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Russlands Weg nach Osten

| Der nachfolgende Text wurde erstveröffentlicht bei http://www.historeo.de und liegt in gedruckter Form in Marcus Kurschus – Nomonhan vor. Er schildert in den wesentlichen Elementen die Kolonialisierung Asiens durch Russland | 

Der Weg des Russischen Reichs zum Stillen Ozean ist in der Geschichtsschreibung fest mit dem Namen des ersten Zaren, Iwan 4, “dem Schrecklichen“ verknüpft. 1558 überreichte er der Kaufmannsfamilie Stroganow eine Besitzurkunde über Sibirien. Und verschenkte damit ein Territorium, über das er keine Gewalt hatte.
Die Schenkung Sibiriens an die Stroganows war gebunden an die Verpflichtung, den Kontinent zu erschließen. Russland wurde zum Kolonialreich – und ist es faktisch bis in die Gegenwart geblieben. Denn anders als die westeuropäischen Mächte konnte Russland seine Kolonien unmittelbar an die Landgrenzen des Kernreichs anschließen. Der Vorteil der durchgreifenden, unmittelbaren Kontrolle liegt auf der Hand.
Zur Kolonialisierung bedienten sich die Stroganows der Kosaken. Dies waren ehemalige Leibeigene, die auf „freiem Feld“ selbstständige, militärisch organisierte Gemeinwesen – sogenannte Sotnjes – begründeten. Dem Sotnje steht ein selbst gewählter Führer vor – der Hetman oder Ataman.
Aufgabe der Kosaken war es, die russische Oberhoheit in den von ihnen besetzten Gebieten zu sichern und dabei insbesondere die tartarischen und turkmenischen Bewohner zu unterwerfen oder zu vertreiben. Den Kosaken folgten Bauern („Sibirjaken“), Fallensteller und Kaufleute. Ziel der Letzteren: Die Jagd auf den Zobel, um das wertvolle Fell dieser Marderart an den Handelshöfen Europas zu Gold zu machen.

Konquistadoren zwischen Ural und Kamtschatka

Von 1581 bis 1584 durchquerte der Hetman Jermak mit rund achthundert Gefolgsleuten Westsibirien bis zum Irtysch. Die Kosaken eroberten das tartarische Chanat Sibir und sicherten die unterworfenen Gebiete durch die Anlage einfacher Festungen, der sogenannten Ostrogs. Auf der anderen Seite des Globus festigten Spanier und Franzosen derweil ihre Eroberungen auf dem wiederentdeckten Kontinent Amerika.
1610 erreichten die Kosaken die Mündung des Jenissei, der 1619 zur Ostgrenze des Zarenreichs wurde. Bis 1640 wurden Mittel- und Ostsibirien erkundet, und 1648 erreichte Simon Deschnew ein Gewässer, das später den Namen Bering-Straße tragen würde und den asiatischen vom amerikanischen Kontinent trennt.
Mit der Gründung von Irkutsk am Westufer des Baikalsees im Jahre 1652 war auch die Jenissei-Grenze überschritten. Nur ein Jahr später erreichte Chabarow das Amur-Becken. 1679 wurde die Halbinsel Kamtschatka vom Russischen Reich in Besitz genommen. Russland war am Pazifik angekommen.
Die Okkupation der mit rund 6.000 Kilometer Länge und fast 2.000 Kilometer Breite unendlich anmutenden Weiten Sibiriens innerhalb von nur rund einhundert Jahren ist maßgeblich darauf zurückzuführen, dass die Volksstämme in diesen Landstrichen ähnlich den nordamerikanischen Indianern überwiegend in kleineren Gruppen lebten. Die großen Mongolenreiche hatten ihren Zenit längst überschritten. Die nomadisierenden Stämme waren keine ernsthaften Gegner für die europäischen Invasoren. So ähnelt das Schicksal der Sibirier in vieler Hinsicht dem Landraub, den die Einwohner des amerikanischen Kontinents über sich ergehen lassen mussten.

