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Spitzwege aus dem Kopf eines Bürgerlichen

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Ab sofort im Handel oder direkt beim Verlag:

Spahns SpitzWege aus dem Kopf eines Bürgerlichen.

28 Essays und Lyrik zu überwiegend zeitkritischen und politischen Themen in der Tradition des Bürgertums.

Band 1 – 14,80 € Paperback

Editoral : SpitzWege aus dem Kopf eines Bürgerlichen
Von Winnetou zu Obama
Bill Bush : Der Putin ist ein großer Mann
Bill Bush : Der Putin ist ein kleiner Wicht
Putin – Mensch und Macht
Bill Bush : Hübsch aufgepeppt und hochgespritzt
Bill Bush : Der Sarkozy ist ein Enfant
Reden und Schweigen
:edathy
:gegonos edathy
:tragodia edathy
Relativierungen
Putins ungewolltes Signal an das Reich der Mitte
Bill Bush : Spießbürger Fritz
Bill Bush : Ganz tief im Herz von Afrika
Die Rückkehr der westfälischen Friedensphilosophie
Plädoyer für eine neue Militärstrategie
Russlands Weg nach Osten
Faschismustheorie und der faschistische Totalitarismus
Die Leistungsfiktion im modernen Wohlfahrtsstaat
Schimpansen, Bonobos und Homo Sapiens
Bill Bush : Der Türkensultan Erdogan
Bill Bush : Hoch oberhalb des Bosporus
Von Tautologien und Oxymora
Ein Abschied
„Bündnisverteidigung ist Landesverteidigung“
Wir . Drei Sätze
Liberal oder libertär?
Es geht ein Jahr

Russlands Schwäche ist eine verspielte Chance – eine Skizze zu Russlands Krise

von Torsten Kurschus

Wieder einmal ist der Rubel im Keller, so unterirdisch wie die Rohstoffe, auf denen er fußt.
Dass der Rubel so schwach ist, weil er am niedrigen Ölpreis zu kleben scheint, birgt auf den ersten Blick viele Vorteile für das Land – auch wenn die Menschen dort das sicher anders sehen. Da Importe sehr viel teurer werden, gibt es die Orientierung auf eigene Produkte, was für die Landwirtschaft und Teile des Maschinenbaus und einige andere Industriezweige ein Segen sein kann, wenn die Nachfrage auf inländische Produkte ausweicht. Das könnte gerade im russischen Maschinenbau und der chemischen Industrie längst überfällige Innovationen fördern und ebensolche zivilen Projekte zumindest für den eigenen Markt befähigen. Beispielhaft sei der am Moskauer Sparc-Center entwickelte 8-Core Elbrus-Prozessor genannt, der zwar mit keinem Intel/AMD/Sun-Gegenstück konkurrieren kann, aber für die Verwaltung und den Hausgebrauch völlig ausreicht. Damit ist die Abhängigkeit vom westlichen Markt geringer geworden und kann nun mehr Drive entfalten, so die heimische Verwaltung modernisieren helfen.

Ähnliches gilt für die Tourismusindustrie, die von der erzwungenen Binnenorientierung profitieren könnte. Aber – wer will heute schon auf der Krim Urlaub machen? Die Nachfrage ist gleich Null. Und dieses gilt auch für den Export. Außer Waffen gibt es kaum exportfähige Produkte. Selbst Yotaphone, EL-Lada und die in Russland produzierten Passagierflugzeuge und Schiffe haben es auf dem Weltmarkt schwer. Gäbe es da etwas, was nur im Ansatz international gefragt wäre, könnte die Währungsschwäche dazu beitragen, Russland zu konsolidieren – so wie dieses in anderen Billiglohnländern der gängige Weg ist. Russland – ein Billiglohnland? Mit dem russischen Selbstverständnis ist diese Vorstellung kaum zu vereinbaren.

Das Bargeld geht aus

Ein weiteres, fundamentales Problem ist das drastische Schrumpfen der Währungsreserven. In Kombination mit der enormen Korruption steht hier ein Block der Unbeweglichkeit, der jede Investition und Innovation verhindert. Verstärkt wird der so erzeugte Niedergang durch den nicht zu unterschätzenden Kapitalabfluss. Er zeigt nicht nur auf dem Konsumentenmarkt verheerende Wirkungen.

Das wird sich nicht ändern, und die Oberschicht will ihre hart und sauer erklauten Dollar eben genau dort ausgeben, wo die staunende Welt zuschauen kann. Und nicht in einem wenig mondänen, russischen Pseudo-San-Trop unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit. Denn zu schweigen von den Oligarchen, sind es vor allem die Oligarchengattinnen und -gespielinnen, die alles andere als auf das russische Inland fixiert sind.

Es ist abzuwarten, wie lange Russlands Währungsreserven noch reichen, um die Scharade aufrecht zu erhalten. Offensichtlich ist die Lage deutlich dramatischer als Russland es glauben lässt. Um mindestens 200 Mrd. Dollar sind die Währungsreserven seit dem Krim-Abenteuer gesunken – und sie sinken kontinuierlich weiter. Kurzfristige Erholungen bleiben trendgebunden und sind temporäre Ausreißer. Der aktuelle Stand im Herbst 2015 liegt bei noch 313 Mrd. Dollar. Zum Vergleich: Die Währungsreserven der Bundesrepublik liegen bei knapp 200 Mrd. Dollar. Statt die früher gigantischen Reserven von über 500 Mrd. Dollar für eine grundsätzliche Modernisierung auszugeben hat Putin versucht, mit den Summen, die seine Klauwirtschaft übrig gelassen hat, Weltwährungsmacht zu spielen. Und ist gescheitert. Bezeichnend ist, dass das russische Lewka–Kreditkartensystem, das nach dem Gesetz „Über das nationale Zahlungssystem“ von 2015 im Binnenland verpflichtend ist, zwar als ernster Angriff auf Master und Visa gesehen werden kann, doch lässt selbst eine bezielte Kooperation etwa mit CUP (China) und JCB (Japan) die russischen Kunden in der westlichen Welt nicht autarker werden.

Auch langfristig wird die Einkunftsseite Russlands nicht besser werden. So ist der Iran zurück auf der internationalen Bühne des Energieumschlags und wird künftig noch mehr Öl exportieren – mehr als selbst der OPEC lieb ist. Falls es im arabischen Raum in den nächsten Jahren eine Konsolidierung geben sollte, wird die Lage noch dramatischer und lässt einen weiteren Preisverfall erahnen, der nur künstlich oder mit Einsatz von Gewalt gestoppt werden kann. Russland setzt nun strategisch auf die Erderwärmung und damit auf Rohstoff-Felder in den Weiten Sibiriens, die es hofft im derzeitigen Permafrostboden ausbeuten zu können. Ein weiteres Feld des Kampfes um Rohstoffe ist die arktische Zone – er hat längst mit harten Bandagen begonnen.

Man stelle sich dabei vor, was dieses für die Weltwirtschaft und die planetare ökologische Situation bedeutet. Die dann noch tieferen Preise der Rohstoffe konkurrieren  schon seit Jahren in einzigartiger Weise gegen Zukunftstechnologien und Fracking, was nicht nur die Preisschraube weiter nach unten dreht, sondern geradezu zum Verschleudern der Ressourcen an Energiehunger-Nationen wie China und Indien einlädt. Das sind keine guten Aussichten – nicht für Russland und nicht für die anderen Staaten dieses kleinen Planeten Erde. Ganz  abgesehen von der in jeder Hinsicht ernst gemeinten militärischen Drohung Russlands an die arktischen Anrainerstaaten.

China – vom Partner zum Angstgegner

Russland wird alle verfügbaren Mitteln einsetzten um seine Militärwirtschaft als Geldquelle voranzutreiben. Der Kampfpanzer T-14 Armata und der Luftüberlegenheitsjäger Suchoi T-50 müssen dringend einsatz- und marktfähig gemacht werden. Das würde schnelles Geld bringen und Russland im globalen Spiel noch einmal zumindest zeitweise auf dem Weltwaffenmarkt nach vorn katapultieren. Aber: Der T-14 ist aller Propaganda zum Trotz noch nicht einmal bis zur Einsatzfähigkeit entwickelt, geschweige denn auf seine Funktion ernsthaft getestet. Da fehlen locker fünf bis acht Jahre – und gebaut werden müssen nicht nur der Panzer, sondern vor allem seine Produktionsanlagen auch erst einmal.

Der Suchoi T-50 Jäger ist derart spezialisiert, dass er angesichts der ausgereiften F-22 der amerikanischen Konkurrenz trotz bester Tarnkappeneigenschaften kaum auf Kundschaft hoffen darf. Denn für den Bodeneinsatz, wie der Allzweckabfangjäger F-35 oder der Eurofighter, ist dieser Flieger nicht geeignet und muss für den internationalen Markt erst neu konzipiert werden. Das braucht selbst in einer gelenkten Marktwirtschaft Jahre. China dürfte daher als ursprünglich bezielter Kunde ausfallen. Die seinerzeit verkaufte Totalkonversion des russischen T-15 in den chinesischen Stealthfighter Chengdu J20 ruft übrigens noch heute im Kreml Übelkeit hervor. Ähnliches gilt für die Raumfahrtträgerrakete Chang Zheng und des Raumfahrtmodul Shenzhou 7. Sie sind allesamt Kopien des Sojus-Programmes – und man hätte nach den T-15-Erfahrungen wissen müssen, wie China funktioniert. Nun hat Russland – allen offiziellen Freundschaftsbekundungen zum Trotz – vor China reale Angst – berechtigte Angst.

Verpulverte Investitionen

2007 wurde in Russland ein Investitionsprogramm für die Entwicklung der zivilen Luftfahrt beschlossen. Investitionsvolumen über 250 Mrd. Dollar. Eine schier unvorstellbare Summe für ein am Ende festzustellendes Nullergebnis. Der „Superjet“ 100 (Suchoi) fliegt nach seinem Crash bis heute nicht mehr regulär und liegt wie Blei in den Verkaufsregalen.

Wollte Russland endlich die unverzichtbaren Investitionen in die Erweiterung der Verkehrs- und IT-Infrastuktur anschieben, um endlich auch die eigenen Binnenregionen leistungsfähig anzuschließen, wären auch hier geschätzte 100 Mrd. Dollar notwendig. Um die Leistungsfähigkeit der Regionen dann als Pferdestärken auf die Straße zu bringen, wären weitere Milliarden aufzubringen.

Der Militärkomplex

Russlands industrieller Schwerpunkt liegt seit Sowjetzeiten im sogenannten militärisch-industriellen Komplex. Militärstrategisch betrachtet benötigt Russland in seiner Offensivstrategie dringend eine Seeoffensivwaffe, wie sie die zwei nun von Frankreich nicht gelieferten Hubschrauberträger Mistral sein sollten. Zwar verfügt Russland über deren Baupläne – zum Bau aber ist es gegenwärtig nicht fähig. Hinzu kommt die dringend notwendige Umrüstung von Teilen der russischen strategischen U-Boot-Flotte und nicht zuletzt der Aufbau eines eigenen Satellitennavigationssystems, denn die Abhängigkeit vom amerikanischen GPS ist den Russen nur allzu gegenwärtig und das im Entstehen befindliche, europäische Galileo-System angesichts Russlands Globalstrategie keine Option.

Im Krieg der schon gegenwärtigen Zukunft, dem  Cyberwar, muss Russland ebenfalls noch viel investieren, um Anschluss an die Technologien der USA, Israels und Chinas zu finden.

Im Syrien-Abenteuer würde Russland gern seine letzte externe Militärbasis in Tartus ausbauen. Um an seiner Offensiv-Fähigkeit und -Bereitschaft keine Zweifel aufkommen zu lassen, stehen weitere externe Basen bei Verteidigungsminsiter Schoigu ebenso ganz oben auf der Wunschliste wie künftige, externe Militäroperationen in den bestehenden oder zu schaffenden Krisenregionen dieser Welt. Da wäre es natürlich schon aus Prestigegründen wünschenswert, den Suchoi-SuperJet100 endlich zuverlässig in die Luft zu bringen – woran trotz immer knapper werdender Mittel fieberhaft gearbeitet wird.

Doch damit ist abgesehen von unbedeutenden Kleinprojekten der Rahmen der Möglichkeiten der russischen Volkswirtschaft, substanzielle wirtschaftliche Erfolge zu erzielen, erschöpft.  Nicht nur deshalb hat der auch in diesem Beitrag überproportioniert erscheinende Militärisch-Industrielle-Komplex in Russlands Wirtschaft tatsächlich nicht nur in der Wahrnehmung des Kremls, sondern tatsächlich diese überbordende Bedeutung. Russland ist ein Militärstaat, der durch, von und für das Militär existiert. Mit Ausnahme jener kurzen Phase Jelzinscher Marktöffnung hat sich daran seit Sowjetzeiten nichts geändert.

Für Innovationen in die Zivilwirtschaft bleibt kein Platz. Nicht nur, weil Russland zu schwach ist oder zu wenig Ressourcen hätte, sondern einfach, weil es zu keinem Zeitpunkt über das verfügt hätte, was unter Innovationsklima verstanden wird. Rusland hat nicht nur nichts, das  attraktiv genug wäre, um kreative Geister und verrückte Köpfe, die etwa das große Google-Glück genießen, anziehen zu können und zu halten. Statt dessen findet der Brain-Drain unaufhörlich statt. Denn Ideen kann man eben nicht befehlen – die Gedanken sind frei. Auch jene der leider zu wenigen russischen Kreativen – etwas, das der KGB-Mann Putin nie begriffen hat und nie begreifen wird.

Russlands Ende der Fahnenstange

Wollte Russland allein die militärischen Projekte seiner Ambitionen realisieren,  würde dieses die russischen Devisenreserven erschöpfen, bevor es zu tragfähigen Ergebnisse käme, die der Regierung oder gar der Gesellschaft zu mehr nutzen als zu Potemkinschen Dörfern.

Legt man den globalen Anspruch Russland zu Grunde, wie er durch offizielle Verlautbarungen des Kreml und nahestehender Medien wie Dmitri Kisseljow von Rossija1 definiert wird, und orientiert man sich an Vergleichsprojekten aus der westlichen Welt wie F35, Mistral und ähnlichem, so liegt der unmittelbare Bedarf Russlands, um seine Investitionswünsche zu realisieren, bei weit über 600 Mrd. Dollar. Hierbei sind die technischen Erschließungskosten etwa Sibiriens und der Tundra sowie des arktischen Raumes noch nicht berücksichtigt. Diese sind locker auf weitere, mehrere hundert Milliarden Dollar zu veranschlagen, sodass wir uns einem unvorstellbare Finanzmittelbedarf von bald einer Billion US-Dollar nähern.

Für die USA oder selbst China wären solche Beträge noch leistbar, obwohl beide Länder selbst unter heftigem Finanzdruck stehen. Die USA immerhin könnten mit dem Bonus der auf seine Produktivität bezogenen Kreditwürdigkeit solch eine Aufbauleistung in etwa 20 Jahren stemmen.  Zur Erinnerung: Deutschland hat etwa diese Summe für die deutsche Wiedervereinigung in vergleichbarer Zeit geleistet (wobei die damals vereinbarten Milliardenzahlungen an Sowjet-Russland nicht eingeschlossen sind). Und während es Länder wie Polen und die baltischen Staaten geschafft haben, in der knallharten westlichen Wirtschaft erfolgreich anzukommen, schafft es Russland bis heute nicht, seine wirtschaftlichen Chancen und Möglichkeiten wahrzunehmen.

Die Russische Stagnation basiert auf seiner schon im Binnenfluss verankerten, irrationalen Wahrnehmung seiner selbst in Medien, die kein schnelles Internet benötigen, weil die kyrillisch-sprachige (russisch-niederländische) Suchmaschine Yandex (ein Mix aus dem russischen „Ja“= „ich“ und „index“) genau die Ergebnisse ausspuckt, die erwartet werden. Währenddessen ideologisiert sich die dumm gehaltene russische Jugend wie zu Sowjetzeiten in Freund-Feind- und Schwarz-Weiß-Malerei, organisiert Hexenjagden, die selbst die Inquisition nicht geduldet hätte. So entwickeln sich Ideologien, nicht aber gesellschaftliche Ideen, die ein Land wirtschaftlich und gesellschaftlich voran bringen.

Der russische Savant einer irrealen Scheinrealität

Russland hat die Welt nie verstanden. Aber es ist Meister darin, sich darüber zu beschweren, dass die Welt es nicht versteht oder verstehen will.

Die russischen Antworten liegen heute in den Dugin-gerechten „Lehrbüchern“, die unkritisch Bilder einer unwirklichen, niemals gewesenen Vergangenheit episch aufleben lassen. Fortschritt als menschliches Streben und technologisches Weiterkommen hat in dieser Welt aus national überhöhter Mystik keinen Platz und keinen Wert.

Da es deshalb mehr als unwahrscheinlich ist, dass Russland auch nur einen winzigen Schritt in Richtung einer progressiven zivilisatorischen und kulturellen Entwicklung voran kommt, pflegt es nicht nur verbal mit liebevollem Stolz seine Atomwaffen. Es ist mittlerweile naheliegend, dass dieser Umstand zu einer mentalen Fokussierung des in jeder Hinsicht schwächelnden Riesenlandes geführt hat, die eine über sich selbst hinaus gehende Weltsicht vermissen lässt und mit dieser Binnenwahrnehmung vorbei an jeder Realität das eigene Volk infiziert.

Die Rohstoffabhängigkeit wird sich dabei ebenso wenig ändern wie sich die russische Produktivität in den letzten Jahren verbessert hat. Deshalb wird es selbst dann, wenn der Rubel kurzfristige Erholungspausen einlegt, keine strukturellen Veränderungen oder Verbesserungen geben. Das fundamentale Strukturproblem wird nicht gelöst werden, sondern weiter kumulierende Probleme erzeugen, während die Weltwirtschaft gemessen am BIP Russland weiter davon läuft. Inzwischen liegt der Rückgang des russischen Bruttoinlandsprodukts bei 3,8 Prozent. Trotz der Absenkung des Leitzinses zu Anfang dieses Jahres konnte nicht verhindert werden, dass die Inflationsrate permanent ansteigt. Kalkuliert waren 14 Prozent – jetzt liegt sie bereits bei über 17 Prozent. Das ist mehr als eine kalte Enteignung. Das ist ein Indikator für ein allumfassendes Staatsversagen, wie es sonst nur Krisenstaaten bescheinigt wird. Zwar hatte die russische Regierung 2014 noch mit deutlichen Steuervergünstigungen,  erheblichen staatlichen Stützungen für Großkonzerne und mit massiven Rubelkäufen durch die Staatsbank ohne Erfolg versucht, diesen Umstand abzuwehren – doch erfolglos, wie die aktuellen Zahlen belegen.

Wollte Putin, wollte Russland seinen Weg in den failed state abwenden, müsste sich das Land ein gigantisches Refomkonzept auferlegen, das nicht nur auf der von Putin vollmundig angekündigten Diktatur des Rechts basierte, sondern auch die zahlreichen Demokratiedefizite, die im Investitionsklimaindex eingepreist sind, etwas auffangen können. Davon aber ist die Realität weit entfernt und der Wille zur Veränderung der Zivilgesellschaft ist weder gewollt noch stünde er gar in Aussicht. Dieses im Einzelnen zu beschreiben überspannte den hier gesteckten Rahmen, doch sollen einige Punkte skizziert werden.

  • Die Durchsetzung des Rechtsstaats mit einer umfassenden Rechts- und Gerichtsreform sowie die Neubesetzung der Gerichte (wie auch immer das geregelt wird – da lassen sich Anleihen bei anderen ehemals sozialistischen Staaten wie Polen nehmen) und einer verbindlichen Appellationsmöglichkeit bei internationalen Gerichten.
  • Die Korruptionsbekämpfung durch autonome, parlamentarisch und außerparlamentarisch kontrollierte Gremien.
  • Eine für das gesamte Land verbindliche Verwaltungsreform mit dem Ziel der Verbindlichkeit von Aussagen, Verfahrensabläufen und Modernisierung auf elektronischer Basis mit Prozessverfolgung und dem absoluten Ziel Bürokratieabbau und Schaffung von Transparenz aller Verwaltungsprozesse.
  • Die Entwicklung der Schlüsselindustrien als Wachstumsmotor ohne dauerhafte Subventionierung, vorrangig
    – Telekommunikations- und iTechnologien
    – Land- und Forstwirtschaft mit global wachsender Bedeutung
    – Zivile Luftfahrtindustrie (Suchoi , Tupulev und Iljuschin)
    – Investition in die Rohstofferschließung
    – Wertschöpfung nach der Gewinnung mineralischer Rohstoffe durch Veredelung
    – Life und Health Sciences sowie Health Economy und damit verbunden
    – Chemische Industrie über den Grundlagenbereich hinaus
    – Logistik im Luft- und maritimen Transportwesen als Drehscheiben bis hinein in das arktische Areal.
  • Energetik wird im Kraftwerksbau von Nuklearanlagen ein ausbaufähiges Thema bleiben. Dazu müssten erwartet 50-100 Milliarden investiert werden, um das notwendige Know-how in das Land zu holen und zu verhindern, dass das Geld in Bürokratie und Management versickert, sondern tatsächlich bei den Projekten ankommt.
  • Die Entflechtung von Militär- und Staatsindustrie.
  • Ein Freihandelsabkommen mit der EU.
  • Die Harmonisierung von Hochschul-Curricula und Abschlüssen zur gegenseitigen Anerkennung zumindest innerhalb Europas und damit auch ein zivilgesellschaftlich orientiertes Schulprogramm mit einer undogmatischen und unideologisierten Schulbildung auch im geisteswissenschaftlichen Bereich.

