzuerlegen, wenn diese nicht von sich aus sich zur Selbstzensur in der Lage zeigt.
Fazit: So sehr eine solche Feststellung gegen den politisch korrekten Mainstream einer multi-kulturellen Gesellschaft verstoßen mag – jene in Dänemark lebenden, sich beschwert fühlenden Moslems teilen offenkundig einige Grundelemente christlich-abendländischer Demokratie-Tradition nicht. Maßgeblich zu nennen sind die Freiheit und Unabhängigkeit der Presse sowie die strikte Trennung von Staat und Religion.
Nun gut, mag man sich beruhigen, auch in der Welt mächtigster und sich als freiheitlichste empfindender Demokratie, den Vereinigten Staaten von Amerika, gibt es religiöse Eiferer, die beispielsweise die Aufgabe des Staates darin erblicken, die Lehre der längst als wissenschaftliche Erkenntnis belegten Evolutionstheorie zu untersagen – weil diese angeblich im Widerspruch zum Wortlaut der Bibel stehe.
Insofern hätte der dänische Vorgang damit abgeschlossen sein können – doch statt dessen sahen sich besagte Islam-Anhänger genötigt, ihre Beschwerde unmittelbar im islamischen Geltungsbereich vorzutragen und beispielsweise ägyptische Geistesgelehrte einzuschalten.

Der Koran: Nicht zuständig

Doch auch dort fiel die erste Reaktion eher verhalten aus. Dieses mag gute Gründe haben, die nicht zuletzt im Koran selbst begründet sind.
Denn: Anders als seinerzeit die Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie ist ein Glaubensurteil gegen Nicht-Moslems in der Regel nicht vorgesehen. Naheliegend, denn auch dem Islam ist bewusst, dass Religionsgesetze nur Anwendung finden können auf Bekenner der Religion. Salman Rushdie ist Moslem, und als er nach Auffassung islamischer Glaubensgelehrter den Islam beleidigte, fiel dieses in die Zuständigkeit islamischer Rechtsgelehrtheit. Der dänische Karikaturist aber ist ein in einer christlichen Gesellschaft aufgewachsener Atheist. Und als dänischer Nicht-Moslems fällt er kaum unter die Gerichtsbarkeit islamischer Glaubenslehre.
Mehr noch als die Anrufung der Exekutive offenbart dieser Schritt des Protest-Exports jener in Dänemark lebenden Moslems jedoch einen tiefen Graben zwischen christlich-abendländischem Staats- und Gesellschaftsverständnis und den Anschauungen eben jener Moslems.

Kein Loyalitätskonflikt

Eine maßgebliche Ursache dafür liegt in der Identitätsbildung des Menschen – und damit in der Wertigkeit unterschiedlicher Identitätsebenen im Bewusstsein des Individuums.
Für besagte in Dänemark lebenden Moslems ist ihre islamische Identität – und damit in der Konsequenz auch ihre islamische Loyalität – offenkundig höherwertiger als ihre dänische. Und das unabhängig davon, ob sie als dänische Staatsbürger durch ihr Vorgehen ihre Loyalitätspflicht gegenüber dem eigenen Dänemark verletzt haben oder als Gäste des dänischen Gemeinwesens mit anderer Staatsangehörigkeit zu akzeptieren gehabt hätten, dass die dänischen Spielregeln des staatlich-gesellschaftlichen Zusammenlebens nicht unbedingt identisch mit ihren eigenen oder denen ihrer Heimatländer sein müssen.
Dem europäisch geprägten Betrachter allerdings sei gesagt: Dieses ist innerhalb islamischer Logik kein Loyalitätskonflikt, denn in der islamischen Glaubenslehre spielt der Staat tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle.
Das moderne europäische Staatsverständnis beruht auf Selbstbestimmung und Nation. Beides ist ohne die humanistische Aufklärung des Abendlandes und der daraus folgenden Ablösung des Primats der Religion undenkbar.

Islam ohne Aufklärung

Hier aber liegt ein entscheidendes Problem, das die Europäer – und mit ihnen die europäisch-geprägten Amerikaner – nicht zur Kenntnis nehmen: Die Aufklärung ist ein Phänomen des Christlichen Abendlandes.
Im Islam hat es eine der christlich-abendländischen Aufklärung vergleichbare, gesellschaftliche Entwicklung bis zum heutigen Tage nicht gegeben. Und es liegt auf der Hand, dass jene islamischen Kräfte, die als islamistische Politiker davon unmittelbar profitieren, wenig Interesse haben, einer islamischen Aufklärung Raum zu geben.
Wie tief dieser kulturelle Graben ist, zeigt sich nicht zuletzt in der Empörungsmaschinerie – durch interessierte Kreise in der islamischen Welt gezielt entfacht, als man sich der Instrumentalisierbarkeit des mittlerweile zum „Karikaturenstreit“ mutierten Protestes als scheinmoralische Keule gegen den Westen bewusst wurde.

Der Westen hält still

So erregte sich niemand – weder in Europa und erst recht nicht in der islamischen Welt – darüber, dass indonesische Protestierer Plakate mit sich führten, auf denen europäisch anmutenden Gesichtern mit asiatischen Krummdolchen die Kehlen durchgeschnitten wurden und das Blut in alle Himmelsrichtungen spritzte.
Niemand erregte sich darüber, dass in Teheran und anderswo Strohpuppen, die den dänischen Ministerpräsidenten darstellen sollten, verbrannt wurden – im christlichen Abendland wurde die Ketzerverbrennung erst durch die Aufklärung in Frage gestellt.
Kaum der Beachtung fand man es wert, dass in Peshavar der örtliche Gouverneur die Bestrafung des Karikaturisten als Terrorist einforderte – als hätte jener in New York, Madrid, London und anderswo Zigtausende unschuldiger Menschen ermordet.
Das Verbrennen von Staatsflaggen – diesmal traf es vorrangig Dänemark und Norwegen – wird im aufgeklärten Westen ohnehin eher als Randnotiz wahrgenommen.
So absurd es klingen mag: Dieses offenkundige Desinteresse der aufgeklärten Europäer an jenen Exzessen offenbart gleichzeitig eine moderne Form des Rassismus. Denn es scheint uns Europäern völlig normal, dass die Völker des Islam derart mittelalterlich-anachronistische Verhaltensweisen an den Tag legen. Und wir tun damit zwangsläufig jenen Unrecht, die als gläubige Moslems sich der Notwendigkeit einer islamischen Aufklärung durchaus bewusst sind.
Die Diskrepanz im Denken brachte ein zufällig gefilmter Protestierer auf den islamistischen Punkt:
„Wir geben unser Blut für Allah und Mohammed!“.
… wann zuletzt hat ein Europäer gerufen:
„Wir sterben für Gott und Jesus“?

Wenn das Gleiche geschähe …

Was wohl geschähe, wenn in Berlin empörte Deutsche auf die Straße gingen und das grüne Banner des Islam anzündeten?
Was geschähe, wenn in Kopenhagen geschmähte Dänen eine Strohpuppe mit dem Antlitz des iranischen Präsidenten abfackelten?
Was geschähe, wenn in Paris aufgebrachte Franzosen Plakate in die Kameras hielten, auf denen einem Asiaten die Kehle mit dem Bayonett durchgeschnitten würde?
Unabhängig davon, dass dem aufgeklärten Europäer allein diese Vorstellung gänzlich absurd vorkommen muss und selbstverständlich sofort Rassismus und Fremdenfeindlichkeit angeprangert worden wäre – käme es dazu, wäre der Aufschrei des Entsetzens in den islamischen Regionen voraussichtlich noch unüberhörbarer als angesichts der Karikaturen-Empörung.
Gleichzeitig aber würde man diese Sprache besser verstehen als abstrakte Exkurse über Menschenrecht und Pressefreiheit.

Ein multiples Dilemma

Europäer und Amerikaner stehen vor einem multiplen Dilemma. Nicht nur, dass sie die aufgebrachten islamischen Massen nicht verstehen können. Sie wissen letztlich auch nicht: Wer sind unsere Partner, wenn wir den Dialog der Kulturen einfordern?
Jene hysterisch-psychopathischen Massen, die nach dem Blut der Gotteslästerer rufen, um die gedachte Ehre eines vor fast 1400 Jahren verstorbenen Religionsstifters zu retten?
Jene, für die der Tod des Individuums vernachlässigbar ist angesichts der Ehre ihres Gottes?
Jene, denen Gottes Reich auf Erden allemal höherwertig erscheint als jedwede Errungenschaft aufgeklärter Zivilisation?
Die christlich-abendländische Kultur steht vor einem unlösbaren Problem: Die Diskrepanz zwischen jenen fanatisierten Massen und dem aufgeklärten Europäer ist im traditionellen Dialog nicht zu überwinden. Warum? Es gibt keine gemeinsame Sprache!
Die Sprache des aufgeklärten Europäers ist geprägt von der Freiheit, Selbstbestimmung und Unversehrtheit des Individuums.
Nicht zuletzt zwei katastrophale Kriegsphasen und die damit einhergehende Menschenverachtung von Holocaust über Gulag bis Flächenbombardement haben es uns gelehrt: Weder dogmatische Religion noch politische Ideologie dürfen das Handeln des Menschen prägen.
Die Sprache des im humanistischen Sinne unaufgeklärten Moslems dagegen ist geprägt vom Primat der Religion. Individuum und Staat haben sich diesem Primat unterzuordnen. Seine Sprache entspringt folglich dem Dogma und – im islamistischen Extremfalle – einem politisch-instrumentalisierten Religionsabsolutismus.

Keine gemeinsame Erfahrung

Das europäische Handeln der Gegenwart ist geprägt von der Erfahrung einer selbstzerstörerischen Vergangenheit.
Das Trauma der kollektiven Selbstzerstörung, das die Europäer zur dauerhaften Friedfertigkeit bekehrt zu haben scheint – kein Araber, Indonesier oder Belutsche kann damit etwas anfangen.
Die bei uns so genannten Weltkriege sind aus der Sicht der islamischen Völker nichts anderes als der Kampf zwischen verhassten, christlichen Kolonialmächten.
Am Ende dieses Kampfes der kolonialen Imperien stand die zweite Befreiung der islamischen Nation vom Joch der christlichen Fremdherrschaft – von Marokko bis Indonesien, von Kasachstan bis Kenia.
Im arabisch-islamischen Verständnis der Gegenwart ist das durch abendländisch geprägte Juden gegründete Israel nicht die legitime Heimstatt eines einst von dort vertriebenen Volkes, sondern eine letzte Bastion der fränkischen Kreuzritter im Heiligen Land. Wenn der iranische Präsident den Holocaust als Lüge bezeichnet, dann einzig und allein deshalb, um so dem Staat Israel die aus seiner Sicht letzte, mögliche moralische Legitimation zu entziehen.
Die Interventionen von Amerikanern, Europäern und Russen in islamischen Ländern wie Afghanistan, Tschetschenien und dem Irak werden als christlich-koloniale Unterdrückung begriffen. So bleibt dem bildungsfremden Moslem auf der Straße auch die christlich-abendländische Bezeichnung „Terrorist“ in ihrem Sinngehalt fremd: Für ihn sind Selbstmordattentäter Kämpfer für die Freiheit der islamischen Nation. Selbst wenn er als denkendes Individuum den Massenmord an Unbeteiligten, an Frauen und Kindern nicht aus vollem Herzen begrüßen sollte: Jegliches menschliche Handeln ist vom göttlichen Willen vorbestimmt und das Individuum kann keine von Gott nicht gewollte Handlung vornehmen – so will es die islamische Lehre.
Was anderes als Instrumente ihres Gottes sind dann Selbstmordattentäter oder Massenmörder im Namen Allahs, wenn Allah sie nicht an diesem Tun hindert?

Eine andere Gedankenwelt

Die Gedankenwelt des islamischen Fanatikers steht insofern derjenigen des christlichen Kreuzritters näher als der des aufgeklärten Europäers. Wie wohl hätte der fanatisierte, christliche Gotteskrieger des 11. Jahrhunderts reagiert, hätte sein islamisches Gegenüber ihn zum friedlichen Dialog aufgefordert? Vermutlich hätte er ihm das Schwert durch die Brust gerammt und im Namen seines Gottes die bedingungslose Herausgabe der geschändeten Heiligtümer in Jerusalem und anderswo eingefordert.
Wenn dennoch intellektuelle Nahost-Experten und europäische Islamwissenschaftler den friedlichen Dialog der Kulturen einfordern, so verkennen sie letztendlich die Wirklichkeit der islamischen Straße. Ihre Ansprechpartner sind Intellektuelle und westlich geprägte Eliten, mit denen ein friedlicher Dialog ebenso selbstverständlich wie ein friedliches Zusammenleben möglich ist. Aber: Repräsentieren diese Eliten tatsächlich die Angehörigen der Völker, mit denen der Dialog zu führen wäre?

Demokratie stärkt den Islam

Damit nicht genug. Das abendländische Dilemma greift noch tiefer. Seit dem Ende dessen, was wir als Zweiten Weltkrieg bezeichnen, sind in zahlreichen ex-kolonialen Ländern westlich geprägte Eliten durch islamistisch geprägte ersetzt worden. Allen voran der Iran, dessen politische Herrschaftsschicht heute von westlichen Idealen weiter entfernt ist als je zuvor.
Die Forderung nach demokratischen Wahlen und entsprechend gewählten Regierungen hat sowohl im Irak als auch in Palästina vorrangig den islamisch geprägten Kräften – von westlichen Kommentatoren häufig gänzlich unsinnig als Konservative bezeichnet – gedient.
Was sollte die palästinensische Hamas bewegen, den „Kreuzritterstaat Israel“ anzuerkennen, wenn das bedeutet, den Anspruch auf die bis 1948 islamisch geprägten Gebiete zwischen Mittelmeer und Jordan aufzugeben?
Was sollte den iranischen Präsidenten bewegen, seine national-islamischen Phantasien aufzugeben, wenn dieses für ihn nichts anderes bedeutet, als einem neuen, christlichen Kolonialismus Tür und Tor zu öffnen?
Was sollte die irakischen Schiiten davon abhalten, einen gottgefälligen Staat zu etablieren, wenn jene, die sie vom Joch der verhassten sunnitischen Glaubensbrüder befreiten, das Land verlassen haben?
Wir sollten uns nichts vormachen: Wirklich freie Wahlen in anderen islamisch geprägten Staaten würden zu ähnlichen Ergebnissen führen.
Warum? Weil die Forderung westlicher Politiker nach Zwangsdemokratisierung islamischer Staaten absurd ist, solange demokratisches Denken in den Völkern selbst keine Basis hat.
Die Demokratie, so wie die Europäer sie heute verstehen, ist mehr als die Selbstbestimmung eines Volkes über seine politische Elite. Denn das für sich allein würde bedeuten, einer – relativen – Mehrheit das Recht zu geben, Minderheiten im Namen der Demokratie radikal zu unterdrücken. Es würde bedeuten, den Demokraten das Recht zu geben, sich selbst auf demokratischem Wege durch ein totalitäres System zu ersetzen.
Das europäische Demokratiemodell ist daher ohne das humanistische Fundament von Toleranz und Menschenrecht, der Achtung vor dem Mitmenschen und dessen Vorstellungen, undenkbar.
Die Ideale des Humanismus wiederum basieren ausschließlich und uneingeschränkt auf der christlich-abendländischen Aufklärung.
Wie aber soll ein solches Modell funktionieren in einer Gesellschaft, der jedwede christlich-abendländische Aufklärung abhold ist? Wenn Humanismus begriffen wird als ein Propagandabegriff des zum Untergang verdammten Christentums im Kampf gegen die wahre Lehre?

Rückkehr zur Apartheit

All dieses wird in den politisch-intellektuellen Kreisen des Abendlandes nicht gesehen – und der Traum vom friedlichen Dialog mit der Folge eines friedlichen Zusammenlebens der Völker und Religionen wird weiter geträumt – und zerplatzen.
Israel hat bereits seine eigenen Konsequenzen gezogen. Als von der abendländischen Welt gern so betrachteten Friedensbeweis zieht man sich zurück aus palästinensischen Gebieten, um gleichzeitig im wahrsten Sinne des Wortes eine unüberwindbare Mauer gegen den Terror aufzubauen.
Tatsächlich hatte diese Politik des Falken Ariel Sharon mit Friedensbereitschaft nur sekundär etwas zu tun.
Vielmehr geht es darum, jene auszugrenzen und nach Möglichkeit zu isolieren, die zu einem humanistisch-abendländischen Interessenausgleich nicht bereit sind, und sich gleichzeitig aus Gebieten zurück zu ziehen, deren militärische Kontrolle unnötig hohe Opfer erfordert hätte, ohne dass damit auch nur ansatzweise ein geostrategischer oder ökonomischer Nutzen verbunden gewesen wäre. Der demokratische Sieg der Hamas wird Israel in dieser Politik bestärken.

Neuausrichtung der US-Politik

Die Politik der USA bis zum ersten Waffengang gegen den Irak konzentrierte sich darauf, gewogene Machteliten in ihren Positionen zu stärken und so die eigenen ökonomischen Bedürfnisse abzusichern.
In dieser Politik war es nachrangig, ob damit die Umsetzung von Menschenrechten im westlichen Sinne einherging.
So konnte und kann das wahabitische Herrscherhaus der Saudi ungehindert ein im abendländischen Sinne mittelalterliches Strafrecht exekutieren.
Ägyptens Bildungsbürger Husni Mubarak durfte und darf die Moslembruderschaften mit demokratisch fragwürdigen Staatssicherheitsmaßnahmen im Zaum halten.
Die algerische, ebenfalls westlich geprägte Herrschaftselite konnte einen schmutzigen Krieg gegen jene islamischen Fundamentalisten im eigenen Lande führen, die in freien Wahlen bereits mehrheitsfähig geworden waren.
Die neue Politik der USA – wir könnten sie unter dem propagandistischen Schlagwort „Befreie und Demokratisiere!“ zusammenfassen – ist dagegen eine selbst gestellte Falle. Denn sie geht von der irrigen Annahme aus, christlich-abendländische Kulturwerte exportieren zu können. Genau dieses aber wird von fundamentalistischen Moslems als moderne Spielart des imperialistischen Kolonialismus vehement bekämpft.

Die islamische Aufklärung

Tatsächlich gibt es nur einen Weg, einen friedlichen Ausgleich zwischen Abendland und Islam zu organisieren: Die islamische Welt muss aus sich selbst heraus eine der christlichen Aufklärung vergleichbare Entwicklung durchmachen. Davon allerdings scheint sie heute weiter entfernt denn je.
Nichts deutet darauf hin, dass islamische Aufklärer an Bedeutung gewinnen werden. Ganz im Gegenteil: Die Fertilität islamischer Gesellschaften, in denen heute schon rund 80 Prozent der Bevölkerung unter 35 Jahre alt sind, schafft ein ständig wachsendes Menschenpotential, das nach gegenwärtigem Kenntnisstand kaum ökonomisch sinnvoll beschäftigt werden kann. Die Masse unzufriedener weil unbeschäftigter junger Menschen wird das Menschenpotential der Gotteskämpfer nicht versiegen lassen.
Wer die Bilder aus pakistanisch-islamischen Koranschulen im Hinterkopf hat, in denen sechsjährige Jungen unter ständigem Hin- und Herschwenken Koranverse rezitieren, wird wissen, dass diese Art der Gehirnwäsche ein weiteres dazu tun wird, den Nachschub islamistischer Gotteskrieger nicht versiegen zu lassen.
Islamische Gelehrte werden sich – im Zweifel wider besseres Wissen – zurück halten, einen humanistischen Islam zu predigen, denn es würde sie von der Masse ihrer Gläubigen entfremden.
Islamische Herrschaftseliten werden entweder weiterhin – wie die wahabitischen Saudi – eine scheinbar liberale Außenpolitik mit innenpolitischer Intoleranz und der klammheimlichen Unterstützung islamistischer Bewegungen verknüpfen – und dennoch die Unzufriedenheit der Massen nicht vermeiden können.
Westlich aufgeklärte Machteliten werden um des eigenen Überlebens willen zunehmend auf Repression gegen fundamentalistische Bewegungen setzen müssen – und damit als scheinbare Repräsentanten einer westlich geprägten Gesellschaft die Massen für tolerante Gesellschaftssysteme nicht gewinnen können.