Die Grenzen im Süden und Osten

Erst im Amur-Becken stießen die russischen Konquistadoren auf ernst zu nehmende Gegner – die Chinesen. Der Konflikt war unvermeidlich und endete – vorerst – 1689 mit dem Vertrag von Nertschinsk. Es war der erste Vertrag zwischen einer europäischen Macht und China. Er legte den Amur als Grenzfluss zwischen Russland und dem Reich der Mitte fest.
Während der Regierung von Zar Peter dem Großen 1689 bis 1725 verlagerte sich das russische Interesse gen Westen. Doch ganz nebenbei wurde auch die Expansion im Osten fortgesetzt: So gelang Russland noch im 18. Jahrhundert der Schritt über Sibirien hinaus: Alaska, die Nordwestregion des amerikanischen Kontinents, wurde 1791 russisches Staatsgebiet. 1867 wurde es von den USA für 7,2 Millionen Dollar gekauft.
Nach dem Ende des Konflikts mit Napoleons Franzosen zu Beginn des 19. Jahrhunderts fiel Russlands Blick wieder auf die Gebiete – und Völker – im asiatischen Süden und Osten. Zwischen 1830 und 1859 unterwarf Russland die kaukasischen Völker und dehnte seinen Machtbereich bis einschließlich Armenien aus. Zwischen 1853 und 1880 wurde das Staatsgebiet zu Lasten Turkmeniens und Turkestans bis an die Grenzen von Persien und Afghanistan erweitert. Und im Fernen Osten kam es erneut zum Konflikt mit China, das schließlich gezwungen war, der Abtretung des Amur-Gebietes und der Pazifikküste vertraglich zuzustimmen.

Japan tritt auf den Plan

Ab Mitte der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts tauchte Japan aus seiner Isolation aus und wurde rasch zur ernstzunehmenden Macht in der Region – und zum Konkurrenten für die russische Expansion. 1875 tauschte Russland mit Japan die Kurilen-Inseln im nördlichen Pazifik gegen die der pazifischen Küstenprovinz vorgelagerte Insel Sachalin. Gleichzeitig wurde hier die Grundlage zum Konflikt mit einem neuen Gegner gelegt. Denn ebenso wie Russland war Japan am nördlichen China interessiert. Mit der russischen Übernahme Port Arthurs 1898 und der Besetzung der Mandschurei zwei Jahre später sah Japan seine Interessen ernsthaft bedroht.
Am 12. August 1903 überreichte der japanische Gesandte Kurino in SanktPetersburg eine diplomatische Note, in der Vorschläge zur Abgrenzung der gegenseitigen Interessen in Fernost unterbreitet wurden. Die Verhandlungen zogen sich ergebnislos bis ins nächste Jahr hin – bis schließlich der japanische Botschafter den Abbruch der diplomatischen Beziehungen erklärte. Im jetzt unvermeidlich gewordenen Krieg holte sich Russland eine der schmerzlichsten Niederlagen seiner Geschichte. Mit Kriegsende verlor es die Mandschurei und den Süden Sachalins.
1945 sah die nun von Stalin regierte Sowjetunion in der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg die Chance, das 1905 verlorene Gebiet zurück zu holen: Der Süden Sachalins wurde wieder russisch, die zwischen Japan und Kamtschatka gelegenen Kurilen wurden besetzt – Status Quo bis in die Gegenwart. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnten zwar die lange russisch dominierten Völker im Westen und Süden des alten Reichs zumindest partiell ihre territoriale Unabhängigkeit erringen. Sibirien und seine Völker jedoch blieben im Reich, das nun auch dem Namen nach wieder ein russisches ist.

© 2006-14 FoGEP

 

 

Publiziert in Marcus Kurschus: Nomonhan
http://www.beam-ebooks.de/ebook/82992

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Putins ungewolltes Signal an das Reich der Mitte

Wer sich ein wenig mit chinesischer Philosophie und Geschichte beschäftigt hat, wird schnell feststellen: Die Chinesen sind anders als andere Völker. Sie blicken zurück auf eine über dreitausendjährige Tradition, die ihnen das vermutlich zutreffende Gefühl vermittelt, das älteste Kulturvolk der Erde zu sein. Zeit wird so für sie zu einem relativen Begriff. So tief, wie sie über den Konfuzianismus mit ihren Ahnen und ihrer Tradition verbunden sind, so langfristig denken und planen sie in ihren Handlungen und Vorstellungen.