Fazit

Der Gesamtzustand Russlands befindet sich ökonomisch in einer mehr als kritischen Situation. Das Schwinden der Währungsreserven, fehlende Innovation und Produktivität, Kapitalabfluss, Brain-Drain und verfallende Rohstoffpreise und eben auch eine aliberale politische Kultur lassen vorerst keine Besserung erwarten. Gleichzeitig beschädigt der Infrastrukturstau und die Vereinseitigung der politischen Ideenlehre die Attraktivität des Landes zunehmend weiter. Letztlich ist auch die Währungsstärke an die vermutete und erwartete Produktivität eines Landes gekoppelt, was zwangsläufig dann in eine kritische Situation führt, wenn wie in Russland der Wirtschaftsfaktor der Urproduktion eine derart übermächtige Rolle spielt.

Da eine Reformagenda gerade auf den Säulen Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsfreiheit und prozessorientierter Verwaltungsoptimierung basieren muss, sind  Zweifel berechtigt, dass die aufgezeigten Ziele einer unverzichtbaren Agenda auch nur ansatzweise angegangen werden können. Dieses liegt vorrangig darin begründet, dass die dort agierenden Kräfte fest zum System Putins gehören, welches sich damit selbst enthaupten müsste. Russland wird dennoch weder durch wirtschaftliche noch durch militärische Sanktionen kollabieren. Dazu ist das Land zu groß und die Duldungsfähigkeit der Menschen ist derart leidgeprüft, um nicht immer weiter getrieben werden zu können.

Weil das Land immer unattraktiver für Ideen und kreative Gedanken wird, wird Russland mit dem Sytem Putin den Anschluss an die Weltspitze nicht schaffen. Auch steht nicht zu erwarten, dass Russland den erneuten Sprung von der Diktatur zur Zivilgesellschaft über die Konversion  von der Militär- zur Zivilwirtschaft schaffen kann, solange das System Putin besteht. Ursachen  dafür sind neben der Putinschen Kleptokratie die gezielte Polarisierung der Gesellschaft.

Dabei hätte das heutige Russland alle Chancen, sich in seiner Situation neu aufzustellen, wenn es sich als Entwicklungsland begreift, dem niedrige Rohstoffpreise und Währungsstand sowie  eine zwar korrupte, aber strikt organisierte Verwaltung ohne wahrnehmbare politische Opposition alle Chancen böten, die Runderneuerung zu wagen. Russland aber wird diese Chancen nicht nutzen können, weil es den Stellenwert seines Selbstbildes und seines Selbstverständnisses höher stellt als das Wohl von Land und Volk. Und weil sich die Oligarchen und die Putingetreuen mit jeder dieser notwendigen Reformen, die Russlands Zukunftsfähigkeit verbessern könnten, nach ihrem Selbsterleben selbst beraubten. So steht sich Russland mit seinem Putin-gesteuerten Kreml selbst im Weg zu einer Zukunft, in der Russland endlich nicht nur zeigen könnte, zu was es in der Lage ist, sondern auch ein geachteter und gleichberechtigter Partner der anderen Nationen dieser Welt werden könnte – etwas, das nach 1990 auf die Schiene gesetzt zu sein schien und das die Altkader des KGB mit ihrem scheindemokratischen Frontmann Putin radikal zum Entgleisen gebracht haben.

Auf Basis einer Erstveröffentlichung bei HaOlam am 24. 10. 2015

Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf folgende Beiträge:

http://www.rolandtichy.de/gastbeitrag/syrien-planlos-in-die-katastrophe/

http://www.rolandtichy.de/daili-es-sentials/putins-plaene-fuer-syrien-und-warum-merkel-mitspielt/

https://tomasspahn.wordpress.com/2014/05/08/faschismustheorie-und-der-faschistische-totalitarismus/

https://tomasspahn.wordpress.com/2014/04/01/putins-ungewolltes-signal-an-das-reich-der-mitte/

https://tomasspahn.wordpress.com/2014/03/04/putin-mensch-und-macht-psychogramm-eines-strasenjungen/

Das verbotene Interview: Die wirkliche Situation am Donezker Flughafen

Wie aus einer surrealen Welt - Auf dem Flughafen von Donzek.

Wie aus einer surrealen Welt – Der Flughafen von Donzek.

Abschrift eines Interviews bei Echo Moskaus, das am 29. Oktober geführt wurde. Zwei Tage später, am 31. Oktober, hat der russische Föderale Aufsichtsdienst im Bereich der Massenkommunikation Radio “Echo Moskaus” eine Warnung über die Unzulässigkeit des „Extremismus“ erteilt, der angeblich in diesem Interview vorhanden sein soll. Das Interview wurde verboten.
Alexander Pluschew, Redakteur bei Echo Moskaus und Interviewer hier, wurde zwischenzeitlich gekündigt. Der Mitschnitt des Interviews wurde aber auf diversen Internetseiten veröffentlicht.
Das Gespräch ist auch deshalb interessant, weil Timur Olewski, einer der Gesprächspartnern, ein Korrespondent vom Fernsehkanal “TV RAIN” (DOZHD) ist, der in Russland zu den wenigen Vertretern der freien Presse zählt. Olewski hat von Anfang an vom Maidan berichtet, später aus der Krim und dann auch aus der Ostukraine. Sergei Loiko, der zweite Gesprächspartner, ist ein bekannter Militärjournalist und Photograph.

Wr bitten darauf zu achten, dass dies ein Mitschnitt des Gesprächs ist, kein redaktionell verfertigter Artikel.

 

A.Pluschew: Hier ist wieder Alexander Pluschew in der Sendung „Mit eigenen Augen“. Heute haben wir Sergej Loiko im Studio, den Korrespondenten von „LosAngelesTimes“. Guten Abend! Und unseren Kollegen vom „Echo Moskaus“, vom TV-Kanal „Dozhd“ (TV Rain) Timur Olewski. Hallo!

T.Olewski: Guten Abend! Ich werde wie Sergej nicken und nichts sagen.

A.Pluschew: Ja. Reden wir über die Kämpfe um den Donezker Flughafen. So weit ich das verstehe waren sie dort und sind gerade erst zurück, nicht wahr?

T.Olewskij: Hier muss man deutlich machen, wer wo war, nicht wahr, Sergej? Du warst in dieser Hölle am tiefsten drin.

S.Loiko: Ja, ich bin per Anhalter von Kiew aus gefahren und das Ende war meine Reise zum Donezker Flughafen, wo ich vier Tage in dieser….

A.Pluschew: Also, sind Sie von der ukrainischen Seite mit dem Auto gekommen?

T.Olewski: Da kann man von der anderen Seite nicht lebend hinkommen. Da sind doch Kämpfe um den Flughafen und aus Donezk-Richtung kommen die DVR-Söldner, sie versuchen ihn zu erstürmen, und sie schaffen es nicht. Obwohl es nicht ganz stimmt, da gibt es Nuancen, wie die Verteidigung des Donezker Flughafens tatsächlich organisiert ist. Ich, als ich das erfahren habe – Sergej hat es ja einfach mit eigenen Augen gesehen – ich war ganz in der Nähe des  Flughafens, aber nicht direkt drin – und als ich das erfahren habe, ehrlich gesagt, habe ich es gar nicht geglaubt, dass es in einem Gebäude die einen und die anderen Soldaten gibt, sie können buchstäblich einander zuschreien… Granaten einander zuwerfen….

S.Loiko: Ja, da war so ein Moment, als der Kommandeur dieser Fallschirmspringer mit dem Codenamen „Rachman“ buchstäblich aus nächster Nähe da auf einen – wie sie diese da nennen – „Separ“ schießt, der auf dem Flugplatz steht.  Wie in einem Computerspiel schießt er aus nächster Nähe mit seinem Stetschkin APS, sieht sogar den Dampf vom Atem des Separs, und der schießt zurück und läuft weg, versteckt sich in diesem durchsichtigen Gang, der ins dritte Stockwerk führt. Und dieser „Rachman“ steht da so geschockt: „Wieso? Wieso konnte ich ihn nicht erwischen!“ und schreit: „Separ! Separ! Komm’ zurück!“ Doch der ist aber schon über alle Berge.

T.Olewski: Das ist das Gebäude vom zweiten Terminal. Das zweite Terminal. Das erste und das zweite Stockwerk sind von den ukrainischen Soldaten besetzt, und das dritte und den Keller besetzen die Separatisten.

S.Loiko: Das ist dreidimensionale…

T.Olewski: Das ist ein Gebäude, verstehst du….

S.Loiko: … dreidimensionale Einkreisung. In Wirklichkeit sind da zwei Gebäude: Das alte und das neue Terminal. Was die Fahrt zum Flughafen angeht, so ist das Schwierigste an dieser Fahrt  der Eingang und der Ausgang. Das betrifft nicht nur mich, sondern auch die ukrainischen Soldaten, die da regelmäßig hinein müssen um die Verteidiger zu versorgen. Und  sie sind da schon seit fünf Monaten …

T.Olewski: Das muss man natürlich verstehen….

S.Loiko: … mit Wasser, Waffen, Verwundete abholen. Die Jungs rotieren, denn das sind unmenschliche Bedingungen, also die Bedingungen sind einfach … ich weiss nicht, zum Nordpol zu kommen war für Kapitän Scott einfacher als sich dort am Flughafen aufzuhalten.

A.Pluschew: Ich möchte die Aufmerksamkeit unserer Internetzuschauer auf die Bildschirme lenken, da sind die Fotos, die Sergej Loiko mitgebracht hat. Aber besser wären sie gar nicht da, denn die Qualität ist geradezu schrecklich. Ich schäme mich, dass es so aussieht.

A.Pluschew: Verzeihen Sie uns…

S.Loiko: Ok

A.Pluschew: Ne, ehrlich…

S.Loiko: Gut, vergessen wir das

A.Pluschew: Wenn wir die Möglichkeit haben, während der Ausstrahlung…

T.Olewski: Sie sind nur ein wenig dunkel

A.Pluschew: Ja, die Helligkeit einzurichten – das wäre nicht schlecht. Und mehr Licht hinein zu geben, wahrscheinlich. Das sind also die Fotos, die Sie da gemacht haben. Der Weg, der dahin führt…..

S.Loiko: Ja, ich hab’ vom Ein- und Ausgang geredet … erinnern Sie sich an diesen Spruch: „Eingang für einen Rubel, Ausgang für drei“, so ist es hier: Eingang – Leben, und Ausgang – Leben. Also du kommst dahin … kannst dahinkommen, kannst aber auch gar nicht erst ankommen. Und nur in einem Panzerwagen. Die Reise verläuft über eine absolut freie Fläche – man sieht dich von allen Seiten – ungefähr zehn Minuten dauert das. Da gibt es mehrere Stellen: Wenn du fährst, schlägt etwas permanent auf den Wagen ein und daneben explodiert permanent irgendwas. Also, wenn du Glück hast, kommst du durch. Pech – 12,7 Kaliber einer Panzerpatrone aus einem Maschinengewehr NSW schlägt den Panzerwagen komplett durch, tötet alle, die sich darin befinden. Und das Flugfeld von dem Flughafen, also das ist … da gibt es keine Flugzeuge, da gibt es nur ein Schulflugzeug. Steht da ganz weit weg. Dafür ist der Flugplatz komplett mit verbrannten Panzern und Panzerwagen zugemüllt, die da hin- und herfahren wollten und es nicht geschafft haben. Dann diese Panzerwagen, eine Kolonne:  1, 2 oder3 oder 4 – abhängig davon, was gerade geliefert wird – kommen bei dem neuen Terminal an – oder bei dem an, was davon übrig geblieben ist. Und hier ist die schwierigste Stelle, denn hier müssen  alle raus, fangen an zu entladen, und es schießt von allen Seiten. Die eine Hälfte von denen, die sich am Flughafen befinden, gibt dann Sperrfeuer um den Beschuß durch die Separatisten abzuwehren, und der andere Teil der Menschen entlädt die Panzerwagen. Entladen geht so: Man schmeißt einfach alles auf den Flugplatz. Dann, wenn sie alles rausgeschmissen haben, fahren sie wieder weg. Also wer noch am Leben ist, setzt sich in die Panzerwagen, zieht die Verwundeten mit rein, dann fahren die Panzerwagen, wenn sie noch nicht brennen, weg. Und bei Einbruch der Dunkelheit kriechen die Leute aus dem Gebäude heraus und holen alles in das neue Terminal hinein. Zum alten Terminal kann man gar nicht hinkommen, denn das Neue wird nur von zwei Seiten beschossen. Das Alte aber von allen Seiten, und da sind die Separatisten viel näher dran. Vor kurzem gab es da solch’ ein Gemetzel – als bei dem alten Terminal das obere Stockwerk brannte. Es sind viele Menschen gestorben, es gab viele Verwundete. Aber Separatisten gab es im Gebäude nicht. In dem neuen Terminal aber – das ist eine dreidimensionale Einkreisung. Da sind die Separatisten nicht nur rundherum auf dem Flughafengelände, sie sind auch im Keller, der viele Abzweigungen und irgendwelche Ein- und Ausgänge hat – hinter dem Flughafen gibt es einen Ausgang -und im dritten Stockwerk. Und das erste und zweite Stockwerke sind besetzt…..

A.Pluschew: Und das dritte Stockwerk … wie sie …

loiko -vsStabsbesprechung

S.Loiko: Irgendwie jedenfalls kommen sie in den Keller, wobei die einen wie die anderen ständig irgendwelche Ein-und Ausgänge verminen. Aber sie verminen es so, dass sich kein Mensch erinnern kann, wo überhaupt was liegt. Und die Separatisten, wie irgendwelche Geister umgehen hier, springen da. Vor kurzem ist ein Separatist – direkt vor mir – auf den Balkon im zweiten Stock herabgesprungen und hat aus der RPG-18 Mucha eine Granate in den Eingang des Generalstabs der Fallschirmspringer geworfen, und das Geschoss ist direkt über dem Eingang explodiert. Alle sind umgefallen, alle wurden überschüttet. Wenn sie drinnen explodiert wäre, wären alle da gestorben, so aber haben alle, auch ich selbst, nur Quetschungen bekommen.  Dann wollte ein Fallschirmspringer, er hieß Batman und sieht auch aus wie Batman, eine Granate hingeworfen. Die Granate ist aber nicht bis zum Ziel geflogen, sondern explodierte da beim Balkon und wieder sind alle umgefallen.  Überhaupt, alles, was da passiert, wie es aussieht, wie der ganze Flughafen aussieht – das hat so eine epische Dimension.  Man hat das Gefühl, das ist irgendein Filmset, denn so etwas kann es in realem Leben nicht geben! Gleich kommt Spielberg ‘raus und sagt: „Cut! Drehschluss!“ Die Gebäuderuinen sind dermaßen zerstört, dieser ganze Flugplatz ist so ruiniert, alle sind ruiniert … Das ist wie ein Kongresspalast, nur ohne Kongresse und ohne Fenster, und mit verbogenen, zerfetzten und verbrannten Rahmen. Da gibt es keinen einzigen Quadratmeter, der nicht mit Dutzenden Kugeln durchlöchert wäre. Da sind Einschusslöcher überall: Die Decke ist durchlöchert, die Wände sind es. Da ist immer dunkel: Tagsüber halbdunkel, abends absolute Dunkelheit. Wenn tagsüber die Menschen noch irgendwelche Taschenlampen anmachen, irgendwelche Generatoren laden irgendwas auf … Akkus – so gilt nachts: Absolute Dunkelheit und alles absolut abschalten. Keine Taschenlampen, keine Zigaretten. Der Scharfschütze schießt beim dritten Zug … Wenn sie die Magazine ihrer Waffen laden, greift nicht einer zur  Leuchtspurmunition. Sie schießen nicht mit Leuchtspurmunition. Sie witzeln darüber: „Wir schießen nur mit Leuchtspurplatzpatronen!“ Dann die Entbehrungen, die man in diesem Flughafen auf sich nehmen muss. Sie sind schrecklich: Unsägliche Kälte, keinerlei Öfen gibt es dort, überall Durchzug. Alle niesen, husten, man kann sich nirgendwo aufwärmen. Das einzige, was sie sich erlauben können, ist ein heißer Tee aus einem Petroleumkocher. Und die Kocher sind so schwarz-schwarz. Alles ist in absoluter Finsternis, in einer absoluten Dunkelheit. Die Toilette – die ist überall, wo du gerade Glück hast und wo du nicht getötet wirst. Aber Groß geht da längst keiner aufs Klo und Gestank gibt es nicht, weil die Menschen nichts essen. Sie ernähren sich vom eigenen Adrenalin. Alle haben solche Augen … als ich die Fotos gemacht hatte – ich bin ja schon alt und sehe nix – später habe ich mir die Fotos am Computer angeschaut, da war ich erstaunt, was für Augen die Menschen haben. Man kann in irgendeiner gestellten Einstellung solch ein Foto nicht schießen, man kann sowas nicht inszenieren. Da ist immer Action, da sind immer echte Augen, da ist immer eine echter, innerer Zustand der Helden. Es ist so wie ein episches Werk, ein episches Ereignis, das ist irgend so ein auferstandener Tolkien, den ich nie mochte, irgend so ein „Lord of the Rings“, denn das Buch hat keinen Humor, das ist irgend so eine idiotische Fabel. Da kämpft irgendwie das absolut Gute mit dem absolut Bösen, mit diesen Orks.  Hier ist für mich Tolkien zum Leben erwacht. Ich habe gesehen, wie tatsächlich das absolut Gute an diesem Flughafen, den man nicht verteidigen kann, mit dem absolut Bösen kämpft, mit diesen Orks, die den Flughafen von allen Seiten eingekesselt haben, und den Grads, Mörsern usw. beschießen.

loiko -beladenBe- und Entladen am Terminal.

A.Pluschew: – Reden wir doch noch mal über das Gute und das Böse. Ich wollte Timur Olewski fragen: Du meintest, du warst da in der Nähe?

T.Olewskij: In der Nähe, ja. Zum Glück ist es mir nicht wie Sergej gelungen, dahin zu kommen, direkt dahin.

S.Loiko (lacht): Hättest dich vor den Panzerwagen stellen und winken sollen.

T.Olewski: Ich hab’ mich sogar dumm angestellt. Ich erzähle mal die Geschichte. Um zum Flughafen zu gelangen, muss man mehrere Stationen an Erlaubnissen durchgehen, zumindest gilt das für die russischen Journalisten, und dann ins Dorf Peski kommen, wo auf der vordersten Linie die ukrainischen motorisierten Brigaden stehen: Die Artilleristen und die Fallschirmspringer, und wo die Panzerwagen zum Flughafen abfahren, die „Schwalben“, wie sie diese nennen. Da sind nach meinen Erinnerungen….

S.Loiko: Plappere doch nicht alle Geheimnisse aus….

T.Olewski: Also, die fahren da ständig hin- und her. Das ist kein Geheimnis, denn der Funkverkehr ist da offen, da ist alles offen. Also, schau mal, das ist die Geschichte. Da ist jede Ausfahrt ein Kampf. Zumindest das, was Sergej erzählt, hat er unmittelbar dort gesehen. Und ich habe gesehen, wie die Vorbereitung mit diesen Panzerwagen abläuft. Das ist ein Kampf. Jede Fahrt – das ist eine Artillerievorbereitung, und zwar auf beiden Seiten. In Peski war ich in der 79. Brigade – da sind Artilleristen, Mörserschützen, die…

S.Loiko: Die 79. Brigade sind Fallschirmspringer.

T.Olewski: … Die Einheit der 79. Brigade, wo ich war, das waren Mörserschützen, das waren Artilleristen. Ich habe unmittelbar bei den Artilleristen gelebt. Da war auch der „Rechte Sektor“, der da irgendwelche eigene Sachen macht. Die sind übrigens auch da am Flughafen, ein kleiner Teil vom „Rechten Sektor“. Aber ich habe auch die Kämpfer vom „Rechten Sektor“ gesehen, die Peski säubern – also sie fangen da die Richtschützen ab. Als ich davon gehört habe, dass die Richtschützen da abgefangen werden – ich war ja auf der einen wie auf der anderen Seite – habe ich gedacht, sie fangen einfach nur Leute ab, die sie nicht mögen. Aber hier habe ich zum ersten Mal gesehen, wie das aussieht, was ein Richtschütze ist. Das ist, wenn im zerstörten Haus gegenüber deiner Artilleriestellung, wo niemand wohnt, nachts das trübe Licht einer Taschenlampe zu sehen ist, so eine Blaulichttaschenlampe. Das sind dann also Aufklärer und die finden die Stellungen, die ein paar Minuten vorher verlassen wurden. Wenn solch ein solcher erfolgreicher Richtschütze auftaucht, dann beginnt schnell auf die Stellung der Artilleriebatterie ein Geschosshagel herunterzufallen. Sich davor verstecken kann man faktisch nur in den Panzerwagen. Obwohl sich die Menschen, die da ihren Dienst leisten und immer bei ihren Mörsereinheiten sind, sich längst nicht mehr verstecken. Sie sitzen in Hallenanlagen, gehen zu ihren Stellungen hinaus und betrachten den Beschuss völlig phlegmatisch indem sie so denken: „Wenn eine GRAD ins Dach einschlägt- passiert nichts. Wenn es aber von einer Selbstfahrlafette ist, werden wir eh alle getötet“. Sonst passiert nichts. Und das ist ein Ort, von dem man den Streifen sieht, also den Tower, wo auch die ukrainischen Soldaten sind. Auf dem Tower gibt es zwei …

S.Loiko: Also, es gibt drei Stellen: Das alte Terminal, das neue Terminal und der Tower werden von den ukrainischen Streitkräften kontrolliert.

T.Olewski: Ja, der Tower. Das ist glaube ich, die Stelle, die am meisten zerschossen ist.

S.Loiko: Das ist die höllische Hölle da.