Die Aufgabe des Humanismus

Die Alternative? Die humanistische Schere in unserem Kopf weigert sich, sie darzustellen. Selbst der renommierte Islamkenner Peter Scholl-Latour, einer der wenigen Mahner, beschränkt sich auf Andeutungen. Denn letztlich wird die Konsequenz die Aufgabe der humanistischen Errungenschaften in der christlich-abendländischen Kultur sein – schleichend vielleicht und deshalb kaum wahrnehmbar. Aber im Ergebnis radikal.
Erste Schritte sind bereits getan.
Die irrationalen Proteste in der islamischen Welt gegen die dänischen Karikaturen und die bereitwillige Übernahme der islamischen Kritik durch christliche Appeasement-Politiker werden zwangsläufig jeden freien Journalisten daran hindern, vergleichbares zu wiederholen. Das einst vom Vater der Islamisten, Khomenei, gegen Salman Rushdie verhängte Veröffentlichungsverbot gilt ab sofort mittelbar auch für nicht-islamische, abendländische Islam-Kritiker.
Eine Alternative hierzu scheint der israelische Weg der weitest möglichen Abschottung gegen jene im Westen als Terroristen begriffenen Kräfte zu sein. Das aber müsste zwangsläufig zum Generalverdacht gegen jede Person führen, die sich zum Islam bekennt.
Auf rund 1,2 Milliarden Menschen wird die Anhängerschaft Mohammeds heute weltweit geschätzt – 1,2 Milliarden potentielle Terroristen?
Allein mit einer großen Mauer vom Gelben Meer bis zum Atlantik wäre es kaum getan. Die Geschichte lehrt uns, dass jedwede Mauer, von Chinas Großer bis zum römischen Limes, den Ansturm von Kulturgegnern auf Dauer nicht verhindern kann.
Das im Spanien des 15. Jahrhunderts erfolgreiche Modell der Reconquista – von Zwangschristianisierung bis Ausweisung – widerspricht den humanistischen Idealen der Glaubenstoleranz fundamental. Eine neue Reconquista wäre gleichbedeutend mit dem Ende der laizistischen Gesellschaft.

Die Hydra des Terrors

Ohnehin: Das Abendland ist bis auf weiteres auf morgenländische Rohstoffressourcen angewiesen. Wie sollte in einer solchen Situation eine Kulturapartheit installiert werden, will man nicht exterritoriale Enklaven schaffen, die als Rohstoffbastionen wie einst die Kreuzritterburgen in feindlicher Umgebung existieren müssten? Und dennoch steht zu befürchten, dass es genau darauf hinaus laufen wird. Denn das von den USA unter Georg Walker Bush angestrebte Ziel, der Schlange den Kopf abzuschlagen, um so die Pax Americana zu garantieren, hat sich als wenig erfolgreich erwiesen – die Schlange erweist sich als Hydra, die jeden abgeschlagenen Kopf durch zwei neue ersetzt.
Angesichts der fanatisierten Karikatur-Proteste spekulierten zahlreiche Talkshows und Kommentare über die Frage, ob der Zusammenstoß der Kulturen – the clash of civilizations – möglicherweise unmittelbar bevorstehe.

Der Krieg hat längst begonnen

Tatsächlich befinden sich die Kulturen der Welt längst mittendrin in diesem Konflikt. Ein Konflikt, der sich als der erste wirkliche Weltkrieg erweisen könnte. Es ist nicht zwingend ein Krieg zwischen Christen und Moslems. Aber es ist ein Krieg zwischen Humanismus und Dogmatismus. Es kann ein Krieg sein, in dem aufgeklärte Atheisten und Anhänger der Weltreligionen von Christen, Juden und Buddhisten über Hindus bis Moslems gemeinsam stehen gegen religiöse Dogmatiker aller Konfessionen.
Es ist jetzt schon ein Krieg um die Frage, ob das Primat menschlichen Handelns auf der naturwissenschaftlichen Erkenntnis oder dem metaphysischen Glauben an eine uneingeschränkte Gottbestimmung beruht.
Und es ist damit auch ein Krieg um die Frage, ob die Zukunft der Menschheit in einem freiheitlichen oder einem totalitären System zu finden sein wird.

Kann ein solcher Krieg gewonnen werden?

Der humanistischen Fraktion steht die Erkenntnis und der Fortschritt der Wissenschaft zur Verfügung. Hier wird sie ihren Gegnern immer einen Schritt voraus sein.
Die dogmatische Fraktion dagegen verfügt über ein schier unbegrenztes Potential an fanatisierbaren Kämpfern, denen der Wert des eigenen Lebens gegen Null geht. Sie verfügt über eine Idee, die nicht von dieser Welt ist – und die gerade deshalb ungeahnte Dynamik entfalten kann. Und sie kann sich einer Kriegsführung bedienen, die den humanistischen Vorstellungen eklatant widerspricht. Denn sie ist an humanistische Leitbilder nicht gebunden.

Das Ende des Humanismus

Der unqualifizierte Massenmord an Unbeteiligten, Zivilisten, Frauen und Kindern scheint heute außerhalb der Vorstellungskraft der humanistischen, christlichen Kulturen zu liegen. Doch die dogmatische Fraktion hat ihren Gegner bereits in der Zwickmühle. Was immer die Humanisten tun, dient deren Gegnern bis auf weiteres als Sieg. Um sich gegen terroristische Gefahren zu wappnen, sahen sich die USA zu Eingriffen in die Persönlichkeitsrechte und die Einrichtung von weitgehend rechtsfreien Gefangenenlagern gezwungen – ein erster Sieg im Kampf gegen humanistische Ideale
Die Schere im Kopf freier Journalisten ist ein weiterer fundamentalistischer Sieg im Kampf gegen den Humanismus.
Ein Ende der Finanzierung islamistisch regierter Staaten würde radikalen Kräften weiteren Zulauf bescheren. Die Fortsetzung der Finanzierung wiederum würde den Radikalen bescheinigen, dass der von den Humanisten geforderte Verzicht auf Gewalt nichts anderes ist als ein christliches Kriegswerkzeug zur dauerhaften Schwächung des Islam. So oder so – beides wird zu einem Sieg des Dogmatismus werden.
Gleiches gilt für den möglichen Rückzug diplomatischer Vertretungen, Handelsbeschränkungen oder dem Einsatz anderer Varianten der Repression, derer sich die humanistische Kultur immer dann bedient, wenn sie ohne Waffengewalt in den Kampf zieht.
Hat die humanistische Welt daher den Krieg der Kulturen schon verloren, bevor sie sich dieses Krieges bewußt wurde?

Der Humanismus verliert

Fast möchte man diese Frage mit Ja beantworten. Denn entweder die aufgeklärte Welt hält an ihren Idealen fest – und wird diese Ideale unter dem Druck fundamentalistischer Doktrinen verlieren. Oder sie verrät ihre Ideale, um im Kampf gegen die Fundamentalisten erfolgreich sein zu können.
Beide Vorstellungen können dem aufgeklärten Europäer nur Schauer über den Rücken jagen …

| editorial „Ein slawisches Requiem“


 

„Den Verkäufern ebenso wie ihren Kunden sieht man die bäuerliche Herkunft an: Weite, wollene Faltenröcke bei den überwiegend älteren Frauen, Kopftücher und hin und wieder eine weite Pluderhose. Kurzärmelige, innen mit Fell gefütterte Jacken und Pelzmützen bei den Männern.

Eine alte, mehr als füllige Bäuerin mit einem von einer dicken Knollennase verzierten, verschmitztem Gesicht und – wie auch die anderen Frauen – ganz in schwarz gekleidet, bietet ihren frischen grünen Salat an. 1000 Dinare will sie für zehn Köpfe haben – das sind rund zwölf Pfennig pro Kopf. Bei Vertragsabschluss legt sie großzügig noch drei Köpfe hinzu. Hundert kleine Ligusterpflanzen kosten nochmal 5000 Dinare. Sie verspricht: “Nächsten Sonntag bringe ich noch mehr – zum gleichen Preis.” Sie wird das Versprechen halten.

Ein paar Meter weiter wäscht eine hutzelige Alte einige Möhren – schließlich will man sehen, was man kauft. Eine andere, gebeugte Greisin hält einen Truthahn unter dem Arm. Das schwarz-weiß gefiederte Tier mit dem faltigen blau-grauen Kopf und den roten Kehllappen hält, eingeklemmt zwischen Arm und Oberkörper, völlig still. Nur manchmal zuckt der Kopf ein wenig hin und her.

Im Hintergrund qualmt ein alter Bollerofen aus Gusseisen. Gebackene Teigtaschen und Maronen dienen zur Stärkung. An einer Ecke steht ein faltiger Serbe mit überdimensionalen Gelenken an den knochigen Händen, zerfurchtem Gesicht und den obligatorischen Bartstoppeln. Er bietet kleine Buchsbäume und Wachholder an. “Zehn Bäumchen 1000 Dinare”, preist er mit breitem Grinsen an, entblößt dabei den fast zahnlosen Mund. Nur die schmutzig braunen Stummel der Eckzähne konnten mit dem Alter ihres Trägers mithalten. Drei Wachholderpflänzchen sollen noch einmal tausend Dinare kosten. Der Handel wird abgeschlossen, zwanzig Buchsbäume und drei Wachholder wechseln den Besitzer. Gratis gibt es noch einen Buchsbaum dazu. Später, beim Pflanzen, stellt sich heraus, dass jedes Bündel nicht zehn, sondern elf Bäumchen enthält. Vermutlich, damit auch beim Verzählen nicht weniger als angeboten verkauft wird.


jugo14v800  http://www.beam-ebooks.de/ebook/220529

 

Als ich im März 1988 Jugoslawien besuchte, war der Krieg, der nur wenig später zwischen den südslawischen Völkern ausbrechen und unendlich viel Leid über die Menschen bringen sollte, nicht einmal zu ahnen. Obgleich – im Nachhinein könnte man gewillt sein, das eine oder andere als Vorbote künftigen Unheils zu betrachten.

Tatsächlich allerdings wurden zwar durchaus deutliche Vorbehalte insbesondere der Serben gegenüber den Kosovaren formuliert, dass jedoch nur ein halbes Jahrzehnt später die Menschen, auf die ich während meiner Reise traf, sich gegenseitig die Köpfe einschlagen würden, hätte jede Vorstellungskraft gesprengt.

So erscheint es zweckmäßig, jenseits der scheinbar heilen Welt von 1988 einige Hinweise zu geben und auf Irrtümer der Interpretation des Geschehens einzugehen.

Heute, am 10. April 2014, lese ich auf der Internet-Plattform Wikipedia:

„Die Jugoslawienkriege wurden durch eine komplexe Vermischung von ethnischen, religiösen und schweren ökonomischen Problemen verursacht, denen sich Jugoslawien seit den 1980er Jahren ausgesetzt sah.”

Ohne Zweifel: Die ökonomischen Probleme bestanden, auch wenn 1988 weder irgendwelche Versorgungsengpässe in der Grundversorgung noch ein Mangel an Luxusgütern zu beklagen war. Das Problem lag 1988 eher darin, dass die Planwirtschaft Jugoslawiens nicht in der Lage war, mit der marktwirtschaftlichen Dynamik der westeuropäischen Nachbarn mitzuhalten. Da aber die Jugoslawen – anders als die Bewohner der russisch-postkolonialen Ostblockstaaten – jederzeit ausreisen konnten, gab es einen erheblichen Geld- und Warenzufluss aus Westeuropa. Dadurch wurde gleichzeitig das ermöglicht, was man mit Blick auf das Comecon als “Ameisenhandel” bezeichnete: Eine beständige Zufuhr von den kleinen Gütern, die das Leben scheinbar ein wenig lebenswerter machten. Insofern war die Wunschliste meiner Gastgeber in Serbien auch nur kurz, als ich mich im Spätwinter des jungen Jahres 1988 spontan entschloss, mir die Heimat meiner Freunde anzuschauen.

Bleibt die Frage, warum die Tagebuchnotizen derart lange ungenutzt im Archiv schlummerten. Ursächlich dafür ist – wie so oft – eine Kette unterschiedlicher Ereignisse.

Unmittelbar im Jahr 1988 war ich als MoPo-Redakteur anderweitig beschäftigt, als diese Notizen in ein Buch zu fassen.

Die Tagebuchnotizen gerieten in Vergessenheit.

Das änderte sich allerdings schlagartig in diesem März 2014. Durch die revolutionären Vorgänge in der Ukraine wurde in Russland etwas offenbar, was mir schon seinerzeit in Jugoslawien und bei meinen späteren Besuchen in Russland selbst aufgefallen war: Die unerklärliche Diskrepanz zwischen dem Slawen als Privatmensch und slawisch-kollektivistischer Politik. Ob in Jugoslawien oder bei meinen Besuchen in Russland – immer hatte ich die Menschen, mit denen ich zusammen kam, als äußerst liebenswert und gastfreundlich kennengelernt. Sie verfügten auch und gerade dann, wenn ihr Bildungsstand nicht unbedingt den gehobenen Anforderungen westeuropäischer Bildungsideale entsprach, über das, was gemeinhin mit dem Begriff “Herzenswärme” verbunden wird. Und sie waren bereit, über alles und jedes zu diskutieren, andere Auffassungen zu erwägen und diesen bei entsprechenden Argumenten zuzustimmen. Bis zu einem gewissen Punkt. Und dieser wird auch in den Tagebuchnotizen von 1988 sehr deutlich. Ob in Jugoslawien – oder besser in Serbien – oder Russland – immer stieß ich dann auf unverrückbare Vorurteile, wenn es um die Betrachtung von Nachbarvölkern und die Bedeutung der eigenen Staatskultur ging. An diesen Klischees gab es kein Rütteln und kein Rühren – und es finden sich auch in den Tagebuchnotizen immer wieder Anekdoten und Erinnerungen, die sie bestätigt sehen.

Für die Serben waren es die Albaner, Bulgaren und Türken, die man mit dem nationalsozialistischer Rassetheorie entlehnten Begriff der Minderwertigkeit vielleicht am ehesten definieren kann.

Für die Russen waren es vor allem “die Schwarzen”. Und damit waren nicht die Bewohner Schwarzafrikas gemeint, sondern die vielleicht etwas dunkelhäutigeren, aber vor allem schwarzhaarigen Kaukasier. Wann immer in Russland das Gespräch auf diese Menschen kam, stieß ich auf bösartige, menschenverachtende Ablehnung. Die Kaukasier waren für die Russen aus dem einfachen Volk ebenso wie aus der Nomenklatura, mit denen ich Kontakt hatte, eine Art von Untermenschen, die von den Russen im Sinne des europäischen Kolonialverständnisses des neunzehnten Jahrhunderts zu zivilisieren seien. Eine Auffassung übrigens, die mich schon in den Achtzigern bei einem Besuch einer Veranstaltung eines Deutsch-Russischen Freundschaftsvereins in Hamburg irritierte, als ausgerechnet der dort wortführende Ex-Senator Rolf Bialas von der FDP den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan damit zu rechtfertigen suchte, dass die Afghanen “noch nicht reif” für eine Selbstverwaltung seien.

Bei beiden Gruppen – Russen wie Serben – verknüpfte sich diese vorurteilsbeladene Ablehnung mit einem unterschwelligen Hass auf alles islamische. Ohne Zweifel: Serben wie Russen hatten in ihrer Geschichte über Jahrhunderte Erfahrungen mit den islamischen Türken und Turkvölkern ebenso wie anderen islamischen Ethnien gemacht und waren weit mehr in unmittelbare Konflikte insbesondere mit den Vertretern der Hohen Pforte geraten als die Westeuropäer, die nach dem Scheitern des osmanischen Versuchs, mit Wien die bedeutendste Hauptstadt des damaligen Europa zu nehmen, ihre Macht auf den Balkan und Kaukasien konzentrierten. Die langjährige Unterjochung der Serben durch die Türken, die aus Sicht der christlich-orthodoxen Serben die muslimischen Slawen vor allem in den bosnischen Nachbarregionen bis heute zu Quislingen stempelt, ist ebenso wie der koloniale Kampf der Russen gegen muslimische Volker im Süden des Kolonialreiches der Rus eine bis heute prägende Erfahrung.

Beide Völker fühlten sich darüber hinaus durch die Unterstützung der muslimischen Türken durch das Vereinigte Königreich, Frankreich und das italienische Königreich Sardinien im Krimkrieg von 1853 bis 1856 von den christlich-westeuropäischen Glaubensbrüdern verraten. Hier fand im Bewusstsein der orthodoxen Slawen in Russland wie in Serbien, die sich in der Tradition des oströmischen Reiches als Bollwerk des christlichen Abendlandes gegen die Muselmanen begreifen, der Verrat von 1453 seine Fortsetzung, als Mehmed 2 das über Jahrhunderte als Zentrum der Christenheit fungierende Konstantinopel-Byzanz eroberte und zur Plünderung durch seine Truppen freigab – und das christlich-katholische Westeuropa dieses lediglich zur Kenntnis nahm, ohne den orthodoxen Glaubensbrüdern im Osten auch nur den Ansatz von Hilfe zu leisten.

Das vermutliche militärische Patt auf dem Amselfeld im Kosovo in der Schlacht von 1389, das die Unterwerfung Serbiens unter türkisch-islamische Oberhoheit und damit den abschließenden Untergang Byzanz’ eingeläutet hatte, fand seinen Weg in die mystische Verklärung einer bedeutsamen Niederlage des serbischen Volkes, die bis heute das gesamte Leid des serbischen Volkes unter dem Türkenjoch in sich fasst und die es für die Serben gerade deshalb umso unfassbarer macht, auf diesen Pathos durch die Loslösung des albanisch geprägten Kosovo scheinbar verzichten zu müssen.

Das Amselfeld ist für die Serben das, was für die Juden die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier war: Der scheinbar auf alle Ewigkeit bestehende Beweis für die Idee des einen, gemeinsamen Volkes. Der durch die NATO letztlich herbeigezwungene Verzicht auf eben dieses Amselfeld ist bei aller rational-politischen Rechtfertigung für die Serben weitaus mehr als der Verzicht auf ein Stück Land: Es bedeutet in seiner Konsequenz den Verzicht auf ein, vielleicht auf das bedeutendste Stück gemeinsamer Identität. Hier zeigen sich dann unerwartet Parallelitäten zum russischen Vorgehen auf der Krim und gegen die Ukraine im Frühjahr 2014: Statt eine neue Zeit mit neuen Anforderungen und einer neuen, vorwärtsgewandten Volksidentität zu schaffen, werden historische Ansprüche bemüht, um etwas scheinbar Verlorenes wiederzubeleben. Es ist eine rückwärtsgewandte Sicht, die sich aus in Jahrhunderten entstandenen Legenden und Verklärungen ein Bewusstsein schafft, das fernab rationaler Sicht das Handeln prägt und gleichzeitig den Weg versperrt für das Beschreiten zukunftsorientierter Perspektiven.

