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Spitzwege aus dem Kopf eines Bürgerlichen

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Ab sofort im Handel oder direkt beim Verlag:

Spahns SpitzWege aus dem Kopf eines Bürgerlichen.

28 Essays und Lyrik zu überwiegend zeitkritischen und politischen Themen in der Tradition des Bürgertums.

Band 1 – 14,80 € Paperback

Editoral : SpitzWege aus dem Kopf eines Bürgerlichen
Von Winnetou zu Obama
Bill Bush : Der Putin ist ein großer Mann
Bill Bush : Der Putin ist ein kleiner Wicht
Putin – Mensch und Macht
Bill Bush : Hübsch aufgepeppt und hochgespritzt
Bill Bush : Der Sarkozy ist ein Enfant
Reden und Schweigen
:edathy
:gegonos edathy
:tragodia edathy
Relativierungen
Putins ungewolltes Signal an das Reich der Mitte
Bill Bush : Spießbürger Fritz
Bill Bush : Ganz tief im Herz von Afrika
Die Rückkehr der westfälischen Friedensphilosophie
Plädoyer für eine neue Militärstrategie
Russlands Weg nach Osten
Faschismustheorie und der faschistische Totalitarismus
Die Leistungsfiktion im modernen Wohlfahrtsstaat
Schimpansen, Bonobos und Homo Sapiens
Bill Bush : Der Türkensultan Erdogan
Bill Bush : Hoch oberhalb des Bosporus
Von Tautologien und Oxymora
Ein Abschied
„Bündnisverteidigung ist Landesverteidigung“
Wir . Drei Sätze
Liberal oder libertär?
Es geht ein Jahr

Russlands Weg in die Katastrophe – Wem der Krieg gegen die Ukraine tatsächlich nützt

von Pawel Scheremet

 

Das Projekt „Neurussland” ist nicht abgeschlossen. Niemand von den Autoren und Inspiratoren dieses Katastrophenprojekts hat dran gedacht, sich davon loszusagen: Zu viel Geld und andere Dividenden bringt es ihnen.
Natürlich gibt es gar kein Neurussland in den von den russischen Imperialisten und orthodoxen Bannerträgern willkürlich gezogenen Grenzlinien, die Zeitschiene hat sich deutlich verschoben, der Preis für das Projekt ist mehrfach gestiegen, aber von seiner wahnsinnigen Idee hat man sich noch immer nicht losgesagt. Zwar hat sich in die Geschichte unerwartet das ukrainische Volk eingemischt, das es nach allen Kreml-Auslegungen weit und breit nicht geben dürfte – aber auch dieses peinliche Missverständnis hofft man noch auszuräumen.
Gegenwärtig findet im Kreml ein Kampf zweier Gruppierungen statt, die – um Hoffnungen zu zerstören – allerdings beide für den Krieg in der Ukraine stehen. Ich weiß gar nicht, wie man sie aufteilen soll: Die einen sind für den Krieg jetzt sofort und die anderen sind einfach nur für den Krieg. Im Kreml gibt es derzeit keine einflussreichen Kräfte, die sich für den Frieden mit dem Nachbarn einsetzen. Es ist, wenn man so will, ein Konflikt zwischen besessenen Imperialisten und rationalen Imperialisten.
Die besessenen Imperialisten treiben die Idee eines baldmöglichsten, vollumfassenden militärischen Vorstoßes in die Ukraine voran, fördern die Idee der Erweiterung der den Separatisten unterstellten Zone durch militärisches Vorgehen. Ihr Sprachrohr Girkin-Strelkow gab deshalb im November 2014 dem kremltreuen Sergei Dorenko für die russischen LifeNews ein über Tage gestrecktes Interview, in dem er unüberhörbar die Kriegstrommel schlug.
Er und jene, die ihn unterstützen, sind bereit, die Ukraine im Blut zu ertränken und ungezählte russische Leben für dieses „Neurussland” zu opfern. Der Einfluss dieser Gruppe ist sehr groß und sie werden sich auch durch den Winter nicht aufhalten lassen.
Die Gruppierung der rationalen Imperialisten, die von Anfang an einen weit umfassenderen Plan zur Krim, zum Donbass und zu diesem erfundenen Neurusslands hatte, verfolgt eine klassische Variante imperialistischer Politik: Angreifen und sich festsetzen – ein wenig zurückziehen und erneut angreifen.
Wer glaubt, dass Putin den Krieg um die Ukraine verliert und bereits alles zu Ende ist, dem empfehle ich, den Fakten ins Gesicht zu sehen. Und diese mit den Augen des russischen Präsidenten und seiner Berater zu betrachten.
Die Krim ist in der Gewalt Russlands. Der Großteil von Donbass wurde in eine verschanzte Festung verwandelt – ein Knochen im Hals der Ukraine und ein Brückenkopf für den nächsten Vorstoß. Natürlich hat Putin Kiew in zwei Wochen nicht eingenommen, obgleich er damit allen gedroht hatte. Er hat noch nicht einmal den strategisch wichtigen Hafen Mariupol besetzt. Aber seine umfangreichen Armeeeinheiten wurden ja bislang auch noch nicht eingesetzt. Nur ein paar taktische Truppen aus ein paar Bataillonen haben ohne die Unterstützung durch die Luftwaffe die ukrainische Armee zurückgeschlagen und die militärische Situation im Donbass zu Gunsten der russischen Kräfte entschieden. Also melden die russischen Generäle Putin Siege und keine Niederlagen.
Die regierende Elite Russlands betrachtet die Ukrainer nicht als gleichwertige Menschen und schon gar nicht als ein einheitliches, eigenständiges Volk. Die Vorstellung der Ukrainer als starke und geschlossene Nation ist jenseits ihres Vorstellungsvermögens. Die Ukrainer werden verachtet. Alle Berichte in den russischen Medien, die sich mit der Ukraine beschäftigen, zeichnen ein Bild ukrainischer Habgier, Arglist und Feigheit.
So sehr die westlichen Sanktionen einerseits für Unruhe gesorgt haben, so erzeugen sie mit ihren Auswirkungen doch den Druck, schnell und konsequent zu handeln. Das Ziel ist definiert: Die Teilung der Ukraine – und dieses Ziel erscheint dem Kreml noch immer realisierbar. Vielleicht formuliere ich zu deutlich, aber ich vertrete die Auffassung, dass die bittere Wahrheit allemal besser ist als eine süße Lüge.
Ich bin überzeugt, dass wir derzeit einen kritischen Moment der Geschichte erleben. Russland und all seine Nachbarn sind an einer historischen Weggabel angekommen, die das Schicksal von Millionen Menschen und ganzer Völker verändern wird und bereits verändert hat. Niemand weiß wirklich, was morgen geschieht und in welcher Situation wir uns wiederfinden werden. Manche sind von einer Wiedergeburt der russischen Welt und der Renaissance des Russischen Imperiums überzeugt. Andere wiederum bezeichnen die Aggression gegen die Ukraine als das letzte Aufbäumen eines Imperiums, das die Möglichkeiten des Landes endgültig vernichten wird.
Ich versuche, mich in die Situation Putins zu versetzen, um die Logik seiner Handlungen zu verstehen. Was sind in diesem Gedankenspiel die Vorteile, die aus diesem Krieg für Putin und Russland zu ziehen sind? Ja, Putin scheint seine innenpolitischen Probleme gelöst zu haben. Die Zustimmung zu ihm ist in den Himmel geschossen. Aber das ist wie mit einem Drogenrausch, der immer noch eine und noch eine Dosis einfordert, um die Euphorie zu erhalten und nicht dem Cold Turkey zu verfallen. Einige Politiker und Marginal-Politologen konnten ihre persönlichen Positionen verbessern. Die Generäle leben ihre Tradition und bereichern sich am Krieg. Darüber haben sie sogar für den Moment die Kaukasier und Tadschiken vergessen. Die korrumpierten Beamten konnten durchatmen, denn kaum einer denkt noch an sie und ihre illegalen Pelzlagerhallen. Insofern gibt es Gruppen und Gruppierungen, die tatsächlich glücklich und zufrieden sind.
Was aber hat das russische Volk, hat der russische Staat davon?
Ich suche eifrig nach Vorteilen des russischen Angriffes auf die Ukraine – und ich finde keine. Es gibt keine Rechtfertigung für dieses Vorgehen. Und es wird für Russland auch kein glückliches Ende dieser Geschichte geben.
Vor zwei Jahren saßen wir im kalten Chanty-Mansijsk mit dem russischen Schriftsteller und Fernsehmoderator Alexander Archangelski zusammen. Alex hatte gerade einen weiteren Roman zu Ende geschrieben, in dem er in einer raffinierten künstlerischen Form die Zukunft des russischen Präsidenten beschrieb. Ich hatte damals darauf bestanden, dass Wladimir Putin mit hoher Wahrscheinlichkeit einen kleinen, siegreichen Krieg vom Zaun brechen werde. Er fühle sich vom Westen beleidigt, es schiene ihm, dass die Amerikaner Russland nicht respektierten und ihn als Präsidenten eines erhabenen Landes ebenso wenig, daher werde er versuchen, allen zu zeigen, was eine Harke ist – damit sie nicht allzu sehr abheben.
Schon damals waren wir uns einig gewesen: Wenn es zum Krieg käme, dann werde es ein Krieg um die Ukraine sein.
Ein Krieg gegen China werde uns zu teuer zu stehen kommen und Europa direkt anzugreifen mache keinen Sinn. Es werde ohnehin bald von allein einknicken, sich ein ukrainisches Stück abbeißen – all das passte wunderbar in die Strategie der Erschaffung der Eurasischen Union und in die ideologische Vorstellung davon, woher der Große Rus komme.
Ich bin dabei ausschließlich von psychologischen und wirtschaftlichen Überlegungen ausgegangen. Einerseits „steht Russland von den Knien auf”, wie es formuliert wird. Die russische Elite nimmt wieder Haltung an und wähnt sich als Vertreter einer Großmacht mit dem Anrecht, das Schicksal der Welt zu lenken. Gleichzeitig aber blieb da das hartnäckige Gefühl, dass die Welt Russland weder respektiere noch beachte. Da kaufen wir uns schon die Fußballweltmeisterschaft und finanzieren den Unterhalt verflossener Kanzler – und dennoch antwortet uns das verfaulte und verwesende „Gayropa” mit Verachtung!
Die Geschichtsprofessorin der Harvard University und Autorin des Buches „The Collapse: The Accidental Opening of the Berlin Wall”, Mary Elise Sarotte, hat zum 25. Jahrestag des Berliner Mauerfalls einen Artikel im „Guardian” über das psychologische Trauma veröffentlicht, welches Putin geprägt habe, als er beobachtete, wie seine sowjetische Welt auseinanderbrach und der für effektiv und stabil gehaltene deutsche Geheimdienst der DDR, die „Stasi” (Staatssicherheit), sang- und klanglos von der Erdoberfläche verschwand.
Die geheimen Unterlagen seiner KGB-Tätigkeit verbrennend und die tobende, revolutionäre Menge durch einen Schlitz im Vorhang beobachtend, erlebte Wladimir Putin einen derart heftigen emotionalen Stress, dass er von einer rücksichtslosen Hartherzigkeit gegen jegliche Revolutionäre und absoluter Schonungslosigkeit gegenüber allen, die er als Feinde Russlands wahrnimmt, geprägt ist.
Diese Erfahrung hat Putin zu einer leichten Beute für Manipulationen jener Kräfte gemacht, die die Welt durch das Prisma des sowjetischen Weltmodells und des darin verankerten Antiamerikanismus sehen. Die Karrieristen wie die Reaktionäre spürten den Schmerzpunkt des russischen Präsidenten auf und bedienten sich erfolgreich seiner Ängste.
Es gibt mehrere Gruppen, die ich als verantwortlich dafür sehe, dass wir uns alle nun am Abgrund wiederfinden.
Die erste Gruppe sind die Militärs und die Vertreter des militärisch-industriellen Komplexes. Nach dem Zerfall der Sowjetunion gab es in Russland keine Erneuerung der militärischen Elite. Auf den Schlüsselpositionen sitzen nach wie vor die Kommandeure der sowjetischen Epoche und jene, die von diesen erzogen wurden. Diese sind es, die die angebliche Bedrohung durch die NATO-Erweiterung nach Osten aufgeblasen haben, um damit unsere Kriegshandlungen gegen Moldawien und Georgien zu begründen.
So war zum Beispiel der Krieg in Transnistrien auch das Produkt eines Kampfes des russischen Militärs um gigantische Waffenlager, die sich dort befanden. Auf der Krim konnten die Generäle die Obrigkeit mit der Vorstellung von NATO-Stützpunkten verschrecken, die ihnen künftig den Zugang zu ihren geliebten Datschen am Meer verwehren würde. Ich vereinfache natürlich, aber der Geopolitik der russischen Generalität liegt immer in erster Linie ein eigennütziges Interesse zugrunde. Nachdem 2008 der Krieg in Georgien so glimpflich und aus russischer Sicht erfolgreich verlaufen war, wertete dieses die „Kriegspartei” deutlich auf.
Dem Militär gelang es, die politische Führung Russlands von der immensen Bedeutung der Krim als militärischem Brückenkopf zu überzeugen. Sie behaupteten hartnäckig, dass ungeachtet des Vertrages über die Stationierung der Schwarzmeerflotte in Sewastopol bis 2045 die Ukraine die russische Flotte aus der Krim hinauswerfen und der Schwarzmeerraum damit ungedeckt bleiben werde. Auch sei es nicht möglich, die kalkulierten 150 Millionen Dollar für einen neuen Marinestützpunkt in Noworossijsk zu aktivieren – und so weiter und so fort. Dass das Schwarze Meer im einundzwanzigsten Jahrhundert keinerlei militärischen Wert darstellt, weil es von einem Ufer zum anderen problemlos mit Geschossen überbrückt werden kann, bevorzugten die Generäle zu verschweigen. Sie wurden flankiert von den Waffenhersteller, die zu Zeiten des zweiten tschetschenischen Krieges und insbesondere während des Georgien-Krieges den schon vergessenen Geschmack lukrativer Rüstungsaufträge zu genießen gelernt hatten.
Darüber, dass seit 1991entlang der russischen Grenze in Osteuropa kein einziger NATO-Stützpunkt eingerichtet wurde und die Baltischen Staaten ebenso wie Polen auf ihre Armeen fast schon verzichtet hatten, weil sie nicht vorhatten, gegen irgendjemanden einen Krieg zu führen – davon hat man nicht gesprochen. Als Schreckgespenst diente das neue Raketenabwehrsystem in Europa. Man jagte es wie Geisterjäger durch das russische Bewusstsein: Ein Mittelrusse wusste bald mehr von diesem Raketenabwehrsystem als selbst der fortschrittlichste Amerikaner.
Statt auf eine Zusammenarbeit mit der NATO zu setzen, heizten die russischen Generäle hinter den Kulissen ebenso wie in der Öffentlichkeit den Konflikt mit der westlichen Allianz an. So erinnere ich mich gut an jenen General Leonid Iwaschow. Dieser Mensch hatte sein gesamtes Leben im Generalstab des sowjetischen Verteidigungsministeriums verbracht und war zum Zeitpunkt des Zerfalls der Sowjetunion Abteilungsleiter im Verteidigungs-ministerium. So schien sein perfekt durchorganisiertes, sowjetisches Leben nebst Karriere mit dem Zusammenbruch des Imperiums zu zerbrechen – doch der General krallte sich an der Macht fest und gab nie auf. Von 1996 bis 2001 war Iwaschow Vorsitzender des Amtes für internationale militärische Zusammenarbeit des Verteidigungsministeriums. Eine absurde Vorstellung: Er hasste den Westen und die NATO über alles und trug gleichzeitig die Verantwortung für die internationalen Kontakte der russischen Armee. Es gab keinen einzigen Tag, an dem er nicht irgendwelche „aggressiven Pläne” zu entlarven in der Lage gewesen wäre. Nach seiner Demission bezeichnete er 2006 denTod des früheren jugoslawischen Präsidenten Milosevic in Den Haag als „politischen Mord”. Als am 5. Dezember 2009 das Abkommen zwischen Russland und den USA über die Begrenzung der strategischen Angriffswaffen auslief, war das Nichtzustandekommen einer Folgevereinbarung für ihn „kein Drama”.
Schon am 10. Februar 2014 – in Sotchi feierte ein russischer Präsident seine olympischen Winterspiele – definierte Iwaschow als nunmehr Leiter der russischen Akademie für geopolitische Studien die Vorgänge in der Ukraine als „Krieg gegen Russland”, initiiert von der US-amerikanischen Administration mit dem Ziel, die Ukraine zu zerstören. Sein Interview mit der russischen Website „km.ru” liest sich wie das Handbuch dessen, was seitdem durch Russland umgesetzt wurde – nur mit dem Unterschied, dass Iwaschow all dieses Vorgehen als unmittelbar bevorstehende US-Handlungen beschrieb. Die russischen Generäle wussten ihren Lebensraum zu schützen, pflegten ihre Phantomschmerzen auf Kosten der Zukunft der friedlichen Russen.
Als Ergebnis wird es nun fünf neue NATO-Stützpunkte an der Grenze zu Russland geben. Das amerikanische Raketenabwehrsystem über Osteuropa wird Moskau keinesfalls mehr verhindern können. Aber die Generäle werden ohne mit der Wimper zu zucken das Geschehene als eine Bestätigung jener Szenarien darstellen, die sie als Gruselpropaganda in den vergangenen fünfzehn Jahren ausgemalt hatten. Endlich finden sie nun die Bestätigung ihrer kranken Träume von einer Panzerattacke gegen ein umzingeltes Russland.
Eine weitere einflussreiche Gruppe der verantwortlichen Lobbyisten des Krieges gegen die Ukraine sind die finanz-industriellen Staatsoligarchen. Dabei handelt es sich weder um Geschäftsleute noch um Beamte im Sinne einer aufgeklärten Gesellschaft. Es sind in sich geschlossene Biotope, daran gewöhnt, sich durch Eigentumsaneignung und Marktmonopolisierung expansiv zu entwickeln. Ihnen gibt ein Feldzug gegen die Ukraine die Ermunterung, ihren ohnehin schon kaum noch überschaubaren Vermögen neue, attraktive Errungenschaften hinzuzufügen.
Während der fetten Jahre versäumten diese Staatsoligarchen, ihre Reichtümer in Innovation und technologischen Fortschritt zu investieren. Auf den Weltmärkten sucht man vergebens nach neuen Produkten „Made in Russia” – nur Waffen und Rohstoffe in all ihren Formen waren und sind die Exportschlager. Also benötigt man noch ein paar mehr Waffenschmieden und natürlich noch ein wenig mehr Rohstoffe. In erster Linie handelt es sich dabei gegenwärtig um Gas. So überzeugte man den Präsidenten davon, dass die Krim unverzichtbar sei, um die „Südstrom”-Pipeline abzusichern und die Erdöl- und Gasreserven am Schelf zu erschließen. Interessenten für die Aneignung der ukrainischen Eisenhüttenwerke und der Betriebe des militärisch-industriellen Komplexes fanden sich genug.
Kacha Bendukidse, der die Sitten und Bräuche des neuen russischen Staatskapitalismus gut kennt, war überzeugt, dass die Oligarchen die militärische Aggression gegen die Ukraine aktiv unterstützen, wenn man ihnen einen Vorgeschmack auf großen Stücke der ukrainischen Torte gäbe, die ihnen mit der Intervention in der Ukraine in die Hände fallen würden. Im Mai 2014 erklärte Bendukidse, warum Russland ein Embargo auf die ukrainischen Waren einführen wird. Er lag vollständig richtig: „Es gibt eine große einflussreiche Lobby, die an einem Handelskrieg gegen die Ukraine interessiert ist. Es gibt Dutzende sehr einflussreiche Menschen, die den Kreml mit Vergnügen schmieren werden, um den russischen Markt für die ukrainischen Waren zu schließen. Die Metallurgen werden schmieren. Und ihnen wird Beifall geklatscht. Die Gießer werden applaudieren. Die Lebensmittelproduzenten werden laut Beifall klatschen. Die Chemiker werden jubeln. Welcher substantielle Export nach Russland bliebe der Ukraine dann noch? Die Menschen, die glücklich empfängliche Hände drücken, werden ‚ausgezeichnet‘ sagen – sie werden daran verdienen”.
Die Stimmen jener Oligarchen, die erhebliche Verluste durch die westlichen Sanktionen tragen müssen, gehen unter im Chor der Rohstoffmogule und pseudopatriotischen Geschäftemacher, die klammheimlich die westliche Konkurrenz aus Russland verdrängen. Stattdessen wird vor den Augen des Präsidenten mit dem russischen Huhn herumgefuchtelt, das selbstverständlich viel saftiger als das amerikanische ist. Sie fahren den russischen Panzer auf, der selbstverständlich viel robuster als jeder „Abrams” ist – seine Panzerung ist so dick, dass nicht einmal die Beamten durch sie hindurch finden …
Die Weigerung Frankreichs, die „Mistrals” auszuliefern – umso besser, denn diese „Mistrals” sind doch der letzte Dreck gegen das, was auf Russlands Werften zusammengezimmert wird.
Die dritte Gruppe der Verantwortlichen an der Katastrophe – das sind unsere notorischen Analytiker, die seit Jahren ungehindert und alternativlos auf ihrer propagandistischen Welle reiten.
So Michail Leontjew. Er gilt Russland als großer Philosoph. Natürlich ist er nicht ohne Talent, aber die Menge der Kakerlaken, die in seinem Kopf herumkriechen, übersteigt jede zulässige Norm. Der grelle Showman Sergei Dorenko hat zur Analytik überhaupt keinen Bezug, ist jedoch als Analytiker beständig in Fernsehen und Radio zu erleben. Sie haben ihren Herrschern nach dem Mund geredet und sie tun es noch immer, weshalb sie sich über Jahre auf dem Bildschirm gehalten haben und halten werden.
In jedem normalen Land kämpfen die Intellektuellen um ihre Meinungshoheit. Jedes Expertengutachten wird im Zweifel jemanden finden, der es widerlegt und eine Gegenposition aufbaut. In der TV-Show wird neben dem Obama-Vertreter sein eifrigster Gegner sitzen, und für jede CNN-Position wird man das Gegenteil bei Fox News finden. In Russland aber breitet sich der Riss zwischen Realität und der Interpretation der Kremlpropagandisten rasant aus. So hat Leontjew seit Jahren die Behauptung verbreitet, dass es ein Land wie die Ukraine überhaupt nicht gibt. Er verdiente sich damit seine Rente bei „Rosneft”. Die Halde seiner pseudoanalytischen Exkremente wird noch spätere Generationen beschäftigen.
Dorenko wiederum verfasste einen flammenden Aufruf zum Angriff auf die Ukraine – einschließlich des geballten Einsatzes aller Kräfte zum Vorstoß nach Kiew. Dieser Appell offenbart derart viel manische Besessenheit, dass ich schon beginnen wollte, Dorenko zu verdächtigen, dass es ihm nur darum ginge, Putin in eine Falle zu locken um sich auf diese raffinierte Art und Weise für irgendwelche früheren Kränkungen zu rächen.
Es gibt keinen Lichtblick. Ganz im Gegenteil. Seit dem Frühling 2014 hat man nach und nach die noch bestehenden, unabhängigen Informationsangebote im Internet gesperrt. Die zuvor noch halbwegs journalistisch tätigen Auslandssender wurden eiligst zu Instrumenten der Kremlpropaganda gleichgeschaltet. Im November 2014 gaben sie „Echo Moskaus” den Rest. Anschließend werden sie sich um die kleinen, noch tätigen unabhängigen Lokalmedien kümmern. Das Schweigen objektiver Analyse und sachlicher Information wird unsere Köpfe füllen – ein Schreien der Stille! Und dieser künstlich erzeugte Schlaf des Verstandes gebiert Monster.
Es wird nicht gelingen, diese Lawine der gesellschaftlichen Psychose aufzuhalten. Es sei denn, man fände noch rechtzeitig einen Ersatz für die allverschlingende Idee der Erhabenheit der russischen Welt im Kampf gegen den bösen Westen. Der kleine Rest der verbliebenen, noch nicht infizierten russischen Elite müsste dringend eine neue Idee kreieren. Eine Idee, die es Putin erlaubt, sein mühsam aufgebautes Bild des großen Vaters der Nation zu bewahren und dennoch sein Land vor der Konfrontation mit der zivilisierten Welt zu bewahren. Vielleicht wäre das große Werk, dass Putins Bild der Nachwelt retten könnte, nicht die Selbstvernichtung durch einen Krieg gegen die Ukraine und die vorgeblichen Monster des dekadenten Westen, sondern der vom Volk langersehnte und totale Krieg gegen die Korruption. Diesen Krieg im Inneren zu führen, dabei selbst auf Nawalnij und Nemzow zu verzichten – es wäre das Werk eines wirklich großen Staatsmannes.
Aber kann man einen Zug stoppen, bei dem die Bremsen versagt haben? Nein. Doch man kann den Versuch unternehmen, die Eisenbahnweichen umstellen. Auch wenn es angesichts der aufgewirbelten Zahnräder der Kriegsmaschinerie der entfesselten Furie des Neoimperialismus kaum eine Chance zu geben scheint, diesen Zug in ein sicheres Flussbett umzuleiten.
„Der Optimismus ist in jetzigen Zeiten eine ganz gewöhnliche Feigheit”, schrieb der deutsche Philosoph Oswald Spengler am Vorabend der Weltkatatstrophe. Vielleicht ist es so.