Die Kunst, über Generationen zu denken, bringt in gewisser Weise den chinesischen Widerspruch zu den Vorstellungen westlicher Demokratien hervor: Eine Staatsform, deren Denken in Etappen von vier oder fünf Jahren erfolgt, die sich kurzfristigen Strömungen und Befindlichkeiten unterwerfen muss, ist in ihrer Kurzatmigkeit das krasse Gegenteil der chinesischen Perspektive. So kam die Empfänglichkeit eines scheinbar auf die Ewigkeit gedachten, kommunistischen Politikideals nicht von ungefähr – auch wenn es unter der Ägide des Kulturvernichters Mao einen radikalen Bruch mit der konfuzianischen Tradition herbeiführen sollte. Doch längst ist das Regime, das in Peking in klassischer Tradition die Macht verteilt und die Unterlegenen im Kampf um die Macht in die Verdammnis schickt, eher weniger kommunistisch als vielmehr eine moderne Adaption konfuzianischer Vorstellungen.

Traditionell gehört zum Selbstverständnis der Chinesen auch, sich selbst als Führungsnation und Mittelpunkt der Erde zu begreifen. Das wurde deutlich, als in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Konflikt mit den Barbaren in Vietnam zu eskalieren drohte. Das prägt das Verhältnis zu dem kleinen verrückten Bruder auf der koreanischen Halbinsel. Und es zeichnet den ewig währenden Konflikt mit den ursprünglich aus chinesischen Regionen auf die vorgelagerte Inselwelt Japans ausgewanderten Konkurrenten.

Chinas Geschichte ist wie die anderer großer Nationen von Hochs und Tiefs gekennzeichnet. In klassisch-imperialistischer Politik unterwarfen die Han ihre Nachbarn, die daraufhin über die Jahrhunderte selbst hanisiert wurden. Der letzte entsprechende Gewaltakt war die Besetzung Tibets. Sie dauert unvermindert an und ist ebenso von der schleichenden Vernichtung der Kultur des einstigen Mehrheitsvolkes geprägt, wie es sich weiter nördlich im chinesischen Reich bei den turkmongolischen Uiguren zeigt. Im Grunde ihres Denken hätten die Chinesen aus ihrer Grundhaltung der kulturellen Überlegenheit heraus den russischen Raid over Krim folgerichtig positiv bewerten müssen.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille.

Die Langfristigkeit konfuzianischen Denkens schafft neben dem ausgeprägten Selbstbewusstsein weitere Bedingungen chinesisch-zivilisierten Zusammenlebens. Dazu gehört, dass geschichtliche Ereignisse anders als in Europa nicht in vergangene Epochen gelegt und vergessen werden, sondern einen prägenden, gleichsam präsenten Einfluss auf die Gegenwart nehmen.

Als im 17. Jahrhundert die russischen Konquistadoren im Amur-Becken auf die Chinesen trafen, bedeutete dieses für beide Völker eine Zäsur. Die bis dahin weitgehend ungehindert das nördliche Asien kolonisierenden Russen trafen hier erstmals auf einen ernst zu nehmenden Gegner, der ihrem imperialistischen Expansionismus Einhalt gebieten konnte. Die Chinesen wiederum, die sich bislang aus dem Norden ausschließlich von barbarischen Steppenmongolen bedroht gesehen hatten, waren plötzlich mit Europäern konfrontiert, deren Verhalten ihnen nicht weniger barbarisch vorkam wie das jener Mongolenstämme, die sie gedanklich durch eine Jahrhunderte währende, wechselvolle Beziehung gegenseitigen Herrschens und Beherrschens längst als Mitglieder der chinesischen Großfamilie verstanden. Es kam zu bewaffneten Auseinandersetzungen, die 1689 vorläufig endeten und mit dem Vertrag von Nertschinsk den Chinesen das Gebiet nördlich wie südlich des Amur zusprachen. Russland produzierte weiteren Druck und 1858 musste China angesichts seiner Schwäche im 19. Jahrhundert im Vertrag von Aigun der Abtretung der nördlich des Amur gelegenen Territorien an das Zarenreich zustimmen. Gleichzeitig wurde das Gebiet östlich des Ussuri – einem südlichen Nebenfluss des Amur – bis an den Pazifik unter gemeinsame Nutzung gestellt.