T.Olewski: Ja, höllische Hölle. Da kann man sich überhaupt nicht aufhalten. Und die Menschen, ich weiß nicht, wie lange sie da schon sind, aber ich habe gesehen, habe selbst die Bitten eines Scharfschützen gehört, der da am Tower saß, ihn endlich auszuwechseln, weil er zwei Tage später Hochzeit haben sollte – so ungefähr. Und sein Kommandeur hat ihn gebeten, noch eine Zeit lang zu bleiben, um dem Neuen alles erklären zu können, ihm zu helfen, sich zurechtzufinden. Es ist sehr schwer, dieses Gespräch wiederzugeben, aber es ist das Gespräch eines Menschen, der darum bittet, ihn drei Stunden früher als nötig zu entlassen, weil er leben will, und der andere bittet ihn darum, noch drei Stunden an einem Ort zu bleiben, an dem er in diesen drei Stunden nicht getötet werden kann. Und sie reden, und der Kommandeur schafft es , den Bräutigam zu überreden an dem Ort zu bleiben, an dem er in zehn Minuten tot sein kann. Dabei war er da schon sehr lange Zeit und zählt jede Minute, die ihn vom Erscheinen seines Rettungspanzerwagens trennt.

A.Pluschew: Unser Publikum, gleich mehrere Menschen, stellen uns ein- und dieselbe Frage: „Was ist der Sinn, diesen Flughafen so lange zu halten? Wozu braucht ihn wie die eine oder die andere Seite?“

S.Loiko: In diesem Zusammenhang erinnere ich mich immer an einen Film, den Film aller Zeiten und Völker, den epischsten Film, den epischsten Spaghetti-Western, den ich in meinem Leben gesehen habe. Ein Film vom Sergio Leone: „The good, the bad and the ugly“. Da suchen ein paar Bösewichte vor dem Hintergrund des epischen amerikanischen Bürgerkrieges nach einem Sack Gold. Und da gibt es einen Moment, wo sich die zwei Bösewichte – Clint Eastwood und Eli Wallach – dem Fluss nähern, den sie nicht bezwingen können. Sie können es nicht, weil über dem Fluss eine Brücke ist um die ein schrecklicher Kampf tobt: Auf einer Seite die Nordstaatler und auf der anderen die Konföderierten. Sie Südstaatler wollen dieses strategische Objekt einnehmen und die Nordstaatler wollen es halten. Die beiden Bösewichte sitzen am Ufer unter Beschuss – sie wissen nicht, was sie tun sollen. Nachts sprengen sie die Brücke und legen sich dann schlafen – wachen morgens auf: Keine Brücke, weder die eine Armee noch die andere ist noch da.

T.Olewski: Ungefähr so, ja.

S.Loiko: Hier ist es das Gleiche. Wenn man einfach nur die Startbahn sprengt, alles in die Luft sprengt, was noch von diesem Flughafen geblieben ist … Ich wundere mich eh, warum das nicht zusammenstürzt, dieses ganze Gebäude, das zu 95% aus Löchern besteht … Da gibt es sehr viele Gründe. Naja, irgendein Oberst wird Ihnen sagen, dass es eine strategische Höhe ist. Wenn wir die aufgeben, öffnet sich der Weg nach Peski, und sie werden hin- und her laufen … Für die Mehrheit derer, die dort sind, ist es aber eine symbolische Angelegenheit, es ist so ein ukrainisches Stalingrad. Also gilt „kein Schritt zurück, keinen Fußbreit Land geben wir hier auf“.

T.Olewski: Das ist wirklich sehr verwunderlich. Scheint doch so, dass da Menschen sein sollten, die es verlassen wollen sollten. Ich habe aber keinen einzigen gesehen.

S.Loiko: Ich erkläre das mal. Alle, die während meiner vier Tage da waren – sie alle waren Freiwillige. Nicht in dem Sinne, dass sie als Freiwillige zur Armee gekommen sind – solche sind nur beim „Rechten Sektor“ als Freiwillige, und das ist nur eine Handvoll der ganzen Besatzung. Es waren ja alle dort: Aufklärer, SEK-Soldaten, Fallschirmspringer, Artilleristen – alle. Und jeder von ihnen – und da war auch jedes Alter, von 45 bis 18 – jeder war ein Freiwilliger. Man hat sie gefragt: „Wer will zum Flughafen?“ Sie waren alle nach vorn getreten und sind hingekommen. Mehr noch, in Peski, wo ich mehrmals viel Zeit verbrachte habe, wo eine große Einheit der ukrainischen Streitkräfte stationiert ist – da träumt jeder Soldat davon, in den Flughafen zu kommen. Für einen echten ukrainischen Soldaten, für einen Patrioten der Ukraine, ist es das wahre Geheimzimmer aus „Picknick am Wegesrand“ von Strugazki, aus „Stalker“ von Tarkowski, wo er in das Haus gelangt und ihm bewusst wird, warum er, der ukrainische Mann, existiert. Das ist das eigentliche Missverhältnis … Eigentlich ist dieser ganze Krieg keine hohle Nuss wert. Es gab keine Gründe, ihn anzufangen. Bei den Spitzseitigen und den Stumpfseitigen in „Gulliver“ von Swift – sogar bei denen gab es mehr Gründe sich zu töten als hier. Dieser ganze Krieg ist erfunden. Und hier, in dieser neuen Stalingradschlacht, gibt es auch keinen Sinn, weder die eine noch die andere Seite braucht dieses Mägdebein, diese Überreste eines verbrannten, gesprengten Flughafens.

T.Olewski: Jetzt ist die Politik auch…

A.Pluschew: Warte eine Sekunde. Ich möchte Euch beide noch eins fragen: Ist er denn schon in so einem Zustand, dass ihn nicht einmal mehr die Luftwaffe benutzen könnte?

T.Olewski: Na, die Startbahn wurde nicht gesprengt.

S.Loiko: Russische Transportflugzeuge können da im Prinzip landen.

T.Olewski: Die können auch auf irgendwelchen Erdpisten landen.

S.Loiko: Das war eine der besten Startbahnen Europas, die längste. Da könnten all diese „JumboJets“ landen, diese großen Transportflugzeuge. Im Prinzip also ja, die Ukrainer haben sie noch nicht gesprengt.

T.Olewski: Hier muss man verstehen, dass der Flughafen ein Teil von Donezk ist, er ist ein Bezirk in Donezk. Solange der Flughafen ukrainisch ist, ist Donezk nicht vollständig unter der Kontrolle der DVR, und wenn die Frage über die Trennungslinien aufkommen wird, wird dieses bedeuten, dass Donezk keine Stadt ist, die ganz der DVR gehört. Also wird man sie teilen müsse. Ich denke, vielleicht ist das irgend so eine politische Geschichte. Vielleicht hat der Gouverneur Sergej Taruta vor seinem Rücktritt die Wahrheit darüber gesagt, dass es einen Plan gibt des Umtausches vom Donezker Flughafen gegen einen Teil vom Territorium, das sich bei Mariupol befindet und von den Söldnern besetzt ist, oder gegen irgendeinen anderen Teil des Territoriums. Womöglich braucht man ihn deswegen. Aber hier sprechen wir lieber wieder  aus der Sicht der Soldaten. Also, ich habe drei Tage lang mit diesen Soldaten gelebt und sie denken über so einen Umtausch nicht nach, auch wenn sie darüber diskutieren. Ich habe Männer gesehen, die 45 sind, die in die Armee nach einer Benachrichtigung gekommen sind. Das sind Menschen mit ein bis zwei Universitätsabschlüssen, im Leben absolut fest auf den Beinen. Die Mehrheit davon hat ihren Verwandten nicht erzählt, wo sie sich befinden, und haben darum gebeten, sie nicht zu fotografieren. Also, sie sagen alle, dass sie bei Mykolajiw sind, damit die alte Mama sich keine Sorgen macht. Und alle sind als Freiwillige dahin gekommen, also sie haben extra drum gebeten: „Entsenden Sie uns nach Peski.“ Sie sprechen alle russisch – das ist sehr wichtig. Manche von ihnen sagen, dass sie gar keine andere Sprache als Russisch sprechen und keinen einzigen Tag in ihrem Leben Ukrainisch gelernt haben. Dabei hat mir einer von diesen Menschen gesagt, dass er Russland hasst. Ich frage: Wie kann das sein?

A.Pluschew: Dabei sind ein Teil von ihnen sogar ethnische Russen.

T.Olewski: Absolut. Sie sind nicht nur Russen, sie sind auch in die ukrainisch-sprachige Kultur überhaupt nicht integriert. Sie verteidigen ihre Heimat, das ist für sie ein prinzipieller Moment. Überhaupt haben sich da Menschen versammelt, die glauben, dass sie bis zu der Grenze durchmarschieren und die Ukraine befreien sollten von dem, was in der DVR passiert. Und natürlich sagen Sie, dass sie gegen Rus… einen Krieg führen  – alle, die da sind. Das Erstaunliche daran … Ich weiß nicht, ich möchte keine populistischen Vergleiche in diesem Sinne führen, aber mir schien es tatsächlich, dass ich gesehen habe, was sein kann, wenn man gute, gutmütige Menschen zur Weißglut bringt. Das betrifft speziell die reguläre Armee, die sich zum Beispiel in der Artilleriebatterie dort befindet. Sie sehen so aus, wie ich sie gesehen habe. Und dass sie Rosenbaum hören und die ganzen afghanischen Songs (Lieder in der SU nach dem Afghanistan-Krieg) und sich den „Bruder-2“ anschauen und bekriegen die Menschen, die auf der anderen Seite sind, ich denke….

A.Pluschew: Machen genau das Gleiche.

T.Olewski: Ich denke schon. Oder wahrscheinlich ein Teil von ihnen macht das Gleiche. Das beeindruckt sehr. Ich habe Menschen gesehen, die im Krieg fast gar nicht schimpfen.

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Vorstoß …

S.Loiko: Ich möchte noch ergänzen, dass die Operationssprache bei den Armeeangehörigen am Flughafen Russisch ist. Im Funk sprechen alle Russisch. Da gibt es keine ukrainische Mowa. Mich hat beeindruckt, dass ich tatsächlich weder in kritischen Situationen noch in Notfällen, noch unter Beschuss von jemandem Schimpfworte gehört habe. Und auch, dass es eine reine, zivilisierte, praktisch literarische russische Sprache war. Weil die Mehrheit dieser Menschen intelligente, gebildete Menschen sind. Es waren keine Assis, keine Soldaten, die irgendwo in den Dörfern ausgegraben und wie Kanonenfutter hin befördert wurden. Und außerdem beeindruckte mich, dass fast die Hälfte, wenn nicht die Mehrheit derer, die mit mir am Flughafen waren, Offiziere waren. Und ich habe keine kuprinsche, dann sowjetische, dann russische Offiziersfrevelhaftigkeit gesehen. Es war Bruderschaft. Ein Soldat und ein Offizier haben aus einer Tasse getrunken, sich gegenseitig beschützt, Schulter an Schulter, sie haben sich per Du gesprochen. Aber wenn einer ein Älterer war und der andere ein junger, dann könnte man vielleicht auch ein „Sie“ hören. Ich habe beobachtet, wie ein Major, Walerij Rudj, er ist schon 40 und war sein ganzes Leben lang ein Berufssoldat, also da vermint er diesen einen Eingang. Und in diesem Moment fängt der Kampf an, der Beschuss, und der Junge aus dem „Rechten Sektor“ ist da in einer ganz schrecklichen Situation und versucht aus dem Maschinengewehr irgendwohin zu schießen. Dieser Walerij rennt da über den feuerbedeckten Raum und schreit: „Junge, das ist mein Krieg. Rutsch’ mal!“, schubst den Jungen weg und in diesem Moment explodiert da irgendwas in der Nähe. Hätte er ihn nicht weggestoßen, wäre der Junge gestorben. Dann stellt dieser Walerij das Maschinengewehr so auf, wie man es soll, und fängt den Kampf wie ein echter Soldat an zu führen. Er führt ihn, bis er zur Ende ist, und dann geht er weiter, seine Sachen machen. Er hat nur diesem unbekannten Freiwilligen das Leben gerettet.

Aber der erstaunlichste Moment war für mich, als man den Panzersoldaten nach Hause schickte. Also, da war der Panzer. Der Panzer ist verbrannt…

S.Loiko: Ich habe darüber in meinem heutigen Artikel bei „Los Angeles Times“ erzählt, der auf der ersten Seite mit dem Hauptfoto abgedruckt wurde. Ich prahle gerade: Das ist bei mir der dritte Artikel als Hauptartikel und Hauptfoto in Folge. Heute ist es erschienen, und das war diese Episode: Die Heimkehr des Panzersoldaten. Es war also ein Panzer, und der ist verbrannt. Die Besatzung waren drei Mann, sie sind brennend hinausgesprungen. Ein Scharfschütze hat niemanden ausgelassen, hat sie getötet. Zwei hat man herausziehen können. Aber dann kam ein Mörserbeschuss und der Dritte wurde von einer Explosion einfach zerfetzt. Man konnte ihn nicht finden. Einige Tage später haben die Jungs so ein großes Stück seines Oberschenkels entdeckt. Also hat ein Gespräch angefangen: „Wir müssen den Panzersoldaten nach Hause schicken“. Aber wie den abschicken? Dazu muss man auf den Flugplatz hinausgehen und eine Kugel in jeden Körperteil abbekommen, um dieses Stück eines toten Menschen nach Hause zu schicken – ich würde es so sagen. Und als der Kommandeur gefragt hat: „Jungs, das ist echt eine tödlich gefährliche Sache. Wer geht denn?“  – haben sich alle gemeldet. Und dann sind zwei sofort aufgestanden. So ein Scharfschütze, Slawik, und ein Soldat, Mischa. Als die Panzerwagen kamen, wurde schon das Feuer auf den Transport gelenkt, und sie sind auf den Flugplatz hinausgelaufen, haben ihre Gewehre und das Scharfschützengewehr abgelegt, haben einen Tragekasten gefunden, haben dieses Bein gefunden – unter Beschuss. Das war vor meinen Augen, ich stand daneben und hab’s aufgenommen. Also stehen wir da zu dritt, sie legen dieses Bein in diesen Kasten und da zerschießt eine Kugel den Kasten, nur die Holzsplitter fliegen, alles klirrt um uns herum. Sie schließen diesen Kasten und binden ihn unter Beschuss mithilfe eines Stacheldrahtes an dem Panzerwagen fest, dann laufen sie los, schnappen ihre Waffen und führen den Kampf weiter. Diese Jungs haben 30 Sekunden lang ihr Leben riskiert, absolut ihr Leben für ihren toten Gefährten riskiert.

T.Olewski: – Mit einer fast 100% Wahrscheinlichkeit.

S.Loiko: Und dieser Slawik sagte mir dann: „Also ich will nicht, dass ich auf so eine Art und Weise nicht nach Hause komme, und mich auf einem Flugplatz die Hunde auffressen.“ Sie sind absolute Helden. Eigentlich hasse ich es, den Krieg zu romantisieren, aber ich erinnere mich im Zusammenhang mit diesem Mini-Stalingrad an die Gedichte meines Lieblingsdichters Semjon Gudsenko (Pawel Kogan), der mit mir im gleichen Haus wohnte, aber zu einer anderen Zeit. Und da war so ein kurzes Gedicht:

Wir legen uns, wo es sich hinlegt. Und da steht man nicht auf, wo es sich hinlegt. Und erstickt am „International“ Mit dem Gesicht fallen wir ins trockene Grass. Und nicht mehr aufstehen, und nicht mehr in Annalen kommen, Und nicht mal den Liebsten findet man Ruhm.

loiko -verbrannte „Wir müssen den Panzersoldaten nach Hause schicken …“

A.Pluschew: Ich denke, das ist einfach eine emotionale Anspannung, die von Ihnen auf unsere Apparatur übergeht, Sergei, leider. Sergei Loiko hat unsere Apparatur richtig drangenommen, wie man so sagt. Wir sind in ein anderes Studio umgezogen.

S.Loiko: Ich habe den Kampf hierhin übertragen.

A.Pluschew: Sieht ganz so aus. Wir haben nicht mehr so viel Zeit und hier gibt es ganz viele Fragen von unserem Publikum. Sie beziehen sich auf das Thema, das Sie, Sergei, ganz am Anfang angesprochen haben, über das absolut Böse und das absolut Gute. Wenn man es von hier aus beobachtet, vielleicht von anderen Orten aus …  jemand schickt uns hier einen Gruß aus Chicago, zum Beispiel. Unsere Rundfunkhörer schreiben: „In einer Armee, die ihr Volk vernichtet, können keine Helden sein“.

S.Loiko: Haben sie das im Fernsehen erfahren?

A.Pluschew:  Ich weiß nicht, sagt mir ja keiner. Ich lese Ihnen nur die Reaktion vor.

S.Loiko: Alex, ich habe im ukrainischen Krieg das letzte halbe Jahr verbracht. Ich weiß nicht, welche Armee ihr Volk vernichtet, denn diese Armee, deren Volk da ist – sie vernichtet es nicht. Und die Armee, die es aber vernichtet – das ist nicht die ukrainische Armee.

T.Olewskij: Ich kann über Peski erzählen, zum Beispiel, das ist unmittelbar neben dem Flughafen, wo ein paar Wohnhäuser geblieben sind, die Anderen sind weggefahren. Es gibt Menschen, die aus irgendwelchen Gründen  – das gibt es auch – sogar dann nicht wegfahren wollen, wenn die Häuser explodieren. Und die Armee versorgt sie, und sie versorgen die Armee. Sie haben, wie man so sagt, gute Beziehung zu einander, und „massenhafte Säuberungen“ von Menschen, die dort leben und theoretisch vielleicht sogar mal die DVR unterstützt haben – so etwas gibt es dort nicht. Ich habe eine andere Geschichte gesehen, sie schien mir sehr wichtig zu sein. Diese Geschichte ist am Donezker Flughafen passiert, am Freitag, glaube ich, als ich da war, da hat die Artillerie, die GRAD der Separatisten, aus einem Donezker Bezirk die Stellungen der anderen Separatisten im anderen Donezker Bezirk unmittelbar am Flughafen zerschossen. Sie haben den ganzen Tag gebombt, wonach…

A.Pluschew: Die Separatisten haben andere Separatisten gebombt?

T.Olewski: Ja, und es waren wohl verschiedene Gruppierungen, das kann man nicht erklären: ukrainische Armee gab es da jedenfalls nicht.

A.Pluschew: War das zufälliges friendly fire?

S.Loiko: Das ist ein Konflikt.

T.Olewski: Das dauerte mehrere Stunden. Sie haben einander fünf Stunden lang beschossen, anschließend haben sie das Feuer auf die Stellungen der ukrainischen Armee gelenkt, und die ukrainische Armee wurde an dem Abend ziemlich stark beschossen, die Stellungen am Flughafen und in Peski. Aber davor hatten sich die Separatisten stundenlang gegenseitig beschossen. Was das war, weiß ich nicht. Aus irgendwelchen Gründen haben sie herumgezankt, und wer sich in dem einen komischen blauen Gebäude am Flughafen aufgehalten hat, das sie aus einem Wohnviertel von Donezk aus beschossen haben – wobei … weiß ich nicht, vielleicht ist es gar nicht mehr ein Wohnviertel, aber an der Richtung hat man gesehen, woher sie schießen.

S.Loiko: Die Sache ist, dass die ukrainischen Armeeangehörige, die Artillerie und GRAD haben- das  sind professionelle Soldaten.

T.Olewski: Andere gibt es da gar nicht.

S.Loiko: Und diese DVR- und LVR-Leute – das sind die Affen mit einer Granate, die auch das Flugzeug abgeschossen haben.

T.Olewski: Da gibt es auch relativ professionelle Leute.

S.Loiko: Es gibt ein paar Berufssoldaten, aber ansonsten ist es ein Haufen Söldner, denen Technik zugesteckt wurde, von der sie gar nicht verstehen, wie man sie benutzt. Sie schießen auf alles, was herumsteht.

T.Olewski: Ich glaube, es hat sich jetzt alles geändert, Sergei. Da bin ich mit dir nicht einverstanden. Das, was du jetzt sagst, das ist eine Situation, die ungefähr ein Monat zurückliegt. Sie hat sich prinzipiell verändert, nachdem da Menschen aufgetaucht sind, die ukrainische Armeeangehörige absolut eindeutig als russische Armee bezeichnen. Da hat sich prinzipiell die Qualität der kämpfenden Menschen verändert. Eine andere Frage ist es, dass da eine starke Gruppierung die anderen abschießt, weniger loyale und hörige Gruppierungen. Zumindest sieht es so aus. Vielleicht ist es nicht so, es sieht aber schwer danach aus.

A.Pluschew: Und noch eine Frage, wegen der Separatisten und der ukrainischen Armee. Bei uns wurde im Fernsehen sehr viel gezeigt, wie aus der Richtung des Flughafens die Wohnviertel von Donezk mit Artillerie beschossen werden.

S.Loiko: Darf ich mal sofort darauf antworten. Jungs, ich enthülle hier ein Militärgeheimnis: Von der Seite des Flughafens kann man überhaupt keinen Artilleriebeschuss durchführen, denn da gibt es keine schrecklichere Waffe als ein Kalaschnikow-Maschinengewehr.

T.Olewski: Da gibt es Minen.

S.Loiko: Da gibt es keine Mörser. Ich habe mich an eine weitere Episode erinnert, wollte hinzufügen, worüber wir gesprochen haben: Ich habe da mit einem Jungen gesprochen, Sergej Galan – das ist ein Journalistik-Student aus Tscherkassy. Sein Vater ist ein russischer Oberst, bis jetzt ist er ein russischer Oberst. Und er ist aber ein ukrainischer Soldat, ein Fallschirmspringer. Und bevor er in die Armee gegangen ist, und bevor er zum Flughafen gekommen ist, hatte er seinen Vater angerufen oder der Vater ihn. Und der Vater, der von dieser schamlosen, verbrecherischen Lüge des russischen Fernsehens zombiert wurde…

T.Olewski: Das ist absolut richtig.