 

übersetzt von Irina Schlegel in der Bearbeitung der FoGEP

 

 

Zur Person

Pawel Scheremet (geboren 1971 in Minsk) ist ein weißrussischer Journalist und Dissident, der unter dem Diktator Lukashenko am eigenen Leib erfahren durfte, wie die Gleichschaltung in postsowjetischen Gesellschaften funktioniert. 1995 wurde das von ihm geleitete, kritische TV-Magazin „Prospekt” ersatzlos aus dem Programm gestrichen – eine Woche später sollte per Referendum über den Machtzuwachs des Präsidenten abgestimmt werden. Anschließend war Scheremet Mitherausgeber der regierungskritischen „Belarusskaya Delovaya Gazeta“ und arbeitete für die damals noch unabhängigen russischen Fernsehmedien.
Im November 1997 gehörte Scheremet zu den Sprechern der „Charta 97”, die eine Rückkehr zu Demokratie und Menschenrechten in Weißrussland einforderte. Nach einem inszenierten Zwischenfall an der Grenze zu Litauen wurde Scheremet mit seinem Kameramann zu zwei Jahren Haft verurteilt, nach Protesten des damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin jedoch gegen eine symbolische Strafe von 15 US-Dollar auf freien Fuß gesetzt.
Bis Juli 2014 arbeitete Scheremet in Moskau für „Kanal 1 Russland”. Er verließ den Sender mit der Begründung, dass Journalisten in Russland mittlerweile zum Freiwild geworden seien.

Das verbotene Interview: Die wirkliche Situation am Donezker Flughafen

Wie aus einer surrealen Welt - Auf dem Flughafen von Donzek.

Wie aus einer surrealen Welt – Der Flughafen von Donzek.

Abschrift eines Interviews bei Echo Moskaus, das am 29. Oktober geführt wurde. Zwei Tage später, am 31. Oktober, hat der russische Föderale Aufsichtsdienst im Bereich der Massenkommunikation Radio “Echo Moskaus” eine Warnung über die Unzulässigkeit des „Extremismus“ erteilt, der angeblich in diesem Interview vorhanden sein soll. Das Interview wurde verboten.
Alexander Pluschew, Redakteur bei Echo Moskaus und Interviewer hier, wurde zwischenzeitlich gekündigt. Der Mitschnitt des Interviews wurde aber auf diversen Internetseiten veröffentlicht.
Das Gespräch ist auch deshalb interessant, weil Timur Olewski, einer der Gesprächspartnern, ein Korrespondent vom Fernsehkanal “TV RAIN” (DOZHD) ist, der in Russland zu den wenigen Vertretern der freien Presse zählt. Olewski hat von Anfang an vom Maidan berichtet, später aus der Krim und dann auch aus der Ostukraine. Sergei Loiko, der zweite Gesprächspartner, ist ein bekannter Militärjournalist und Photograph.

Wr bitten darauf zu achten, dass dies ein Mitschnitt des Gesprächs ist, kein redaktionell verfertigter Artikel.

 

A.Pluschew: Hier ist wieder Alexander Pluschew in der Sendung „Mit eigenen Augen“. Heute haben wir Sergej Loiko im Studio, den Korrespondenten von „LosAngelesTimes“. Guten Abend! Und unseren Kollegen vom „Echo Moskaus“, vom TV-Kanal „Dozhd“ (TV Rain) Timur Olewski. Hallo!

T.Olewski: Guten Abend! Ich werde wie Sergej nicken und nichts sagen.

A.Pluschew: Ja. Reden wir über die Kämpfe um den Donezker Flughafen. So weit ich das verstehe waren sie dort und sind gerade erst zurück, nicht wahr?

T.Olewskij: Hier muss man deutlich machen, wer wo war, nicht wahr, Sergej? Du warst in dieser Hölle am tiefsten drin.

S.Loiko: Ja, ich bin per Anhalter von Kiew aus gefahren und das Ende war meine Reise zum Donezker Flughafen, wo ich vier Tage in dieser….

A.Pluschew: Also, sind Sie von der ukrainischen Seite mit dem Auto gekommen?

T.Olewski: Da kann man von der anderen Seite nicht lebend hinkommen. Da sind doch Kämpfe um den Flughafen und aus Donezk-Richtung kommen die DVR-Söldner, sie versuchen ihn zu erstürmen, und sie schaffen es nicht. Obwohl es nicht ganz stimmt, da gibt es Nuancen, wie die Verteidigung des Donezker Flughafens tatsächlich organisiert ist. Ich, als ich das erfahren habe – Sergej hat es ja einfach mit eigenen Augen gesehen – ich war ganz in der Nähe des  Flughafens, aber nicht direkt drin – und als ich das erfahren habe, ehrlich gesagt, habe ich es gar nicht geglaubt, dass es in einem Gebäude die einen und die anderen Soldaten gibt, sie können buchstäblich einander zuschreien… Granaten einander zuwerfen….

S.Loiko: Ja, da war so ein Moment, als der Kommandeur dieser Fallschirmspringer mit dem Codenamen „Rachman“ buchstäblich aus nächster Nähe da auf einen – wie sie diese da nennen – „Separ“ schießt, der auf dem Flugplatz steht.  Wie in einem Computerspiel schießt er aus nächster Nähe mit seinem Stetschkin APS, sieht sogar den Dampf vom Atem des Separs, und der schießt zurück und läuft weg, versteckt sich in diesem durchsichtigen Gang, der ins dritte Stockwerk führt. Und dieser „Rachman“ steht da so geschockt: „Wieso? Wieso konnte ich ihn nicht erwischen!“ und schreit: „Separ! Separ! Komm’ zurück!“ Doch der ist aber schon über alle Berge.

T.Olewski: Das ist das Gebäude vom zweiten Terminal. Das zweite Terminal. Das erste und das zweite Stockwerk sind von den ukrainischen Soldaten besetzt, und das dritte und den Keller besetzen die Separatisten.

S.Loiko: Das ist dreidimensionale…

T.Olewski: Das ist ein Gebäude, verstehst du….

