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macht – medien – manipulation

Im November 2008 hatte ich das Vergnügen, vor Mitgliedern der Universität Greifswald zur Thematik Medien – Macht – Manipulation sprechen zu dürfen.
Zufällig fiel mir dieses Manuskript nun wieder in die Hände – und ich musste feststellen, dass es in mancherlei Hinsicht fast schon prophetischen Charakter hatte und von einer erschreckenden Aktualität ist. Deshalb soll dieses Manuskript nun – so, wie es damals vorgetragen wurde – hier eingestellt werden. Insbesondere den Kollegen aus der schreibenden Zunft wünsche ich mit diesem Text viel Vergnügen …

macht – medien – manipulation

das ist eine aneinanderreihung von aspekten, die es in sich hat.

jeder allein für sich würde ausreichen, um ein komplettes studienseminar zu füllen.

wo soll ich also anfangen?

vielleicht erst einmal zu dem, was sie heute abend von mir zu erwarten haben. und was sie nicht erwarten können.

was sie nicht erwarten können, ist ein abend, nach dem sie diesen ort verlassen und der meinung sind, nun alles über die kombination dieser begriffe erfahren zu haben.

erwarten können sie dagegen die eine oder andere anregung, künftig etwas weiter als bisher zu denken. nicht konsumtiv, sondern interaktiv durch diese welt zu gehen.

erwarten können sie auch – insbesondere für den fall, dass sie mit dem gedanken spielen, später einmal journalistisch ihr geld verdienen zu wollen – vielleicht die eine oder andere hilfreiche information – mehr noch aber vielleicht die eine oder andere frustration. doch dazu kommen wir später.

ich habe lange darüber nachgedacht – welche aspekte greife ich für diesen vortrag heraus?

allein schon die verschiedenen kombinationen von medienmanipulation über medienmacht bis hin zur machtmanipulation – oder umgekehrt manipulationsmedien, machtmedien oder manipulationsmacht deuten an, mit welch einer komplexität von möglichkeiten wir uns beschäftigen wollen.

da sie aber überwiegend studenten sind oder sich nach dem studium einer akademischen tätigkeit zugewandt haben, wird es für sie nachvollziehbar sein, wenn ich zu diesen begriffen einige verständnishinweise gebe – die zumindest heute abend gelten sollen.

beginnen wir bei der macht – worunter nicht unbedingt jene verstanden werden sollte, die in dem starwars-epos eine so bedeutsame rolle spielt.

macht im demokratischen staat, das ist – so zumindest die theorie seit locke und montesquieu – etwas, das geteilt wird um gemeinsam das staatswesen am funktionieren zu erhalten.

drei faktoren sind es, die die staatstheoretiker hier genannt haben: die legislative, die exekutive und die judikative.

| zur legislative |

die legislative, das sind die parlamente, die vorrangig die aufgabe haben, gesetze zu schaffen. gesetze, das sind in diesem verständnis jene allgemeingültigen regeln, die die organisation des staates sichern. gesetze in diesem sinne sind auch haushaltsbeschlüsse, verordnungen, handlungsanweisungen – selbst dann, wie sie nicht unmittelbar in juristisch verwertbaren parapraphen ihren niederschlag finden.

eines aber ist die legislative nicht: sie ist nicht das organ, das die von ihm geschaffenen gesetze selbst in die tat umzusetzen hat. dafür ist die zweite instanz zuständig

| zur exekutive |

die exekutive, dass sind im besten sinne klassische verwaltungsbeamte, die die gesetze der legislative aufnehmen und daraus staatliches handeln organisieren. heute steht diesen verwaltungsbeamten in der regel ein politiker vor, dessen fachliche qualifikation mehr oder weniger ausgeprägt ist. das kann gelegentlich insofern zu problemen führen, wenn er sich zu sehr als politiker – also legislativ-vertreter – versteht und zu wenig als ausführendes organ, also exekutive. im großen und ganzen aber braucht man sich deshalb nicht zu sorgen. die erfahrung lehrt, dass das beharrliche fundament einer jeden verwaltung im zweifel schon mittel und wege finden wird, zu legislativ ausgerichtete politiker an ihrer spitze auszubremsen. ich darf in diesem zusammenhang einen ehemaligen kollegen zitieren, der als spitzenbeamter auf für sein verständnis zu exaltierte wünsche der politischen leitung des hauses mit einem schulterzucken reagierte und lapidar feststellte: minister kommen und gehen, verwaltung bleibt bestehen.

man hätte es auch anders ausdrücken können: mir ist es egal, wer sich über mir abkaspert – nach der nächsten wahl ist er ohnehin weg.

ich persönlich halte es deshalb auch für problematisch, wenn die verwaltung selbst zu politisch ausgerichtet ist. wenn verwaltungsposten weniger nach der fachlichen qualifikation sondern nach der politischen ausrichtung besetzt werden.

gibt es nicht – schließlich werden alle öffentlichen stellen ausgeschrieben?

nunja, der mensch ist erfinderisch – gerade wenn es darum geht, eigene politische ziele dauerhaft – oder – um dieses schöne neudeutsche wort zu benutzen – nachhaltig zu etablieren. außerdem sind manipulationen und manipulatiönchen oftmals überhaupt nicht nötig. denn dort sind mechanismen am werk, die dieses ziel auch ohne manipulation erreichen.

ich verrate kein geheimnis, wenn ich offen bekenne, dass in der freien und hansestadt hamburg über lange jahre die politiker der opposition eher zweitklassig besetzt waren. wer in hamburg karriere machen wollte, der steckte seine persönlichen anschauungen in die tasche und fischte sich ein spd-parteibuch.

oder blicken sie in den süden unserer schönen republik: welcher junge, ambitionierte bayer würde auf die idee kommen, nicht der csu anzugehören, wenn sein bestreben auf höhere amtliche weihen gerichtet ist? ganz abgesehen davon: wer möchte schon gern mit herrn mageth in einer partei sein?