Ob Serben oder Russen – und selbst bei Griechen; bei ihnen allen konnte ich über die Jahrzehnte in meinen Gesprächen immer wieder feststellen, dass der Verzicht Roms und mit Rom eben auch Westeuropas auf konkrete Maßnahmen zur Befreiung der orthodoxen Christen vom Türkenjoch ab dem vierzehnten Jahrhundert heute noch ebenso präsent ist wie eben auch der “Verrat” der westeuropäischen Nationen von 1853. Wenn vor allem Russland heute immer noch oder wieder mit skeptischem Blick nach Westen schaut, so ist dieses jenseits der faschistoiden Züge tagesaktueller Putinscher Politik auch in diesen geschichtlichen Erfahrungen begründet. Russland und seine Orthodoxie begreifen sich bis heute als die einzig legitimen Nachfolger des christlich-byzantinischen Reichs. Die panslawistische Idee orientiert sich jenseits dessen, dass die Griechen und die christlichen Anatolier niemals Slawen waren, bis heute am Weltimperium Byzanz. Russland versteht sich nicht zuletzt angesichts der eindeutigen Positionierung der Westeuropäer im Krimkrieg zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts weiterhin als einzige Schutzmacht der christlich-orthodoxen Völker im Osten und Südosten Europas. Der so genannte Erste Weltkrieg nahm seine Dimension maßgeblich deshalb an, weil Russland in der Auffassung, die Habsburger Monarchie würde nicht bereit sein, von einem Feldzug gegen Serbien abzusehen, ab dem 27. Juli seine Arme mobil machte.* Wenn Zar Nikolaus am 31. Juli 1914 seinem deutschen Cousin kabelt:

“I thank you heartly for your mediation which begins to give one hope that all may yet end peacefully. It is technically impossible to stop our military preparations which were obligatory owing to Austria’s mobilisation. We are far from wishing war. As long as the negotiations with Austria on Serbia’s account are taking place my troops shall not make any provocative action. I give you my solemn word for this. I put all my trust in Gods mercy and hope in your successful mediation in Vienna for the welfare of our countries and for peace of Europe. Your affectionate Nicky”,

dann macht dieses unmissverständlich den Anspruch Russlands klar, als Schutzmacht für die Südserben jedwedes kriegerische Risiko auf sich nehmen zu wollen.

Im Gefühl dieser machtvollen Rückendeckung strebte Serbien schon 1914 die Eingliederung zumindest Bosniens und der Herzegowina an, welche zu diesem Zeitpunkt Teil des Habsburger Vielvölkerstaates war.

Durch die damals auf jugoslawischem Gebiet lebenden Menschen ging insofern ein doppelter Riss: Der zwischen den einstmals türkisch dominierten orthodoxen Christen und ihren zum Islam konvertierten Volksgenossen sowie der zwischen den orthodoxen Christen und jenen römisch-katholischen Glaubensbrüdern, die das Türkenjoch ihrer orthodoxen Nachbarn nach deren Verständnis bereitwillig zugelassen hatten. Gavril Principe und der von ihm verursachte Feldzug der europäischen Selbstvernichtung kann unter diesem Aspekt immer auch als Rache der Serben für den Verrat durch Westeuropa betrachtet werden. Selten wird dieses deutlicher, als wenn ausgerechnet zum einhundertsten Jahrestag des serbisch gelenkten Terroraktes ausgerechnet in Sarajewo ein Ehrenmal für den Attentäter aufgestellt wird.

So, wie die osmanisch-islamische Expansion auf dem Balkan Orthodoxie und Katholizismus einander weiter entfremdet hatten, so kam auch das, was in Westeuropa als Aufklärung die neuzeitliche Politik geprägt hat, niemals wirklich bei den orthodoxen, osteuropäischen Christen an. Die europäische Aufklärung wird so zu einem Phänomen der katholisch geprägten, durch die Reformation beeinflussten Länder.

Über die Konsequenz, für Russland und die christlich-orthodoxen Länder eben nicht den scheinbar unvermeidlichen Weg zu einer partizipativ-demokratischen Gesellschaft als selbstverständlich voraussetzen zu können, hatte sich weder in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch in den ersten eineinhalb Dekaden des einundzwanzigsten Jahrhunderts irgendein westeuropäischer Politiker ernsthaft Gedanken gemacht. Und doch war und ist das Staats- und Gesellschaftsverständnis in diesen Staaten deutlich anders geprägt als in den mühsam entstandenen Demokratien zwischen Atlantik und Elbe. Welchen Weg eine nicht zur Bundesrepublik Deutschland beigetretene DDR gegangen wäre, lässt sich angesichts der Erfahrungen beispielsweise in Ungarn nur spekulieren. Der demokratische Weg Polens, der insbesondere durch die Sterntaler-Brüder gefährdet schien, ist insofern umso eindrucksvoller.

Aus dieser trotz umfangreicher kultureller Gemeinsamkeiten unübersehbaren Verschiedenheit resultiert nicht zuletzt das, was ich als Diskrepanz bezeichnet habe. Ist Russe oder Serbe als Mensch ein überaus angenehmer und liebenswerter Freund, so entfremdet er sich als politisches Kollektiv schnell dem individualistischen Bewusstsein der Westeuropäer.

Wenn in den Wochen nach der Okkupation der ukrainischen Krim durch Russland in Deutschland die unterschiedlichen Bewertungen der grünen Oppositionspartei mit denen der in Sowjettradition stehenden linken Oppositionspartei sich fast schon zu einer Art Glaubenskrieg stilisierten, so zeigt dieses mehr als alles andere, wie sehr die einen in ihrer russifizierten Seele verfangen sind, während die anderen in einer Mischung aus Aufklärung und verklärender Utopie im wahrsten Sinne des Wortes die Antiposition vertreten. Bricht sich bei den Grünen trotz deren elitären Hangs zur Bevormundung des aus ihrer Sicht Unwissenden die Individualität der selbstbestimmten Utopie Bahn, so orientiert sich die orthodoxe politische Linke ebenso wie die extreme Rechte an dem kollektivistischen Ansatz einer Volksgemeinschaft, die unter einem durchsetzungsfähigen Führer den rechten Weg in eine Gesellschaft, in der Recht und Ordnung jenseits des Hedonismus des Vielkulturellen und Vielethnischen herrschen, und schafft den Raum, aus politischen Utopien faschistoide Modelle des starken Staates im Sinne Carl Schmitts zu machen.

Weil nun diese Überlegungen im März dieses Jahres 2014 so unerwartet wie dennoch offenkundig deutlich wurden, erinnerte ich mich an jene Notizen aus dem Jahr 1988, die damals auch deshalb nicht mehr veröffentlich wurden, weil der Jugoslawienkrieg der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts alles Frühere dominierte und kaum jemand ein Interesse daran haben konnte, Geschichten aus der Zeit davor zu lesen.

Dieser Konflikt endete 1999 mit der gewaltsamen Loslösung des albanisch geprägten Kosovo von Serbien-Montenegro – ein Vorgang, den die russische Führung 2014 in propagandistischer Geschichtsklitterung als Begründung für ihre Aktivitäten in der Ukraine heranzog. Wie weit seitdem das ehemalige Jugoslawien zur Ruhe kommen und die Wunde des Krieges verheilen konnte, steht auf einem anderen Blatt. Und so gewinnen die Notizen vielleicht doch wieder einen gewissen Wert. Denn sie erinnern an ein Land, das unmittelbar vor seiner Katastrophe stand, ohne dieses zu ahnen.

Die Tagebuchnotizen können ein wenig erklären, wie es im Jugoslawien von 1988 bereits im Folgejahr zum Riss zwischen der Zentralregierung in Belgrad und den “Separatisten” in Slowenien kam, der den eigentlichen Startschuss lieferte für den grausamsten Krieg, der nach 1945 in Europa ausgefochten wurde. Und dennoch ist das nur Nebensache. Denn im eigentlichen Mittelpunkt der Notizen stehen die kleinen Anekdoten der ganz einfachen Menschen. Ob Baba oder Kompjuter, ob der Dorfsheriff oder der Geist des Säufers – sie alle zeichnen ein Bild von den Bewohnern des zentralserbischen Balkan, an dem sich bis heute wenig geändert haben wird.

Die Reise in ein bis heute touristisch unerschlossenes, unbekanntes Land hatte 1988 durchaus ein wenig von Freiheit und (kalkulierbarem) Abenteuer. Die Furie des Krieges, die das Land in den Folgejahren erschüttern sollte, bereitete mir umso mehr Schmerz vor allem dann, wenn die Nachrichten über Orte und Regionen berichteten, die ich damals bereist hatte oder die in unmittelbarer Nähe zu meiner Route lagen. Es ist immer etwas anderes, ob über Terror abstrakt berichtet wird, oder ob man diesen Terror mit persönlichen Erinnerungen verbindet. So sollte beispielsweise das wunderbare Hotel, in dem ich in Dubrovnik abgestiegen war, zehn Jahre später ein Trümmerfeld sein, weil es als größtes Gebäude außerhalb der Altstadt gleichsam ein prägnantes Ziel für die oberhalb der kroatischen Küstenstadt positionierte, serbische Artillerie war.

Ich hatte mich 1988 vor allem auch in die Altstadt von Dubrovnik verliebt – und so wurde jeder Treffer, über den in den Nachrichten zu hören war, auch immer ein kleiner, persönlicher Schmerz. Doch was in solchen Konflikten an Werten und Erinnerungen zerstört wird, ist nur die eine Seite der Medaille. Was die Bestie Mensch sich selbst und seinen Mitmenschen anzutun in der Lage ist, ist für jemanden, der nicht unmittelbar beteiligt ist, nicht zu ermessen. Das ist heute in Syrien so – und es war damals in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo nicht anders. So war es vor allem die Vorstellung, dass Menschen, denen ich 1988 begegnet war, wie Furien aufeinander losgehen könnten und sich gegenseitig jegliches Existenzrecht abstritten, die mich verstörte.

Serbien blieb – obgleich Ausgangspunkt der Gewalt – lange vom Krieg verschont. Erst als die NATO zum Schutz der von “ethnischen Säuberungen” bedrohten Kosovaren eingriff, sollte sich das ändern.

Der Krieg machte auch vor dem kleinen Ort Supska nicht halt. Im Zuge des Konfliktes mit der NATO wurden Bombenangriffe auf jene Eisenbahnbrücken geflogen, über die ich bei meinem Besuch mehr schlecht als recht mit dem Auto gefahren war. Auch wurde mir vom Einsatz besonderer Kampfmittel berichtet, die am Himmel Nordlichter produziert und elektrostatische Entladungen veranlasst hätten. Da ich alles andere als ein Waffenexperte bin, überlasse ich die Bewertung dieser Darstellungen jenen, die mehr davon verstehen. Ich möchte vielmehr zum Abschluss dieses Editorials noch einmal zurückkommen auf jenen kurzen Satz aus Wikipedia.

Die ökonomischen Probleme waren – ich schrieb es bereits – auf volkswirtschaftlicher Ebene unverkennbar. Auf der individuellen bemerkte ich davon jedoch kaum etwas. Die ethnischen Probleme sind etwas, das ich sehr deutlich zur Kenntnis nahm und in den Notizen dokumentierte – auch wenn seinerzeit für mich nicht vorstellbar war, in welcher Weise sie ausufern sollten. Was ich jedoch überhaupt nicht zur Kenntnis nahm,  waren religiöse Konflikte. Sie spielten im Bestreben nach politischer Selbstbestimmung keine Rolle.

Tito war klug genug gewesen, seinen marxistisch-atheistischen Ansatz nicht dauerhaft zur Staatsdoktrin machen zu wollen. So konnte der Serbe orthodox, der Kroate katholisch und der Bosniak muslimisch sein. Die Kirchen und Moscheen standen in jenen überwiegend bosnischen Städten, in denen die Religionen aufeinander trafen, nicht selten auf Sichtweite voneinander entfernt. Religion wurde als Privatangelegenheit geduldet. Politisch hatte sie keine Bedeutung. Der später so in den Vordergrund drängende  Glaubenskonflikt war in seinem Ursprung nichts anderes als ein künstlich und bewusst von dem nationalen und sozialistischen Serben Slobodan Miloševic erzeugtes Instrument zur Manipulation “seiner” Serben. Dass er dabei auf der vorhandenen, nationalistischen Aversion gegen “die Türken” ebenso wie auf dem vermeintlichen “Verrat” der Westeuropäer an den Serben aufbauen konnte, schuf ihm das ethnoklerikale Mittel, das seine Propaganda beförderte.

Um jedoch jeglicher Geschichtsklitterung vorzubeugen: Das, was man als Jugoslawischen Bürgerkrieg bezeichnet und was ein Krieg war zwischen den unterschiedlichen Volksgruppen Südslawiens, war weder in seinem Ursprung noch in seiner frühen Phase ein religiös motivierter Glaubenskrieg. Es war ein Krieg zwischen dem Dominanzanspruch einer totalitär-faschistoiden serbischen Führung und dem Selbstbestimmungsbestreben der nach dem Ende der Besetzung durch die Mittelmächte willkürlich unter serbischer Dominanz vereinten Völker. Die Propaganda und die mediale Berichterstattung machten im Chor mit jenen äußeren Kräften, die von religiösen Motiven getrieben waren, aus diesem politischen Konflikt des Separatismus auch einen Glaubenskrieg. Als Ursache der Kriege jedoch spielte das religiöse Bekenntnis der Bewohner keine Rolle. Ich weise darauf nicht zuletzt deshalb so deutlich hin, weil wir seit einiger Zeit eine vergleichbare Entwicklung in Russland beobachten können.

Als ich mich in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts des Öfteren mit Wladimir Slutzkow, einem damaligen Vizekonsul der Noch-Sowjetunion in Hamburg und ohne Zweifel zumindest Zuträger des KGB, traf, erörterten wir unter anderem auch die Muslim-Problematik im Süden des Sowjetreichs. Für Slutzkow war dieses Problem keines. Er betrachtete jene zarten Pflänzchen im Zuge von Glasnost und Perestroika öffentlich auftauchender muslimischer Glaubensbekenntnisse als – wörtlich – “Folklore”.

Seine feste Überzeugung lautete: Religion spiele nach nunmehr rund siebzig Jahren Sozialismus keine Rolle mehr. Die Sowjetunion sei ein im Sinne europäischer Aufklärung laizistischer Staat, der die Unvernunft des Klerikalen abschließend überwunden habe.  Mein Hinweis darauf, dass nicht nur der Islam eine weitaus längere Tradition habe als der sozialistische Atheismus und dass durch die Entwicklungen in den islamischen Ländern – allen voran Iran – ein entsprechender, identitärer Funke auch in die Kaukasusrepubliken überspringen könne, wurde als unrealistische Schwarzmalerei abgetan. Für den aus dem damaligen Leningrad stammenden Slutzkow der achtziger Jahre war die Vorstellung, dass Religion in Russland irgendwann einmal wieder irgendeine Form von Bedeutung haben könne, jenseits der Vorstellungskraft. Das galt nicht nur für die Peripherie des Islam – es galt auch für die christliche Orthodoxie.

Ich will jetzt nicht darüber nachdenken, wer damals richtig lag und wie sehr und wie schnell – und warum – auch die russische Orthodoxie in ihre alte Rolle der großrussischen Staatsreligion gefunden hat. Wichtiger ist für mich die Feststellung, dass sowjetische Politik offenbar geneigt war, bestimmte Problemfelder gänzlich auszublenden und möglicherweise schwelende Konflikte erst im Sinne machtpolitischer Instrumentarien zu aktivieren. Gleichzeitig scheint mir der Hinweis auf Slutzkow Beleg genug dafür, dass und wie das neurussische Reich des Boris Jelzin eiskalt von der nationalreligiösen Wucht der islamisch-kaukasischen Separatisten erwischt wurde. Für die Menschen aus dem KGB – zu denen auch der spätere Präsident Putin gehörte – spielte Religion keine Rolle. Sie bekam diese erst, als sie in machiavellistischer Perfektion zum Instrument der Lenkung des Volkes genutzt werden konnte.

Insofern scheinen sich die Positionen und Denkweisen des 2006 während des gegen ihn eingeleiteten Prozesses verstorbenen Miloševic und die des Wladimir Putin in vielerlei Hinsicht zu ähneln. Auch Miloševic war Laizist durch und durch – und dennoch oder gerade deshalb konnte er die serbisch-orthodoxe Identität zum Instrument seines Kampfes um ein großserbisches Reich machen.

Hier scheint sich nun ein Bogen zu schließen zwischen den imperialen Bestrebungen des nach-sowjetischen Russlands und dem national-sozialistischen Denken der serbischen Führung jener Tage. Dabei offenbart sich in beiden Fällen die fatale Neigung der “Völker”, sich der propagandistisch-politischen Instrumente ihrer totalitären Führung kritiklos zu unterwerfen und so selbst zum Instrument derjenigen zu werden, die auf ihrem Rücken ihr persönliches Wohlergehen organisieren.

Ich bin in öffentlichen Foren in jüngster Zeit für meine Kritik an dem “Kremlfaschisten” Putin des Öfteren als “Russen-Hasser” beschimpft worden. Ursache dafür sind kritische Stellungnahmen zum völkerrechtswidrigen Vorgehen der Putin-Clique gegen die Ukraine ebenso wie Publikationen, die ein Psychogramm Putins zeichnen und auf eine künftige Konfliktfelder hinweisen, die sich dem Blickfeld der Führung im Kreml gänzlich zu entziehen scheint. Für mich setzt sich dort jene partielle Blindheit in der Wahrnehmung fort, wie ich sie seinerzeit bei Slutzkow feststellen konnte. Statt eines realistischen Blicks auf die Welt des 21. Jahrhunderts vernebelt die Reminiszenz an vergangene Größe die Wahrnehmung und organisiert durch die Absolutheit ihres Anspruchs nicht nur unendliches Leid außerhalb des eigenen Staatsgebietes, sondern verführt auch das eigene Volk dazu, sich selbst die Basis einer selbstbewussten, freiheitlichen Zukunft zu zerstören.

Zum Abschluss dieses Editorials deshalb noch ein Wort an jene, die freundlich als “Putin-Versteher” bezeichnet werden, ebenso wie an die Faschisten von rechts wie von links, die dem Neo-Totalitarismus postsowjetischer Prägung zujubeln: Russen-Hasser ist nicht derjenige, der dieses traditionsreiche, europäische Volk vor einem fundamentalen historischen Fehler bewahren möchte – Russen-Hasser ist am Ende derjenige, der den Weg des Volkes in seine Katastrophe bejubelt. Und diese Katastrophe wird kein europäischer Krieg sein, sondern die innere Zerstörung des Landes auf wirtschaftlichem, kulturellem und moralischem Gebiet ebenso wie die ungewollte Beförderung separatistischer Bestrebungen wie revisionistischer Ansprüche von Völkern, die von Russland in den vergangenen fünfhundert Jahren gedemütigt wurden.

Jugoslawien hat vorgemacht, wohin der Weg faschistoider Politik führt. Russland hat sich – von vielen noch unbemerkt – auf einen ähnlichen Weg gemacht wie das Jugoslawien der späten achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts.