S.Loiko: … dreidimensionale Einkreisung. In Wirklichkeit sind da zwei Gebäude: Das alte und das neue Terminal. Was die Fahrt zum Flughafen angeht, so ist das Schwierigste an dieser Fahrt  der Eingang und der Ausgang. Das betrifft nicht nur mich, sondern auch die ukrainischen Soldaten, die da regelmäßig hinein müssen um die Verteidiger zu versorgen. Und  sie sind da schon seit fünf Monaten …

T.Olewski: Das muss man natürlich verstehen….

S.Loiko: … mit Wasser, Waffen, Verwundete abholen. Die Jungs rotieren, denn das sind unmenschliche Bedingungen, also die Bedingungen sind einfach … ich weiss nicht, zum Nordpol zu kommen war für Kapitän Scott einfacher als sich dort am Flughafen aufzuhalten.

A.Pluschew: Ich möchte die Aufmerksamkeit unserer Internetzuschauer auf die Bildschirme lenken, da sind die Fotos, die Sergej Loiko mitgebracht hat. Aber besser wären sie gar nicht da, denn die Qualität ist geradezu schrecklich. Ich schäme mich, dass es so aussieht.

A.Pluschew: Verzeihen Sie uns…

S.Loiko: Ok

A.Pluschew: Ne, ehrlich…

S.Loiko: Gut, vergessen wir das

A.Pluschew: Wenn wir die Möglichkeit haben, während der Ausstrahlung…

T.Olewski: Sie sind nur ein wenig dunkel

A.Pluschew: Ja, die Helligkeit einzurichten – das wäre nicht schlecht. Und mehr Licht hinein zu geben, wahrscheinlich. Das sind also die Fotos, die Sie da gemacht haben. Der Weg, der dahin führt…..

S.Loiko: Ja, ich hab’ vom Ein- und Ausgang geredet … erinnern Sie sich an diesen Spruch: „Eingang für einen Rubel, Ausgang für drei“, so ist es hier: Eingang – Leben, und Ausgang – Leben. Also du kommst dahin … kannst dahinkommen, kannst aber auch gar nicht erst ankommen. Und nur in einem Panzerwagen. Die Reise verläuft über eine absolut freie Fläche – man sieht dich von allen Seiten – ungefähr zehn Minuten dauert das. Da gibt es mehrere Stellen: Wenn du fährst, schlägt etwas permanent auf den Wagen ein und daneben explodiert permanent irgendwas. Also, wenn du Glück hast, kommst du durch. Pech – 12,7 Kaliber einer Panzerpatrone aus einem Maschinengewehr NSW schlägt den Panzerwagen komplett durch, tötet alle, die sich darin befinden. Und das Flugfeld von dem Flughafen, also das ist … da gibt es keine Flugzeuge, da gibt es nur ein Schulflugzeug. Steht da ganz weit weg. Dafür ist der Flugplatz komplett mit verbrannten Panzern und Panzerwagen zugemüllt, die da hin- und herfahren wollten und es nicht geschafft haben. Dann diese Panzerwagen, eine Kolonne:  1, 2 oder3 oder 4 – abhängig davon, was gerade geliefert wird – kommen bei dem neuen Terminal an – oder bei dem an, was davon übrig geblieben ist. Und hier ist die schwierigste Stelle, denn hier müssen  alle raus, fangen an zu entladen, und es schießt von allen Seiten. Die eine Hälfte von denen, die sich am Flughafen befinden, gibt dann Sperrfeuer um den Beschuß durch die Separatisten abzuwehren, und der andere Teil der Menschen entlädt die Panzerwagen. Entladen geht so: Man schmeißt einfach alles auf den Flugplatz. Dann, wenn sie alles rausgeschmissen haben, fahren sie wieder weg. Also wer noch am Leben ist, setzt sich in die Panzerwagen, zieht die Verwundeten mit rein, dann fahren die Panzerwagen, wenn sie noch nicht brennen, weg. Und bei Einbruch der Dunkelheit kriechen die Leute aus dem Gebäude heraus und holen alles in das neue Terminal hinein. Zum alten Terminal kann man gar nicht hinkommen, denn das Neue wird nur von zwei Seiten beschossen. Das Alte aber von allen Seiten, und da sind die Separatisten viel näher dran. Vor kurzem gab es da solch’ ein Gemetzel – als bei dem alten Terminal das obere Stockwerk brannte. Es sind viele Menschen gestorben, es gab viele Verwundete. Aber Separatisten gab es im Gebäude nicht. In dem neuen Terminal aber – das ist eine dreidimensionale Einkreisung. Da sind die Separatisten nicht nur rundherum auf dem Flughafengelände, sie sind auch im Keller, der viele Abzweigungen und irgendwelche Ein- und Ausgänge hat – hinter dem Flughafen gibt es einen Ausgang -und im dritten Stockwerk. Und das erste und zweite Stockwerke sind besetzt…..

A.Pluschew: Und das dritte Stockwerk … wie sie …

loiko -vsStabsbesprechung

S.Loiko: Irgendwie jedenfalls kommen sie in den Keller, wobei die einen wie die anderen ständig irgendwelche Ein-und Ausgänge verminen. Aber sie verminen es so, dass sich kein Mensch erinnern kann, wo überhaupt was liegt. Und die Separatisten, wie irgendwelche Geister umgehen hier, springen da. Vor kurzem ist ein Separatist – direkt vor mir – auf den Balkon im zweiten Stock herabgesprungen und hat aus der RPG-18 Mucha eine Granate in den Eingang des Generalstabs der Fallschirmspringer geworfen, und das Geschoss ist direkt über dem Eingang explodiert. Alle sind umgefallen, alle wurden überschüttet. Wenn sie drinnen explodiert wäre, wären alle da gestorben, so aber haben alle, auch ich selbst, nur Quetschungen bekommen.  Dann wollte ein Fallschirmspringer, er hieß Batman und sieht auch aus wie Batman, eine Granate hingeworfen. Die Granate ist aber nicht bis zum Ziel geflogen, sondern explodierte da beim Balkon und wieder sind alle umgefallen.  Überhaupt, alles, was da passiert, wie es aussieht, wie der ganze Flughafen aussieht – das hat so eine epische Dimension.  Man hat das Gefühl, das ist irgendein Filmset, denn so etwas kann es in realem Leben nicht geben! Gleich kommt Spielberg ‘raus und sagt: „Cut! Drehschluss!“ Die Gebäuderuinen sind dermaßen zerstört, dieser ganze Flugplatz ist so ruiniert, alle sind ruiniert … Das ist wie ein Kongresspalast, nur ohne Kongresse und ohne Fenster, und mit verbogenen, zerfetzten und verbrannten Rahmen. Da gibt es keinen einzigen Quadratmeter, der nicht mit Dutzenden Kugeln durchlöchert wäre. Da sind Einschusslöcher überall: Die Decke ist durchlöchert, die Wände sind es. Da ist immer dunkel: Tagsüber halbdunkel, abends absolute Dunkelheit. Wenn tagsüber die Menschen noch irgendwelche Taschenlampen anmachen, irgendwelche Generatoren laden irgendwas auf … Akkus – so gilt nachts: Absolute Dunkelheit und alles absolut abschalten. Keine Taschenlampen, keine Zigaretten. Der Scharfschütze schießt beim dritten Zug … Wenn sie die Magazine ihrer Waffen laden, greift nicht einer zur  Leuchtspurmunition. Sie schießen nicht mit Leuchtspurmunition. Sie witzeln darüber: „Wir schießen nur mit Leuchtspurplatzpatronen!“ Dann die Entbehrungen, die man in diesem Flughafen auf sich nehmen muss. Sie sind schrecklich: Unsägliche Kälte, keinerlei Öfen gibt es dort, überall Durchzug. Alle niesen, husten, man kann sich nirgendwo aufwärmen. Das einzige, was sie sich erlauben können, ist ein heißer Tee aus einem Petroleumkocher. Und die Kocher sind so schwarz-schwarz. Alles ist in absoluter Finsternis, in einer absoluten Dunkelheit. Die Toilette – die ist überall, wo du gerade Glück hast und wo du nicht getötet wirst. Aber Groß geht da längst keiner aufs Klo und Gestank gibt es nicht, weil die Menschen nichts essen. Sie ernähren sich vom eigenen Adrenalin. Alle haben solche Augen … als ich die Fotos gemacht hatte – ich bin ja schon alt und sehe nix – später habe ich mir die Fotos am Computer angeschaut, da war ich erstaunt, was für Augen die Menschen haben. Man kann in irgendeiner gestellten Einstellung solch ein Foto nicht schießen, man kann sowas nicht inszenieren. Da ist immer Action, da sind immer echte Augen, da ist immer eine echter, innerer Zustand der Helden. Es ist so wie ein episches Werk, ein episches Ereignis, das ist irgend so ein auferstandener Tolkien, den ich nie mochte, irgend so ein „Lord of the Rings“, denn das Buch hat keinen Humor, das ist irgend so eine idiotische Fabel. Da kämpft irgendwie das absolut Gute mit dem absolut Bösen, mit diesen Orks.  Hier ist für mich Tolkien zum Leben erwacht. Ich habe gesehen, wie tatsächlich das absolut Gute an diesem Flughafen, den man nicht verteidigen kann, mit dem absolut Bösen kämpft, mit diesen Orks, die den Flughafen von allen Seiten eingekesselt haben, und den Grads, Mörsern usw. beschießen.

loiko -beladenBe- und Entladen am Terminal.

A.Pluschew: – Reden wir doch noch mal über das Gute und das Böse. Ich wollte Timur Olewski fragen: Du meintest, du warst da in der Nähe?

T.Olewskij: In der Nähe, ja. Zum Glück ist es mir nicht wie Sergej gelungen, dahin zu kommen, direkt dahin.

S.Loiko (lacht): Hättest dich vor den Panzerwagen stellen und winken sollen.

T.Olewski: Ich hab’ mich sogar dumm angestellt. Ich erzähle mal die Geschichte. Um zum Flughafen zu gelangen, muss man mehrere Stationen an Erlaubnissen durchgehen, zumindest gilt das für die russischen Journalisten, und dann ins Dorf Peski kommen, wo auf der vordersten Linie die ukrainischen motorisierten Brigaden stehen: Die Artilleristen und die Fallschirmspringer, und wo die Panzerwagen zum Flughafen abfahren, die „Schwalben“, wie sie diese nennen. Da sind nach meinen Erinnerungen….

S.Loiko: Plappere doch nicht alle Geheimnisse aus….

T.Olewski: Also, die fahren da ständig hin- und her. Das ist kein Geheimnis, denn der Funkverkehr ist da offen, da ist alles offen. Also, schau mal, das ist die Geschichte. Da ist jede Ausfahrt ein Kampf. Zumindest das, was Sergej erzählt, hat er unmittelbar dort gesehen. Und ich habe gesehen, wie die Vorbereitung mit diesen Panzerwagen abläuft. Das ist ein Kampf. Jede Fahrt – das ist eine Artillerievorbereitung, und zwar auf beiden Seiten. In Peski war ich in der 79. Brigade – da sind Artilleristen, Mörserschützen, die…

S.Loiko: Die 79. Brigade sind Fallschirmspringer.

T.Olewski: … Die Einheit der 79. Brigade, wo ich war, das waren Mörserschützen, das waren Artilleristen. Ich habe unmittelbar bei den Artilleristen gelebt. Da war auch der „Rechte Sektor“, der da irgendwelche eigene Sachen macht. Die sind übrigens auch da am Flughafen, ein kleiner Teil vom „Rechten Sektor“. Aber ich habe auch die Kämpfer vom „Rechten Sektor“ gesehen, die Peski säubern – also sie fangen da die Richtschützen ab. Als ich davon gehört habe, dass die Richtschützen da abgefangen werden – ich war ja auf der einen wie auf der anderen Seite – habe ich gedacht, sie fangen einfach nur Leute ab, die sie nicht mögen. Aber hier habe ich zum ersten Mal gesehen, wie das aussieht, was ein Richtschütze ist. Das ist, wenn im zerstörten Haus gegenüber deiner Artilleriestellung, wo niemand wohnt, nachts das trübe Licht einer Taschenlampe zu sehen ist, so eine Blaulichttaschenlampe. Das sind dann also Aufklärer und die finden die Stellungen, die ein paar Minuten vorher verlassen wurden. Wenn solch ein solcher erfolgreicher Richtschütze auftaucht, dann beginnt schnell auf die Stellung der Artilleriebatterie ein Geschosshagel herunterzufallen. Sich davor verstecken kann man faktisch nur in den Panzerwagen. Obwohl sich die Menschen, die da ihren Dienst leisten und immer bei ihren Mörsereinheiten sind, sich längst nicht mehr verstecken. Sie sitzen in Hallenanlagen, gehen zu ihren Stellungen hinaus und betrachten den Beschuss völlig phlegmatisch indem sie so denken: „Wenn eine GRAD ins Dach einschlägt- passiert nichts. Wenn es aber von einer Selbstfahrlafette ist, werden wir eh alle getötet“. Sonst passiert nichts. Und das ist ein Ort, von dem man den Streifen sieht, also den Tower, wo auch die ukrainischen Soldaten sind. Auf dem Tower gibt es zwei …

S.Loiko: Also, es gibt drei Stellen: Das alte Terminal, das neue Terminal und der Tower werden von den ukrainischen Streitkräften kontrolliert.

T.Olewski: Ja, der Tower. Das ist glaube ich, die Stelle, die am meisten zerschossen ist.

S.Loiko: Das ist die höllische Hölle da.

T.Olewski: Ja, höllische Hölle. Da kann man sich überhaupt nicht aufhalten. Und die Menschen, ich weiß nicht, wie lange sie da schon sind, aber ich habe gesehen, habe selbst die Bitten eines Scharfschützen gehört, der da am Tower saß, ihn endlich auszuwechseln, weil er zwei Tage später Hochzeit haben sollte – so ungefähr. Und sein Kommandeur hat ihn gebeten, noch eine Zeit lang zu bleiben, um dem Neuen alles erklären zu können, ihm zu helfen, sich zurechtzufinden. Es ist sehr schwer, dieses Gespräch wiederzugeben, aber es ist das Gespräch eines Menschen, der darum bittet, ihn drei Stunden früher als nötig zu entlassen, weil er leben will, und der andere bittet ihn darum, noch drei Stunden an einem Ort zu bleiben, an dem er in diesen drei Stunden nicht getötet werden kann. Und sie reden, und der Kommandeur schafft es , den Bräutigam zu überreden an dem Ort zu bleiben, an dem er in zehn Minuten tot sein kann. Dabei war er da schon sehr lange Zeit und zählt jede Minute, die ihn vom Erscheinen seines Rettungspanzerwagens trennt.

A.Pluschew: Unser Publikum, gleich mehrere Menschen, stellen uns ein- und dieselbe Frage: „Was ist der Sinn, diesen Flughafen so lange zu halten? Wozu braucht ihn wie die eine oder die andere Seite?“

S.Loiko: In diesem Zusammenhang erinnere ich mich immer an einen Film, den Film aller Zeiten und Völker, den epischsten Film, den epischsten Spaghetti-Western, den ich in meinem Leben gesehen habe. Ein Film vom Sergio Leone: „The good, the bad and the ugly“. Da suchen ein paar Bösewichte vor dem Hintergrund des epischen amerikanischen Bürgerkrieges nach einem Sack Gold. Und da gibt es einen Moment, wo sich die zwei Bösewichte – Clint Eastwood und Eli Wallach – dem Fluss nähern, den sie nicht bezwingen können. Sie können es nicht, weil über dem Fluss eine Brücke ist um die ein schrecklicher Kampf tobt: Auf einer Seite die Nordstaatler und auf der anderen die Konföderierten. Sie Südstaatler wollen dieses strategische Objekt einnehmen und die Nordstaatler wollen es halten. Die beiden Bösewichte sitzen am Ufer unter Beschuss – sie wissen nicht, was sie tun sollen. Nachts sprengen sie die Brücke und legen sich dann schlafen – wachen morgens auf: Keine Brücke, weder die eine Armee noch die andere ist noch da.