in hamburg hat sich in dieser hinsicht in den vergangenen jahren etwas getan – wenn auch erschreckend wenig. das allerdings hängt damit zusammen, dass der cdu-senat in einer überaus schwachen stunde beschlossen hatte, verwaltungsposten ausschließlich aus dem bereits vorhandenen personalpool zu decken. und wie der nach über 40 jahren sozialdemokratie gestrickt ist, darüber sollte man sich keinerlei illusionen hingeben.

bayern ist – so weit ich das vom norden aus beurteilen kann – auch in dieser frage strukturkonservativer. da schafft man sich seine exoten in form von exaltierten landrätinnen in der eigenen partei – und das volk ist belustigt und zufrieden …

| zur judikative |

nun zur dritten säule der gewaltenteilung, der judikative.

die vertreter der judikative oder jurisdiktion sind jene, die gänzlich unabhängig von legislative und exekutive darüber wachen, dass alles seinen rechten gang geht. so ist es zumindest in der theorie.

blickt man auf die höheren gerichte, insbesondere auch auf die verfassungsgerichte, so kann man durchaus feststellen, dass dort des öfteren ausgewiesene juristen tätig werden, die zuvor bereits politische mandate inne hatten. für mich als puristen der gewaltenteilung ist das etwas problematisch – weil ich mich frage, ob beispielsweise eine ehemalige innensenatorin des landes berlin die objektivität mitbringt, verfassungsrechtliche aspekte ohne jedwede parteibrille zu betrachten.

o. k. – mit sicherheit sind unter ihnen auch juristen, und die werden mich jetzt umgehend belehren, dass juristen quasi von natur aus eine ausschließlich objektive beurteilungskompetenz auf paragraphenebene in sich tragen. wir brauchen das nicht zu diskutieren – ich nehme das zur kenntnis.

| drei und eine gewalt |

dieses theoretische gewaltenteilungsmodell trägt in sich fast schon eine gewisse perfektion: gegenseitige kontrolle und aufsicht sollen sicher stellen, dass niemand zu mächtig wird, dass keiner alle macht an sich reißt und den staat und dessen bürger nach manier eines fidel castro wie sein personliches landgut behandelt. so können wir bei nüchterner betrachtung sicherlich feststellen, dass das bei uns ebenso wie in anderen demokratien insgesamt recht gut funktioniert. ich gebe zu – in italien hatte ich eine zeitlang meine bedenken, doch dann regelten dort die wähler das problem – spät, aber nicht zu spät.

in deutschland braucht man dazu häufig nicht einmal die opposition. als gerhard schröder am wahlabend deutlich machte, dass er das deutsche wahlsystem nicht verstanden hat, wurde er kurze zeit später von seiner eigenen partei auf die regularien dieses modells hingewiesen. seitdem sitzt er im aufsichtsrat der gazprom und lässt es sich gut gehen.

im großen und ganzen also funktioniert die klassische gewaltenteilung recht gut.

seit geraumer zeit allerdings – und richtig heftig mit der erfindung von rollendruck, rundfunk und fernsehübertragung – scheint sich eine vierte kraft im verteilungskampf der macht zu etablieren – die medien. wir lesen oder hören in diesem zusammenhang von einer vierten gewalt, die nicht mehr wegzudenken sei.

| die medien |

deshalb erneut eine kurze definition: was ist das, die medien?

medien – das ist keine neue erfindung. schon vor der entwicklung der papyrusrolle oder der entdeckung der möglichkeit, nachrichten mittels keil in kleine tontäfelchen zu schreiben, gab es medien.

diese medien waren menschen, die irgendwo informationen aufgriffen und diese andernorts weitergaben. in gewisser weise ist insofern jeder von uns ein teil der medien.

ohne diese medien wüssten wir heute nichts von den schlachten um troja, müssten vielleicht auf einige teile der bibel verzichten und ahnten nichts von sintflut und gilgamesch. denn all diese berichte wurden lange, bevor sie jemand niederschrieb, von generation zu generation mündlich überliefert.

das birgt selbstverständlich eine gewisse inhaltliche fehlerquelle in sich, ändert aber nichts daran, dass die basisinformation medial erhalten bleibt. trotzdem ist diese form der medien auf vergleichsweise geringe reichweiten und einschaltquoten ausgelegt.

selbst als kluge menschen schrift und papier erfanden, änderte sich daran nicht sehr viel. jeder text musste mühsam per hand kopiert werden, sollte er eine verdoppelung der potentiellen leserschaft erfahren. das änderte sich erst, als herr gensfleisch alias gutenberg den bleisatz erfand. heute leben wir mit internet und weltweit sendenden fernsehstationen.

soweit zur technik der medialen kommunikation.

wenden wir uns nun der rolle der modernen medien zu.

| manipulation |

mit den erwähnten modernen medien war es möglich, dass wenige viele erreichten. auch das war nicht ohne gefahren. insbesondere dann, wenn die medien sich in händen von menschen befanden, die damit eine bestimmte zielsetzung verfolgten.

eines der bis heute bekanntesten beispiele für einen solchen einsatz mit allen seinen schrecklichen folgen finden wir in der person des joseph goebbels. ich weiß, jedweder bezug auf den nationalsozialismus birgt heute gefahren in sich. dennoch kann man nüchtern feststellen: goebbels war der erste, der das instrument medium als instrument der manipulation perfektionierte. immerhin war man seinerzeit so ehrlich, das offen zuzugeben, denn goebbels war nicht minister für medien oder für kommunikation, sondern ganz offiziell propaganda-minister.

doch eigentlich verstehen wir ja heute unter medien etwas anderes als propaganda, nämlich eine instanz, die uns unabhängig, neutral und unbeeinflusst über die wahre faktenlage in der welt informiert.