In Jugoslawien führte der ethnoklerikale Faschismus der als Sozialisten gestarteten Clique um den serbischen Präsidenten Slobodan Miloševic nicht nur zur Zerstörung des Experiments Jugoslawien – es kehrte auch das unterste menschlicher Existenz nach oben und führte konsequent zu dem größten und vorsätzlichsten Massenmord der europäischen Nachkriegsgeschichte. Wirklich aufbereitet ist all dieses von den Beteiligten und Betroffenen bis heute nicht.

Der Blick von den Südslawen zu den Ostslawen offenbart erschreckende Parallelen. Es ist nicht nur der Mangel an Aufarbeitung eigener Geschichte, der das Wiederaufleben eines ethnoklerikalen Faschismus ermöglicht. Es ist auch die Schere, die sich auftut zwischen jenen elitären Schichten und einer Landbevölkerung, die im Denken und Handeln des neunzehnten Jahrhunderts verharrt; die unfähig ist, ihre in Jahrhunderten aus kollektiven Erfahrungen gewachsenen Vorurteile und Selbstüberhebungen in ein zukunftsfähiges Maß einzupassen.

Nicht zuletzt Dank des Einsatzes des westlichen Militärbündnisses konnte der von den serbischen Ethnofaschisten entfachte Flächenbrand – wenn auch viel zu spät – erst eingedämmt, dann weitgehend ausgetreten werden. Die Unabhängigkeitsbestrebungen der Kosovaren wurden von der NATO durchgesetzt – aber nicht, wie heute gern kolportiert wird, um Serbien zu schaden, sondern um von Serbien ausgehenden Schaden von den Kosovaren abzuhalten. Es gab kein Interesse daran, den Kosovo aus Serbien herauszulösen – aber es gab die Verpflichtung, die Albaner vor dem Schicksal der Bosnier zu bewahren. Dass ein solches Schicksal nicht von der Hand zu weisen war, wird auch in meinem Reisebericht deutlich: Die abgrundtiefe Abneigung gegen die Kosovaren, die sich selbst bei meinem sonst so aufgeklärten serbischen Freund Bahn brach, spricht für sich selbst.

Das jugoslawische Schicksal kann auch das Schicksal Russlands werden. Je mehr der Ethnoklerikale Faschismus in der Prägung eines Alexander Dugin in der russischen Politik dominiert – je mehr die rückwärtsgewandte Ideologie einer überlegenen russischen Rasse als kollektivistischer Träger einer scheinbar christlich-europäischen Idee das Handeln der Machteliten um Wladimir Putin bestimmt, desto größer werden die Fliehkräfte in den ethnisch nicht-russischen Regionen werden. So wird am Ende auch die Gefahr eines russischen Bürgerkriegs nach jugoslawischem Muster spätestens dann nicht mehr von der Hand zu weisen sein, wenn Russland selbst diesen ethnisch begründeten Krieg in seine Nachbarländer trägt, wie es im Frühjahr 2014 in der Ukraine und zuvor in Georgien zu konstatieren war.

©2014 Spahn/FoGEP – gekürztes Vorwort aus „Ein slawisches Requiem“

Schimpansen, Bonobos und Homo Sapiens – eine anthropologische Analogie

In einer im Frühsommer 2014 ausgestrahlten Reportage über den Fluss Kongo wurden einige bemerkenswerte Erkenntnisse über die dort lebenden Primaten dargelegt. So wurde festgestellt, dass der Kongo eine Entwicklungsgrenze in der evolutionären Entwicklung zieht.
Nördlich des Flusses leben als unsere nächsten Verwandten die Schimpansen. Sie sind organisiert in kleinen Verbänden, an deren Spitze ein Mann steht. Diese mit absolutem Machtanspruch ausgestattete Persönlichkeit organisiert seine Herrschaft über das, was man unter Menschen als Männerbünde bezeichnen würde. Durch Zeichen- und Lautkommunikation stimmen sich die Männer dieser Gruppe untereinander ab. Sie organisieren sowohl Jagden auf kleinere Primaten als auch Feldzüge in die Territorien benachbarter Schimpansengruppen. Hierbei schrecken sie vor der Tötung von gruppenfremden Artgenossen nicht nur nicht zurück, sie scheint sogar konzeptionelles Ziel der Aktion zu sein.
Innerhalb der Gruppe besteht eine absolute Dominanz über die Weiber, die keinerlei Mit- und Selbstbestimmungsanspruch haben und – anders als die Männer – keine Freundschaften unter Geschlechtsgenossen/innen bilden. Die nach Außen dokumentierte Brutalität der Männer wirkt ebenso nach innen. Unbotmäßige Weiber werden verfolgt und brutal gemaßregelt. Das kann bis zum Tode der verfolgten und misshandelten Weiber und ihrer Säuglinge führen. Konfliktlösung erfolgt grundsätzlich durch Gewaltanwendung. Bei der Nahrungsaufnahme und insbesondere bei aufwändig zu beschaffenden Gourmet-Spezialitäten wie frischem Fleisch herrscht Futterneid – eine sozial verträgliche Aufteilung der Beute erfolgt nicht.
Südlich des Kongo leben inmitten des tiefen Urwaldes die engsten Verwandten der Schimpansen. Diese fast identischen Primaten mit der Bezeichnung Bonobo stellen in ihrem Verhalten fast in allen Punkten das genaue Gegenteil der Schimpansen dar. Zwar leben auch sie in kleinen Sozialverbänden, die jedoch von einem dominierenden Weib geführt werden. In diesen Gruppen stellen die Männer die rangniedrigsten Mitglieder der Gruppe dar.
Auch Bonobos gehen gemeinsam auf Jagd, jedoch sind Feldzüge gegen benachbarte Gruppen unbekannt. Vielmehr erfolgt bei zufälligem Zusammentreffen Kontaktaufnahme und Kommunikation. Sowohl innerhalb der Gruppe als auch zwischen den Gruppen kann es zu Konflikten kommen, die jedoch nie die Brutalität der Schimpansengruppen erreichen. Die Konfliktlösung erfolgt durch die Weiber – allen voran dem Alphaweib – auf friedlichem Wege: Durch Sex. Diese Form der konfliktlösenden Kommunikation ist derart präsent, dass sich der Eindruck vermittelt, die Bonobos seien beständig mit sexuellen Handlungen beschäftigt. Hierbei ist es nicht nur der direkte Kontakt der Geschlechtsorgane – auch der schnelle Handgriff in die Klitoris oder an den Penis trägt zur augenblicklichen Entspannung von Stresssituationen bei. Bonobo-Gruppen agieren sozial, indem beispielsweise tierische Beute gerecht verteilt wird.

Mögliche Erkenntnisse

Jenseits der Faszination, die dieses gänzlich unterschiedliche Sozialverhalten annähernd artgleicher Individuen in unterschiedlichen Lebensräumen aufweist, und der Erkenntnis, dass sexuelles Lustempfinden offensichtlich nicht auf den Oberprimaten Homo sapiens beschränkt ist – denn andernfalls würde die Konfliktlösungsstrategie der Bonobos nicht funktionieren – stellt sich die Frage, ob hier bestimmte Muster für die menschliche Entwicklung zu erkennen sind. Falls dieses so sein sollte, stellt sich weiterhin die Frage, welche Konsequenzen und Annahmen sich daraus ableiten lassen.
Offensichtlich liegt die Ursache des gänzlich unterschiedlichen Sozialverhaltens beider Arten in unterschiedlichen Lebensbedingungen begründet. Während die Schimpansen sich in Feuchtsavannenwäldern aufhalten, in denen das Nahrungsangebot nicht im Überfluss vorhanden ist, wachsen den Bonobos in ihren Regenwäldern die Früchte im wahrsten Sinne des Wortes in den Mund.
Schimpansen befinden sich daher in einer ständigen Konkurrenz und Bedrohungssituation sowohl gegenüber anderen Schimpansengruppen als auch gegenüber einer nur mäßig wohlwollenden Umwelt. Das männerbündlerische Verhalten mit der damit verknüpften Brutalität nach Außen wie nach Innen scheint unter diesen Bedingungen dem Arterhaltungsgebot am ehesten zu dienen. Die aktuell ungelöste Frage, warum die dominierenden Männer zwecks Disziplinierung sogar den Tod einzelner Weiber in Kauf nehmen, könnte zweierlei Gründe haben:
– Undisziplinierte, misshandelte Weiber könnten bei passender Gelegenheit den Versuch unternehmen, in eine andere, grundsätzlich als gegnerisch begriffene Gruppe überzulaufen. Die brutale Disziplinierung diente insofern der Abschreckung.
– Bei akutem Weibermangel könnte der Männerbund einen Feldzug starten, um Weiber der gegnerischen Clans zu kidnappen. Falls letzteres der Fall sein sollte, wäre der Wert der Frau in der Schimpansengesellschaft der eines Sachgegenstandes, der bei Bedarf einem anderen gestohlen werden kann.
Bonobos hingegen befinden sich unter keinem Nahrungsmittelerwerbsdruck. Sie leben in einer Überflussgesellschaft, was sowohl die Notwendigkeit der Verdrängung und Abschottung gegen artgleiche Nahrungskonkurrenten unnötig macht als auch Gewaltanwendung zwecks Nahrungssicherung in der Gruppe überflüssig erscheinen lässt.

Bei den Hanuman-Languren in Indien wurde beobachtet, dass die Sozialverbände dieser Primaten in freier Wildbahn nach dem Haremsprinzip organisiert sind: An der Spitze der Gruppe steht ein unangefochtener Alphamann. In der deutlich entspannteren Lebensumfeldsituation der in den menschlichen Städten lebenden Sozialverbände hingegen herrscht zwischen den Männern Gleichberechtigung und in der Gruppe Polygamie.
Nun wäre es sicherlich falsch, die Lebenssituation der Bonobos oder der Stadtlanguren als „zivilisiert“ im menschlichen Sinne zu bezeichnen. Dennoch ist festzustellen, dass offensichtlich sowohl bei Schimpansen/Bonobos wie bei den Languren das Sozialverhalten in unmittelbarer Abhängigkeit von den Faktoren Nahrungsmittelangebot und Bedrohung steht.
Auf den ersten Blick will das fast wie eine lapidare Feststellung erscheinen. Dort, wo das Lebensumfeld zwecks Arterhaltung den Einsatz von Gewalt erfordert – sei es bei der Nahrungsmittelbeschaffung, sei es bei der Gefahrenabwehr – sind die Männer weil nicht durch Nachwuchs standortgebunden die biologisch stärkeren und als eigentliche Akteure im Überlebenskampf im wahrsten Sinne des Wortes das starke Geschlecht. Ihre Dominanz in der Gruppe sichert daher über den Gruppen- den Arterhalt.
Im Lebensumfeld der Bonobos hingegen fällt die Notwendigkeit von Gewaltanwendung weitgehend weg. Das im Überfluss vorhandene Nahrungsangebot macht Nahrungskonkurrenz überflüssig. Die Nachbargruppe stellt somit keine Bedrohung dar. Folgerichtig sind die Eckzähne – anders als bei den Schimpansen – bei beiden Bonobo-Geschlechtern gleich groß.
In vergleichbarer Situation geht bei den Languren die Harems-Dominanz des einzelnen Diktatoren an eine im Wesentlichen gleichberechtigte Gruppe von allen Männern und bei den Bonobos über diese immer noch männlich dominierte Langurengesellschaft hinaus sogar an die Weiber, von denen eines die Führungsrolle übernimmt, ohne diese mit Gewaltanwendung erkämpfen oder verteidigen zu müssen. Die Anerkennung ihrer Führungsrolle, die mit dem Begriff Dominanz falsch beschrieben wäre, erfolgt zumindest durch die anderen Weiber offenbar in Form stillschweigender Akzeptanz – wenn man so will eine Form demokratischen Einvernehmens. Die Männer haben bei der Festlegung der Führungsposition offenbar nichts zu melden.

Anthropologische Analogien

Gehen wir von der Annahme aus, dass es sich bei den Beobachtungen bei Primaten nicht um evolutionäre Zufälligkeiten handelt, sondern Kausalzusammenhänge bestehen, so könnte dieses auf eine schlichte Formel gebracht werden:

– Je größer der Aufwand zur Versorgung und Sicherheit der Gruppe, desto ausgeprägter nimmt die Gemeinschaft von Gewalt geprägte, männlich-totalitäre Herrschaftsformen an.
– Je geringer der Aufwand zur Versorgung und Sicherheit der Gruppe, desto unmaßgeblicher wird das Gewaltanwendungspotential und umso mehr entwickelt sich die Sozialgemeinschaft über Gleichberechtigung hin zur weiblichen Dominanz.

Angenommen, es wäre zulässig, diese Formel unmittelbar auch auf den führenden Primaten auf diesem Planeten anzuwenden, dann führt dieses nicht nur zu spannenden Beurteilungen geschichtlicher Vorgänge, sondern lässt auch tiefe Rückschlüsse auf aktuelle politische Konflikte und Herrschaftsstrukturen zu.

Der anthropologische Ursprung

Es gilt haplogenetisch als gesichert, dass der menschliche Ur-Adam in der Region des westlichen Kongo angesiedelt war. Dieses entspricht der Annahme, dass sich Pongo (Orang-Utan) und Gorilla von der gemeinsamen Linie abspalteten, bevor es zur Trennung von Schimpanse, Bonobo und Homo kam. Dieses erklärt gleichzeitig die hohe DNA-Übereinstimmung – und könnte bedeuten, dass Homo in seinen Anlagen sowohl die Möglichkeiten des Schimpansen wie auch die des Bonobo in sich trägt.

Schimpanse entwickelte sich in den feuchten Savannenwaldregionen westlich des afrikanischen Grabens und nördlich des Kongo. Dort entsteht ein von männlich-diktatorischer Gewalt geprägtes Gesellschaftsmodell.

Bonobo hingegen ging seinen Weg im Wohlstand des Regenwaldes und entwickelte dort eine friedfertige, weiblich geprägte Zivilisation.

Und Mensch? Er entwickelte sich jenseits des afrikanischen Grabenbruchs in den Trockensavannen Ost- und Südafrikas.

Trifft die oben gezeichnete Formel zu, so wäre der afrikanische Frühmensch von einer noch ausgeprägteren Brutalität geprägt gewesen als der Schimpanse heute. Denn sein Lebensumfeld war insgesamt noch lebensfeindlicher als die Feuchtsavannenwälder der Schimpansen.
Ein Blick auf heutiges, menschliches Verhalten will ohnehin den Eindruck vermitteln, dass die Verhaltensnähe zum Schimpansen deutlich ausgeprägter ist als jene zum Bonobo. Das allerdings mag täuschen – und zwar sowohl in der aktuellen wie in der historischen Betrachtung.

Patriarchat versus Matriarchat

Es ist allgemein vertretene Auffassung, dass in einer frühen menschlichen Entwicklungsphase das Matriarchat vorherrschte und dieses erst im Laufe der Populationszunahme durch das Patriarchat abgelöst wurde.
Diese Auffassung gerät allerdings angesichts der Entwicklungsformel ins Wanken. Denn diese bedeutet, dass sowohl frühmenschliche Zivilisationen wie die der Neandertaler, aber auch der mit diesen konkurrierenden Homo sapiens in von Gewalt geprägten, diktatorisch geführten Sozialverbänden gelebt haben müssen. Der friedfertige Urmensch des Paradieses bleibt angesichts des zu unterstellenden Konkurrenzdrucks und des unvermeidbaren Aufwandes bei der Nahrungsbeschaffung daher Wunschdenken.

Gleichwohl scheint es in der menschlichen Geschichte Phasen des Matriarchats gegeben zu haben, die sowohl durch die sogenannten „Venus“-Statuetten als auch durch bronzezeitliche Religionskonzepte wie dem des Ishtar/Asherah-Kultes belegt zu sein scheinen.

Wenn die oben aufgestellte Formel stimmt, müssen die Phasen des Matriarchats beziehungsweise der weitgehend gewaltfreien Gleichstellung von Mann und Frau in der menschlichen Gesellschaft in Phasen des Überflusses gefallen sein. Das wiederum würde bedeuten, dass beispielsweise die Megalithkultur auf dem heutigen Malta in einem unmittelbaren Zusammenhang mit einer Überversorgung der Population steht. Das nun könnte erklären, weshalb ein offensichtlicher Arbeitskraftüberschuss bestand, der zum Bau der Megalith-Monumente genutzt werden konnte. Gleichzeitig dokumentiert die Leibesfülle der Venus-Statuetten nicht nur ein weibliches Idealbild aus Männersicht, sondern beschreibt den materiellen Wohlstandsüberfluss, der diese Leibesfülle nicht nur als Ideal, sondern als tatsächlichen Zustand ermöglichte.
Dennoch dokumentiert beispielsweise der Pyramidenbau in einem des Matriarchats unverdächtigen Ägypten, der ebenfalls eine Überflussversorgung voraussetzt, dass entsprechende Kulturleistungen auch in männlich dominierten Gesellschaften möglich waren.

Religionsanthropologisches

Ähnliches müsste folgerichtig beispielweise auch für die assyrisch-aramäische Hochkultur angenommen werden, in der – wie ich im Biblikon-Projekt dargelegt habe – noch im siebten vorchristlichen Jahrhundert eine weibliche Göttergleichberechtigung festzustellen ist. Trotz der in der späten Bronze- und frühen Eisenzeit bestehenden imperialen Aggressivität einzelner Herrschaftshäuser lässt der hohe Rang weiblicher Götter auf eine insgesamt wohlhabende und weitgehend gewaltunnotwendige Zivilgesellschaft schließen.
Am Beispiel Judäa hatte ich im Biblikon-Projekt aufgezeigt, wie 622 vc die gesellschaftliche Dominanz der weiblichen Gottheit von einem gewaltbereiten Männerbund durch einen ausschließlich männlich dominierten Eingott-Kult abgelöst wurde.
Von diesem Eingott-Kult ausgehend traten in den folgenden Jahrhunderten von der südwestasiatischen Region mehrere männlich-gewalttätige Religionskonzepte ihren Siegeszug über die Welt an – zuletzt in Form des im siebten nachchristlichen Jahrhundert entwickelten Islamkonzepts, das in seinem als Koran bezeichneten Glaubensmanifest sich ausschließlich an Männer wendet und das weibliche Element auf der Ebene einer Sache abhandelt.
Wir könnten demnach mit Fug und Recht die Behauptung aufstellen, dass der Islam eine Religion ist, die dem anthropologischen Entwicklungsstand des Schimpansen entspricht. Das allerdings gilt ebenso für das mosaische Glaubenskonzept, das ebenfalls uneingeschränkt männlich dominiert ist und mehr noch als der Islam in der Entgöttlichung des Weiblichen ein wesentliches Element seines Konzeptzieles findet.
Lediglich das Urchristentum entspricht ein wenig mehr dem städtischen Lemuren, indem es mit Maria und Maria Magdalena weibliche Elemente zulässt und mit den Jüngern eine Gemeinschaft von gewaltfreien und unter der Autorität Jesu gleichberechtigten Männern aufzeigt. Allerdings wird auch dieses Glaubenskonzept spätestens unter Constantin schimpansisiert und findet sich diese Kulturebene insbesondere im männerbündisch organisierten Klerus von orthodoxer wie katholischer Kirche manifestiert. Erst mit den post-lutherischen christlichen Sekten und der Zulassung von Frauen in höchsten Kirchenämtern erfolgt hier ein kleiner Schritt zur Bonobo-Kultur.