T.Olewski: Ungefähr so, ja.

S.Loiko: Hier ist es das Gleiche. Wenn man einfach nur die Startbahn sprengt, alles in die Luft sprengt, was noch von diesem Flughafen geblieben ist … Ich wundere mich eh, warum das nicht zusammenstürzt, dieses ganze Gebäude, das zu 95% aus Löchern besteht … Da gibt es sehr viele Gründe. Naja, irgendein Oberst wird Ihnen sagen, dass es eine strategische Höhe ist. Wenn wir die aufgeben, öffnet sich der Weg nach Peski, und sie werden hin- und her laufen … Für die Mehrheit derer, die dort sind, ist es aber eine symbolische Angelegenheit, es ist so ein ukrainisches Stalingrad. Also gilt „kein Schritt zurück, keinen Fußbreit Land geben wir hier auf“.

T.Olewski: Das ist wirklich sehr verwunderlich. Scheint doch so, dass da Menschen sein sollten, die es verlassen wollen sollten. Ich habe aber keinen einzigen gesehen.

S.Loiko: Ich erkläre das mal. Alle, die während meiner vier Tage da waren – sie alle waren Freiwillige. Nicht in dem Sinne, dass sie als Freiwillige zur Armee gekommen sind – solche sind nur beim „Rechten Sektor“ als Freiwillige, und das ist nur eine Handvoll der ganzen Besatzung. Es waren ja alle dort: Aufklärer, SEK-Soldaten, Fallschirmspringer, Artilleristen – alle. Und jeder von ihnen – und da war auch jedes Alter, von 45 bis 18 – jeder war ein Freiwilliger. Man hat sie gefragt: „Wer will zum Flughafen?“ Sie waren alle nach vorn getreten und sind hingekommen. Mehr noch, in Peski, wo ich mehrmals viel Zeit verbrachte habe, wo eine große Einheit der ukrainischen Streitkräfte stationiert ist – da träumt jeder Soldat davon, in den Flughafen zu kommen. Für einen echten ukrainischen Soldaten, für einen Patrioten der Ukraine, ist es das wahre Geheimzimmer aus „Picknick am Wegesrand“ von Strugazki, aus „Stalker“ von Tarkowski, wo er in das Haus gelangt und ihm bewusst wird, warum er, der ukrainische Mann, existiert. Das ist das eigentliche Missverhältnis … Eigentlich ist dieser ganze Krieg keine hohle Nuss wert. Es gab keine Gründe, ihn anzufangen. Bei den Spitzseitigen und den Stumpfseitigen in „Gulliver“ von Swift – sogar bei denen gab es mehr Gründe sich zu töten als hier. Dieser ganze Krieg ist erfunden. Und hier, in dieser neuen Stalingradschlacht, gibt es auch keinen Sinn, weder die eine noch die andere Seite braucht dieses Mägdebein, diese Überreste eines verbrannten, gesprengten Flughafens.

T.Olewski: Jetzt ist die Politik auch…

A.Pluschew: Warte eine Sekunde. Ich möchte Euch beide noch eins fragen: Ist er denn schon in so einem Zustand, dass ihn nicht einmal mehr die Luftwaffe benutzen könnte?

T.Olewski: Na, die Startbahn wurde nicht gesprengt.

S.Loiko: Russische Transportflugzeuge können da im Prinzip landen.

T.Olewski: Die können auch auf irgendwelchen Erdpisten landen.

S.Loiko: Das war eine der besten Startbahnen Europas, die längste. Da könnten all diese „JumboJets“ landen, diese großen Transportflugzeuge. Im Prinzip also ja, die Ukrainer haben sie noch nicht gesprengt.

T.Olewski: Hier muss man verstehen, dass der Flughafen ein Teil von Donezk ist, er ist ein Bezirk in Donezk. Solange der Flughafen ukrainisch ist, ist Donezk nicht vollständig unter der Kontrolle der DVR, und wenn die Frage über die Trennungslinien aufkommen wird, wird dieses bedeuten, dass Donezk keine Stadt ist, die ganz der DVR gehört. Also wird man sie teilen müsse. Ich denke, vielleicht ist das irgend so eine politische Geschichte. Vielleicht hat der Gouverneur Sergej Taruta vor seinem Rücktritt die Wahrheit darüber gesagt, dass es einen Plan gibt des Umtausches vom Donezker Flughafen gegen einen Teil vom Territorium, das sich bei Mariupol befindet und von den Söldnern besetzt ist, oder gegen irgendeinen anderen Teil des Territoriums. Womöglich braucht man ihn deswegen. Aber hier sprechen wir lieber wieder  aus der Sicht der Soldaten. Also, ich habe drei Tage lang mit diesen Soldaten gelebt und sie denken über so einen Umtausch nicht nach, auch wenn sie darüber diskutieren. Ich habe Männer gesehen, die 45 sind, die in die Armee nach einer Benachrichtigung gekommen sind. Das sind Menschen mit ein bis zwei Universitätsabschlüssen, im Leben absolut fest auf den Beinen. Die Mehrheit davon hat ihren Verwandten nicht erzählt, wo sie sich befinden, und haben darum gebeten, sie nicht zu fotografieren. Also, sie sagen alle, dass sie bei Mykolajiw sind, damit die alte Mama sich keine Sorgen macht. Und alle sind als Freiwillige dahin gekommen, also sie haben extra drum gebeten: „Entsenden Sie uns nach Peski.“ Sie sprechen alle russisch – das ist sehr wichtig. Manche von ihnen sagen, dass sie gar keine andere Sprache als Russisch sprechen und keinen einzigen Tag in ihrem Leben Ukrainisch gelernt haben. Dabei hat mir einer von diesen Menschen gesagt, dass er Russland hasst. Ich frage: Wie kann das sein?

A.Pluschew: Dabei sind ein Teil von ihnen sogar ethnische Russen.

T.Olewski: Absolut. Sie sind nicht nur Russen, sie sind auch in die ukrainisch-sprachige Kultur überhaupt nicht integriert. Sie verteidigen ihre Heimat, das ist für sie ein prinzipieller Moment. Überhaupt haben sich da Menschen versammelt, die glauben, dass sie bis zu der Grenze durchmarschieren und die Ukraine befreien sollten von dem, was in der DVR passiert. Und natürlich sagen Sie, dass sie gegen Rus… einen Krieg führen  – alle, die da sind. Das Erstaunliche daran … Ich weiß nicht, ich möchte keine populistischen Vergleiche in diesem Sinne führen, aber mir schien es tatsächlich, dass ich gesehen habe, was sein kann, wenn man gute, gutmütige Menschen zur Weißglut bringt. Das betrifft speziell die reguläre Armee, die sich zum Beispiel in der Artilleriebatterie dort befindet. Sie sehen so aus, wie ich sie gesehen habe. Und dass sie Rosenbaum hören und die ganzen afghanischen Songs (Lieder in der SU nach dem Afghanistan-Krieg) und sich den „Bruder-2“ anschauen und bekriegen die Menschen, die auf der anderen Seite sind, ich denke….

A.Pluschew: Machen genau das Gleiche.

T.Olewski: Ich denke schon. Oder wahrscheinlich ein Teil von ihnen macht das Gleiche. Das beeindruckt sehr. Ich habe Menschen gesehen, die im Krieg fast gar nicht schimpfen.

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Vorstoß …

S.Loiko: Ich möchte noch ergänzen, dass die Operationssprache bei den Armeeangehörigen am Flughafen Russisch ist. Im Funk sprechen alle Russisch. Da gibt es keine ukrainische Mowa. Mich hat beeindruckt, dass ich tatsächlich weder in kritischen Situationen noch in Notfällen, noch unter Beschuss von jemandem Schimpfworte gehört habe. Und auch, dass es eine reine, zivilisierte, praktisch literarische russische Sprache war. Weil die Mehrheit dieser Menschen intelligente, gebildete Menschen sind. Es waren keine Assis, keine Soldaten, die irgendwo in den Dörfern ausgegraben und wie Kanonenfutter hin befördert wurden. Und außerdem beeindruckte mich, dass fast die Hälfte, wenn nicht die Mehrheit derer, die mit mir am Flughafen waren, Offiziere waren. Und ich habe keine kuprinsche, dann sowjetische, dann russische Offiziersfrevelhaftigkeit gesehen. Es war Bruderschaft. Ein Soldat und ein Offizier haben aus einer Tasse getrunken, sich gegenseitig beschützt, Schulter an Schulter, sie haben sich per Du gesprochen. Aber wenn einer ein Älterer war und der andere ein junger, dann könnte man vielleicht auch ein „Sie“ hören. Ich habe beobachtet, wie ein Major, Walerij Rudj, er ist schon 40 und war sein ganzes Leben lang ein Berufssoldat, also da vermint er diesen einen Eingang. Und in diesem Moment fängt der Kampf an, der Beschuss, und der Junge aus dem „Rechten Sektor“ ist da in einer ganz schrecklichen Situation und versucht aus dem Maschinengewehr irgendwohin zu schießen. Dieser Walerij rennt da über den feuerbedeckten Raum und schreit: „Junge, das ist mein Krieg. Rutsch’ mal!“, schubst den Jungen weg und in diesem Moment explodiert da irgendwas in der Nähe. Hätte er ihn nicht weggestoßen, wäre der Junge gestorben. Dann stellt dieser Walerij das Maschinengewehr so auf, wie man es soll, und fängt den Kampf wie ein echter Soldat an zu führen. Er führt ihn, bis er zur Ende ist, und dann geht er weiter, seine Sachen machen. Er hat nur diesem unbekannten Freiwilligen das Leben gerettet.

Aber der erstaunlichste Moment war für mich, als man den Panzersoldaten nach Hause schickte. Also, da war der Panzer. Der Panzer ist verbrannt…

S.Loiko: Ich habe darüber in meinem heutigen Artikel bei „Los Angeles Times“ erzählt, der auf der ersten Seite mit dem Hauptfoto abgedruckt wurde. Ich prahle gerade: Das ist bei mir der dritte Artikel als Hauptartikel und Hauptfoto in Folge. Heute ist es erschienen, und das war diese Episode: Die Heimkehr des Panzersoldaten. Es war also ein Panzer, und der ist verbrannt. Die Besatzung waren drei Mann, sie sind brennend hinausgesprungen. Ein Scharfschütze hat niemanden ausgelassen, hat sie getötet. Zwei hat man herausziehen können. Aber dann kam ein Mörserbeschuss und der Dritte wurde von einer Explosion einfach zerfetzt. Man konnte ihn nicht finden. Einige Tage später haben die Jungs so ein großes Stück seines Oberschenkels entdeckt. Also hat ein Gespräch angefangen: „Wir müssen den Panzersoldaten nach Hause schicken“. Aber wie den abschicken? Dazu muss man auf den Flugplatz hinausgehen und eine Kugel in jeden Körperteil abbekommen, um dieses Stück eines toten Menschen nach Hause zu schicken – ich würde es so sagen. Und als der Kommandeur gefragt hat: „Jungs, das ist echt eine tödlich gefährliche Sache. Wer geht denn?“  – haben sich alle gemeldet. Und dann sind zwei sofort aufgestanden. So ein Scharfschütze, Slawik, und ein Soldat, Mischa. Als die Panzerwagen kamen, wurde schon das Feuer auf den Transport gelenkt, und sie sind auf den Flugplatz hinausgelaufen, haben ihre Gewehre und das Scharfschützengewehr abgelegt, haben einen Tragekasten gefunden, haben dieses Bein gefunden – unter Beschuss. Das war vor meinen Augen, ich stand daneben und hab’s aufgenommen. Also stehen wir da zu dritt, sie legen dieses Bein in diesen Kasten und da zerschießt eine Kugel den Kasten, nur die Holzsplitter fliegen, alles klirrt um uns herum. Sie schließen diesen Kasten und binden ihn unter Beschuss mithilfe eines Stacheldrahtes an dem Panzerwagen fest, dann laufen sie los, schnappen ihre Waffen und führen den Kampf weiter. Diese Jungs haben 30 Sekunden lang ihr Leben riskiert, absolut ihr Leben für ihren toten Gefährten riskiert.

T.Olewski: – Mit einer fast 100% Wahrscheinlichkeit.

S.Loiko: Und dieser Slawik sagte mir dann: „Also ich will nicht, dass ich auf so eine Art und Weise nicht nach Hause komme, und mich auf einem Flugplatz die Hunde auffressen.“ Sie sind absolute Helden. Eigentlich hasse ich es, den Krieg zu romantisieren, aber ich erinnere mich im Zusammenhang mit diesem Mini-Stalingrad an die Gedichte meines Lieblingsdichters Semjon Gudsenko (Pawel Kogan), der mit mir im gleichen Haus wohnte, aber zu einer anderen Zeit. Und da war so ein kurzes Gedicht:

Wir legen uns, wo es sich hinlegt. Und da steht man nicht auf, wo es sich hinlegt. Und erstickt am „International“ Mit dem Gesicht fallen wir ins trockene Grass. Und nicht mehr aufstehen, und nicht mehr in Annalen kommen, Und nicht mal den Liebsten findet man Ruhm.

loiko -verbrannte „Wir müssen den Panzersoldaten nach Hause schicken …“

A.Pluschew: Ich denke, das ist einfach eine emotionale Anspannung, die von Ihnen auf unsere Apparatur übergeht, Sergei, leider. Sergei Loiko hat unsere Apparatur richtig drangenommen, wie man so sagt. Wir sind in ein anderes Studio umgezogen.

S.Loiko: Ich habe den Kampf hierhin übertragen.

A.Pluschew: Sieht ganz so aus. Wir haben nicht mehr so viel Zeit und hier gibt es ganz viele Fragen von unserem Publikum. Sie beziehen sich auf das Thema, das Sie, Sergei, ganz am Anfang angesprochen haben, über das absolut Böse und das absolut Gute. Wenn man es von hier aus beobachtet, vielleicht von anderen Orten aus …  jemand schickt uns hier einen Gruß aus Chicago, zum Beispiel. Unsere Rundfunkhörer schreiben: „In einer Armee, die ihr Volk vernichtet, können keine Helden sein“.

S.Loiko: Haben sie das im Fernsehen erfahren?

A.Pluschew:  Ich weiß nicht, sagt mir ja keiner. Ich lese Ihnen nur die Reaktion vor.

S.Loiko: Alex, ich habe im ukrainischen Krieg das letzte halbe Jahr verbracht. Ich weiß nicht, welche Armee ihr Volk vernichtet, denn diese Armee, deren Volk da ist – sie vernichtet es nicht. Und die Armee, die es aber vernichtet – das ist nicht die ukrainische Armee.

T.Olewskij: Ich kann über Peski erzählen, zum Beispiel, das ist unmittelbar neben dem Flughafen, wo ein paar Wohnhäuser geblieben sind, die Anderen sind weggefahren. Es gibt Menschen, die aus irgendwelchen Gründen  – das gibt es auch – sogar dann nicht wegfahren wollen, wenn die Häuser explodieren. Und die Armee versorgt sie, und sie versorgen die Armee. Sie haben, wie man so sagt, gute Beziehung zu einander, und „massenhafte Säuberungen“ von Menschen, die dort leben und theoretisch vielleicht sogar mal die DVR unterstützt haben – so etwas gibt es dort nicht. Ich habe eine andere Geschichte gesehen, sie schien mir sehr wichtig zu sein. Diese Geschichte ist am Donezker Flughafen passiert, am Freitag, glaube ich, als ich da war, da hat die Artillerie, die GRAD der Separatisten, aus einem Donezker Bezirk die Stellungen der anderen Separatisten im anderen Donezker Bezirk unmittelbar am Flughafen zerschossen. Sie haben den ganzen Tag gebombt, wonach…

A.Pluschew: Die Separatisten haben andere Separatisten gebombt?