S.Loiko: – Der Vater hat ihm gesagt: „Du wirst doch auf deine Brüder schießen!“ Und dann hat sein Sohn gesagt: „Welche Brüder, Vater? Dieselben Brüder, die in mein Land mit Waffen gekommen sind, was für Brüder sind es?“

T.Olewski: Jetzt wegen des Beschusses. Ich kann nur das sagen, was ich selbst gesehen habe. Ich habe eine bestimmte Menge an Mörsern gesehen, kann nicht sagen, wie viele – wahrscheinlich habe ich versprochen, es nicht zu sagen – die in unmittelbarer Nähe vom Flughafen stehen, diese 120-Millimeter Mörser, aber jeder davon ist auf ein bestimmtes Ziel gerichtet, das die ukrainischen Soldaten am Flughafen beschützen soll. Jeder ist auf ein konkretes Ziel gerichtet, und gerichtet sind sie sehr gut. Nur wird keiner einfach so herumschiessen. Da hat jeder Schuss eine bestimmte Bedeutung. Warum? Weil alle die Waffenruhe verfluchen, die ausgerufen wurde. Die ukrainische Armee – das, was ich gesehen habe – befolgt diese äußerst penibel, sogar wenn die Flughafenstellungen aus Schützenwaffen, also aus Maschinenpistolen, Scharfschützengewehren und anderem beschossen werden, kommt im Funk der Befehl: „Nicht mit Artilleriefeuer antworten, denn das ist eine Provokation, wir antworten nicht auf eine Provokation“. Der erste Schuss, den ich am Freitag gehört habe, der von diesen Mörsern ausging und auf die Stellungen der Separatisten am Flughafen geflogen ist, war eine Antwort auf die angeflogenen Geschosse von den Stellungen in Pestowo. Als der Artilleriebeschuss angefangen hatte, gab es eine Artilleriefeuererwiderung, aber das waren nur ein paar Mörser. Sie waren auf eine bestimmte Stellung am Flughafen gerichtet. Anzunehmen, dass aus irgendeinem Grund dieses Geschoss bis in die Stadt geflogen ist – also, bei der Batterie, bei ich war, kann man sich das unmöglich vorstellen. Vielleicht gibt es irgendeine andere Artillerie. Eine andere Frage ist, dass ich persönlich diese  nie gesehen habe. Aber ich möchte sagen, dass die Ukraine auf die Artillerie jetzt antwortet, aber sehr kärglich, sehr. Denn es ist Waffenruhe, und sie verfluchen es, befürchten aber, diese zu brechen.

S.Loiko: Vor meinen Augen schreit ein Kommandeur: „Jetzt kommen unsere GRAD. Sie werden hier sehr nah dran sein, wissen Sie, sie könnten daneben schießen, darum alle bitte in Deckung“.  Als die Infanterie der Separatisten zum Sturm auf den Flughafen losging, hat die Artillerie auf sie geschossen, aber die Artillerie ist so akribisch gewesen, dass sie fast den ganzen Flughafen zerschossen hat, weil alles explodierte, wackelte und auseinanderfiel. Jungs, wenn die ukrainische Armee, wie es in eurem Fernsehen erzählt wird, das ukrainische Volk vernichten wollen würde, hätte sie es längst getan. Das ist mein 25ter Krieg. Meine 25te Kriegsdienstreise.

Ich war bei der Vernichtung von Grosny in 1995, ich war bei der zweiten Vernichtung von Grosny in 2000. Da wollte man das Volk vernichten – und sie haben die Stadt vernichtet, haben sie vom Erdboden verschwinden lassen, zwei Mal. Hier, schauen Sie sich doch Slowjansk an. Wieviel die ganzen zombierten Jungs herumgeschrien haben, dass da GRAD auf die Stadt schießen. Kommt doch nach Slowjansk – und Ihr werdet nicht mal verstehen, wo Ihr seid. Ganz normale Stadt, leben alle, der Strom ist an. Ja, ein paar zerstörte, halbzerstörte Häuser. Und in Donezk?
Ja, es gibt auch irgendwelche zerstörten Häuser, zerstörte Versorgungsleitungen. Aber das ist kein Vergleich zu Grosny. Und in Grosny hat man ja eine sogenannte Antiterroroperation durchgeführt. Wo ist denn bei uns Stalingrad bitte, und wo ist die antiterroristische Operation? Und überhaupt, wenn man von Stalingrad spricht, erinnert mich dieser Krieg an einen Krieg, bei dem ein Land heimtückisch das andere überfallen hat. Und da war eine eigene Brester Festung.

A.Pluschew: Hier eine persönliche Frage an Sie, Sergei: „Wie können Sie mit so einer lauten Pathetik ein Journalist sein? Ich fühle mit Ihrer Haltung durchaus mit, – schreibt Oleg aus Moskau, – aber mir würde nicht in den Sinn kommen, in solchen Fällen derartige Hosianna auf die eine oder die andere Seite zu singen“. Interessant, was meint er denn mit „in solchen Fällen“….

S.Loiko: Ich glaube nicht, dass ich irgendwelche Hosianna singe. Ich erzähle nur das, was war. Und jetzt erzähle ich nicht wie ein Journalist, sondern wie ein Mensch, der da als Zeuge war. Ich erzähle das, was ich gesehen habe: Was ich singe, kenne ich. Lesen Sie doch meine Artikel, wenn sich jemand interessiert, bevor Sie mich verurteilen.

A.Pluschew: Man kann ja auch Fotos bei Ihnen im FB schauen.

S.Loiko: Ja, es ist eine ganze Reihe von Fotos in der „Los Angeles Times“ veröffentlicht worden, und ich habe noch eine ganze Galerie bei FB gepostet – sollen sie doch schauen. Und ich habe hier die Brester Festung gesehen – das war das Sawur-Mohyla. Dann habe ich auch noch die Kessel gesehen, wie es die in 1941 gab. Hier ist dieses Mini-Stalingrad. In Stalingrad wurde das Rückgrat des deutschen Faschismus gebrochen, nach dem sowjetischen Klischee. Und hier habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen, wie in diesem Mini-Stalingrad das Rückgrat was weiß ich wovon gebrochen wurde – vom Faschismus oder nicht- aber von diesem Mordor, diesem Orktum, diesem sinnlosen blutrünstigen Terrorismus – das ganz bestimmt, das wurde gebrochen. Für mich gibt es keinerlei Zweifel daran, dass die DVR, die LVR erdichtete künstliche, halbfaschistische Organisationen sind, deren Aufgabe es nicht ist, etwas für das ukrainische Volk zu tun, es glücklich zu machen, sondern nur eine endlose Zone eines Alptraumes zu erschaffen, die Ukraine in diesen Flughafen zu verwandeln. Wer das braucht – das kann ich nicht beurteilen.

T.Olewski: Was man noch ergänzen möchte. Ich habe mit meinen eigenen Ohren gehört, wie die ukrainischen Armeeangehörige das Geschehen in Peski einen Großen Vaterländischen Krieg nennen, mehrmals wurde es von verschiedenen Menschen bei verschiedenen Lagerfeuern ausgesprochen, das ist einfach ein Gedanke. Ich habe dasselbe auch in Horliwka gehört, von den Menschen, die dem Besler seine Panzerwagen reparieren.

A.Pluschew: Von der Seite der Separatisten. Du musst das erläutern, weil du schon so tief in dieser ukrainischen Geschichte drin bist …

T.Olewski: Ja, weil ich ja in der Ukraine und in Donezk schon mehrmals war …  Und hier muss man verstehen, dass Horliwka eine andere Geschichte ist. Es wird von einem komischen Offizier regiert, der seine eigene Vorstellungen von Gut und Böse hat, eigene Vorstellungen davon, was er alles entscheiden darf…

S.Loiko: Welcher Offizier!

T.Olewski: Nein, nein – er ist ein Offizier der sowjetischen Armee.

S.Loiko: Genau das meine ich.

T.Olewski: Schauen Sie, er entscheidet, wer das Recht auf Leben hat und wer nicht. Er hat irgendwelche eigene Vorstellungen davon, wie es gut sein soll und wie es schlecht sein soll. Jetzt verhandelt er mit der Ukraine über bestimmte Dinge, zum Beispiel über die Beheizung in Horliwka. Und überhaupt werden Gespräche mit ihm geführt, also prinzipiell kann die Ukraine Verhandlungen mit ihm führen. Und dann gibt es Donezk und Luhansk, wo die Situation absolut genial ist, und wo ich Gruppierungen beobachtet habe, die erst die Menschen bestohlen, dann sie unter Beschuss  nahmen und trotzdem behaupteten, sie würden diese beschützen. Und dabei erzählten sie, dass es ein Krieg gegen Faschismus ist. Hier kommt eben die Frage auf. Da sagt man, dass es ein Krieg gegen Faschismus ist. Also, die DVR in Donezk sagt, sie bekriegen den Faschismus, die Junta. Die ukrainische Armee sagt, dass es ein Großer Vaterländischer Krieg ist und zieht Analogien zum Zweiten Weltkrieg, wo sie auch den Faschismus bekämpften. Aber es ist, wie es mir scheint, eine ziemlich wichtige Geschichte, denn jetzt nehmen sie Russland als jenes Land wahr, als das faschistische Deutschland zu einer anderen Zeit.
Sie nehmen Russland als einen Aggressor wahr, und was ganz wichtig für uns zu verstehen ist, dass es für immer ist. Daran werden sich die Kinder der Kinder erinnern. Das ist der Gedanke hier, dass am Ende die Ukraine im Großen und Ganzen glaubt, und es sehr begründet glaubt, dass sie keinen Krieg mit der DVR führt, sondern dass sie einen Krieg gegen Russland führt. Das ist die Tragik dieser Situation – natürlich.

A.Pluschew: Ein Paar Minuten haben wir noch. Wir haben ja gesagt, was innerhalb der Separatistenkreise passiert: Irgendwelche Widersprüche gibt es dort, bis zu Schießereien und gegenseitiger Vernichtung. Du hast noch erwähnt, dass es innerhalb der ukrainischen Seite, zwischen der Armee und dem „Rechten Sektor“, schwierige Beziehung ist. Ein paar Minuten nur.

T.Olewski: Sehr kurz. Der „Rechte Sektor“ ist ja doch eine rechte Organisation, die ganz verschiedene Rechte aus der gesamten Ukraine aufgesaugt hat, und ich habe da zum Beispiel sogar einen FSB-Mitarbeiter aus Primorje getroffen, der im FSB gedient hat. Aber er war ganz rechts, er meinte, dass es absolut normal war, für die rechte Idee in Russland mit terroristischen Methoden zu kämpfen, und dann ist der „Rechte Sektor“ gekommen, er ist nicht in „Asow“ aufgenommen worden, ist am Polygraph getestet worden. Und dann habe ich die ukrainischen Rechten gesehen, die gar keine Rechten sind, die – Entschuldigung – aber eigentlich mehr links sind. Sie ähneln den Fussballfans, und wenn sie da auf irgendwelche Geschichten warten, über verbrannte Kinder und Judenverfolgung, so ist es ganz und gar nicht das, was auf der ukrainischen Seite passiert. Aber in der Armee hat man eine sehr schlechte Beziehung zu Rechten, sehr negativ. Mehr noch: Sie erlauben sich gar keine unvorschriftsmäßigen Chevrons. Und überhaupt finde ich, dass das alles Unfug und unnötig ist. Also, sie nehmen diese natürlich als ihre Kampfgefährten wahr, aber sie sind natürlich Internationalisten.

A.Pluschew:- Eine Minute haben wir noch. Sergei könnte noch was ergänzen.

S.Loiko: In dieser nationalistischen Organisation „Rechter Sektor“ habe ich ein Maschinengewehr „Maxim“ entdeckt, ein funktionierendes, das sehr laut schießt. Und der Richtschütze dieses Maschinengewehrs war ein Jude, Walerij Tschudnowskij, und dann hat mir ein Oberst der ukrainischen Armee, ein echter Oberst, Oleg Zubowski, am Flughafen erzählt, dass „diese Jungs aus dem ‚Rechten Sektor‘ nur eine einzige extreme Sache gemacht haben:  Sie sind zu diesem Flughafen gekommen. Aber sie sind mutig, tapfer – echt – und wir wissen immer, dass wir uns auf sie verlassen können.“

T.Olewski: Ja, sie haben so eine Beziehung. Eine andere Frage ist es, soweit ich das verstehe, dass die ukrainische Armee an der vorderster Linie aus Menschen besteht, die schon einen … da gibt es einen Teil der Menschen, die durch Gefahrenherde gegangen sind, so oder so Menschen, die mehrere Uniabschlüsse haben, und die in den Krieg auf ihren eigenen Wunsch gezogen sind …

A.Pluschew: Unsere Kollegen Timur Olewskij und Sergei Loiko, ein Korrespondent der „Los Angeles Times“ haben uns heute in der Sendung „Mit eigenen Augen“ darüber erzählt, was gerade am Donezker Flughafen passiert – zumindest so, wie sie es selbst gesehen haben. Vielen Dank und bis bald!

Quelle: Alexander Pluschew, Timur Olewski und Sergei Loiko in der Sendung “Mit den eigenen Augen” bei “Echo Moskaus” nvua.net

© der hier vorliegenden deutschen Übersetzung 2014-1109 Irina Schlegel/fogep / Fotos: Loiko

 

https://de.burkonews.info/das-verbotene-interview-reale-situation-donezker-flughafen/

 

Wie ein Schwacher einen Starken kräftig durchschüttelt, wenn er sich auf seine Stärken besinnt

  • Die Bahn – eine Schienen-Agenda 3.0 mit Gewerkschaft 2.0 und die Zukunft einer Börsenbahn als Traumreisebeschreibung

von Torsten Kurschus

 

Je abhängiger die Arbeitnehmer von ihrem Arbeitgeber sind, desto freier ist ihre Unterlegenheit in der Tarifauseinandersetzung durch das Streikrecht auszugleichen. Eine solche Situation treffen wir dann an, wenn wir erstens vor einer zentralistisch aufgestellten Branche mit Monopolcharakter stehen und zweitens diese in hohem Grade dem Einfluss des Staates ausgesetzt ist. Ein Musterbeispiel dafür ist das, was wir als Deutsche Bahn scheinbar für ein marktorientiertes Wirtschaftsunternehmen halten, das jedoch in hundertprozentigem Besitz des Staates kaum etwas anderes als ein scheinprivatisierter Beamtenapparat ist. Und so sind wir fast alle unmittelbar betroffen, wenn in diesem Unternehmen das eine oder andere aus dem Ruder zu laufen scheint.

Schnell ist er da, der Druck einer Öffentlichkeit, die nicht annähernd imstande ist, die Komplexität der Gesamtsituation noch deren Rechts- und Organisationsfolgen abzuschätzen. Das gilt ebenso dann, wenn es um hausgemachtes Unvermögen der pünktlichen Fahrplanerfüllung geht, wie in der aktuellen Situation eines Arbeitskampfes, der das den bundesdeutschen Gemütern bislang zugemutete um ein Vielfaches übersteigt. So darf es denn nicht wundern, wenn eine unsachliche und einseitige Aufbereitung durch traditionell dem-Bürger-nach-dem-Munde plappernden Boulevardzeitungen und den Öffentlich-Rechtlichen Medien wie der Tagesschau, die der GDL in hemmungsloser Übertreibung eine „Pervertierung des Streikrechtes“ vorwirft, unerträglich wird.

Für die Gewerkschaft ist dieser Arbeitskampf daher streng an den gegebenen, gesetzlichen Regeln zu orientieren, die – wie nun durch die Frankfurter Arbeitsgerichte bestätigt – ihre einzig rechtmäßige Waffe zwar scharf, aber zulässig einsetzt. Bedeutsam dabei auch: Es obliegt dem Arbeitnehmer, sich durch die Gewerkschaft seiner Wahl vertreten zu lassen.

So einleuchtend Floskeln wie „Verhältnismäßigkeit“, „Tarifeinheit“ oder „gesellschaftliche Bedeutung“ und „Gesellschaft in Geiselhaft“ auf den ersten Blick klingen, so sind sie dennoch schlichtweg falsch. Einseitig dokumentieren sie nur den politischen Willen der von ihren politischen Sichtschranken begrenzten Betroffenen. Noch leise zwar und dennoch nicht zu überhören, gehört dazu ganz vorn die alte Konsens-Kuh der Deutschen Gewerkschaftsbewegung. Der DGB, einst aus der Taufe gehoben, um eben diese Situationen des unendlich währenden Arbeitskampfes kleiner Guerillatruppen angesichts der Frontstaatstellung im Kalten Krieg zu unterbinden, tat – das ist zu konstatieren – der Westrepublik gut. In seiner moderaten Position, abgesichert durch ein Maß an Arbeitnehmerrechten, das weltweit einmalig da stand, trugen die Einheitsgewerkschafter maßgeblich dazu bei, der Bundesrepublik zu ihrem  Wirtschaftswunder zu verhelfen. So konnte es nicht ausbleiben, dass mancher der Gewerkschaftsherren angesichts zu erwartender Positionen als Personalchef im  bislang bekämpften Unternehmensvorstand zur Selbstkorrumpierbarkeit neigte, wie am Beispiel der Vernichtung des deutschen Traditionsunternehmens Mannesmann exemplarisch demonstriert wurde. Der DGB ließ und lässt es sich in der neuen alten Republik recht  gut gehen. Alexander Kirchner, Chef der sozialistischen Einheitsgewerkschaft Transnet, bekam ein Jahressalär in Höhe von 106.000 €. Ein Lokführer lebt beim Berufseinstieg gerade einmal von einem Zehntel dieser Summe, während IGMetall-Boss Berthold Huber monatlich 21.500 € bezog.  Allerdings – das ist Sache der in den Gewerkschaften organisierten Kollegen – zumindest jener, die dem DGB noch nicht weggelaufen sind.

Mit dem DGB hatte sich das Streikrecht institutionalisiert. Es gehörte zum Betriebsklima wie der Frühling zum Jahreszyklus. Standen Tarifverhandlungen auf der Agenda, so war der Ablauf absehbar: Um ein nachvollziehbares Maß überhöhten Forderungen der Gewerkschaften stellten die Arbeitsgeber ein heftiges Njet entgegen – es folgten die üblichen Sticheleien wenig schmerzvoller Streiks und am Ende einigte man sich bei der Hälfte des Geforderten.

Nun plötzlich aber scheint alles anders. Der DGB gerät zur Staffage, während kleine, kampfbereite Spartengewerkschaft sich wie Kampfhunde an ihren Forderungen festbeißen und so heftig zerren, dass die Republik im kollektiven Schmerzgefühl vernehmbar aufschreit. So wird aus dem Arbeitskampf unerwartet aber nicht ungewollt eine Schicksalsfrage der Nation. Sie wird umso schicksalhafter, wenn es nicht mehr nur die Fluggast-Elite trifft, sondern in wörtlicher Umsetzung der alten Kampfparole des „Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will“ bis tief hinein greift in die Just-in-time-Philosophie der lagerlosen Industrieproduktion.

Da wird dann die Bahn, die traditionell ein SPD und DGB-naher Biotop ist, zur Systemfrage. Und es nimmt wenig wunder, wenn ausgerechnet die ehedem linksflügelige SPD-Arbeitsministerin sich auf den Weg macht, dem Arbeitskampf neue Korsettstangen einzuziehen, die sich gleichwohl maßgeblich an den alten der DGB-Rundumversorgung orientieren werden.

Die Deutsche Bahn, Dinosaurier und Mammut zugleich, wird zur Nagelprobe des Konfliktes Arbeitnehmer gegen Monopol – und Arbeitnehmer gegen Staat. Denn was viele längst vergessen haben: Noch ist dieses Unternehmen zu einhundert Prozent im deutschen Staatsbesitz. Claus Weselsky, dem christdemokratischen Recken aus dem schönen Dresden, war vielleicht bis vor wenigen Tagen noch nicht so recht bewusst, mit wem er sich gerade angelegt hatte. Denn mehr als jeder andere steht Deutschlands alte Arbeiter- und Regierungspartei SPD im Focus der Attacke – auch wenn es der wie ein Mehdorn-Klon auftretende Bahn-Personalchef Ulrich Weber ist, der mit seiner Fistelstimme und der in die Tage gekommen Popperfrisur möglicherweise gerade zugunsten der Bahn aufkommende Sympathien schnell zurücklenkt zur Gewerkschaft der Lokführer.

Drehen wir die Zeit ein wenig zurück. Als der lemminggleiche Zug in Richtung Privatisierung zog, bekam SPD-Ziehkind Hartmut Mehdorn den Kampfauftrag, die Bahn an die Börse bringen. Ganz selbstlos war sein entsprechendes Engagement nicht, denn es gehörte zum Deal, dass der kleingeratene Chefsanierer eines Druckmaschinenherstellers am Börsenerlös partizipieren sollte. Weshalb er heute, nach dem vorläufigen Scheitern des Kampfauftrages, großzügig als Chef der Ewig-Baustelle BER abgefunden wurde.

Bis dahin allerdings hatte er vieles von dem auf den Weg gebracht, unter dem die Bahn heute noch leidet. Die SPD, die unter Kanzler Gerhard Schröder ihre wirtschaftspolitische Kompetenz entdeckt hatte, sah es gern, dass der Abbau der Verbeamtung der Bahnbediensteten den Bürgerlichen als Liberalisierung verkauft wurde. Nicht nur, dass Beamte der Sozialdemokratie als Exekutoren der Obrigkeit ohnehin sei je suspekt sind – der arbeitsrechtliche Umbau schien auch der trotz Agenda-2010-Kritik immer noch SPD-nahen Einheitsgewerkschaft DGB mit ihrem Verdi-Unterbau ein breit gefächertes Reservoir künftiger Mitglieder zuzuführen.