Schon zwei Jahre später – China hatte im Opiumkrieg eine schmerzliche Niederlage hinnehmen müssen – zwang Russland das Reich der Mitte dazu, auch die Äußere Mandschurei und damit jenes zuvor gemeinsam genutzte Gebiet zwischen Ussuri und Pazifk an den Zaren abzutreten. Aus Sicht des Kreml gehört dieses Land seitdem ebenso zum Russischen Reich wie heute wieder die Krim. Aus der – wenn auch nicht offiziellen – Sicht der Chinesen hat es keinen anderen Status als dereinst Hongkong oder Kiautschou.

Bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts hatte Russland auch den Vertrag von Aigun gebrochen und sein Territorium bis tief in die Innere Mandschurei erweitert. Die Zaren näherten sich in für die Chinesen bedenklicher Art und Weise der Hauptstadt Peking und schufen mit Dalian / Port Arthur am Gelben Meer einen Flottenstützpunkt, der die Nordküste Chinas beherrschen sollte. China war gezwungen, dem imperialistischen Expansionismus der europäischen Großmacht machtlos zuzuschauen, bekam jedoch insofern ungeliebte Flankenunterstützung, als dass das ebenfalls chinesische Gebiete okkupierende Japan in bewaffnete Konflikte mit Russland geriet. Mit dem Überfall auf Port Arthur 1904 und in der Schlacht von Tsushima 1905 vernichteten die Japaner erst die Pazifikflotte, dann die russische Hauptseemacht der Ostseeflotte. Auf dem Lande musste Russland in Mukden/Shenyang eine vernichtende Niederlage hinnehmen, wodurch Japan die Russen auf die Äußere Mandschurei zurückdrängen konnte und die Innere Mandschurei ungewollt den Chinesen erhielt.

Die Konflikte zwischen der asiatischen Kolonialmacht Japan und der europäischen Kolonialmacht Russland sollten bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts andauern und mit der Schlacht am Nomonhan 1939 fast in einen heißen Krieg münden. Mit der militärischen Niederlage Japans im Pazifikkrieg 1945 sicherte sich das nunmehr von Stalin beherrschte Russland den Süden der Insel Sachalin, welche die Äußere Mandschurei zum Pazifik hin abschirmt, sowie die südlichen Kurilen. Letzteres ist bis heute ständiger Streitpunkt zwischen Russland und Japan.

Nach dem Ende des Pazifikkrieges und dem damit einhergehenden Rückzug der Japaner verzichtete das nun Sowjetunion genannte, großrussische Kolonialreich nicht auf seine Versuche, seinen Einfluss nach Süden auszudehnen. In dem Kommunisten Mao schien sich ihnen ein perfekter Einstieg zu bieten, indem Russland gleichsam als väterlich-erfahrener, sozialistischer Freund den ideologisch nur wenig entwickelten Chinesen an die Hand zu nehmen gedachte. Mao war Konfuzianer genug um nicht vergessen zu haben, wie sich das russische Reich zu Lasten Chinas den Norden Asiens und die Pazifikküste angeeignet hatte. Ähnlich wie der Kroate und einzige echte Jugoslawe Josip Broz Tito wand er sich heraus aus der einnehmenden Umarmung Moskaus, was 1969 erneut zu bewaffneten Zwischenfällen am Ussuri und beständigen Scharmützeln am Amur führte.

Der Blick auf die gemeinsame Vergangenheit zwischen Russland und China macht deutlich, dass hier eine große Menge explosiven Materials nur provisorisch überdeckt ist. Für Russland ist die Äußere Mandschurei ebenso wie das Nordufer des Amur unveräußerlicher Teil seines Imperiums. Hinzu kommt, dass es den derzeit selbständigen Staat Mongolei als sein gottgegebenes Einflussgebiet betrachtet und nicht wenige Russen immer noch auf den eisfreien Hafen Port Arthur blicken.

Für China hingegen mögen die Grenzziehungen vertraglich geregelt sein, doch es steht für Peking ebenfalls außerhalb jeder Frage, dass sowohl die Äußere Mandschurei bis zum Pazifik ebenso wie das Gebiet nördlich des Amur bis weit über Chabarowsk hinaus ureigenste, chinesische Territorien sind.