T.Olewski: Ja, und es waren wohl verschiedene Gruppierungen, das kann man nicht erklären: ukrainische Armee gab es da jedenfalls nicht.

A.Pluschew: War das zufälliges friendly fire?

S.Loiko: Das ist ein Konflikt.

T.Olewski: Das dauerte mehrere Stunden. Sie haben einander fünf Stunden lang beschossen, anschließend haben sie das Feuer auf die Stellungen der ukrainischen Armee gelenkt, und die ukrainische Armee wurde an dem Abend ziemlich stark beschossen, die Stellungen am Flughafen und in Peski. Aber davor hatten sich die Separatisten stundenlang gegenseitig beschossen. Was das war, weiß ich nicht. Aus irgendwelchen Gründen haben sie herumgezankt, und wer sich in dem einen komischen blauen Gebäude am Flughafen aufgehalten hat, das sie aus einem Wohnviertel von Donezk aus beschossen haben – wobei … weiß ich nicht, vielleicht ist es gar nicht mehr ein Wohnviertel, aber an der Richtung hat man gesehen, woher sie schießen.

S.Loiko: Die Sache ist, dass die ukrainischen Armeeangehörige, die Artillerie und GRAD haben- das  sind professionelle Soldaten.

T.Olewski: Andere gibt es da gar nicht.

S.Loiko: Und diese DVR- und LVR-Leute – das sind die Affen mit einer Granate, die auch das Flugzeug abgeschossen haben.

T.Olewski: Da gibt es auch relativ professionelle Leute.

S.Loiko: Es gibt ein paar Berufssoldaten, aber ansonsten ist es ein Haufen Söldner, denen Technik zugesteckt wurde, von der sie gar nicht verstehen, wie man sie benutzt. Sie schießen auf alles, was herumsteht.

T.Olewski: Ich glaube, es hat sich jetzt alles geändert, Sergei. Da bin ich mit dir nicht einverstanden. Das, was du jetzt sagst, das ist eine Situation, die ungefähr ein Monat zurückliegt. Sie hat sich prinzipiell verändert, nachdem da Menschen aufgetaucht sind, die ukrainische Armeeangehörige absolut eindeutig als russische Armee bezeichnen. Da hat sich prinzipiell die Qualität der kämpfenden Menschen verändert. Eine andere Frage ist es, dass da eine starke Gruppierung die anderen abschießt, weniger loyale und hörige Gruppierungen. Zumindest sieht es so aus. Vielleicht ist es nicht so, es sieht aber schwer danach aus.

A.Pluschew: Und noch eine Frage, wegen der Separatisten und der ukrainischen Armee. Bei uns wurde im Fernsehen sehr viel gezeigt, wie aus der Richtung des Flughafens die Wohnviertel von Donezk mit Artillerie beschossen werden.

S.Loiko: Darf ich mal sofort darauf antworten. Jungs, ich enthülle hier ein Militärgeheimnis: Von der Seite des Flughafens kann man überhaupt keinen Artilleriebeschuss durchführen, denn da gibt es keine schrecklichere Waffe als ein Kalaschnikow-Maschinengewehr.

T.Olewski: Da gibt es Minen.

S.Loiko: Da gibt es keine Mörser. Ich habe mich an eine weitere Episode erinnert, wollte hinzufügen, worüber wir gesprochen haben: Ich habe da mit einem Jungen gesprochen, Sergej Galan – das ist ein Journalistik-Student aus Tscherkassy. Sein Vater ist ein russischer Oberst, bis jetzt ist er ein russischer Oberst. Und er ist aber ein ukrainischer Soldat, ein Fallschirmspringer. Und bevor er in die Armee gegangen ist, und bevor er zum Flughafen gekommen ist, hatte er seinen Vater angerufen oder der Vater ihn. Und der Vater, der von dieser schamlosen, verbrecherischen Lüge des russischen Fernsehens zombiert wurde…

T.Olewski: Das ist absolut richtig.

S.Loiko: – Der Vater hat ihm gesagt: „Du wirst doch auf deine Brüder schießen!“ Und dann hat sein Sohn gesagt: „Welche Brüder, Vater? Dieselben Brüder, die in mein Land mit Waffen gekommen sind, was für Brüder sind es?“

T.Olewski: Jetzt wegen des Beschusses. Ich kann nur das sagen, was ich selbst gesehen habe. Ich habe eine bestimmte Menge an Mörsern gesehen, kann nicht sagen, wie viele – wahrscheinlich habe ich versprochen, es nicht zu sagen – die in unmittelbarer Nähe vom Flughafen stehen, diese 120-Millimeter Mörser, aber jeder davon ist auf ein bestimmtes Ziel gerichtet, das die ukrainischen Soldaten am Flughafen beschützen soll. Jeder ist auf ein konkretes Ziel gerichtet, und gerichtet sind sie sehr gut. Nur wird keiner einfach so herumschiessen. Da hat jeder Schuss eine bestimmte Bedeutung. Warum? Weil alle die Waffenruhe verfluchen, die ausgerufen wurde. Die ukrainische Armee – das, was ich gesehen habe – befolgt diese äußerst penibel, sogar wenn die Flughafenstellungen aus Schützenwaffen, also aus Maschinenpistolen, Scharfschützengewehren und anderem beschossen werden, kommt im Funk der Befehl: „Nicht mit Artilleriefeuer antworten, denn das ist eine Provokation, wir antworten nicht auf eine Provokation“. Der erste Schuss, den ich am Freitag gehört habe, der von diesen Mörsern ausging und auf die Stellungen der Separatisten am Flughafen geflogen ist, war eine Antwort auf die angeflogenen Geschosse von den Stellungen in Pestowo. Als der Artilleriebeschuss angefangen hatte, gab es eine Artilleriefeuererwiderung, aber das waren nur ein paar Mörser. Sie waren auf eine bestimmte Stellung am Flughafen gerichtet. Anzunehmen, dass aus irgendeinem Grund dieses Geschoss bis in die Stadt geflogen ist – also, bei der Batterie, bei ich war, kann man sich das unmöglich vorstellen. Vielleicht gibt es irgendeine andere Artillerie. Eine andere Frage ist, dass ich persönlich diese  nie gesehen habe. Aber ich möchte sagen, dass die Ukraine auf die Artillerie jetzt antwortet, aber sehr kärglich, sehr. Denn es ist Waffenruhe, und sie verfluchen es, befürchten aber, diese zu brechen.

S.Loiko: Vor meinen Augen schreit ein Kommandeur: „Jetzt kommen unsere GRAD. Sie werden hier sehr nah dran sein, wissen Sie, sie könnten daneben schießen, darum alle bitte in Deckung“.  Als die Infanterie der Separatisten zum Sturm auf den Flughafen losging, hat die Artillerie auf sie geschossen, aber die Artillerie ist so akribisch gewesen, dass sie fast den ganzen Flughafen zerschossen hat, weil alles explodierte, wackelte und auseinanderfiel. Jungs, wenn die ukrainische Armee, wie es in eurem Fernsehen erzählt wird, das ukrainische Volk vernichten wollen würde, hätte sie es längst getan. Das ist mein 25ter Krieg. Meine 25te Kriegsdienstreise.

Ich war bei der Vernichtung von Grosny in 1995, ich war bei der zweiten Vernichtung von Grosny in 2000. Da wollte man das Volk vernichten – und sie haben die Stadt vernichtet, haben sie vom Erdboden verschwinden lassen, zwei Mal. Hier, schauen Sie sich doch Slowjansk an. Wieviel die ganzen zombierten Jungs herumgeschrien haben, dass da GRAD auf die Stadt schießen. Kommt doch nach Slowjansk – und Ihr werdet nicht mal verstehen, wo Ihr seid. Ganz normale Stadt, leben alle, der Strom ist an. Ja, ein paar zerstörte, halbzerstörte Häuser. Und in Donezk?
Ja, es gibt auch irgendwelche zerstörten Häuser, zerstörte Versorgungsleitungen. Aber das ist kein Vergleich zu Grosny. Und in Grosny hat man ja eine sogenannte Antiterroroperation durchgeführt. Wo ist denn bei uns Stalingrad bitte, und wo ist die antiterroristische Operation? Und überhaupt, wenn man von Stalingrad spricht, erinnert mich dieser Krieg an einen Krieg, bei dem ein Land heimtückisch das andere überfallen hat. Und da war eine eigene Brester Festung.

A.Pluschew: Hier eine persönliche Frage an Sie, Sergei: „Wie können Sie mit so einer lauten Pathetik ein Journalist sein? Ich fühle mit Ihrer Haltung durchaus mit, – schreibt Oleg aus Moskau, – aber mir würde nicht in den Sinn kommen, in solchen Fällen derartige Hosianna auf die eine oder die andere Seite zu singen“. Interessant, was meint er denn mit „in solchen Fällen“….

S.Loiko: Ich glaube nicht, dass ich irgendwelche Hosianna singe. Ich erzähle nur das, was war. Und jetzt erzähle ich nicht wie ein Journalist, sondern wie ein Mensch, der da als Zeuge war. Ich erzähle das, was ich gesehen habe: Was ich singe, kenne ich. Lesen Sie doch meine Artikel, wenn sich jemand interessiert, bevor Sie mich verurteilen.

A.Pluschew: Man kann ja auch Fotos bei Ihnen im FB schauen.

S.Loiko: Ja, es ist eine ganze Reihe von Fotos in der „Los Angeles Times“ veröffentlicht worden, und ich habe noch eine ganze Galerie bei FB gepostet – sollen sie doch schauen. Und ich habe hier die Brester Festung gesehen – das war das Sawur-Mohyla. Dann habe ich auch noch die Kessel gesehen, wie es die in 1941 gab. Hier ist dieses Mini-Stalingrad. In Stalingrad wurde das Rückgrat des deutschen Faschismus gebrochen, nach dem sowjetischen Klischee. Und hier habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen, wie in diesem Mini-Stalingrad das Rückgrat was weiß ich wovon gebrochen wurde – vom Faschismus oder nicht- aber von diesem Mordor, diesem Orktum, diesem sinnlosen blutrünstigen Terrorismus – das ganz bestimmt, das wurde gebrochen. Für mich gibt es keinerlei Zweifel daran, dass die DVR, die LVR erdichtete künstliche, halbfaschistische Organisationen sind, deren Aufgabe es nicht ist, etwas für das ukrainische Volk zu tun, es glücklich zu machen, sondern nur eine endlose Zone eines Alptraumes zu erschaffen, die Ukraine in diesen Flughafen zu verwandeln. Wer das braucht – das kann ich nicht beurteilen.

T.Olewski: Was man noch ergänzen möchte. Ich habe mit meinen eigenen Ohren gehört, wie die ukrainischen Armeeangehörige das Geschehen in Peski einen Großen Vaterländischen Krieg nennen, mehrmals wurde es von verschiedenen Menschen bei verschiedenen Lagerfeuern ausgesprochen, das ist einfach ein Gedanke. Ich habe dasselbe auch in Horliwka gehört, von den Menschen, die dem Besler seine Panzerwagen reparieren.

A.Pluschew: Von der Seite der Separatisten. Du musst das erläutern, weil du schon so tief in dieser ukrainischen Geschichte drin bist …

T.Olewski: Ja, weil ich ja in der Ukraine und in Donezk schon mehrmals war …  Und hier muss man verstehen, dass Horliwka eine andere Geschichte ist. Es wird von einem komischen Offizier regiert, der seine eigene Vorstellungen von Gut und Böse hat, eigene Vorstellungen davon, was er alles entscheiden darf…

S.Loiko: Welcher Offizier!

T.Olewski: Nein, nein – er ist ein Offizier der sowjetischen Armee.

S.Loiko: Genau das meine ich.

T.Olewski: Schauen Sie, er entscheidet, wer das Recht auf Leben hat und wer nicht. Er hat irgendwelche eigene Vorstellungen davon, wie es gut sein soll und wie es schlecht sein soll. Jetzt verhandelt er mit der Ukraine über bestimmte Dinge, zum Beispiel über die Beheizung in Horliwka. Und überhaupt werden Gespräche mit ihm geführt, also prinzipiell kann die Ukraine Verhandlungen mit ihm führen. Und dann gibt es Donezk und Luhansk, wo die Situation absolut genial ist, und wo ich Gruppierungen beobachtet habe, die erst die Menschen bestohlen, dann sie unter Beschuss  nahmen und trotzdem behaupteten, sie würden diese beschützen. Und dabei erzählten sie, dass es ein Krieg gegen Faschismus ist. Hier kommt eben die Frage auf. Da sagt man, dass es ein Krieg gegen Faschismus ist. Also, die DVR in Donezk sagt, sie bekriegen den Faschismus, die Junta. Die ukrainische Armee sagt, dass es ein Großer Vaterländischer Krieg ist und zieht Analogien zum Zweiten Weltkrieg, wo sie auch den Faschismus bekämpften. Aber es ist, wie es mir scheint, eine ziemlich wichtige Geschichte, denn jetzt nehmen sie Russland als jenes Land wahr, als das faschistische Deutschland zu einer anderen Zeit.
Sie nehmen Russland als einen Aggressor wahr, und was ganz wichtig für uns zu verstehen ist, dass es für immer ist. Daran werden sich die Kinder der Kinder erinnern. Das ist der Gedanke hier, dass am Ende die Ukraine im Großen und Ganzen glaubt, und es sehr begründet glaubt, dass sie keinen Krieg mit der DVR führt, sondern dass sie einen Krieg gegen Russland führt. Das ist die Tragik dieser Situation – natürlich.

A.Pluschew: Ein Paar Minuten haben wir noch. Wir haben ja gesagt, was innerhalb der Separatistenkreise passiert: Irgendwelche Widersprüche gibt es dort, bis zu Schießereien und gegenseitiger Vernichtung. Du hast noch erwähnt, dass es innerhalb der ukrainischen Seite, zwischen der Armee und dem „Rechten Sektor“, schwierige Beziehung ist. Ein paar Minuten nur.

T.Olewski: Sehr kurz. Der „Rechte Sektor“ ist ja doch eine rechte Organisation, die ganz verschiedene Rechte aus der gesamten Ukraine aufgesaugt hat, und ich habe da zum Beispiel sogar einen FSB-Mitarbeiter aus Primorje getroffen, der im FSB gedient hat. Aber er war ganz rechts, er meinte, dass es absolut normal war, für die rechte Idee in Russland mit terroristischen Methoden zu kämpfen, und dann ist der „Rechte Sektor“ gekommen, er ist nicht in „Asow“ aufgenommen worden, ist am Polygraph getestet worden. Und dann habe ich die ukrainischen Rechten gesehen, die gar keine Rechten sind, die – Entschuldigung – aber eigentlich mehr links sind. Sie ähneln den Fussballfans, und wenn sie da auf irgendwelche Geschichten warten, über verbrannte Kinder und Judenverfolgung, so ist es ganz und gar nicht das, was auf der ukrainischen Seite passiert. Aber in der Armee hat man eine sehr schlechte Beziehung zu Rechten, sehr negativ. Mehr noch: Sie erlauben sich gar keine unvorschriftsmäßigen Chevrons. Und überhaupt finde ich, dass das alles Unfug und unnötig ist. Also, sie nehmen diese natürlich als ihre Kampfgefährten wahr, aber sie sind natürlich Internationalisten.

A.Pluschew:- Eine Minute haben wir noch. Sergei könnte noch was ergänzen.