nun sagte ich schon, dass ich in manchen fragen purist bin. und als solcher habe ich meine – wie ich denke berechtigten – zweifel, dass das, was uns heute unter dem sammelbegriff medien entgegentritt, mit einer solchen definition zutreffend und ausreichend beschrieben wird.

bereits recht früh in der modernen pressegeschichte bemerkten kluge menschen, dass es mit der bloßen berichterstattung häufig nicht getan ist. das liegt einerseits daran, dass jeder autor im zweifel sogar unbewusst seine persönlichen erfahrungen und erkenntnisse in seine berichte einfließen lässt. auch sind nicht wenige autoren der durchaus nicht immer unzutreffenden meinung, dass viele sachverhalte derart kompliziert sind, dass es die aufgabe des autoren sein müsste, seine leser in diese hintergründe einzuführen. einer meiner boulevard-lokalchefs umschrieb dieses mit dem begriff der kleinen volkshochschule.

an keiner dieser überlegungen und der daraus folgenden konsequenzen ist per se etwas auszusetzen. wenn der kommentar als kommentar gekennzeichnet ist, ist dieses als denkhilfe völlig in ordnung. der leser weiß in einem solchen falle: achtung, jetzt kommt meinung – die kann ich teilen oder ich kann es bleiben lassen.

gegen die kleine volkshochschule möchte ich allein schon deshalb nichts sagen, weil ich die aufgabe eines textenden durchaus auch in der wissensvermittlung verstehe.

problematisch kann letzteres nur werden, wenn mangelhafte bildung des autoren und recherche durch denselben die wissensvermittlung in den bereich von scheinwissen und halbwissen abgleiten lassen.

mir ist bewusst: man kann mir jetzt kollegenschelte vorwerfen – aber aus eigener erfahrung weiß ich, dass viele journalisten zwangsläufig über dinge schreiben, von denen sie nichts verstehen. die artikel sind dann häufig auch entsprechend. das problem dabei: der leser übernimmt die halbkenntnis des autoren und verbreitet diese.

| medien und medienkonzerne |

aber unabhängig davon – gehen wir im moment davon aus, dass solches eben in der natur des menschen und in der mangelnden ausbildung liegt, ohne dahinter bösartige vorsätze zu vermuten. menschen machen fehler – warum nicht auch journalisten.

seit geraumer zeit allerdings können wir in der medienwirtschaft entwicklungen beobachten, die einem zu denken geben sollten.

nach wie vor legen viele medien insbesondere im printbereich wert darauf, überparteilich und unabhängig zu sein. und das wären sie selbst dann, wenn die redakteure selbstverständlich bestimmte parteipolitische präferenzen haben und diese auch durchblicken lassen.

in gewisser weise wird damit sogar die jeweilige leserschaft bedient. so wird ein anhänger der linkspartei kaum auf die idee kommen, regelmäßig die welt zu lesen. ein traditioneller welt-leser wird mit der süddeutschen zeitung wenig anfangen können. und ein liberaler wird nicht unbedingt zur kirchenzeitung greifen.

problematisch wird es jedoch, wenn medienkonzerne ihre aufgabe nicht mehr vorrangig in der vermittlung von fakten und wissen sehen, sondern in der gewinnmaximierung. nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen gewinn hätte – ohne gewinn auch in der medienwirtschaft wären medien nicht machbar. wenn der verleger aber nur noch auf das shareholder-value schielt, kann das zu einem problem werden.

man mag sich insofern über manche verflachungstendenzen, die uns insbesondere in den nachmittags-talkshows der privatsender angeboten werden, entsetzen – aber letztlich wird auch damit nichts anderes getan als eine bestimmte klientel bedient. und es mag sarkastisch klingen, aber gelegentlich hat man sogar den eindruck, dass die gesellschaftliche funktion solcher verflachungen allein schon deshalb zu begrüßen ist, weil die angesprochene klientel dann vor dem fernseher sitzt und keinen weiteren schaden anrichten kann.

| mammon statt medium |

problematisch an diesen so genannten privatsendern ist gleichwohl, dass sie sich ausschließlich aus werbeeinnahmen finanzieren müssen. Denn das bringt sie in eine doppelte abhängigkeit: in die ihrer zuschauer, welche sie selbst durch ihr programmangebot generieren, und in die ihrer zahlenden anzeigenkunden, welche wiederum gezielt auf jene zuschauerschaft reflektieren. in anlehnung an elisabeth noelle-neumann möchte ich deshalb hier den begriff der verflachungs-spirale in den raum werfen.

die privatsender stehen für diese und zu dieser entwicklung – und sie stehen nicht allein. selbst angeblich unabhängige großverlage stehen vor dem problem, rücksichten auf ihre werbekunden nehmen zu müssen.

lassen sie mich ihnen zwei beispiele aus persönlichem erleben nennen, die verdeutlichen, was ich meine.

eines dieser beispiele war eine von mir durchgeführte recherche über die akquisitionsmethoden eines so genannten stadtmöblierers. sie wissen, das sind jene unternehmen, die werbetafeln im straßenbild plazieren oder selbstreinigende toilettenhäuschen mit werbefläche aufstellen.

die geschichte war ohne jeden zweifel gut und hätte manchen damals bedeutenden politiker in die bredouille bringen können – zumindest bestätigte mir das mein damaliger vizechef, der nach zwischenzeitlichen auftritten in literaturkritischen quartetten heute maßgeblich an der gestaltung eines von einem schweizer verleger vertriebenen magazins beteiligt ist.