Politikanthropologisches

Noch deutlicher als im Bereich der Glaubenskonzepte wird die Formel mit Blick auf die politischen Strukturen in Geschichte und Gegenwart. Der tagesaktuelle Konflikt zwischen russischem Patriarchat – welches sich deshalb der ausgeprägten Unterstützung durch den orthodoxen Klerus erfreut – und westeuropäischer Gleichberechtigung – von den dominanten Patriarchen gern als „Verweichlichung“ geschmäht (was als Synonym von „Verweiblichung“ begriffen wird) – zeigt in gewisser Weise genau diesen anthropologischen Unterschied zwischen einer Schimpansenkultur und den Ansätzen der Bonobokultur auf.

Die Schimpansenkultur eines Vladimir Putin (oder zuvor eines Adolf Hitler, Josef Stalin etc.) basiert auf dem Männerbund und der Verdinglichung der Frau. Sie wird geprägt vom Beuteverhalten einer bedrohten und um eine ausreichende Nahrungsversorgung kämpfende Männergesellschaft.
Der männerbündlerische Diebstahl der Krim und die Invasion entsprechend geprägter Gruppen in der Ostukraine zeigen diese Verhaltensmuster der Schimpansengesellschaft ebenso wie der aktuell beständig deklarierte Anspruch auf die Güter der Arktis.
Das für die Öffentlichkeit präsentierte Imponier- und Dominanzverhalten des Alphamännchens setzt der Analogie zur Schimpansenkultur gleichsam die anthropologische Krone auf.

Anders hingegen die westeuropäische Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts, die nach den unmittelbar erlebten Konsequenzen der angewandten Schimpansenkultur über eine Entwicklung der Zivilisierung in eine Wohlstandsgesellschaft eintrat, die die Aspekte der Schimpansenkultur in der Hintergrund drängte und nicht zuletzt durch die sexuelle Revolution der späten sechziger Jahre einen deutlichen Schritt zur Bonobokultur machte.

Nun sind allerdings die westeuropäischen Gemeinschaften noch weit davon entfernt, die Diktatur des gewalttätigen Schimpansen-Alphamannes durch die Dominanz des friedfertigen Bonobo-Alphaweibes ersetzen zu können.
So kopierte Maggie Thatcher als erste Frau, die in diesen Gesellschaften eine politische Führungsposition übernahm, letztlich das Dominanzverhalten des schimpansoiden Alphamannes. Angela Merkel, die wir als zweite Frau von tatsächlich weltpolitischer Bedeutung erkennen können, weist dagegen schon deutlich mehr bonoboide Verhaltensmuster auf. Nicht, dass sie bestehende Konflikt über angewandte sexuelle Aktion zu lösen suchte, jedoch entbehrt ihr Verhalten jedweden gewaltdokumentierenden Auftritts. Auch beruht ihre Führungsrolle nicht auf dokumentiertem und öffentlich präsentierten Machtanspruch wie bei ihrem unmittelbaren Amtsvorgänger, sondern vielmehr auf einem stillschweigenden Zustimmungskonsens.
In der westeuropäischen Gesellschaft geht Bonoboisierung einher mit dem Durchbruch von Verhaltenformen, die in den Augen der schimpansoiden Alphamänner abartig und widernatürlich sind: Homosexuelle Handlungen sind gesellschaftsfähig, Frauen erobern sich nicht nur die Selbstbestimmung über ihr Sexualverhalten, sondern streben selbst in Führungspositionen, wobei sie ähnlich wie Merkel kein männliches Dominanzverhalten an den Tag legen.

Von der Schimpansen- zur Bonobo-Kultur

Können wir folglich die These aufstellen, dass sich die moderne, westeuropäische Gesellschaft auf dem Wandel von der Schimpansen- zur Bonobokultur befindet?

Die Enttabuisierung des Sexuellen, dessen Tabu wiederum unverzichtbar ist als Machtinstrument des Patriarchats indem die Frage, wer über das Recht auf Sex bestimmt, die Anbindung der Betamänner an den Alphamann organsiert, ist ein Schritt in die Kultur des Bonobo. Die sexuelle Verklemmtheit der islamischen ebenso wie der traditionell-christlich-klerikalen Kultur ist die Manifestation des Schimpansen. Ob Hexenverfolgung oder die Inhaftierung der Damen von Pussy Riot (auf Deutsch: Mösen-Ärger oder Vagina-Verdruss) sind unmittelbarer Ausdruck der Dominanzsicherung des Alpha-Schimpansen. Die männliche Bereitschaft, Frau lieber zu vernichten als ihr Selbstbestimmung einzuräumen, steht analog zum Verhalten der Schimpansen-Männerbünde gegen unbotmäßige Weiber.

Unter diesem Aspekt befindet sich die menschliche Kultur zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts tatsächlich auf der Stufe einer grundlegenden, kulturellen Neuausrichtung. Entweder, sie verharrt auf der Kulturstufe des Schimpansen, indem sich männlich-diktatorisches Dominanzverhalten durchsetzt, oder sie schafft den Sprung zur friedfertigen Konfliktlösungsstrategie der Bonobo-Kultur.

Hierbei allerdings wird nun auch ein weiterer Aspekt berührt, der jedoch in diesem Essay nur angerissen werden soll.

Wenn die Schimpansen-Kultur maßgeblich darauf basiert, dass sowohl eine äußere Bedrohung wahrgenommen wird als auch scheinbar oder tatsächlich eine Versorgungsknappheit zu bewältigen ist, und dagegen die Bonobo-Kultur sowohl den weitestgehenden Wegfall existenzieller Bedrohung sowie Versorgungsüberfluss voraussetzt, dann kann die zivilisatorische Entwicklung vom gewalttätigen Schimpansen zum friedfertigen Bonobo nur gelingen, wenn dieses mit der Versorgungsüberflusssicherung einher geht. Vielleicht ist es gerade das nicht nur historische Bestreben der Männerbünde gewesen, Fortpflanzungsregelungen deshalb grundsätzlich als „böse“ und „gottesfeindlich“ zu diffamieren. Die Hexenverfolgung fand eine ihrer Ursachen auch darin, dass jene klugen Frauen über Möglichkeiten der Empfängnisverhütung und/oder der Schwangerschaftsbeendigung verfügten, was einerseits der Frau eine Möglichkeit der Selbstbestimmung über ihren Körper gab und gleichzeitig Überpopulationen zu vermeiden half. Das nach wie vor bestehende Dogma der uneingeschränkten Massenvermehrung ist insofern tatsächlich nichts anderes als ein menschliches Instrument zur Machtsicherung der Schimpansendominanz.

Darüber nachzudenken soll allerdings einem späteren Essay vorbehalten bleiben.

© 2014 Spahn/FoGEP (04062014)

Faschismustheorie und der faschistische Totalitarismus


Der im Februar 2014 verstorbene Reinhard Kühnl, dessen ideologische Heimat in der orthodox-kommunistischen Linken niemals in Frage stand, definierte in seinen Werken die Kernelemente des Faschismus als extremen Nationalismus, Autoritarismus, Militarismus, Ethnozentrismus und Antikapitalismus.
Es ist dieses eine Definition, der man auch als überzeugter Demokrat hätte folgen können, wäre Kühnl nicht – wie es vielen politisch einseitig Verblendeten geht – in der Erkenntnis, dass all diese Kriterien auch auf Systeme des real existierenden Sozialismus zutreffen können, auf die Idee gekommen, zwei weitere Kriterien hinzu zu fügen: den Antimarxismus und den Pseudosozialismus.
Mit dieser unwissenschaftlich-ideologischen Ergänzung war die Stoßrichtung Kühnlschen Denkens eindeutig: Es ging nicht darum, eine allgemeingültige Definition dieses Phänomens „Faschismus“ zu kreieren, sondern darum, den deutschen Nationalsozialismus als Faschismus und diesen als ideologischen Gegenpol des Kommunismus festschreiben zu können. Denn da der Nationalsozialismus als nationaler Sozialismus entstand und sich nicht nur aus dem Kleinbürgertum, sondern auch aus der Arbeiterklasse speiste, galt es für einen überzeugten Marxisten, eine Trennlinie zu finden zwischen den antidemokratischen Zielen der Marxisten und der extremen Rechten. Es war und bleibt auch über den Tod Kühnls hinaus bedauerlich, dass er dabei seine in ihren grundsätzlichen, wissenschaftlichen Ansätzen sinnvollen Überlegungen durch die Dicke seiner ideologischen Brille selbst ad absurdum führte.
Kühnls Definition schrieb fest: Ein Linker kann niemals Faschist sein. Egal, wie faschistisch er sich verhält. Ein Rechter hingegen ist immer Faschist.
Eine derartige Simplifizierung mag der ideologischen Selbstfindung dienen – der wissenschaftlichen Erkenntnis hingegen dient sie nicht. Mehr noch: Da Kühnl gezielt die Rolle des Arbeiters beim Erstarken des Nationalsozialismus ausblendete und jene im Sinne seiner Theorie faschistoiden Elemente eines radikalen Libertarismus als bürgerlichen Liberalismus interpretierte und diesen so in die Nähe des Faschismus rückte, vereinfachte er sich seine und seiner Anhänger Sicht auf ein simples holzschnittartiges Weltbild, das nur noch zwischen Faschisten und Antifaschisten unterschied.
Mein professoraler Freund Winfried Steffani stellte dazu in einer Diskussion in kleinem Kreise einmal fest, dass wir als bürgerlich-demokratisch denkende Studenten uns keinerlei Illusionen hingeben sollten: Kühnl sei es nie darum gegangen, eine sachliche Diskussion über Faschismus und Nationalsozialismus zu führen. Sein Ziel sei es von vornherein gewesen, als überzeugter Marxist die bürgerliche Gesellschaft per se als faschistisch zu diffamieren. Wir, die Bürgerlichen, seien in den Augen der Marxisten keine demokratischen Konkurrenten oder politische Gegner, sondern der faschistische Feind.

| Kühnl trapped |

In den späten Siebzigern und den von Nachrüstungsdebatte und regierungsunfähiger Sozialdemokratie geprägten frühen Achtzigern stand immer wieder die Behauptung im Raum, Kühnls Definition des Faschismus sei nicht in seinem Marburger Professorensitz entstanden, sondern in den Propagandaabteilungen in der Ostberliner Normannenstraße. Bewiesen werden konnte das nie – und nach 1989 schien es auch seine Bedeutung verloren zu haben, so wie die Präsenz Kühnls in der politikwissenschaftlichen Debatte erheblich an solcher verlor.
Es war Kühnl selbst, der an dieser Entwicklung maßgeblich mitgewirkt hatte. Denn mit der Implosion der Sowjetunion und der Befreiung der als Satellitenstaaten und Sowjetrepubliken bezeichneten Kolonien des seit 1919 sozialistisch geprägten russischen Imperialismus schien sich das antifaschistische ebenso wie das faschistische Element in Luft aufzulösen. Wenn, wie Kühnl es beschrieben hatte, dem Faschismus als eines seiner Kernelemente der Antimarxismus innewohnte, dann musste – so will es die Logik – mit dem Scheitern des Marxismus auch der Faschismus sein Ende finden. Denn der Pode bedarf des Antipoden, um seine Welt als wirklich zu erkennen. Wenn man so will, waren die anti-bürgerlichen Antifaschisten mit ihrer Kühnlschen Definition in eine selbst gestellte Falle gelaufen. Daran änderte sich auch nichts dadurch, dass einige wenige Unbelehrbare immer noch sektengleich dem Traum eines marxistischen Paradieses anhingen. In der realen Welt war das auf den Philosophien des Karl Marx aufbauende Gesellschaftsmodell gescheitert.

| Kühnl reloaded |

Dennoch sollte man nicht verkennen, dass Kühnl – blendet man seine ideologische Verblendung aus – durchaus zutreffende Ansätze geliefert hat, die einer Definition von Faschismus jenseits der antibürgerlichen Grabenkämpfe dienlich sein können. Wobei wir damit schnell zu der Definition von Totalitarismus kommen, den Carl Schmitt als Zukunftsmodell pries, weil er als „totaler Staat“ die Vereinigung von staatlichen Institutionen, Gesellschaft, Kultur und Religion bringe.
Tatsächlich werden die scheinbaren Unterschiede zwischen Faschismus und Totalitarismus marginal, wenn der Nationalismus als pseudowissenschaftliches Instrument einer ethnischen Überhöhung ersetzt wird durch die ebenso erfolgende Überhöhung einer als solche erkannten gesellschaftlichen Klasse, und der Ethnozentrismus letztlich nichts anderes ist als eben dieser Nationalismus. Der eigentliche Unterschied liegt nur noch in der Positionierung zur Religion, die der Marxist Kühnl schlicht als nicht-existent ausblendet, während Schmitt ihre tragende Rolle in der Gesellschaft durchaus erkennt und anerkennt.
Faschismus – daran gibt es keinen Zweifel – ist totalitär. Er zeichnet sich aus durch national-ethnische Überhöhung, autoritäre Führung, Überbetonung des Militärischen und fundamentale Ablehnung des durch den protestantischen Calvinismus der Wallstreet geprägten Kapitalismus. Sogar das „Pseudosoziale“ kann noch in dem Maße als Kriterium herangezogen werden, als dass „das Soziale“ letztlich in jeder Gesellschaftform und politischen Ideologie dann eine Rolle spielt, wenn das Wohl des Kollektivs vor das Wohl des Einzelnen gestellt wird und insofern der Libertarismus tatsächlich die einzige politische Idee ist, die auf das Soziale verzichtet, weil sie die Eigenverantwortlichkeit des Individuums über dessen Verantwortung für das Kollektiv stellt.
Fügen wir Schmitts Kernelemente des totalitären Staates als die Vereinigung von staatlichen Institutionen, Gesellschaft, Kultur und Religion hinzu, so können wir den faschistischen Totalitarismus beschreiben als ein System, in dem die Gleichschaltung von staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen einhergeht mit einer Ausrichtung der kulturellen Aufgabe auf das Staatsziel und die Vereinigung all dieser Elemente mit einem national-religiösen Erlösungskonzept. Gleichzeitig zeichnet sich dieser faschistische Totalitarismus aus durch seine zwangsläufige Überbetonung des scheinbar Männlichen, wodurch nicht zuletzt dem Miltär eine zentrale Funktion im Staat zuwächst, sowie durch einen staatsmonopolitischen Kapitalismus, der die Instrumente einer im Ansatz rudimentär marktwirtschaftlich ausgerichteten Wirtschaft unter die Lenkung staatlicher Institutionen und Ziele stellt.
Der Unterschied zwischen dem marxistischen Totalitarismus und dem faschistischen Totalitarismus findet sich insofern nicht im Antifaschismus, der lediglich als Krücke der Selbstreinigung der politischen Linken diente, sondern in der Einbindung statt der marxistischen Ablehnung eines nationalreligiösen Welterklärungsmodells sowie in der Bereitschaft, wirtschaftliche Eigeninitiative in dem Maße zuzulassen, wie dieses aus Sicht der staatlichen Wirtschaftslenker dem staatsmonopolistischen Kapitalziel dienlich ist. Gleichzeitig verhindert dieses Modell der Wirtschaftslenkung die Selbsterneuerung der Wirtschaft durch die Freisetzung der Initiativkräfte des Marktes, da es diese Initiativkräfte durch die aus der staatsmonolistischen Zielsetzung heraus entwickelten Staatsziele ersetzt. Insofern ist der faschistische Totalitarismus auch elementar antikapitalistisch – und gleichzeitig pseudosozialistisch, weil er das Verhindern eines freien, aus seiner Sicht kapitalistischen Marktes mit der Beförderung eines vorgeblichen Gemeinwohlziels begründet.