Heute machen nicht nur die führenden Sozialdemokraten, sondern auch die sozial-demokratischen Bahnbosse drei Kreuze, dass Mehdorn auch bei dieser Aufgabe auf halber Strecke stehen blieb. Ohne die verbeamteten fünftausend Lokführer wäre der Bahn ihr Notfahrplan vollständig unmöglich gewesen. Und so ist manch einer froh, einen dieser von Beamten geführten Züge bekommen zu haben – was ihn nicht daran hindern wird, weiter auf die Beamten und ihre vorgeblichen Privilegien zu schimpfen.

Gern hätte ich die Gesichter der VIP-Lounge-Customer gesehen, wenn der Arbeitskampf sie, die allesamt Befürworter der Börsenbahn DB sind, nach dem gewünschten Börsengang getroffen hätte.

Was aber ist nun der Weg, den DB AG, SPD und Gewerkschaften zu gehen haben? Zumindest offiziell ist der Börsengang nicht aufgehoben. Als klassische Mehdorn-Baustelle steht er sozusagen in ewigen Startlöchern – und um das Dauerproblem aus der SPD-nahen Dauerverstrickung zu lösen, könnte manch einer auf die Idee kommen, die derzeit festgezurrten Bremsklötze von den Börsengleisen zu ziehen.

Wie hätten wir es uns vorzustellen, dieses Szenario Bahn drei Punkt Null? Unstrittig sollte das in jüngster Vergangenheit vielfach erprobte Modell der Vergesellschaftung der Lasten und der Privatisierung der Gewinne sein. Doch bis es so weit ist, müsste die Bahn erst börsenfein geschmückt werden. Wie wir uns dieses vorzustellen haben? Schauen wir auf das folgende Szenario, das eigentlich schon alt und dennoch neu ist.

Eine börsennotierte Bahn muss Gewinne einfahren, denn nur das macht sie für Investoren attraktiv. Dazu befreit der Steuerzahler sie von Altlasten wie Beamtenpensionsansprüchen und Pensionsrückstellungen, die immerhin noch über 100 Milliarden Euro ausmachen. Und die Beamten, die wegen Unkündbarkeit für jeden Aktionär ein kaum zu überwindendes Hindernis sind, übernimmt der Bund gleich mit. Da fallen sie nun dem Staat zu Lasten, der sie einst angestellt hat – und der sie zu deutlich niedrigeren Konditionen an die privatisierte Bahn zurückleast – denn ohne sie wäre der Moloch Bahn nicht funktionsfähig.

Hingegen das, was von Wert ist, geht unverzüglich und unwiederbringlich in das Eigentum der Bahn über. Dazu gehören die attraktiven Einkaufszentren mit Bahnanschluss ebenso wie das rollende Material. Weil dieses alles aber eigentlich längst abgeschrieben ist und der mögliche Restwert angesichts der hohen Wartungskosten deutlich unter dem Buchwert liegt, gibt es dafür den obligatorischen einen Euro, den der Finanzminister ebenso obligatorisch in seinem Haushalt verbucht.

Da angesichts des Mehdorn-initiierten Sparkurses der Investitionsbedarf des Staatsunternehmens Deutsche Bahn milliardenschwer ist, geht das bislang abgetrennte Schienennetz als Anschubfinanzierung von der Bundesnetzagentur zurück an das nun wirklich private Unternehmen DB AG. Der dadurch entstehende Negativpreis als buchtechnischer Wertausfall – derzeit immerhin rund zehn Milliarden Euro – verbleibt ebenfalls beim Bund. Der große Vorteil der Bahn: Es schnellt nicht nur ihr börsenrelevanter Buchwert deutlich in die Höhe – sie wird auch Geschäftspartner der lästigen Konkurrenten, die mit leistungsfähigeren Regionalbahnen ein Stachel im Fleisch der Deutschen Bahn sind.

Die Bundesnetzagentur reduziert sich zu einer Kontrolleinrichtung der Eigenkontrolle. Den Bundesfinanzminister wird es freuen, reduziert sich deren Mitarbeiterstab doch auf drei bis sieben Personen. Stattdessen nun liegen Kontrollen und Maßgaben bei einem hocheffizienten, extra für diesen Zweck  gegründeten Institut für Qualitätsentwicklung als Bahntochter mit privaten Gesellschaftern,  darunter am Bahn-knowhow interessierte arabische Privatiers, chinesische Staatsfonds und einige Finanzjongleure, die natürlich sämtlichst  auch als  institutionelle Anleger bei der Bahn selbst einsteigen. Diese Gründungskosten werden selbstverständlich aus dem alten Bahnbudget des Bundes bedient, handelt es sich doch um eine innovative Neugründung.

Damit diese Bahn nicht als Eintagsfliege am Boden zerschellt, bedarf sie eines oder mehrerer Manager von Weltformat. Hierfür eignen sich international erfahrene Sanierer. Die Branchenerfahrung ist zweitrangig, denn diese kann von nachrangigen Mitarbeitern bezogen werden, die den neuen Vorständen ihre Kompetenz vermitteln. Damit hat man auch gleich die Riege derer, die nach bewährtem Modell den Kopf hinhalten dürfen dann, wenn die Führung des Hauses mangels Sachkenntnis das eine oder andere an den Prellbock fahren sollte. Mehdorn selbst hatte diese Modell erfolgreich erprobt, als dereinst sein Modell einer Tarifreform einen Kundeneinbruch von über 25 Prozent verursachte – eine Zahl, die natürlich niemals an die Öffentlichkeit dringen durfte und mit der geschassten (und abgefundenen) PR-Chefin begraben wurde.

Um all dieses zu gewährleisten sind einmal mehr die Lemming-Führer gefragt. Ob Roland Berger, KPMG oder PriceWaterhouse – irgendeine dieser weltweit agierenden Unternehmensberatungen wird die Privatisierung der Assets für die lächerliche Summe von roundabout geschätzten 100 Millionen voranbringen und das Unternehmen für einen ähnlichen Betrag erfolgreich an die Börse bringen.

Natürlich haben die Lemming-Führer ihre Aufgabe im Sinne der künftigen Investoren trotz Staat als Auftraggeber umfassend getan. Und so verfügt das nun börsennotierte Unternehmen über einen umfassenden und wirtschaftsfördernden Masterplan, der unter anderem Investitionsmaßnahmen wie neue Frachtzentren und Anbindungen für gebrochene Verkehre einfordert. Das können sich die Vordenker ein drittes Mal vergüten lassen – obgleich sie eigentlich nur auf Pläne zurückgreifen müssen, die seit den Neunzigern als Zukunftskonzepte in den Schubladen der staatlichen Verkehrsverwaltungen lagern, aber nicht zuletzt aufgrund der Unmöglichkeit, ein Heer dann beschäftigungsloser Lastwagenfahrer sinnvoll anderweitig einzusetzen, vergessen wurden.

Die Lasten der Güterverkehrszentren, die selbstverständlich Investitionen gegen die Arbeitslosigkeit sind, werden natürlich von Land und Kommunen getragen werden müssen. Und um die Bahn langfristig an die Zentren zu binden, werden entsprechend bilanzierbare Umschlagsgarantien vereinbart. Natürlich nicht mit Produzenten oder Abnehmern aus der Wirtschaft, sondern selbstverständlich mit den kommunalen Betreibern.  Hilfreich wäre auch eine Übernahmegarantie für das private Bahnunternehmen – großzügig verknüpft mit der Bestandsgarantie für die Arbeitsplätze auf einen absehbaren Zeitraum. Und natürlich nur dann, wenn die Bahn diesen Wunsch äußert – was gleichzeitig sicherstellt, das private Unternehmen nicht unnötig mit Defizitbringern zu belasten.

Selbstverständlich werden verschiedene Sparten, deren Tätigkeitsfeld nicht zwingend als Kerngeschäft betrachtet werden muss, in einzelne Unternehmen ausgegliedert, die wiederum feste Gewinn- und Budgetvorgaben erhalten. Sollten diese sich wider Erwarten nicht tragen, kann für Kommunen, Länder und Bund im Abwicklungsfalle ein Vorkaufsrecht vorgesehen werden, wodurch immerhin die Arbeitsplatzgarantie zu gewährleisten wäre. Vorausgesetzt natürlich, dass die Politik ein Interesse an diesem Arbeitsplatzerhalt hat.

Und so sind wir nun gänzlich unerwartet wieder bei den Arbeitnehmern und ihren Interessenvertretern. Denn eines sollte unbestritten sein: Eine erfolgreich an der Börse zu platzierende Bahn darf nicht durch von Spartengewerkschaften und arbeitskampfbedingten Einnahmeverlusten nebst Schadenersatzforderungen belastet werden. Da kommt nun wieder die im Arbeitsleben erprobte Arbeitsministerin ins Spiel, die, wenn es schon nicht möglich sein wird, Spartengewerkschaften gänzlich zu verbieten, zumindest sicherstellen will, dass künftig nur noch unternehmenseinheitliche Tarifverträge abgeschlossen werden dürfen. Somit gilt für die Tarifverhandlungen grundsätzlich die Verhandlungsführerschaft des jeweils mitgliederstärksten Gewerkschaftsverbandes. Da die Mitgliederzahlen allein schon aus datenschutzrechtlichen Erwägungen zu Gunsten der gewerkschaftlich organisierten Betriebsmitarbeiter nicht im Unternehmen selbst erhoben werden können, gilt selbstverständlich die Gesamtstärke des Verbandes. Was wiederum dem ewig arrogant-dümmlich in die Weltgeschichte schauenden Verdi-Chef Frank Bsirske ein erfreutes Grinsen ins Gesicht schreiben wird.

Und wie geht es dann weiter? Nun – so, wie es sich fast immer darstellt, wenn der Staat seine Perlen in Privathand gibt, um dort zur Kapitalkonzentration bei einigen Wenigen beizutragen.

In ungefähr vierzig Jahren erwirbt der Bund zu einem aus Shareholder-Sicht angemessenen Aktienpreis alle wichtigen Bahnbereiche. Denn leider hat sich herausgestellt, dass die private Lösung nicht geeignet ist, die unvermeidbare Infrastrukturentwicklung in Deutschland und  Europa zu gewährleisten. Nebst noch zu erbringendem Kapitaldienst – denn schließlich war das private Unternehmen Bahn nicht an irgendwelche haushaltpolitischen Höchstgrenzen gebunden – werden Rückkaufskosten und Investitionsbedarf bei geschätzt dem hundertfachen des ursprünglich großzügig gebuchten Einsparvolumens liegen. Dafür aber ist der Bürger nun wieder selbst Herr seiner Bahn, die jedoch zwischenzeitlich einen erheblichen Investitionsstau angehäuft hat.

Von den unabsehbar hohen Kosten zu Lasten der Steuerzahler veranlasst wird spätestens nach weiteren zehn Jahren eine erneute Debatte über die Privatisierung die Öffentlichkeit beschäftigen. Flankiert von den Lemming-Führern wird man – nun wissend, was bei der ersten Privatisierung alles falsch gelaufen und nunmehr zu vermeiden ist – zu dem Ergebnis kommen, dass sich die Ausgangssituation grundlegend geändert hat und es nunmehr an der Zeit ist, die Zukunft mit einer Privatisierung zu gewinnen, die diesen Namen auch verdient. Kaum jemandem wird auffallen, dass Berger und Co. lediglich ihre früheren Papiere zeitgerecht überarbeitet haben – was wiederum bei diesen zu einer deutlich höheren Gewinnquote führt als bei dem ersten Versuch.

Und welche Rolle hat dabei der aus Arbeitgebersicht so unangenehme Herr Weselsky? Vielleicht ist er derjenige Teufel in Menschengestalt, dem der einfache Steuerzahler künftiger Jahre nicht genug wird danken können. Denn als jemand, der als Gewächs der neuen Bundesländer dem eng verzahnten Klüngel von SPD und DGB nicht entstammt, kreiert er gerade einen zumindest in der Bundesrepublik neuen Typ Gewerkschaft. Selbstbewusst ohne arrogant zu sein, mitgliedernah, basisdemokratisch und hierarchiefern, dabei schnell, politisch ambitioniert und gewürzt mit einem kräftigen Schuss Pragmatismus präsentiert er sich frei von ideologischen und personellen Verstrickungen kampfbewusst. Und so wird er zur adäquaten Antwort auf unsere so dynamische Wirtschaftswelt, die nach dem Zerfall des kommunistischen Schreckgespenstes vor 25 Jahren jegliches soziale Regulativ verlor.

Für den SPD-DGB-Klüngel ist er der Gott-sei-bei-uns in Person. Denn die Symbolik des Kampfgeistes einer Mini-Gewerkschaft und die spürbare Bodenständigkeit der Lokführermentalität  stellen das traditionelle Funktionärs-Netzwerk vor ein Problem. Warum sollte ich als Arbeitnehmer mich von einem Apparat vertreten lassen, dessen Schwerfälligkeit und Selbstzufriedenheit immer nur bis zu einem ohnehin vorher berechenbaren Abschluss führen wird, wenn es auch anders geht? Plötzlich zittert das Establishment vor der vernetzten Macht der Kleinen, und nicht zum ersten Mal hören wir das Gras wachsen. Denn hier verbindet sich der Evergreen der angelsächsischen  „Union“ mit dem modernen Grassroot-NetWork. Das beginnt  international Schule zu machen, wie zunehmend mehr Anfragen von Kollegen aus Europa und selbst den  USA belegen.

Ist erst der persönliche Zorn verraucht, wird der Ermutigungseffekt in unserem Land nicht auf sich warten lassen und einiges verändern. Denn Weselsky zeigt, dass selbst kleine Arbeitnehmergruppen den Wirtschaftsmonstern nicht hilflos ausgeliefert sind. Das gibt Hoffnung – auch wenn der Klüngel aus Politik, Einheitsgewerkschaft und Medien immer noch versucht, den Kämpfer zum Irren zu erklären. Es liegt auf der Hand, dass in künftigen Tarifauseinandersetzungen nichts mehr so bleibt, wie es war. Doch glaubt man den Regeln der Volkswirtschaftslehre, so wird sich ein neues Gleichgewicht einpendeln.

Voraussetzung allerdings ist, dass spätestens unsere Gerichte der Versuchung widerstehen werden, die Koalitionsfreiheit durch einen gewerkschaftlichen Einheitszwang zu bändigen. Denn das – so hat uns leider die Erfahrung lernen lassen – wäre dann das Ende eben dieses Gleichgewichts zwischen immer mächtiger werdenden Konzernen und immer hilfloser werdenden Arbeitnehmervertretern.

Insofern gilt: Bislang haben die Richter klug geurteilt. Und Weselsky hat danach klug gehandelt.

©2014-1110 Torsten Kurschus/FoGEP

Von Tautologien und Oxymora – die Katharsis des Islam

Der Islamische Staat, jene islamische Terrororganisation, die ansetzte, weite Gebiete des Vorderen Orient brutal zu unterwerfen und dabei vor Massenmord und Versklavung nicht zurückschreckt, veranlasste die nachfolgenden, hier etwas gekürzt wiedergegebenen Überlegungen. Sie setzen sich mit den Irrungen und Wirrungen europäischer Berichterstattung ebenso auseinander wie mit dem verzweifelten, aber bislang mehr als halbherzigen Versuch moderner Muslime, sich von diesen Radikalen zu distanzieren.

Das Dilemma des Islam

Während eines selbstzerstörerischen Bürgerkriegs in Syrien und einer misslungenen Demokratisierung im Irak blickte die Welt im Sommer des Jahres 2014 mit Erstaunen auf den militärischen Erfolg einer Gruppierung, die erst mit der deutschen Abkürzung ISIS (Islamischer Staat in Syrien) – ursprünglich ISIL (Islamischer Staat in der Levante) – bekannt wurde, um ab Juni 2014 ausschließlich unter der Bezeichnung Islamischer Staat (IS) Schlagzeilen zu machen.

Der IS ist ein Phänomen, das sich dem Verständnis des mehr oder weniger gebildeten Westeuropäers weitgehend entzieht. So wird der IS im aufgeklärten Europa gern als „radikal-islamistische“ Bewegung bezeichnet, was in mehrerlei Hinsicht irreführend ist. Denn wenn der Begriff des „Islamismus“ überhaupt einen Sinn machen und als Abgrenzung zu einem vorgeblich unpolitischen Islam dienen soll, so ist diesem die Radikalität seines Anspruchs, die politische Gestaltung der Gesellschaft auf Basis wortgetreuer Auslegung des Korans vorzunehmen, immanent. Islamismus wäre folglich als das Transcriptum eines in sich selbst unpolitischen Glaubensinhalts zu einem machtpolitischen Philosophiekonzept zu verstehen – gleichsam eine Form des Marxismus des Glaubens unter der Prämisse, dass Marx die Sozialkritik des Sozialismus zu einem politischen Machtanspruch weiterentwickelt hat. Das wiederum setzte voraus, dass der zu transkribierende Text ehedem über einen machtpolitischen Inhalt nicht verfügte.

Hierbei ist grundsätzlich zu beachten, dass das Wort „radikal“ selbst nichts anderes ist als der wertfreie Bezug auf den ursprünglichen, den eigentlichen Gehalt dessen, auf das es bezogen wird. Wer radikal ist, der unternimmt den Versuch, den ursprünglichen Inhalt dessen zu erkennen, was über die Jahre hinweg durch gesellschaftliche Entwicklungen oder nachgeschobene Interpretation verloren gegangen ist. Der radikale Moslem ist insofern erst einmal nichts anderes als ein Anhänger des Islam, der diesen so leben möchte, wie er zur Zeit seiner Gründung gelebt wurde.

Moslem oder Mohammedaner

Für einen radikalen Moslem dürfen insofern ausschließlich jene Aussagen von Relevanz sein, die sein Prophet vorgeblich mittelbar-unmittelbar über einen Engel, der in seinem semitischen Wortursprung nichts anderes ist als ein herrschaftlicher Bote (die grundsätzliche Frage, weshalb ein monotheistischer Gott sich eines Boten bedient und nicht selbst und unmittelbar aktiv wird, soll an dieser Stelle ausgeklammert bleiben), wiedergegeben hat. Dieses gilt jenseits der islamtheologischen Annahme, dass Mohammed selbst die Texte des Koran nicht schriftlich niedergelegt hat und wir insofern vor der Problematik stehen, nicht wissen zu können, welche der im Koran zu einem späteren Zeitpunkt niedergelegten Zeilen tatsächlich Gotteswort und welche gotteswortwidrige Autorenpositionen sind. Tatsächlich unterscheidet sich der Koran insofern nicht von den christlichen Evangelien, die nicht vorgeben, wortgetreues Gotteswort zu sein, sondern lediglich den Lebensweg der Person Jesus beschreiben und dabei dessen Worte und in Ausnahmefällen via Engel göttliche Inspiration wiedergeben.

Wenn gleichwohl im Sinne eines Glaubenssatzes davon ausgegangen wird, dass der Koran eine originäre, göttliche Botschaft vermittelt, so bleibt dennoch die Frage des Bezugssystems, das dem radikalen Moslem als Fundament dient.

Hier ergeben sich zwei unterschiedliche Betrachtungsmöglichkeiten.

  1. Ist der Koran das eigentliche, unverfälschte Wort Gottes und Mohammed lediglich der Prophet, der das ihm über einen Engel eingegebene Wort Gottes unverfälscht wiedergegeben hat , so wäre dieser Koran die ausschließliche Quelle der Radikalität seines Glauben.
  2. Geht der Gläubige davon aus, dass Mohammed nach seiner göttlichen Inspiration ausschließlich als Instrument seines Gottes tätig war – also eine eigenbestimmte Verfügungsgewalt über seine Existenz, sein Tun und Handeln nicht mehr hatte – so wären neben den göttlichen Worten des Koran auch die Handlungen und Aussagen des Mohammed Quelle der Radikalität des Glaubens.

Einen radikalen Moslem dürfen selbst die Hadithe, jene Überlieferungen aus dem Leben seines Propheten, kaum beeindrucken, da sie quasi nichts anderes als eine Nachbetrachtung auf das Leben einer menschlichen Person darstellen. Ein Hadith ist kein Gotteswort. Das Hadith ist bereits eine Interpretation. Wer als Moslem wiederum diese Interpretation des Hadith zum absoluten und unanfechtbaren Axiom seines Glaubensbildes stilisiert, der ersetzt den Gott des Mohammed durch Mohammed selbst oder stellt Mohammed zumindest auf eine Ebene mit Allah und wird so zwangsläufig entweder zum Götzenanbeter oder zum Polytheisten.

Hier stellt sich die Frage, ob nicht auf Basis von Sure 49, Vers 14 und 15 der koranische Islam selbst genau diese Verfremdung eines monotheistischen Gottesbildes zu polytheistischen Götzenanbetung wenn nicht einfordert, so zumindest befördert. Bezugnehmend auf einen Stamm, der nach Auffassung des/der Koran-Autoren den Islam nur zum Schein angenommen haben, werden hier „mumjm“ als jene Rechtschaffenden bezeichnet, die sich vorbehaltlos zu „Gott und seinem Gesandten“ bekennen und keine Zweifel an diesen hegen sowie mit ihrem Vermögen und ihrem Leben vorbehaltlos auf oder für Gottes Wege(n) kämpfen.

Wird die Formel von Gott und seinem Gesandten bezogen auf Allah und den dessen Worte übermittelnden Engel, so erhält letzterer durch diesen Koranvers eine eigenständige Funktion, aus der der Anspruch erwächst, seine Worte als gleichwertig denen des eigentlichen Gottes zu erkennen. Hier stellte sich damit die Frage der Trennung von eigentlichem Gotteswort und Gesandtenwort ebenso wie die nach der damit verbundenen göttlichen Funktion des Gesandten, die sich dadurch ergibt, dass das Bekenntnis zu diesem auf die gleiche Ebene wie das Bekenntnis zu Gott selbst gestellt wird. Das Bekenntnis zu Allah und zu diesem Gesandten wird laut Sure 49.14/15 gleichrangig.