auch mein damaliger chefredakteur sah das ähnlich, lobte die gute recherche. dann sah er bedauernd an mir vorbei und meinte nur: wir können die geschichte aber leider nicht bringen. auf meine erstaunte nachfrage wies er darauf hin, dass unsere zeitung gerade eine umfassende werbekampagne über diesen stadtmöblierer starte – und es sei schwer vermittelbar, einerseits dort zu werben und andererseits dieses unternehmen an den pranger zu stellen. die geschichte verschwand in irgendwelchen schubladen – und dort blieb sie auch.

der wohlmeinende chefredakteur machte übrigens später karriere als minister und lobbyist.

mein zweites beispiel liegt nicht ganz so weit zurück, scheint mir jedoch ähnlich exemplarisch. ich hatte seinerzeit recht gute informationen mit eindeutigen recherchehinweisen über die den vertrieb unterstützenden praktiken eines international agierenden deutschen elektronikkonzern. konkret ging es darum, wie mit vorrangig finanziellen mitteln unterstützend eingegriffen wurde um sich in einer großen deutschen stadt lästige konkurrenz bei der vergabe öffentlicher aufträge vom leib zu halten. ich gab diese informationen einem mir gut bekannten redakteur eines aus dem süddeutschen raum gesteuerten wochenmagazins, das – wie viele andere blätter – derart großen wert auf die vermittlung von faktenwissen legte, dass der chefredakteur nicht müde wurde, dieses bei jeder passenden und unpassenden gelegenheit zu unterstreichen.

der mir gut bekannte redakteur nahm die recherche auf und fand meine hinweise im wesentlichen bestätigt.

nun ist es für einen guten redakteur selbstverständlich, eine geschichte erst dann zu bringen, wenn derjenige, der in gefahr ist, an den pranger gestellt zu werden, mit den vorhaltungen konfrontiert wurde. so kam es denn nicht nur zu einem ungewöhnlichen gespräch zwischen meinem bekannten und vertretern jenes unternehmens, in dem – der aussage meines bekannten zu folge – auch angedeutet wurde, dass man sich durchaus erkenntlich zeigen könne, wenn die recherche eingestellt werde. mein bekannter, der einer linksalternativen sozialisation entstammte, überhörte dieses anliegen – und dennoch erschien von der geschichte lediglich ein kleines absätzchen, das, um im bild zu bleiben, von den recherchierten fakten nicht einmal das f rüberbrachte.

auf meine vorsichtige nachfrage, ob denn dieses die eigentliche geschichte nur vorbereiten solle, teilte mir mein bekannter mit offensichtlichem und ungeheuchelten bedauern mit, dass das die ganze geschichte gewesen sei. mein erstaunen entrang ihm dann noch die karge auskunft, dass man ihn von ganz oben habe wissen lassen, es handele sich bei dem unternehmen schließlich um einen bedeutenden anzeigenkunden. und da wolle man doch mit einer solchen geschichte, die offenbar reichlich aufgebauscht sei, nicht den guten kontakt zerstören.

warum erzähle ich ihnen das?

weil ich sie darauf hinweisen möchte, dass medien selbst dann, wenn sie sich den fakten verpflichtet fühlen, durchaus bereit sind, auf die weitergabe bestimmter fakten zu verzichten, wenn dieses aus wirtschaftlichen überlegungen heraus opportun erscheint. wohl bemerkt: es wird nicht gelogen. aber es wird auch nicht zwingend die vollständige wahrheit vermittelt.

doch selbst damit könnte ich noch leben, auch wenn es meiner auffassung nach verdeutlicht, wie gefährlich die vorstellung ist, man könne die presse als vierte gewalt verstehen.

| vom medienkonzern zum gemischtwarenladen |

wirkliche bauchschmerzen bereitet mir allerdings, dass große medienkonzerne mittlerweile ohne jegliche skupel und moralische bedenken dabei sind, wirtschaftsgroßunternehmen zu werden, in denen die medien nur noch ein standbein sind.

zwei beispiele sind mir jüngst aufgefallen – und sie betreffen zufällig beide dasselbe unternehmen

vermutlich werden auch sie sich noch daran erinnern, dass kürzlich der deutsche postkonzern die schaltung sämtlicher großanzeigen in den tageszeitungen eines großen, in berlin ansässigen verlagsunternehmen zurückzog.

können sie sich auch noch daran erinnern, was der grund für diese ungewöhnliche aktion war? nun ja, zumindest in den zeitungen des betroffenen konzerns waren sie nicht zu lesen.

das unternehmen post allerdings hat sie der öffentlichkeit mitgeteilt.

hintergrund war demnach, dass die post ihren zustellern bestimmte mindestlöhne zahlt, während so genannte privatwirtschaftlich organisierte zustelldienste ihre zusteller mit hungerlöhnen abspeisten.

darüber gab es eine debatte, zu der auch die medien beitrugen. offenkundig aber gehören einige der hungerlohn-unternehmen eben genau diesem verlag. und die post wollte durch ihre anzeigen weder eine gegen sie seitens des verlags gerichtete kampagne finanzieren noch diese tatsache unbeanstandet im raum stehen lassen.

das zweite beispiel sprang mir ins auge, als ich jüngst einen blick auf die werbetafeln jener bereits erwähnten stadtmöblierer warf.

in großen lettern und mit dem seit einem halben jahrhundert eingeführten markenlogo stand dort die aufforderung, zu BILD-mobil zu wechseln, also einem von der tageszeit betriebenen oder zumíndest mit gewinnbeteiligung vertriebenen mobilfunknetz.

die erste frage, die mir in aller naivität durch den kopf schoss, lautete: warum machen die denn so etwas. aber die antwort war natürlich sofort da – weil es geld bringt.