| Der faschistische Totalitarismus |

In der realen Welt ist dieser faschistische Totalitarismus das perfekte Biotop für das Entstehen staatstreuer Oligarchien: Der totalitäre Staat definiert das Ziel der wirtschaftlichen Tätigkeit – der herrschaftstreue Oligarch setzt dieses um und erhält dafür das Recht zur persönlichen Bereicherung, welche gleichzeitig im kapitalistischen System als Kernelement des unsozialen Charakters dieser abgelehnten Wirtschaftsform verdammt wird. So erklärt sich auch der pseudosoziale Charakter dieses faschistischen Totalitarismus: Das vorgebliche Gemeinwohlziel gilt dadurch als erreicht, dass die Verteilung der erzielten Gewinne in die Obliegenheit der Staatsführung und der von ihr gesteuerten Oligarchen übergeht. Die Staatsführung bestimmt, wer in der Gesellschaft zu welchen Teilen an Wohlstand und/oder Staatsvermögen partizipiert.
Die Archillesferse dieses Systems liegt in genau dieser Verteilungshoheit der Führung. Sie muss gewährleisten, dass ihre Oligarchen den deren Meinung nach zustehenden Anteil erhalten. Sie muss gewährleisten, dass vorrangig der Sicherheitssektor aus Polizei, Milizen und Militär beständig aufgerüstet und befriedigt wird. Und sie muss sicherstellen, dass für den „einfachen Bürger“ so viel übrig bleibt, dass er die durch die Führung organisierte Ausbeutung seines Reichtums nicht wahrnimmt.
Dieses System des faschistischen Totalitarismus gleicht in gewisser Weise jenen assyrischen Imperien der Antike, die darauf angewiesen waren, beständig territorial zu expandieren, um über die Ausbeutung der unterworfenen Völker die Ansprüche der eigenen Eliten befriedigen zu können.
Da das staatsgelenkte Wirtschaftssystem letztlich innovationsfeindlich sein muss (denn es vermeidet jegliches unternehmerische Risiko, da es ihm nicht nur unnütz, sondern auch gefährlich erscheint), ist es auf eine in dem Maße rücksichtlosere Ausbeutung vorhandener Ressourcen angewiesen, wie die steigenden Ansprüche befriedigt werden müssen. Vor allem der Sicherheitssektor nimmt hier eine entscheidende Rolle ein. In seiner Abneigung des kapitalistischen Systems ebenso wie in der Notwendigkeit der Absicherung vorhandener oder zu erringender Rohstoffressourcen, die angesichts der inneren Lähmung wirtschaftlicher Prozesse zum eigentlichen Standbein des Regimes werden, ist der faschistisch-totalitäre Staat darauf angewiesen, den vorrangig zur Beteiligung an außenpolitischen Konflikten gedachten Militärapparat beständig zu erweitern. Da die bewaffnete Macht dadurch ebenso beständig als Machtfaktor innerhalb des Systems erstarkt und letztlich über die Möglichkeit verfügen kann, die politische Führung jederzeit zu ersetzen, ist diese politische Führung wiederum darauf angewiesen, den Wünschen der militärischen Führung umfassend gerecht zu werden.
Dadurch jedoch fließt ein beständig steigender Anteil des Volksvermögens in den im Kern unproduktiven Militärsektor, was nur dadurch gerechtfertigt werden kann, dass entweder die Rüstungsindustrie einen erheblichen Anteil an den Exporterlösen generiert, oder das Militär selbst beispielsweise durch expansionistisches Vorgehen zu einer tatsächlichen oder gefühlten Vermehrung des Volksvermögens beiträgt.
Mehr noch als für das Militär gilt dieses für nach Innen orientierte Sicherheitskräfte, deren Funktion sich von der Sicherung einer inneren, bürgerlichen Ordnung zu dem ausschließlichen Zweck wandelt, das faschistisch-totalitäre Regime an der Macht zu halten. In der volkswirtschaftlich nicht zu rechtfertigenden Unnötigkeit dieses Sektors bedarf der Apparat der inneren Sicherheit der propagandistischen Scheinlegitimation, die beispielweise durch die gezielte Produktion überschaubarer Terrorpotentiale und/oder gesellschaftliche Ausgrenzungen mit dem Ziel der selektiven Bekämpfung einer selbst organisierten Scheinbedrohung durch vorgeblich für die Gesellschaft schädliche Gruppen geschaffen wird.
Sowohl der Militärapparat wie der innere Sicherheitssektor, zu dem auch die Ausführungsorgane der Propagandainstrumentarien zu rechnen sind, setzen durch ihr Handeln und ihre Ansprüche eine Spirale in Gang, die an ihrem Ende zwangsläufig zum Kollaps des Systems führen muss. Je mehr beide Sektoren an Bedeutung innerhalb des Systems gewinnen, desto mehr steigen ihre Ansprüche einer privilegierten Behandlung. In der Abhängigkeit von beidem ist die politische Führung außer Stande, diese Ansprüche zu senken. Sie hat daher nur zwei Möglichkeiten:
| Die politische Führung kann den Versuch unternehmen, durch die Erschließung neuer Finanzquellen wie beispielsweise Rohstoffvorkommen das staatliche Einkommen in dem Maße zu steigern, wie die Ansprüche vorrangig der Sicherheitsapparate steigen. Es sollte allerdings kein Zweifel daran aufkommen, dass hier eine Spirale in Gang gesetzt wird, die zwangsläufig irgendwann nicht mehr zu bedienen ist.
Oder
| Die politische Führung muss den Anteil jener, die als Ohnmächtige keine Gefahr für das politische System darzustellen scheinen, beständig und kontinuierlich aus der Vermögenspartizipation entfernen. Dieses mag bis zu einem gewissen Grade noch gelingen, wenn dem betroffenen, einfachen Volk ersatzreligiöse Perspektiven vorgegaukelt werden, welche einen scheinbar vorrübergehenden Verzicht rechtfertigen. Allerdings stößt auch dieser Weg irgendwann an seine natürlichen Grenzen, weil die sichtbare Divergenz zwischen eigenem Zustand und dem Wohlstand der Eliten revolutionäre Tendenzen unvermeidbar macht
Wenn der Begriff des Ersatzreligiösen fiel, so darf dieses nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein nationalreligiös geprägter Klerus hierbei eine bedeutende Funktion übernehmen kann – womit wir eine weitere elitäre Gruppe haben, die durch den faschistisch-totalitären Staat bedient werden muss. Eine Optimierung erfährt das scheinreligiöse Religiöse, wenn es verknüpft wird mit ethnozentrischer, nationaler Überhöhung. So kann eine nationale Religionsgemeinschaft zum Träger der ethnischen Einheit stilisiert werden, welche wiederum die Überhöhung des Nationalen organisiert und damit die pseudowissenschaftliche, völkische Selektion befördert.
Wenn wir also nach einer Unterscheidung suchen zwischen dem Faschismus des nationalen Sozialismus der NSdAP und dem hier beschriebenen faschistischen Totalitarismus, so ist der in genau dieser religiösen Komponente zu finden: Während der nationale Sozialismus der NSdAP sich jenseits mystifizierender Ausnahmen wie Heinrich Himmler in der Tradition des Karl Marx einer scheinbar wissenschaftlichen Weltbetrachtung verschrieben hatte, ersetzt der faschistische Totalitarismus die wissenschaftliche Basis durch eine religiöse. Der unmittelbare Nutzeffekt liegt auf der Hand: Eine in weiten Teilen ungebildete Bevölkerung ist durch die Mystik des Klerikalen leichter zu steuern als durch eine komplizierte, verwissenschaftliche Thetik.
Erstmals fand dieses Modell seine Erprobung in der serbischen Politik des Slobodan Milosevic, der sein auseinanderstrebendes Jugoslawien damit in einen erbarmungslosen Bürgerkrieg stieß. Die Stilisierung des Serbisch-Orthodoxen in der Verknüpfung mit dem ethnozentristischen Anspruch des Vorrangs der Serbischen Nation – gespeist durch die über Jahrhunderte aufgebaute Opferrolle der vom Islam unterjochten und vom westeuropäischen Katholizismus im Stich gelassenen Serben, ermöglichte gleichermaßen den Vernichtungsfeldzug gegen die ethnisch identischen muslimischen Bosnier und die anverwandten, katholischen Kroaten wie gegen die ethnisch fremden, muslimischen Albaner.

| Russland und der „rechte Sektor“ der Ukraine |

Es ist nicht zu übersehen, dass die geschilderten Grundlagen und Mechanismen uneingeschränkt zutreffen auf das autoritäre Modell des russischen Präsidenten Wladimir Putin.
Wer in den vergangenen Jahren die russische Entwicklung beobachtet hat, dem kann die gezielte Ausgrenzung von Teilen der eigenen Bevölkerung (so die Diskreditierung russischer Mitarbeiter von NGO als „ausländische Agenten“ ebenso wie die staatlich beförderte Diffamierung Homosexueller) mit der Möglichkeit künftiger Schuldzuweisungen nicht entgangen sein.
Der insbesondere im Süden der Russischen Föderation geführte Krieg gegen die muslimisch geprägten Einwohner bedient einerseits den nationalreligiösen Anspruch der Orthodoxen und schafft gleichzeitig das terroristische Bedrohungspotential, das zur Begründung des beständigen Ausbaus der Sicherheitskräfte herhalten muss.
Die unverhältnismäßig hohe Bestrafung der Damen von der anarchistischen „Pussy Riot“-Formation bediente gemeinsam mit den Anti-Homosexuellengesetzen die Ansprüche des nationalkonservativen Klerus der Orthodoxie. Der nicht minder willkürliche Akt der Begnadigung signalisierte nicht nur den unanfechtbaren Führungsanspruch des Präsidenten, sondern zollte als ein Akt unverdienter christlicher Gnade erneut dem Klerus Respekt.
In den zwischenzeitlich gleichgeschalteten Medien ist seit der zweiten Hälfte des Jahres 2013 eine beständige Zunahme des Lobes über die Errungenschaften des Militärischen Sektors festzustellen. So wird die Bedeutung des Militärs in der Gesellschaft beständig bedient, woraus dieses gleichzeitig seine Ansprüche auf eine höhere Beteiligung am Volksvermögen ableiten kann.
Mit dem Anspruch, einen von russischer Hegemonie geprägten, eurasischen Wirtschaftsraum einzurichten, hat Putin das antikapitalistische Element seiner politischen Vorstellungen begonnen, in die Tat umzusetzen. Gepaart mit dem national-überhöhten Führungs- und Einheitsanspruch des russischen Volkes, den Putin anlässlich seiner Krim-Rede unmissverständlich deutlich machte, richtet sich dieses Instrument gezielt gegen die westeuropäische Integration, die in ihrer wirtschaftsliberal-freiheitlichen Grundausrichtung als Inkarnation eines jüdisch geprägten Wirtschaftsimperialismus begriffen wird und diametral den Vorstellungen des Staatsmonopols putinscher Prägung entgegen steht.
Der Völkerrechtsbruch auf der ukrainischen Krim manifestiert die ethnozentrische Überhöhung der Nation bei gleichzeitiger Diffamierung der nichtrussischen und nichtorthodoxen tatarischen Einwohnerschaft. Gleichzeitig wird so eine Keimzelle geschaffen für einen weiteren, überschaubaren Herd des Terrorismus, der die Begründung einer „ethnischen Säuberung“ nach serbischem Muster ebenso liefern kann, wie er eine weitere Aufstockung des Sektors der Staatssicherheit unvermeidbar macht.
Mit den zwischenzeitlich in der Staatspropaganda vom „Brudervolk“ zu „Russen“ mutierten Ukrainern erweitert der Totalitarismus des Kreml seinen völkischen Anspruch auf das derzeit noch souveräne Land im Herzen Europas. Es ist absehbar, dass ähnlich völkische Ansprüche auch in Richtung anderer Nachbarstaaten angemeldet werden können. Vergleichbar mit dem versuchten Vorgehen des jugoslawischen Faschisten Milosevic nach den ersten Niederlagen seiner Jugoslawischen Volksarmee im Krieg gegen Slowenien erfolgt die schleichende Annexion über Infiltration und Organisation bürgerkriegsschürender Emotionen durch russische Geheimdienste und von diesen gesteuerten Massenmedien.
Nicht ernsthaft kann angesichts dieser Tatsachen der faschistisch-totalitäre Charakter der Herrschaft Putins infrage gestellt werden. Und dennoch bedient sich Russland beständig eines antifaschistischen Vokabulars aus der Mottenkiste des Kalten Krieges. Zufall? Sicherlich nicht. Ganz im Gegenteil bedienen sich FSB und GRU hier der Faschismustheorie des Reinhard Kühnl, indem sie ihren eigenen Faschismus durch das vorgeblich antifaschistische Element ergänzen. Im Sinne der von Kühnl dereinst vorgetragenen Theorie hat dieses nicht nur den Vorteil, den Kremlfaschismus als antifaschistisch zu camouflieren, sondern es schafft auch die perfekte Grundlage dazu, jene die Regierung tragenden, bürgerlich-demokratischen Kräfte der Ukraine als Faschisten zu diffamieren und damit einen nach siebzig Jahren Indoktrination fest verankerten Beißreflex der russisch geprägten Bevölkerung zu aktivieren.
Kühnl reloaded. Oder doch der Beweis dafür, dass Kühnls Faschismustheorie nicht in Kühnls Kopf und nicht einmal auf den Schreibtischen der Stasi in der Berliner Normannenstraße entstanden ist, sondern unmittelbar in Moskau entwickelt wurde? Denn das Drehbuch des Antifaschismus des faschistischen Russlands der Gegenwart funktioniert nur, wenn ihm die vorgeblich in Kühnls Kopf entstandene Faschismus-Definition zu Grunde gelegt wird – und es darf angezweifelt werden, dass die Geheimdienste Putins sich der Werke eines deutschen Marxisten bedient haben, um ihren Expansionismus vorzubereiten.
Jenseits dieser Feststellung bleibt die Erkenntnis, dass es kaum einen Weg geben wird, das Russland Putins auf einen Weg der Einkehr oder gar der Demokratie nach westeuropäischen Vorstellungen zurück zu führen. Denn mehr noch als das von ihm bekämpfte kapitalistische Wirtschaftssystem hängt sein faschistischer Staatsmonopolismus ab von einem rasanten Wachstum. Reicht dieses Wachstum – sei es über immer mehr rücksichtslose Ausbeutung von Rohstoffen, sei es über klassisch-imperialistische Kolonialpolitik – nicht aus, um die ständig steigenden Ansprüche der elitären Träger des Faschistisch-Totalitären Systems in Sicherheitsapparat, Oligarchie und Klerus zu bedienen, wird dieses System in sich zusammenbrechen. Die Frage ist, ob es dieses wie sein Vorgängermodell als Implosion tut – oder ob es den Weg des verzweifelten Versuchs geht, letztlich über beständige, auch militärische Expansion die unverzichtbaren Ressourcen unter die Kontrolle des Kremls zu bringen.
Funktionieren wird letzteres am Ende nicht. Aber es kann den unvermeidlichen Selbstauflösungsprozess verzögern und derweil unsägliches Leid bis hin zur Vernichtung menschlicher Zivilisation verursachen, wenn ihm nicht rechtzeitig Einhalt geboten wird. Die Frage wird sein, ob die Verantwortlichen der demokratischen Welt dieses rechtzeitig begreifen – oder ob sie mitschuldig werden an dem möglichen letzten Aufglühen dieses postsowjetisch-faschistischen Imperiums, bevor es in sich zusammenfällt.