S.Loiko: In dieser nationalistischen Organisation „Rechter Sektor“ habe ich ein Maschinengewehr „Maxim“ entdeckt, ein funktionierendes, das sehr laut schießt. Und der Richtschütze dieses Maschinengewehrs war ein Jude, Walerij Tschudnowskij, und dann hat mir ein Oberst der ukrainischen Armee, ein echter Oberst, Oleg Zubowski, am Flughafen erzählt, dass „diese Jungs aus dem ‚Rechten Sektor‘ nur eine einzige extreme Sache gemacht haben:  Sie sind zu diesem Flughafen gekommen. Aber sie sind mutig, tapfer – echt – und wir wissen immer, dass wir uns auf sie verlassen können.“

T.Olewski: Ja, sie haben so eine Beziehung. Eine andere Frage ist es, soweit ich das verstehe, dass die ukrainische Armee an der vorderster Linie aus Menschen besteht, die schon einen … da gibt es einen Teil der Menschen, die durch Gefahrenherde gegangen sind, so oder so Menschen, die mehrere Uniabschlüsse haben, und die in den Krieg auf ihren eigenen Wunsch gezogen sind …

A.Pluschew: Unsere Kollegen Timur Olewskij und Sergei Loiko, ein Korrespondent der „Los Angeles Times“ haben uns heute in der Sendung „Mit eigenen Augen“ darüber erzählt, was gerade am Donezker Flughafen passiert – zumindest so, wie sie es selbst gesehen haben. Vielen Dank und bis bald!

Quelle: Alexander Pluschew, Timur Olewski und Sergei Loiko in der Sendung “Mit den eigenen Augen” bei “Echo Moskaus” nvua.net

© der hier vorliegenden deutschen Übersetzung 2014-1109 Irina Schlegel/fogep / Fotos: Loiko

 

https://de.burkonews.info/das-verbotene-interview-reale-situation-donezker-flughafen/

 

„Bündnisverteidigung ist Landesverteidung“

Ex-Bundesverteidigungsminister Rühe fordert ein Umdenken in der europäischen Verteidigungspolitik

 

Auf einem seiner selten gewordenen Auftritte vor ausgesuchtem Publikum warf Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe am Abend des 4. November 2014 in Harburg den Deutschen und der NATO falsche Ansätze in der gemeinsamen Verteidigungspolitik vor. In einem Vortag, der sich mit allen Aspekten aktueller Krisenpolitik beschäftigte, forderte der CDU-Politiker in der Flüchtlingspolitik insbesondere gegenüber jenen Menschen aus Syrien und Irak mehr Einsatz und Hilfsbereitschaft. Doch auch die Deutsche Internationale Politik blieb nicht ausgespart. So verlangt Rühe von der EU erheblich mehr Einsatz, um den Willen der Ukraine nach Westanbindung zu unterstützen. Im Folgenden als Gedächtnisprotokoll eine kurze Zusammenfassung seiner Kernaussagen.

 

Seinen Vortrag begann Rühe mit einer Selbstkritik. 1990 hätten die Politiker der westlichen Staaten – ihn selbst eingeschlossen – von einer Art „Ende der Geschichte“ geträumt. Mit dem Untergang der Sowjetunion schien eine Phase der Freiheit und Demokratie angebrochen zu sein, Mitleid hätte man damals mit nachfolgenden Politikergenerationen gehabt, die „bestenfalls noch an ein paar Stellschrauben würden drehen können“. Doch man sei einer eklatanten Selbsttäuschung aufgesessen, die spätestens mit 9/11 wie eine Blase zerplatzt sei.

Die stabsmäßig vorbereiteten Angriffe auf Ziele in Washington und New York hätten nicht nur die USA tief getroffen – sie seien eine Cäsur der Weltpolitik gewesen. „Selbst damals mächtige Staaten wie das Dritte Reich oder Japan waren im Krieg außerstande gewesen, Ziele im amerikanischen Kernland anzugreifen.“  Der Al-Qaida-Angriff habe daher Selbstverständnis der USA getroffen. Für ihn als Harburger sei es besonders erschreckend gewesen, dass diese Angriffe ausgerechnet im Süden der Hansestadt Hamburg geplant worden seien. „Wenn heute Kritik an der Politik der amerikanischen Sicherheitsdienste kommt, dann muss man sich trotz mancher Auswüchse vor Augen halten: Die deutschen Dienste hatten seinerzeit komplett versagt. Wer also will es den Amerikanern nach diesem Versagen ernsthaft verübeln, auch in Deutschland nach potentiellen Gefahren zu spähen?“

Aufgaben der NATO

Die NATO stehe nicht zuletzt in Folge dieser neuen Qualität möglicher Angriffe auf die demokratischen Staaten vor neuen Herausforderungen, denen sich auch die Bundesrepublik stellen müsse. Zur Zeit des Kalten Krieges sei die Bundesrepublik Frontstaat gewesen. „Damals galt für die Deutschen: Landesverteidigung ist Bündnisverteidigung. Heute hat Deutschland erheblich an strategischem Wert eingebüßt – mehr noch aber gilt nun auch für Deutschland das, was damals für Kanada, Frankreich oder Holland gegolten hat: Bündnisverteidigung ist Landesverteidigung.“

Das Grundprinzip müsse weiterhin gelten: Wo immer ein Land der NATO angegriffen werde, muss das Bündnis gemeinsam gegen diesen Angriff vorgehen.  Dabei, so Rühe, sei der Angriff eben nicht mehr auf einen klassischen Krieg unter Staaten beschränkt. „Wir erleben im Nahen Osten wie in der Ukraine eine neue Art der Kriegsführung von Nichtstaaten gegen Völkerrechtsobjekte. Das wird bedeuten, dass die Bundeswehr künftig in vergleichbaren Fällen, sollten sie gegen ein Mitglied der NATO gerichtet sein, nicht abseits stehen kann. Deutschland muss sich der neuen Situation stellen – und die Bundesregierung wird gut beraten sein, sich dafür vom Bundestag ein grundsätzliches Mandat zu holen.“ Rühe fügte hinzu, er gehe davon aus, dass eine entsprechende Debatte im Bundestag spätestens im kommenden Frühjahr geführt werde. „Hier“, so Rühe, „ist der Bundestag gefordert. Es geht um sehr grundsätzliche Fragen.“

Im Zusammenhang mit der Funktionsfähigkeit der NATO forderte Rühe, zu mehr Arbeitsteilung zu kommen. „Die Niederlande haben keine Panzertruppe mehr. Brauchen Sie auch nicht, denn die Niederlande werden keinen Angriffskrieg  führen. Sollten für eine mögliche Verteidigung Panzerwaffen notwendig werden, so stehen dafür die Bündnispartner bereit.“ Ähnlich verhalte es sich beispielsweise mit der Luftwaffe. Es mache keinerlei Sinn, wenn beispielsweise die Tschechische Republik oder die Slowakei eine eigene Luftwaffe unterhalten. Das können andere Bündnispartner übernehmen. Dafür könnten dort beispielsweise besonders gut geschulte Gebirgsjäger vorgehalten werden. Die Zeit, in denen sich ein souveräner Staat im Bündnis über eine Allround-Armee definieren müsse, seien vorbei und würden nur unnötig Geld verschlingen. Dabei konnte sich Rühe einen Seitenhieb auf Bündnispartner USA nicht verkneifen: „Die Amis reden gern jedem noch so kleinen Staat ein, dass man über jede Waffengattung verfügen müsse. Und die dann am besten in den USA ausrüstet.“ Hier allerdings müssten die anderen Bündnispartner mehr Gewicht zeigen.

Besorgt äußerte sich Rühe zur Entwicklung der EU. Es könne nicht sein, dass Frankreich sein Haushaltsdefizit nicht in den Griff bekommen könne und Deutschland lächelnd daneben stehe. Ohne Frankreich und Deutschland ist das Projekt Europa gestorben – und deshalb sei es Deutschlands Pflicht, mit seinen Mitteln den Nachbarn wieder auf die Beine zu helfen. Auch ein möglicher Austritt Großbritanniens aus Europa sei aus seiner Sicht eine Katastrophe. „Es ist die Lehre aus zwei verheerenden Kriegen, dass Europa nur überleben kann, wenn Frankreich, Deutschland und Großbritannien vertrauensvoll und zuverlässig zusammenarbeiten.“

Russland befindet sich in einer Existenzkrise

Mit Blick auf den Ukrainekonflikt unterstrich Rühe, dass vor dem Maidan weder eine NATO-Erweiterung noch eine EU-Aufnahme geplant gewesen sei. Ganz im Gegenteil habe die EU die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens über drei Jahre verzögert, weil sie zuvor die Freilassung von Timoschenko erwartet habe. Erst als Janucovic dann auf Druck Russlands das Abkommen offiziell platzen ließ, sei es zum Maidan gekommen. Es sei eine unsinnige Erfindung Putins, dass dieses von westlichen Geheimdiensten gesteuert wurde: „Kein Geheimdienst der Welt ist in der Lage, eine Million Menschen dazu zu bringen, wochenlang bei unter 20 Grad Kälte im Freien zu protestieren.“ Es sei ein Volksaufstand gewesen, der das polnische Beispiel vor Augen gehabt habe. Dem östlichen Nachbarn Deutschlands sei es dank EU-Unterstützung innerhalb kürzester Zeit gelungen, eine der leistungsfähigsten Wirtschaften in der EU aufzubauen – dabei habe das Land 1990 kaum besser als die Ukraine dagestanden.. „Deshalb“, so Rühe, „können wir die Menschen in der Ukraine nun nicht im Regen stehen lassen. Es ist die Aufgabe der EU, diesem Land, das nach westlichen Werten leben möchte, den Weg dazu zu ebnen.“

Mit Blick auf Russland stellte Rühe fest, dass dieses Land gescheitert sei. Kein anderes Land der Erde orientiere sich an dem dort gelebten System. Beispielhaft für das Versagen führte er die nach wie vor fehlende Autobahn zwischen Petersburg und Moskau an. Grund: „Der Bau ist in Russland viermal so teuer wie in China oder in Deutschland. Warum? Drei Viertel der Kosten werden von Korruption verschlungen.“
Auch China sei für Russland kein wirklicher Partner. Denn anders als Russland habe China verstanden, dass es innovativ sein und Korruption verhindern muss. Und China habe verstanden, dass es alle zehn Jahre die Parteispitze austauschen müssen, um neuen Ideen Raum zu schaffen. Putin hingegen sei schon längst viel zu lange an der Macht, weshalb sich auch Russlands Problem in der Person Putin personifiziere. Dafür mitverantwortlich sei auch, dass ausschließlich funktionsfähige Demokratien das Kunststück beherrschen, Abgewählten die Sicherheit zu geben, nicht mit ihrem Machtverlust die eigene Existenz und die der Familie gefährdet zu sehen. „Putin klammert sich an die Macht, weil er ahnt, was für ihn persönlich die Folge des Machtverlustes sein kann.“ Deshalb habe sich Russland unter Putin zu einem Risiko für den Weltfrieden entwickelt. Den Gesprächsfaden zu Russland dürfe man trotzdem nicht abreißen lassen, denn „Russland wird unser Nachbar bleiben und es wird auch eine Zeit nach Putin geben“.

Dennoch und gerade deshalb werde sich die NATO – anders als Russland – wortgetreu an die zwischen den Ländern vereinbarten Verträge halten und darauf verzichten, ständige Truppen in den russischen NATO-Anrainerstaaten zu stationieren. Stattdessen müsste die Sicherheit dieser Partner durch flexiblen Einsatz aus anderen NATO-Ländern kurzfristig zu garantieren sein.

China im Dilemma

Beim Thema China erläuterte Rühe, der seit Jahren für Denkfabriken in England und den USA tätig ist, das Dilemma, in dem die Pekinger Führung angesichts der Hongkonger Proteste stecke: „Schlägt Peking die Proteste mit Gewalt nieder, ist es mit einer friedlichen Rückkehr Taiwans vorbei. Geht Peking auf die Forderungen nach freien Wahlen ein, werden demnächst die Studenten in Shanghai und Peking ebenso danach rufen.“

Unterstützung der Kurden und Flüchtlingspolitik

Völliges Unverständnis äußerte Rühe für das Zögern der SPD hinsichtlich der Waffenunterstützung für die Kurden. „Selbstverständlich kann niemand garantieren, dass die Waffen nicht möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt auch missbräuchlich eingesetzt werden können. Aber hier geht es um konkrete und unmittelbare Hilfe – darum, Menschen ihr Leben und ihre Heimat retten zu lassen.“ Moral, so Rühe, mache sich am Menschen fest. Und das bedeute, dass man niemanden allein lässt, der an Leib und Leben bedroht ist.

In diesem Zusammenhang forderte der CDU-Politiker eine rasche und aktive Hilfe und Integration der Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak. „Diese Menschen kommen nicht nach Deutschland, um von unserem Wohlstand zu profitieren. Sie kommen, weil sie aus ihrer Heimat fliehen müssen. Und sie sind, wenn sie bei uns bleiben, leistungswillig und gut integrierbar. Deshalb sind wir alle gefordert, hier alle möglichen Anstrengungen zu unternehmen, um diesen Menschen zu helfen.“

©2014-1104.v2 Spahn/FoGEP

 

Der vierte Weltkrieg

Der nachfolgende Artikel ist eine perfekte Darstellung eines denkbaren Szenarios, das sich in vielerlei Hinsicht sowohl mit meinem Psychogramm Putins – https://tomasspahn.wordpress.com/2014/03/04/putin-mensch-und-macht-psychogramm-eines-strasenjungen/ – deckt als auch die Konsequenzen meiner Überlegungen zur künftigen Militärstrategie Zentraleuropas unterstreicht – https://tomasspahn.wordpress.com/2014/04/20/pladoyer-fur-eine-neue-militarstrategie/ .

Der Artikel des russischen Politologen Andrej Piontkowski erschien im Original bei Echo Moskau bereits am 10. August 2014.

Wir stellen ihn seiner Länge wegen hier ein und dürfen auf diesem Wege Irina Schlegel unseren ganz herzlichen Dank für Ihre Übersetzung sagen.

All jenen Zögerern und Zauderern, die Europa mit ihrer Lähmung nach dem März 2014 unnötig an den Rand dieses Szenarios gebracht haben, sei dieser Artikel Piontkowskis wärmsten empfohlen. Möge er das eine oder andere verträumte Auge öffnen.

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DER VIERTE WELTKRIEG

von Andrej Piontkowski

Dank der Freundlichkeit zweier Kremleierköpfe- dem Moskauer “Liberalen” Karaganov (Vedomosti) und dem New-Yorker Apologeten vom “guten Hitler bis 1938” Migranjan (Expert) stellen wir uns nun ziemlich gut die Argumente der “Friedenspartei” und der “Kriegspartei” vor, die miteinander um die Ehre konkurrieren, möglichst meisterhaft das Schulterchen des Lieblingsführers zu küssen, und ihn für die eigene prinzipielle Haltung zu gewinnen.

Es wird darüber diskutiert, auf welchem Wege es effektiver wäre, die Ukraine weiter zu erwürgen: mit ökonomisch-diplomatischen oder mit offen militärischen Mitteln. Der nationale Leader müsste sich in den nächsten Tagen und sogar Stunden festlegen und seine Wahl treffen.

Schwer zu sagen, ob er ein Demiurg oder ein Opfer der verrückten Welt ist, die durch das russische TV kreiert wird, aber all die Generäle und Oberstleutnante abzuschütteln, die er als “zur Verzweiflung getriebene Donbassbewohner”-Darsteller geschickt hat, wird für ihn schon unvereinbar mit einem politischen Leben sein. Die Versuche, sich mit dem Westen auf irgendeine Formel zu einigen, die sein Gesicht retten kann (Kolesnikows Depesche), sind ohne Antwort geblieben.

Die “Friedenspartei” bietet ihm im Grunde eine langweilige und jämmerliche Agonie eines erfolglosen Politikers an. Beim Chruschtschoew nach der Kubakrise hat sie zwei Jahre gedauert (1962-1964). Beim jetzigen politischen und informativen Tempo werden die Jahre sich zu Monaten zusammenfalten.