auf die zweite frage allerdings habe ich bis heute keine befriedigende antwort gefunden: wie will eine zeitung, die selbst als mobilfunkbetreiber auftritt, eigentlich noch unabhängig über mobilfunk berichten? wenn es beispielsweise um die frage geht, ob mobilfunk gesundheitsschäden hervorrufen kann. oder wenn die frage diskutiert wird, ob das speichern von mobilfunkdaten zulässig sein soll oder nicht? im zweifel müsste sich doch der user des BILD-mobilfunks fragen, wieso sein anbieter sich für das speichern seiner daten ausspricht. es sei denn, man vertraut darauf, dass dieses einem BILD-lesenden BILD-mobilfunker unter dem strich gänzlich egal ist.

sind diese beispiele überzogen? bin ich vielleicht sogar paranoid? oder zumindest ein unverbesserlicher gegner eines freien wettbewerbs?

man mag das so sehen. ich selbst allerdings sehe das natürlich anders.

für mich sind das sündenfälle, die die unterwerfung redaktioneller inhalte unter eigenwirtschaftliche interessen zwangsläufig zur folge haben müssen.

lassen sie es mich mit einem fiktiven Beispiel überspitzen: der axel-springer-verlag steigt bei opel ein und sieht in den dort erwirtschafteten gewinnen ein deutliches beglückungsinstrument seiner aktionäre. glauben sie, dass es der springer-vorstand erstrebenswert fände, auf der aktionärsversammlung erklären zu müssen, warum die rückläufigen verkaufszahlen eines neu entwickelten kleinwagens ausgerechnet auf eine schlechte beurteilung in einer verlagseigenen publikation zurück zu führen ist? wohl kaum.

oder stellen sie sich den umgekehrten fall vor: eine großes, nicht-deutsches, staatlich gesteuertes unternehmen, nennen wir es beispielsweise chinagaz, erwirbt ein bedeutendes aktienpaket eines großen deutschen verlagshauses.

glauben sie, dass dann noch eine überparteiliche, unbeeinflusste berichterstattung über frühkapitalistische ausbeutung ín staatlichen unternehmen, über die völkerrechtliche beurteilung des überfalls auf ein unabhängiges nachbarland oder über die treffen des geistigen oberhauptes dieses nachbarlandes mit einer deutschen bundeskanzlerin stattfinden könnte? beantworten sie sich diese frage selbst.

| die balance zwischen macht, medien und manipulation |

ich persönlich bin fest davon überzeugt, dass die von mir aufgezeigten entwicklungen sich gegenwärtig erst im anfangsstadium befinden.

es ist nur eine frage der zeit, bis globale unternehmen entstehen, in denen das segment medien nur eines von vielen gewinnsträchtigen geschäften ist.

und das stimmt mich für die balance zwischen macht, medien und manipulation nicht gerade optimistisch.

ein solches unternehmen würde zwangsläufig die eigenen medien als marketing-instrument betrachten. das wäre berlusconi in potenz.

und wenn ich mir beispielsweise ansehe, mit welcher marktwirtschaftlichen freundlichkeit das neurussische reich eigene interessen durchzusetzen bereit ist – es sei nur an die abschaltung der erdgasversorgung gegenüber unbotmäßigen nachbarn erinnert oder an das ausschalten von überflugrechten, weil ein flugunternehmen nicht ohne weiteres bereit war, sein frachtkreuz in den unmittelbaren zugriffsbereich des reichs zu verlegen – will mir die vermengung von medien und wirtschaftsinteressen äusserst problematisch erscheinen. aber wie gesagt – vielleicht bin ich auch nur paranoid.

ich denke, wir sollten die einführung an dieser stelle beenden. es ist einiges gesagt worden zur macht, auch einiges zu den medien – und es wurden einige beispiele aufgezeigt zur problematik der manipulation.

wir haben jetzt zwei möglichkeiten.

möglichkeit eins:

ich beende meinen monolog und wir steigen ein in eine diskussion über das gesagte – und über mehr.

oder möglichkeit zwei:

ich habe hier noch zwei unterlagen, eine zur frage der interessenverquickung von politikern und journalisten, eine zur tagtäglichen manipulation in unseren köpfen. ich kann ihnen diese manuskripte hier lassen und sie können sie sich bei bedarf durchlesen. oder aber ich trage sie ihnen auch noch vor. allerdings denke ich, dass wir für heute bereits stoff genug haben, um in eine anregende diskussion einzusteigen.

(Vortag vor Mitgliedern der Universität Greifswald am 8. November 2008)

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Der heimliche Krieg der Worte

2007 – 07. November – Vortragsversion –

Sprache, so lernen wir es, dient der Kommunikation. Und natürlich ist es auch so.

Aber Sprache kann mehr, Sprache ist mehr.
Sie dient nicht nur dem Zweck, Fakten zu vermitteln und Wissen auszutauschen.
Sie kann gezielt angewendet werden um Dritte zu manipulieren.
Und sie wird genau hierzu gezielt genutzt.
Sprache ist damit mehr als ein bloßes Instrument der Kommunikation.
Sie kann Machtmittel sein, sie kann Kampfwerkzeug werden. Sie kann dazu dienen, andere zu manipulieren, zu täuschen, abzulenken.
Und das eigentlich Faszinierende dabei ist:
In aller Regel merkt es der Manipulierte, Getäuschte, Abgelenkte überhaupt nicht.

“Natürlich”, mag der Eine oder Andere jetzt denken, “kann man mit Sprache manipulieren. Aber dass man das nicht merkt – das ist Unsinn.”
Denn – notabene – wir bilden uns viel ein auf unsere aufgeklärte Mediengesellschaft, die angeblich jeder Manipulation sofort auf die Schliche kommt. Gerade wir Journalisten bilden uns viel darauf ein, dass wir uns kein U für ein I vormachen lassen.
Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – sind wir in aller Regel die ersten Opfer des heimlichen Kriegs der Worte.

Ein Beispiel?