© 2014/0705 Spahn/FoGEP

Plädoyer für eine neue Militärstrategie

Es gab eine Zeit, da war die unabhängige und souveräne Ukraine die drittgrößte Atommacht der Welt. Rund 180 atomar bestückte Interkontinalraketen befanden sich aus dem gemeinsamen sowjetischen Erbe auf dem Hoheitsgebiet des jungen Staates – 130 vom Typ SS-19 (UR-100N) und 46 vom Typ SS-24 (RT-24). Daneben verfügte die Ukraine über zahlreiche strategische und taktische Nuklearwaffen.
Der junge Staat verzichtete am 2. Juli 1993 darauf, Atommacht zu sein. Am 14. Januar 1994 unterzeichneten die Präsidenten der Ukraine, der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation ein Abkommen über die Vernichtung des auf ukrainischem Boden verbliebenen Atomwaffenpotentials. Im Budapester Memorandum zu den Sicherheitsgarantien schloss sich das Vereinigte Königreich den dort niederlegten Zusagen an. Sie besagten, dass die Unterzeichnerstaaten die bestehenden Grenzen der Ukraine auf Basis der KSZE-Vereinbarungen von 1975 völkerrechtlich anerkennen, keine Gewalt gegen die Ukraine anwenden oder androhen sowie keinen wirtschaftlichen Druck auf die Ukraine ausüben werden, um damit Änderungen der völkerrechtlich garantierten Grenzen zu bewirken. Weiterhin verpflichteten sich die Unterzeichner, der Ukraine im Falle, dass derartiges dennoch geschehen sollte, beizustehen und bei einer gegen die Ukraine gerichteten Aggression den UN Sicherheitsrat einzuschalten.
Ziemlich genau zwanzig Jahre später muss die Ukraine feststellen, dass jene Skeptiker in ihren eigenen Reihen, die bereits damals gegen das Abkommen votierten, Recht behalten sollten. Mittlerweile gehört die ukrainische Krim nach russischer Lesart zur Russischen Föderation. Der russische Präsident Wladimir Putin macht nicht länger einen Hehl daraus, dass auf der Krim russische Soldaten maßgeblich zur Separation beigetragen haben. Nach Abschluss dieser Operation Krim hat Russland seine Aktivität auf die Ostprovinzen der Ukraine verlagert, wo es nach dem auf der Halbinsel erprobten Muster die Herauslösung weiterer Territorien aus der Ukraine vorantreibt.
Russland – daran kann niemand einen ernsthaften Zweifel haben – hat damit seine Zusagen aus dem Budapester Memorandum vorsätzlich gebrochen. Doch auch die USA und Großbritannien sind vertragsbrüchig geworden. Zwar haben sie die Vereinten Nationen eingeschaltet, jene in der Vereinbarung intendierte militärische Hilfe jedoch, die den freiwilligen Verzicht auf die Atomwaffen ersetzen sollte, ist ausgeblieben. Die Ukraine steht heute da als ein Staat, der von allen früheren Vertragspartnern verraten wurde. Sie muss feststellen, dass sie 1994 ihren Kettenpanzer gegen ein Negligé eingetauscht hat, das eher Begehrlichkeiten weckte als dass es lüsterne Nachbarn von der Vergewaltigung abgehalten hätte.
So sehr sich in der aktuellen Situation das Augenmerk auf den postsowjetischen Imperialismus Russlands richtet, so muss gleichwohl konstatiert werden, dass auch die USA ein unzuverlässiger Partner sind. Von Großbritannien muss in diesem Zusammenhang nicht gesprochen werden – seine Sicherheitsgarantien für die Ukraine waren schon 1994 nichts anderes als die Reminiszenz an verflossene, weltpolitische Bedeutung.
Die Frage nach dem Wert US-amerikanischer Freundschaft stellte sich im Jahr 2013 in vehementer Weise auch bei den NATO-Verbündeten in Europa – allen voran in der Bundesrepublik. Nicht die Enthüllungen der Abhörpraktiken der NSA, die man vielleicht noch als Übereifer aus dem Ruder gelaufener, hyperventilierender Geheimdienstler hätte abtun können – es ist die Verweigerung eines No-Spy-Abkommens, die in Deutschland die Frage nach Wert und Inhalt der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft, die in US-amerikanischen Augen nichts anderes als eine Amerikanisch-Deutsche Partnerschaft ist, auf die Tagesordnung setzen.
Gilt das Nachkriegsagreement noch, wonach die USA Deutschland militärisch unterstützen, wenn es von Außen angegriffen wird? Oder wird sich die zweifelnde, von inneren Gegensätzen zerrissene Großmacht wie im Falle der Ukraine auf verbale Unterstützung reduzieren und es bei dem folgenlosen Versuch einer Verurteilung der Aggression durch die vereinten Nationen belassen?
Für die Vereinigten Staaten zählten immer die eigenen Interessen. Nicht die der Partner. Deutsche Interessen sind nur dann amerikanische, wenn es amerikanische sind. Aber sind die amerikanischen Interessen in und an Deutschland noch so ausgeprägt, dass es dafür in den Krieg zieht? Nach 1945 war Deutschland spannend. Nicht nur als Bollwerk gegen den vordringenden Sowjetimperialismus, sondern auch als Markt und – zumindest in der Endphase des Krieges –als Lieferant von Militärtechnologie. Doch wie spannend ist Deutschland heute?
Als Rohstofflieferant fällt Deutschland aus. Als Knowhow-Fabrik hat es seine Führungsposition längst an die USA abgetreten. So bleibt die Rolle als strategischer Brückenkopf in Europa. Aber – reicht dafür nicht der enge Schulterschluss zwischen den USA und seiner Finanzaußenstelle England? Warum sich im Ernstfall um einen Kontinent prügeln, der nichts anderes ist als ein Wurmfortsatz am asiatischen Kontinent – und der außer ein paar hübschen Landschaften und wenigen, noch nicht ausgebeuteten Rohstoffen nichts zu bieten hat?
Deutschland, das sich unter dem Schutz der Pax Americana nach 1949 so prachtvoll entwickelte, muss den Realitäten ins Auge sehen. Um seiner kulturellen Errungenschaften, um Beethoven, Bach und Dürer wird niemand außer den Deutschen selbst für dieses Land kämpfen. Selbst das amerikanischste aller deutschen Kleinode – Ludwigs Fantasieschloss Neuschwanstein – findet sich längst im Disneyland auf US-amerikanischem Boden. Und die amerikanischen Wirtschaftsinteressen? Längst hat der deutsche, hat der europäische Markt für die USA seine prägende Position verloren. Südostasien und Afrika, aber auch Lateinamerika bilden die amerikanischen Prioritäten.
Deutschland hatte sich nach seiner vernichtenden Niederlage in der zweiten heißen Phase des 75-jährigen Krieges der europäischen Imperium gut eingerichtet. Es verharrte in der kuscheligen Ecke des wirtschaftlichen Riesen, der sich den Luxus gönnen durfte und sogar musste, ein militärischer Zwerg zu sein. Solange die Lehren des zwanzigsten Jahrhunderts galten, konnte man damit gut leben. Ein bewaffneter Krieg schien für Deutschland, schien für Kerneuropa für alle Zeit ausgeschlossen. Statt des klassischen Konflikts zwischen Mächten drängte sich die Problematik asymmetrischer Konflikte in den Vordergrund. Doch die Bedrohung durch Terroristen, die sich von der linksextremistischen Motivation hin zu einer religiös übersteigerten Begründungsfiktion wandelte, stellte niemals die Existenz von Staaten in ihren gegebenen Grenzen grundsätzlich in Frage.
So, wie das neunzehnte Jahrhundert in den Köpfen der Menschen erst mit dem imperialen Krieg 1914 endete und mit der neuen Qualität der Waffentechnik neue zivile Strategien der Kriegsvermeidung unvermeidlich machte, so signalisiert der defacto-Überfall Russlands auf die Ukraine das Ende des zwanzigsten. Jetzt – erst jetzt befinden wir uns tatsächlich im 21. Jahrhundert. Putin hat uns brutal in dieses neue Jahrhundert hineingestoßen – und es ist nicht das von vielen erwartete Jahrhundert der Klein- und Bürgerkriege, sondern es schickt sich an, die imperiale Politik, die bis 1945 das Handeln der Staatenführer bestimmte, zu reaktivieren.
Als 1989 das letzte auf Militär- statt Wirtschaftsmacht aufgebaute Imperium implodierte, wähnten sich die bedrohten Völker Europas erlöst und begrüßten mit Jelzins demokratischer Föderation einen neuen Partner in der Völkerfamilie der sich selbst organisierenden Völker. Doch einmal mehr sollte sich Machiavellis Feststellung bewahrheiten, dass wenn ein Volk, welches gewohnt ist, unter einem Machthaber zu leben, durch irgendein Ereignis frei wird, es nur schwer seine Freiheit behauptet.
Die Entdemokratisierung Russlands kam erst schleichend, dann immer unmittelbarer. Sie war nicht zu übersehen. Doch die demokratischen Völker verschlossen ihre Augen, wollten nicht sehen, wie der Machthaber im Kreml sein Land gleichschaltete und das zarte, wenn auch noch chaotische Pflänzchen Demokratie mit den Füßen zertrat. Es soll an dieser Stelle nicht darüber befunden werden, ob Machiavelli auch mit seinem zweiten Satz recht hatte, wonach ein heruntergekommenes Volk, das sich eine freiheitliche Verfassung gegeben hat, diese nur mit großen Schwierigkeiten erhalten kann. Tatsache bleibt gleichwohl, dass Russland niemals die Chance hatte, ein demokratisches Regierungssystem ernsthaft zu erproben. Und sich die Russen selbst bis auf diesen einen kurzen Moment, an dem Jelzin auf den Panzern seiner Getreuen die stalinistischen Putschisten am Sieg ihrer Konterrevolution hinderte, außerstande gesehen hatten, aus eigener Kraft heraus die Tyrannei abzuschaffen.
So stand der neue starke Mann Russlands auf einer langen Tradition, als er die Autonomiebewegungen in Tschetschenien und anderswo brutal unterdrückte. Der Westen blickte verstohlen zur Seite – und er tat dieses auch, als der Antidemokrat ansetzte, seinen Nachbarn Georgien für dessen prowestliche Avancen zu maßregeln. Die Annexion der Krim, die unter Bruch der russischen Zusagen von 1994 erfolgte, ist ebenfalls bereits akzeptiert.
Europa hat sich einlullen lassen von seinem selbsthypnotischen Mantra des „Nie-wieder-Krieg“. Doch dieses Mantra funktioniert nur dann, wenn alle Beteiligten es gemeinsam beten. Russland hat das Beten eingestellt – und das seit der Antike geltende Recht des Stärkeren an seine Stelle gesetzt. Im Verständnis der Westeuropäer ist dieses ein Rückfall in die völkerrechtliche Barbarei. Doch was nützt diese Feststellung, wenn sich der andere in der Rolle des Barbaren gefällt?
Putin hat Europa, hat Deutschland aus seinem friedlichen Dämmerschlaf geweckt und in das einundzwanzigste Jahrhundert katapultiert. In einem solchen Falle gibt es nur zwei Möglichkeiten.
Der unsanft Geweckte kann versuchen, sich in seinen Dämmerschlaf zu retten. Er schließt die Augen, zieht die Decke über den Kopf und hofft, dass der Störenfried ihn im wahrsten Sinne des Wortes nicht ent-deckt. Doch die Erfahrung lehrt, dass die Entdeckung spätestens dann erfolgt, wenn alle anderen Betten zerstört sind. Deutschland kann sich wieder zurücklehnen, business-as-usual betreiben und hoffen, dass dem Störenfried die Luft ausgeht, bevor er nach dem eigenen Bettzipfel greift. Doch diese Hoffnung kann sich schnell als Alptraum erweisen und im bösen Erwachen enden.
Oder der unsanft Geweckte kann das tun, was jeder, der unsanft aus dem Schlaf und aus seinen wonnigen Träumen gerissen wird, tun sollte: Ohne Zögern aufstehen und darüber nachdenken, wie der Störenfried daran gehindert werden kann, eine derartige Störung zu wiederholen und gar nach dem eigenen Bett zu greifen.
Deutschland, daran führt kein Weg vorbei, ist allein auf sich gestellt mit seiner konventionellen Rüstung kein Gegner für einen Aggressor, der es ernst meint. Deshalb ist es in die NATO eingebettet und vertraut darauf, dass im Ernstfall starke Partner an seiner Seite stehen. Doch auch hier ist nicht nur angesichts der am Beispiel Grenzgarantie für die Ukraine dokumentierten Unzuverlässigkeit der USA sowie der Disoperation in Sachen NSA die Frage zulässig, wie zuverlässig diese starken Partner sind, wenn es zum Schwur kommt. Wie hoch ist der Preis, den Amerika im Zweifel für die Freiheit Europas zu bezahlen bereit ist?
Die Beantwortung dieser Frage auf den Ernstfall zu verschieben, kann bedeuten, seine Freiheit zu opfern. Und es komme niemand damit, dass Russland kein Interesse daran habe, Deutschland zu erobern. Schon die Zaren träumten vom eigenen Zugang zu allen Weltmeeren. Sie erreichten den Pazifik, das Schwarze Meer und die Ostsee. Sie standen kurzzeitig am Gelben Meer und streckten die Finger aus zum Mittelmeer. Stalin hatte die Hoffnung nie aufgegeben, auch den Atlantik nicht nur durch den Belt und vorbei am Nordkap erreichen zu können.
Wenn es die russische Politik des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist, an die Großmachtphantasien der blauweißen und der roten Zaren anzuknüpfen, dann ist mehr bedroht als der Schwarzmeer-Anrainer Ukraine. Dann steht im Westen des russischen Imperiums das Baltikum auf dem Programm – und Polen, Deutschland, Frankreich. Dann ist die Bedrohung nicht mehr eine ferne Vergangenheit und keine irreale, paranoide Fiktion, sondern eine Realität, die auch die Ostermarschierer mit ihren Moskau-gesteuerten SDAJ-Verwirrten in der zweiten Reihe nicht unter dem Leichentuch des wiederauferstandenen Jesus verstecken können.
Deutschland – daran führt kein Weg vorbei – ist gezwungen, eine neue Miltärstrategie zu entwickeln. Eine Strategie, die anders als bisher nicht den asymmetrischen Konflikt im Bund mit Alliierten in den Vordergrund stellt, sondern sich an dem klassischen Prinzip der Selbstverteidigung orientiert. Dabei dürfen wir uns keinen Illusionen hingeben: Das Deutschland des 21. Jahrhunderts wird nicht mehr in der Lage sein, Militärapparate wie vor einhundert oder vor siebzig Jahren zu mobilisieren. Allein die demografische Entwicklung lässt dieses nicht mehr zu.
Darüber sollte auch niemand eine Träne vergießen, denn diese Mobilisierungsfähigkeit war immer auch die Fähigkeit zum Führen eines Angriffskrieges. Es gilt nach wie vor: Von Deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen. Aber Deutschland muss in der Lage sein, unterhalb der Schwelle des Angriffskrieges für den Verteidigungsfall ein Bedrohungspotential bereit zu halten, das auch einen überlegenen Gegner davon abhält, seine Aggressionen auszuleben.
Deutschland hat dafür auf den ersten Blick nur zwei Alternativen:
Es muss in einem Bündnis verschmelzen, in dem die vereinten Kräfte ausreichen, einen potentiellen Gegner vom Angriff abzuhalten. Ein solches Bündnis kann mit Blick auf die Unzuverlässigkeit der Vereinigten Staaten nur ein Europäisches sein. Und die Partner können nur diejenigen sein, die sich in einer gemeinsamen Bedrohungslage befinden und die gemeinsam in der Lage sein können, einem konventionellen Angriff Russlands standzuhalten. Dabei ist die Schaffung solcher gemeinsamen Kommandostrukturen und Verteidigungskooperationen nichts, das einem Verbleib in der NATO entgegensteht. Ganz im Gegenteil würde es die NATO in ihrem europäischen Teil erheblich stärken.
Oder Deutschland muss sich im Rahmen eines singulären Verteidigungskonzepts in die Situation versetzen, ohne Partner jedwedem Angreifer eine Drohung vorhalten zu können, die dessen Angriffslust erstickt. Eine solche Drohung findet sich nach Stand der Dinge jedoch ausschließlich in dem Vorhalten strategischer Atomwaffen.
Deutschland kann jedoch auch einen dritten Weg beschreiten, der den ersten und den zweiten Weg verknüpft.
Es kündigt den Atomwaffensperrvertrag, um damit deutlich zu signalisieren, dass es die neue Qualität internationaler Konfliktlösungsstrategien, die von Russland entwickeln worden sind, verstanden hat.
Es tritt umgehend in konkrete Gespräche ein mit den beiden dafür prädestinierten Partnern Frankreich und Polen mit dem Ziel, innerhalb Kerneuropas eine gemeinsame Schutzzone zu errichten, auf die jeder wie auch immer geartete Angriff als gemeinsam zu beantwortender Konflikt betrachtet wird. Dieses bedingt gemeinsame Führungsstrukturen und aufeinander abgestimmte militärische Einheiten, die im Ernstfall komplex eingesetzt werden können. Die Partner dieser Schutzzone stehen dafür, weitere Länder aufzunehmen, wenn diese sich den von den Gründungspartnern entwickelten Richtlinien anschließen. Am Ende dieser Partnerschaft muss eine gemeinsame, kerneuropäische Armee stehen, die in der Lage ist, jedwede Herausforderung anzunehmen.
Die Partner der Gespräche über die Gründung einer kerneuropäischen Schutzzone halten an der Strategie des nuklearen Gegenschlages fest. Zu diesem Zweck wird die Force de Frappe mit Unterstützung der Partner auf dem jeweils aktuellen Stand der Militärtechnik gehalten und weiterentwickelt und als gemeinsame Verteidigungswaffe in das Schutzbündnis eingebracht.
Mir ist bewusst, dass dieses Plädoyer auf zahllose Gegner stoßen wird – allen voran jene, die im Denken des nuklearen Konflikts der fünfziger Jahre verfangen sind und jene, die seit eh das Heil der Welt in Russland gesehen haben. Es steht auch zu erwarten, dass es US-amerikanische Vorbehalte geben wird, weil die kerneuropäische Force de frappe ebenso wie die französische nicht zwangsläufig in die Kommandostrukturen der NATO eingebettet ist – sie muss ein militärisches Instrument bleiben, über deren Einsatz ausschließlich die unmittelbar Bedrohten in einer äußersten Krisensituation zu befinden haben.
Auch soll der Hinweis nicht unterbleiben, dass der hier vorgeschlagene Aufbau einer gemeinsamen kerneuropäischen Militärstrategie unter Einbeziehung der atomaren Abschreckung dann möglicherweise aufgeschoben werden kann, wenn Russland sich wider Erwarten zurück bewegen sollte auf den Stand der internationalen Gepflogenheiten der vergangenen dreißig Jahre. Jedoch – wieviel Glauben wäre selbst dann jemandem zu schenken, der einen Vertrag nach gerade zwanzig Jahren einseitig nicht einmal kündigt, um ihn außer Kraft zu setzen?
Wir müssen –leider – konstatieren: Der Traum von einer europäischen Zukunft ohne Waffen ist seit dem März 2014 bis auf weiteres ausgeträumt. Nach wie vor gilt Machiavellis Leitsatz „First be armed.“ Deutschland und die freien Staaten Europas können das zur Kenntnis nehmen und darauf angemessen reagieren. Oder sie können sich weiterhin selbst einlullen und damit das unverhohlene Ziel der russischen Politik, ein einiges Westmitteleuropa außerhalb russischer Hegemonie zu verhindern, Wirklichkeit werden lassen.

© 2014 / 20.04. Spahn / FoGEP

macht – medien – manipulation

Im November 2008 hatte ich das Vergnügen, vor Mitgliedern der Universität Greifswald zur Thematik Medien – Macht – Manipulation sprechen zu dürfen.
Zufällig fiel mir dieses Manuskript nun wieder in die Hände – und ich musste feststellen, dass es in mancherlei Hinsicht fast schon prophetischen Charakter hatte und von einer erschreckenden Aktualität ist. Deshalb soll dieses Manuskript nun – so, wie es damals vorgetragen wurde – hier eingestellt werden. Insbesondere den Kollegen aus der schreibenden Zunft wünsche ich mit diesem Text viel Vergnügen …

macht – medien – manipulation

das ist eine aneinanderreihung von aspekten, die es in sich hat.

jeder allein für sich würde ausreichen, um ein komplettes studienseminar zu füllen.

wo soll ich also anfangen?

vielleicht erst einmal zu dem, was sie heute abend von mir zu erwarten haben. und was sie nicht erwarten können.

was sie nicht erwarten können, ist ein abend, nach dem sie diesen ort verlassen und der meinung sind, nun alles über die kombination dieser begriffe erfahren zu haben.

erwarten können sie dagegen die eine oder andere anregung, künftig etwas weiter als bisher zu denken. nicht konsumtiv, sondern interaktiv durch diese welt zu gehen.

erwarten können sie auch – insbesondere für den fall, dass sie mit dem gedanken spielen, später einmal journalistisch ihr geld verdienen zu wollen – vielleicht die eine oder andere hilfreiche information – mehr noch aber vielleicht die eine oder andere frustration. doch dazu kommen wir später.

ich habe lange darüber nachgedacht – welche aspekte greife ich für diesen vortrag heraus?

allein schon die verschiedenen kombinationen von medienmanipulation über medienmacht bis hin zur machtmanipulation – oder umgekehrt manipulationsmedien, machtmedien oder manipulationsmacht deuten an, mit welch einer komplexität von möglichkeiten wir uns beschäftigen wollen.

da sie aber überwiegend studenten sind oder sich nach dem studium einer akademischen tätigkeit zugewandt haben, wird es für sie nachvollziehbar sein, wenn ich zu diesen begriffen einige verständnishinweise gebe – die zumindest heute abend gelten sollen.

beginnen wir bei der macht – worunter nicht unbedingt jene verstanden werden sollte, die in dem starwars-epos eine so bedeutsame rolle spielt.

macht im demokratischen staat, das ist – so zumindest die theorie seit locke und montesquieu – etwas, das geteilt wird um gemeinsam das staatswesen am funktionieren zu erhalten.

drei faktoren sind es, die die staatstheoretiker hier genannt haben: die legislative, die exekutive und die judikative.

| zur legislative |

die legislative, das sind die parlamente, die vorrangig die aufgabe haben, gesetze zu schaffen. gesetze, das sind in diesem verständnis jene allgemeingültigen regeln, die die organisation des staates sichern. gesetze in diesem sinne sind auch haushaltsbeschlüsse, verordnungen, handlungsanweisungen – selbst dann, wie sie nicht unmittelbar in juristisch verwertbaren parapraphen ihren niederschlag finden.

eines aber ist die legislative nicht: sie ist nicht das organ, das die von ihm geschaffenen gesetze selbst in die tat umzusetzen hat. dafür ist die zweite instanz zuständig

| zur exekutive |

die exekutive, dass sind im besten sinne klassische verwaltungsbeamte, die die gesetze der legislative aufnehmen und daraus staatliches handeln organisieren. heute steht diesen verwaltungsbeamten in der regel ein politiker vor, dessen fachliche qualifikation mehr oder weniger ausgeprägt ist. das kann gelegentlich insofern zu problemen führen, wenn er sich zu sehr als politiker – also legislativ-vertreter – versteht und zu wenig als ausführendes organ, also exekutive. im großen und ganzen aber braucht man sich deshalb nicht zu sorgen. die erfahrung lehrt, dass das beharrliche fundament einer jeden verwaltung im zweifel schon mittel und wege finden wird, zu legislativ ausgerichtete politiker an ihrer spitze auszubremsen. ich darf in diesem zusammenhang einen ehemaligen kollegen zitieren, der als spitzenbeamter auf für sein verständnis zu exaltierte wünsche der politischen leitung des hauses mit einem schulterzucken reagierte und lapidar feststellte: minister kommen und gehen, verwaltung bleibt bestehen.

man hätte es auch anders ausdrücken können: mir ist es egal, wer sich über mir abkaspert – nach der nächsten wahl ist er ohnehin weg.

ich persönlich halte es deshalb auch für problematisch, wenn die verwaltung selbst zu politisch ausgerichtet ist. wenn verwaltungsposten weniger nach der fachlichen qualifikation sondern nach der politischen ausrichtung besetzt werden.

gibt es nicht – schließlich werden alle öffentlichen stellen ausgeschrieben?

nunja, der mensch ist erfinderisch – gerade wenn es darum geht, eigene politische ziele dauerhaft – oder – um dieses schöne neudeutsche wort zu benutzen – nachhaltig zu etablieren. außerdem sind manipulationen und manipulatiönchen oftmals überhaupt nicht nötig. denn dort sind mechanismen am werk, die dieses ziel auch ohne manipulation erreichen.

ich verrate kein geheimnis, wenn ich offen bekenne, dass in der freien und hansestadt hamburg über lange jahre die politiker der opposition eher zweitklassig besetzt waren. wer in hamburg karriere machen wollte, der steckte seine persönlichen anschauungen in die tasche und fischte sich ein spd-parteibuch.

oder blicken sie in den süden unserer schönen republik: welcher junge, ambitionierte bayer würde auf die idee kommen, nicht der csu anzugehören, wenn sein bestreben auf höhere amtliche weihen gerichtet ist? ganz abgesehen davon: wer möchte schon gern mit herrn mageth in einer partei sein?

in hamburg hat sich in dieser hinsicht in den vergangenen jahren etwas getan – wenn auch erschreckend wenig. das allerdings hängt damit zusammen, dass der cdu-senat in einer überaus schwachen stunde beschlossen hatte, verwaltungsposten ausschließlich aus dem bereits vorhandenen personalpool zu decken. und wie der nach über 40 jahren sozialdemokratie gestrickt ist, darüber sollte man sich keinerlei illusionen hingeben.

bayern ist – so weit ich das vom norden aus beurteilen kann – auch in dieser frage strukturkonservativer. da schafft man sich seine exoten in form von exaltierten landrätinnen in der eigenen partei – und das volk ist belustigt und zufrieden …

| zur judikative |

nun zur dritten säule der gewaltenteilung, der judikative.

die vertreter der judikative oder jurisdiktion sind jene, die gänzlich unabhängig von legislative und exekutive darüber wachen, dass alles seinen rechten gang geht. so ist es zumindest in der theorie.

blickt man auf die höheren gerichte, insbesondere auch auf die verfassungsgerichte, so kann man durchaus feststellen, dass dort des öfteren ausgewiesene juristen tätig werden, die zuvor bereits politische mandate inne hatten. für mich als puristen der gewaltenteilung ist das etwas problematisch – weil ich mich frage, ob beispielsweise eine ehemalige innensenatorin des landes berlin die objektivität mitbringt, verfassungsrechtliche aspekte ohne jedwede parteibrille zu betrachten.