Noch problematischer wird diese Sure, wenn der Gesandte nicht als jener Bote zu verstehen ist, der in göttlichem Auftrag das originäre Wort Gottes verbreitet, sondern der „Gesandte“ in Form einer messianischen Gestalt auf den „Propheten“ bezogen wird – also der hier erwähnte „Gesandte“ der Mensch Mohammed ist. In diesem Falle wird nicht nur ein Bote Gottes auf die gleiche Ebene mit Gott selbst gestellt, sondern ein menschliches Wesen auf die Ebene Gottes gehoben. Anders als das Christentum, das hierzu nach langer, theologischer Debatte zu dem Ergebnis gekommen ist, seinen „Propheten“ Jesus als Sohn Gottes zum Messias (Gesalbter) zu verklären und Jesus damit im Sinne der Dreifaltigkeit eine göttliche, nicht aber gottesgleiche im Sinne mehrerer Gotteswesen, Hypostase zuzuschreiben, wäre Sure 49 bei der Bezugnahme auf Mohammed als jenem hier angesprochenen „Gesandten“ tatsächlich die Aufforderung zur Götzenanbetung: Neben das Bekenntnis zu einem allmächtigen Gott wird dann das Bekenntnis zu einem Menschen, der als Gesandter Gottes verklärt wird, als höchste Stufe des Glaubensbekenntnis definiert. Tatsächlich erfolgt mit der Floskel des rasul allah tatsächlich diese Verklärung des Menschen Mohammed zu eben jenem Gesandten Gottes, der als Bekenntnisziel zwingend für den wahrhaft Gläubigen wird.

Sure 4914 | Die Wüstenaraber sagen: „Wir glauben.“ Sag: Ihr glaubt nicht (wirklich), sondern sagt: ,Wir sind Muslime geworden‘, denn der Glaube ist noch nicht in eure Herzen eingezogen. Wenn ihr aber Allah und Seinem Gesandten gehorcht, verringert Er euch nichts von euren Werken. Gewiß, Allah ist Allvergebend und Barmherzig.

Sure 4915 | Die (wahren) Gläubigen sind ja diejenigen, die an Allah und Seinen Gesandten glauben und hierauf nicht zweifeln und sich mit ihrem Besitz und mit ihrer eigenen Person auf Allahs Weg abmühen. Das sind die Wahrhaftigen.

Wäre man bösartig, so könnte man bereits den pluralis majestatis des vorangegangenen Verses 13 als Schritt zu diesem göttlichen Zweigestirn aus Allah und Mohammed als Anbetungsziel betrachten – wobei diese Formulierung mit den entsprechenden Darlegungen des Tanach korrespondiert, in dem die Schöpfung den Allmächtigen als Götterkollektiv zugeschrieben wird.: „

Sure 4913 | O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Gewiß, der Geehrteste von euch bei Allah ist der Gottesfürchtigste von euch. Gewiß, Allah ist Allwissend und Allkundig.

Einer Person, die ihr Glaubensbild maßgeblich und ausschließlich aus dem Konglomerat von Koran und Hadithe schöpft, werden wir mit dem aus dem Sprachgebrauch weitgehend entschwundenen Begriff des Mohammedaners am ehesten gerecht. Der Mohammedaner ist jemand, der seine Glaubenswelt aus der Verbindung des via Mohammed überlieferten, vorgeblichen Gotteswortes mit den auf Mohammeds Handeln beruhenden Interpretationen bezieht. Da dem so ist, wird nachvollziehbar, weshalb Moslems den Begriff des Mohammedaners ablehnen: Er definiert tatsächlich einen Götzenanbeter, dem das Wort des Propheten zumindest gleichrangig neben dem seines Gottes steht – und der damit den Anspruch der Sure 49 in besonderem Maße erfüllt.

Übrigens wird hier nachvollziehbar und deutlich, weshalb die islamische Bezeichnung des méséjéchéj oder néßéránéj für den Christen per se eine Diskriminierung ist: Der méséjéchéj beschreibt jemanden, der einen Messias, der néßéránéj jemanden, der einen Nazarener anbetet. Beiden wird damit unterstellt, neben und vor Gott eine Person anzubeten, die wiederum nach den Worten des Koran zwar prophetischen, nicht aber göttlichen Charakter hat. Wie ein méchémédéj als „Mohammedaner“ sind méséjéchéj als „Messianer“ und néßéránéj als „Nazarener“ letztlich als Götzenanbeter zu verstehen.

Der Islamismus

Die Wortschöpfung mit dem Suffix ~ismus, dessen Vertreter als ~ist bezeichnet wird, erfolgt in den Sozialwissenschaften immer dann, wenn ein in der Regel abstrakt-philosophischer Inhalt zu einem in sich geschlossenen Denkmodell – beispielsweise einer Denkschule, einem kollektiven Glaubensinhalt oder auch einer politischen Bewegung – entwickelt wird. Ein erfolgreicher ~ismus verfügt über eine Anhängerschaft, die die Ziele dieses ~ismus zu ihren eigenen macht und sich selbst das Ziel setzt, den Zielen ihres ~ismus Geltung zu verschaffen. Anhänger von ~ismen handeln in einer durch den Wortstamm des Derivats definierten Art und Weise, womit sie wiederum dem griechischen Ursprung des Suffixes gerecht werden.

Wenn wir nunmehr den Begriff des Islamismus betrachten, so wäre darunter das Handeln einer Gruppe von Menschen zu verstehen, die als Grundlage dieses ihres Handelns den Islam zu Grunde legen. Der Islam wiederum ist mehr als nur der Koran. Er ist das Ergebnis einer nunmehr gut 1.400 Jahre währenden menschlich-philosophischen Beschäftigung mit den Inhalten des Koran und jenen darauf basierenden Interpretationen und Ableitungen.

Wenn wir nun den radikalen Moslem als denjenigen betrachten, der sein Weltbild ausschließlich aus den Worten des Koran bezieht, wäre der Islamist derjenige, dessen Weltbild als Ergebnis eines fast eineinhalb Jahrtausende währenden Prozesses verstanden werden muss.

Das radikal-islamistische Oxymoron

Unterstellt, es sei so, dann wäre radikal-islamistisch in der Übersetzung ein sich auf seine inhaltlichen Wurzeln beziehendes Transcriptum eines unpolitischen Philosophiewerkes zum Zwecke des Erreichens politischer Ziele. Das jedoch wäre ein Oxymoron, weil in diesem Falle die Wurzel im Sinne des Ursprungs des Transcriptums zwangsläufig bereits über den politischen Inhalt hätte verfügen müssen – womit das Transcriptum selbst überflüssig würde.

Die radikal-islamistische Tautologie

Unterstellt hingegen, der zu transkribierende Inhalt sei per se politisch, dann bedarf es des Begriffes Islamismus nicht, weil dieser nichts anderes wäre als der Islam selbst. Es sei denn, mit Islamismus solle eine radikale Interpretation eines an sich bereits politischen Islam beschrieben werden. In diesem Falle wäre radikal-islamistisch nichts anderes als ein weißer Schimmel – eine Tautologie.

Wie immer wir es folglich drehen und wenden – die begriffliche Verwendung eines „radikalen Islamismus“ ist unsinnig und weckt den Verdacht, dass sie nicht aus bloßer Unkenntnis erfolgt, sondern ein Ziel verfolgt.

Festzuhalten bleibt: Islamistisch ist nichts anderes als radikal-islamisch und radikal-islamistisch ist eine Tautologie. Die Verwendung der Floskel von einem radikalen Islamismus vernebelt darüber hinaus die dem Phänomen zuzuordnenden Tatsachen in weiterer Hinsicht. Sie gibt vor, einen Islamismus zu kennen, der, da er radikal sein kann, auf seinen eigenen Wurzeln jenseits des Islam beruht. Gleichzeitig jedoch impliziert die Floskel vom radikalen Islamismus, dass es einen Islamismus gäbe, der sich von diesen Wurzeln entfernt habe. Somit hätten wir es beim Islamismus mit einem Phänomen zu tun, das sich im Laufe seiner Existenz über mehrere Ebenen hinweg entwickelt habe: Ausgehend von seinem Ursprung, der durch die Radikalität bezeichnet wird, hin zu einer daraus entstandenen Entwicklungsstufe, die diesem Ursprung entsagt habe und die nun wiederum von Teilen ihrer Anhängerschaft auf eben diese radikalen Ursprünge zurück geführt würde.

Kriterien des Islamismus

Daraus folgt zwangsläufig die Frage, welches denn nun der radikale Ursprung des Islamismus gewesen sei und wie er sich von seinem Namensgeber, dem Islam, unterscheide. Hier jedoch muss die Islamwissenschaft versagen.

Armin Pfahl-Traugber unternahm 2011 den Versuch, dem Islamismus eigene Merkmale zuzuweisen.

Im Einzelnen definiert er die folgenden sechs Kriterien:

  1. Absolutsetzung des Islam als Lebens- und Staatsordnung.
  2. Gottes- statt Volkssouveränität als Legitimationsbasis.
  3. Ganzheitliche Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft.
  4. Homogene und identitäre Sozialordnung im Sinne des Islam.
  5. Frontstellung gegen den demokratischen Verfassungsstaat.
  6. Fanatismus und Gewaltbereitschaft als Potentiale.

Offenbar von der Erkenntnisdichte seiner eigenen Überlegungen überrollt, differenziert Pfahl-Traugber als Fazit seiner Überlegungen seinen ursprünglichen Ansatz im Sinne einer Entschärfung.

Die Kriterien des Islamismus lesen sich nun wie folgt:

  1. Die Absolutsetzung des Islam als Lebens- und Staatsordnung.
  2. Der Vorrang der Gottes- vor der Volkssouveränität als Legitimationsbasis.
  3. Die angestrebte vollkommene Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft.
  4. Die Forderung nach einer homogenen und identitären Sozialordnung im Namen des Islam und
  5. die Frontstellung gegen die Normen und Regeln des modernen demokratischen Verfassungsstaates.

Dazu sei festgestellt:

  • Es ist ein Unterschied, ob ich von einem Vorrang spreche oder die Gottessouveränität an die Stelle der Volkssouveränität setze.
  • Es ist ein Unterschied, ob ich eine vollkommene Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft nur anstrebe oder diese voraussetze.
  • Es ist ein Unterschied, ob ich die Forderung nach einer homogenen und identitären Sozialordnung im Sinne des Islam erhebe oder diese für unverzichtbar erkläre.
  • Es ist ein Unterschied, ob ich mich in Frontstellung gegen „die Normen und Regeln des modernen demokratischen Verfassungsstaates“ befinde, oder mich in Frontstellung gegen diesen selbst befinde.
  • Es ist ein Unterschied, ob ich Fanatismus und Gewaltbereitschaft als Potentiale feststelle oder diesen Aspekt gänzlich aus meinem Denken verdamme.

Pfahl-Traugber folgt einem im Kern richtigen Ansatz – wenngleich mit einem Abstrich, auf den noch einzugehen sein wird – und modifiziert ihn unter dem Aspekt der political correctness dahingehend, dass der Eindruck erweckt wird, Aspekte wie Gottes- statt Volkssouveränität oder eine homogene und identitäre Sozialordnung nach den Maßgaben des Islam seien verhandelbar. Tatsache jedoch bleibt: Wenn der Begriff Islamismus überhaupt einen Sinn machen soll, dann deshalb, weil diese Aspekte eben nicht verhandelbar sind. Es geht nicht um Forderungen, mit denen der demokratisch geschulte Westeuropäer immer die Vorstellung verbindet, dass sie im Sinne politischer Kompromisslösungsprozesse diversifizierbar sind. Es geht auch nicht um einen Vorrang, der immer noch die scheinbare Hintertür offen lässt, dass in einem demokratischen Spiel der Kräfte eine Art des gleichberechtigten Interessenausgleichs möglich sei.

Nein, wenn der Begriff Islamismus überhaupt eine Existenzberechtigung hat, dann die, dass seine Inhalte nicht verhandelbar sind. Es kann keinen Mittelweg zwischen Gottessouveränität und Volkssouveränität geben, weil bereits das minimalste Jota Volkssouveränität eine Einschränkung der Gottessouveränität ist. Es geht dem Islamismus auch nicht um Forderungen, die implizieren, dass ein Mehr an dem Geforderten zu irgendeinem Zeitpunkt ausreichen kann, um eine Forderungssättigung zu erreichen. Die Aspekte des Islamismus sind vielmehr deterministisch. Und sie sind daher nicht verhandelbar und nicht kompromissfähig.

Warum aber schwenkt Pfahl-Traugber von seiner im Ansatz richtigen Erkenntnis unerwartet um zu einer scheinbar kompromissmöglichen Definition im Sinne politisch-demokratischen Interessensausgleichs? Tatsächlich kann es nur eine Erklärung geben, die da lautet: Wer den Islamismus als das erkennt, was er ist, der muss verstehen, dass er nicht verhandlungsfähig im Sinne demokratischer Politiktheorie ist. Es kann mit dem Islamismus keinen Kompromiss geben. Und da es keinen Kompromiss geben kann, hat das mit dem Islamismus konfrontierte Individuum ebenso wie der mit dem Islamismus konfrontierte Staat nur zwei Möglichkeiten: Er kann sich dem Islamismus unterwerfen oder er muss ihn vernichten, weil dieser andernfalls ihn eines Tages vernichten wird. Diese Erkenntnis schreckt und sie passt nicht einmal ansatzweise in die Kantsche Vorstellung, wonach den Menschen auf Grund der ihnen eigenen Vernunft die Möglichkeit des Kompromisses quasi innewohnt.

Ob bewusst oder unbewusst – Pfahl-Traugber hat in seiner Darlegung nicht nur den kompromissunfähigen Charakter des Islamismus verfälscht, er umgeht auch die eigentliche Kernfrage der Differenzierung zwischen Islamismus und Islam. Diese jedoch ist der Schlüssel zum Umgang mit den bezeichneten Phänomenen.

Der Säkularismus des Christentums

Die Wurzel eines jeden Islamismus – vorausgesetzt wir wollen uns dazu verstehen, diesen Begriff als Definition eines politischen Islam zu nutzen – ist notwendig der Islam selbst. Ohne den Islam kann es keinen Islamismus geben, da dessen Vertreter sich uneingeschränkt und in jeder Hinsicht auf den Islam als Inhalt ihrer Position berufen. Nun könnte dennoch eine Rechtfertigung des Begriffes bestehen, wenn – wie dargelegt – der Islamismus eine politische Interpretation oder Verfremdung eines an sich unpolitischen Glaubenskonzepts mit der Bezeichnung Islam wäre – vergleichbar einem christlichen Klerikalismus, der in einer politisch motivierten Vermengung von jüdischem Tanach und Evangelium einen monopolistischen Gesellschafts- und Staatsdogmatismus schuf, der in fundamentalistischen Kreisen des Christentums bis heute zelebriert wird und der dennoch explizit dem unmissverständlichen Trennungsgebots Jesu zwischen staatlicher Institution und Religion zuwider läuft.

Erst Flavius Valerius Constantinus, genannt Konstantin, legte den Grundstein dafür, dass der christliche Klerus im Namen Jesu den Anspruch weltlicher Machtausübung erheben konnte. Mit der Lehre Jesu selbst hatte dieses nur noch entfernt etwas zu tun – und so entschädigte Rom den Nazarener damit, dass es ihn auf dem Konzil von Nicäa 325 nc dogmatisch zum Teil einer göttlichen Trinität machte, was wiederum den Widerstand von Teilen der Anhängerschaft organisierte, der im siebten Jahrhundert ein Ventil in der Gründung des Islam finden sollte.

Gleichwohl ist der Säkularismus in der Philosophie des Jesu eines der Kernelemente, weshalb sich kein Christ darob zu grämen hat, wenn er in einem säkularen Staat lebt, in dem das christliche Gebot nicht Staatsdoktrin ist, sondern ohne staatliche Restriktion einfach nur gelebt werden darf.

Gilt dieses nun aber auch für den Nachfolger Islam, wie die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus zu implizieren scheint – und liegt vielleicht genau darin der eigentliche Unterschied zwischen Islam und Islamismus? Blicken wir erneut auf jenes Phänomen, das seit dem siebten christlichen Jahrhundert zwar nicht zu Europa, gleichwohl zur menschlichen Kultur gehört.

Islamismus und Islam

In eine Weltsituation, die einerseits vom Konflikt der beiden Großmächte Byzanz und dem der persischen Sassaniden und andererseits immer noch von dem innerchristlichen Konflikt um die göttliche Natur Jesu geprägt ist, kommt mit Mohammed ein Mann, der sowohl über jüdische wie christliche Inhalte umfassend informiert ist. Aus persönlicher Demütigung heraus entwirft er ein Konzept, das ihm Dienliches aus den beiden existierenden abrahamitischen Religionen teilweise interpretationsidentisch übernimmt, teilweise – wie bei der Frage nach der Natur Jesu – mit früheren, nicht-amtskirchlichen Positionen vermengt und neu interpretiert. Weitere Anleihen kommen aus der ebenfalls monotheistisch ausgerichteten Religion Persiens, dem Zoroastrismus der Sassaniden. Insbesondere die im Islam ausgeprägten Vorstellungen von Himmel und Hölle sind deutlich näher an den Bildern der Zoroastren orientiert als an den Formulierungen der Bibel.

Dieses Konglomerat der zeitgenössischen Monotheismen wird vermengt mit arabischen Stammestraditionen und animistischen Stammeskulten – und es orientiert sich an der klerikalen Wirklichkeit Ostroms, indem es die ursprünglich säkulare Position des Jesus ebenso verwirft und stattdessen die an der realen Wirklichkeit orientierte Glaubensphilosophie zum alleingültigen Staatskonzept erklärt. Der politische Islam als Anspruch all dessen, was Pfahl-Traugber als die fünf Säulen des Islamismus definiert hat, ist im Koran und den Hadithen explizit angelegt. Der Koran ist daher erst einmal nichts anderes als ein mystisch gefärbtes Handbuch zur Durchsetzung eines politischen Machtanspruchs. Das wiederum verbindet ihn mit dem Tanach.

So bedarf es letztlich entweder der frühchristlichen Verblendung der im eigenen Religionsbewusstsein angelegten Trennung zwischen Staat und Religion oder aber der Kenntnislosigkeit eines Unbedarften, um die Imagination einer Trennung zwischen Islam und Islamismus konstruieren zu wollen.

So, wie für die hasmonäische Priesterschaft ein jüdischer Staat nur ein glaubenstotalitärer Staat unter der Führung der jüdischen Priesterschaft sein konnte, ist der islamische Staat die glaubenstotalitäre Umsetzung des Koran.

So, wie der radikale Islamismus eine Tautologie ist, ist ein liberaler Islam ein Oxymoron.

Wenn, wie Tilman Nagel 2005 zutreffend darlegt, der Islam “von Hause aus” fundamentalistisch ist, dann gibt es keinen Islamismus und die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus ist – wie es Nagel formuliert – “ohne Erkenntniswert”. Das aber ist es nicht allein: Es ist auch bewusste Irreführung.

Islam als Frieden

Islam, so wird von seinen Anhängern gern dargelegt, stehe für „Frieden“. Das kann so sein – muss es aber nicht. Denn der frühsemitische Wortstamm des S-L-M (Sin-Lam-Mim), ein Sélém, ist eng verwandt mit dem Shélém (Shin-Lam-Mim). Dieses steht ursprünglich für Tor – und es macht durchaus Sinn, dass beide Wörter nicht nur semantisch eng verwandt sind. Denn Frieden gab es nur dort, wo ein Tor den Unfrieden im wahrsten Sinne des Wortes ausschloss. Und nicht nur das: Beide Wörter sind eng verwandt mit dem Sélah, welches als hebräisch-aramäisches für Heil und Wohl und als arabisches für Waffe steht. Etymologisch macht das Sinn, denn in der harten Welt der Semiten konnte das Wohl nur durch die Waffe gewährleistet werden und den Schutz des Friedens gab es nur hinter gesicherten Toren.

Der Begriff Islam umfasst all das – und es ist weit entfernt von der idealistischen Friedensvorstellung des aufgeklärten Europäers allein schon deshalb, weil für jenen der Friede nach 1945 trotz Kalten Krieges zum Normalzustand wurde und der Krieg die um jeden Preis zu vermeidende Ausnahme sein muss, während für den Semiten des siebten Jahrhunderts der Krieg als ständiger Kampf gegen Umwelt und Feinde der Normalzustand war und der bewaffnete Schutz hinter den Toren die Ausnahme blieb.

Der Koran ist unmissverständlich: Die Umma als islamische Gemeinschaft organisiert sich nach den Regeln dieses Buches und den islamischen Auslegungen. Moslem ist jeder, der sich diesen Regeln vorbehaltlos unterwirft. Er wird zu einem Teil der Umma und genießt in diesem Kollektiv den Schutz, den zu gewährleisten sie als ihren Teil des Vertrages eingebracht hat. Die Vorstellung eines selbstbestimmten Lebens jenseits der Vertragsklauseln des Islam bleibt irreal, ist jenseits der Vorstellungswelt des Konzepts.

Dennoch bleiben zumindest zur Zeit des Mohammed immer noch jene, die diesen faustischen Vertrag nicht geschlossen haben.

Der islamische Schutzvertrag

Wenn dem nicht-muslimischen Europäer erklärt wird, dass Islam für Frieden stehe, erfährt er daher nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich steht der Begriff für den Schutz, der aus islamischer Sicht allein in der Lage ist, einen Frieden zu gewährleisten. Schutz wiederum ist etwas, das man sich von einem Dritten besorgen kann, wenn man selbst außerstande ist, seinen Schutz zu organisieren. Es gehört bis heute zur Lebenswirklichkeit, dass dem Menschen dieser Schutz durch Dritte nur sehr selten ohne Gegenleistung geboten wird.