Nehmen wir uns einen Begriff, der 2006 und 2007 die innenpolitische Diskussion in der Bundesrepublik Deutschland prägte: Die so genannte „Gesundheitsreform”.
Vergessen Sie kurz alles, was Sie über dieses Projekt deutscher Regierungskunst bisher gelesen oder gehört haben, und konzentrieren Sie sich ausschließlich auf den Begriff. Sie werden schnell merken, dass schon dieser Begriff an sich blanker Unsinn ist.

Die Wortschöpfung “Gesundheitsreform” setzt sich aus zwei Begriffen zusammen, die miteinander nichts, aber auch gar nichts, zu tun haben:
– “Gesundheit”. Das ist die Beschreibung eines körperlich-geistigen Zustands der Abwesenheit von Krankheit. Wer gesund ist, bedarf keiner ärztlichen Hilfe, er befindet sich wohl, es geht ihm gut.
– “Reform”. Dieses Wort beschreibt ein inhaltliches Ziel. Eine Reform ist dann von Nöten, wenn die zu reformierende Sache in unreformierter Form ihre Funktion oder ihren Sinngehalt verliert. Wenn ich etwas reformiere, dann mache ich es von Grund auf neu, ohne die ursprüngliche Zielsetzung generell in Frage zu stellen. Nur am Rande: Will ich letzteres tun, dann revolutioniere ich die betreffende Sache – ich stelle sie im Grundsatz auf den Kopf und die ursprüngliche Zielsetzung in Frage.

Fügen wir diese beiden Begriffsdefinitionen von “Gesundheit” und “Reform” nun zusammen, dann käme dem Sinngehalt nach in etwa folgendes dabei heraus:
Da man feststellen musste, dass die Gesundheit in ihrer vorliegenden Form nicht mehr ihre Aufgabe – beispielsweise dem Schaffen von Wohlbefinden – zu erfüllen in der Lage ist, muss sie von Grund auf neu gestaltet werden, um eben dieses ursprüngliche Ziel von Gesundheit wieder zu erreichen.

Merken Sie, was das für ein Unsinn ist?

Und das allein schon deshalb, weil Gesundheit ein Idealzustand ist.

Wir sagten es bereits: Wer gesund ist, befindet sich wohl, er ist nicht krank und er bedarf keiner ärztlichen Hilfe. Dieses ist die Definition von Gesundheit an sich.

Warum aber sollte ich einen Idealzustand reformieren?

Was wäre das Ziel?

Und wie überhaupt könnte ich das bewirken?

Wäre das Ziel ein Wohlbefinden, das über eine wie auch immer geartete Handlungsweise anzustreben ist, dann wäre nicht die Gesundheit zu reformieren, sondern bestenfalls das so genannte „Gesundheitswesen“.
Übrigens und nur am Rande: Das ist ein Begriff, der genau so unsinnig ist. Ein Gesundheitswesen als Konglomerat von Handelnden und Handlungen würde ausschließlich von Gesunden, nicht von Kranken genutzt. Korrekt müsste das, von dem wir hier sprechen, folglich nicht Gesundheitswesen, sondern Krankenwesen heißen.

Bedienen wir uns dennoch – weil sich dieser Begriff als Definition eines umfassenden gesellschaftlichen Dienstleistungskomplexes eingebürgert hat – nun der Korrektheit halber des “Gesundheitswesens” statt “Gesundheit”, so wäre von einer “Reform des Gesundheitswesens” zu sprechen. Und tatsächlich: Der eine oder andere tut das auch.

Wenden wir uns deshalb nun unmittelbar dem Gesetzeswerk zu, mittels dessen das Gesundheitswesen reformiert werden soll.
Wir werden schnell feststellen, dass dieses Gesetz im Kern mit dem Gesundheitswesen an sich wenig zu tun hat.
Konkret konzentriert es sich darauf, die Finanzierung des Gesundheitswesens zu organisieren.
Oder – noch konkreter: Nicht um die Frage der Finanzierung des Gesundheitswesens in Gänze geht es, sondern darum, wie die Finanzierung der Krankenkassen, die wiederum eine maßgebliche Säule der Finanzierung des Gesundheitswesens sind, künftig stattfinden soll.

Korrekt haben wir es daher nicht mit einer Gesundheitsreform zu tun, sondern mit einer Krankenkassenfinanzierungsreform.

Sollten wir also nach einem Begriff suchen, der dieses Textwerk der Politik korrekt beschreibt, so hätten wir von einer Neugestaltung der Krankenkassenfinanzierung oder folgerichtig von einem „Krankenkassenfinanzierungsgesetz” zu reden.
Das allerdings klingt lange nicht so schön wie “Gesundheitsreform”.
Mehr noch: Der Begriff “Gesundheitsreform” gauckelt den Opfern des Reformwerks – also jenen, die die Kassen künftig finanzieren sollen – fälschlich vor, dass es um ihre Gesundheit geht.
Tatsächlich aber geht es ausschließlich um das Überleben des staatlich verordneten gesetzlichen Krankenkassenwesens.
Ginge es tatsächlich um Gesundheit, dann wäre beispielsweise als erstes die Frage zu stellen, warum im Deutschen Staat zahllose gesetzliche Krankenkassen mit ebenso zahllosen Immobilien und Vorständen und Mitarbeiterstäben ausschließlich über die Beiträge der Zwangseingemeindeten finanziert werden und diese Vielzahl an Kassen nicht durch ein effizientes, kostengünstiges System ersetzt wird.
Es wäre dann allerdings die grundsätzliche Frage zu stellen, ob eine so genannte Reform überhaupt ausreicht, oder ob nicht eine Revolution dieses Teils des Gesundheitswesens unverzichtbar ist.
Da aber seien die zahlreichen Lobby-Gruppen vor. Und mit ihnen all jene, die über das Bestehende ihren Lebensunterhalt bestreiten …

Die Nebelkerze der Manipulation beginnt – ich denke, das ist deutlich geworden – mit dem Wort. Es verschleiert den Sachverhalt, führt den Betroffenen in die Irre – und warum? Weil alle Betroffenen hätten auf die Straße gehen müssen, wenn ihnen jenseits der Vernebelung bewusst geworden wäre, worum es tatsächlich geht.