Die “Kriegspartei” bietet ihm ein weitaus romantischeres und inspirierenderes Szenario an: den Vierten Weltkrieg der sich aufrichtenden orthodoxen Russischen Welt gegen die verdorbene dekadente angelsächsische Welt. Über diesen Krieg wie über einen bereits stattfindenden Krieg erzählen uns schwärmend die Gäste in TV-Shows von Solowjew, Mamontow und Kisseljow.

Klingt sehr patriotisch. Aber bevor man unseren orthodoxen Dschihad als falsch-gläubig einstuft, wäre es nicht schlecht, sich mal dafür zu interessieren, wie viele Divisionen der Papst hat, sprich der geistige Führer der Russischen Welt. Denn kein Staat, kein Regime wird einen Krieg anfangen, wenn er fest davon überzeugt ist, daß er es verlieren wird. Der Führer und sein Generalstab müssen im Kopf irgendeine Strategie haben, deren Realisation sie in ihrer Vorstellung zum Sieg führt. Versuchen wir doch, uns dieses Vorhaben mal vertraut zu machen.

Erste Ebene der Eskalation. Wirtschaftskrieg. Niederschmetternde Überlegenheit der dreisten Angelsachsen und ihrer europäischen Anhängseln. Diese Höhe lassen wir mal aus.

Zweite Ebene. Der konventionelle Krieg. Gewaltige, ausschlaggebende Überlegenheit des Westens. Lassen wir aus.

Dritte Ebene. Atomkrieg. Ernsthafte psychologische Überlegenheit des putinistischen Russlands. Ich habe schon mehrmals über die Natur dieser Überlegenheit gesprochen. Aber man hat mir unaufmerksam zugehört. Also, von dieser Stelle dann noch mal ausführlich und syllabierend.

In seiner berühmten Krimrede (Sudetenrede) hat Putin alle vagen kollektiven geopolitischen Phantasmen der russischen politischen “Elite” in klare Konzepte verwirklicht: die zertrennte Nation, die Sammlung der ureigenen Territorien, die Russische Welt. So wurde die Vorladung zum Vierten Weltkrieg formuliert. Und dies ist keine Vorladung zur Erhaltung des Status Quo. Sogar die dezenteste praktische Realisation der ambitionierten Idee der “Sammlung der russischen Territorien” wird die Veränderung der Staatsgrenzen zumindest zweier NATO-Mitgliedsstaaten einfordern: Lettland und Estland.

Und welche Instrumente, abgesehen von der berühmten “Geistigkeit”, könnte denn für eine erfolgreiche Konfrontation mit dem NATO-Block und die Annexion von Territorien seiner Mitgliedsstaaten ein Staat einsetzen, der der NATO in der wirtschaftlichen Entwicklung, dem wissenschaftlich-technologischen Niveau und dem Potential an konventionellen militärischen Kräften vielfach unterlegen ist?

Nur die Atomwaffen. Aber, werden Sie fragen, ist es denn nicht allgemein bekannt, dass sich im Bereich der Atomwaffen Russland und die USA genau wie ein halbes Jahrhundert zuvor in einer Pattsituation der Doktrin der Gegenseitig Garantierten Vernichtung (Mutual assured destruction) befinden, und man folglich den Atomwaffenfaktor aus den strategischen Berechnungen ausschließen kann?

Die Sache ist, dass es nicht ganz so ist, beziehungsweise GAR nicht so ist. Die Doktrin der gegenseitig garantierten Vernichtung hat nur eins, das verheerendste, Szenario des militärischen Konflikts zwischen zwei Atommächten in Betracht gezogen: den totalen Krieg. Eine Seite verübt einen Massenschlag auf die Städte und auf die Mittel der Atomwaffenbereitstellung des Gegners, im Bestreben, diese zu neutralisieren. Die Gegenseite antwortet mit den kriegshinterbliebenen Raketen auf den Konfliktinitiator.

Der Kapazitätsbestand beider Seiten, dem Gegner einen unzumutbaren Schaden zuzufügen (der Tod Millionen seiner Bürger), auch im Falle eines Vergeltungsschlages (also die Gefahr des gegenseitigen Selbstmordes) hat eben beide Gegner von dieser Handlungsweise abgehalten.

Aber die Militäranalysten beider Länder haben schon längst darauf hingewiesen, dass dieses Szenario, das die Grundlage der MAD darstellt, nicht alle möglichen Varianten des Atomwaffeneinsatzes ausschöpft. Wenn sich zwischen zwei Ländern irgendein politischer Konflikt zuspitzt, der allmählich in eine militärische Konfrontation übergeht, kann eine von den beiden Seiten ihre Atomwaffen in beschränkter Menge auf einzelnen gegnerischen Zielen anwenden. Vor welcher Wahl wird dann die politische Führung der anderen Seite stehen?  Einen massierten Atomschlag auf die Städte des Gegners verüben? Aber das Resultat (siehe oben) wird der gegenseitige Selbstmord sein. Nicht die beste Variante. Kapitulation im ursprünglichen politischen Konflikt? Auch eine wenig attraktive Perspektive.

Somit versteckt sich unter der einlullenden Decke der “strategischen Stabilität” eigentlich ein unerforschter Bereich der potenziell gefährlichen Szenarien für Kernkonflikte. Bestimmte Reflexionen haben diese Überlegungen im Konzept des “beschränkten Atomkrieges” gefunden, das von der Reagan Administration in den ersten Jahren seiner Regierungszeit erstellt wurde.

(siehe Gelowani, Piontkowski “Die Evolution des Konzepts der strategischen Stabilität. Atomwaffen im 20ten und 21ten Jahrhundert”. Moskau 1997, zweite Auflage Moskau 2008)

Im Großen und Ganzen haben aber die UdSSR und die USA nach ihrer existenziellen Erfahrung der Kuba-Krise eine direkte militärische Konfrontation gemieden, die zu einer Eskalation des Konflikts auf der nuklearen Ebene hätte führen können.

Theoretisch aber ist es klar, dass in einer volatilen geopolitischen Situation die Atommacht, die auf eine Änderung des Status Quo orientiert ist, einen größeren politischen Willen zu so einer Veränderung hat, eine größere Gleichgültigkeit dem Wert vom Menschenleben (dem eigenen wie auch dem der anderen) entgegenbringt, wie auch einen bestimmten Anteil an Abenteuerlust besitzt,- ernsthafte außenpolitische Resultate allein mit der Androhung der Anwendung oder der beschränkten Anwendung von Atomwaffen erzielen kann.

Denn die nukleare Strategie ist ja nicht nur die trockene mathematische Analyse der Schlagabtauschszenarien, sondern weitgehend auch ein dramatisches psychologisches Duell.

So setzt sich Putins Agenda für den Vierten Weltkrieg nicht die Zerstörung der verhassten USA zum Ziel, was man ja nur durch den gegenseitigen Selbstmord erreichen könnte. Diese Agenda ist weitaus bescheidener, noch jedenfalls: die maximale Erweiterung der Russischen Welt, der Zerfall des NATO-Blocks, die Diskreditierung und Erniedrigung der USA als den Sicherheitsgaranten des Westens. Im Grunde ist dies eine Revanche für die Niederlage der UdSSR im Dritten (Kalten) Weltkrieg, genauso wie der Zweite Weltkrieg der Revancheversuch Deutschlands für die Niederlage im Ersten war. Ein Hundertjähriger Krieg (1914-2014) in vier Akten mit einem Epilog.

Schauen wir uns doch in diesem Kontext ein von mir erstelltes, viel unter den Experten besprochenes , durchaus mögliches Szenario des Vierten Weltkrieges an. Im Zuge der Realisation des geistig erhellenden Konzepts der Sammlung von ureigenen russischen Territorien, das von W. Putin in seiner historischen Rede am 18ten März bekanntgemacht wurde, werden die mit einem einzigartigen genetischen Code beschenkte, leidenschaftliche russischsprachige Bewohner von Narva (Estland) ein Referendum über den Anschluss an die Russische Welt durchführen. Für die Realisation der Ergebnisse ihrer Willensbekundung werden auf das estnische Territorium bis an die Zähne bewaffnete grüne Männchen entsendet, mit Abzeichen oder ohne, die dann geschäftig neue Grenzmarkierungen setzen. Wie wird in so einer Situation der aggressive NATO-Block agieren?

Dem Schlüsselartikel des 5ten Statuts dieser Organisation müssen alle seine Mitgliedsstaaten eine sofortige militärische Unterstützung für Estland erweisen. Manche von diesen Staaten haben technische Möglichkeiten einer Eliminierung von Eindringlingen innerhalb einer halben Stunde mittels ferngesteuerter Feuereinwirkung. Eine Absage der Estland-Verbündeten, ihren Pflichten nachzugehen, wird ein Ereignis von historischer Bedeutung werden: es wird das Ende der NATO, das Ende der USA als Weltmacht und eine vollständige politische Dominierung des putinistischen Russlands nicht nur im Areal der Russischen Welt, sondern am ganzen europäischen Kontinent werden. Trotzdem ist die Antwort auf die Frage, ob die NATO Estland im Falle seiner nachbarschaftlichen Vergewaltigung seitens einer Atommacht beschützt, gar nicht so offensichtlich.

Der Autor eines interessanten Artikels “Die Welt ist nicht verrückt” (http://politikan.com.ua/8/0/1/81808.htm) Yuri Felschtinskij, zum Beispiel, sagt folgendes: “Und hier werden wir dann tatsächlich vor einer Bedrohung eines Krieges zwischen Russland und der NATO stehen, wobei Putin sich sicher sein wird, daß die NATO keinen Krieg wegen Ostseestaaten anfangen wird, kein Risiko einer Atomkatastrophe eingehen wird… So wie Hitler, wird er denken, dass der Westen kalte Füße kriegt. Das werden sie aber nicht (was die westlichen Demokratien, wie auch Putin, noch gar nicht wissen)”.

Wissen Sie, das ist der seltene Fall, wo ich mehr dazu neige, mit Putin und Hitler einverstanden zu sein, als mit Felschtinskij. Zumal nach Felschtinskij die westlichen Demokratien noch gar nicht wissen, wie sie in einer kritischen Situation reagieren werden. Putin weiß aber, dass sie wissen, dass sobald sie Estland zur Hilfe kommen, Putin mit einem sehr beschränkten Atomschlag antworten kann. Vernichtet, zum Beispiel, zwei europäische Hauptstädte. Kein London oder Paris, selbstverständlich. Wer weiß, wie man in einer Verzweiflung reagieren kann, nach so einem Schlag, auch eine kleine Atommacht.

Und nun versetzen Sie sich an die Stelle des Nobelpreisträgers Obama. Er ist der Einzige, der sich irgendwie in den plötzlich zugespitzten Konflikt eines niemandem in Amerika bekannten, verflucht soll es sein, Städtchens namens Narva einmischen kann. Und die ganze progressive aber auch reaktionäre amerikanische Gesellschaft wird ihm im Einklang zurufen: “Wir wollen nicht für das fucking Narva sterben, Mr. President!”

Übrigens, dieselbe Meinung vertritt auch die Mehrheit der Bevölkerung Deutschlands, wo es vor kurzem eine soziologische Umfrage zum Thema: “Soll Deutschland seinen Bündnisverpflichtungen nachgehen, im Falle einer militärischen Konfrontation mit Russland?”. 70% der friedliebenden deutschen Bürger haben geantwortet: “Nein, Deutschland muss eine neutrale Position in diesem Konflikt einnehmen”.

Putin beobachtet seine westlichen Partner schon seit einiger Zeit und empfindet tiefe Verachtung für sie. Wie soll er sie sonst wahrnehmen, wenn sich die Kanzler und die Premierminister des großen Europas in eine Schlange stellen, um Lakaien an seinen Tankstellen für jämmerliche 2 Millionen Euro im Jahr zu sein? Oder nach dem Putin zusammen mit Assad mit einem chemischen Schlag alle westlichen Leader wie kleine Kinder beschissen hat, in dem er die Tagesordnung der syrischen Krise gänzlich ausgewechselt hat: aus einem Henker der Sunniten Gemeinde wurde Assad schlagartig ein respektabler Staatsmann, der sich mit der ehrenhaften Aufgabe der chemischen Abrüstung beschäftigt.

Putin hat damals den Obama mit seinen Red Lines durchgerechnet, und heute hat er seine ehemaligen Partner von G8 durchgerechnet. Er ist überzeugt, daß er sie in potenziellen militärischen Konflikten überspielen kann, die auf dem Weg zur Realisation der großen Idee der Russischen Welt entstehen werden, ungeachtet dessen, dass Russland der NATO im Bereich der üblichen Militärausrüstung um ein vielfaches unterlegen ist, und die USA im Kernwaffenbereich auch nicht überlegen sind. Wir werden mit unserem Willen alles erstürmen! Mit dem Willen und mit der Dreistigkeit. “Wie soll ein Schüler gegen die Assis vorgehen”, die dazu auch noch mit Atomwaffen umgürtet sind, und bei jeder Gelegenheit an diesen Gürtel erinnern? Wenn der Genosse Kim Chen In nur mit einem Eimer Atombrühe die ganze “zivilisierte Welt” um sich tanzen lässt, welche Possen kann denn der Herr Krim Put In mit dieser Welt treiben, der ja ein enormes Atomarsenal besitzt?

Der Plan des Vierten Weltkrieges der Russischen Welt gegen die angelsächsische Welt ist dreist, paradox, abenteuerlustig, und hat aber  Chancen auf Erfolg.

Davon abgesehen, im Falle einer Niederlage bleibt in Putins Tasche immer die Unentschiedenvariante: die klassische Gegenseitig Garantierte Vernichtung, radioaktive Asche namens Kisseljow. Das Verständnis dieses Umstands und die wachsende Einsicht dessen, mit wem sie es gerade zu tun haben, wird eine paralysierende Wirkung auf seine “Partner” im zukünftigen Vierten Weltkrieg ausüben. Das tut es jetzt schon.

http://www.echo.msk.ru/blog/piontkovsky_a/1376104-echo/

 

Russland vs. Ukraine – Die Rückkehr der westfälischen Friedensphilosophie

Russland vs. Ukraine – Die Rückkehr der westfälischen Friedensphilosophie

Nach dem Ende des Kalten Krieges schien es ein europäischer Konsens zu sein, dass Angriffskriege nicht belohnt werden dürfen. Der unerklärte Krieg, den Russland derzeit gegen seinen Nachbarstaat Ukraine führt, kündigt diesen Konsens gezielt auf und organisiert damit einen Rückfall in die imperiale Machtpolitik früherer Jahrhunderte. Gleichzeitig wird aufgezeigt, wie dieser machtpolitische Interventionismus in die inneren Angelegenheiten bestehende Staatsgebilde zu zerstören in der Lage ist – und damit die Verantwortung trägt für das Leid der Zivilbevölkerung und die Opfer der Konflikte. Sollte sich jemals die Schuldfrage stellen, so dürfte diese im Russisch-Ukrainischen Krieg bereits feststehen.

Am Beispiel des sogenannten 30-jährigen Krieges und des Westfälischen Friedens hatte ich vor einiger Zeit aufgezeigt, wie der machtpolitische Anspruch Europa geprägt hatte. Der Einstiegsartikel, der in seiner Urfassung bei „Historeo“ publiziert wurde, soll deshalb aus gegebenen Anlass auch hier seinen Platz finden.

 

Der 30-jährige Krieg

Der in die Geschichtswissenschaft eingeflossene Begriff des „Dreißigjährigen Krieges“ vermittelt den Eindruck, es handele sich bei diesem Konflikt um einen in sich geschlossenen, unikausalen Waffengang. Tatsächlich aber bestand dieser Krieg aus einem Konglomerat unterschiedlichster Kriege und Kriegsursachen und stellt in gewisser Weise für Deutschland die eigentliche Zäsur zwischen Spätmittelalter und Neuzeit dar.