Der Schutz des Islam erwartet folgerichtig eine Gegenleistung. Es ist dieses das Faustische Prinzip, das den Menschen vor die Wahl stellt, frei aber schutzlos oder unfrei aber beschützt zu sein.

Wer sich unter den Schutz des Islam stellt, sich zum Islam bekehrt oder bekehrt wird, zahlt dafür mit seiner Individualität. Er unterwirft sich uneingeschränkt und in jeder Hinsicht den Bedingungen, die der Islam vorgeblich im Namen seines Gottes diktiert. So ist es denn auch nachvollziehbar, das Apostasie, also der Abfall vom Islamischen Glauben, in den Hadithen und der islamischen Rechtsinterpretation mit der Todesstrafe belegt ist. Der Abfall vom Islam ist eine einseitige Vertragskündigung. Sie besagt: Ich verlange Deinen Schutz nicht mehr.

Auf den ersten Blick mag wenig nachvollziehbar sein, weshalb eine derartige Vertragskündigung mit dem Tode bestraft wird. Doch es ist letztlich die einzig konsequente Folge der Abtrünnigkeit. Denn der islamische Schutzvertrag ist nicht nur ein Vertrag ohne Widerrufsrecht. Er stellt zwar das Individuum vor die einmalige Wahl, entweder auf den Schutz zu verzichten oder sich ihm bis über die irdische Existenz hinaus bedingungslos zu unterwerfen. Anders als im Judentum und mehr noch als im Christentum gibt es für den Moslem kein Entrinnen. Der Jude kann seinem Glauben entsagen. Der Christ kann es ebenso. Sie werden aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen, aber es steht ihnen frei, ihren künftigen Lebensweg individuell zu gehen. Eine göttliche Strafe erwartet sie aus der Sicht der Verbliebenen erst nach ihrem Ableben.

Der Moslem hat diese Möglichkeit nicht. Will er seiner Religion entsagen, so führt dieser Weg ausschließlich über den eigenen Tod. Denn der Vertrag ist nicht nur einer auf der Ebene des Glaubens – es ist eine politische Seelenverschreibung. Wer den Islamischen Vertrag kündigt, wird zum Verräter an der politischen Idee des einzigen Gottesstaates. Und so ist jeder Moslem letztlich ein Dr. Faustus, welcher in seinem Bedürfnis nach Erkenntnis statt Schutz seine Seele für die Ewigkeit einem Teufel verschreibt, während der Moslem seine Seele für den Schutz der Umma gibt. Anders zumindest kann in der Sprache des Glaubens dieser Vertrag nicht interpretiert werden.

Aber – kann es ein ehrlicher Gott wollen, dass sein Geschöpf seine Seele nicht nur verpfändet, sondern sie auf ewig verkauft? Die daraus für einen säkularen Staat zu ziehenden Konsequenzen sollten auf der Hand liegen: Niemand darf gezwungen werden, sich einer derartigen Religionsgemeinschaft anzuschließen, so lange der Austritt aus derselben auch nur theoretisch mit dem Tode bedroht ist. Das gilt auch, wenn diese Todesdrohung mangels Möglichkeit der Umsetzung nicht exekutiert wird – so lange sie im Raum steht, macht sich der säkulare Staat mitschuldig an dem unvermeidbaren Faustpfand des Unmündigen.

Egon Flaig hat darauf hingewiesen, dass ohne das Prinzip der Sklaverei die Dynamik der Ausbreitung des Islam niemals in der zu konstatierenden Form hätte stattfinden können. Er hat recht – und er hat dennoch den letztnotwendigen Gedankenschritt dahin, den Islam selbst als ein Konzept der zwangsläufigen Sklaverei des Individuums zu betrachten, zumindest nicht explizit ausgesprochen. In der Konsequenz dieser Logik eines unkündbaren Vertrages liegt damit auch die unvermeidbare Konsequenz, den Islam als autoritäres Politikkonzept des siebten Jahrhunderts begreifen zu müssen.

Als Mohammed sein Konzept eines kollektiven Gemeinwesens von Glaubenssklaven entwickelte, standen die von Pfahl-Traugber definierten fünf Säulen des Islamismus bereits fest. Dabei musste der arabische Kaufmann diese nicht einmal selbst erdenken, denn sie basierten auf dem, was der politisch geprägte, römisch-byzantinische Klerus aus der Verknüpfung von Tanach und Evangelien für den christlichen Staat entwickelt hatte: Eine absolut gesetzte, homogene und identitäre Lebens- und Staatsordnung auf der Legitimationsbasis eines unanfechtbaren Gotteswillens. Der christliche Absolutismus der Spätantike und des Mittelalters unterscheidet sich in der politikwissenschaftlichen Analyse in nichts von dem des Islam. Deshalb gibt es keinen Christianismus, obgleich dieser als politische Interpretation des staatsorganisatorisch irrelevanten Jesusworts eine derartige Bezeichnung rechtfertigen würde. Und deshalb kann es keinen Islamismus geben, weil der Islam selbst genau das ist, was mit Islamismus scheinbar beschrieben wird.

 Warum dennoch Islamismus?

Die Beharrlichkeit, mit der gleichwohl insbesondere die europäischen Medien an dem weißen Schimmel des radikalen Islamismus festhalten, ist nicht nur ein Eingeständnis der jeweiligen Autoren, dieses ihnen unerklärliche Phänomen des Islam nicht verstanden zu haben – es ist gleichzeitig auch der untaugliche Versuch, den Islam als vorgebliches Religionskonzept aus der Verantwortung für das Handeln jener Terroristen in seinem Namen herauszunehmen.

Dieses allerdings entspricht in seiner Logik dem niemals erfolgten Versuch, den im Tanach beschriebenen Vertreibungsmord an den Kanaanitern als „judaistisch“ oder die Unterwerfung der amerikanischen Ureinwohner durch spanisch-katholische Missionierung als „christianistisch“ von ihrem religiösen Ursprung zu entfernen.

Mehr noch als ein „Christianismus“, den weder Wissenschaft noch Umgangssprache kennen, ist ein Islamismus nichts anderes als die konsequente Umsetzung der Schriften Mohammeds und der Hadithen. Denn anders als zumindest die christlichen Evangelien erhebt der Islam den uneingeschränkten Anspruch, sich nicht auf das Geistesleben seiner Anhänger zu beschränken, sondern die Politik der von seinen Anhängern besiedelten Landstriche zu bestimmen. In der Logik des Koran ist ein unpolitischer Islam genau dieses nicht mehr: Ein Islam. Was jedoch nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass es einen säkularen Islam niemals geben kann. Denn wenn dieses so wäre, dann gäbe es auch kein säkulares Judentum. Im Sinne des Radikalen allerdings ist die säkulare Überwindung des Gottesstaatsanspruchs tatsächlich nicht möglich – was der Auffassung orthodoxer Juden und christlicher Alttestamentarier entspricht, die dadurch wiederum letztlich in ihrem Staatsverständnis keine Unterscheidung zum „Islamisten“ aufweisen.

 Aufklärung versus Fundamentalismus

Modernes, säkulares Juden- wie Christentum sind unvorstellbar ohne die Errungenschaften der abendländischen Aufklärung – wobei sich diese bei genauerem Hinsehen auf jene ursprünglich christlich-katholischen Länder im Westen des Kontinents beschränkt, in denen seit eh auch Juden ihren mal mehr, mal weniger geduldeten Platz hatten. Die Reformation, die eine Konsequenz einer Verwissenschaftlichung des Denkens ist, war niemals eine gesamtchristliche Angelegenheit. Sie beschränkte sich auf den Katholizismus und definierte sich maßgeblich in ihrem Selbstverständnis eines Antipapismus.

Konsequenzen, die sich aus dieser Beschränktheit ergeben, habe ich in der Publikation „Ein slawisches Requiem“ hinsichtlich der christlichen Orthodoxie dargelegt. Protestantismus ist eben kein Anti-Metropolitismus und die orthodoxen ebenso wie die ursprünglichen, christlichen Ostkirchen haben sich mit der Problematik eines aus dem eigenen Bestand heraus entstehenden Reformatismus niemals beschäftigen müssen. Gleiches gilt für Judentum und Islam, wobei die ashkenasischen Juden durch ihre Integration in die westeuropäische Gesellschaft selbst nicht nur Kinder der christlichen Aufklärung sind, sondern maßgeblich zu dieser beigetragen haben.

Der deutsche Jude – oder besser: der jüdische Deutsche Heinz Berggruen formulierte dieses am 17. Juni 1999 anlässlich seiner Dankesrede zur Verleihung des Nationalpreises mit den folgenden Worten:

 „„Ich verleugne in keiner Weise meine jüdische Herkunft, aber ich bekenne mich zu Deutschland. Ich bekenne mich nicht zu dem Deutschland, in dem die Hauptwerte und Hauptworte Volksgemeinschaft, Volkszugehörigkeit und Volkstum heißen (…) Ich bekenne mich zum Deutschland der Aufklärung und des Liberalismus, zu einem Deutschland, das in einer europäischen, von Toleranz getragenen Gemeinschaft verankert ist.“

Das “Deutschland der Aufklärung und des Liberalismus” ist selbstverständlich kein Staatswesen, das nach den mosaischen Gesetzen organisiert ist. Ist der jüdische Deutsche Berggruen angesichts seines Bekenntnisses nun kein Glaubensjude mehr? Aus Sicht eines radikalen, orthodoxen Juden wäre er zumindest ein verlorener Sohn, wenn nicht jemand, der sich vom “wahren” Weg seines Gottes entfernt hat.

Nicht anders stellt sich die Situation beim Blick auf den Islam und seine radikalen Anhänger dar. Ist ein Moslem noch Moslem, wenn er nicht die rituellen Gebete befolgt, sich nicht dem Fasten im Ramadan aussetzt? Er bleibt dennoch für den Radikalen ein Moslem. So lange er dem Islam nicht abgeschworen hat und zum todwürdigen Murtadh wird, hat er sich jedoch der Religionsauslegung der Radikalen bedingungslos zu unterwerfen. Und umgekehrt? Aus zahlreichen Diskussionen mit Muslimen bringe ich die Erfahrung mit, dass weltliche Anhänger des Koran den radikalen Vertretern deren Religionszugehörigkeit absprechen möchten. Insbesondere Anhänger der Schia betrachten Anhänger des sa’udi-arabischen Wahabismus und des daraus abgeleiteten Salafismus als Ungläubige, die den Namen Allahs missbrauchen. Eine besondere Rolle nehmen darüber hinaus jene Mystiker ein, die als Sufi mit dem “Römer” alal a’din Mohammed a´Rumi (“Römer” als Bezug auf seine oströmisch-kleinasiatische Wahlheimat) einen ihrer eindrucksvollsten Dichter fanden.

Dennoch führt kein Weg an der Feststellung vorbei, dass gerade der Wahabit oder Salafist in seiner wortgetreuen Auslegung seiner heiligen Schrift näher ist an dem vorgeblichen Willen seines Gottes, der sich einst dem arabischen Kaufmann Mohammed geoffenbart worden sein soll. Nicht umsonst bezeichnet sich die in Syrien und dem Irak militärisch agierende Gruppe als “Islamischer Staat” und bezieht sich auf das islamische Kalifat als vorgeblich einzig zulässige Staatsform. Der IS agiert in ihrem Umgang mit allen Nicht-Sunniten auf Basis des oben beschriebenen islamischen Verständnisses und betrachtet darüber hinaus offenbar auch die Anhänger der anderen, großen islamischen Glaubensgemeinschaft der Schia als Ungläubigeweil vom wahren Glauben abgefallene, obgleich die traditionelle Aufteilung der Welt in ein Dar al Islam und ein Dar al Charb die Schiiten tatsächlich in den Bereich des Dar al Islam einbezieht. Die Gruppe “Islamischer Staat” ist insofern radikal radikal: Sie bezieht sich auf eine Umma, die auf dem umayyadischen Verständnis vor dem islamischen Schisma im siebten Jahrhundert beruht und die Schiiten als Abtrünnige begreift.

Die unvollendete Vergangenheit einer politisch-religiösen Idee

Jenseits der Ursachen seines Entstehens, die nicht zuletzt in Fehlern bei der US-amerikanischen Invasion des Jahres 2003 zu finden sind, ist der IS ebenso eine auf dem Islam basierende Organisation wie beispielsweise die nigerianische Boko Haram.

Das spezifische Problem des Islam ist seine scheinreligiöse Substanz eines durch nichts gerechtfertigten Anspruchs als einzigem Primat der Politik: Der Islam leidet unter der unvollendeten Vergangenheit seiner politisch-religiösen Idee. Hieraus entwickelt sich die aus Sicht der Aufklärung barbarische Idee, eine menschliche Gesellschaft des 21. Jahrhunderts mit einem politischen Masterplan der Spätantike organisieren zu können. Um in der Analogie zu bleiben: Der Islam ist der Axolotl der monotheistischen Religionen: Er zeugt Kinder ohne jemals das Stadium der Larve wirklich überwunden zu haben.

Indem Mohammed auf der Basis dreier damaliger Weltreligionen ein vorrangig politisches Gesellschaftskonzept entwickelte, grenzte er sich einerseits ab gegen das ähnlich strukturierte Buch der Juden und trennt andererseits sein mythisches Vorstellungsbild von dem der Christen. Wie die zeitgenössischen Konkurrenzangebote grenzt Mohammed seine Philosophie gegen die anderen zeitgenössischen Religionen ab. Anders aber als das Judentum, das in seiner Introvertiertheit auf die aktive Mission verzichtet, radikalisiert der Glaubensgründer des Islam den in seinem ursprünglichen Kern friedlichen Missionsgedanken der Christen. Jesus erhob nicht den Anspruch, sein Glaubensbild als politisches Glaubensdiktat zu definieren. Ganz im Gegenteil ist der ursprüngliche Ansatz des Jesu ein unpolitischer.

Jenseits des politischen Entstehens des Judentums, auf das ich in der Biblikon-Reihe umfassend eingegangen bin, ist das mosaische Konzept dagegen sehr wohl das einer Gesellschaftsorganisation. Durch seinen Verzicht auf Expansionismus bleibt es jedoch – mit Ausnahme jener im Tanach beschriebenen kanaanitischen Opfer – gleichsam in der Familie. Das politische Judentum im Verständnis des Tanach stellt keine Gefahr für Andersgläubige dar, denn es verzichtet nach Abschluss der vorgeblich durch Gott gebotenen Landnahme auf weitere Aggression gegen seine Nachbarn. Das Judentum ist somit faktisch mit der Landnahme und der Judaisierung des gelobten Landes vollendet – und das gilt unabhängig davon, dass diese Vollendung nicht von Dauer war. Es konnte in der Diaspora den Weg in die Mystifizierung gehen, sodass selbst die zionistische Idee des Theodor Herzl letztlich eine säkular-imperialistische Vorstellung ist, wie sie die Welt der Aufklärung im 19. Jahrhundert in zahlreichen Variationen kannte. Weil sie als Kinder der Aufklärung eben nicht den Gottesstaat propagierten, sondern einen Nationalstaat der Juden, waren die Zionisten nach 1945 in der Lage, einen jüdischen Staat zu gründen, der einerseits auf der jüdischen Glaubensphilosophie beruht und gleichzeitig die Konsequenzen der aufgeklärten Wissenschaftlichkeit als die eines im Grunde säkularen Staates verknüpfte. Gleichzeitig war diese Staatsgründung für die islamisch geprägten Bewohner der Region mehr noch als durch deren Landnahme eine religiöse Provokation: Der jüdische Staat steht als nationalstaatliche Demokratie in eklatantem Widerspruch zur Gottesstaatsphilosophie des Islam. Das tiefgreifende Zerwürfnis gerade mit dem gemäß dieser Philosophie organsierten Iran basiert insofern weniger in einem vorgeblich imperialistischen Kolonialismus des Zionismus, sondern vielmehr in dem säkular-weltlichen Konzept eines demokratischen Nationalstaats in der konsequenten, von der westeuropäischen Aufklärung geprägten Weiterentwicklung eines in seinem Ursprung dem islamischen Gottesstaatsanspruch identischen poltisch-religiösen Konzepts. Der jüdische Glaubensstaat hatte seine Realisierung in vorchristlicher Zeit. Er wurde nach seinem Versagen gegenüber einer seinerzeit modernen, säkularen Gesellschaft mit einer diesseitigen Staatsidee überwunden und legte gleichzeitig den Grundstein dafür, aus einem in seinen Wurzeln totalitärem Glaubenskonzept ein säkulares Staatskonzept entstehen zu lassen.

Das ursprünglich säkulare Christentum ging nach seinem Constantinischen Durchbruch den gegenteiligen Weg. Aus dem Säkularismus des Jesus wurde der Anspruch eines christlichen Glaubensstaates, in dem selbst abweichende christliche Auffassungen mit dem Tode bestraft werden konnten – eine Vorstellung, wie sie nicht weiter von den Auffassungen Jesu entfernt sein konnte. Und doch war das katholische Christentum – wenn auch gegen den Willen seiner Akteure – auf Basis des hellenistischen Erbes in der Lage, die Grundlagen der Verwissenschaftlichung des Denkens zuzulassen und so zumindest über den Druck eigener Abtrünniger zur ursprünglichen Säkularität des Jesus zurück zu kehren. Der Katholizismus des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts ist von der politischen zur moralischen Instanz geworden. Er hat seinen Weg zurück zu Jesus gefunden.

Mohammed übernahm das ursprüngliche Konzept des Judentums und die Mutation des christlichen Gedanken und baute darauf ein faktisch politisches Gesellschaftskonzept auf, dem die Mystik nur noch als Vehikel der Umsetzung dient. Träumten die Staatschristen in ihrer spezifischen Auslegung vielleicht von einem weltweiten Staatsdiktat ihres Christentums – und übersahen sie dabei geflissentlich, dass genau dieses nicht das Ziel ihres Erlösers gewesen ist – so wurde das weltweite Staatsdiktat unter dem Willen eines einzigen Gottes Kerngehalt der mohammedanischen Politikidee.

Der Islam des Mohammed ist so die Perfektionierung des gottesstaatlichen Anspruchs seiner weltlich-christlichen Konkurrenz in Byzanz. Die Umma ist daher erst vollendet, wenn es auf diesem Planeten kein Dar al Charb mehr gibt und Dhimmi wie Charbi und Musta’min der Vergangenheit angehören. Der Islam sieht insofern seiner Vollendung erst noch entgegen.

Der Islam des Mohammed ist ein religiös getarntes Konzept des arabischen Imperialismus. Auf den daraus entstehenden Konflikt zwischen Islamischem Anspruch und westeuropäischer Aufklärung bin ich bei früheren Publikationen eingegangen. Gleichzeitig aber legt dieses Konzept des frühen Mittelalters einen Mehltau des Fatalismus über die Gesellschaft.

Flaig weist darauf hin, dass die zeitweilige Dynamik der islamischen Kultur maßgeblich dann festzustellen ist, wenn sie sich durch die Ideen der europäischen Antike befruchten ließ. Tatsächlich waren die islamischen Kulturen bis heute nicht in der Lage, Anschluss an den wissenschaftlich-technischen Fortschritt der westchristlich geprägten Völker zu finden. Sie erlitten in Folge dieser Unfähigkeit zur Innovation die koloniale Fremdbestimmung durch sich selbst und durch Europa – und fanden so eine ständige Entschuldigung für das eigene Versagen.

Das Ende des Kolonialismus

Der Kolonialismus der Europäer wirkte und wirkt fort. Erst die Interventionen der UdSSR in Afghanistan und der USA in Mesopotamien, die beide scheinbar im Sinne der postkolonialen Doktrin erfolgen, ziehen die europäisch geprägte Decke von der islamischen Gesellschaft. Der Iran wendet sich als erstes ab und etabliert mit allen Konsequenzen für die darüber in die Glaubensdiktatur gepresste Bevölkerung einen islamischen Gottesstaat. Das zu keinem Zeitpunkt vom europäischen Kolonialismus unterworfene arabische Kernland des sa’udischen Imperiums beschritt diesen Weg von Anbeginn seiner eigenstaatlichen Existenz an und versinkt in der Dekadenz seiner eigenen Bigotterie.

In Syrien und dem Irak setzen das Versagen eigener Eliten ebenso wie der Interventionisten islamische Kräfte frei, die mit revolutionärer Dynamik das im siebten Jahrhundert unmissverständlich definierte Staatsziel übernehmen und mit der aus ihrer Sicht gebotenen Brutalität in die Tat umzusetzen versuchen.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte für die Annahme, dass jene uns überlieferten fast schon friedfertigen Übernahmen maroder Städte und Staatsgebiete durch den jungen Islam tatsächlich nichts anderes als Legende sind, dann wird dieser derzeit durch die IS erbracht. Die Landnahme des jungen Islam wird sich nur unbedeutend anders dargestellt haben als jene jener geschätzt 30.000 fanatischen Kämpfer, die in der Lage waren, innerhalb kürzester Zeit das halbe antike Assyrien zu überrennen.

 Die IS auf dem Weg der islamischen Vollendung

Die IS ist entgegen dem weit verbreiteten Erklärungsversuch alles andere als unislamisch. Sie ist eine Gruppe, die an der revolutionären Dynamik der ersten Glaubensgeneration ansetzt und von dem Ziel getragen ist, das bisher unvollendete zu vollenden.

Das wiederum stellt Europäer wie gemäßigte Muslime vor ein Dilemma. Vernichten die Europäer – wozu sie in der Lage wären – die IS, so schlagen sie einer Hydra den Kopf ab ohne verhindern zu können, dass zahlreiche neue Köpfe nachwachsen. Denn nach wie vor harrt das Fundament des Islam dann seiner Vollendung und lastet die Verhinderung dessen der christlichen Kultur an.