Dennoch gilt – auch das ist eine Folge des Konfuzianismus – für die Chinesen ein grundsätzliches Gebot der Vertragstreue. Sie haben sich trotz der Schmach des Opiumkrieges an den aufgezwungenen Vertrag zur Verpachtung Hongkongs gehalten. Und sie haben ebenso selbstverständlich vom Vereinigten Königsreich erwartet, dieses Territorium nach dem Ende des Pachtvertrages zu verlassen. Die Chinesen können dieses, weil sie in der langen Zeit ihrer Zivilisation gelernt haben, über Generationen hinweg zu denken. Der Enkel wird zu einer Vereinbarung seines Großvaters stehen, gleich aus welchen Gründen diese dereinst abgeschlossen wurde. Er wird vereinbarte Ansprüche wortgetreu erfüllen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Daraus ergibt sich im Verständnis der Chinesen eine sehr einfache und ebenso logische Konsequenz. Verträge sind nur abzuschließen mit Partnern, die bereit sind, die Regeln konfuzianisch-chinesischer Zivilisation zu erfüllen. Wer geschlossene Verträge bricht, definiert sich damit – ob gewollt oder nicht – als unzivilisierter Barbar. Die Russen, die es in der Vergangenheit gegenüber China nie sehr ernst genommen hatten mit den zwischen beiden Staaten geschlossenen Verträgen und die mit ihren Vorstößen bis an das Gelbe Meer den Beweis geliefert hatten, dass sie ähnlich gefährlich sind wie dereinst die Mongolenheere, wurden in China seit jenem ersten Treffen in den vierziger Jahren des 17. Jahrhunderts mit Argwohn betrachtet.

1994 hatte Russland der Ukraine im Gegenzug auf ihren Verzicht auf Atomwaffen die territoriale Integrität zugesichert. Mit seinem Raid over Krim hat nun Putin erneut den Beweis erbracht, dass Verträge mit Russland das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben stehen. Die Chinesen haben dieses aus scheinbar großer Entfernung mit dennoch größtem Interesse beobachtet. Denn die Krim ist aus dem Blickwinkel Pekings auch die äußere Mandschurei ebenso wie die Äußere Mongolei. In gewisser Weise ist für China die Krim selbst Sibirien. Chinas Betrachtung der Anwesenheit des Europäischen Barbarenreichs im Norden des asiatischen Kontinents ist und bleibt das eines ungebetenen Eindringlings.

Die chinesische Überzeugung, in den Russen unzivilisierte Barbaren vor sich zu haben, hat spätestens mit dem ukrainischen Vertragsbruch Putins so etwas wie einen letztnotwendigen Beweis erhalten, was von diesen Nachbarn zu halten ist. Zeichnete sich schon das Zarenreich durch beständigen Vertragsbruch aus und war der Imperialismus des Sowjetreichs trotz ideologischer Nähe nicht zu übersehen, so hat nun auch das postsowjetische Reich der Russen seine Tradition im Vertragsbruch unter Beweis gestellt.

Wie sehr Chinas Politik auf diese Feststellung bereits unmittelbar reagiert hat, zeigte sich bei der letztlich unverbindlichen Verurteilung des russischen Vorgehens auf der Krim durch die UN. Anders als früher, wo China in gemeinsamer Front mit Russland gegen die USA stand, enthielt es sich nun der Stimme. Wer die Symbolik chinesischer Gesten zu deuten weiß, hat verstanden: Hier hat jemand deutliche Distanz dokumentiert. Das ist bedeutsam umso mehr, als beispielweise der Überfall auf Tibet in annähernd jeder Hinsicht ähnlich zu beurteilen ist wie Russlands Vorgehen auf der Krim.

Damit aber nicht genug. Wenn Russland den erneuten Beweis erbringt, dass es sich an keinen Vertrag gebunden fühlt – welchen Wert haben dann die Verträge, die seit dem 17. Jahrhundert zwischen Russland und China vereinbart wurden?