1 | Eine innerstaatliche Rebellion (1618 bis 1623)

Der 30-jährige Krieg begann als Aufstand der böhmischen Eliten gegen die habsburgische Herrschaft als das, was man heute als Separations- oder Unabhängigkeitskrieg, fälschlicherweise auch als Bürgerkrieg, bezeichnet. Seinen Startschuss legte am 23. Mai 1618 mit einem gewaltsamen Protest gegen die Herrschaft in Wien der sogenannte Prager Fenstersturz mit dem Aufstandsziel, eine Loslösung vom deutschen Großreich unter Habsburger Regentschaft, dem „Heiligen Römischen Reich“, zu erreichen. Heute wird dieser Konflikt als Böhmisch-Pfälzischer Krieg bezeichnet, was allerdings allein schon deshalb fragwürdig ist, als hier nicht Böhmen gegen die Pfalz antrat, sondern sich eine innerdeutsche Auseinandersetzung in diesen beiden Reichsteilen abspielte. Tatsächlich wäre daher eher vom böhmischen Befreiungskampf zu sprechen.

Dieser Krieg um die Loslösung Böhmens vom Heiligen Römischen Reich endete in Böhmen nach drei Jahren im April 1621 mit der Niederschlagung des Aufstandes.

Gleichsam als Nebenkriegsschauplatz war eine habsburgisch-spanische Armeeeinheit aus Flandern 1620 in der linksrheinischen Kurpfalz eingefallen und nahm dieses ursprünglich mit den Böhmen verbündete Gebiet am 23. Februar 1623 für den bayerischen Kurfürsten in Besitz. Damit war der ursprüngliche Konflikt, aus dem die Nachwelt den Dreißigjährigen Krieg entwickeln sollte, nach fünf Jahren beendet.

2 | Ein andauernder Separationskrieg (1566 bis 1648)

Die Umstände allerdings wollten, dass bereits seit 1566 die niederländischen Westfriesen in einen eigenen Separationskrieg oder Befreiungskampf verstrickt waren. Die Holländer hatten sich am 12. April 1609 durch einen Waffenstillstand vorerst offiziell von der spanischen Fremdherrschaft befreit. Obgleich das habsburgische Spanien seinen Zenit als Großmacht mit dem Verlust der Armada vor der Südküste Englands im Jahr 1588 überschritten hatte, wollte es diese Situation in den „Spanischen Niederlanden“, die unabhängig davon, dass die spanische Linie der Habsburger seit 1556 nicht mehr personalidentisch mit der österreichischen Linie war und die Niederlande dennoch formal zum Heiligen Römischen Reich gehörten, nicht hinnehmen und nutzte das Auslaufen des Waffenstillstandes 1621 zu dem Versuch, die unbotmäßigen Westfriesen erneut unter seine Herrschaft zu zwingen. Dieser Konflikt blieb zwar regional auf die Niederlande begrenzt, endete jedoch gleichwohl erst 1648 nach wechselhaftem Kriegsglück mit der staatlichen Unabhängigkeit der Holländer.

Das Wiederaufflammen des niederländisch-spanischen Konflikts, der als Achtzigjähriger Krieg Einzug in die Geschichtsbücher gefunden hat, war der zweite Brennpunkt des Dreißigjährigen Krieges, der jedoch allein schon auf Grund seiner Historie als unabhängiger und eigenständiger Vorgang zu betrachten ist und nur insofern unmittelbare Auswirkungen auf das deutsche Reichsgebiet hatte, als dass die Vereinigten Niederlande – ähnlich wie die eidgenössische Schweiz, die mit dem Westfälischen Frieden ihre eigene, vom Habsburger Reich unabhängige Gerichtsbarkeit erhielt (was wiederum völkerrechtlich als Herauslösung der Schweiz aus dem Heiligen Römischen Reich gewertet wird) – offiziell noch zum Reich gehörten, durch den Waffenstillstand jedoch faktisch bereits ihre Autonomie erhalten hatten.

3 | Der Dänisch-Deutsche Krieg (1624 bis 1629)

Die Neuauflage des Krieges im deutschen Kernland verursachte die katholisch-französische Politik unter Kardinal Richelieu, die ab 1624 einen gezielten Versuch unternahm, die katholisch-habsburgische Herrschaft in Spanien und im Heiligen Römischen Reich zu brechen. Maßgeblich durch französische Initiative entstand nunmehr ein europäischer Konflikt, in dem ein überkonfessionelles Interessenbündnis aus Franzosen, Holländern, Engländern, Dänen und protestantischen Deutschen gegen den katholischen Kaiser in Wien antrat. Da Dänemark das Hauptheer stellte und in Norddeutschland einmarschierte, wäre völkerrechtlich korrekt von einem Dänisch-Deutschen Krieg zu sprechen. Mit Wallenstein und Tilly verfügte der deutsche Kaiser über zwei hochwertige Feldherren, die Dänemark 1629 nach fünf Jahren zum Ausscheiden aus dem Konflikt zwangen. Der katholische Habsburger schien damit das Reich unter Kontrolle zu haben – diese zweite Katastrophe hätte damit fünf Jahre nach ihrem Beginn und elf Jahre nach dem Prager Fenstersturz beendet sein können.

Unvermeidbar ist die Feststellung, dass mit diesem maßgeblich vom katholischen Frankreich unterstützten Kampf gegen das ebenfalls katholische Habsburg spätestens seit 1624 nicht mehr von einem konfessionell begründeten Glaubenskrieg die Rede sein kann. Hier ging es ausschließlich um imperiale Interessen europäischer Mächte, in deren Konflikt konfessionelle Gegensätze bestenfalls nur noch propagandistisches Instrumentarium waren.

4 | Der Schwedisch-Deutsche Krieg (1630 bis 1635)

Der Sieg des deutschen Kaisers über die von Dänemark geführte Allianz gab den Anlass für einen weiteren Krieg. Den Schutz der unterlegenen Protestanten als Interventionsgrund nehmend, landeten am 9. Juli 1630 auf der deutschen Ostseeinsel Usedom die Schweden mit dem Ziel, ihre Hegemonie über den Ostseeraum durchzusetzen. Ursächlich hierfür war ein andauernder Konflikt zwischen den skandinavischen Königsreichen Dänemark und Schweden, der das schwedische Reich im Frieden von Knäred vom 20. Januar 1613 mit einer faktischen Kriegsreparation in Höhe von einer Million Reichsmark, ausgewiesen als Ablösesumme für die strategisch bedeutsame Festung Älvsborg an der schwedischen Kattegat-Küste, erheblich gebeutelt hatte.

Die schwedischen Skandinavier waren militärisch wesentlich erfolgreicher als ihre zuvor auf deutschem Boden involvierten dänischen Konkurrenten, zogen über Frankfurt am Main bis nach München und bedrohten mit Österreich letztlich auch die damalige Reichshauptstadt Wien. Dieser Schwedisch-Deutsche Krieg endete am 30. Mai 1635 mit dem Ausscheiden der protestantischen Verbündeten der Schweden durch einen innerdeutschen Friedensvertrag der deutschen Protestanten mit dem Habsburger Kaiser. Wäre der vorgebliche Grund des Kriegseintritts der Schweden tatsächlich der einer Waffenhilfe für die bedrohten Protestanten gewesen, hätte der Krieg auf deutschem Boden damit beendet sein können.

5 | Die Französisch-schwedische Allianz gegen Deutschland (1635 bis 1648)

Nunmehr taten sich die protestantischen Schweden mit den katholischen Franzosen zusammen – geeint in dem Ziel, die Habsburger Macht im Reich wie in Spanien zu brechen. Neben den nach wie vor in Deutschland stehenden Schweden wurden nun auch die Franzosen unmittelbar militärisch aktiv und fielen 1635 mit ihrer Armee in Deutschland ein. Dreizehn Jahre sollte dieser Angriffskrieg der vereinten Schweden und Franzosen auf deutschem Boden währen und ein zerstörtes, ausgelaugtes Deutsch-Römisches Reich hinterlassen.

Im heute gern gefeierten Westfälischen Frieden des Jahres 1848, der aus zwei separaten Verträgen bestand – dem zu Münster verhandelten Instrumentum Pacis Monasteriensis und dem zu Osnabrück verhandelten Instrumentum Pacis Osnabrugensis, welche in Nürnburg bis 1650 schlussverhandelt wurden (weshalb der 30-jährige Krieg eigentlich 32 Jahre dauerte) – wurde die nach heutigem Völkerrecht unzulässige Invasion Frankreichs durch die Okkupation des deutschen Elsass und die rechtliche Absicherung des bereits seit 1555 bestehenden Zugriffs auf das bis dahin reichsdeutsche Lothringen belohnt. Schweden – ebenfalls im Sinne des Völkerrechts als Aggressor zu betrachten – sicherte sich Vorpommern sowie Wismar und den Nordwesten des heutigen Niedersachsen einschließlich Bremens. Zusätzlich ließ es sich die Aufwendungen seines Angriffskrieg mit fünf Millionen Reichstalern refinanzieren.

Seine bis heute währende, historische Bedeutung erlangte dieser Verhandlungsprozess deshalb, weil hier erstmals der Versuch unternommen wurde, einen kriegerischen Konflikt in Europa unter Beteiligung aller kriegsführenden Parteien zu einer dauerhaften Friedenslösung zu führen. Allerdings werden die Folgejahre schnell deutlich machen, dass von einer „dauerhaften Friedenslösung“ nicht ernsthaft gesprochen werden kann.

Einen Schlussstrich allerdings zog der Westfälische Friede unter den nunmehr achtzigjährigen Unabhängigkeitskrieg, der unter Führung des deutschen Adligen Wilhelm 1 von Oranien aus dem Hause Nassau-Dillenburg von den westfriesischen Holländern gegen das habsburgische Spanien geführt worden war. Dieser Konflikt, der seine Ursache in der restriktiven Politik der katholischen Habsburger gegen die Calvinisten und die von Madrid befürchtete Dominanz der anti-katholischen Kräfte in der damaligen Weltfinanzmetropole Antwerpen hatte, endete 1648 mit der offiziellen Anerkennung der Nordprovinzen der Vereinigten Niederlande als unabhängiger, europäischer Staat. Gleichzeitig schieden die Niederlande damit aus dem Heiligen Römischen Reich aus. Die umkämpfte Finanzmetropole Antwerpen verblieb im katholisch geprägten Hoheitsbereich der spanischen Habsburger, was zusätzlich zu den kriegsbedingten Zerstörungen und Vertreibungen der calvinistischen Bevölkerung nach 1585 dazu beitrug, dass der calvinistisch-protestantisch geprägte Weltfinanzmarkt sich zunehmend mehr im niederländischen Amsterdam konzentrierte.

6 | Erschöpfungsfriede nach dreißig Jahren

Mit dem Westfälischen Frieden waren die zentraleuropäischen, kriegerischen Auseinandersetzungen zu einem – wie wir sehen werden – zumindest vorläufigen Abschluss gebracht, die tatsächlich über einen Zeitraum von gut dreißig Jahren das Deutsche Reich verheert hatten. Hauptleidtragender dieses europäischen Krieges auf deutschem Boden war die deutsche Bevölkerung. Auch wenn keine verlässlichen Opferzahlen vorliegen, wird davon ausgegangen, dass in einigen Regionen ein Drittel der Bevölkerung ermordet worden war. Im ohnehin nicht dicht besiedelten Brandenburg waren ganze Landstriche entvölkert. So wird die Bereitschaft der Invasoren, am Ende der Verhandlungen einem sie bevorteilenden Frieden zuzustimmen, auch davon geprägt gewesen sein, dass es im zerstörten Deutschen Reich zunehmend weniger zu plündern gab. Die schon von Wallenstein ausgegebene, zynische Maxime, wonach der Krieg den Krieg ernähre, war unhaltbar geworden.

Gleichwohl vermittelt der Begriff des 30-jährigen Krieges nicht die Wahrheit über diesen Konflikt, den man aus eurozentrischer Sicht durchaus als ersten Weltkrieg bezeichnen könnte. Denn faktisch stehen wir allein auf Reichsboden vor einer Folge von fünf – unter Einbeziehung des Befreiungskampfes der Eidgenossen gegen die habsburgische Herrschaft sogar sechs – kriegerisch ausgetragenen Konflikten, von denen der eine bereits seit 1566 Bestand hatte und das deutsche Kernreich bestenfalls peripher betraf.

Die im eigentlichen Sinne „deutschen“ Kriege reduzieren sich auf den böhmischen Separationsversuch und – trotz des Eingreifens spanischer Hilfstruppen auf Seiten des Kaisers – den damit in Zusammenhang stehenden Kampf um die Kurpfalz, den man je nach Bewertung sowohl als Teil des Böhmischen Befreiungskampfes, aber auch als Spanisch-Kurpfälzischen Krieg betrachten kann.

Den Schwerpunkt jedoch bilden zwei Angriffskriege, die unter Missachtung der deutschen Souveränität von Dänen, Schweden und Franzosen in das Reichsgebiet getragen wurden und in denen diese europäischen Mächte ausschließlich eigene Interessen verfolgten.

So verkehrt der Begriff des 30-jährigen Krieges nicht nur die Intention der Hauptakteure, sondern ist gleichzeitig eine Form der Propagandalüge mit dem Ziel, nicht nur das völkerrechtswidrige Verhalten der Nachbarstaaten zu kaschieren, sondern gleichzeitig die Ergebnisse der innerdeutschen Konflikte ungeschehen zu machen. Denn 1623 – nach einem fünfjährigen Krieg – war der innerdeutsche Konflikt beendet und Deutschland unter der Führung des zu diesem Zeitpunkt siegreichen katholischen Kaisers ein katholisch dominiertes Land geworden.

1629 kam es – nach der Invasion durch Dänemark – tatsächlich zu einem innerdeutschen Friedensschluss, der ein nunmehr multikonfessionelles Deutschland bei katholischer Dominanz hätte garantieren und den Konflikt nach elf Jahren beenden können. Soweit man gewillt ist, diese Kriege konfessionell begründet zu verstehen und als Einheit zu begreifen, hätte man von einem 11-jährigen Krieg zu sprechen.

Der nunmehr sich anschließende Konflikt ist jedoch unzweifelhaft anders zu betrachten. Als Angriffskriege von Nachbarstaaten in das Reich getragen, stehen sie nur insofern mit dem 11-jährigen Krieg in Zusammenhang, als die Schwächung des Heiligen Römischen Reichs durch den innerdeutschen Konflikt scheinbar die Chance eröffnete, sich aus dem Reichskuchen möglichst große Stücken herauszuschneiden.

Der am 24. Oktober 1648 gezeichnete Westfälische Friede belohnte diese Angriffskriege – und einen Grund, diesen Frieden zu feiern, kann es bestenfalls aus Sicht der überlebenden Restbevölkerung geben. Denn tatsächlich anerkannte der Westfälische Friede nicht nur das Recht auf Führen eines Angriffskrieges, sondern unterstrich den Rechtsanspruch, territoriale Erweiterungen des eigenen Staatsgebietes über die Interessen und den Willen der betroffenen Bevölkerung hinweg durch Angriffskriege zu realisieren.

Wenn wir die fälschlich als Dreißigjährigen Krieg bezeichneten Konflikte von 1618 bis 1648, der aus dem elfjährigen Deutschen Krieg und einem 19-jährigen europäischen Invasionskrieg bestand, als eigentliche Urkatastrophe der Neuzeit auf deutschem Boden verstehen und die von ihm über den Westfälischen Frieden ausgehenden Signale als richtungsweisend begreifen wollen, finden wir hier das Fanal, aus dem heraus die Folgekriege bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein geprägt wurden.

Die Philosophie des Westfälischen Friedens lieferte insofern auch die Begründung zum Führen jedweden weiteren Angriffskrieges bis hin zu den Konflikten des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem selbstverständlichen Anspruch des Siegers, sich seine Beute ungehindert einverleiben zu können und seinen Angriffskrieg durch faktisch erpresste Reparationszahlungen refinanzieren zu lassen.

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