Überlassen die Europäer hingegen den Fortgang der Geschichte jenen, die als Muslime dafür zuständig wären, wird dem Islamischen Staat kein Einhalt geboten werden und die radikale Umsetzung der islamisch-expansionistischen Gebote zu einem für die zivilisierte Welt unerträglichen Vernichtungsfeldzug führen. Es gilt das alte, fatalistische Motto des „insh-Allah“ – Gott hat es so gewollt.

So mag es mehr als zynisch klingen, wenn ich nun die Behauptung aufstelle, dass das Phänomen der IS unverzichtbar ist, um den immer noch politischen Islam dorthin zu führen, wo Judentum und Christentum bereits sind: In der selbstverständlichen Bereitschaft, Gott und Staat zu trennen ohne dabei auf die moralisch-ethischen Ansprüche des eigenen Glaubenskonzeptes zu verzichten.

 Eine islamische Katharsis

Ich hatte 2006 geschrieben, dass der Islam den Weg einer eigenen, islamischen Aufklärung gehen müsse. Die Geschehnisse seitdem erfordern die Frage, ob dieses ein Weg sein kann. Denn tatsächlich finden sich keinerlei Ansätze einer islam-internen Überwindung des Gottesstaatsanspruchs selbst dann, wenn deren Protagonisten wie im nachrevolutionären Ägypten durch eine westlich-säkular geprägte Militärelite physisch vernichtet wird. Vielmehr deutet manches darauf hin, dass selbst ehedem säkulare islamische Staaten wie die Türkei dem Sog in den klerikalen Staat folgen werden.

Was der Islam insofern benötigt, ist keine Aufklärung – es ist eine Katharsis. Und es ist der IS, der diese Katharsis, diese rituelle Selbstreinigung bewirken kann. Denn sie führt dem islamischen Volk vor Augen, welches die unvermeidbare Konsequenz der wortgetreuen Umsetzung ihres religiösen Konzeptes ist. So wie das Judentum durch den Niedergang des hasmonäischen Gottesstaates gehen musste und das Christentum die Stagnation seines Mittelalters erlitt, so scheint es unumgänglich zu sein, dass der Islam einen aus sich selbst geborenen Weg der Leiden geht um den unerreichbaren, politischen Anspruch überwinden zu können.

Ich schrieb 2006, dass die Konsequenzen für einen humanistisch geprägten Europäer des einundzwanzigsten Jahrhunderts kaum zu ertragen sein werden. Es sträubt sich alles gegen die Vorstellung, Millionen von Menschen der Inhumanität von empathielosen Glaubensfanatikern auszusetzen. Alles ruft danach, diesem Leid ein schnelles Ende zu setzen – und doch wird es, wenn es ein zu frühes Ende ist, nicht das Ende sein.

Es ist die Unabdingbarkeit der klassischen Tragödie, in der sich die Beteiligten befinden. Es gibt keinen Königsweg, kein Entrinnen. Vielleicht aber gibt es zumindest du Hoffnung, dass die Brutalität der Radikalität bei den betroffenen Völkern den Anlass schafft, über die eigenen Wurzeln neu nachzudenken. Niemand erwartet und sollte erwarten, dass Millionen von Muslimen ihrem Glauben abschwören. Das ist auch nicht nötig, wenn es ihnen in ihrer breiten Mehrheit und mit ausdrücklicher Unterstützung ihrer geistigen Vordenker gelingt, das Gottesstaatsdiktat als das zu begreifen, was es ist: Das imperialistisch-aggressive Konzept einer seit langem vergangenen Situation, aus dem heraus sich eine Glaubensphilosophie entwickelt hat. So, wie sich aus dem Vernichtungsgebot des Tanach ein jüdisch geprägtes Demokratieverständnis entwickeln und aus dem vergewaltigten Wort Jesu ein christlich geprägtes, westeuropäisches Staatsverständnis bilden konnte.

Wenn dieses geschehen sein sollte, dann wird auch das wenig durchdachte Wort eines gescheiterten deutschen Bundespräsidenten zur Wahrheit werden und der Islam zu Deutschland gehören. Solange jedoch der Islam sich seiner Wiedergeburt verweigert, mag er zwar europäische Realität sein – dazu gehören kann er jedoch nicht.

© 2014/08 Spahn/FoGEP

Der vierte Weltkrieg

Der nachfolgende Artikel ist eine perfekte Darstellung eines denkbaren Szenarios, das sich in vielerlei Hinsicht sowohl mit meinem Psychogramm Putins – https://tomasspahn.wordpress.com/2014/03/04/putin-mensch-und-macht-psychogramm-eines-strasenjungen/ – deckt als auch die Konsequenzen meiner Überlegungen zur künftigen Militärstrategie Zentraleuropas unterstreicht – https://tomasspahn.wordpress.com/2014/04/20/pladoyer-fur-eine-neue-militarstrategie/ .

Der Artikel des russischen Politologen Andrej Piontkowski erschien im Original bei Echo Moskau bereits am 10. August 2014.

Wir stellen ihn seiner Länge wegen hier ein und dürfen auf diesem Wege Irina Schlegel unseren ganz herzlichen Dank für Ihre Übersetzung sagen.

All jenen Zögerern und Zauderern, die Europa mit ihrer Lähmung nach dem März 2014 unnötig an den Rand dieses Szenarios gebracht haben, sei dieser Artikel Piontkowskis wärmsten empfohlen. Möge er das eine oder andere verträumte Auge öffnen.

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DER VIERTE WELTKRIEG

von Andrej Piontkowski

Dank der Freundlichkeit zweier Kremleierköpfe- dem Moskauer “Liberalen” Karaganov (Vedomosti) und dem New-Yorker Apologeten vom “guten Hitler bis 1938” Migranjan (Expert) stellen wir uns nun ziemlich gut die Argumente der “Friedenspartei” und der “Kriegspartei” vor, die miteinander um die Ehre konkurrieren, möglichst meisterhaft das Schulterchen des Lieblingsführers zu küssen, und ihn für die eigene prinzipielle Haltung zu gewinnen.

Es wird darüber diskutiert, auf welchem Wege es effektiver wäre, die Ukraine weiter zu erwürgen: mit ökonomisch-diplomatischen oder mit offen militärischen Mitteln. Der nationale Leader müsste sich in den nächsten Tagen und sogar Stunden festlegen und seine Wahl treffen.

Schwer zu sagen, ob er ein Demiurg oder ein Opfer der verrückten Welt ist, die durch das russische TV kreiert wird, aber all die Generäle und Oberstleutnante abzuschütteln, die er als “zur Verzweiflung getriebene Donbassbewohner”-Darsteller geschickt hat, wird für ihn schon unvereinbar mit einem politischen Leben sein. Die Versuche, sich mit dem Westen auf irgendeine Formel zu einigen, die sein Gesicht retten kann (Kolesnikows Depesche), sind ohne Antwort geblieben.

Die “Friedenspartei” bietet ihm im Grunde eine langweilige und jämmerliche Agonie eines erfolglosen Politikers an. Beim Chruschtschoew nach der Kubakrise hat sie zwei Jahre gedauert (1962-1964). Beim jetzigen politischen und informativen Tempo werden die Jahre sich zu Monaten zusammenfalten.

Die “Kriegspartei” bietet ihm ein weitaus romantischeres und inspirierenderes Szenario an: den Vierten Weltkrieg der sich aufrichtenden orthodoxen Russischen Welt gegen die verdorbene dekadente angelsächsische Welt. Über diesen Krieg wie über einen bereits stattfindenden Krieg erzählen uns schwärmend die Gäste in TV-Shows von Solowjew, Mamontow und Kisseljow.

Klingt sehr patriotisch. Aber bevor man unseren orthodoxen Dschihad als falsch-gläubig einstuft, wäre es nicht schlecht, sich mal dafür zu interessieren, wie viele Divisionen der Papst hat, sprich der geistige Führer der Russischen Welt. Denn kein Staat, kein Regime wird einen Krieg anfangen, wenn er fest davon überzeugt ist, daß er es verlieren wird. Der Führer und sein Generalstab müssen im Kopf irgendeine Strategie haben, deren Realisation sie in ihrer Vorstellung zum Sieg führt. Versuchen wir doch, uns dieses Vorhaben mal vertraut zu machen.

Erste Ebene der Eskalation. Wirtschaftskrieg. Niederschmetternde Überlegenheit der dreisten Angelsachsen und ihrer europäischen Anhängseln. Diese Höhe lassen wir mal aus.

Zweite Ebene. Der konventionelle Krieg. Gewaltige, ausschlaggebende Überlegenheit des Westens. Lassen wir aus.

Dritte Ebene. Atomkrieg. Ernsthafte psychologische Überlegenheit des putinistischen Russlands. Ich habe schon mehrmals über die Natur dieser Überlegenheit gesprochen. Aber man hat mir unaufmerksam zugehört. Also, von dieser Stelle dann noch mal ausführlich und syllabierend.

In seiner berühmten Krimrede (Sudetenrede) hat Putin alle vagen kollektiven geopolitischen Phantasmen der russischen politischen “Elite” in klare Konzepte verwirklicht: die zertrennte Nation, die Sammlung der ureigenen Territorien, die Russische Welt. So wurde die Vorladung zum Vierten Weltkrieg formuliert. Und dies ist keine Vorladung zur Erhaltung des Status Quo. Sogar die dezenteste praktische Realisation der ambitionierten Idee der “Sammlung der russischen Territorien” wird die Veränderung der Staatsgrenzen zumindest zweier NATO-Mitgliedsstaaten einfordern: Lettland und Estland.

Und welche Instrumente, abgesehen von der berühmten “Geistigkeit”, könnte denn für eine erfolgreiche Konfrontation mit dem NATO-Block und die Annexion von Territorien seiner Mitgliedsstaaten ein Staat einsetzen, der der NATO in der wirtschaftlichen Entwicklung, dem wissenschaftlich-technologischen Niveau und dem Potential an konventionellen militärischen Kräften vielfach unterlegen ist?

Nur die Atomwaffen. Aber, werden Sie fragen, ist es denn nicht allgemein bekannt, dass sich im Bereich der Atomwaffen Russland und die USA genau wie ein halbes Jahrhundert zuvor in einer Pattsituation der Doktrin der Gegenseitig Garantierten Vernichtung (Mutual assured destruction) befinden, und man folglich den Atomwaffenfaktor aus den strategischen Berechnungen ausschließen kann?

Die Sache ist, dass es nicht ganz so ist, beziehungsweise GAR nicht so ist. Die Doktrin der gegenseitig garantierten Vernichtung hat nur eins, das verheerendste, Szenario des militärischen Konflikts zwischen zwei Atommächten in Betracht gezogen: den totalen Krieg. Eine Seite verübt einen Massenschlag auf die Städte und auf die Mittel der Atomwaffenbereitstellung des Gegners, im Bestreben, diese zu neutralisieren. Die Gegenseite antwortet mit den kriegshinterbliebenen Raketen auf den Konfliktinitiator.

Der Kapazitätsbestand beider Seiten, dem Gegner einen unzumutbaren Schaden zuzufügen (der Tod Millionen seiner Bürger), auch im Falle eines Vergeltungsschlages (also die Gefahr des gegenseitigen Selbstmordes) hat eben beide Gegner von dieser Handlungsweise abgehalten.

Aber die Militäranalysten beider Länder haben schon längst darauf hingewiesen, dass dieses Szenario, das die Grundlage der MAD darstellt, nicht alle möglichen Varianten des Atomwaffeneinsatzes ausschöpft. Wenn sich zwischen zwei Ländern irgendein politischer Konflikt zuspitzt, der allmählich in eine militärische Konfrontation übergeht, kann eine von den beiden Seiten ihre Atomwaffen in beschränkter Menge auf einzelnen gegnerischen Zielen anwenden. Vor welcher Wahl wird dann die politische Führung der anderen Seite stehen?  Einen massierten Atomschlag auf die Städte des Gegners verüben? Aber das Resultat (siehe oben) wird der gegenseitige Selbstmord sein. Nicht die beste Variante. Kapitulation im ursprünglichen politischen Konflikt? Auch eine wenig attraktive Perspektive.

Somit versteckt sich unter der einlullenden Decke der “strategischen Stabilität” eigentlich ein unerforschter Bereich der potenziell gefährlichen Szenarien für Kernkonflikte. Bestimmte Reflexionen haben diese Überlegungen im Konzept des “beschränkten Atomkrieges” gefunden, das von der Reagan Administration in den ersten Jahren seiner Regierungszeit erstellt wurde.

(siehe Gelowani, Piontkowski “Die Evolution des Konzepts der strategischen Stabilität. Atomwaffen im 20ten und 21ten Jahrhundert”. Moskau 1997, zweite Auflage Moskau 2008)

Im Großen und Ganzen haben aber die UdSSR und die USA nach ihrer existenziellen Erfahrung der Kuba-Krise eine direkte militärische Konfrontation gemieden, die zu einer Eskalation des Konflikts auf der nuklearen Ebene hätte führen können.

Theoretisch aber ist es klar, dass in einer volatilen geopolitischen Situation die Atommacht, die auf eine Änderung des Status Quo orientiert ist, einen größeren politischen Willen zu so einer Veränderung hat, eine größere Gleichgültigkeit dem Wert vom Menschenleben (dem eigenen wie auch dem der anderen) entgegenbringt, wie auch einen bestimmten Anteil an Abenteuerlust besitzt,- ernsthafte außenpolitische Resultate allein mit der Androhung der Anwendung oder der beschränkten Anwendung von Atomwaffen erzielen kann.

Denn die nukleare Strategie ist ja nicht nur die trockene mathematische Analyse der Schlagabtauschszenarien, sondern weitgehend auch ein dramatisches psychologisches Duell.

So setzt sich Putins Agenda für den Vierten Weltkrieg nicht die Zerstörung der verhassten USA zum Ziel, was man ja nur durch den gegenseitigen Selbstmord erreichen könnte. Diese Agenda ist weitaus bescheidener, noch jedenfalls: die maximale Erweiterung der Russischen Welt, der Zerfall des NATO-Blocks, die Diskreditierung und Erniedrigung der USA als den Sicherheitsgaranten des Westens. Im Grunde ist dies eine Revanche für die Niederlage der UdSSR im Dritten (Kalten) Weltkrieg, genauso wie der Zweite Weltkrieg der Revancheversuch Deutschlands für die Niederlage im Ersten war. Ein Hundertjähriger Krieg (1914-2014) in vier Akten mit einem Epilog.

Schauen wir uns doch in diesem Kontext ein von mir erstelltes, viel unter den Experten besprochenes , durchaus mögliches Szenario des Vierten Weltkrieges an. Im Zuge der Realisation des geistig erhellenden Konzepts der Sammlung von ureigenen russischen Territorien, das von W. Putin in seiner historischen Rede am 18ten März bekanntgemacht wurde, werden die mit einem einzigartigen genetischen Code beschenkte, leidenschaftliche russischsprachige Bewohner von Narva (Estland) ein Referendum über den Anschluss an die Russische Welt durchführen. Für die Realisation der Ergebnisse ihrer Willensbekundung werden auf das estnische Territorium bis an die Zähne bewaffnete grüne Männchen entsendet, mit Abzeichen oder ohne, die dann geschäftig neue Grenzmarkierungen setzen. Wie wird in so einer Situation der aggressive NATO-Block agieren?

Dem Schlüsselartikel des 5ten Statuts dieser Organisation müssen alle seine Mitgliedsstaaten eine sofortige militärische Unterstützung für Estland erweisen. Manche von diesen Staaten haben technische Möglichkeiten einer Eliminierung von Eindringlingen innerhalb einer halben Stunde mittels ferngesteuerter Feuereinwirkung. Eine Absage der Estland-Verbündeten, ihren Pflichten nachzugehen, wird ein Ereignis von historischer Bedeutung werden: es wird das Ende der NATO, das Ende der USA als Weltmacht und eine vollständige politische Dominierung des putinistischen Russlands nicht nur im Areal der Russischen Welt, sondern am ganzen europäischen Kontinent werden. Trotzdem ist die Antwort auf die Frage, ob die NATO Estland im Falle seiner nachbarschaftlichen Vergewaltigung seitens einer Atommacht beschützt, gar nicht so offensichtlich.

Der Autor eines interessanten Artikels “Die Welt ist nicht verrückt” (http://politikan.com.ua/8/0/1/81808.htm) Yuri Felschtinskij, zum Beispiel, sagt folgendes: “Und hier werden wir dann tatsächlich vor einer Bedrohung eines Krieges zwischen Russland und der NATO stehen, wobei Putin sich sicher sein wird, daß die NATO keinen Krieg wegen Ostseestaaten anfangen wird, kein Risiko einer Atomkatastrophe eingehen wird… So wie Hitler, wird er denken, dass der Westen kalte Füße kriegt. Das werden sie aber nicht (was die westlichen Demokratien, wie auch Putin, noch gar nicht wissen)”.

Wissen Sie, das ist der seltene Fall, wo ich mehr dazu neige, mit Putin und Hitler einverstanden zu sein, als mit Felschtinskij. Zumal nach Felschtinskij die westlichen Demokratien noch gar nicht wissen, wie sie in einer kritischen Situation reagieren werden. Putin weiß aber, dass sie wissen, dass sobald sie Estland zur Hilfe kommen, Putin mit einem sehr beschränkten Atomschlag antworten kann. Vernichtet, zum Beispiel, zwei europäische Hauptstädte. Kein London oder Paris, selbstverständlich. Wer weiß, wie man in einer Verzweiflung reagieren kann, nach so einem Schlag, auch eine kleine Atommacht.

Und nun versetzen Sie sich an die Stelle des Nobelpreisträgers Obama. Er ist der Einzige, der sich irgendwie in den plötzlich zugespitzten Konflikt eines niemandem in Amerika bekannten, verflucht soll es sein, Städtchens namens Narva einmischen kann. Und die ganze progressive aber auch reaktionäre amerikanische Gesellschaft wird ihm im Einklang zurufen: “Wir wollen nicht für das fucking Narva sterben, Mr. President!”

Übrigens, dieselbe Meinung vertritt auch die Mehrheit der Bevölkerung Deutschlands, wo es vor kurzem eine soziologische Umfrage zum Thema: “Soll Deutschland seinen Bündnisverpflichtungen nachgehen, im Falle einer militärischen Konfrontation mit Russland?”. 70% der friedliebenden deutschen Bürger haben geantwortet: “Nein, Deutschland muss eine neutrale Position in diesem Konflikt einnehmen”.

Putin beobachtet seine westlichen Partner schon seit einiger Zeit und empfindet tiefe Verachtung für sie. Wie soll er sie sonst wahrnehmen, wenn sich die Kanzler und die Premierminister des großen Europas in eine Schlange stellen, um Lakaien an seinen Tankstellen für jämmerliche 2 Millionen Euro im Jahr zu sein? Oder nach dem Putin zusammen mit Assad mit einem chemischen Schlag alle westlichen Leader wie kleine Kinder beschissen hat, in dem er die Tagesordnung der syrischen Krise gänzlich ausgewechselt hat: aus einem Henker der Sunniten Gemeinde wurde Assad schlagartig ein respektabler Staatsmann, der sich mit der ehrenhaften Aufgabe der chemischen Abrüstung beschäftigt.

Putin hat damals den Obama mit seinen Red Lines durchgerechnet, und heute hat er seine ehemaligen Partner von G8 durchgerechnet. Er ist überzeugt, daß er sie in potenziellen militärischen Konflikten überspielen kann, die auf dem Weg zur Realisation der großen Idee der Russischen Welt entstehen werden, ungeachtet dessen, dass Russland der NATO im Bereich der üblichen Militärausrüstung um ein vielfaches unterlegen ist, und die USA im Kernwaffenbereich auch nicht überlegen sind. Wir werden mit unserem Willen alles erstürmen! Mit dem Willen und mit der Dreistigkeit. “Wie soll ein Schüler gegen die Assis vorgehen”, die dazu auch noch mit Atomwaffen umgürtet sind, und bei jeder Gelegenheit an diesen Gürtel erinnern? Wenn der Genosse Kim Chen In nur mit einem Eimer Atombrühe die ganze “zivilisierte Welt” um sich tanzen lässt, welche Possen kann denn der Herr Krim Put In mit dieser Welt treiben, der ja ein enormes Atomarsenal besitzt?

Der Plan des Vierten Weltkrieges der Russischen Welt gegen die angelsächsische Welt ist dreist, paradox, abenteuerlustig, und hat aber  Chancen auf Erfolg.

Davon abgesehen, im Falle einer Niederlage bleibt in Putins Tasche immer die Unentschiedenvariante: die klassische Gegenseitig Garantierte Vernichtung, radioaktive Asche namens Kisseljow. Das Verständnis dieses Umstands und die wachsende Einsicht dessen, mit wem sie es gerade zu tun haben, wird eine paralysierende Wirkung auf seine “Partner” im zukünftigen Vierten Weltkrieg ausüben. Das tut es jetzt schon.

http://www.echo.msk.ru/blog/piontkovsky_a/1376104-echo/

 

Das Jahr 2014 wird als das Jahr in die Geschichtsbücher eingehen, in dem die westeuropäische Weltordnung, die das 19. und das 20. Jahrhundert beherrscht und eine Phase des Wohlstandes organisiert hatte, zusammenbricht. Erst jetzt sind wir im 21. Jahrhundert – so wie das 20. Jahrhundert tatsächlich erst im Sommer 1914 begann.

Die westeuropäische Weltordnung – oder besser: Die Weltordnung auf den Grundlagen der Aufklärung der westchristich-jüdisch geprägten Kulturen – wird aktuell zerstört durch den ethnoklerikalen Faschismus Russlands ebenso wie durch den fundamentalistischen Islam – und die Protagonisten der untergehenden Weltordnung zeigen sich außerstande und unfähig, die Zerstörung ihrer Kultur aufzuhalten.