Ich habe noch ein weiteres Beispiel, das gerade, aber nicht nur in den Bundesländern des Beitrittsgebiets auffällig ist.

Vielleicht ist es Ihnen auch schon aufgefallen: Ein zunehmend größerer Teil der Medien nutzt zur Beschreibung bestimmter Orte Begriffe wie “Gdansk”, “Wroclaw”, “Szczezin”, “Mulhouse” oder “Kaliningrad”.
Im ersten Eindruck könnte man meinen: “Okay, so heißen diese Orte heute.”
Das wäre vom Grundsatz her auch korrekt.
Gleichzeitig aber benutzen die gleichen Medien für andere Orte Begriffe wie “Kopenhagen”, “Mailand”, “Bukarest” oder “Brüssel”. Kein Reporter oder Redakteur würde auf die Idee kommen, seine Berichte aus oder über diese Orte mit den tatsächlichen Ortsnamen zu verzieren: “Kopnhavn”, “Milano”, “Bucuresti” oder “Bruxelles”. Das lässt aufhorchen.
Offensichtlich geht es gar nicht darum, Orte in ihrer heutigen Bezeichnung zu schreiben, sondern darum, nur bestimmte Orte nicht mehr mit ihren über Jahrhunderte eingebürgerten deutschen Namen zu benennen.
Denn all diese Orte – und zahllose mehr – haben deutsche Namen: “Danzig”, “Breslau”, “Stettin”, “Mühlhausen”, “Königsberg” als Erinnerung für jene, die dem Sprachdiktat bereits zum Opfer fielen.
Im deutschen Sprachgebrauch sind diese Namen ebenso korrekt wie “Kairo”, “Bozen”, “Warschau”, “Prag” oder “Peking”.
So liegt es auf der Hand: Ziel dieser Unlogik ist es nicht, den Leser möglichst korrekt über einen Ort zu informieren, sondern die Geschichte bestimmter Orte vergessen zu machen.
Nicht nur, dass kaum ein junger Mensch nachvollziehen wird, dass “Wroclav” die ihm aus zahlreichen deutschsprachigen Geschichtsbüchern bekannte, schlesische Hauptstadt Breslau ist, er wird diesen Ort auch regional kaum noch zuordnen können.
“Wroclaw” – irgendeine Stadt irgendwo in Polen.
Aber eben nicht die Hauptstadt des bis 1945 deutsch besiedelten Schlesiens.
Oder nehmen wir den Städtenamen “Szczecin” – irgendeine andere Stadt irgendwo östlich der Grenzen Deutschlands – nicht aber die deutsche Hafenstadt, die der Sowjetdiktator Stalin im Widerspruch zu den mit den Westalliierten abgeschlossenen Verträgen an Polen verschenkte und die ursprünglich der Seehafen Berlins war.

Es ist offenkundig: Mit dieser Unlogik der Ortsbezeichnungen soll Geschichte vergessen gemacht werden.
Aber warum?
Haben die Sprachkämpfer Angst davor, dass die Verwendung der deutschen Namen bei dem einen oder anderen Ort Revanche-Ansprüche aufkommen lassen könnte?
Schwebt da die Furcht im Hinterkopf, das deutsche Volk könnte zu den Waffen greifen um die Rückeroberung von Danzig oder Königsberg, Stettin oder Küstrin, Hirschberg oder Brünn einzuleiten?
Wenn folglich der Wille zur Umerziehung hinter dem Sprachdiktat stünde – wie sieht es denn aus mit Dünkirchen oder Triest, Turin oder Prag?
Kaum vorstellbar, dass jemand auf die Idee käme, diese Orte dem Territorium Deutschlands einverleiben zu wollen.
Warum?
Weil es selbstverständlich ist, dass diese Orte völkerrechtlich Bestandteile anderer Staaten sind.

Das aber trifft spätestens mit den 4+2-Verträgen auch auf jene Orte zu, deren deutsche Namen manche gezielt vergessen machen möchten.
So kann man durchaus zu der Auffassung gelangen, dass gerade jene Namens- und Geschichtsvernichter in der Übernahme deutscher Orte durch Polen, Russen, Tschechen oder andere ein tief greifendes Unrecht sehen, dem man nur mit Vergessen begegnen kann.
Denn: Nur Unrecht möchte man vergessen machen, bei Recht ist das nicht nötig.
Und damit kehrt sich dieser Kampf der Begriffe gegen jene, die ihn – bewusst oder aus Dummheit – betreiben.

Noch ein letztes, fast noch aktuelles Beispiel?

Anfang des Jahres 2007 befasste sich ein Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages mit der jüngeren Geschichte eines Murat Kurnaz.
Dieser war – durch welche Umstände auch immer – Gefangener im US-Camp Guantanamo.
Dort habe er viele Jahre unnötig verbracht, weil Deutsche Behörden bewusst oder unbewusst versagt hätten. So seine Behauptung und die seiner Anwälte.
Eilfertig war in den Medien schnell von dem “Deutschtürken” Kurnaz die Rede – so beispielsweise in der „Bild am Sonntag“.
Auf den ersten Blick scheint diese Bezeichnung korrekt, war der Mann doch in Bremen geboren und aufgewachsen.
Tatsächlich aber ist der Begriff “Deutschtürke” – unabhängig davon, ob er für Kurnaz oder andere Verwendung findet – fast immer ein politischer Kampfbegriff.
Warum?