o. k. – mit sicherheit sind unter ihnen auch juristen, und die werden mich jetzt umgehend belehren, dass juristen quasi von natur aus eine ausschließlich objektive beurteilungskompetenz auf paragraphenebene in sich tragen. wir brauchen das nicht zu diskutieren – ich nehme das zur kenntnis.

| drei und eine gewalt |

dieses theoretische gewaltenteilungsmodell trägt in sich fast schon eine gewisse perfektion: gegenseitige kontrolle und aufsicht sollen sicher stellen, dass niemand zu mächtig wird, dass keiner alle macht an sich reißt und den staat und dessen bürger nach manier eines fidel castro wie sein personliches landgut behandelt. so können wir bei nüchterner betrachtung sicherlich feststellen, dass das bei uns ebenso wie in anderen demokratien insgesamt recht gut funktioniert. ich gebe zu – in italien hatte ich eine zeitlang meine bedenken, doch dann regelten dort die wähler das problem – spät, aber nicht zu spät.

in deutschland braucht man dazu häufig nicht einmal die opposition. als gerhard schröder am wahlabend deutlich machte, dass er das deutsche wahlsystem nicht verstanden hat, wurde er kurze zeit später von seiner eigenen partei auf die regularien dieses modells hingewiesen. seitdem sitzt er im aufsichtsrat der gazprom und lässt es sich gut gehen.

im großen und ganzen also funktioniert die klassische gewaltenteilung recht gut.

seit geraumer zeit allerdings – und richtig heftig mit der erfindung von rollendruck, rundfunk und fernsehübertragung – scheint sich eine vierte kraft im verteilungskampf der macht zu etablieren – die medien. wir lesen oder hören in diesem zusammenhang von einer vierten gewalt, die nicht mehr wegzudenken sei.

| die medien |

deshalb erneut eine kurze definition: was ist das, die medien?

medien – das ist keine neue erfindung. schon vor der entwicklung der papyrusrolle oder der entdeckung der möglichkeit, nachrichten mittels keil in kleine tontäfelchen zu schreiben, gab es medien.

diese medien waren menschen, die irgendwo informationen aufgriffen und diese andernorts weitergaben. in gewisser weise ist insofern jeder von uns ein teil der medien.

ohne diese medien wüssten wir heute nichts von den schlachten um troja, müssten vielleicht auf einige teile der bibel verzichten und ahnten nichts von sintflut und gilgamesch. denn all diese berichte wurden lange, bevor sie jemand niederschrieb, von generation zu generation mündlich überliefert.

das birgt selbstverständlich eine gewisse inhaltliche fehlerquelle in sich, ändert aber nichts daran, dass die basisinformation medial erhalten bleibt. trotzdem ist diese form der medien auf vergleichsweise geringe reichweiten und einschaltquoten ausgelegt.

selbst als kluge menschen schrift und papier erfanden, änderte sich daran nicht sehr viel. jeder text musste mühsam per hand kopiert werden, sollte er eine verdoppelung der potentiellen leserschaft erfahren. das änderte sich erst, als herr gensfleisch alias gutenberg den bleisatz erfand. heute leben wir mit internet und weltweit sendenden fernsehstationen.

soweit zur technik der medialen kommunikation.

wenden wir uns nun der rolle der modernen medien zu.

| manipulation |

mit den erwähnten modernen medien war es möglich, dass wenige viele erreichten. auch das war nicht ohne gefahren. insbesondere dann, wenn die medien sich in händen von menschen befanden, die damit eine bestimmte zielsetzung verfolgten.

eines der bis heute bekanntesten beispiele für einen solchen einsatz mit allen seinen schrecklichen folgen finden wir in der person des joseph goebbels. ich weiß, jedweder bezug auf den nationalsozialismus birgt heute gefahren in sich. dennoch kann man nüchtern feststellen: goebbels war der erste, der das instrument medium als instrument der manipulation perfektionierte. immerhin war man seinerzeit so ehrlich, das offen zuzugeben, denn goebbels war nicht minister für medien oder für kommunikation, sondern ganz offiziell propaganda-minister.

doch eigentlich verstehen wir ja heute unter medien etwas anderes als propaganda, nämlich eine instanz, die uns unabhängig, neutral und unbeeinflusst über die wahre faktenlage in der welt informiert.

nun sagte ich schon, dass ich in manchen fragen purist bin. und als solcher habe ich meine – wie ich denke berechtigten – zweifel, dass das, was uns heute unter dem sammelbegriff medien entgegentritt, mit einer solchen definition zutreffend und ausreichend beschrieben wird.

bereits recht früh in der modernen pressegeschichte bemerkten kluge menschen, dass es mit der bloßen berichterstattung häufig nicht getan ist. das liegt einerseits daran, dass jeder autor im zweifel sogar unbewusst seine persönlichen erfahrungen und erkenntnisse in seine berichte einfließen lässt. auch sind nicht wenige autoren der durchaus nicht immer unzutreffenden meinung, dass viele sachverhalte derart kompliziert sind, dass es die aufgabe des autoren sein müsste, seine leser in diese hintergründe einzuführen. einer meiner boulevard-lokalchefs umschrieb dieses mit dem begriff der kleinen volkshochschule.

an keiner dieser überlegungen und der daraus folgenden konsequenzen ist per se etwas auszusetzen. wenn der kommentar als kommentar gekennzeichnet ist, ist dieses als denkhilfe völlig in ordnung. der leser weiß in einem solchen falle: achtung, jetzt kommt meinung – die kann ich teilen oder ich kann es bleiben lassen.

gegen die kleine volkshochschule möchte ich allein schon deshalb nichts sagen, weil ich die aufgabe eines textenden durchaus auch in der wissensvermittlung verstehe.

problematisch kann letzteres nur werden, wenn mangelhafte bildung des autoren und recherche durch denselben die wissensvermittlung in den bereich von scheinwissen und halbwissen abgleiten lassen.

mir ist bewusst: man kann mir jetzt kollegenschelte vorwerfen – aber aus eigener erfahrung weiß ich, dass viele journalisten zwangsläufig über dinge schreiben, von denen sie nichts verstehen. die artikel sind dann häufig auch entsprechend. das problem dabei: der leser übernimmt die halbkenntnis des autoren und verbreitet diese.

| medien und medienkonzerne |

aber unabhängig davon – gehen wir im moment davon aus, dass solches eben in der natur des menschen und in der mangelnden ausbildung liegt, ohne dahinter bösartige vorsätze zu vermuten. menschen machen fehler – warum nicht auch journalisten.

seit geraumer zeit allerdings können wir in der medienwirtschaft entwicklungen beobachten, die einem zu denken geben sollten.

nach wie vor legen viele medien insbesondere im printbereich wert darauf, überparteilich und unabhängig zu sein. und das wären sie selbst dann, wenn die redakteure selbstverständlich bestimmte parteipolitische präferenzen haben und diese auch durchblicken lassen.

in gewisser weise wird damit sogar die jeweilige leserschaft bedient. so wird ein anhänger der linkspartei kaum auf die idee kommen, regelmäßig die welt zu lesen. ein traditioneller welt-leser wird mit der süddeutschen zeitung wenig anfangen können. und ein liberaler wird nicht unbedingt zur kirchenzeitung greifen.

problematisch wird es jedoch, wenn medienkonzerne ihre aufgabe nicht mehr vorrangig in der vermittlung von fakten und wissen sehen, sondern in der gewinnmaximierung. nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen gewinn hätte – ohne gewinn auch in der medienwirtschaft wären medien nicht machbar. wenn der verleger aber nur noch auf das shareholder-value schielt, kann das zu einem problem werden.

man mag sich insofern über manche verflachungstendenzen, die uns insbesondere in den nachmittags-talkshows der privatsender angeboten werden, entsetzen – aber letztlich wird auch damit nichts anderes getan als eine bestimmte klientel bedient. und es mag sarkastisch klingen, aber gelegentlich hat man sogar den eindruck, dass die gesellschaftliche funktion solcher verflachungen allein schon deshalb zu begrüßen ist, weil die angesprochene klientel dann vor dem fernseher sitzt und keinen weiteren schaden anrichten kann.

| mammon statt medium |

problematisch an diesen so genannten privatsendern ist gleichwohl, dass sie sich ausschließlich aus werbeeinnahmen finanzieren müssen. Denn das bringt sie in eine doppelte abhängigkeit: in die ihrer zuschauer, welche sie selbst durch ihr programmangebot generieren, und in die ihrer zahlenden anzeigenkunden, welche wiederum gezielt auf jene zuschauerschaft reflektieren. in anlehnung an elisabeth noelle-neumann möchte ich deshalb hier den begriff der verflachungs-spirale in den raum werfen.

die privatsender stehen für diese und zu dieser entwicklung – und sie stehen nicht allein. selbst angeblich unabhängige großverlage stehen vor dem problem, rücksichten auf ihre werbekunden nehmen zu müssen.

lassen sie mich ihnen zwei beispiele aus persönlichem erleben nennen, die verdeutlichen, was ich meine.

eines dieser beispiele war eine von mir durchgeführte recherche über die akquisitionsmethoden eines so genannten stadtmöblierers. sie wissen, das sind jene unternehmen, die werbetafeln im straßenbild plazieren oder selbstreinigende toilettenhäuschen mit werbefläche aufstellen.

die geschichte war ohne jeden zweifel gut und hätte manchen damals bedeutenden politiker in die bredouille bringen können – zumindest bestätigte mir das mein damaliger vizechef, der nach zwischenzeitlichen auftritten in literaturkritischen quartetten heute maßgeblich an der gestaltung eines von einem schweizer verleger vertriebenen magazins beteiligt ist.

auch mein damaliger chefredakteur sah das ähnlich, lobte die gute recherche. dann sah er bedauernd an mir vorbei und meinte nur: wir können die geschichte aber leider nicht bringen. auf meine erstaunte nachfrage wies er darauf hin, dass unsere zeitung gerade eine umfassende werbekampagne über diesen stadtmöblierer starte – und es sei schwer vermittelbar, einerseits dort zu werben und andererseits dieses unternehmen an den pranger zu stellen. die geschichte verschwand in irgendwelchen schubladen – und dort blieb sie auch.

der wohlmeinende chefredakteur machte übrigens später karriere als minister und lobbyist.

mein zweites beispiel liegt nicht ganz so weit zurück, scheint mir jedoch ähnlich exemplarisch. ich hatte seinerzeit recht gute informationen mit eindeutigen recherchehinweisen über die den vertrieb unterstützenden praktiken eines international agierenden deutschen elektronikkonzern. konkret ging es darum, wie mit vorrangig finanziellen mitteln unterstützend eingegriffen wurde um sich in einer großen deutschen stadt lästige konkurrenz bei der vergabe öffentlicher aufträge vom leib zu halten. ich gab diese informationen einem mir gut bekannten redakteur eines aus dem süddeutschen raum gesteuerten wochenmagazins, das – wie viele andere blätter – derart großen wert auf die vermittlung von faktenwissen legte, dass der chefredakteur nicht müde wurde, dieses bei jeder passenden und unpassenden gelegenheit zu unterstreichen.

der mir gut bekannte redakteur nahm die recherche auf und fand meine hinweise im wesentlichen bestätigt.

nun ist es für einen guten redakteur selbstverständlich, eine geschichte erst dann zu bringen, wenn derjenige, der in gefahr ist, an den pranger gestellt zu werden, mit den vorhaltungen konfrontiert wurde. so kam es denn nicht nur zu einem ungewöhnlichen gespräch zwischen meinem bekannten und vertretern jenes unternehmens, in dem – der aussage meines bekannten zu folge – auch angedeutet wurde, dass man sich durchaus erkenntlich zeigen könne, wenn die recherche eingestellt werde. mein bekannter, der einer linksalternativen sozialisation entstammte, überhörte dieses anliegen – und dennoch erschien von der geschichte lediglich ein kleines absätzchen, das, um im bild zu bleiben, von den recherchierten fakten nicht einmal das f rüberbrachte.

auf meine vorsichtige nachfrage, ob denn dieses die eigentliche geschichte nur vorbereiten solle, teilte mir mein bekannter mit offensichtlichem und ungeheuchelten bedauern mit, dass das die ganze geschichte gewesen sei. mein erstaunen entrang ihm dann noch die karge auskunft, dass man ihn von ganz oben habe wissen lassen, es handele sich bei dem unternehmen schließlich um einen bedeutenden anzeigenkunden. und da wolle man doch mit einer solchen geschichte, die offenbar reichlich aufgebauscht sei, nicht den guten kontakt zerstören.

warum erzähle ich ihnen das?

weil ich sie darauf hinweisen möchte, dass medien selbst dann, wenn sie sich den fakten verpflichtet fühlen, durchaus bereit sind, auf die weitergabe bestimmter fakten zu verzichten, wenn dieses aus wirtschaftlichen überlegungen heraus opportun erscheint. wohl bemerkt: es wird nicht gelogen. aber es wird auch nicht zwingend die vollständige wahrheit vermittelt.

doch selbst damit könnte ich noch leben, auch wenn es meiner auffassung nach verdeutlicht, wie gefährlich die vorstellung ist, man könne die presse als vierte gewalt verstehen.

| vom medienkonzern zum gemischtwarenladen |

wirkliche bauchschmerzen bereitet mir allerdings, dass große medienkonzerne mittlerweile ohne jegliche skupel und moralische bedenken dabei sind, wirtschaftsgroßunternehmen zu werden, in denen die medien nur noch ein standbein sind.

zwei beispiele sind mir jüngst aufgefallen – und sie betreffen zufällig beide dasselbe unternehmen

vermutlich werden auch sie sich noch daran erinnern, dass kürzlich der deutsche postkonzern die schaltung sämtlicher großanzeigen in den tageszeitungen eines großen, in berlin ansässigen verlagsunternehmen zurückzog.

können sie sich auch noch daran erinnern, was der grund für diese ungewöhnliche aktion war? nun ja, zumindest in den zeitungen des betroffenen konzerns waren sie nicht zu lesen.

das unternehmen post allerdings hat sie der öffentlichkeit mitgeteilt.

hintergrund war demnach, dass die post ihren zustellern bestimmte mindestlöhne zahlt, während so genannte privatwirtschaftlich organisierte zustelldienste ihre zusteller mit hungerlöhnen abspeisten.

darüber gab es eine debatte, zu der auch die medien beitrugen. offenkundig aber gehören einige der hungerlohn-unternehmen eben genau diesem verlag. und die post wollte durch ihre anzeigen weder eine gegen sie seitens des verlags gerichtete kampagne finanzieren noch diese tatsache unbeanstandet im raum stehen lassen.

das zweite beispiel sprang mir ins auge, als ich jüngst einen blick auf die werbetafeln jener bereits erwähnten stadtmöblierer warf.

in großen lettern und mit dem seit einem halben jahrhundert eingeführten markenlogo stand dort die aufforderung, zu BILD-mobil zu wechseln, also einem von der tageszeit betriebenen oder zumíndest mit gewinnbeteiligung vertriebenen mobilfunknetz.

die erste frage, die mir in aller naivität durch den kopf schoss, lautete: warum machen die denn so etwas. aber die antwort war natürlich sofort da – weil es geld bringt.

auf die zweite frage allerdings habe ich bis heute keine befriedigende antwort gefunden: wie will eine zeitung, die selbst als mobilfunkbetreiber auftritt, eigentlich noch unabhängig über mobilfunk berichten? wenn es beispielsweise um die frage geht, ob mobilfunk gesundheitsschäden hervorrufen kann. oder wenn die frage diskutiert wird, ob das speichern von mobilfunkdaten zulässig sein soll oder nicht? im zweifel müsste sich doch der user des BILD-mobilfunks fragen, wieso sein anbieter sich für das speichern seiner daten ausspricht. es sei denn, man vertraut darauf, dass dieses einem BILD-lesenden BILD-mobilfunker unter dem strich gänzlich egal ist.

sind diese beispiele überzogen? bin ich vielleicht sogar paranoid? oder zumindest ein unverbesserlicher gegner eines freien wettbewerbs?

man mag das so sehen. ich selbst allerdings sehe das natürlich anders.

für mich sind das sündenfälle, die die unterwerfung redaktioneller inhalte unter eigenwirtschaftliche interessen zwangsläufig zur folge haben müssen.

lassen sie es mich mit einem fiktiven Beispiel überspitzen: der axel-springer-verlag steigt bei opel ein und sieht in den dort erwirtschafteten gewinnen ein deutliches beglückungsinstrument seiner aktionäre. glauben sie, dass es der springer-vorstand erstrebenswert fände, auf der aktionärsversammlung erklären zu müssen, warum die rückläufigen verkaufszahlen eines neu entwickelten kleinwagens ausgerechnet auf eine schlechte beurteilung in einer verlagseigenen publikation zurück zu führen ist? wohl kaum.

oder stellen sie sich den umgekehrten fall vor: eine großes, nicht-deutsches, staatlich gesteuertes unternehmen, nennen wir es beispielsweise chinagaz, erwirbt ein bedeutendes aktienpaket eines großen deutschen verlagshauses.

glauben sie, dass dann noch eine überparteiliche, unbeeinflusste berichterstattung über frühkapitalistische ausbeutung ín staatlichen unternehmen, über die völkerrechtliche beurteilung des überfalls auf ein unabhängiges nachbarland oder über die treffen des geistigen oberhauptes dieses nachbarlandes mit einer deutschen bundeskanzlerin stattfinden könnte? beantworten sie sich diese frage selbst.

| die balance zwischen macht, medien und manipulation |

ich persönlich bin fest davon überzeugt, dass die von mir aufgezeigten entwicklungen sich gegenwärtig erst im anfangsstadium befinden.

es ist nur eine frage der zeit, bis globale unternehmen entstehen, in denen das segment medien nur eines von vielen gewinnsträchtigen geschäften ist.

und das stimmt mich für die balance zwischen macht, medien und manipulation nicht gerade optimistisch.

ein solches unternehmen würde zwangsläufig die eigenen medien als marketing-instrument betrachten. das wäre berlusconi in potenz.

und wenn ich mir beispielsweise ansehe, mit welcher marktwirtschaftlichen freundlichkeit das neurussische reich eigene interessen durchzusetzen bereit ist – es sei nur an die abschaltung der erdgasversorgung gegenüber unbotmäßigen nachbarn erinnert oder an das ausschalten von überflugrechten, weil ein flugunternehmen nicht ohne weiteres bereit war, sein frachtkreuz in den unmittelbaren zugriffsbereich des reichs zu verlegen – will mir die vermengung von medien und wirtschaftsinteressen äusserst problematisch erscheinen. aber wie gesagt – vielleicht bin ich auch nur paranoid.

ich denke, wir sollten die einführung an dieser stelle beenden. es ist einiges gesagt worden zur macht, auch einiges zu den medien – und es wurden einige beispiele aufgezeigt zur problematik der manipulation.

wir haben jetzt zwei möglichkeiten.

möglichkeit eins:

ich beende meinen monolog und wir steigen ein in eine diskussion über das gesagte – und über mehr.

oder möglichkeit zwei:

ich habe hier noch zwei unterlagen, eine zur frage der interessenverquickung von politikern und journalisten, eine zur tagtäglichen manipulation in unseren köpfen. ich kann ihnen diese manuskripte hier lassen und sie können sie sich bei bedarf durchlesen. oder aber ich trage sie ihnen auch noch vor. allerdings denke ich, dass wir für heute bereits stoff genug haben, um in eine anregende diskussion einzusteigen.

(Vortag vor Mitgliedern der Universität Greifswald am 8. November 2008)

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