Muss nicht China davon ausgehen, dass ein übermächtiges Russland wie zuletzt im vorletzten Jahrhundert jede sich bietende Chance nutzen wird, um erneut bis an das Gelbe Meer vorzudringen? Wenn koloniale Eroberungen des vergangenen Vierteljahrtausends das Argument dafür liefern, dass ein Landstrich für alle Ewigkeit russisch ist, dann bedeutet dieses für China auch, dass Russland seinen Anspruch auf Port Arthur nie aufgegeben hat.

Umgekehrt aber hat Putin den Chinesen ungewollt das Argument geliefert, im Zweifel bis an das Nordmeer vorzudringen. Denn wenn die Ukrainer ein russisches Brudervolk sind und die Russen auf der Krim das Argument für eine völkerrechtswidrige Annexion liefern – was sollte China davon abhalten, sein mandschurisches Gebiet als unveräußerlichen Teil des Reichs der Mitte heim zu holen? Und sind nicht die Sibierer allemal asiatischer als die europäischen Russen? Nicht zuletzt: Wo endet der traditionelle Anspruch eines Staates, der Mongolen, Chinesen und Tibeter als Mitglieder ein und desselben Volkes definiert?

China hat die erste Konsequenz in Windeseile gezogen und sich bei dem Besuch seines starken Mannes in Westeuropa deutlich an die westlichen Gegner Putins angenähert. Das sind noch keine Signale in Richtung eines Zweifrontenkrieges, über den China im Ernstfall nachzudenken bereit sein könnte. Aber – zum wiederholten Male – Chinesen denken über Generationen. Sollte es zu einem erneuten Konflikt zwischen den Europäern kommen, so ist China heute deutlich besser darauf vorbereitet, als es dieses vor hundert Jahren gewesen ist. Ein dann taumelndes Russland und ein mit Russland beschäftigtes Resteuropamerika könnte schnell den Anlass bieten, das Reich der Mitte bis an die Arktis auszudehnen. Dem Rohstoffhunger der aufsteigenden Nation käme das gut zu pass.

Doch auch ohne dieses Szenario hat China die Lektion begriffen. Der chinesische Anspruch auf seine zwangsabgetretenen Territorien im Norden Asiens ist aktueller denn je. Irgendwann wird sich China diese Gebiete zurückholen. Wenn nicht in dieser Generation, dann in der nächsten. Oder in der übernächsten. Das ist für China spätestens seit der Krim-Annexion ebenso klar wie die Tatsache, dass Taiwan irgendwann wieder uneingeschränkt Teil des Reiches sein wird. Auch ohne den Einsatz von Waffen.

Vielleicht sogar hat Putin mit seinem kurzentschlossenen Handeln die Chinesen und die Japaner einander näher gebracht. Denn bei allen Gegensätzen eint beide Völker die gemeinsame Front gegen den europäischen Eindringling.

Und Putin selbst? Er, der Leningrader Straßenjunge, hat mit seinem Zar-Peter-Blick auf Ostsee und Schwarzes Meer völlig übersehen, welch ein mächtiges und von Russland wiederholt gedemütigtes Volk im fernen Südosten des Imperiums an den Grenzen steht. Ein Volk, das nun schon seit 300 Jahren darauf wartet, seine abgezwungenen Gebiete zurück zu führen. Und das auch noch weitere 300 Jahre warten kann, bis es so weit ist. Das aber auch in der Lage wäre, bereits morgen neue Tatsachen zu schaffen, wenn der russische Bär sein Gleichgewicht verlieren sollte. Der Ablaufplan für eine Wiedervereinigung Chinas mit seinen verlorenen Nordterritorien ebenso wie die Argumentation, mit der dieses der Welt zu erklären wäre, falls dieses sich überhaupt als notwendig erweisen sollte, ist den Chinesen von Putin in diesem März 2014 frei Haus geliefert worden.

So deutet vieles darauf hin, dass Putin eine Büchse der Pandora geöffnet hat, die ihn und seinem Reich mittelfristig viel mehr kosten wird, als der kurzfristige Gewinn der Krim jemals einzubringen in der Lage sein wird.

© 2014 Spahn/FogEP

Nachtrag

Zum Japanisch-Russischen Konflikt bei Nomonhan ist im FoGEP-Verlag das folgende eBook erschienen:

http://www.beam-ebooks.de/ebook/82992