Nähern wir uns der Antwort über ein Beispiel.
Zahlreiche Deutsche sind in den vergangenen Jahrhunderten in die USA ausgewandert, haben die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen und sind mit ihren Nachkommen fest in der US-Gesellschaft verwurzelt.
Wenn man von diesen Menschen spricht, fällt der Begriff “Deutsch-Amerikaner”.
So wie für die Nachkommen der afrikanischen Sklaven in den USA der Begriff “Afro-Amerikaner” Verwendung findet oder für die Nachfahren der englischen Siedler der Begriff „Anglo-Amerikaner“ genutzt wird.
Die entsprechende Begriffswahl ist nicht auf die USA beschränkt, sondern gilt gleichermaßen für Argentinien, Australien und … und … und.

Eine andere Zuordnung von nationaler Herkunft und Staatsbürgerschaft fand in den Medien beispielsweise statt, als der türkische Staatsbürger armenischer Nationalität Dink einem Attentat zum Opfer fiel.
Von dem “armenisch-türkischen Redakteur” war die Rede.
In beiden Fällen handelt es sich um Begriffspaare, die einerseits auf die nationale oder regionale Herkunft verweisen, andererseits die Staatsbürgerschaft beschreiben.
Der Deutsch- oder Afro- oder Anglo-Amerikaner ist ein US-Staatsbürger, dessen Vorfahren aus der mit dem ersten Teil des Begriffspaares beschriebenen Region oder Volkszugehörigkeit stammen.
Woraus zwingend folgt: Der regionale oder nationale Ursprung steht vor der Staatsbürgerschaft.
Ein Deutschtürke wäre somit ein türkischer Staatsbürger, dessen Ursprung in Deutschland liegt.
So könnte der türkische Staatsbürger Herr Ali Maier, dessen Großeltern zufällig in Adana hängen geblieben sind, Deutschtürke sein.
Ein deutscher Staatsbürger, dessen Wurzeln in der Türkei liegen, wäre hingegen ein Türkdeutscher – was, zugegeben, etwas holprig klingt, aber den Tatbestand eindeutig korrekt beschreibt.
Nur am Rande: In dieser Logik lässt sich trefflich darüber philosophieren, ob jene aus ehemals sowjetischen Territorien nach Deutschland kommenden Menschen nun “Deutschrussen” – also Russische Staatsbürger deutschen Ursprung -, “Russendeutsche” – deutsche Staatbürger russischer Herkunft – oder vielleicht sogar “Deutschrussendeutsche”, also deutsche Staatsbürger, die selbst oder deren Vorfahren Russische Staatsbürger deutschen Ursprungs waren, von den Christdemokraten gern als “Spätumsiedler” umschrieben, sind.

Für jenen besagten Herrn Kurnaz übrigens trifft keiner der oben genannten, möglichen Begriffe zu.
Er hatte zwar den überwiegenden Teil seines Lebens in Deutschland verbracht, war aber nicht deutscher Staatsbürger.
Somit ist er nicht Türkdeutscher und schon gar nicht Deutschtürke.
Die Frage der Zuständigkeit deutscher Behörden für einen in einem US-Gefangenenlager darbenden türkischen Staatsbürger sollte in diesem Zusammenhang besser nicht gestellt werden – oder musste der türkische Staatsbürger Kurnaz in manchen Medien vielleicht deshalb zum Deutschtürken mutieren, damit die Verantwortlichkeit deutscher Behörden an dessen Schicksal dingfest gemacht werden konnte? Werden zahllose in Deutschland lebende türkische Staatsbürger deshalb gern als “Deutschtürken” bezeichnet, weil man hofft, ihnen dadurch einen Status zuwachsen zu lassen, den sie nicht haben – und den sie vielleicht auch nicht haben wollen?

Wenn ein Herr Lerche aus Hamburg sich ein Domizil in Kanada kauft und die meiste Zeit des Jahres dort verbringt, dann ist er deshalb noch lange kein Deutschkanadier. Und er wird auch nicht zum Kanadadeutschen.
Das wäre er selbst dann nicht, wenn er seinen Lebensunterhalt ausschließlich in Kanada verdient – er bliebe ein in Kanada lebender Deutscher.
Und so sind auch in Deutschland lebende Menschen anderer Staatsbürgerschaft als der Deutschen in Deutschland lebende Staatsbürger anderer Staaten.
Das hat nichts mit Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit zu tun, sondern ist ausschließlich der sprachlichen Korrektheit geschuldet – die hingegen nicht zwingend etwas mit political correctness zu tun haben muss.
Schließlich spricht nichts dagegen, dass diese Bürger, wollen sie in ihrem Gastland bleiben, die Staatsbürgerschaft des Gastlandes annehmen und damit Türk-, Russland-, Ghana- oder Vietnamdeutsche werden.
So, wie ein gewisser Arnold Schwarzenegger erst ein in den vereinigten Staaten lebender Österreicher war, dann zum Deutschamerikaner wurde und es in dieser Funktion sogar zum Gouverneur des Sonnenstaates Kalifornien brachte.
Das setzt allerdings voraus, dass man bereit ist, die Spielregeln der neuen staatsbürgerlichen Heimat zu akzeptieren.
Und so drängt sich der Eindruck auf, dass der Sprachkleister genau aus diesem Grunde zum Kampfmittel wird …

Wollten wir ein kurzes Fazit ziehen, so sähe dieses wie folgt aus:

Der heimliche Krieg der Worte und Wörter findet ständig statt – mit den unterschiedlichsten Zielen und den unterschiedlichsten Motivationen.
Es wäre Sache eines verantwortungsvollen Journalismus, sich nicht zum Instrument in diesem Krieg machen zu lassen.
Und es wäre Aufgabe der Zielpersonen in diesem Krieg, jeden Begriff auf seinen Kern zurück zu führen, wollen sie sich nicht hoffnungslos manipulieren lassen.

Ob das gelingt, darf allerdings in beiden Fällen angezweifelt werden.